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Zwei Menschen sind in ihrer zugenagelten Wohnung verhungert: ineinander verschlungen liegen sie in einem mit Blumen vollgestopften Zimmer. Draußen tritt die Theiß über die Ufer, reißt die Behausungen der geflohenen Juden, Armenier und Serben mit sich fort und zerstört in einer Jahrhundertflut Szeged, die Stadt im Südosten des Habsburger Reichs. Bei den Toten handelt es sich um Klara Pelsőczy, eine leidenschaftliche, ungefügige Frau, die drei Männer liebt und „mit dem Fußabdruck eines Engels auf der Hand“ zur Welt kam; und um den Naturhistoriker Imre Schön, der nach der niedergeschlagenen Revolution von 1848 sieben Jahre im Gefängnis saß: ein Vortrag über Blumenfresser wurde ihm zum Verhängnis. In apokalyptischen und phantastischen Szenarien erzählt László Darvasi von Liebe und Gewalt in Mitteleuropa. Sein von surrealen Episoden durchsetzter Roman, im Jahrhundert der Freiheitsbewegungen angesiedelt, kennt neben der menschlichen und kreatürlichen Welt eine zarte und gefahrvolle Sphäre des Traums und des hellsichtigen Irrsinns, die man nach dem Verzehr von Blumen betritt.
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Seitenzahl: 1265
Veröffentlichungsjahr: 2013
Klara und Imre liegen umschlungen in ihrem mit Blumen vollgestopften Zimmer. Draußen tritt die Theiß über die Ufer, reißt die Behausungen der geflohenen Juden, Armenier und Serben mit sich fort und zerstört in einer Jahrhundertflut Szeged, die Stadt im Südosten des Habsburgerreichs.
Die beiden haben die Angewohnheit, sich im Gespräch vorzustellen, ihre Körper seien aus Träumen gemacht und das, worüber sie sprechen, werde Wirklichkeit. Dabei sind sie alles andere als versponnene Phantasten: Klara, eine leidenschaftliche, ungefügige Intellektuelle, die »mit dem Fußabdruck eines Engels auf der Hand« zur Welt kam und für die Revolution brennt, fesselt als souveräne Liebende drei Männer an sich: Imre, den Botaniker und Naturhistoriker, den ein subversiver Vortrag über Blumenfresser ins Gefängnis bringt; Peter, den Empörer, Rebellen und künftigen Unternehmer; und Adam, einen scheuen, unscheinbaren Menschen, der in den Kriegswirren umkommt.
In vier Kapiteln, jedes ein eigener Bildungsroman, wird das Leben Klaras und ihrer Liebhaber erzählt. Wie der Choral im polyphonen vierstimmigen Satz tritt eine Figur immer wieder hervor: der deutsche Arzt Gustav Schütz, als unglücklicher, mit periodischer Erblindung geschlagener Beschützer eine der rätselhaftesten Gestalten des Buches. Ein Zeuge? Ein trauriger Gott?
Mit seiner von Humor und Weisheit gebändigten Einbildungskraft verwandelt Darvasi die ewigen Fragen der Existenz − Freiheit und Verrat, Liebe und Schuld, Glück und vergebliches Warten − in etwas vollkommen Fremdes, Neues: Er erzählt noch einmal alles, was wir wissen, von vorn, aber er erzählt es so, wie wir es noch nicht gewusst haben.
László Darvasi, geboren 1962 in Törökszentmiklós, wurde als Verfasser von Kurzprosa und Novellen berühmt, bevor er sich der längeren Form zuwandte. Auf Deutsch erschienen u.a. sein monumentaler Mitteleuropa-Roman Die Legende von den Tränengauklern, 2001, die Prosabände Die Hundejäger von Loyang und Eine Frau besorgen. Kriegsgeschichten (es 2448), beide 2003, Wenn ein Mittelstürmer träumt (st 3765), 2006, sowie 2007 der Novellenband Herr Stern (es 2476). Sein vielfach ausgezeichnetes Werk wurde in zehn Sprachen übersetzt. Darvasi lebt in Budapest.
László Darvasi
Blumenfresser
Roman
Aus dem Ungarischen von Heinrich Eisterer
Suhrkamp
Die Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel Virágzabálók im Verlag Magvető, Budapest.
Die Übersetzung berücksichtigt nachträgliche Änderungen des Autors.
Der Übersetzer dankt dem Deutschen Übersetzerfonds für die Unterstützung seiner Arbeit.
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2013
Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2013
© der deutschen Ausgabe Suhrkamp Verlag Berlin, 2013
© Darvasi László, 2009
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
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Umschlagfoto: www.anni-art.com
Umschlaggestaltung: Hermann Michels und Regina Göllner
eISBN 978-3-518-73559-6
www.suhrkamp.de
Herr Schütz steht im Wasser
11. März 1879
Wilde Mimose
Leichte Spaziergänge am Ufer des Nichts
Wach auf, László Pelsőczy!
Klara, das Schiff
Reisen zu Wasser und zu Lande
Sieh nicht hin, meine Kleine!
Vieh, Vieh, Vieh!
Die Verliebten
Der Tod eines Schwesterchens
Der Mann, der nicht zu Hause blieb
Likörgläser in der Brusttasche
Die glücklichste Kranke der Welt
Die rosa Hutschachteln
Wenn alle kommen
Würde Gott sich bewegen
Die drei Verräter
Unschuldige
Der lange Weg einer Blumenblüte
Somnakaj
Der schlimmste Winter ihres Lebens
Somnakaj geht fort, doch die Eintagsfliegen schwärmen wieder
Die Grasmusik erklingt wieder!
Geschäft eines Juden, am Sabbat
Wien im Frühling, dennoch eine Winterreise
Wenn das schöne Wetter zurückkehrt!
Flucht
Der Tanz des Hornviehs
Die Ankunft der Zigeuner
Eine Nachfolge wird geregelt
Die Geburt des Wahrhaftigen
Das Land, auf dem sie leben werden
Masa bezwingt den Tulpenfisch
Die Häuser der Ungarn, die Häuser der Juden, die Häuser der Serben, die Häuser der Deutschen und die Zigeuner
Die fürchterlichen Worte des deutschen Doktors
Geschichte für Somnakaj
Der Gärtner des Nichts
In Freiheit
Zur Vernunft kommen, zur Vernunft kommen!
Das Finden der Mimose
Den Gewinner kann man nicht trösten
In der Dreikönigsnacht wird Imre ermordet, danach schneit es
Dieses geheimnisvolle Schöne
Nie dagewesene Verachtung
Warum mochte Somnakaj Krapfen?
Alles ist so kompliziert geworden
Was fürchterlich sein wird
Kigl, der Stilist
Ich bitte dich inständig, tu es nicht!
Jesus und die Zigeuner
Der Herr aus Wien kann nicht schlafen
Der berühmte Vortrag
Der Herr aus Wien hat ein Rendezvous
Wulfenia Carinthiaca
Gefängnisjahre
Der Gott der Deutschen, der Juden, der Ungarn und der Zigeuner
Maijagd
Weißer Schatten
Flieg zu Nero Koszta!
Zum ersten Mal so richtig glücklich sein!
Das Schiff namens Klara
Wenn sie mich doch endlich, endlich bemerken würde!
Manchmal genügt es, einen Hut zu stehlen
Eine andere Liebe?
Endlich sehen sie mich!
Auch Kigl war schon einmal mit einer Frau zusammen
Krieg
Der festgefrorene Schwan
Frühjahrsfeldzug
Dreiunddreißig Wunden und das glückliche gemeinsame Leben
Ach, wie werden wir staunen!
Der neue Grasmusikant
Nero Kosztas Heirat
Süßes Fleisch
Die gescheiterte Existenz
Peter wird an der Nase herumgeführt
Es lebe der Kaiser!
In Wien weht der Wind anders
Das Geheimnis des Doktor Schütz
Die Stadt brennt
Endlich sagt ihm der Vater alles!
Nur eine interessante Perle
Zsófia kommt in die Stadt
Peter und die kleine Schauspielerin
Frostigere Tage kommen
Blumen in einem winterlichen Bibliothekszimmer
Dem Tode nah
Somnakajs Entscheidung
Wie haben die Zigeuner den Herrn gerettet?
Wenn Gesundwerden nicht hilft
Einmal geht auch Berger an die Angel
Die Truppe formiert sich
Ein Geschäft mit der Theiß
Eine Fata Morgana, bitte!
Frau Sperl gibt es nicht mehr
Einen Grashalm retten!
Peters Demütigung
Diese glücklichen letzten Jahre
Zsófia sprach immer mit ihm
Und Imre sagte auch
Dezember 1878
Jeder schritt jetzt, als wär’s in seinem eigenen Garten, zwischen unendlichen Beeten, auf denen das Wirkliche und das Unwirkliche wuchs, das, was gewesen ist und nie wiederkehren wird, und das, was nie gewesen ist und nie sein wird.
Ivo Andrić
Des weiteren möchte ich den Kollegen zu bedenken geben, wie leicht in jenem Winkel des Reichs selbst die unwahrscheinlichste Sehnsucht und der absurdeste Wunsch zu blutiger Wirklichkeit wird. All das jedoch, worauf die Bewohner des Landes zu Recht, auf natürliche und selbstverständliche Weise Anspruch erheben möchten, das heißt, was nicht nur geschehen könnte, sondern ganz gewiss geschehen sollte, nun, gerade das wird es nie geben, es bleibt ein ewiges und trügerisch lockendes Versprechen, einzelne Individuen dieserart in den Wahnsinn treibend, welche dann merkwürdigen, höchst unliebsamen Gewohnheiten zu huldigen beginnen, sie sind zu Lebzeiten Tote, und in ihrem Tod leben sie, und wann immer möglich essen sie Blumen.
Karl Bischof k. u. k Kriminalkommissar
Wenn ich heute verloren gehe, stop, bitte ich Sie, stop, mich doch morgen, stop, unbedingt zu retten, stop!
Klara Schön
Herr Schütz steht im Wasser, graue Wellen lecken an seinen Schuhen. Ein Soldat im Pelz späht von der Eisenbahnbrücke, er betrachtet dasselbe wie alle, den bedrohlichen Fluss. Die Theiß spielt Ozean, die Stadt ist zur Insel geworden, inmitten eines Wasserspiegels, der mit dem Himmel verschmilzt. Der Doktor krächzt in den Wind, lacht heiser, sein Schal flattert und flattert. Den Lodenmantel hat er wie gewöhnlich falsch geknöpft, seine schneefarbenen Haare sind vom Wind verstrubbelt, sie kleben an der rosigen Kopfhaut. In der Nähe packen Soldaten Kisten und Säcke, andere sind auf dem Damm mit den Zelten beschäftigt, starke junge Männer, seit Tagen ohne Schlaf, zermürbt, gereizt, mit geröteten Augen und zentnerschwerer Müdigkeit auf den Schultern.
Was haben Sie gesagt, Herr Schütz?!
Was krakeelen Sie da, sehen Sie wieder nichts?
Blind, blind ist er, aber schon wieder hat er hertorkeln müssen!
Der Alte schnuppert in den Wind. Gleich läuft sie über, gleich sind wir klatschnass!
Die Theiß wird nicht überlaufen, Herr Schütz!
Sie begräbt alles unter sich, auch dich, Dummkopf!, kreischt der alte Mann.
Sie sind eine alte Krähe, Herr Schütz! Ein Unheilsbote! Bringt mich nach Hause!, befiehlt der Alte, als besäße er auch nur ein Fünkchen Autorität.
Wohin, Herr Schütz, wohin?!
Ihr seid Hornochsen, ihr ertrinkt!
Herr Berger, Herr Berger!, rufen die Burschen, der alte Idiot hier schnappt mal wieder über. Ohne eine Antwort abzuwarten, bugsieren sie ihn den Damm hinunter. Doch dann dauert es ihnen zu lange, sie heben ihn wie ein Kissen in die Höhe und tragen ihn.
Wie alt sind Sie, Herr Schütz?
Doppelt so alt wie dein bescheuerter Großvater!
Setz den verrückten Alten in den Schlamm, soll er seine Faxen machen mit wem er will!
Na, Herr Schütz, wie ist es dort unten?
Kalt, stammelt der Alte, mir ist kalt! Er hockt tatsächlich im Schlamm.
Wissen Sie immer noch nicht, wie alt Sie sind?
Woher denn, wenn ich mich nicht erinnere?!
Unsinn! Man weiß immer, wie viele Jahre man sich unter dem Himmel abgestrampelt hat! Schön aufpassen, ich hebe Sie wieder hoch, dass Sie sich nicht einscheißen!
Hört mal her, ihr Taugenichtse, es gibt Geschichten, die in dem Augenblick enden, in dem sie begonnen werden, aber beginnen, sobald sie zu Ende gehen!
Klar, Herr Schütz, für Sie ist es sicher gleich zu Ende!
Aber dann beginnt es unten in der Erde!, lachen die Burschen.
Der alte Mann schreit, dass der Speichel spritzt: Man erschafft keine Legenden, um dann an ihnen zugrunde zu gehen!
Die Legenden leben, sie leben!
Schnauze, Schütz, oder wir werfen Sie weg wie ein Stück Holz!
Der Alte hört nicht auf, wird aber immerhin leiser.
Ach so, ich bitte euch, natürlich plündern und morden die Legenden! Doch wen eine Legende ausplündert, der wird von einer anderen belohnt. Wen eine Legende umbringt, den lässt eine andere wiederauferstehen! Ist es nicht so, ihr mittelprächtigen Hurensöhne, ihr Taugenichtse!?
Die Burschen murren, doch sie tragen den Alten wie ein Neugeborenes. Herr Schütz hat kein Gewicht, der ganze Mann besteht nur noch aus ein paar klappernden Knochen, schlabbernder Haut und gellendem Geschrei.
Nun erreichen sie das Haus im Palánkviertel, wo er wohnt, in der Nachbarschaft von getauften Juden, Armeniern und Serben, doch die Häuser sind jetzt stumm, wer hier gewohnt hat, ist geflohen oder fortgezogen oder hat seine Familie in der Burg in Sicherheit gebracht. Die jungen Männer mühen sich mit dem riesigen Schloss ab, einer sieht sich um, schnüffelt, schüttelt den Kopf, sein Kamerad, der Versuche überdrüssig, tritt das Tor ein. Der Alte brabbelt unablässig.
Ich sage euch doch, wir sind verloren!
Das scheint Sie zu freuen, Herr Schütz!
Flieht, Jungs! Ich zeige euch den Weg!, gestikuliert der Alte.
Halten Sie die Schnauze, sonst lassen wir Sie hier sitzen!
Die Männer drängen sich in den Korridor und trauen ihren Augen nicht.
Was ist das für ein Tohuwabohu?!
Ihr seid doch nicht etwa blind?, kichert der Alte.
Natürlich nicht! Was wir sehen: Kisten, Kartons, seltsame Säcke!
Im Korridor stapeln sich unzählige Holzkisten, kleinere aus Fichtenholz, gewaltige, angestrichene Reisekästen, Säcke, Kisten mit Schlössern, auf allen prangen Aufkleber, sie sind aus den verschiedensten Gegenden Europas eingetroffen, aus Wien, Amsterdam, Paris, London, Berlin, Moskau und Sarajevo. Die Kisten verbreiten einen stickigen Geruch. Die Burschen erinnern sich, den Geruch haben sie schon auf der Straße bemerkt, und als sie den alten Herrn auf die Beine stellen, wird ihnen fast schwindlig!
Was sind das für Machenschaften, Herr Schütz?!
Spielen Sie ein geheimes Spiel?!
Ist das eine Verschwörung?!
Raub, Plünderung vor einer Katastrophe?!
Der Alte lacht nur zufrieden in sich hinein!
Ich, Gustav Schütz, Doktor der Medizin, glaube nicht, dass man vor den Tatsachen kuschen muss!
Schon recht, kuschen Sie nicht! Sehen Sie nun was oder nicht?!
Wer hat gesagt, dass ich blind bin?! Ich sehe immer!
Lieber Himmel, er hat uns zum Narren gehalten!
Er sieht, er sieht nicht, egal! Wir haben ihn nach Hause gebracht, da ist er jetzt!
Schön hierbleiben, Herr Schütz!
Der Alte steht schwankend auf einer Holzkiste und schwingt Reden, die Bretter ächzen unter seinen Füßen.
Schnauze, Herr Schütz, es ist besser für alle, wenn Sie nichts mehr sagen! Kommen Sie da runter! Holt ihn doch runter!
Versteht irgendwer, was er da quatscht?!
Sie können ihn nicht allein lassen, nicht einfach die Tür hinter sich zuschlagen, sie holen ihn von der Kiste, stoßen ihn auf einen Stuhl, dass es kracht, und zischen sich über seinem Kopf etwas zu, die starken Fäuste geballt, am liebsten würden sie losschlagen, denn ihnen ist das Ungeheuerliche wieder eingefallen.
Was für eine haarsträubende Geschichte!
Viele Leute glauben, der Doktor habe zwei Menschen auf dem Gewissen, der wunderliche Pflanzenforscher und seine Frau seien vor ein paar Tagen seinetwegen zugrunde gegangen, seinetwegen seien Imre und Klara Schön in ihrer verschlossenen Wohnung buchstäblich verhungert. In dem verfluchten Zimmer, Tür und Fenster waren von innen vernagelt, hatten sie einander umarmt, einander verschlungen. Kein Wunder, dass die Leute reden. Das Sterbezimmer war ein Blumenzimmer gewesen, vollgestopft mit allen möglichen Pflanzen, sich rankenden Gewächsen und Trieben! Ein mörderisches Gewächshaus! Klara Pelsőczy und Imre Schön hatten bunte Nägel verwendet! Bemalte kleine Haken, gebogene Nägel, Bauklammern und gestrichene Leisten verhinderten das Eindringen des Lichts, verdeckten Spalten und Ritzen, damit nichts und niemand sie stören konnte, weder menschliche Hilfe noch ein neugieriger Lichtstrahl.
Und der Doktor hat beim Tod des Ehepaars mitgeholfen!
Er hat über die Anschuldigungen nur gelacht!
Stimmt es, dass Sie sich mit Leichen unterhalten, Herr Schütz?!
Stimmt es, dass Sie verrückte Tote zum Leben erwecken wollen?!
Der alte Idiot, der senile Verrückte hat zugelassen, dass ihre Zeit ablief! Statt Hilfe zu holen, einen Schlosser, eine Amtsperson, statt einen richtigen Arzt aufzutreiben, hat er nur an der vernagelten Zimmertür gehorcht, um dann tagelang in der Stille des Leichengeruchs zu hocken.
Geben Sie zu, dass es so war, alter Kurpfuscher!
Totenvogel, Totenvogel!
Ach, Kinder, ach, Kinder, ich höre sie, ich höre sie immer noch! Der alte Mann schneuzt sich.
Was hören Sie, alter Affe?!
Sie waren Spitzel, nicht wahr?!
Und weil er aufzustehen versucht, wird er in den Lehnstuhl gestoßen, dass er aufstöhnt.
Er schüttelt den Kopf, der Rotz tropft ihm auf die Jacke.
Genau, ein Schnüffler, das hat auch mein Vater gesagt!
Müssen Sie ein widerliches Leben gehabt haben, Herr Schütz!
Schlagen wir den alten Gauner tot!
Hängen wir ihn auf, damit er niemandem mehr schaden kann!
Es sind viele, und es scheinen immer mehr zu werden, Füße trappeln, die Burschen überschreien einander, als wollten sie die Angst übertönen, sie sind betrunken, sie haben den restlichen Wein gefunden, den Palinka geleert und die Gläser weggeworfen. Schließlich schlagen sie den Alten. Von wegen blind! Sie packen ihn beim Kragen, schlagen seinen Kopf gegen die Tischplatte.
Da hast du deine Legende, Schütz!
Sie stoßen ihn zu Boden, treten ihn, spucken ihn an. Die Männer reißen die Kisten auf, und weil sie nichts Wertvolles finden, schleudern sie die Deckel gegen die Wand, dass sie zerbersten. Sie fordern Schmuck und Geld; erst langsam dämmert ihnen, dass Herr Schütz absolut nichts besitzt.
Der alte Mann kriecht auf allen vieren, er winselt und bellt sie an. Schon wollen sie ihn aufhängen, da stocken ihre Bewegungen. Das Entsetzen hat sie gepackt, es fährt ihnen ins Mark. Sie weichen zurück bis zur Schwelle und klammern sich an Klinke und Türstock. Der alte Mann hat sich aufgerichtet und ist, gleich einer fürchterlichen Weltmühle, in ein homerisches, knirschendes Gelächter ausgebrochen, der kümmerliche Leib gibt Laute von sich wie das Himmelsgewölbe selbst, wenn es einstürzt, wie das Gesicht der Erde, wenn ein Riss aufklafft.
Ich höre sie, auch jetzt höre ich sie!
Ich höre meine Lieben!
Und die ungeschlachten, starken Burschen laufen in ihre eigene, zum Untergang bereite Welt zurück. Sie haben genug von der Tortur, oder sie sind zu Tode erschrocken, das ist im Grunde einerlei. Der alte Mann hört ihr Getrampel im Laubengang, eine Kiste bekommt einen Tritt, das Holz splittert, Späne rieseln. Das Gartentor knarrt für sich, wie ein vergessener Chronist. Der Doktor starrt blind in das Licht seiner Lampe, lauscht, die Stirn gesenkt. Eine Lappalie, es sind eben nur alle weg, alles ist weg. Die Straßen sind leer, der Wind rüttelt an den Ästen. Das leise Summen mag vom nahen Kaffeehaus kommen, denn immer noch füllen sich abends die Kneipen, Kaffeehäuser und Gasthöfe, Rauch verfliegt, Menschenwort verhallt.
Er aber hört die Stimmen, er hört Klaras Rufe und ihr Flüstern.
Er hört sie immer noch!
Der alte Mann weint, aus seinen blicklosen Augen rinnen Tränen, er tastet um sich, in seinem Haus ist das Oberste zuunterst gekehrt, die Schubladen sind herausgerissen und umgestülpt, die Kisten zerbrochen. Die Wiener Wanduhr mit der Kette hat einen hellen Fleck hinterlassen, nicht mehr. Das ist von der Zeit geblieben, ein heller Fleck irgendwo an einer Wand, sie selbst ist unsichtbar.
Doch das verödete Haus bedeckt ein dicker Blütenteppich!
Der Doktor kaut Blüten, geistesabwesend, mit wachsendem Genuss.
So ist es also gewesen, so ist es geschehen!, schreit er.
Ist es gut so?!
Aber natürlich ist es gut so!
Anders hätte es gar nicht sein können!
Herr Schütz brüllt und gestikuliert.
Wer zu behaupten wagt, es hätte auch schöner sein können, dem soll die Nacht am Herzen fressen!
Das macht auch den Wind wild, er tobt heulend über den Dächern, reißt an Schindeln, Schilf und kahlen Bäumen. Schwarze Wellen belagern die durchweichten, langsam nachgebenden Ufer. Der Himmel, gegen Abend noch brennendrot, jetzt nur noch schwarz wie ein abgetragener Bergmannskittel. Wer Sternenlicht sieht, phantasiert! Auch Mitternacht geht vorüber, der Tag ist zu Ende! Blase, Wind, blase, heule! Auf der Budaer Straße fliehen weinende Menschen, sie treiben Ferkel und Ziegen vor sich her, das Geheul der Sturmglocken begleitet sie. Auf der Budaer Straße stürzt ein Fuhrwerk in den Graben, Hühner und Enten stieben auseinander. Auf der Budaer Straße quietschen Kolonnen trauriger Karren! Auf der Budaer Straße eilen Soldaten zurück in die Stadt, ihre Gesichter leuchten bleich!
Und dieses schreckliche Geräusch ist sicher das Brausen der Flut!
Schon ergießt sich das Wasser mit Gebrüll über die Stadt!
Es ist geschehen, es ist also geschehen!
Dumpf dröhnen entsetzte Glocken. Der Doktor beugt sich aus dem Fenster, er horcht, und die Musik dort unten, die über das Brausen, die Glockenklänge, über das Bellen des Windes und das Jammern der Menschen hinwegwogt, die Musik des Grasmusikanten, sie wird immer lauter.
Du bist wie ein Birkenzweig, meine Kleine, du biegst dich nur, brechen kannst du nicht! Du musst wissen, es gibt Arten des Lachens, die fügen der Welt Schaden zu. Der Schaden wird wiedergutgemacht, Erde fällt auf Erde, ein Wind jagt den anderen vor sich her, das Gute paart sich mit dem Schlechten. Wenn du lachst, bekommst du Grübchen, deine Augen glänzen wie der Fingerhut eines Schneiders, und auf der anderen Straßenseite, unter dem Ladenschild des Schusters, bleibt ein Herr mit Spazierstock stehen und runzelt die Stirn, soll er eine vertrauliche Mitteilung über das Wunder verfassen? Dann lacht er laut auf, dabei ist er ein gemeiner Hund, ich weiß es. Papierbänder reißen in deiner Hand, doch ein Grashalm, der sich um deinen Finger wickelt, ist auch am nächsten Tag noch frisch und grün. Mitten in der Hand hast du ein rotes Mal, vielleicht der Fußabdruck eines Engels. Bei deiner Geburt kam er angeflogen und hat auf deinem Händchen getanzt.
Du heißt Klara Pelsőczy!
Ein schöner Name, ein vornehmer Name!
Mich hat die Familie verstoßen, an einem stürmischen Tag, als die Winde pfiffen und der Wetterhahn quietschte. Recht hatten sie! Ich habe ihnen zu viel erzählt, den Onkeln mit den kecken Schnurrbärten, die ihre Dienstboten züchtigten, den Tanten mit den Spitzenkrägen, den johlenden Geschwistern, ich habe ihnen zu viel erzählt von Welten, die es nie gegeben hat, auch wenn es sie hätte geben können. In der Welt, in der ich lebe, ist Gott nicht zu sehen, und ich rufe Ihn auch nicht. Meine Familie hat mich verstoßen. Was sollten sie auch mit einem Kerl, der im Fleischsuppendunst von Festtagstischen aus Knochen Pyramiden baut, sich Schokolade ins Gesicht schmiert, der dem Priester in der Kirche ins Wort niest und Flaumfedern von Taubenküken verbläst, wenn die Verwandten in ihrem patriotischen Sonntagstaat auf den Tisch schlagen und mit jedem zweiten Wort Ungarn, Ungarn im Mund führen!
Du bist mein Fleisch und Blut, und wenn du fliegen möchtest, flieg mit mir. Wenn du hässliche Worte hörst, stör dich nicht daran. Wenn du nach dem Schicksal fragst, so kann ich dir nur sagen: Eine Kirche, einen Glauben, einen Prediger wirst du immer finden, doch musst du wissen, dass für unsereinen nur die Gnade der Widerspenstigkeit bleibt. Ich trinke und spiele, ich bin schlecht wie die vagabundierende Nacht. Meine Augen sind rot, mein Gesicht gedunsen, die Finger zittern wie Zweige im Herbst, und mich schwindelt, wenn ich meinen Morgenkaffee schlürfe. Unwichtig! Ich fliege mit dir davon, wann immer du willst! Nie werde ich sagen: jetzt nicht! Schenk mir ein, aus der Flasche dort, danke.
Meine Kleine, ich bitte dich inständig, hab keine Angst vor deiner Mutter! Zittere nicht vor ihr, nicht vor ihrer Gekränktheit, die schon morgens mit dem Dampf aus der Teekanne steigt! Für die Angst bin ich zuständig, dein Vater! Ich habe Angst vor deiner Mutter! Auch die Angst hält uns zusammen.
Sei nie beleidigt!
Sei nur verletzt, denn verletzt zu sein hat mehr Anmut!
Jetzt blase ich dir Zigarillorauch ins Gesicht − nimm es hin, huste nicht!
Ich bin dein Vater! Ich drücke deine Hand, deinen dünnen Arm, weine nicht! Ich umarme dich, ziehe dich an mich, meine Hemdsärmel riechen muffig, das musst du aushalten. Wenn ich sterbe, weck mich auf! Ich bin dein Vater! Halt aus, dass ich dich auf diese Art liebe! Auch deine Mutter liebt dich, aber sie liebt dich anders.
Ich, der weise und unnachahmliche László Pelsőczy, habe beschlossen, verletzt zu sein. Weißt du, dass wir in einer beleidigten Stadt leben? Wenn sie verletzt wäre, könnte ich sie vielleicht lieben. Doch diese Stadt ist gesund und intakt. Sie verkauft selbst eine Erbse als Melone! Was sie hat, genügt ihr nicht, zugleich brüstet sie sich mit dem, was sie nicht hat. Und weil niemand ihr glaubt, ist sie beleidigt.
Das Mädchen lief auf den Hof hinaus und rief, als würden ihr die Worte mit einem Zwirnsfaden aus der Kehle gezogen, Mama, das Fenster will nicht, dass ich hineinsehe! Mama, die Bäume machen sich über mich lustig! Das Feuer in der Küche will, dass ich sein Herz streichle!
Die Bewegungen der Frau knirschten, das Licht durchschnitt ihr Gesicht, sie blickte in die Richtung, wo sie ihren Mann hatte verschwinden sehen. Am Himmel hasteten Wolken dahin, den krummen Maulbeerbaum am Zaun schüttelte der Wind. Pelsőczy hatte sich die Jacke übergeworfen, die Schuhspitze am Hosenbein abgewischt und war fortgegangen, vorher aber hatte er dem Mädchen schon wieder den Kopf vollgeschwatzt! Tränen in den Augen, lief Klara zur Mutter und zeigte ihr die Blase am Finger. Das hast du dir selbst getan, zischte sie, heile es auch selbst! Klara suchte schniefend nach der Kanne mit der sauren Sahne, sie hatte nicht zum ersten Mal ins Feuer gefasst. Es wurde Abend. Ohne dass sie es bemerkten, schrumpfte die Welt zu einem grauen Fleck, dann fingen die Schatten an zu tanzen, bis endlich alle Formen und Gestalten von der Dunkelheit verschlungen wurden. Mehrmals knirschte der Feuerstein, bevor die Kerze Feuer fing.
Auch Kerzen sind junge Mädchen, Kerzen tanzen!
Wie schön das schlanke gläserne Lämpchen ist!
Die Mutter saß mit steifem Rücken da, sie häkelte, sprach mit sich selbst, ihre Lippen bewegten sich, sie zählte die Maschen. Irgendwann begann sie zu lesen, ließ die Zeitung jedoch bald wieder sinken und häkelte weiter. Der Tee in der Tasse wurde kalt, er ließ einen braunen Ring zurück, doch wie weiß war der Zucker! Klara steckte ihren abgeleckten Finger hinein − Diebstahl! Reglos sah die Mutter zu, ihr Murmeln verstummte. Die Wanduhr schlug, und das Mädchen freute sich schon auf den Soldaten in der blauen Uniform, der zur vollen Stunde das Holztürchen auffliegen ließ und mit hochgehaltenem Bajonett verkündete, dass es ein Uhr, zwei Uhr, dass es Mitternacht war!
Geh ins Bett!
Ich warte auf Vater!
Geh, habe ich gesagt!
Ich warte auf Vater!
Pelsőczys Schritte waren zu hören, dann ein unsicheres Schlurfen und Scharren, er stieß die Wohnungstür auf, sein Haar war struppig, Gestank schlug herein, eine Mischung aus Tabak und Alkohol. Um die Schuhe entstand eine Pfütze. Pelsőczy grinste stumpfsinnig.
Hörst du den Regen, Kleine, er trommelt wie eine stählerne Armee!
Er öffnete seine zitternde Hand und hielt ihr drei Holzkästchen hin.
Such dir eines aus, aber überleg dir gut, welches!
Ich will sie alle, Papa!
Der Vater tat verärgert, grummelnd warf er seine Jacke in die Ecke und suchte sich einen Hausmantel. Margit verschränkte die Hände vor dem Bauch, als wäre sie schwanger, und sah ihnen aus einigem Abstand zu. Rasch leerte das Kind die Kästchen, Zettel fielen heraus.
Auf dem einen stand: NEIN, auf dem anderen JA, auf dem dritten: VIELLEICHT!
Sie flüsterte heiser, als hätte sie einen wunderbaren Schatz gefunden.
Ja, nein, vielleicht, das gehört also alles mir!
Der Vater lachte und trank seinen Wein, der rote Saft lief ihm den Hals hinunter. Mit ausgebreiteten Armen zog er das tanzende Mädchen an sich.
Am nächsten Tag stand Klara auf der Küchenschwelle, ihre Locken strahlten im Licht, Gold rieselte ihr übers Gesicht. Die Augen waren noch vom Schlaf verklebt, trotzdem sah sie, wie die Mutter die Kästchen ins Feuer warf, sie knackten erbittert in den Flammen. Nein, das war kein Traum mehr. Das Feuer fraß das Ja und das Nein auf, auch das Vielleicht wurde zu Asche! Wie gerne hätte sie nach ihnen gegriffen, sie gerettet, und sie hätte es sicher auch getan, wäre sie allein gewesen!
Die Mutter schlug die Ofentür zu, schüttelte zischend die Hand, der Eisengriff hatte ihr die Finger verbrannt. Das Dienstmädchen lehnte an der Kammertür und grinste, dann ging es ohne ein Wort hinaus. Am nächsten Tag kündigte sie, sie sagte, sie habe Angst in diesem Haus, wo die Menschen wie Gespenster seien. Klara blieb stumm, ihre Hand ballte sich zur Faust, zugleich musste sie lächeln, und in diesem verzweifelten Lächeln verlor sich der Blick der Mutter. Das Mädchen lächelte, bis die Mutter aufbrauste.
Los, zieh dich endlich an!
Während sie sich die Strümpfe überzog, kam ihr der Gedanke, dass man jemandem mehr wegnehmen kann, als er bekommen hat. Auch wer nichts besitzt, kann ausgeplündert werden. Auch was wir nie besessen haben, kann uns genommen werden!
Nun lächelte sie erst recht, wütend, aus Trotz, dieses Lächeln konnte ihr niemand nehmen. In ihrem schönsten Kleid trat sie in den Salon und vor die Mutter hin, die reglos auf dem Sofa saß. An Klaras Hals glitzerte eine Perlenkette, Rosenblüten waren auf das Rot ihrer Strümpfe genäht, im Haar ein Trauerflor. Sie blickte herausfordernd, als wäre ihr Glück unantastbar.
Spiel du nur den Clown!, die Stimme der Mutter war rau, sie senkte den Kopf, als schämte sie sich, dass sie nicht netter sein konnte. Die Wanduhr trompetete, ein Uhrensoldat trat aus der kleinen Tür und grüßte sie beide!
Das Mädchen knickste. Hei, Herr Husar, auch dir einen guten Tag!
Als sie dem Vater zuflüsterte, was den Kästchen angetan worden war, nahm er sie in die Arme, er roch nach Alkohol, und sie sog die säuerliche Ausdünstung seines Körpers ein. Auf einmal bemerkte sie, dass er ihr etwas zwischen die Finger schob. Sie traute ihren Augen nicht! Wie kam es, dass die drei Kästchen wieder da waren? Wie nur, wie? Das war ein Geheimnis, an dem man sterben konnte!
Auf ihren Spaziergängen durch die Stadt redete der Vater unentwegt und zeigte ihr alles.
Der dort ist ein jüdischer Bürger. Siehst du, wie schnell er läuft? Der gute Mann kann nicht langsam gehen, nicht flanieren! Warum?! Weil der Arme so viel Ungewissheit in sich hat! Samstags siehst du sie selten, da legen sie die Hände in den Schoß, manche zünden nicht mal ein Licht an. Der Dicke dort heißt Ignác Derera, er handelt mit Knöpfen, am sogenannten Versöhnungstag ist er einmal wie Rauch im Himmel verschwunden. Immer am Versöhnungstag verschwindet ein Jude, der Teufel holt ihn, er bläst ihm Schwefelatem ins Gesicht, und schwups, ab geht’s in die Hölle! Manchmal taucht der Jude nicht wieder auf, in anderen Fällen aber schon. Derera hat der Teufel wieder rausgerückt, den hat er nicht haben wollen.
Die dort im Pelz, das sind Serben, kräftige und schöne Männer, manche rasieren sich zweimal am Tag. Sie haben die größten Wagen. Vor hundert Jahren sind auch sie noch auf Wanderschaft gewesen wie die Juden mit Moses, ihre Wege führten sie bis nach Pest und weiter. Sie können nur mit erhobenen Armen tanzen, sie können nicht leise singen!
Dort im Schatten der Robinie rauchen Armenier Pfeife, sie werden immer weniger. Früher haben sie die großen Geschäfte gemacht und die meisten Rinder und Schweine in die Burg gebracht, gemeinsam mit den Griechen haben sie den meisten Tabak, das meiste Getreide und den meisten Rotwein verkauft. Mit Weißwein haben sie gar nicht erst angefangen, den haben die Ungarn aus der Herbstlese gepanscht, und so schmeckt er auch. Heutzutage nimmt die Zahl der Armenier ab, sie ziehen fort, der serbischen Konkurrenz halten sie nicht stand.
In der Schulgasse gehen vornehme deutsche Bürger spazieren! Im Palánkviertel wohnen Serben und Deutsche Haus an Haus. Die Deutschen lieben Zylinder und knallende Lederschuhe, sie brüsten sich damit, die größten Komponisten, die größten Schriftsteller und die größten Philosophen zu haben. Vergiss aber nicht, dass immer noch Shakespeare der Größte ist und Hamlet oder Don Quijote viel interessantere Gestalten sind als Faust! Die Deutschen haben hier ihr eigenes Theater, du hast ja auch schon eine Vorstellung gesehen! Sie sind reich und selbstgewiss, aber sie werden ihr blaues Wunder erleben, wenn erst neue Winde ihnen die nationale Staubwolke ins Gesicht blasen. Du kennst ja den guten Doktor Schütz, der dir die Halsschmerzen und den verbrannten Finger kuriert hat, er ist ebenfalls Deutscher beziehungsweise aus Wien. Die Deutschen sind kräftige Leute, doch die Serben sind noch größer und können über die Stränge schlagen wie niemand sonst, sie nagen sogar Schnapsgläser an und schlucken die Splitter hinunter!
Meine Kleine, die Zeit reicht nicht aus, dir alle Geschichten zu erzählen! Aber du wirst meine Stimme noch hören, wenn ich nicht mehr am Leben bin. Es wird dann wirklich nur noch eine Stimme sein. Trotzdem wirst du wissen, dass ich es bin!
Sie liefen zur Theiß hinunter, ihre Schritte pochten über die Planken. Auf dem Fluss kreiselten Baumstämme, lauter Menschengesichter, die schauerliche Grimassen schnitten und grinsend mit mächtigen Blättern drohten! Astlöcher waren Monsterfratzen, ich verschlinge dich, ich fresse dein Fleisch, Mädchen! Wasser spritzte sie an, ich trinke dich, ich schlucke dich runter, Kleine! Der Staub der Stadt sprach, ihre Stimmung, ihr Nebel, ihr Schneefall, ihr Abend und ihr Morgen! Der Wind schmiegte sich wie ein Tuch an Klaras Hals, er flüsterte ihr etwas zu, bald ängstigte sie sich, bald lachte sie über diese Schreckgespenster.
Du bist dumm, Wasser, warum soll ich Angst vor dir haben, wo ich meine Finger sogar ins Feuer stecke?!
Du bist dumm, Wind, du kannst mich nicht wegfegen, und mein Haar kämme ich glatt, wenn du es verstrubbelst!
Du bist dumm, Erde, wenn ich falle, kann ich immer aufstehen, wozu drohst du mir dann?
Klara schloss die Augen.
Ihr schien, als habe der Mann, der ihr Vater war, schon immer unablässig geredet, als wollte er niemals aufhören. Aus dem Schweigen der Mutter wuchsen Drohungen, Vorwürfe und trauriger Groll. Wenn der Vater sprach, wurde die Welt groß und geheimnisvoll. Aus dieser Welt rief das Schweigen der Mutter sie zurück.
Der Vater drückte ihre Hand, redete und redete.
Die Theiß ist mit ihrer halben Million Erdenjahren neben Wolga und Rhein noch ein Kind. Aber der Nil ist ein richtiger Greis! Man sagt, die Theiß sei blond! Oder lehmfarben! Andere haben sie flammend rot gesehen! Der Herbst hat hunderttausend gelbe und rote Blätter in ihr verbrannt! Am Uferabschnitt bis Tápé reihen sich Wassermühlen aneinander, denen mächtige Pappeln als Fächer dienen. Die Alten sagen, der Grasmusikant Nero Koszta, der die Knie junger Mädchen mit Klettenblättern und Grasmusik heile, lasse sich häufig in der Umgebung blicken.
Macht dieser furchtbare Mensch auch mein Bein gesund?
Aber sicher!
Aber mein Mütterchen macht er nicht gesund?
Gegen ihre Krankheit weiß nicht einmal Nero Koszta ein Rezept!
Auch mit meinem Mütterchen war ich schon hier!, rief Klara.
Na so was, hierher hat sie dich mitgenommen?!, brummte Pelsőczy, den die Eröffnung überraschte.
Sie hat lange aufs Wasser hinausgesehen, sagte Klara.
Weil sie nicht bis zum Himmel sehen kann! Auch die Erde interessiert sie nicht. Kein Wunder, dass sie den Blick aufs Wasser richtet! Und immer nur an eines denkt.
An was hat sie gedacht, Papa?
Dass in diesem Wasser jemand umkommen wird.
Das heißt, jemand wird darin ertrinken, fragte das Mädchen schaudernd.
So ist es, seine Lunge wird sich mit sandigem Wasser füllen!
Und warum?
Weil dein Mütterchen es so will!
Das stimmt nicht, schluchzte das Mädchen.
Der Vater lachte, ach Herzblättchen, ich habe nur Spaß gemacht, mir nur was eingebildet, deswegen darfst du nicht weinen!
Pelsőczy sprach mit erhobenem Finger, wie ein Lehrer.
Vor dreihundert Jahren zog ein französischer Ritter durch die einzige, staubige Straße dieses Flickwerks, das sich Stadt nannte, und ihm graute vor den Bergen aus Dreck. Hunde hechelten neben ihm her. Noch vor wenigen Jahren hat auch ein Reisender aus Siebenbürgen Szeged für hässlich gehalten, nicht ein einziges ansehnliches Gebäude habe er hier gefunden. Er hat unrecht, denn er lässt die Theiß unerwähnt. Auch ein Engländer zeichnet kein besseres Bild. Seine Reisebeschreibung ist anschaulich, sie lässt sogar den Taumel der Hoffnungslosigkeit zu wahrer Dichtung reifen. Was ist das, wahre Dichtung?, fragte Klara.
Pelsőczy leckte sich die Oberlippe und dachte nach, dann sagte er nur: Was größeren Schmerz verursacht als das, was wirklich ist!
Das Mädchen schloss die Augen, was schmerzt mehr als der Feuerhund, der dir die Finger leckt, mehr als Stacheln, die Sohlen durchlöchern, mehr als Wespenstiche?
Der Engländer begibt sich von Tokaj in die ungarische Tiefebene, am ersten Tag plagen ihn Zahnschmerzen, doch bald ist die entzündete Wurzel vergessen. In dieser Wüstenei mit ihrer Üppigkeit des Nichts und dem blendenden Weiß der salzigen Felder taucht schließlich die Stadt vor seinen Augen auf. Blaue Türme tanzen im vibrierenden Himmel! Neben der Straße, die weiße Staubtrichter absondert, zeigen Wiesen ihr Gelb, auf feuchten Erhebungen putzen Silberreiher und Wildgänse ihr Gefieder, und ein wenig höher blökt ein Lamm im verdorrten Gras. Der Engländer betrachtet das arme Geschöpf mit den schrecklichen Wunden auf dem Rücken, Bisse vielleicht von tollwütigen Hunden. Doch nicht die Hunde, die Wunden sind wichtig. Und der Zahn tut dem Engländer wieder weh.
Dieses Lamm gefällt mir, sagt Pelsőczy und reibt sich das Kinn.
Mir auch, nickt Klara.
Pelsőczy erhob die Stimme, als sei er jetzt beim wichtigsten Punkt seiner Ausführungen angekommen.
Der Fluss dringt seit Jahrhunderten mit unterirdischen Läufen in die Stadt ein, er umspült die Fundamente und Lehmmauern der Häuser, sein Glitzern droht am Rand der Gärten, er lässt Zäune verfaulen, und zwischen den Straßen legt er Gräben an. Ein Teppich von Fadenalgen überzieht sie, wenn sie austrocknen, und im Bett des toten Wasserlaufs finden Kinder Muscheln und Fischknochen. Doch eines Morgens sprudelt hier kaltes Quellwasser, davon kann man trinken! Stinkende Pfützen vermengen sich mit der neuen Quelle, das Alte streitet mit dem Heutigen und söhnt sich mit ihm aus! In dem, was gestern war, ist das, was morgen geschieht, schon zu sehen! Verhält sich denn die Theiß nicht so wie die auf und ab wogende Zeit? Die Kanäle von Venedig und Amsterdam winden sich anstelle von Straßen, doch die Wasserläufe, die Szeged durchziehen, gleichen miteinander verwobenen menschlichen Schicksalen!
Wessen Geschichte plätschert hier, und wessen Leben vertrocknet dort und wird zu einer unkrautbewachsenen Ufermauer?
Meines, meines!, rief das Mädchen.
Wessen Schicksal ist in diesem kleinen Schimmer zu erkennen, und wessen Schicksal wurde zu Sand, zu trockener Erde?
Meines, ach, meines!
Warum ist es denn so schlimm, dass nie ganz gesagt werden kann, was mit uns passiert, weil fortwährend das Schicksal eines anderen Menschen in unser eigenes sickert?!
Der Vater hauchte ihr seinen Alkoholatem ins Gesicht, doch seine Stimme klang leise und nüchtern.
Jede Stadt hat ein himmlisches Ebenbild, das aus der Welt der Ideen in die Schattenwelt der Wirklichkeit hinüberleuchtet. Die Stadt gleicht dem Körper des Menschen, sie ist ähnlich organisiert und funktioniert ähnlich, zum Beispiel weiß unser Herr Schütz sehr genau, was für ein Flickwerk der menschliche Körper ist. Er trotzt einer absurden Zahl von Schicksalsschlägen und bricht von einem Mückenstich zusammen! Unsere Stadt hat seit Jahrhunderten aus Inseln bestanden, und was die Obere Stadt mit den Häusern der Fuhrleute und Fischer der Unteren Stadt und mit den von Serben und Griechen bewohnten Vierteln Palánk und Rochus verband, das waren nicht so sehr Menschenworte oder zerfurchte Straßen als vielmehr die Musik des Grases, der Duft des Windes, der mit Blumen oder faulendem Laub spielt und von Fischkadavern und frischen Trieben erzählt. Im Mond über Szeged tanzen Ungarn, dort geigen Zigeuner und danken mit Handküssen der himmlischen Fee, dass sie die Kupferringe in ihren Ohren erglänzen ließ. Und an Neumond feiern die Juden im Hof ihres Gebetshauses, und Straßenkinder, die diesen Trubel ausspähen, verhöhnen am nächsten Tag den Kantor unter großem Gelächter, wenn er ins Rathaus eilt. Wie Menschen, so haben auch Städte eine Seele, die weder die Stadträte und -heiligen noch die Chronisten zu beschreiben wissen. Und vielleicht nicht mal die Schriftsteller, die sogenannten Künstler! Über ihre Seele entscheidet die Stadt selbst, bei höchst geheimen Beratungen und verborgenen Zusammenkünften, wo weder die Identität und Herkunft der Teilnehmer noch diejenige der Entscheidungsträger, vor allem nicht ihre Absichten genau anzugeben sind.
Pelsőczy verstummte, zog die Nase hoch, gehen wir, mein Mund ist ganz trocken, ich muss was trinken.
An einem schläfrigen Nachmittag machte der Vater sie mit Nero Koszta, dem Grasmusiker, bekannt. Nero war am Fuße einer Erle in die Betrachtung der trägen Strömung der Theiß vertieft, er zählte die Wellen, bewunderte den Flug der Möwen, vielleicht gab er treibenden Baumstämmen und dem Platschen der Fische Namen − ein Riese, der am Baum lehnte und einen Grashalm zwischen den Lippen bewegte.
Seit dreihundert Jahren musiziert er damit, sagte der Vater.
Nero Koszta nahm den Grashalm aus dem Mund, fünfhundert, knurrte er.
Dreihundert, sagte Pelsőczy, Nero übertreibt gern.
Wassermühlen, faule Riesen, reihten sich aneinander, der Wind hauchte seufzend über das Ufer, lange, weiße Vorhänge flatterten zwischen ihnen. Klara spürte, dass Asche ihr aufs Gesicht rieselte.
Das ist Mehl, flüsterte der Vater ihr ins Ohr.
Zeichne Licht auf das weiße Klettenblatt, Klara!
Mit der Fingerspitze malte sie eine Sonne auf das mehlbestäubte Blatt, so eine kleine Sonne, wie sie in der Stadt die Fassaden vieler Häuser zierte.
Ein wirklich schönes Sönnchen, auch über dem Kosovo geht kein schöneres auf!, brummte Nero Koszta, dann kitzelte er mit dem Grashalm ihr Gesicht und begann zu musizieren.
Klara schmiegte sich an den Vater.
Was ist das, dieser Kosovo?
Nur ein Traum, sagte er.
Kein Traum! Nero Koszta hielt mit dem Musizieren inne.
Wie denn nicht, Nero, wenn du doch darüber nur summen kannst?! Wir sind Grillen, Heuschrecken, Fliegen, Käfer! Pelsőczy drehte sich im Kreis wie ein Betrunkener. Nero Koszta schwieg düster, in seinem Mundwinkel zitterte der letzte Grashalm aus dem Kosovo.
Und Eintagsfliegen!, flüsterte die Kleine.
Der Vater neigte sich hinab, er lächelte bereits, und Eintagsfliegen, mein Augenstern!
Dann nahm er das Mädchen mit auf den Markt zu Wurzelmama, bei der sie Himbeeren, Brombeeren und Heidelbeeren kauften, Klaras Finger wurden rot und blau, und Abschlecken half nichts. Das Frauenzimmer befühlte sie rundum, dann schob sie sie ihrem Vater zurück, ich verstehe dieses Kind nicht, murmelte sie. Pelsőczys Blick blitzte spöttisch, verstehen musst du sie auch nicht, du musst ihr helfen, Mama.
Gib ihr Milch zu trinken, sagte die Wurzelmama, wir rechnen das nächste Mal ab, sie drückte ihm den vollen Korb in die Hand.
Der da drüben, das ist Wurm, sagte der Vater, siehst du, er steht neben dem Brotverkäufer und verhandelt mit Ignác Derera. Es schien um Geschäftliches zu gehen, der Jude hätte offenbar gern einen ihm teuren Gegenstand von Wurm zurückbekommen. Das Mädchen streckte ihm die Zunge heraus. Wurm machte ein wütendes Gesicht und ging auf sie zu, sie versteckte sich hinter dem Vater, ihr Herz flatterte, sprang ihr beinahe aus der Brust. Da rief jemand laut − ein baumlanger, eleganter Mann hatte Wurm am Kragen gepackt.
Das ist Blatt, flüsterte der Vater, sie sind gute Freunde!
Wie war das möglich, dachte das Mädchen, ein Wurm hatte ein Blatt zum Freund?
Blatt legte dem schäumenden Wurm die Hand auf die Schulter, zog seine Geldbörse hervor und zählte ihm knisternde Banknoten in die Hand. Wurms Stimmung hellte sich sogleich auf, doch lange konnte er sich nicht freuen, denn Derera trat neben ihn, er riss ihm das Geld aus der Hand und stürmte davon. Plötzlich entstand eine Unruhe unter den Leuten, sie schrien und liefen alle in eine Richtung. Ein ungutes Gefühl beschlich das Mädchen, der Vater zog sie mit sich fort, eine Marktfrau schimpfte hinter ihnen her. Pelsőczy drängte sich mit dem Kind ins Gewühl.
Ein Mensch lag im Staub.
Das ist ein Toter, so sieht der Tod aus! Hab keine Angst vor ihm, Klara! Aber dass du dir nie ihre Nägel ansiehst!
Der Mann lag neben einer Mulde, die mit Kohlblättern gefüllt war, direkt am Druckereigebäude, über dem Haus kreiste eine Schar Tauben. Einige Damen öffneten ihre Schirme, sie schützten ihren Atem bereits mit Tüchern. Vor dem Gebäude standen die Drucker, näher wagten sie sich nicht heran, ihre schwarzen Kittel schlugen gegen die Stiefelschäfte, manche bedeckten den Kopf mit einem Taschentuch.
Der Mann war zusammengebrochen und gestorben. Vielleicht hatte er nichts gespürt, war einfach nur gestorben, seine Kappe war weggerollt, seine Tasche neben ihm zu Boden gefallen, die Tasche eines Schreibers, weißes Papier hing heraus, darauf ein Stempel und eine verschnörkelte Unterschrift. Sein eines Bein war abgewinkelt, das Haar klebte wirr an der roten Kopfhaut, seine Lippen waren blau, die Zunge wurde sichtbar. Das Mädchen starrte seine Hand an, die Fingernägel. Sicher sind sie deshalb beängstigend, weil sie auch noch wachsen, wenn man nicht mehr lebt.
Ein rundlicher Mann, der nach Tabak roch, stand vor ihr.
Musst du dir das ansehen, Kleine?
Der Vater drückte ihr ermutigend das Handgelenk.
Ich weiß nicht, sagte Klara, ich weiß noch nicht, was ich sehen darf und was nicht. Aber was ich nicht sehen kann, darauf bin ich neugierig!
Du musst das nicht sehen, Kleine, krächzte der bärtige Mann.
Ich habe es ja schon gesehen!, Klara zuckte die Achseln, ich bin nicht mehr neugierig.
Der Mann klopfte Pelsőczy wohlwollend auf die Schulter.
Ich würde Ihrer Tochter gerne etwas sagen, Herr Pelsőczy!
Bitte, Herr Schütz, nur zu, gibt es denn ein Ereignis, zu dem Sie keinen Kommentar abgeben?!
Der Arzt wandte sich wieder an das Kind, merke dir, meine Kleine, nicht der stirbt, der begraben wird.
Wer dann?!
Wer sein will wie die Toten! Und Doktor Schütz winkte dem Fuhrmann, den Leichnam wegzubringen.
Einer der Drucker riss sich das Taschentuch vom Kopf und winkte dem Karren hinterher. Auf Wiedersehen, Tod! Wir treffen uns noch, Tod!
Zufrieden mit sich ging Herr Schütz seiner Wege. Das kleine Mädchen sah den Vater an, Papa, stimmt es, dass Herr Schütz einmal sterben wollte?, fragte sie.
Woher hast du das?!, Pelsőczy war überrascht.
Von nirgends her, ich habe nur gedacht, dass es so ist, als ich ihn angesehen, in sein rotes Gesicht gesehen habe.
Der Vater schwieg bestürzt, schniefte, es stimmt, es ist wohl wahr, sagte er schließlich.
Warum, warum wollte der Onkel Doktor sterben?!
Diejenigen, die ihn nicht mehr geliebt haben, wollten ihn lebend begraben. Pelsőczy wandte sich ab, so aufgewühlt war er wegen Klara, dass er nicht weitersprechen wollte.
Im Sommer des Jahres 1845 herrschte eine Hitze, als wäre die Welt unter einer heißen Glasglocke gefangen. Am frühen Nachmittag wurde heftig an Klaras Fenster gepocht: Es sei etwas passiert. Sie fragte nichts, warf sich ein Tuch um und rannte los. Terézia Frei hatte die Nachricht gebracht, die Hutmacherin war aus ihrem Laden geradewegs in die Schwarzer-Adler-Straße gelaufen, von dort eilten sie gemeinsam weiter. Keuchend hastete Klara neben Terézia her, das Rascheln ihrer Kleider klang so seltsam. Erst beim Fischmarkt wagte sie zu fragen, was es denn sei, das keinen Aufschub dulde.
Ihrem Vater sei etwas passiert, am anderen Ufer, schnaufte Terézia und blieb stehen, weil sie keine Kraft mehr zum Weiterlaufen hatte. Rot im Gesicht, die Lippen weit geöffnet, keuchte sie, Klara staunte, wie schön sie war. Noch nie hatte sie die junge Hutmacherin schön gefunden. Es stank übel nach Fisch, kapitale Störe wurden gerade geliefert. Auf Terézias Stirn glitzerten Schweißperlen, als hätte sie gerade geliebt, als wäre es erst ein paar Minuten her, dass sie vor Wonne nach Atem gerungen hatte. Sie würde sicher zusammenzucken, wenn sie sie am Rückgrat berührte. Klara spürte, wie sie ruhig wurde. Also auf der anderen Seite, dachte sie, drüben. Sie blickte zum Ufer hinüber, als könne sie durch das Grün der Gärten, das den Fluss verdeckte, hindurchsehen, durch die kümmerlichen Häuser, die sich wie bestrafte Kinder aneinanderdrängten.
Ja, am anderen Ufer, keuchte Terézia.
Wie war er dort hingekommen?
Wie sollte sie das wissen. Vielleicht war er hinübergeschwommen. Oder die Strömung hatte ihn hinübergespült!
Wann ist es geschehen?
Terézia Frei antwortete nicht, nur ihr Blick verriet, dass sie mehr nicht sagen konnte. Sie wurden bereits beobachtet, ein halbnackter Mann, ein großer, muskulöser Kerl, deutete auf sie, während er mit einer Frau sprach, Klara sah, dass er sich über sie verbreitete.
Krepier, dachte sie.
Vater konnte nicht schwimmen, flüsterte sie, da bemerkte sie Berger, der ihr zuwinkte, sein Kahn stehe bereit, er bringe Klara hinüber, wenn sie wolle. Berger, sieh an! Klara entschied sich nicht für sein Boot, irgendwie wäre das unpassend gewesen, und nicht nur deshalb, weil Berger ihren Vater einmal übel verprügelt hatte. Der Schiffsbesitzer schüttelte den Kopf, sein Lächeln wurde höhnisch, er zuckte mit den Schultern und spuckte aus. Klara achtete gar nicht darauf, wem der Kahn gehörte, anscheinend war es ein junger Mann, eine seltsame weiße Gestalt, über dem weißen Hemd ein schwankes weißes Gesicht, doch sie überlegte nicht lange und stieg in das schlingernde Gefährt.
Schnell, schnell!
Das Boot glitt von der Mole weg, die Ruder klatschten laut auf das Wasser, schon trieben sie in der Strömung, Klara ließ das gegenüberliegende Ufer nicht aus den Augen, den silbrigen Vorhang der Weiden, die ins Wasser greifenden Wurzeln, die gelb glänzenden Sandbänke. Sie hatten die Mitte des Flusses erreicht, der wegen der wochenlangen Hitze schmal war, tückische Strudel wirbelten um ihr Boot. In der Uferbiegung erblickte Klara eine Menschengruppe, etliche Kähne hatten inzwischen angelegt, aus den nahen Lagerhallen kamen Arbeiter herbeigelaufen, offenbar war auch ihr Vater irgendwo dort. Ein Ruder spritzte ihr Wasser ins Gesicht, sie wischte es nicht ab.
Ist er tot?, fragte sie.
Der Mann im Boot nickte.
Wie ist er ans andere Ufer gelangt?
Er ist hinübergeschwommen.
Er konnte nicht schwimmen, antwortete Klara, ohne den Mann anzusehen.
Er kann trotzdem rübergeschwommen sein, gab der Mann zurück, und weil sie angekommen waren, sprang er ins Wasser, versank bis zur Hüfte und zog das Boot ächzend mit sich. Aus dem Menschenauflauf klangen ihnen Rufe entgegen, sie sollten sich beeilen! Klara erkannte zwischen den Beinen das Gesicht des Vaters. Er lebte nicht mehr. Trotzdem schien er sie anzusehen, mit diesem fremden, fürchterlichen Lächeln, das Klara selten gesehen hatte und doch so gut kannte. Die Angst presste ihr das Herz zusammen, dennoch trat sie näher. Wortlos gaben die Leute den Weg frei. Klara bückte sich und begann die Fingernägel des Vaters zu betrachten.
Wach auf, László Pelsőczy, wach auf, flüsterte sie.
Ein Käfer lief über die schlammbedeckte Stirn des Toten. Eine Hand legte sich auf ihre Schulter, und sie hörte die heisere Stimme von Imre, sei mir nicht böse, Klara. Ihr Mann bat sie um Verzeihung, als hätte er etwas mit dem Geschehenen zu tun. Klara wollte aufblicken, brachte es jedoch nicht fertig. Sie starrte von neuem auf die Finger, auf die eingerissenen Nägel des Toten.
Wach auf, László Pelsőczy!
Wach auf, László Pelsőczy!
Sie würde sich immer an die Menschen erinnern, die dicht gedrängt am Ufer standen, an ihre geröteten Gesichter, an das Brausen, das beim Anblick des herannahenden Schiffs aus der Menge stieg. Es war der September des Jahres 1833. Ein Fleischer, sie kannten ihn, warf seinen Hut in die Höhe, und Klara dachte, dass seine Hände auch jetzt noch blutig sein mussten, genauso wie in seinem Laden, wenn er dem Vater Schenkel und Schulterstücke anbot. Bei diesem Fleischer hatte ihr einmal ein Schweinekopf zugezwinkert, streichle mich, Kleine! Und sie tat es, sie streichelte den Schweinekopf, ja, sie gab ihm sogar einen Kuss, und das Schwein röchelte glücklich, bis der Fleischer sich vorbeugte, was führt Ihre Tochter da auf, Herr Pelsőczy?
Die Menschen sammelten sich bei der Mauer der Bierhallenkaserne, bevölkerten den Fischmarkt, selbst auf den Lichtungen der Hexeninsel drängten sie sich, sie kletterten auf die Bäume, um Ausschau zu halten. Der Vater hob Klara hoch, soll auch sie sehen, wie vom Südufer her Jungen gelaufen kamen, einige ohne Schuhe, Lehmklümpchen flogen ihren Fußsohlen hinterher, das Mädchen meinte die schmatzenden Geräusche zu hören. Einer der Jungen verhedderte sich in einem Fischernetz, verzweifelt gestikulierte er seinen Kameraden hinterher. Als der träge Schiffskörper auf der Höhe der Hexeninsel war, donnerten seine Mörser dreimal. Der Wind wehte ihnen leichte Wolken herüber. Vom stechenden Geruch des Schießpulvers musste Klara niesen, der Vater lachte, und sie sah unverwandt in den rasch verfliegenden Rauch.
Ich will mich an alles erinnern. Sie schloss die Augen. Und das, woran ich mich erinnern kann, soll mir helfen! Und auch was nicht wichtig ist, soll morgen wichtig sein! Alles soll wichtig sein!
An Deck des Schiffes schwenkte Graf István Széchenyi seinen Hut. Erschrocken sah das Mädchen den Vater an, er rang nach Luft, Klara hatte ihn noch nie so aufgewühlt gesehen. Nicht die Nähe des ambitionierten Grafen hatte ihn aus der Ruhe gebracht, das Schiff interessierte ihn, und nachdem es Anker geworfen hatte, bettelte er so lange, bis man ihn an Deck ließ, wo er dann aufgeregt den Maschinenraum und den Passagierbereich in Augenschein nahm, er streichelte das Steuerrad, den Fußboden und die Instrumente, betastete die Segeltaue, berührte vorsichtig die Stahlplatten des heißen Dampfschornsteins und des Rauchschornsteins, betrachtete die stampfende Dampfmaschine, um sich dann über die Treppe, die ins Schiffsinnere führte, in den Salon zu begeben, und von dort rief er, Klara, Klarika, das ist so wunderbar! Daran werden wir uns immer erinnern!
Als er den Kopf herausstreckte, sagte er nur: Dass du deiner Mutter nichts davon erzählst!
Was Pelsőczy vorhatte, war ebenso einfach wie absurd. Er musste Geld auftreiben, viel Geld. Und wer in seiner Umgebung, den er nicht schon angepumpt hätte, verfügte noch über beträchtliches und leicht bewegliches Kapital?! Nur ein einziger fiel ihm ein, Jónás Benedek, sein Schwiegervater, ein Grundbesitzer, der schon immer lamentierend auf mehr Geld saß, als er brauchte. Wenn die Rede auf Geld kam, hielt der Alte sich den Kopf und beklagte sich bitter. Dabei besaß er in Rochus ertragreiche Weingärten, und auf den Wiesen oberhalb der Stadt weideten seine fetten Herden. Dennoch nagten er und seine Frau fast am Hungertuch, und natürlich war auch die Mitgift seiner Tochter nicht so reichlich ausgefallen, wie Pelsőczy angenommen hatte.
An dem Abend, an dem die einheimischen Herrschaften Széchenyi mit Wein aus der Gegend bewirteten und den Grafen davon zu überzeugen versuchten, dass es ihn an einen der malerischsten Orte des ungarischen Vaterlands verschlagen hatte, kleidete sich Pelsőczy sorgfältig an. Margits Hand schob er weg. Sie senkte den Kopf. Nicht dass sie sich selbst leidgetan hätte, nein, sie weinte vor Hilflosigkeit. Als sie wieder aufsah, war ihr Mann verschwunden. Doch hatte ihn nicht die Nacht verschluckt; kurze Zeit später klopfte sich Pelsőczy vor Frau Lénis Gasthaus den Lehm von den Schuhen, drinnen nahm er nach einigem Halsverrenken neben einer langnasigen Gestalt Platz, bestellte Wein und trat in ernsthafte Unterhandlungen.
Herr Wurm widersprach und breitete theatralisch die Arme aus, oh, ich bitte Sie, was Sie verlangen ist unmöglich, Herr Pelsőczy!
Wurzelmama kann man in Liebesdingen nicht beeinflussen!
Pelsőczy verlor die Geduld, er schlug mit der Faust auf den Tisch, dass die Gläser tanzten, und das brachte ihn wieder zur Besinnung, er erging sich in blumigen Phrasen und machte allerlei Versprechungen. Wurm betrachtete seine schmutzigen Fingernägel, irgendwann nickte er gnädig.
Dann gibt es aber kein Zurück mehr, keine Ausreden, es sei nicht ernst gewesen! Mit Wurzelmama kann man keine Scherze machen! Das heißt, man kann, grinste Wurm, doch nur als Privilegierter.
Er kippte den restlichen Wein hinunter.
In Ordnung, Herr Pelsőczy, wir können es versuchen, doch alles hat seinen Preis. Sie wissen ja gar nicht, was für einen Preis!
Das war keine Drohung, Wurm wollte nur bedeutender scheinen, als er in Wirklichkeit war.
Als Wurzelmama am nächsten Vormittag auf dem Markt ihre Waren feilbot – gerade hatte sie ein paar Petersilienwurzeln und Kohlköpfe verkauft –, machte Wurm sich an sie heran, flüsterte ihr ins Ohr, er nahm sich sogar heraus, ihre Hüfte anzufassen. Einem anderen hätte sie für diese Dreistigkeit eins übergebraten. Wurm aber verdrehte die Augen und fuchtelte herum wie ein Dirigent. Wurzelmama schüttelte den Kopf, Wurm soll nur zu den Grillbuden gehen und sich was zwischen die Zähne schieben. Er stinke entsetzlich aus dem Maul und solle ihr vom Leib bleiben oder schweigen. Wurm wurde rot, doch jetzt drängte er sich erst recht an ihr Ohr und flüsterte ein einziges Wort, immer wieder, und starrte ihr ins Gesicht, bis sie weich wurde. Na endlich! Wurm trat ein paar Petersilienwurzeln zur Seite, ließ sich auf die Erde nieder und ringelte sich zusammen, wie die Schlangenmenschen, die mit ihrem Körper Kunststücke machen, worauf Wurzelmama ihn unter ihren Rock zog. Alles geschah so, wie es zu geschehen hatte, auch wenn Wurm sich zeitweise etwas laut aufführte. An diesem Tag verkaufte Wurzelmama nichts mehr. Sie saß nur da, ihr Rock warf Falten, glättete sich und begann wieder Wellen zu schlagen. Die letzten Karren waren Richtung Untere Stadt davongerumpelt, die Schatten verschmolzen mit dem flutenden Dunkel. Wurzelmama winkte dem Jungen, der sich wie eine Echse im Schatten eines nahen Baumes duckte. Sein Gesicht leuchtete weiß.
Ich sehe dich, Bürschchen, brummte sie.
Du möchtest wissen, was unter meinem Rock geschieht?
Du möchtest wissen, wer du sein wirst, wenn du groß bist, und was du nie sein wirst, wenn du groß bist?
Du möchtest wissen, ob man dich liebt oder hasst oder umbringt?
Das Kind schrie auf und rannte davon.
Echse, Echse, weiße Echse, gurrte Wurzelmama mit tiefer Stimme, sie griff unter ihren Rock und zerrte Wurm hervor, dessen Kopf die Farbe roter Rüben hatte, er prustete und grinste selig. Wurzelmama machte sich auf den Weg zum Hauptplatz. Am Himmel leuchtete die Wunde des Sonnenuntergangs, einzelne Sterne standen bereits im Lila der Dämmerung. Auf Umwegen gelangte Wurzelmama zum Gasthaus von Frau Léni, und dort musste sie nicht lange suchen. Entgeisterte Männer blinzelten ihr entgegen, jemand stellte hörbar sein Glas hin. Wer wagte es, sich zu räuspern, zu seufzen?! Wer flüsterte, der Sturm solle lieber morgen losbrechen, heute seien ihre Herzen und Arme schon müde?! Niemand, niemand! Wurzelmama kümmerte sich nicht um die Einwände der Gäste, sie pflegte ihre Entscheidungen nicht zu ändern. Ohne Zaudern zeigte sie auf ihren Auserwählten, befahl Jónás Benedek, den Vater von László Pelsőczys Frau, zu sich und nahm den Alten mit, nicht ohne den Zurückbleibenden zuzulächeln, während sie ihn durch die Gasthaustür hinausschob. Einen Tag lang dauerte die nette Zweisamkeit, die heimliche Gastfreundlichkeit, obgleich andere meist schon beim ersten Hahnenschrei fertig gewesen waren. Der vom Glück so reich beschenkte Benedek trat am Abend des nächsten Tages die Tür des Gasthauses auf, um in die plötzliche Stille hineinzuröcheln, man solle sofort den Hurenbock Pelsőczy holen!
Doch man musste niemanden holen. Pelsőczy kauerte in der Ecke, über ihm hing ein Bild, das ein Dampfschiff darstellte, neben ihm am Tisch saß Wurm und würfelte. Benedek schleppte sich bis zu dem Tisch, wie zu erkennen war, wollte er brüllen, brachte jedoch nur ein Röcheln zustande, sein Hals war von Wunden, Knutschflecken und Bissspuren übersät.
Wie viel?, presste er heraus.
Sehr viel!, wieherte Wurm und nahm einen hastigen Schluck von seinem Getränk.
Wie viel wäre denn möglich?, fragte Pelsőczy, er machte seinem Schwiegervater Platz und winkte dem Kellner. Der Alte schüttelte den Kopf und nahm die Verhandlungen in Angriff, an deren Ende Pelsőczy in den Besitz eines hübschen Sümmchens gelangt war. Dank dieses Geldes zählte man ihm weitere Darlehen in die Hand, Darlehen, die zu weiteren Darlehen führten, bis am Ende ein überzeugend wirkendes Grundkapital zusammenkam, das es in Wirklichkeit gar nicht gab, es existierte nicht, denn es war ja nur ein Fehlbetrag, gleichwohl konnte er damit von der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft einen kleineren, doch in passablem Zustand befindlichen Raddampfer erwerben.
Klara lachte wie ein glückliches Glöckchen.
Mein Töchterchen, prahlte der Vater, ein guter Geschäftsmann macht nicht mit Vorhandenem Geschäfte!
Sondern womit, Väterchen?!
Der gute Geschäftsmann macht Geschäfte mit nicht Vorhandenem! Und wenn er es richtig anpackt, dann ist auch das vorhanden, was bis dahin nicht vorhanden war!
Pelsőczys Unternehmung ging dem Betrieb der Theißdampfschifffahrtsgesellschaft mit den Dampfern Attila und Pannónia um Jahre voraus. Auf ihrer ersten Probefahrt an einem kühlen Morgen beförderte die Klara nur einige wenige Fahrgäste. Pelsőczy hatte das Schiff nach seiner Tochter benannt! Nebelschwaden zogen über den Fluss, die schreienden Möwen schienen das stampfende Dampfschiff ins Nichts zu führen. Pelsőczy war glücklich wie ein Kind. Das Licht des Vormittags vertrieb die Schwaden, und das herbstliche Ufer warf das Gekreische von Wurm zurück. Wurzelmama saß schläfrig in einem Lehnstuhl im Bug des Schiffes, Wurm lehnte an der Reling, sieh dir die riesigen Pappeln an, Mama, sieh, die Erlen, sieh nur!
Bei einer Furt tauchte Nero Koszta auf, er fuchtelte wütend mit den Armen.
Und was ist mit mir, ihr mittelmäßigen Hurenböcke?
Eine Probefahrt, Nero!, rief Pelsőczy.
Der Grasmusikant schüttelte die Fäuste, er verwünschte sie immer noch. Oberhalb von Csongrád machten sie halt und warteten auf Nero, der zum Schiff schwamm, sich an Deck wie ein Hund schüttelte und Klara anröchelte, die sich hinter ihren Vater flüchtete.
Der bei ihrer Ankunft in Szolnok herbeilaufende Hafenkommandant war überrascht, als nur ein einziger Fahrgast unsicheren Schritts an Land ging und ihm betrunken in die Arme fiel. Meistens machte die Klara in Szolnok kehrt, doch auf Wunsch der Fahrgäste fuhr sie auch flussaufwärts bis Tokaj, sich noch weiter zu wagen war nicht empfehlenswert, oberhalb war die Theiß nur für Kähne und Boote befahrbar. Klara war für ihr Leben gern mit ihrem Vater zusammen, und er nahm sie wann immer möglich auf seine geradezu vergiftend beglückenden Fahrten mit. Einfach war es nicht, denn Margit bot sämtliche Schliche ihres Unglücks, alle Schläue ihrer Verzweiflung auf, um zu verhindern, dass das Kind den Vater begleitete. Tränenüberströmt beteuerte sie, die Schiffspassagiere würden das Mädchen, das ohnehin zu viel träume und gefährliche Angewohnheiten annehme, mit ihren verworrenen Geschichten vollends durcheinanderbringen.
Nanu, brummte der Vater, was für Angewohnheiten sollen das denn sein?!
Sie steht stundenlang vor dem Spiegel und tut nichts anderes, als hin und her zu stolzieren und sich zu betrachten!
Aber ist das nicht weibliches Betragen, meine Liebe?!
Seine Frau gab nicht nach und wiederholte hartnäckig, der Dampfer könne ein Leck bekommen, untergehen, und sie würden umkommen! Das Kind könne ins Wasser fallen und von einem Strudel verschlungen werden oder sich im kalten Wind verkühlen, einen Sonnenbrand bekommen, sich vom Sand eine Krankheit holen. Pelsőczy lachte sie aus, du weißt doch, dass ich sogar unter Wasser durch den Fluss schwimmen kann, habe ich dir das noch nicht gesagt, Täubchen? Gereizt wandte sie sich ab, im Profil wirkte ihr Gesicht noch strenger. Er aber hatte genug von dem Streit, ließ die Hand des Mädchens los und ging allein fort.
Später erfuhr Klara, dass ihr Vater überhaupt nicht schwimmen konnte, er hatte niemals gewagt, auch nur einen Zeh in die Theiß zu stecken, so sehr graute ihm vor dem Wasser.
In anderen Fällen zeigte kein einziges ihrer Argumente Wirkung, auch das hartnäckigste Gezänk fruchtete nichts. Ein unangenehmer Zug trat auf seinem Mund hervor, und er entführte das Mädchen, Klara kam es vor, als ob sie durch die Straßen zum Hafen flöge, die über die Rinnsale gelegten Latten mit den Füßen gar nicht berühre und von allen Leuten angestaunt werde. Sie schrie, gellend wie eine glückliche kleine Pfeife. Der Vater hielt abrupt inne und hauchte ihr den bitteren Duft des Tabaks ins Gesicht.
Wohin gehen wir, sag!
Auf einen Ball, so kommt es mir vor, flüsterte die Kleine.
