Blut für Blut - Julie Hastrup - E-Book

Blut für Blut E-Book

Julie Hastrup

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Beschreibung

Die bekannte Sozialarbeiterin Kissi Schack wird brutal misshandelt und ermordet aufgefunden. Gleichzeitig erschüttert eine Serie bestialischer Vergewaltigungen Kopenhagen, die große Ähnlichkeit mit einem früheren Verbrechen hat. Rebekka Holm ermittelt zusammen mit ihren Kollegen Reza Aghajan und Niclas Lundell in zwei Fällen, die sich mit Fortschreiten der Ermittlungen allmählich zu einem nicht enden wollenden Albtraum verflechten …

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Mehr über unsere Autoren und Bücher:

www.piper.de

Übersetzung aus dem Dänischen von Hanne Hammer

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage November 2012

ISBN 978-3-492-95878-3

© Julie Hastrup und Bazar Forlag ApS, Kopenhagen 2009

Titel der dänischen Originalausgabe:

»En torn i øjet«

© der deutschsprachigen Ausgabe:

2012 Piper Verlag GmbH, München

Umschlagkonzept: semper smile, München

Umschlaggestaltung: Cornelia Niere, München

Umschlagmotiv: Cornelia Niere (Artwork); Ayal Ardon/Arcangel Images/plainpicture (Frau)

Datenkonvertierung E-Book: Kösel, Krugzell

Montag, der 27. Juni 1988

Liebes Tagebuch

Charlotte ist tot.

Sie wurde vergewaltigt und ermordet.

ERMORDET.

Ich verstehe das nicht.

Gestern Morgen hat die Polizei bei uns geklingelt.

Mutter und Vater weinen die ganze Zeit.

Ich möchte auch weinen, aber ich kann nicht.

Søs

Donnerstag, 19. Juni

John-Erik Müller holperte auf dem neuen Rasenmäher ­vorsichtig an dem unebenen Wallgraben des Kastells entlang. Die Maschine unter ihm schnurrte rhythmisch, und er wiegte sich behaglich in seinem Sitz hin und her, während die scharfen Messer sich durch das hohe Gras pflügten.

Nach mehreren Tagen mit heftigen Regenfällen stand die Sonne hoch am Himmel, die grünen Baumkronen stießen gegen die blaue Himmelsdecke, und die Vögel zwitscherten laut. Das Wasser des Grabens, das normalerweise braun und trübe aussah, hatte die Farbe der Bäume angenommen und glitzerte klar, fast einladend. Obwohl die alte Festung mitten in Kopenhagen lag, war der Lärm der Autos und Züge nur als schwaches, monotones Rauschen zu hören. Ein Eichhörnchen huschte einen Baumstamm hoch, und das grüne, feuchte Gras vibrierte vor Insekten, als wäre es ein lebendiger Teppich. John-Erik stellte die Maschine einen Augenblick aus, er wollte die Schönheit mit einer wohlverdienten Zigarette genießen. Er suchte in dem steifen grünen Arbeitsanzug nach der Packung, zog das halb zerknüllte Päckchen Cecil hervor und schlug routiniert eine Zigarette heraus, die er mit einem kleinen hellroten Feuerzeug anzündete. Herrgott noch mal, in dem Kiosk hatten sie keine anderen Farben zur Auswahl gehabt; die junge Verkäuferin hatte ihn bedauernd angesehen, doch ihm war das gleichgültig. Ich bin wohl Manns genug, um ein hellrotes Feuerzeug haben zu können, hatte er sich gesagt, obwohl er sich bei genauerem Nachdenken durchaus vorstellen konnte, dass seine neuen Kollegen ihn damit aufziehen würden. Er zuckte mit den Schultern, sog den Rauch bis tief in die Lungen und spürte das leichte, wohlbekannte Kratzen im Hals. Er räusperte sich und schaltete den Rasenmäher wieder ein. Er musste weitermachen, vor ihm lagen noch viele Stunden Arbeit, bevor er Feierabend hatte. Er hustete, und ein scharfer Schmerz bohrte sich plötzlich in seinen Rücken und stocherte in seinem schlechten Gewissen. Impulsiv warf er die Zigarette fort. Er dachte an diese lächerliche Arbeitsvermittlung oder die Jobbörse, wie sie jetzt hieß. Als ihm im Frühjahr von der Gärtnerei gekündigt worden war, hatte er gehofft, das nächste Jahr bis zu seiner Pensionierung von dem Arbeitslosengeld leben und sich einen schönen Lenz machen zu können. Aber nein, das ging nicht, hatte ihm eine eifrige pausbäckige Frau bei ihrem ersten Informa­tionsgespräch erklärt. So ein gesunder sechzigjähriger Mann mit so viel Erfahrung als Gärtner konnte doch nicht so lange dem Müßiggang frönen. Dem Müßiggang frönen, hatte sie lachend wiederholt und ihn angesehen. Er hatte nur stumm genickt, während er beobachtet hatte, wie sich ihr Kinn bewegte, als sie ihm mit ausladenden Hand­­bewegungen etwas über die Verfügbarkeit, den aktuellen ­Arbeitsmarkt und, was am wichtigsten war, die korrekte Arbeitssuche erzählte. Kurz darauf hatten sie ihm den Job als Dienstleistungsmitarbeiter auf dem Kastell angeboten, und er war widerwillig erschienen.

Es war nun vier Monate her, dass er angefangen hatte, und obwohl es ihm immer noch gegen den Strich ging, ­arbeiten zu müssen, musste er zugeben, dass genau dieser Job gut zu ihm passte. Wenn es denn sein musste. In seiner Dienstleistungseinheit waren sie zu fünft, alles Männer, und sie verrichteten ihre Arbeit, die schlicht und einfach darin bestand, sich um die Bepflanzung und die Instandhaltung des ihnen zugeteilten Bereichs zu kümmern, mehr oder weniger selbstständig.

Der Duft des Grases kitzelte in der Nase, und eine frühe Erinnerung drängte sich ihm plötzlich auf. Er war ungefähr vier, fünf Jahre alt und lag in dem frisch gemähten Gras hinter seinem Elternhaus, einem baufälligen kleinen Hof auf Fünen. Die Sonne schien gelb und aufdringlich, die Luft war voller Graspollen, die in der Nase kitzelten, die Bienen summten schläfrig um ihn herum, und er er­­innerte sich an das Gefühl von Frieden. Der Augenblick stand ihm fünfundfünfzig Jahre später noch klar vor ­Augen, eine seltene Zufluchtsstätte vor den sorgenvollen Augen der Mutter und den harten Fäusten des Vaters.

John-Erik war ganz in seine Kindheitserinnerungen versunken, als der Rasenmäher plötzlich gegen etwas stieß, das im Gras lag. Verärgert gab er Vollgas und merkte, wie sich der Wagen unter ihm aufbäumte bei dem Versuch, das Hindernis zu überwinden.

»Verdammt«, brummte er verärgert und gab noch mehr Gas. Mit einem lauten Dröhnen bewältigte der Mäher das Hindernis, und John-Erik spürte, wie viele kleine Tropfen sein Gesicht benetzten. Regnete es schon wieder? Er warf einen schnellen Blick zum Himmel, wo die Sonne noch genauso intensiv schien wie vorher. Woher zum Teufel kamen die Tropfen dann? Ärgerlich wischte er sich das Gesicht ab und bemerkte die rote Spur auf seinem Handrücken. John-Erik Müller starrte verwundert seine Hand an, dann blickte er an seinem grünen Arbeitsanzug hinunter. Er war voller klitzekleiner dunkelroter Spritzer. Wie in Zeitlupe beugte er sich in seinem Sitz vor und sah, dass die großen Messer mit etwas Rotem beschmiert waren. Es sah aus wie Blut. Er schluckte, das Herz hämmerte in seiner Brust, und der Schweiß brach ihm am ganzen Körper aus. Er musste ein Tier angefahren haben. Der Rasenmäher lief im Leerlauf, und er drückte schnell den Nothalteknopf. Der Mäher blieb mit einem schweren Seufzen stehen, und er stieg langsam ins Gras hinunter. Er stützte sich mit einer Hand an der Maschine ab, weil seine Beine so stark zitterten, dass er kaum gehen konnte. Er tat ein paar zögerliche Schritte in dem hohen Gras und trat auf etwas. Er blickte hinunter. Unter seinem Holzschuh lag ein Arm. Ein Menschenarm. Erschrocken wich er zurück, und sein gellender Schrei ließ alle Vögel in der Umgebung mit lautem Kreischen auffahren.

Er sah noch einmal hin, ohne Atem zu holen. Es war eine Frau. Sie lag in dem hohen, feuchten Gras verborgen, halb unter dem großen Rasenmäher. Sie lag auf dem Bauch und trug einen langen schwarzen Regenmantel. Das Gesicht oder das, was noch davon übrig war, war zur Seite gedreht und nur noch eine rötliche Masse mit vielen Grashalmen darin, in der man gerade noch eine zerschmetterte Nase und einen halb offenen blutigen Mund erkennen konnte. Ihr Haar war rotbraun gefärbt, ihm fiel der graue Ansatz oben auf dem Kopf auf. Sie hätte bald zum Friseur gemusst, dachte er, dann schüttelte er über sich selbst den Kopf. Wie konnte er jetzt an den Friseur denken.

Er kniete sich hin und beugte sich vorsichtig vor, um zu sehen, wie viel Schaden der Rasenmäher angerichtet hatte. Der linke Mantelärmel war abgerissen, und dort, wo der Arm hätte sitzen sollen, waren nur noch ein Klumpen ausgefranstes Fleisch, Blut und ein dicker weißer Knochen. John-Erik wurde von heftiger Übelkeit übermannt, und er erbrach sich auf die Frau, den Rasenmäher und seine Holzschuhe.

Als er sich kurz darauf wieder gefasst hatte, stellte er überrascht fest, dass er weinte. Er weinte in der Erkenntnis, dass er, John-Erik Müller, einen anderen Menschen getötet hatte. Er erkannte, dass sich die Prophezeiung seines Vaters endlich erfüllt hatte. Während seiner gesamten Kindheit und Jugend hatte er, der einzige Sohn, den verbalen Terror seines Vaters zu spüren bekommen. Er war ein Verlierer, unbegabt und untauglich. Er würde in der Gosse enden­ – als Dieb oder so oder noch schlimmer. Er sah den Mund seines Vaters vor sich, aus dem die bösen Worte zwischen kleinen, weißen Speicheltröpfchen herausdrängten. Bis jetzt hatte John-Erik geglaubt, dem Fluch entkommen zu sein, in den letzten Jahren hatte er sich sogar langsam entspannt. Teils weil der Vater schon lange tot war, teils weil er auf ein langes Leben ohne eine einzige Gesetzesübertretung zurückblicken konnte. Bis jetzt. Er starrte auf die blutige Masse im Gras, und für den Bruchteil einer Sekunde erwog er abzuhauen. Er sah sich schnell um; wie es schien, war niemand in der Nähe, und sein Körper spannte sich wie ein Flitzebogen, bereit zur Flucht. Dann ging ihm die Unmöglichkeit seines Plans auf. Er war morgens gekommen und hatte sich in die Buchungsliste für den neuen Rasenmäher, einen John Deere 1565, eingetragen. Jetzt stand die Maschine hier, mit einer toten Frau unter dem Mähwerk. Langsam schüttelte er den Kopf. Er musste sich stellen und gestehen.

____

»Au, tun die Rippen noch weh.« Rebekka wand sich unter den kräftigen Händen des Physiotherapeuten und spürte, wie Handflächen und Fußsohlen schweißnass wurden, eine Reaktion, die sich regelmäßig einstellte, wenn sie massiert wurde.

»Auf der rechten Seite sind die Rippen noch immer verschoben, und deine Schulter ist steinhart. Doch wenn man bedenkt, dass du acht Meter tief von dem Gerüst gefallen bist, bist du trotz allem billig davongekommen.«

Der Physiotherapeut bohrte einen Finger in den Schultermuskel, und Rebekka wand sich vor Schmerzen.

»Das weiß ich«, stöhnte sie.

Es war knapp zehn Monate her, dass sie bei der Ermittlung in einem Mordfall in Ringkøbing auf einem Gerüst überfallen worden war. Sie war bei dem Sturz mit einer Gehirnerschütterung, einer gebrochenen Nase, ein paar angeknacksten Rippen und einer ausgerenkten Schulter davongekommen, doch sie hatte noch regelmäßig Schmerzen in Schulter und Rippen, weshalb sie hin und wieder Jørgen aufsuchte, der sich besonders auf Schulter- und Brustmuskulaturprobleme verstand.

»Entspann dich, während ich dich massiere, Rebekka. Du bist immer so angespannt«, sagte er, und sie lachte laut.

»Da hast du recht. Ich glaube nur, dass ich leider so geboren bin.«

»Ich habe dir doch gesagt, dass du versuchen sollst, mehr zu entspannen. Ich dachte, du hättest durch deinen Jobwechsel etwas mehr Ruhe. Als du bei der mobilen Spezialeinheit warst, warst du ununterbrochen unterwegs.«

»Wie der Name schon sagt.« Rebekka lächelte gequält zu Jørgen hoch, der ihre schmerzenden Muskeln durchknetete. Vor fünf Monaten hatte sie ihren Job als Ermitt­lerin bei der mobilen Spezialeinheit gekündigt, um Teil des Ermittlerteams der Mordkommission Kopenhagen zu werden, ein Jobwechsel, der sie mit der Zeit immer mehr freute.

»Es ist schön, nicht mehr die ganze Zeit unterwegs zu sein, aber zu tun ist genauso viel. Und da ich noch immer neu bin, gibt es auch noch immer Kollegen, die ich noch kennenlernen, und diverse Arbeitsgänge, in die ich mich noch einarbeiten muss. Es ist trotz allem einige Jahre her, dass ich zuletzt hier gearbeitet habe«, fügte sie hinzu und dachte an ihre Praktikumszeit in der Mordkommission, wo sie ernsthaft Geschmack daran gefunden hatte, sich mit Mordfällen zu beschäftigen.

»Hast du wenigstens etwas mehr Zeit für die Liebe? Dein Jobwechsel hat doch wohl auch etwas mit diesem Michael zu tun?«

»Ja, jetzt können wir uns etwas häufiger sehen, und apropos Michael, er kommt heute Nachmittag und bleibt das Wochenende über.«

Rebekka hatte Michael bei ihrem Aufenthalt in Ringkøbing kennengelernt. Michael war dort Kommissar bei der Polizei. Er und Rebekka hatten sich vom ersten Moment an gut verstanden und bei dem komplizierten Mordfall eng zusammengearbeitet. Es waren ein paar einschneidende Wochen für sie gewesen. Sie war in der westjütischen Stadt geboren und aufgewachsen, doch obwohl ihre Eltern in der Stadt wohnten, war sie sechzehn Jahre nicht mehr dort gewesen. Die Konfrontation mit der Vergangenheit samt der hektischen Ermittlung hatten an ihr gezehrt, und Michael hatte sich als große Stütze erwiesen. Sie hatten sich ineinander verliebt und waren eine Fernbeziehung eingegangen. Michael lebte in Ringkøbing, wo er auch Teilzeitvater für seine siebenjährige Tochter Amalie war, und Rebekka in Kopenhagen, wo sie den größten Teil ihrer Zeit im Polizeipräsidium verbrachte.

Rebekka zögerte kurz und fügte hinzu: »Eigentlich bin ich vor allem von der mobilen Spezialeinheit weggegangen, weil ich dort meine Fähigkeiten nicht richtig ein­setzen konnte. Ich wollte schließlich mit Mordfällen ar­­beiten, doch seit der Polizeireform beschäftigt sich die Spezialeinheit hauptsächlich mit Bandenkriminalität und Menschenhandel, und das bedeutet, dass es immer seltener einen Mordfall aufzuklären gibt. Leider. Aber ich bin froh über meinen Entschluss, ich glaube, dass er für mich richtig war.«

»Habt ihr viel zu tun im Moment?«

Rebekka lachte leise. Als Ermittler hatte man immer viel zu tun.

»Ja, das haben wir. Ich arbeite, wie gesagt, an dieser Vergewaltigungssache in der Toldbodgade vom Samstag.«

»Ach ja, davon habe ich in der Zeitung gelesen. Die Frau wurde in einem Hinterhof niedergeschlagen und vergewaltigt. Das ist schon unheimlich …«

Sie wurden von Rebekkas Handy unterbrochen, das drüben in ihrer hellgrauen Lederjacke brummte, und der Physiotherapeut fischte es aus der Jackentasche und gab es ihr mit einem leichten Kopfschütteln.

»Entschuldigung.« Sie nahm es mit einem dankbaren Lächeln entgegen. »Rebekka.«

Es war der Chef der Mordkommission, Henrik Brodersen. »Rebekka, wir haben bei dem Wallgraben auf dem Kastell nahe dem Bahnhof Østerport eine Leiche gefunden. Es handelt sich höchstwahrscheinlich um Mord. Wir haben es mit einer Frau mittleren Alters zu tun, und wie es aussieht, sind Gesicht und Kopf brutal misshandelt worden. Die Situation ist leicht chaotisch, weil einer der Gärtner oder Dienstleistungsangestellten des Kastells, wie sie jetzt heißen, mit seinem Rasenmäher über die Leiche gefahren ist. Wir sind gerade dabei, uns einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Wir wissen jedoch mit Sicherheit, dass das Überfahren nicht die Todesursache ist. Das Opfer war nach Einschätzung des Arztes bereits seit mindestens fünf Stunden tot. Rebekka, du bist nicht länger für die Vergewaltigungssache in der Toldbodgade zuständig. Komm sofort her – Reza ist auch bereits unterwegs.«

»Ich komme«, sagte Rebekka und nahm die letzten praktischen Informationen entgegen, bevor sie auflegte. Sie spürte ein erwartungsvolles Kribbeln im Bauch, das sich jedes Mal einstellte, wenn sie in einem Mordfall ermitteln sollte. Das Adrenalin pumpte durch den Körper, die Sinne wurden schärfer, und die Umgebung nahm deut­lichere Konturen an. Eifrig sprang sie von der Liege und zog sich an, als ihr einfiel, dass Michael in wenigen Stunden zu ihrem geplanten romantischen Wochenende eintreffen würde. Sie würde es vermutlich nicht schaffen, zu Hause zu sein, wenn er am Nachmittag auftauchte. Sie rieb sich die Stirn und sah Jørgens aufmerksamen Blick auf sich ruhen.

»Probleme?«

Rebekka schüttelte langsam den Kopf.

»Keine Probleme – nur Herausforderungen, könnte man sagen. Das ist wieder einmal typisch, Michael und ich ­haben uns drei Wochen nicht gesehen, und als wir uns das letzte Mal gesehen haben, war seine Tochter, Amalie, bei uns. Sie ist ein süßes Mädchen, aber es ist trotzdem nicht das Gleiche, wie wenn wir alleine sind. Jetzt ist er endlich auf dem Weg hierher, und ich habe einen Mord.«

»Was ist passiert?«

»Man hat beim Kastell eine Frau gefunden. Tot. Nun gut, es kann sein, dass das gar nichts für uns ist. Es kann sich schließlich auch um einen Unfall handeln«, sagte sie und winkte Jørgen zu.

»Ich rufe an und mache einen neuen Termin.«

»Du kommst, wenn du kommst«, antwortete der Physiotherapeut und warf die Handtücher mit einer routinierten Bewegung in den Wäschekorb.

____

»Es sieht ganz so aus, als ob die Tote Kissi Schack ist, du weißt schon – diese Sozialarbeiterin aus den Medien.« Kommissar Reza Aghajan kam Rebekka atemlos entgegen, als sie zehn Minuten später am Haupteingang des Kastells eintraf. Die Luft war feucht und schwarz vor Insekten, und Rezas kurze dunkle Haare, auf die er gewöhnlich viel Zeit verwandte, damit sie auf die richtige Weise vom Kopf abstanden, lagen flach an und glänzten vor Schweiß. Das ganze Gebiet war mit dem typischen Plastikband der Polizei abgesperrt, und davor parkten eine größere Anzahl von Polizeiwagen, ein Rettungswagen und der dunkelblaue VW-Transporter der Kriminaltechniker.

»Kissi Schack?«, wiederholte Rebekka und runzelte die Stirn. Der Name kam ihr irgendwie bekannt vor, obwohl sie nicht sofort das entsprechende Gesicht dazu hatte.

Reza nickte eifrig. »Du weißt sofort, wer sie ist, wenn du sie siehst … das heißt vielleicht auch nicht, so wie sie jetzt aussieht, ihr Kopf ist eine einzige blutige Masse, aber das ist die, die sich immer für die Einwandererfrauen einsetzt, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind. Auf Amager hat sie eine Zufluchtsstätte nur für diese Frauen gegründet. Sie hat wirklich Mut. Ich habe großen Respekt vor ihr.«

»Wie sicher seid ihr euch, dass sie es ist?«, fragte Rebekka, während sie mit großen Schritten dem Eingang zustrebte. Wenn es um die fragliche Frau ging, würde das ein beachtliches Presseaufgebot bedeuten, was die Ermittlungen gegebenenfalls stören, ja, nahezu behindern konnte, wenn die Zeitungen Geschichten und Bilder brachten, die mehr auf den Vermutungen der Reporter als auf den Fakten beruhten. Sie näherten sich dem Tatort, und Rebekka sah mehrere weiß gekleidete Gestalten oben auf der Festung herumspazieren. Das waren die Kriminaltechniker, die Spuren sicherstellten.

Reza versuchte atemlos mit ihrem Tempo Schritt zu halten. Der Schweiß lief ihm über das Gesicht, und der weiße Schutzanzug klebte an seinem kräftigen Körper.

»Wir haben sie natürlich noch nicht endgültig identifiziert, doch nach Kreditkarte und Führerschein in der Tasche der Toten zu schließen, ist es Kissi Schack. Kissi ist zwar nur ihr Kosename – aber die meisten würden nicht einmal ahnen, wer sie ist, würde man von Kirsten Schack sprechen.«

Sie wurden durch die Absperrung gewunken und stiegen die Treppe zum Wall hoch. Reza zeigte zu einer alten Mühle hinüber.

»Sie liegt da drüben in der Ecke, am Fuß des Hangs unten­ am Wasser, direkt unter der Kongens Bastion. Pass auf, dass du nicht ausrutschst, durch den Regen in den letzten Tagen ist es da unten ziemlich matschig. Und mach dich darauf gefasst, dass die Leiche ziemlich übel zugerichtet ist. Ein Chaos aus Blut, Knochen, Gras und Erbrochenem.«

Er verdrehte seine dunkelbraunen Augen, und Rebekka lächelte. Sie hatte in den letzten Monaten eng mit Reza zusammengearbeitet, und sein Hang, alles zu dramatisieren, war in der Mordkommission legendär. Er war offen, gesprächig und gestikulierte wild, aber trotz ihrer Unterschiedlichkeit hatte sie ein gutes Bauchgefühl. Er würde ein guter Partner werden, das wusste sie genau.

Sie liefen den Wall entlang. Die Kriminaltechniker hatten das Gebiet weiter vorne in Felder aufgeteilt und arbeiteten sich methodisch von außen nach innen vor, während sie die diversen Spuren sicherten. Es würde nicht leicht werden, etwas zu finden, da es tagelang geregnet, um nicht zu sagen geschüttet hatte, doch man sollte nie nie sagen. Der Chef der Mordkommission, Henrik Brodersen, kam ihnen eilig entgegen. Er war groß und muskulös, und Rebekka­ begegnete über dem Mundschutz seinen charak­teristischen grauen Augen. Er nickte ihnen ernst zu und reichte ihr einen Schutzanzug, in den sie schnell schlüpfte. Sie zog Mundschutz, Handschuhe und Überschuhe an und war bereit, den Fundort der Leiche zu betreten.

»Sie liegt da unten.« Brodersen deutete den Abhang hinunter, und Rebekka trat einen Schritt vom Weg an den Rand des Walls und blickte hinunter. Gut zehn Meter tiefer, nahe dem Wallgraben, der die Festung umgab, konnte sie neben einem großen, professionellen Rasenmäher ein schwarzes Bündel ausmachen. Ein Rechtsmediziner stand über die Leiche gebeugt, und ein paar Techniker liefen vorsichtig durch das Gras und fotografierten die Fundstelle minutiös.

»Tatort und Fundstelle sind nicht identisch. Wir sind sicher­, dass das da der Tatort ist.« Brodersen zeigte auf ein Areal von gut fünf mal fünf Metern, das hinter einer alten Mühle versteckt lag. »Die Techniker haben ein paar Tropfen Blut auf der Kanone da gefunden, sie könnten von der Toten sein.«

Rebekka sah sich die mannshohe Kanone an, die in einem­ kleinen Areal auf Kopfsteinpflaster montiert war. Am hinteren Ende der Kanone war einer der Steine gespalten, das obere Stück fehlte. Brodersen folgte ihrem Blick.

»Wie du siehst, steht die alte Kanone auf einer Reihe von Pflastersteinen, von denen einer teilweise fehlt; das könnte die Tatwaffe sein, aber wir wissen natürlich noch nichts. Anschließend hat der Täter ihr vermutlich einen kräftigen Schubs gegeben, sodass sie den Hang hinuntergestürzt ist. Aber das ist nur eine Vermutung, wir müssen sehen, was die weiteren Untersuchungen ergeben.«

»Wie kommen wir da runter?«, fragte Rebekka.

»Durch diese Tore. Wir müssen durch das Kastell.«

Sie verließen den Weg, und einer der Soldaten des Kastells deutete auf ein rotes Tor, das auf den Wallgraben hi­nausführte. Vorsichtig traten sie auf das frisch gemähte Gras und gingen schweigend weiter. Die Sonne schien, und auf der anderen Seite des Wallgrabens lag ein öffent­licher Spielplatz, auf dem ein paar kleine Kinder in seliger Unwissenheit, was einige Hundert Meter weiter vor sich ging, schaukelten. Sie kamen zu dem verlassenen Rasenmäher, der im hohen Gras stand.

»Verdammt, der hat aber ganze Arbeit geleistet. Hier ist ja überall Blut.« Das grüne Blech des Rasenmähers war mit Blutspritzern übersät, die rotierenden Messer waren blutverschmiert, und hier und da sah man Knochensplitter. Rebekka wurde bei dem Anblick übel, und sie atmete tief durch.

»Einer der Gärtner ist in die Leiche gefahren. Er heißt John-Erik Müller. Er hat einen Schock bekommen, als er gesehen hat, dass er eine Frau überfahren hat. Er hat geglaubt, dass er sie umgebracht hat. Wir werden ihn später verhören«, sagte Brodersen. Der Rechtsmediziner, ein dicker Mann mittleren Alters, an den Rebekka sich noch aus ihrer Praktikantenzeit erinnerte, kam ihnen entgegen. Er wischte sich mit einer behandschuhten Hand den Schweiß von der Stirn.

»Es war Mord, daran besteht kein Zweifel. Sie hat einen so festen Schlag auf den Hinterkopf bekommen, dass sie eine Schädelfraktur hat. Darüber hinaus hat sie ein paar kräftige Schläge ins Gesicht und auf den Kopf bekommen. Und zwar so fest, dass mehrere Gesichtsknochen an ei­nigen Stellen eingedrückt sind. Die verschiedenen Ein­kerbungen lassen darauf schließen, dass ein größerer, scharfer Gegenstand benutzt wurde.«

»Könnte es sich um einen kleineren Pflasterstein handeln? Einer der Pflastersteine oben bei der Kanone ist ­kaputt, und die eine Hälfte fehlt. Wir reden von einem ungleichmäßigen Stein von gut zehn mal zehn Zentimetern mit scharfen Kanten.«

Der Rechtsmediziner nickte.

»Das könnte durchaus der Fall sein. Ich muss mir die Steine nachher ansehen.« Er zeigte den Wall hinauf und fügte hinzu: »Die Stellung, in der das Opfer liegt, lässt darauf schließen, dass sie sich bei dem Sturz auch das Genick gebrochen haben kann, doch das muss das MRT erst bestätigen. So, wie es jetzt aussieht, ist die eigentliche Todesursache schwer auszumachen. Aus den Verletzungen im Gesicht und am Kopf hat sie stark geblutet, und ihr linker Arm ist von der Schulter abgetrennt. Zu der Amputation ist es nach Todeseintritt gekommen, der Schaden geht auf das Konto des Rasenmähers.« Er seufzte und kratzte sich den Nasenrücken, bevor er fortfuhr: »Die Leiche ist, wie ihr riechen könnt, mit Erbrochenem bedeckt, das von dem Gärtner stammt, der sie gefunden hat, aber das wisst ihr ja bereits.«

»Lässt sich etwas zum Todeszeitpunkt sagen?«, fragte Rebekka und schaute zum Rechtsmediziner hin, der in seinem weißen Schutzanzug kräftig schwitzte.

»Ich kann euch eine vorläufige Einschätzung geben. Wie ihr seht, sind auf den Flächen, die nach unten zeigen, leichte Leichenflecken zu sehen, die jedoch teilweise verschwinden, wenn man mit dem Finger daraufdrückt, und die Beine sind durch die Totenstarre noch nicht ganz steif.«

Er beugte sich vor und zeigte ihnen, dass er das Knie­gelenk der Leiche mühelos bewegen konnte. Dann richtete er sich wieder auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Wenn ich das mit meinen Temperaturmessungen von der Leiche und der Umgebung in Verbindung bringe, die ich um 12 Uhr 35 vorgenommen habe, würde ich schätzen, dass sie zwischen fünf und neun Stunden tot ist. Der Todeszeitpunkt liegt zwischen 3 Uhr 30 und 7 Uhr 30 morgens, aber wir haben genauere Daten, wenn wir das Ganze in Hensges Nomogramm plotten.«

Rebekka nickte. Sie hatte nie richtig verstanden, wie die Rechtsmediziner den Todeszeitpunkt berechneten, doch ihre Einschätzungen erwiesen sich meistens als richtig. Sie kniete sich hin und sah sich die Tote genau an. Die Frau trug einen schwarzen Regenmantel aus dickem, glänzendem Gummi in einem Marimekko-Muster, enge graue Jeans, eine hellgraue Kaschmirjacke, und an den Füßen hatte sie schwarze Hunter-Gummistiefel. Der rechte Arm war intakt, und Rebekka sah sich die gepflegte Hand an, an Zeige- und Ringfinger steckten zwei funkelnde Diamantringe, und am Handgelenk trug sie eine Tag-Heuer-Uhr. Obwohl Rebekka sich nicht sonderlich für Mode interessierte, sah sie genau, dass es sich um eine gut situierte Frau mittleren Alters handelte, die Wert auf tadellose Kleidung gelegt hatte. Rebekka blickte zu Brodersen hoch: »Was habt ihr sonst noch gefunden?«

»Nicht viel. Ein paar Meter von der Leiche entfernt haben­ wir einen schwarzen Regenschirm gefunden, der vermutlich ihr gehört und den sie bei dem Sturz verloren haben muss. Sie hatte kein Geld bei sich und auch kein Handy, lediglich ihre Schlüssel und eine kleine Tasche mit Führerschein, Versicherungskarte und einer Visa-Karte. Sonst nichts.« Brodersen wandte sich erneut an den Rechtsmediziner.

»Gut. Wenn ihr mit der Untersuchung des Fundorts fertig­ seid, könnt ihr direkt in die Rechtsmedizin fahren. Wir sehen zu, dass das Opfer im Lauf des Tages endgültig identifiziert und dass so schnell wie möglich mit der Obduktion begonnen wird.« Der Rechtsmediziner nickte, und Brodersen sah Rebekka und Reza an.

»Die Ermordete wohnte in einem Genossenschaftshaus in der Jens Juels Gade, das ist gleich hier drüben im Kar­toffelrækkerne-Viertel. Dem Einwohnermeldeamt zufolge hat sie alleine gewohnt. Wir müssen die engste Familie informieren, und haltet um Gottes willen die Medien aus der Sache heraus. Sie war schließlich in Pressekreisen keine Unbekannte, das gibt einen Skandal, wenn etwas über ihren­ Tod durchsickert, bevor alle Angehörigen unterrichtet sind.«

Ein Reiher landete mit einem lauten Schrei einige Meter von ihnen entfernt. Brodersen räusperte sich kräftig.

»Wir unterrichten jetzt die Angehörigen. Ihr fahrt zu ihrem­ Haus in der Jens Juels Gade.« Er warf Reza das Schlüsselbund zu, der es mit einer Hand auffing.

»Soll ich sie für den Transport fertig machen?« Der Rechtsmediziner wandte sich an einen der Kriminaltechniker und hielt den abgetrennten Arm in der Hand. Rebekka wurde bei dem Anblick schwindelig. Sie stupste Reza in die Seite.

»Komm, sehen wir uns ihr Haus an. Vielleicht finden wir da etwas von Interesse.«

»Ja, machen wir, dass wir wegkommen«, murmelte Reza und eilte zum Ausgang.

____

Jerome Lefevre öffnete den Deckel des Pappkartons. Er war gerade zur Tür hereingekommen, nachdem er die präkolumbianische Maske bei Oliver Antik in der Holbergsgade abgeholt hatte. Auf dem Rückweg hatte er gesehen, dass es oben auf dem Kastell vor Polizei wimmelte, und der Anblick hatte ein heftiges Unbehagen in ihm ausgelöst. Was zum Teufel mochte da passiert sein? Wahrscheinlich irgendeine mili­tärische Übung, überlegte er und entfernte vorsichtig Watte und Seidenpapier von der 1000 Jahre alten Maske. Er hatte sie sich seit Wochen gewünscht, war viele Male an dem Laden vorbeigegangen und hatte verstohlene Blicke durch das Eisengitter geworfen, um einen Blick auf sie zu erhaschen. Die Maske war selten, der Preis gepfeffert, aber das musste ja niemand erfahren. Das Wichtigste war, dass sie dem Wohnzimmer den nötigen Pfiff geben würde. Er stellte die geschnitzte Holzmaske auf das Montana-Regal und trat ein paar Schritte zurück, um das Arrangement zu begutachten. Die kleinen Spots von dem Jorn-Gemälde darüber­ vollendeten den Eindruck. Perfekt. Er spürte die Freude in seinem Bauch kribbeln. So ging es ihm immer, wenn es ihm gelang, die Welt etwas schöner zu machen. Es war ein Talent, das er von Kindesbeinen an gehabt und das er mit den Jahren so weit entwickelt hatte, dass er davon leben konnte. Le grand décorateur.

»Exquisite. You have an exquisite taste, love.« Liam stand in der Tür zum Wohnzimmer und lächelte ihm anerkennend zu. Er hatte ein weißes, eng sitzendes T-Shirt an, das seinen markanten Brustkorb betonte, und die schwarze Lederhose saß stramm um die muskulösen Schenkel.

»Sie ist schön, nicht wahr?«, sagte Jerome und ging zu seinem Partner und legte den Arm um ihn. Liam antwortete auf die Geste, indem er seinen kompakten Körper gegen­ Jeromes langen, mageren lehnte. So standen sie einen­ Moment stumm da und nahmen das Zimmer mit dem schönen Parkett im Fischgrätmuster, den feinen Prismen, der modernen Kunst und der antiken Maske in sich auf. Durch die großen Fenster konnte man die Spitzen der Baumkronen des Kastells erahnen. Ein kräftiges Grün gegen einen blauen Himmel. Das prickelnde Gefühl machte sich wieder breit. Die Wohnung, 280 Quadratmeter mit Stuck und gut erhaltenen Böden, war ein Schnäppchen gewesen­, und Jerome musste sich hin und wieder angesichts seines Glücks in den Arm kneifen, obwohl er inzwischen seit zwanzig Jahren hier wohnte. Die Wohnung lag an der Ecke Grønningen/Esplanaden und hatte die perfekte Lage. Zentral, doch mit Aussicht auf Grünanlagen und Wasser. Besser ging es nicht, dachte er, während seine Finger zerstreut Liams Wirbelsäule hinunterstrichen. Der Bund der Lederhose fühlte sich unter seinen Fingerspitzen rau an, und Liam sah ihn mit einem schalkhaften Blick von der Seite an.

»Und, lässt sich noch eine Runde vor den diversen Tagesaktivitäten einschieben?«

Jerome spürte die kräftigen Arme seines Geliebten um sich, und erneut durchströmte Freude seinen Körper, als das Klingeln des Telefons ihn abrupt aus dem Moment heraus­riss.

»Lass es klingeln. Wahrscheinlich ist es nichts Wichtiges«, flüsterte Liam heiser. »Lass es einfach klingeln, love.« Er hielt ihn fest, und Jerome versuchte, sich der Umarmung hinzugeben, doch er konnte sich nicht konzentrieren. Liam ließ ihn mit einer ärgerlichen Bewegung los und ging zum Telefon. Jerome betrachtete die schwellenden Rückenmuskeln, die sich unter dem T-Shirt seines Lebensgefährten beim Gehen auf und ab bewegten. Liam meldete sich ungehalten, und Jeromes Blick wanderte erneut aus dem Fenster. Die Sonnenstrahlen fielen durch die frisch geputzten Scheiben in den Raum und hinterließen auf dem Parkett ein schönes Lichtspiel. Ihm fiel auf, dass sein Lebengefährte still geworden war, und er drehte sich zu ihm um. Liam war unter seiner sommersprossigen Bräune blass geworden, und Jerome spürte seinen Puls schneller werden. War etwas passiert? War vielleicht etwas mit Kissi? Er hatte seine Exfrau in den vergangenen Tagen mehrmals angerufen, doch sie war weder ans Telefon gegan­gen, noch hatte sie zurückgerufen, obwohl er zwei Nachrichten auf ihrem Anrufbeantworter hinterlassen hatte. Angst machte sich in ihm breit, und er hörte seine Stimme vor Furcht vibrieren, als er rief: »Wer ist das, Liam? Sag doch was.«

Liam antwortete nicht, reichte ihm nur mit einem seltsamen Gesichtsausdruck den Hörer, worauf seine Beklommenheit noch zunahm.

»Hallo«, flüsterte er mit fremder Stimme ins Telefon.

____

Kissi Schacks Haus lag nahe am Sortedamssee. Rebekka und Reza blieben einen Augenblick stehen und betrach­teten den kleinen Vorgarten mit den bepflanzten Töpfen, bevor sie an der Tür klingelten. Es war schließlich nicht ausgeschlossen, dass noch jemand hier wohnte, ein Mieter, ein Au-pair oder eine Freundin. Niemand öffnete. Das Namensschild an der Tür war groß und aus solidem Messing: Schack stand dort in einfachen Blockbuchstaben. Sie warteten noch ein paar Minuten schweigend, bevor sie sich ins Haus einließen. Es roch leicht abgestanden und nach Blumen, als sie in die kleine Diele traten. An den Haken­ hingen diverse Jacken und Tücher, die alle einer Frau zu gehören schienen.

»Ich nehme mir die untere Etage vor«, sagte Rebekka, und Reza nickte und stapfte nach oben. Die Treppe knarrte unter seinem Gewicht. Das Erdgeschoss bestand aus einer großen Wohnküche und einem Wohnzimmer mit Ausgang in einen kleinen, gemütlichen Hintergarten. Ein aufgeästeter Blauregen nahm die Hälfte des Innenhofs ein und beschattete das eine Küchenfenster. Das Haus hatte eine gute Atmosphäre, fand Rebekka. Alles war weiß, Wände, Böden und der größte Teil der Möbel, nur durchbrochen von farbiger Kunst. Rebekka sah sich gründlich um, öffnete den Kühlschrank, der ziemlich leer war. Es gab einen Liter ökologische Milch, und etwas weiter hinten lagen ein Stück Käse, einige Mohrrüben und ein paar Zitronen. Eine halb volle Tasse stand auf dem Küchentisch, und daneben lag ein kleines Adressbuch in einem lila Ledereinband. Es war bei L aufgeschlagen. Rebekka ließ ihren Finger an der Reihe der Namen entlanggleiten: Larsen, Ole; Lindgren, Peter. Sie mussten das Telefonbuch im Präsidium durchgehen, dachte sie und steckte es in eine durchsichtige Plastiktüte. Politiken lag ausgebreitet auf dem Tisch, die Seite mit den Todesanzeigen aufgeschlagen. Rebekka überflog die Anzeigen, aber nicht eine sprang ihr ins Auge, die Verstorbenen waren alle älter und auf den ersten Blick unbekannt. Sie öffnete die Küchenschränke, kramte in einem Stapel auf dem Küchentisch liegender Unterlagen. Nichts von Interesse. Sie öffnete die Terrassentür zum Innenhof, und eine Amsel flog erschrocken aus einem Rhododendronbusch in der Ecke auf. Am weitesten von der Tür entfernt stand ein alter Schuppen. Rebekka öffnete seine Tür und fand eine kleinere Leiter vor, ein paar Säcke mit Erde und ein paar Gartengerätschaften. Sie schloss den Riegel wieder und sah zu den umliegenden Häusern hoch. Man wohnte nah beieinander im Kartoffelrækkerne-Viertel; sie mussten mit allen Nachbarn reden, jemand könnte etwas Wichtiges gehört oder gesehen haben. Sie ging zurück ins Haus. Das weiße Sofa war einladend breit und wirkte mit den Kissen in unterschiedlichen Lilanuancen und einer dazu passenden Decke sehr gemütlich. Zwischen den Kissen lag ein Buch mit der Rückseite nach oben. Rebekka hob es hoch. Die Frau in dir hieß es, und Rebekka konnte dem Covertext entnehmen, dass es sich um ein Selbsthilfebuch für Frauen reiferen Alters handelte, die in Kontakt mit ihren femininen Seiten kommen wollten. Sie schauderte. Sie mochte keine Selbsthilfebücher, sie hatte sich in den Neunzigerjahren, als diese Art Bücher in Mode kamen, durch diverse Exemplare geackert. Sie war nicht klüger davon geworden, ganz im Gegenteil, nur deprimierter darüber, noch mehr Schuld auf ihre Schultern geladen zu bekommen, weil sie es nicht schaffte, die ganzen guten Ratschläge zu befolgen, die es zu befolgen galt, wenn man weiterkommen wollte. Nee, dann lieber rein in die Laufschuhe mit guter Musik in den Ohren, eine Kom­bination, mit der sich selbst die schwärzeste Stimmung kurieren ließ.

»Rebekka. Kommst du mal!«, rief Reza von oben, und Rebekka ging in die schmale Diele und sprang die Treppenstufen hinauf. Die erste Etage des Hauses bestand aus einem modernen Badezimmer und einem­ großen, hellen Schlafzimmer. Reza stand im Badezimmer und kramte in dem Schränkchen über dem Waschbecken. Rebekka steckte den Kopf ins Bad, und er winkte triumphierend mit ein paar Pillenschachteln, die er in seinen nussbraunen Fingern hielt.

»Sieh mal, was ich gefunden habe, massenweise Beruhigungspillen. Benzodiapine, Betablocker, Schlaftabletten. Was in aller Welt wollte sie mit all dem Zeug?«

Rebekka griff nach den Schachteln und überflog schnell die Etiketten. Auf sämtlichen Pillenschachteln standen Kirsten Schack und die entsprechende Personenkennziffer.

»Das grenzt ja schon an Sucht, wenn sie die regelmäßig genommen hat. Es dürfte interessant sein, sich die Toxikologieproben anzusehen.« Rebekka erzählte ihm kurz von dem Adressbuch und sagte, dass sie sich in der obersten Etage umsehen wolle.

»Gut. Ich mache hier weiter«, antwortete Reza und verschwand im Schlafzimmer. Rebekka nahm sich den zweiten Stock vor, der aus drei kleineren Zimmern bestand: einem­ Arbeitszimmer, einem Gästezimmer und einer Kammer, die voller Umzugskartons stand.

Sie begann im Arbeitszimmer, wo ein mit Büchern vollgestopftes Bücherregal eine ganze Wand einnahm, Fachbücher und Belletristik. Sie ließ die Finger über die Buchrücken wandern, eine große Menge Klassik gemischt mit moderner Literatur. Vor dem Fenster, von dem aus man eine schöne Aussicht über die Dächer der umliegenden Häuser hatte, stand ein länglicher weißer Schreibtisch mit einem Mac-Laptop. Rebekka packte den Computer zusam­men, er musste näher untersucht werden. Sie ging einen­ Stapel Rechnungen durch. Eine Zahnarztrechnung über 6987 Kronen. Ein paar Gummistiefel der Marke Hunter für 800 Kronen, gekauft bei Nørgaard in der Strøget. Es waren die Stiefel, die Kissi angehabt hatte, als sie gefunden wurde.

Rebekka zog die Schreibtischschubladen heraus. In der obersten war Papier für den Drucker, in der mitt­leren waren Briefpapier, Umschläge und mehrere Bögen Brief­marken, und in der untersten lagen eine Menge Papiere durcheinander. Sie nahm den Stapel mit an den Tisch, um besser sehen zu können, ob etwas Wichtiges darunter war. Zwischen den Papieren steckte ein schwarzes Notizbuch mit roten Seitenrändern aus dem China­laden. Sie hatte über die Jahre selbst viele dieser Notiz­bücher gehabt, sie gehörten zu den Dingen, die es immer gegeben hatte, auch in Ringkøbing. Rebekka schlug die erste Seite auf. Ihr Blick fiel auf diverse Daten in einer zufälligen Reihenfolge, wie es ihr schien. Und auf ein paar arabische Namen: Fatima, Iman, Ayse … Der Name Iman ließ sofort etwas bei ihr klingeln. Rebekka konnte sich nicht an die Details des Falls erinnern, doch soweit sie wusste, war vor einigen Jahren eine junge pakistanische Frau von mehreren Familienmitgliedern ermordet worden. Rebekka hatte den Fall nicht selbst bearbeitet, aber sie hatte von mehreren Kollegen, die der Mord alle tief berührt hatte, davon gehört.

Haleema überprüfen stand mit einer Reihe Ausrufungs­zeichen in großen, schwarzen Buchstaben quer über die nächste Seite. Wer war Haleema? Der Name sagte ihr unmittelbar nichts. Sie ging die restlichen Papiere in dem Stapel­ durch, fand jedoch nichts Auffälliges. Drüben bei dem Bücherregal hing eine kleinere Pinnwand – ein altmodisches Teil aus hellbrauner Juteleinwand –, wie Rebekka als Kind selbst eine in ihrem Zimmer gehabt hatte. Sie wunderte sich kurz, warum Kissi sie nicht ebenfalls weiß an­­gestrichen hatte, damit sie zum Stil des Hauses passte. An der Pinnwand hingen ein paar Fotos von lächelnden Menschen, wahrscheinlich Familienmitgliedern. Rebekka erkannte Kissi, sonnengebräunt und sommersprossig, den Arm um einen muskulösen, großen, dunkellockigen Typen­ mit einem intensiven Blick gelegt, der direkt in die Kamera­ sah. Das nächste zeigte Kissi, die mit der Brille auf der Nasenspitze wieder in die Kamera lächelte, zwischen einem kleinen Mädchen und einem etwas größeren Jungen. Sie las ihnen laut vor, das Mädchen zeigte auf etwas in dem aufgeschlagenen Buch, der Junge blickte traurig in die Kamera. Auf dem dritten Foto lehnte sich Kissi, immer noch lächelnd und sonnengebräunt, an einen großen, mageren Mann mit kräftigem stahlgrauem Haar. Die Stimmung auf dem Bild war intensiv, fast erotisch. Ob das wohl Kissis Geliebter war, dachte Rebekka, entfernte die Heftzwecke und drehte das Foto um, um zu sehen, ob etwas auf der Rückseite stand, das darauf schließen ließ, wer der Mann war. Das tat es nicht. Sie befestigte das Bild vorsichtig wieder. Die vierte Fotografie zeigte ein rot angestrichenes, von großen Steinen umgebenes Holzhaus, hinter dem man einen See und ein paar hohe, schlanke Tannen erahnen konnte. Dem Aussehen nach zu schließen war es ein Haus in Schweden oder Norwegen. Das mussten sie überprüfen. Das größte Foto war eine vergrößerte Aufnahme von einem Hund mit einem goldbraunen, zerzausten Fell, abstehenden Ohren und schief gelegtem Kopf. Rebekka musste lächeln, sie mochte Hunde, erwog sogar bisweilen, sich einen anzuschaffen, sah aber immer wieder ein, dass es ein Kamikazeprojekt von immensem Ausmaß wäre, würde sie ihren Traum realisieren. Doch hin und wieder erwärmte sie sich gern an dem Gedanken an einen lieben Hund, der an einen Teddy erinnerte. Sie ging weiter das Arbeitszimmer durch, und einige Minuten später tauchte Reza in der Tür auf. Er lächelte schief, als er den Stapel mit eingesammeltem Material sah, den Rebekka mit ins Präsidium nehmen wollte.

»Hast du was Interessantes gefunden?«, fragte sie, und er schüttelte bedauernd den Kopf.

»Leider nicht, ich habe sämtliche Schubladen und Schränke durchgesehen. Massenweise schicke Kleidung, kann ich dir sagen. Ich hätte nicht gedacht, dass Sozial­arbeiter so viel verdienen. Ich meine, sie wohnt schließlich auch nicht billig, das Kartoffelrækkerne-Viertel ist doch eine beliebte Wohngegend. Die Häuser sind viele Millionen Kronen wert.«

Rebekka nickte. Der gleiche Gedanke war ihr auch gekommen.

»Wir müssen uns ihre finanzielle Situation ansehen. Wir müssen ihre IP-Adresse ausmachen und sehen, ob die uns weiterhilft. Und wir brauchen eine Liste über die in den letzten Wochen über Festnetz und Handy geführten Gespräche. Apropos Handy, du hast es nicht zufällig gefunden?«

Reza schüttelte erneut den Kopf.

»Ich habe es nicht gesehen. Sie muss es bei dem Spaziergang auf dem Kastell bei sich gehabt haben. Es geht doch fast niemand mehr ohne Handy aus dem Haus. Ich war auch unten im Keller. Er ist ausgebaut, hell und einladend mit weißen Marmorfliesen, aber sie hat ihn wohl vor allem zur Lagerung von Umzugskartons und für Waschmaschine, Trockner und Wäschekorb genutzt. Ich habe übrigens in einem Schrank ein paar gespülte Fressnäpfe gefunden. Es scheint, als hätte sie einen Hund oder eine Katze gehabt.«

Rebekka zeigte auf die Pinnwand.

»Ich wette, einen Hund. Gut, sollen wir ins Präsidium fahren und sehen, dass wir weiterkommen?«

Als sie die Haustür hinter sich abschlossen, hatte Rebekka das Gefühl, beobachtet zu werden. Sie warf einen schnellen Blick auf die umliegenden Häuser, doch die Fenster wirkten dunkel und verlassen in der Sommersonne.

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Sie hielten ein kurzes Briefing ab. Brodersen ließ den Blick über die Gruppe eifriger Ermittler schweifen; wie immer, wenn es um Mord ging, war Verstärkung angefordert worden. Das Zimmer summte vor Anspannung, und die Stimmung ließ Rebekka an Schlittenhunde und ihr erwartungsvolles Gebell und die Unruhe des Rudels vor dem Start denken.

»Fassen wir zusammen, was wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt haben. Heute um 10 Uhr 53 wurde die Leiche der 59-jährigen Sozialarbeiterin Kirsten Schack, genannt Kissi, bei dem Wallgraben des Kastells von einem der Dienstleistungsmitarbeiter gefunden. Die vorläufige Leichenschau hat ergeben, dass der Tod heute Morgen irgendwann zwischen halb vier und halb acht eingetreten ist, die Verletzungen dem Opfer jedoch vermutlich gestern Abend in der Zeit zwischen 18 und 22 Uhr zugefügt wurden. Die Leiche weist zahlreiche Verletzungen und Brüche im Gesicht und am Schädel aufgrund stumpfer Gewalteinwirkung auf. Bei der Tatwaffe handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um einen Stein mit scharfen Kanten, möglicherweise um den beschädigten Pflasterstein, der am Tatort fehlt. Die engsten Angehörigen sind unterrichtet, zu ihnen gehören zwei erwachsene Kinder, eine Schwester und Kissi Schacks Exmann, Jerome Lefevre, der im Übrigen nur einen Steinwurf vom Tatort entfernt wohnt, was wortwörtlich zu verstehen ist. Der Exmann hat sie identifiziert, das Gesicht ist stark in Mitleidenschaft gezogen, doch es gab eine Reihe anderer physischer Merkmale, sodass eine hundertprozen­tige Identifikation möglich war. Jerome Lefevre war von dem Mord natürlich sehr betroffen und konnte nicht direkt verhört werden, doch das holen wir heute später nach.«

Brodersen trank einen Schluck aus einer Flasche mit Mineral­wasser, räusperte sich und fuhr fort: »Kissi Schack, der Name lässt es wahrscheinlich bei den meisten von euch klingeln. Sie war eine bekannte Sozialarbeiterin, die sich regelmäßig in der Debatte um die Einwandererproblematik engagiert hat, die aber vor allem dafür bekannt war, dass sie sich für die Einwandererfrauen eingesetzt hat und hier vor allem für die Gewaltopfer. Und davon gibt es ja immer mehr. 2003 hat sie Lundely gegründet, ein Frauenhaus, das sich besonders auf diese Frauen spezialisiert hat. Wie ihr wisst, ist es nicht ganz unproblematisch, mit dieser Zielgruppe zu arbeiten, das Personal kann Drohungen ausgesetzt gewesen sein, vielleicht sogar Morddrohungen. Deshalb ist es wichtig, dass wir so schnell wie möglich nach Lundely rausfahren. Tatsache ist, dass Kissi Schack alleine in ihrem Haus im Kartoffelrækkerne-Viertel gewohnt hat. Sie hat, wie gesagt, zwei erwachsene Kinder, beide sind Ende dreißig. Rebekka, was habt ihr im Haus der Ermordeten gefunden?«

Rebekka berichtete kurz von der Durchsuchung des Hauses, den Fotos, dem Adressbuch und dem Handy, das, wie erwartet, nicht aufgetaucht war. Der Computer war an die Technik weitergegeben worden, die Telefongesellschaft saß an den Listen, und Bankinformationen wurden eingeholt. Sie winkte mit dem chinesischen Notizbuch.

»Das hier hat mich stutzig gemacht.« Rebekka hielt das Notizbuch hoch. »Das ist ein Notizbuch, das ich in Kissi Schacks Schreibtischschublade gefunden habe und in dem ein paar arabische Namen stehen: Iman, Fatima, Ayse, gefolgt­ von: Haleema überprüfen, in großen Buchstaben, mit vielen Ausrufungszeichen und mit einer Reihe von Daten. Wir wissen im Moment nicht, was das zu bedeuten hat, aber möglicherweise können uns Kissis Kollegen in Lundely einen Tipp geben. Ich habe das sichere Gefühl, dass es etwas zu bedeuten hat … die ganze Art, wie es geschrieben ist, die Namen …« Rebekka spürte, dass Simonsen, ein jüngerer Ermittler, der ihr auf Anhieb unsympathisch gewesen war, einem Kollegen einen Ellenbogen in die Seite stieß und die Augen verdrehte, als Rebekka von ihrem Gefühl­ sprach. Sie funkelte ihn wütend an, was er jedoch ignorierte. Brodersen rieb sich nachdenklich das Kinn.

»Gut. Ich habe alle Leute angefordert, die ich bekommen konnte. Den Kindern und dem Exmann zufolge hatte die Ermordete ihr Handy immer bei sich, also vermutlich auch auf dem Spaziergang. Aber wo ist es jetzt? Liegt es unten im Wallgraben oder hat der Täter es an sich genommen? Die große Frage ist – warum befand Kissi Schack sich an einem Mittwochabend im strömenden Regen auf dem Kastell?«

Die Ermittler nickten, sie wollten endlich in Gang kommen, und Brodersens Blick glitt über sie alle, bevor er hinzufügte: »Ihr Exmann, Jerome Lefevre, hat etwas von einem Hundeverein erwähnt, Cairnklub nennt er sich wohl, dessen Mitglieder mehrmals die Woche auf dem Kastell spazieren gehen. Aber hatte die Ermordete überhaupt einen Hund?« Er sah Rebekka fragend an, die den Kopf schüttelte.

»Nein, aber sie hat einen gehabt, glaube ich, an ihrer Pinnwand hing eine Fotografie, und Reza hat im Keller auch einen Fressnapf gefunden.«

»Gut. Wir haben viel zu tun. Wie ihr wisst, sind die ersten Stunden in einer Mordermittlung die wichtigsten. Im Moment sind zehn Leute dabei, in der Nachbarschaft Klinken zu putzen und das militärische Personal im Kastell zu befragen. Das Kastell gehört dem Verteidigungsministerium und wird außerdem vom Militärischen Nachrichtendienst, der Heimatschutztruppe und einer Vielzahl anderer Behörden genutzt. Außerdem gibt es auf dem Gelände auch einige Dienstwohnungen. Vielleicht haben wir Glück, und jemand hat etwas gehört oder gesehen. Eine Wache patrouilliert alle paar Stunden über den Wall, doch bis jetzt liegt keine Meldung über eventuelle Zeugen vor. Leider. Es besteht jedoch kein Zweifel, dass es eines mutigen, eines unwissenden oder eines sehr wütenden Täters bedarf, um einen Mord auf dem Wall zu begehen. Der Tatort liegt zwar versteckt hinter der großen Mühle, und das schwere Unwetter hat natürlich dafür gesorgt, dass das Gelände verlassen war, aber trotzdem. Jeder zweite Mord wird von einem­ Familienmitglied oder einem engen Freund begangen, deshalb konzentrieren wir uns zunächst darauf – auf Familie und Freunde. Alle müssen gründlich verhört werden. Ihr Exmann Jerome, der übrigens homosexuell ist und mit einem Engländer, Liam Wilkinson, zusammenlebt, die Kinder und die übrige Familie, die Freunde und natürlich alle an ihrer Arbeitsstelle, Lundely, sowohl die Angestellten als auch die Bewohnerinnen.« Brodersen schwieg einige Sekunden, bevor er fortfuhr: »Wie ihr wisst, haben wir auch noch die brutale Vergewaltigung in der Toldbodgade vom Wochenende. Ich bin davon überzeugt, dass es eine Verbindung zwischen dieser Vergewaltigung und zwei alten, unaufgeklärten Vergewaltigungen gibt. Es besteht eine DNA-Übereinstimmung zwischen den beiden unaufgeklärten Vergewaltigungen und zwei ähnlichen Fällen in Stockholm. Ihr wisst, dass unsere DNA-Register mit denen von Schweden und Norwegen vernetzt sind. Deshalb schickt uns die Reichskriminalpolizei Stockholm einen Ermittler herunter. Er wird die Tage eintreffen, ist möglicherweise schon unterwegs. Super kümmert sich um die Serienvergewaltigungen. Rebekka übernimmt die Mordermittlung. Und denkt daran, euch nicht zu irgendwelchen Äußerungen hinreißen zu lassen. Wir haben es mit einer Person des öffentlichen Lebens zu tun.«

Es klopfte an der Tür, und ein rotbäckiger Kommissar steckte den Kopf herein. Der Gärtner war bereit zum Verhör.

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John-Erik Müller saß zusammengesunken und blass vor Rebekka und Reza.

»Bitte.« Rebekka reichte ihm eine Tasse mit dampfendem schwarzem Kaffee, die er dankbar entgegennahm. Er nippte vorsichtig an dem Kaffee, während er sich verstohlen umsah. Obwohl das Büro wie ein ganz normales Büro mit Ordnern, Computern und blinkenden Telefonen aussah, machte der ältere Dienstleistungsangestellte einen verängstigten Eindruck. Rebekka lächelte ihm beruhigend zu.

»John-Erik Müller, zuallererst möchte ich betonen, dass das Überfahren nicht zum Tod der Frau geführt hat. Sie war bereits tot und lag seit mindestens sechs Stunden dort im Gras. Sie sitzen hier, weil Personen, die einen toten Menschen gefunden haben, immer verhört werden, das ist reine Routine.« Erleichterung war kurz auf John-Erik Müllers­ Gesicht zu sehen, dann blickte er Rebekka wieder gequält an.

»Es war so furchtbar, als ich über sie gefahren bin. Ich hatte solche Angst, dass es meine Schuld war, dass sie vielleicht­ betrunken oder bewusstlos war und dass ich sie umgebracht habe … mit dem Rasenmäher.« Er schluckte, während er nervös die Hände im Schoß knetete. Rebekka nickte verständnisvoll.

»Glücklicherweise ist dem nicht so«, sagte sie und wagte nicht, ihm zu erzählen, dass der Rasenmäher für den ab­­getrennten Arm verantwortlich war.

»Haben Sie die Frau schon einmal gesehen? Sie ist oft auf dem Kastell spazieren gegangen, wie wir gehört haben.« Rebekka reichte ihm ein Farbfoto von Kissi Schack.

John-Erik Müller warf einen schnellen Blick darauf, dann schüttelte er den Kopf.

»Nein, ich denke nicht. Aber ich stand ja auch total unter Schock, als ich sie gesehen habe, ich erinnere mich an gar keine Einzelheiten, nur dass ich Angst hatte. Ich musste mich übergeben.« Er spielte mit seinen langen, groben Fingern herum – ließ sie von der Tischkante zur Kaffeetasse wandern und weiter zu den Taschen seines Arbeitsanzugs und wieder zurück, während er etwas über die arme tote Frau murmelte.

»Es ist vollkommen normal, dass man in so einer Situation schockiert ist. Alles andere wäre unnatürlich.«

»Ja, wäre es das?« John-Erik Müller lächelte sie dankbar an, dann ging er Punkt für Punkt durch, wie der Morgen verlaufen war, von dem Augenblick an, als er bei der Arbeit erschienen war, bis zu dem, als er über Kissis Leiche gefahren war. Das Wetter war seit mehreren Tagen zum ersten Mal schön gewesen, die Erde gut durchfeuchtet nach den vielen Regentagen, und er hatte die Farben und die Düfte genossen und alten Erinnerungen nachgehangen.

»Haben Sie etwas im Gras oder in der Nähe gefunden?«

»Was?«

»Ein Handy, einen blutigen Stein oder etwas anderes …«

»Nein, ich habe nichts gefunden. Es war ein ganz gewöhnlicher Morgen. Ein schöner Morgen, wie gesagt.«

»Sind Sie sicher, dass Sie kein Handy gefunden haben?«, unterbrach Reza den Dienstleistungsangestellten, der ihm gereizt einen schrägen Blick zuwarf. Ja, er war ganz sicher.

Kurz darauf stand John-Erik Müller wieder unten auf der Straße. Ihm war beträchtlich leichter ums Herz als vorher. Und mit einem Gefühl von Verwegenheit beschloss er, dass heute etwas Verrücktes passieren musste. Aber was? Er hörte ein schwaches Rauschen und vereinzelte schrille Schreie vom Tivoli her. Er gab nie Geld für etwas anderes als für Essen, Getränke und seine geliebten grünen Cecil aus. Er ging nur selten aus, hatte seit Jahren keine Verabredung mehr gehabt und keine Kinder, für die er zahlen musste. Nicht dass er besonders viel Geld hatte, ganz und gar nicht, doch er spürte den Drang, über die Stränge zu schlagen, etwas Spontanes zu tun, zu feiern, dass er trotz allem unschuldig war. Erneut lauschte er den Freudenschreien aus dem alten Vergnügungspark und beschloss, sich einen Besuch zu gönnen.

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Reza hatte ihnen aromatisierten Tee mit warmer Milch gemacht­, den Rebekka dankbar entgegennahm, dankbar, dass ihr Partner sich ebenso für kulinarische Freuden begeistern konnte wie sie. Reza war ein richtiges Leckermaul, und sie verbrachten diverse Pausen damit, sich in der Schilderung von Leckerem zu überbieten, das sie einmal probiert hatten oder gerne einmal probieren würden. Reza hatte die ersten Jahre seines Lebens in seiner Heimat, dem Iran, verbracht, bevor die Familie nach Dänemark geflüchtet war, und obwohl er den größten Teil seines Lebens in Kopenhagen gewohnt hatte, schätzte er das persische Essen­ über alles und schwärmte Rebekka regelmäßig von der einen oder anderen Delikatesse vor, die sie unbedingt einmal versuchen musste. Rebekka wusste nicht viel über Rezas­ Privatleben, lediglich, dass er ein paar Jahre jünger war als sie und erst vor Kurzem von zu Hause in eine Wohnung im Nordwesten gezogen war. Er erwähnte nie eine Freundin, doch sie hatte so viel verstanden, dass er seine große Familie sehr liebte und dass sie oft zusammen kochten­ und anschließend stundenlang gemeinsam aßen. Irgendwann musst du uns mal besuchen, sagte er ab und zu. Du musst riechen und schmecken und einfach nur genießen. Zu, gerne. Du sagst einfach, wann es passt, hatte sie wiederholt geantwortet, doch eine richtige Einladung war bisher nicht daraus geworden. Schweigend tranken sie ihren Tee, die erste Pause des Tages, seit Rebekka am Morgen den Anruf von Brodersen erhalten hatte.

Reza brach das Schweigen als Erster: »Ihm sind fast die Augen aus dem Kopf gefallen, als du das Handy erwähnt hast. Ist dir das aufgefallen?«

Rebekka trank einen Schluck Chai und nickte.

»Ja, er schien irgendwie ein schlechtes Gewissen zu haben. Vielleicht hat er es gefunden, versteckt und dann weggeworfen oder so. Ich glaube aber nicht, dass er etwas mit dem Mord zu tun hat. Die Art, wie sie umgebracht wurde, lässt darauf schließen, dass dem Mord ein persönliches Motiv zugrunde liegt – wir müssen nur herausfinden, welches.«

Sie lächelte ihn schief an. Er erwiderte das Lächeln und entblößte eine Reihe schneeweißer Zähne. In dem Moment betrat der Chef der Mordkommission das Büro. Er fuhr sich mit der Hand durch das kurze dunkelgraue Haar. Er war gealtert, dachte Rebekka, aber er hatte auch nicht mehr viele Jahre bis zu seiner Pensionierung. Die Kollegen erörterten bereits, wer ein würdiger Nachfolger wäre, und alle waren sich einig, dass es auf keinen Fall der stellvertretende Leiter der Mordkommission, Gundersen, werden sollte, den die meisten für unsympathisch und inkompetent hielten. Rebekka kannte ihn nicht so gut, er war über eine längere Zeit krankgeschrieben gewesen und im Moment in den Sommerferien. Ihr Magen knurrte. Sie merkte plötzlich, wie hungrig sie war. Sie hatten bis auf den Tee und ein paar Tassen starken Kaffee den ganzen Tag nichts zu sich genommen. Brodersen warf einen Fetzen Papier auf Rebekkas Tisch.

»Jerome Lefevre, Kissis Exmann, möchte gerne jetzt mit uns reden. Verdammt, wie spät ist es?« Er warf einen Blick auf seine Uhr und fügte hinzu: »Es ist 16 Uhr 24.«

Rebekka zuckte zusammen. Sie war so beschäftigt gewesen, dass sie völlig vergessen hatte, Michael anzurufen und ihm zu sagen, dass sie keine Ahnung hatte, wann sie nach Hause kommen würde.

»Die Adresse liegt da, anschließend müsst ihr nach Lundely. Ich erwarte die Berichte über die heutigen Vernehmungen spätestens morgen früh auf meinem Tisch. Ich habe vor einer Stunde eine kurze Pressekonferenz abgehalten, die wie erwartet verlaufen ist. Die Journalisten sind wie immer heiß auf Informationen. Ich habe sie mit ein paar Fakten gefüttert, und sie waren glücklich – wenigstens für den Augenblick. Wir geben die Identität des Opfers­ natürlich nicht preis, bevor nicht alle Angehörigen unterrichtet sind.« Er verschwand mit einem klingelnden Handy in der Hand aus dem Zimmer. Rebekka holte ihr Handy aus der Tasche und wählte schnell Michaels Nummer. Er meldete sich sofort.

»Es tut mir leid, Schatz – ich komme erst mal nicht nach Hause.« Rebekka ging auf den langen, breiten Korridor mit den blutroten Wänden und den Holzvertäfelungen hinaus, an dem die einzelnen Büros der Mordkommission lagen. Ein kalter Wind blies die Treppen hinauf, und sie suchte hinter einem Wandvorsprung Schutz.

»Wir sind mitten in einer Mordermittlung. Eine Frau ist …«

»… auf dem Kastell ermordet worden«, beendete Michael den Satz. »Ich weiß, Bekka, ich habe es gerade im Radio gehört. Daran kann man nun mal nichts ändern, glücklicherweise haben wir ein paar Tage zusammen. Ich warte zu Hause auf dich.«

»Ach, das klingt gut, ich weiß nur nicht, wie spät es wird. Reza und ich sind auf dem Weg zum Exmann der Toten­. Er hat heute Vormittag die Leiche identifiziert und ist völlig fertig. Es tut mir leid.«

Sie seufzte.

»Mach dir keine Gedanken, ich weiß schließlich, wie das ist«, antwortete Michael, und Rebekka wurde ganz warm ums Herz. Er war den ganzen Weg von Ringkøbing nach Kopenhagen gefahren, nur um in eine leere Wohnung zu kommen. Wenn sie an seiner Stelle wäre, hätte sie ziemlich mürrisch reagiert. Ihr fiel ein, dass auch der Kühlschrank leer war. Sie hatte vorgehabt, auf dem Nachhauseweg einzukaufen, ihn mit etwas Leckerem zu über­raschen …

»Entschuldige, Schatz, dass auch so gut wie nichts im Kühlschrank ist. Ich hatte noch etwas Gutes einkaufen wollen.«

»Vergiss es, Bekka. Ich lasse mir was einfallen.« Michael lachte, und Rebekka spürte Wärme durch ihren Körper strömen.

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»Chanel, du sollst Mami nicht weglaufen. Chaneeel.«

Anne Munks Ruf hallte durch den Churchillpark und ließ die kleine Gruppe, zu der sie gehörte, wegen ihrer Lautstärke die Gesichter verziehen. Der Hund, ein schwäch­licher Cairnterrier, verweigerte ihr den Gehorsam und schnüffelte zusammen mit den anderen Hunden weiter im Gras des Wallgrabens, der das Kastell umgab. Die Gruppe spazierte seit einer Viertelstunde im Gras auf und ab, während die Hunde um sie herumsprangen.

Ein älterer Mann mit einer markanten Nase, Leon Rothenborg, blieb stehen, warf einen Blick auf seine Uhr und runzelte seine Stirn noch mehr.

»Es ist schon merkwürdig, dass Kissi nicht aufgetaucht ist. Ich habe ihr in einer SMS ausdrücklich mitgeteilt, dass wir uns um 17 Uhr zu einem frühen Abendspaziergang treffen.«

Anne Munk nickte. Sie hatte es aufgegeben, nach Chanel zu rufen, und rieb stattdessen die Handrücken gegen­einander, wieder und wieder. Ihre Knöchel waren von der Reiberei rot und geschwollen. »Ja, das ist merkwürdig, sie ist sonst immer so pünktlich«, antwortete sie und warf einen­ Blick zum Himmel, an dem ein paar dunkle Wolken vorbeizogen. Unheilverkündend. Sie schaute zu den anderen hin und meinte: »Wenn ihr nur nichts passiert ist.«

»Was soll ihr denn passiert sein? Natürlich ist ihr nichts passiert. Wahrscheinlich ist irgendetwas bei der Arbeit.« Leon Rothenborg sah Anne Munk aus den Augenwinkeln verärgert an, die unter seinem Blick schrumpfte. »Es ist jetzt 17 Uhr 16«, fügte er hinzu, »wir geben ihr noch fünf Minuten.«

»Gute Idee, ich muss mich auch mal kurz hinsetzen.« Margrethe Heinesen, eine kräftige Frau mittleren Alters, setzte sich atemlos auf eine nahe Bank. Sie warteten einige Minuten schweigend.

»Du bist heute so blass, Tibor. Was ist los?«, fragte Margrethe Heinesen und sah zu Tibor Budzik hin, einem gedrungenen, slawisch aussehenden Mann, der noch nicht ein Wort herausgebracht hatte.

»Nichts, nichts«, murmelte er in seinem gebrochenen Dänisch. »Bin nur müde.«

Er fuhr sich mit der Hand durch das grau durchsetzte schwarze Haar, und erneut senkte sich für eine Weile Schweigen auf die Gruppe.

»Nun, ich denke, wir sollten losgehen. Kissi ist wohl nicht recht klug, uns so lange warten zu lassen«, schnaubte Margrethe Heinesen. Ihr Hund, Balthazar, schielte von seinem gewohnten Platz zwischen ihren geschwollenen Knöcheln zu den anderen hin. Sie erhob sich mühsam, und gemeinsam gingen sie über die Brücke zum Kastell und bemerkten erst jetzt die Absperrung und das große Aufgebot an Polizeiwagen. Zwei Bedienstete standen an dem Tor zu der Festung und sahen sie mit ausdruckslosen Gesichtern an.

»Was ist denn hier los?« Leon Rothenborg spähte neugierig durch das dunkle Tor.

»Es handelt sich um eine Polizeiermittlung«, antwortete der eine Bedienstete kurz angebunden.

»Wir gehen gewöhnlich mit unseren Hunden auf dem Kastell spazieren.«

»Das können Sie jetzt leider nicht. Das Gebiet ist abgesperrt«, antwortete der Bedienstete und nickte zum Weg hin, was bedeuten sollte, dass sie auch gleich umkehren konnten. Leon Rothenborgs Augen blitzten vor Wut, er war kein Mann, den man so ohne Weiteres abfertigte.

»Wir sind ein Klub, der Cairnklub. Wir gehen hier seit bald sieben Jahren spazieren. Wir gehen gewöhnlich …«

»Das ist mir völlig egal, was Sie gewöhnlich tun. Betreten verboten. Auf Wiedersehen.«

Der Bedienstete wendete ihnen halb den Rücken zu, und Leon Rothenborg blinzelte verblüfft wegen des unverschämten Tons.

»Das ist schon seltsam. Wer weiß, was da passiert ist.« Margrethe Heinesen sah die anderen an, und die Gruppe bewegte sich unruhig. Die Sonne verschwand hinter einer dunklen Wolke, die Luft wurde plötzlich kühler, und nach einer kurzen Erörterung der Lage beschlossen sie, sich zu trennen und am kommenden Montagabend wiederzutreffen, wie sie das für gewöhnlich taten.

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»I still don’t get it. Ich komme mir vor wie in einem Traum oder eher wie in einem Albtraum.«

Ein kräftig gebauter Mann mittleren Alters mit einer sommersprossigen Haut und einem starken englischen Akzent sah Rebekka und Reza bedauernd an, als sie in Jerome­ Lefevres Wohnung an Esplanaden eintrafen. Er stellte sich als Liam Wilkinson vor und führte sie in eine geräumige Diele, an deren Wänden ein Gemälde neben dem anderen hing, alle von jüngeren dänischen Künstlern: Tal R, John Körner, Cathrine Raben Davidsen, Maria Marstrand … Die Gemälde mussten ein Vermögen wert sein. Liam folgte ihrem Blick und lächelte schief.

»He loves art, der Alte. Er sammelt seit Jahren Kunst. Mir sagt das nicht so viel, ich könnte ohne Weiteres mit nackten Wänden und irgendwelchen modernen Installationen leben, aber Jerome möchte es so, und er ist der Innenarchitekt.« Sie gingen durch eine lange Diele, von der eine Reihe weißer Türen abgingen. Liam öffnete die letzte, sie führte in ein großes ovales Wohnzimmer. Hellrotes Abendlicht strömte ihnen durch die großen Bogenfenster entgegen. Rebekka sah, dass feiner, alter Stuck die Decke zierte: Frau­engesichter, Weintrauben und Blumenranken en mas­se. In einer Ecke des Wohnzimmers lag auf einem dunkelbraunen Samtsofa ein älterer Mann unter einer fliederfarbenen Decke, er war mager und hatte fülliges silbergraues Haar. Rebekka erkannte ihn sofort von dem Foto an Kissis Pinnwand. Das also war der Exmann, Jerome, den Kissi auf dem Bild so zärtlich angelächelt hatte.