8,99 €
An einem heißen Sommertag verschwindet die 9-jährige Sophie Larsen von einem Spielplatz in Kopenhagen. Kurz darauf wird sie tot aufgefunden. Als ein weiteres Mädchen vermisst wird, gerät der Fall für die Ermittlerin Rebekka Holm zum Wettlauf gegen die Zeit. Zu ihrem Entsetzen weisen die wenigen Spuren, die der Täter hinterlässt, bald darauf hin, dass er ihr näher sein muss, als sie es für möglich hält: Zu viel spricht dafür, dass er aus den eigenen Reihen kommt.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2014
Mehr über unsere Autoren und Bücher:
www.piper.de
Für Morten
Übersetzung aus dem Dänischen von Hanne Hammer
Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe
1. Auflage 2014
In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich der Piper Verlag die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.
ISBN 978-3-492-96330-5
© 2013 Julie Hastrup & Rosinante&Co., Copenhagen.
Published by agreement with the Gyldendal Group Agency.
Titel der dänischen Originalausgabe:
»Blodig Genvej«, Rosinante, Kopenhagen 2011
Deutschsprachige Ausgabe:
© 2014 Piper Verlag GmbH, München
Umschlaggestaltung und Artwork: Cornelia Niere, München
Umschlagmotiv: Yolande de Kort /Trevillion Images (Mädchen)
Datenkonvertierung: Kösel, Krugzell
Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.
—
Saved by the bell. Rebekka konnte sich nicht erinnern, jemals dankbarer für das Klingeln des Telefons gewesen zu sein als jetzt, wo sie gegenüber von Michael auf dem Sofa saß und das schlechte Gewissen ihr ins Gesicht geschrieben stand. Es waren gerade mal drei Wochen vergangen, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten, und trotzdem hatte sie es in dieser kurzen Zeit geschafft, mit einem anderen Mann, nämlich ihrem schwedischen Kollegen Niclas, der zu einem kurzen Besuch in Dänemark gewesen war, im Bett zu landen. Sie war über sich selbst entsetzt – dabei hatte es sich so gut angefühlt, dass es ihr schwerfiel, irgendetwas zu bereuen.
Sie fand das klingelnde Handy auf der Fensterbank und erkannte auf dem Display die Nummer von Henrik Brodersen, dem Chef der Mordkommission. Sie hatte kaum Hallo gesagt, als er auch schon lospolterte: »Rebekka, bist du das? Ein Kind ist verschwunden …«
Ein Kind. Rebekka merkte, wie ihr Puls schneller ging.
»Ein neunjähriges Mädchen. Sofie Kyhn Larsen. Sie ist heute vom Naturspielplatz im Valby Park verschwunden. Das liegt ganz in der Nähe deiner Wohnung.«
»Ich kenne den Park nur vom Hörensagen, muss aber gestehen, dass ich noch nie dort war. Wann ist sie verschwunden?«
»Den genauen Zeitpunkt wissen wir nicht. Die Familie, das heißt die Mutter, der Stiefvater, ihr älterer und ihr jüngerer Bruder sowie ein älteres Ehepaar aus dem Haus, in dem die Familie wohnt, sind gegen dreizehn Uhr in den Valby Park gekommen. Den Erklärungen der Erwachsenen zufolge sind die Kinder alleine herumgelaufen und haben gespielt. Erst als sie gegen vierzehn Uhr dreißig picknicken wollten, haben sie nach Sofie Ausschau gehalten. Sie haben gut und gern anderthalb Stunden nach ihr gesucht, sie unter anderem mehrmals auf ihrem Handy angerufen, aber das war ausgeschaltet. Der Stiefvater hat Sofies Pullover auf einer kleinen Lichtung in der Nähe des Wegs gefunden, was darauf deuten könnte, dass ihr etwas passiert ist. Danach haben sie uns angerufen. Da war es sechzehn Uhr dreiundfünfzig.«
Rebekka warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Es war kurz vor sieben. Demnach waren zwischen viereinhalb und sechs Stunden vergangen, seit das Mädchen verschwunden war. Wie alle erfahrenen Ermittler wusste auch sie, dass die Zeit ein wesentlicher Faktor ist, wenn ein Kind verschwindet. Denn mit jeder Stunde, die vergeht, steigt das Risiko, dass das Kind nicht mehr lebend aufgefunden wird. Rebekka bekam von ihrem Chef die nötigen Instruktionen, legte auf und drehte sich dann zu Michael um, der während des Gesprächs auf dem Sofa sitzen geblieben war. Er starrte geistesabwesend vor sich hin und schien von dem Telefonat nichts mitbekommen zu haben.
»Michael.« Sie ging zu ihm. Beim Klang ihrer Stimme fuhr er zusammen und wandte sich zu ihr.
»Ja?«
Eine Schmeißfliege summte auf der Fensterbank, und für einen Moment war ihr verzweifeltes Summen das einzige Geräusch im Raum.
»Ich muss los. Brodersen hat eben angerufen. Ein Kind ist von einem Spielplatz hier in der Nähe verschwunden, ein neunjähriges Mädchen.«
»Oh nein …« Michaels sonnengebräuntes Gesicht wurde eine Spur bleicher. Rebekka nickte und dachte kurz an seine Tochter Amalie, die im gleichen Alter war. Er stand langsam auf, und einen Augenblick standen sie sich steif und unbeholfen gegenüber wie zwei Fremde, unsicher, was sie jetzt tun sollten.
»Wir müssen miteinander reden. Und zwar richtig, du weißt schon. Bald.«
Rebekka fuhr sich mit der Hand durchs Haar, und Michael ging zur Tür. Sie folgte ihm in die Diele, wo er vorhin seine Sachen hingeworfen hatte, voller Wiedersehensfreude, nachdem sie mehrere Wochen lang nur sporadisch telefoniert hatten. In wenigen Minuten war es ihr gelungen, seine Freude durch Verwirrung zu ersetzen, und Rebekka merkte, wie das Schuldgefühl ihr einen leichten Stich versetzte. Warum musste sie die Dinge so kompliziert machen? Da stand ein gut aussehender Mann vor ihr, ein reifer, liebevoller Mann, der sie genauso wollte, wie sie war. Warum reichte ihr das nicht?
Michael griff nach seiner Sporttasche und sah sie mit dunklen Augen an. Gleich würde er die Worte aussprechen, die keiner von ihnen auszusprechen gewagt hatte.
»Es funktioniert nicht, Rebekka. So nicht.«
Sie nickte langsam, wagte nicht, ihm in die Augen zu sehen, starrte stattdessen auf die abgenutzten Holzdielen.
»Du hast recht. Es funktioniert nicht …«
Michael öffnete den Mund, als wollte er protestieren, schwieg aber. Er beugte sich zu ihr hinunter, küsste sie flüchtig aufs Haar und schloss leise die Tür hinter sich.
Rebekka starrte einige Sekunden auf die Tür, während sich ein seltsamer Cocktail aus Panik, Erleichterung und einer Art Wehmut in ihrem Körper ausbreitete. Sollte sie hinter ihm herlaufen, schreien, dass das Ganze ein Missverständnis sei, ihn anflehen zu bleiben? Sie rief sich das Gefühl in Erinnerung, in seinen Armen zu liegen, seinen Geruch nach Wind und Waschpulver, seine blauen Augen, die von Lachfältchen eingerahmt wurden, und erkannte, dass sie sich nirgendwo und niemals sicherer gefühlt hatte als genau dort. Sie musste noch mal richtig mit ihm reden, beschloss sie, doch dann tauchte Niclas vor ihrem inneren Auge auf, ein flimmerndes Bild aus kräftigen Muskeln und salzigen Küssen, und ihre Verwirrung war total.
Ihr blieb nichts anderes übrig, als auf dem Absatz kehrtzumachen, ihre Tasche zu holen und zum Valby Park zu fahren.
—
Rebekka traf wenige Minuten später im Valby Park ein. Obwohl sie im selben Stadtteil wohnte, kannte sie sich nicht besonders gut aus. Sie lief mehrmals die Woche im Park Søndermarken und auf dem Vestre Kirkegård, kaufte jedoch meistens auf dem Heimweg vom Polizeipräsidium in Vesterbro ein und hatte nur selten Zeit, in ihrem Viertel spazieren zu gehen.
Als sie ihren Wagen gegenüber vom Eingang zum Spielplatz abstellte, bemerkte sie, dass die Artillerie bereits eingetroffen war. Ein paar Meter von ihr entfernt standen einige Polizeiautos, der blaue Kastenwagen der Kriminaltechnik und ein paar Hundewagen. Sie eilte zu den Kollegen, die vor dem Eingang des Naturspielplatzes standen und sich unterhielten. Der Chef der Mordkommission drehte sich in dem Augenblick zu ihr um, in dem sie näher kam, als hätte er ihre Anwesenheit trotz der zwischen ihnen liegenden Meter gespürt. Neben ihm stand Gundersen, der Vizechef der Abteilung, zu dem Rebekka, wie mehrere ihrer Kollegen auch, ein eher gespanntes Verhältnis hatte. Gundersen war Mitte fünfzig, untersetzt, prahlerisch veranlagt und dafür bekannt, hart durchzugreifen und es mit den Regeln nicht so genau zu nehmen, wenn er potenzielle Mörder verhörte. Empathie und psychologisches Gespür waren nicht gerade seine starke Seite, was dazu führte, dass viele einen Bogen um ihn machten.
Henrik Brodersen hingegen schätzte Rebekka sehr. Er war analytisch und ein guter Chef, der sinnvoll die Aufgaben verteilte und seinen Leuten, nicht zuletzt Rebekka, so viel Vertrauen entgegenbrachte, dass er gerne seine Macht teilte und wichtige Aufgaben an sie deligierte. Dass er darüber hinaus noch freundlich und gerecht war, trug nur noch mehr zu seiner Beliebtheit in der Mordkommission bei, und dass er selbst mit dem störrischen Gundersen fertig wurde, unterstrich seine Größe.
»Gut, dass du so schnell hier sein konntest, Rebekka. So sieht sie aus.« Er reichte Rebekka ein Farbfoto von einem blonden Mädchen mit runden, blauen Augen, das direkt in die Kamera sah. Rebekka prägte sich das Gesicht des Mädchens ein und gab ihm das Foto zurück. Brodersen nickte in Richtung des Naturspielplatzes.
»Wir haben das Gelände abgesperrt, die Hunde durchkämmen es gerade nach Spuren. Und wir haben zwei Hubschrauber in der Luft, die das Gebiet absuchen. Die Techniker nehmen die Stelle genauer in Augenschein, wo der Stiefvater Sofies Pullover gefunden haben will. Die Familie haben wir nach Hause geschickt. Sie waren alle total erschöpft und brauchten etwas zu essen und zu trinken. Natürlich haben wir sie schon kurz zum Verlauf befragt, aber ich denke, du solltest gleich zu ihnen fahren. Reza ist auch unterwegs.«
Reza Aghajan war Rebekkas Partner und engster Kollege. In dem halben Jahr, das sie jetzt als Ermittlerin bei der Mordkommission arbeitete, hatten sie sich ein Büro geteilt, und sie hatte Reza, der aus dem Iran kam, aber den größten Teil seines vierunddreißigjährigen Lebens in Dänemark verbracht hatte, bereits in ihr Herz geschlossen.
»Reza?«, rief sie überrascht. »Ich dachte, er wäre im Urlaub.«
»Das dachte ich auch, aber als ich ihn angerufen habe, ist er ans Telefon gegangen. Er klang etwas verwirrt, meinte aber, dass er in einer knappen Stunde hier sein könnte.« Brodersen räusperte sich. »Nun gut, dann gebe ich dir einen kurzen Überblick über den Verlauf, während wir uns umsehen. Zieh dir nur den Schutzanzug an.«
Kurz darauf begaben sie sich durch die Absperrung auf ein grünes Areal mit Hügeln, Klettertürmen, Rutschbahnen, Sportplätzen, hohen Bäumen und viel dichtem Gebüsch. Die Techniker, die sich methodisch zu der Stelle vorarbeiteten, an der Sofies Pullover gefunden worden war, hatten den Naturspielplatz in Felder aufgeteilt.
»Das Gebiet ist riesig. Vierundsechzig Hektar. Vom Valby Park aus gibt es einen direkten Zugang zum Strand von Kalveboderne. Der Naturspielplatz ist der größte im Land. Doch nun zu den Fakten. Die Familie ist gegen dreizehn Uhr im Park eingetroffen. Außer Sofie, dem verschwundenen Mädchen, war ihre Mutter dabei, Anita Kyhn, der Stiefvater, ein gewisser Steffen Olsen …«
»Ein unangenehmer Typ, dieser Stiefvater«, warf Gundersen atemlos ein.
Der Chef der Mordkommission runzelte kurz die Stirn, bevor er mit seinem Bericht fortfuhr: »Die beiden Halbbrüder des Mädchens waren auch mit von der Partie, der jüngere Bruder im Alter von drei Jahren und ein größerer Junge von sechzehn, siebzehn Jahren. Außerdem war ein älteres Ehepaar aus dem Haus dabei. Der Mutter zufolge ist Sofie kurz nachdem sie hier im Park eingetroffen sind auf Erkundungstour gegangen. Die Mutter ist die Letzte, die sie gesehen hat. Sofie ist in diese Richtung gelaufen.«
Er zeigte Richtung Süden zu einem hohen Grashügel, auf dem ein Hundeführer in einem Schutzanzug mit einem Schäferhund herumlief, der eifrig das Gras beschnüffelte.
»Die Mutter ist also die Letzte, die Sofie mit Sicherheit gesehen hat. Das bestätigen auch die übrigen Familienmitglieder und das ältere Ehepaar, das die Familie ziemlich gut kennt, soweit ich das verstanden habe.«
Brodersen blieb so abrupt stehen, dass Rebekka und Gundersen hinter ihm fast zusammenstießen. Rebekka biss sich nachdenklich auf die Lippe, während sich die vielen Informationen langsam setzten.
»Wo genau wurde der Pullover gefunden?«
»Hier drüben. Aber wir dürfen keine Spuren zerstören.«
Brodersen führte Rebekka zu einem Wäldchen am Rand des Spielplatzes. Sie gingen durch das hohe Gras und standen kurz darauf unter ein paar schwankenden Bäumen, unter denen sich eine Höhle befand. Wenige Meter davon entfernt war die Einzäunung aus Maschendraht heruntergetreten, sodass man direkt vom Rasen auf den Weg treten konnte, an dem die Autos parkten.
»Der Stiefvater, Steffen Olsen, hat erklärt, dass er den Pullover vor der Höhle gefunden hat, wo Sofie aller Wahrscheinlichkeit nach gespielt hat. Wir haben den Pullover an die Technik geschickt.«
»Wenn man ein Kind entführen will, ist dieser Platz nahezu ideal«, sagte Rebekka und sah sich um.
»Genau. Er liegt zwar etwas abseits, aber man kann ganz in der Nähe parken.«
»Was meint die Familie, was mit der Tochter passiert ist?«, fragte Rebekka und warf ihrem Chef einen verstohlenen Blick zu.
»Sie verstehen das alles nicht. Es gibt einen leiblichen Vater, der irgendwo im Hintergrund herumspukt, und die Mutter hat angedeutet, dass er die Tochter mitgenommen haben könnte. Wir versuchen, Kontakt zu ihm aufzunehmen, aber er dürfte sturzbetrunken und somit ziemlich instabil zu sein. Wir haben einen Wagen zu ihm geschickt.«
»Kannst du dir vorstellen, dass wir es mit einer Entführung innerhalb der Familie zu tun haben?«
»Natürlich, aber ich kann mir auch noch düsterere Szenarien vorstellen.«
»Der Pullover gibt natürlich Anlass zur Besorgnis. Andererseits war es heute Nachmittag auch ziemlich warm.«
Rebekka schlug nach einer Mücke, doch die hatte offenbar schon ihren Blutdurst an ihrer Wange gestillt, die jetzt heftig juckte. Sie blickte sich um. Zwischen den hohen Bäumen war es kühl und duftete intensiv nach Gras.
»Mit wie vielen Zeugen konnten wir bisher reden?«, fragte sie.
»Nur mit wenigen, und leider hatten sie auch nichts Interessantes zu berichten. Noch nicht. Doch wegen des schönen Wetters war der Spielplatz heute gut besucht. Als wir gerufen wurden, war der größte Teil der Besucher allerdings bereits wieder fort. Aber jetzt, wo nach dem Mädchen gefahndet wird, dürften viele Hinweise aus der Bevölkerung eingehen. Irgendjemand muss sie gesehen haben, der Park war voller Kinder und Erwachsener. So, wie es im Moment aussieht, müssen wir uns mit der Statistik trösten, und die sagt immerhin, dass Kindermorde bei uns eher selten sind. Glücklicherweise. In meiner ganzen Zeit in der Abteilung habe ich nur mit sehr wenigen Fällen zu tun gehabt.«
Rebekka hatte noch nie in einem Fall ermittelt, in dem ein Kind das Mordopfer war. Allein der Gedanke an ein totes Kind erschreckte sie zutiefst. Sie hatte immer versucht, ihre Gefühle völlig aus dem Spiel zu lassen, wenn sie bei ihrer Arbeit mit missbrauchten oder misshandelten Kindern zu tun gehabt hatte.
»Ryan Sullivan ist gerade in Kopenhagen«, fiel ihr plötzlich ein. »Er gehört dem FBI an, und sein Spezialgebiet sind verschwundene Kinder. Kennst du ihn?«
Brodersen nickte. »Ich habe ihn und seinen Kollegen Ted Palmer sogar vorhin begrüßt. Sie hatten nämlich ein Meeting mit der Direktion. Das ist ein spannendes Projekt, an dem sie gerade arbeiten … Du kennst ihn von deiner Zeit beim FBI?«
Rebekka nickte. Sie hatte Ryan Sullivan vor vier Jahren kennengelernt, als sie einige Monate beim FBI in den Vereinigten Staaten gewesen war. Zwischen ihnen hatte sich eine Freundschaft entwickelt, die sie in den vergangenen Jahren mithilfe von E-Mails und Telefonaten am Leben erhalten hatten. Ryan hatte sie heute direkt nach seiner Ankunft in Kopenhagen angerufen, dem ersten Stopp auf seiner und Ted Palmers Europatour. Sie hatten sich für den kommenden Tag zum Brunch verabredet, ein Termin, den sie jetzt nach dem Verschwinden von Sofie würde absagen müssen, doch sie wollte den aktuellen Fall möglichst bald mit Ryan diskutieren.
»Ryan weiß alles, was es über verschwundene Kinder zu wissen gibt, das Timing könnte nicht besser sein«, meinte sie.
»Er ist eine Kapazität, daran besteht kein Zweifel. Leider sind er und Ted Palmer in den kommenden Monaten permanent unterwegs, aber ich habe vollstes Vertrauen, dass wir diesen Fall selbst lösen können«, antwortete Brodersen.
Rebekka nickte und blickte sich forschend um. »Es könnte sich schließlich auch um einen Unfall handeln. Ich meine, der Park grenzt ans Wasser und an dieses Naturschutzgebiet, Kalveboderne. Vielleicht hat sie wegen der Hitze Lust auf ein Bad bekommen?«
»Das wäre natürlich eine Möglichkeit, doch um ans Wasser zu kommen, hätte sie mehrere Kilometer weit gehen müssen. Ich glaube eher nicht daran, aber natürlich ist alles offen. Den Eltern zufolge ist das Mädchen eine Einzelgängerin, die gern in der Nachbarschaft herumstreift.«
»Die Eltern haben sicher überall angerufen …«
Brodersen nickte. »Natürlich haben sie die engste Familie, die Freunde und die Mitschülerinnen angerufen, um zu hören, ob sie mit einer von ihnen nach Hause gegangen ist, doch im Moment sind nur wenige da, schließlich sind gerade Sommerferien. Viele sind in ihrem Sommerhaus oder im Ausland, und von denjenigen, mit denen sie gesprochen haben, hat niemand Sofie gesehen. Sofie ist noch nie von zu Hause weggelaufen, doch die Mutter kann nicht ausschließen, dass sie so etwas tun könnte. Es kann ja auch sein, dass wir sie in ein paar Stunden auf der Strøget aufgreifen.«
Brodersen klang jedoch wenig überzeugt. Warum sollte eine Neunjährige weglaufen? Die meisten Kinder, die von zu Hause ausbüxten, waren mindestens elf oder zwölf Jahre alt.
Sie verließen die schattigen Bäume und gingen zurück zum Naturspielplatz. Hinter den Baumkronen schimmerte eine rosafarbene Abendsonne, und die Luft war noch immer so feuchtwarm, dass die Schutzanzüge am Körper klebten. Ein paar Beamte winkten Brodersen zu sich, und Rebekka beschloss, das Gebiet auf eigene Faust zu erkunden. Sie stieg auf den höchsten Hügel hinauf, blieb kurz oben stehen und ließ den Blick über die grüne Umgebung schweifen, die sich vor ihr ausbreitete.
Links konnte sie hinter einer langen Reihe von Bäumen mehrere Wohnblöcke ausmachen, ansonsten war die Sicht in alle Richtungen frei. Sie schloss einen Augenblick die Augen, rief sich das Gesicht des Mädchens in Erinnerung, stellte sie sich hier auf dem Spielplatz vor, lachend, spielend … und dann?
Als sie kurz darauf wieder mit Brodersen, Gundersen und ein paar anderen Kollegen unten auf dem Weg stand, kam einer der Hundeführer auf sie zugelaufen, während er mit seinem iPhone winkte. Er blieb atemlos stehen, und der Schäferhund setzte sich brav hin.
»Trojan hat hinter den Bäumen am Weg zum Rosengarten ein rosanes Handy gefunden.«
Der Hundeführer zeigte geschäftig zu dem kleinen Wald hinüber, wo der Stiefvater auch Sofies Pullover gefunden hatte.
»Die Techniker sind jetzt da drüben. Aber ich habe mit meinem iPhone ein paar Fotos davon gemacht.«
Der Hundeführer zeigte ihnen zwei Fotos von einem rosafarbenen Handy, das im hohen Gras versteckt lag. Die Farbe war auffällig, und an einem Handyanhänger baumelten ein paar kleine Plastikbären in verschiedenen Farben. Das Display war kaputt, vermutlich war es auf etwas Hartes gefallen.
Gundersen konnte seine Aufregung nicht verbergen, während er auf das Handy zeigte. »Das sieht genauso aus, wie die Eltern Sofies Handy beschrieben haben.«
Brodersen nickte ernst. »Genau. Auch die Bären stimmen. Es muss sofort in die Technik und auf DNA untersucht werden. Außerdem brauchen wir eine Liste über die letzten Anrufe.« Er drehte sich zu Rebekka um. »Ich denke, du solltest der Familie jetzt einen Besuch abstatten. Sag nichts von dem Handy, wir wollen sie nicht unnötig beunruhigen. Ich will mir erst ganz sicher sein, dass es Sofies Handy ist.«
Rebekka nickte, und Brodersen ging zu den parkenden Autos. Sie folgte ihm, und schon ein paar Minuten später war sie auf dem Weg zu der Familie, die nur wenige Kilometer entfernt wohnte.
—
Søren Thomsen drückte die Nase gegen die Fensterscheibe, während er angestrengt versuchte zu verfolgen, was unten auf dem Naturspielplatz passierte. Die Bäume versperrten ihm die Sicht, doch dazwischen konnte er das gestreifte Absperrband der Polizei erkennen. Beim Einkaufen vor ein paar Stunden hatte er die Polizeiautos in einer langen Reihe eintreffen sehen und sofort ein seltsames Gefühl im Bauch verspürt, ein düsteres Gefühl von Jüngstem Gericht, obwohl er nicht an so etwas glaubte. Oder vielleicht doch? Jedenfalls hatte er Angst davor und stellte sich vor, wie ihm die Augen ausgehackt werden würden, wenn dieser Tag gekommen wäre.
Diese Leute mit den Blättchen hatten ihm an jenem Nachmittag davon erzählt, als die Einsamkeit so überwältigend gewesen war, dass er sie zu einem Gespräch in die Wohnung gelassen hatte. Sie hatten ihn freundlich, aber ernst angesehen und mit leisen, traurigen Stimmen davon gesprochen, was einen erwartete, wenn man sich nicht Jehova anschloss. Søren war zutiefst beunruhigt gewesen, als er sie anderthalb Stunden später wieder zur Tür begleitet hatte. Eine der Damen hatte nach seiner Hand gegriffen und sie ein wenig zu lange festgehalten, bevor sie ihm ein paar Blättchen zugesteckt hatte. Søren wusste genau, dass seine Mutter ihn zwingen würde, die Blättchen wegzuwerfen, wenn sie sie sah. Deshalb hatte er sie in seinem Schlafzimmer versteckt und schaute nur am Abend heimlich hinein. Es hatte ihn erschreckt, was dort stand, und plötzlich war ihm klar geworden, dass auch er jemand war, dem Gott niemals seine Sünden vergeben würde.
Ein Polizist ging mit einem angeleinten Hund an den Bäumen entlang, und Søren zog schnell den Kopf ein. Er war nicht besonders schlau, das hatte er oft genug zu hören bekommen, aber er wusste zumindest so viel, dass er sich bedeckt halten sollte. Søren schaltete den Fernseher ein. Er blieb einen Moment ganz still stehen, während die Bilder aus dem Afghanistankrieg auf ihn einströmten. Ein weiterer dänischer Soldat war in der Provinz Helmand ermordet worden. Schnell griff er nach der Fernbedienung, und der Fernseher schaltete sich mit einem leisen Seufzen aus.
Søren war unschlüssig, der Gedanke an all die Polizisten, die jetzt im Viertel herumliefen, machte ihn ängstlich und aufgedreht zugleich. Vielleicht half es, wenn er sich einen Karl-Stegger-Film ansah, das half normalerweise in jeder Situation. Er ging zum Regal und sah die unzähligen Filme mit dem verstorbenen Schauspieler durch, die er hatte. Einhundertneunzehn waren es, um genau zu sein. Seit seiner frühesten Jugend war Søren ein Karl-Stegger-Fan, und wenn ihn jemand fragte, warum er gerade Karl Stegger so besonders mochte, konnte er das nicht erklären, sondern nur antworten, dass ihn der Anblick des rundlichen Schauspielers immer so fröhlich mache.
Er zog einen Film aus der Reihe DerPoet und Lillemor heraus und schob ihn in den DVD-Player. Dann machte er es sich in dem abgenutzten Lehnstuhl gemütlich. Er war jetzt ein bisschen ruhiger und verspürte eine kribbelnde Vorfreude im Bauch, obwohl er den Film schon mindestens hundertmal gesehen hatte.
—
In dem Moment, in dem Rebekka die Handbremse anzog, kam Reza auf ihr Auto zu. Es war mehrere Wochen her, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, und sie stieg aus und umarmte ihn kurz. Reza erstarrte etwas, denn er mochte keine Umarmungen, und sie ließ ihn sofort wieder los. Einen Moment waren beide ein wenig verlegen, dann lächelten sie sich an. Wie jemand, der gerade aus den Ferien kam, sah Reza allerdings nicht aus. Ganz im Gegenteil. Er war blass, und seine Augen waren blutunterlaufen, als hätte er lange Zeit schlecht geschlafen. Sie sah ihn besorgt an.
»Hattest du schöne Ferien?«, fragte sie, und er lächelte schnell und murmelte etwas, das wie »okay« klang und lenkte das Gespräch schnell auf die Ermittlungen.
»Warst du drüben im Park?«
Sie nickte. »Ich habe ein kurzes Briefing bekommen, mir ein wenig den Ort angesehen, und als ich gerade gehen wollte, hat einer der Hunde ein paar Hundert Meter weiter weg das Handy des Mädchens gefunden. Oder besser gesagt, wir vermuten, dass es ihr Handy ist. Es hat jedoch einige besondere Kennzeichen, darunter einen Handyanhänger mit ein paar kleinen Plastikbären. Es wird wohl ihres sein, leider.«
»Das klingt nicht gut.«
»Nein, und das Display war kaputt, als wäre es auf etwas Hartes gefallen, auf einen großen Stein zum Beispiel. Aber wir werden sehen. Erwähne es vor der Familie bitte nicht, Brodersen möchte erst sicher sein, dass es wirklich ihr Handy ist.« Sie drehte sich um und sah an einem grauen Betonbau hoch.
»Kommst du? Hier müsste es sein. Im dritten Stock.«
Kurz darauf befanden sie sich vor der Wohnungstür, dritter Stock rechts. Auf einem kleineren Porzellanschild standen die Namen Kyhn und Olsen. Ein Mann mit einer Tonsur, allem Anschein nach in den Dreißigern, öffnete ihnen in dem Augenblick die Tür, in dem sie klingelten. Er war groß und muskulös und hatte eine solariumsgebräunte Lederhaut, deren Farbe in starkem Kontrast zu seinem engen, weißen T-Shirt stand. Über den rechten Bizeps wand sich eine tätowierte Schlange.
»Steffen Olsen. Kommen Sie herein.« Er gab ihnen beiden die Hand, sein Händedruck war fest. »Ich bin Sofies Stiefvater oder wie man das nennen soll.« Ein kleines Lächeln huschte über seine fülligen Lippen. Er führte sie in eine größere Wohnküche, wo eine blasse, sehnige Frau mit einer Packung Kleenex und einem vollen Aschenbecher mehr über dem Tisch lag als dass sie saß. An der orangefarbenen Wand hinter ihr hingen ein paar große Farbfotos der Kinder, zwei Jungen und ein Mädchen, Seite an Seite. Rebekka erkannte Sofie sofort. Sie stellten sich vor, sagten ein paar tröstende Worte und setzten sich. Rebekka merkte, dass Anita Kyhns Augen an ihr klebten.
»Gibt es etwas Neues?«
Rebekka schüttelte langsam den Kopf. »Leider nein, noch nicht«, antwortete sie und fügte hinzu: »Aber wir haben Hubschrauber, Hunde und viele Polizisten im Einsatz, die gerade die Umgebung absuchen. Sie können ganz beruhigt sein, wir tun alles, um Ihre Tochter zu finden.«
Steffen Olsen setzte sich neben seine Frau, und das Paar bestätigte noch einmal die Geschichte, die der Chef der Mordkommission Rebekka erzählt hatte.
»Sofie hatte sich so auf den Waldausflug gefreut, so hatten wir die Unternehmung genannt. Wir kommen nicht oft raus, und obwohl wir so nahe am Naturspielplatz wohnen, gehen wir eigentlich nur selten zusammen dorthin. Man muss immer viel Zeug einpacken, und das …« Anitas Stimme versagte.
»Wir sind ein bisschen träge, wenn es darum geht, Ausflüge und so was zu machen. Wir sind gerne zu Hause«, warf Steffen ein, und Anita nickte zustimmend.
»Sofie hat uns schon so lange in den Ohren gelegen, dass wir zusammen einen Ausflug dorthin machen sollen«, sagte sie. »Mit einem Picknickkorb und allem Drum und Dran. Eigentlich hatten wir den Ausflug schon vor einer Woche machen wollen, aber da war das Wetter zu schlecht, deshalb haben wir ihn verschoben. Heute hat es dann geklappt. Wir sind zusammen mit unseren Nachbarn losgezogen, Egon und Lillian, sie sind so eine Art Ersatzgroßeltern für die Kinder. Bo hätte eigentlich auch noch mitkommen sollen, aber er ist nicht aufgetaucht …«
Rebekka sah Reza schnell von der Seite an.
»Wer ist Bo?«, wollte Reza wissen, und Steffen Olsen erklärte, dass das sein jüngerer Bruder sei, der oft zu Gast bei ihnen sei und den die Kinder liebten.
»Haben Sie überprüft, ob sie bei ihm ist?«
Steffen nickte. »Natürlich. Aber sie sehen sich nur, wenn die Familie sich trifft. Ich glaube nicht einmal, dass sie weiß, wo er wohnt. Bo war total geschockt, als er gehört hat, dass Sofie verschwunden ist.«
Anita Kyhn griff nach der Hand ihres Mannes und zog sie zu sich hin. Steffen Olsen sah Rebekka und Reza verlegen an, als würde er sich bei der Berührung unwohl fühlen. Anita Kyhn schien seinen Unwillen jedoch nicht zu bemerken, Tränen liefen ihre mageren Wangen hinunter.
»Ich verstehe das nicht. Sie ist wie vom Erdboden verschluckt. Das ist doch nicht möglich.«
»Haben Sie eine Telefonliste von Sofies Klassenkameraden gemacht und die Namen und Telefonnummern der engsten Familienangehörigen und Freunde notiert, zu denen wir Kontakt aufnehmen können?«
Anita Kyhn nickte und fuhr sich mit der Hand durch den dünnen Pferdeschwanz. »Steffen hat die Liste schon abtelefoniert, aber jetzt in den Sommerferien sind viele nicht zu Hause. Die meisten sind in ihrem Sommerhaus. Sofie hat sich so gewünscht, dass wir in den Ferien ein Häuschen mieten. Wenn wir das getan hätten, wäre sie nicht verschwunden.« Anita Kyhn sah sie verzweifelt an.
Steffens Gesicht verhärtete sich. »Fie hat einfach nicht begriffen, dass wir uns das nicht leisten können.«
Anita Kyhn nickte und putzte sich die Nase.
»Wie ist Sofie eigentlich – ist sie von Natur aus lebhaft oder eher zurückhaltend?«, wollte Reza wissen.
Anita und Steffen machten einen nachdenklichen Eindruck. Schließlich beantwortete Anita die Frage.
»Sie ist schon etwas still, in sich gekehrt könnte man wohl sagen. Sie hat nicht viele Freundinnen …«
»Sie hatte doch Maria. Maria aus ihrer Klasse«, warf Steffen ein.
»Ja, aber Maria ist beliebt. Sie ist auch mit anderen Mädchen zusammen, spielt sie gegeneinander aus, und dann ist Sofie am Boden zerstört. Unter Erwachsenen fühlt sie sich aber sehr wohl, obwohl sie ein wenig schüchtern ist.« Anita Kyhns Stimme zitterte leicht. Steffen zuckte mit den Schultern.
»Sie haben erzählt, dass sie gerne durch die Gegend streift …«
»Ja, aber das ist doch etwas anderes.« Anita Kyhns Stimme stieg an, nahm einen schrillen Ton an. »Sie ist noch nie einfach so verschwunden, und sie hat immer Bescheid gesagt, wenn sie sich verspätet hat. Es sieht ihr nicht ähnlich, nicht ans Handy zu gehen, sie liebt dieses Telefon.«
Anita vergrub das Gesicht in den Händen und schaukelte auf ihrem Stuhl hin und her. Steffen blieb sitzen, unbeweglich.
Einen Augenblick war die Stille erdrückend. Geräusche aus den umliegenden Zimmern, eine Reihe gedämpfter, anhaltender Schüsse, vermutlich von einem Computerspiel, und etwas, das wie die Titelmelodie vor den Nachrichten klang, sickerten langsam zu ihnen durch.
»Soweit wir das verstanden haben, gab es Probleme mit Sofies biologischem Vater. Wer ist er?«
Steffen schnaubte verhalten, als Reza die Frage stellte. Anita Kyhn nahm die Hände von ihrem Gesicht. Die Wimperntusche hatte dunkle Streifen unter den Augen hinterlassen.
»Er heißt Allan. Allan Larsen. Wir waren nur kurze Zeit zusammen, und Sofie ist das Ergebnis.«
»Er ist absolut unmöglich, dieser Allan«, warf Steffen ein und verdrehte die Augen.
»Hat Sofie Kontakt zu ihrem Vater?«
»Selten«, sagte Steffen. »Allan ist ziemlich instabil. Er ist ein Quartalssäufer, und das ist längst nicht alles.«
»Was meinen Sie damit?«
»Dass er Drogen nimmt, natürlich. Er kann das nicht steuern, das hat er noch nie gekonnt. Ich kenne Allan in- und auswendig, er ist ein alter Bekannter, Anita und ich haben uns über ihn kennengelernt.«
Anita nickte bestätigend, und einen kurzen Moment kroch ein kleines Lächeln in ihre Mundwinkel.
»Sie haben aber schon Allan Larsen angerufen, ob Sofie zu ihm gefahren ist?«
Beide nickten.
»Natürlich, obwohl ich bezweifle, dass Fie das tun würde. Allan ist übrigens nicht ans Telefon gegangen. Ich habe ihm eine Nachricht hinterlassen, dass er so schnell wie möglich zurückrufen soll.« Steffen machte eine ausladende Handbewegung und fügte hinzu: »Er ist nicht der Typ, der zurückruft, eher im Gegenteil.«
Rebekka und Reza baten, sich die Wohnung ansehen zu dürfen. Steffen erhob sich bereitwillig, um sie herumzuführen. Anita Kyhn blieb wie paralysiert auf ihrem Platz sitzen.
»Die Wohnung ist nicht sonderlich groß für uns alle, aber gemütlich«, meinte Steffen mit einem strahlenden Lächeln. Seine Selbstsicherheit in Kombination mit seinem massigen Aussehen führte vermutlich dazu, dass viele Menschen ihn eher einschüchternd fanden. Daher schien er es gewohnt zu sein, die Leute durch ein strahlendes Lächeln für sich zu gewinnen.
Sie gingen von der Wohnküche in die Diele, an einem Badezimmer und einem verdunkelten Schlafzimmer vorbei und weiter ins Wohnzimmer.
»Treten Sie ein.« Das breite Lächeln klebte weiter auf Steffens Gesicht.
Die Wände des Wohnzimmers waren blau gestrichen, es gab ein Ecksofa aus schwarzem Leder und einen Flachbildfernseher, der eine ganze Wand dominierte. An der gegenüberliegenden Wand standen mehrere Terrarien.
»Was befindet sich denn da drinnen?«, fragte Reza ängstlich.
»Schlangen.« Steffens Lächeln wurde noch breiter, als er sah, dass Reza schnell einen Schritt zurücktrat.
»Keine Sorge, sie sind nicht giftig. Das sind ganz gewöhnliche Boas oder Riesenschlangen, wenn Sie so wollen.«
Reza sah nicht gerade beruhigt aus.
»Wie viele Schlangen haben Sie?« Rebekka trat näher und sah in eins der Terrarien. Sie entdeckte eine große, orange gefleckte Schlange, die in einem Teil eines ausgehöhlten Baumstamms lag.
»Wir oder besser gesagt ich habe fünf. Schlangen sind mein großes Hobby. Anita mag sie nicht besonders, aber sie musste mich so nehmen, wie ich bin, als wir zusammengezogen sind. Ich musste sie schließlich auch nehmen, wie sie ist – ich meine, sie hat zwei Kinder. Im Verhältnis dazu ist so eine kleine Schlangensammlung doch gar nichts.«
Rebekka stellte sich vor das größte Terrarium und schauderte, als sie in die Augen eines langen, fetten Reptils blickte, das sie mit totem Blick direkt anstarrte.
»Das ist Dorte. Sie war meine erste Schlange und ist deshalb für mich etwas Besonderes. Das ist eine orange Regenbogenboa. Ich habe sie vor sieben Jahren gekauft, sie ist meine Kleine.«
Dorte. Seine Kleine. Rebekka biss sich fest auf die Lippe, um nicht unpassenderweise über die absurde Wendung zu kichern, die das Gespräch genommen hatte. Rebekkas beste Freundin hieß Dorte. Sie würde ihr demnächst von ihrer Namensvetterin erzählen. Rebekka räusperte sich.
»Was hält Sofie von den Schlangen?«
Steffens Gesicht verzog sich, und er schaute sie mürrisch an. Es war offensichtlich, dass seine Laune starken Schwankungen unterlag.
»Fie hatte Angst vor ihnen, wie die meisten anderen Menschen auch, wenn sie sie das erste Mal sehen. Zu Anfang hat sie sie nicht gemocht, doch als sie sie besser kennengelernt hat, fand sie es interessant, sie zu beobachten. Ihr jüngerer Bruder Patrick ist ganz verrückt nach ihnen.« Beim Gedanken an seinen Sohn leuchtete Steffens Gesicht auf. »Das ist er immer schon gewesen, seit er ganz klein war.«
»Wir würden uns gerne Sofies Zimmer ansehen.«
»Natürlich. Das ist gleich nebenan, sie hat es sich mit Patrick geteilt, aber im Moment schläft er bei uns im Schlafzimmer.«
Steffen führte sie in ein unaufgeräumtes Kinderzimmer. Rebekka dankte ihm und bat darum, sich in Ruhe umsehen zu dürfen.
»Natürlich.« Er zögerte kurz, dann wandte er sich zum Gehen, während er murmelte, dass er wohl besser nach seiner Frau sehen sollte.
Überall auf dem Boden lagen Spielsachen. Rebekka und Reza mussten über diverse Stapel steigen, während sie sich umsahen. An der einen Wand stand Sofies zerwühltes Bett, an der gegenüberliegenden befand sich ein Kinderschreibtisch mit einer kleinen roten Lampe. Reza öffnete eine Schublade nach der anderen, während Rebekka den Kleiderschrank durchforstete, der ziemlich vollgestopft war.
»Ziemlich unordentlich hier, nicht?« Reza sah Rebekka an, die nachdenklich nickte.
»Wo würde ein kleines Mädchen, das gezwungen ist, sich das Zimmer mit seinem kleinen Bruder zu teilen, wohl seine Schätze verstecken?«, fragte sie sich leise und dachte an ihre eigene Kindheit. Sie hatte sich ein kleines Zimmer mit ihrem jüngeren Bruder Robin geteilt, und obwohl sie ihn über alles geliebt hatte, hatte sie ihre Schätze vor ihm unter der Matratze versteckt. Rebekka ging zu Sofies schmalem Bett und hob energisch die Matratze an. Zwischen den Lamellen steckte ein schmuddeliger, weißer Briefumschlag. Rebekka streckte die Hand danach aus.
»Ein Brief?« Reza erhob sich von dem Schreibtischstuhl und trat zu seiner Kollegin, die vorsichtig den Umschlag öffnete. Es steckte kein Brief darin, dafür enthielt der Umschlag Geldscheine, sie zählte insgesamt eintausendeinhundert Kronen.
Reza stieß einen Pfiff aus. »Das ist viel Geld für ein kleines Mädchen. Aber sie kann natürlich gespart haben.«
»Mag sein, doch es wundert mich, dass sie das Geld dann unter der Matratze versteckt. Warum hat sie es nicht auf einem Sparkonto oder zumindest in einer Spardose?«
Beide sahen zu dem Regal hinüber, in dem zwei Spardosen standen, eine Pinguindame und ein Pinguinherr. Reza nahm sie aus dem Regal und schüttelte sie. Es klapperte ein wenig, offenbar waren nur kleine Münzen darin.
Wenig später standen sie wieder in der Küche. Anita saß noch genau dort, wo sie sie eben verlassen hatten, und starrte apathisch vor sich hin, eine brennende Zigarette in der Hand. Steffen blätterte in einer Fußballzeitschrift. Reza erzählte ihnen von den Geldscheinen, die sie gefunden hatten, und die beiden wirkten schockiert von der Höhe des Betrags. Sofie bekomme zu Weihnachten und zum Geburtstag nie Geld, weil ihr immer irgendetwas an Kleidung oder Spielsachen fehle, erklärten sie einstimmig. Sie hatten keine Ahnung, woher das Geld kommen konnte.
Rebekka biss sich auf die Lippe. Wofür wurde Sofie bezahlt, und wer bezahlte sie? Reza unterrichtete Anita und Steffen über den derzeitigen Plan, die Suche auch während der Nacht fortzusetzen. Steffen hörte aufmerksam zu, während Anita nichts um sich herum wahrzunehmen schien. Plötzlich richtete sie sich auf. Ihr Gesicht hatte sich verändert, die Augen waren jetzt groß und schwarz, der Mund stand offen wie ein Krater. Sie hielt sich mit ihren schmalen Händen die Ohren zu und stieß einen Schrei aus, der die Luft zerriss und für einen Augenblick alle lähmte. Dann sank sie in sich zusammen, richtete den Blick auf Rebekka und sagte mit fast normaler Stimme: »Sofie ist tot.«
»Sie dürfen nicht …« Rebekka machte einen Schritt auf die Frau zu, die heftig den Kopf schüttelte und die Hände vor sich hielt, als wollte sie alle wegstoßen.
»Sind Sie selbst Mutter?« Sie starrte Rebekka an.
»Nein, das nicht, aber ich …«
»Dann verstehen Sie auch nicht, was ich meine. Sie ist tot. Sofie ist tot. Das weiß ich. Ich spüre es hier drinnen.«
Sie schlug sich fest auf die Brust, und es klang hohl. Dann brach sie weinend zusammen. Rebekka setzte sich neben sie, legte ihre Hand auf die Hand der Frau.
»Sie brauchen Hilfe. Ich kann einen Psychologen von der Krisenintervention kommen lassen, oder Sie können selbst dorthin gehen, wenn Ihnen das lieber ist?«
Anita Kyhn weigerte sich, professionelle Hilfe anzunehmen, und nach diversen Überredungsversuchen gaben sie auf. Steffen gelang es, sie ins Schlafzimmer zu bringen, wo sie sich leise unterhielten. Wenige Minuten später tauchte er wieder auf und lächelte sie flüchtig an.
»Sie ruht sich jetzt aus.«
Er begleitete sie ins Treppenhaus und schloss vorsichtig die Tür hinter sich. Er schien ihnen noch etwas Wichtiges sagen zu wollen, und schließlich brach es aus ihm hervor: »Was Allan, Fies biologischen Vater, angeht … Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass er etwas mit ihrem Verschwinden zu tun hat. Das habe ich schon in dem Moment gedacht, als wir sie nicht finden konnten. Er ist absolut unberechenbar und hat uns über die Jahre schon mit allem Möglichen gedroht. Erst wollte er Sofie haben, dann wollte er sie überhaupt nicht sehen, dann hat er damit gedroht, sich umzubringen, dann damit, Sofie umzubringen, und schließlich wollte er uns alle umbringen.«
Steffen sah sie triumphierend an, um sich zu vergewissern, dass seine Beschreibung von Allan Larsen Einruck auf die Polizei gemacht hatte.
»Sofies Vater hat damit gedroht, Sofie umzubringen? Warum haben Sie uns das nicht früher gesagt?«
Steffen zuckte mit den Schultern, seine Freude verblasste und wurde durch Ärger ersetzt.
»Das weiß ich nicht. Ich habe doch nicht geglaubt, dass er das ernst gemeint hat. Ich habe das für sein übliches Säufergeschwätz gehalten. So ist er schon immer gewesen, nach außen der große Zampano, nach innen so klein mit Hut.«
»Hat er Ihnen kürzlich gedroht?«
Steffen dachte einen Augenblick nach, bevor er antwortete. »Ich kann mich nicht genau erinnern, Anita weiß das besser, aber ich glaube, zuletzt im Frühjahr. Zu Weihnachten macht er das übrigens regelmäßig. Da wird er total sentimental und will, dass Fie zu ihm kommt, manchmal will er sogar, das sie ganz bei ihm wohnt.«
»Wie steht Sofie zu ihrem Vater?«
»Sie mochte ihn nicht und hat es gehasst, wenn sie ihn besuchen sollte. Sie hat geweint und gesagt, dass sie nicht will … aber wir haben sie immer gezwungen. Wir brauchen ja auch ein bisschen Ruhe.«
»Hat sie mal gesagt, warum sie ihren Vater nicht besuchen mag?«, fragte Rebekka.
Steffen schüttelte den Kopf. »Ich verstehe sie ja nur zu gut. Allan ist ein dummes Schwein. Ich habe ihr immer gesagt: Fie, du hast auch nicht an erster Stelle in der Schlange gestanden, als Gott die Väter verteilt hat.« Er lachte kurz und fügte hinzu: »Sie sollten mal seine Wohnung sehen. Wie die aussieht. Überall liegt Zeug rum, nein, nicht nur Zeug – Müll.«
»Es ist doch keine Drohung, wenn man mit seinem Kind zusammenwohnen oder es einfach öfter sehen will.«
»Natürlich nicht. Aber er hat gesagt, dass niemand sie haben soll, wenn er sie nicht haben kann.«
Rebekka und Reza sahen sich von der Seite an. Dann verabschiedeten sie sich und eilten die Treppe hinunter.
—
Bo verbrannte sich den Daumen an der Flamme des Feuerzeugs, als er den Tabak auf dem Silberpapier röstete, doch der Schmerz berührte ihn nicht. Er empfand gar nichts. Seit Steffen ihn angerufen und ihm erzählt hatte, dass Sofie verschwunden war, fühlte er sich vollkommen kraftlos, wie gelähmt.
Eben hatte er die Nachrichten gesehen, und Sofie war auf dem Bildschirm erschienen, ihr schönes Gesicht hatte die ganze Mattscheibe eingenommen, und es war ihm vorgekommen, als wären die großen, blauen Augen direkt auf ihn gerichtet gewesen, als könnte sie ihn sehen, wie er da auf dem Sofa saß, in seiner schmuddeligen Jogginghose und dem T-Shirt, in dem er auch geschlafen hatte. Er hatte den Fernseher sofort ausgeschaltet, die Anlage angestellt und sein Lieblingslied aufgelegt: Sweet Child O’Mine von Guns N’Roses. Das Lied erinnerte ihn jedesmal an sie.
Seine groben Finger zitterten heftig, während er ein bisschen Hasch unter den gerösteten Tabak rieb. Er betrachtete seine schmutzigen Fingernägel, die Narben auf dem Handrücken, die vereinzelten dunklen Haare. Immer ging alles schief bei ihm. Immer. Er sah Sofie vor sich, ihren dünnen Körper, ihre schmalen Schultern, auf die das lange, blonde Haar fiel, ihre klaren, blauen Augen. Er hatte sie von Anfang an gemocht. So sollte seine eigene Tochter aussehen, falls er irgendwann einmal eine haben würde, was er allmählich stark bezweifelte.
Steffen hatte beide Kinder bei sich gehabt, als Bo ihnen das erste Mal begegnet war. Den mürrischen Mark, stumm und ernst, und Sofie, fein und zart wie eine Puppe, sie war damals vier oder fünf Jahre alt gewesen. Steffen hatte die beiden sofort aufs Sofa vor den Fernseher gesetzt und ihnen gesagt, dass sie die Klappe halten sollten. Sie hatten ohne zu protestieren gehorcht, und Bo erinnerte sich noch immer an Sofies Beine, die so klein gewesen waren, und an die Socken, die sich um die schmalen Knöchel gekringelt hatten.
Der Joint war fertig, und Bo zündete ihn schnell mit dem glühend heißen Feuerzeug an, inhalierte tief in die Lungen und hielt die Luft an, während er hoffte, dass der Rausch sofort einsetzen würde. So wie jetzt hielt er es nicht eine Minute länger aus.
—
Dunkelheit umfing Rebekka und Reza, als sie vor dem Wohnhaus standen, in dem Sofies Familie wohnte. Auf dem Parkplatz hielten ein paar Streifenwagen, momentan wurde das gesamte Wohnhaus durchsucht, und mehrere Gruppen von Polizisten waren unterwegs, um in der Nachbarschaft Klinken zu putzen. Rebekka sah zu den erleuchteten Fenstern des Gebäudes hoch und spürte, wie sich ihr Herz bei dem Gedanken daran zusammenkrampfte, was die Familie gerade durchmachte. Reza, der leise in sein Handy gesprochen hatte, drehte sich zu ihr um.
»Ich habe gerade erfahren, dass bei Allan Larsen niemand zu Hause ist. Ein Nachbar hat erzählt, dass er ihn seit Tagen nicht gesehen hat.«
Sie gingen zu ihren Autos.
»Was ist dein momentanes Gefühl?« Rebekka sah Reza neugierig an.
»Ich weiß nicht recht, aber mir ist aufgefallen, dass Steffen sehr schnell damit war, Sofies biologischen Vater als offensichtlichen Täter hinzustellen.«
Rebekka nickte. »Da hast du recht. Aber etwas anderes hat mich noch sehr viel mehr beunruhigt.«
Sie spürte, dass Reza sie ansah, abwartend.
»Ist dir auch aufgefallen, dass er jedes Mal, wenn er von dem Mädchen gesprochen hat, die Vergangenheitsform verwendet hat? Als würde sie nicht mehr leben.«
—
Søren hatte der Mutter wie immer das Abendessen gebracht, doch er erinnerte sich nicht, was er ihr aufgewärmt hatte. Die Wirklichkeit fühlte sich nicht länger wirklich an, sondern eher nebelhaft. Die Mutter lag seit acht Jahren mit einer ihrer eigenen Aussage zufolge unheilbaren Darmkrankheit im Bett, an der sie bald sterben würde. Anfangs hatte sie noch selbst auf die Toilette gehen können, dann nur noch mit fremder Hilfe, und im letzten Jahr hatte Søren eine Art Bettpfanne für sie konstruieren müssen, die er aus einer alten Waschschüssel gebaut hatte. Er leerte sie immer mit geschlossenen Augen und angehaltenem Atem, und hinterher wusch er sich die Hände mit kochend heißem Wasser und Seife, wieder und wieder.
Die Mutter hatte mehrmals gesagt, dass er beim Amt anrufen und einen Pflegedienst beantragen solle, dass es für ihn zu viel sei, sich um sie und die Wohnung zu kümmern, er sei schließlich nicht wie die anderen. Er hatte nicht einmal in Erwägung gezogen, Hilfe zu beantragen, denn er ertrug keine fremden Menschen in der Wohnung. Amtliche Formulare und Papiere verwirrten ihn, er wusste nie, wo er unterschreiben musste oder was er da unterschrieb. Nein, da half er sich lieber allein.
»Irgendwas ist los, Søren. Ich kenne dich doch.«
Die Mutter sah ihn aus ihren tief liegenden Augen an. Er starrte auf ihre Finger, die krumm wie Baumzweige waren und ihn immer an die Hexe in Walt Disneys Schneewittchen und die sieben Zwerge erinnerten, einen Film, der einen einschüchternden und unauslöschlichen Eindruck auf ihn gemacht hatte, als er ihn als Kind im Kino gesehen hatte. Als er ihre Finger spürte, die seinen Arm umfassten, konnte er einen erschrockenen Seufzer nicht unterdrücken.
»Søren, antworte mir.«
Ihre Stimme war so rostig wie die Wasserrohre im Badezimmer, zu denen er ängstlich hinüberschielte, wenn er ins Bad ging, um zu pinkeln oder sich die Haare zu kämmen. Die Rohre waren furchtbar verrostet und verbeult und sahen aus, als könnten sie jeden Moment bersten und alles überschwemmen, was ihn dazu zwingen würde, Hilfe zu rufen. Das hieße, dass fremde Menschen in die Wohnung kämen. Fremde Menschen, die Fragen stellten und in seinen Sachen herumwühlten. Allein der Gedanke daran, dass jemand seine Sachen in Augenschein nehmen könnte, ließ ihn am ganzen Körper zittern.
»Es ist nichts, Mama.«
Er wollte nach dem halb leeren Teller greifen, denn wie üblich hatte die Mutter nur an dem Essen gepickt, und normalerweise würde er die Reste draußen in der Küche in sich hineinschaufeln, ewig hungrig und unersättlich, wie er war, doch heute hatte er keinen Appetit.
Sie verstärkte den Griff um seinen Arm. Es tat fast weh, dabei mochte er das nicht, er hasste es, angefasst zu werden.
»Ich spüre das, Søren. Ich spüre, dass etwas passiert ist.«
Er befreite sich aus ihrem Griff. Sie ist schwach und alt, sie ist ungefährlich, sagte er sich und ging mit langen ruhigen Schritten zum Fenster hinüber, zog die Gardinen zu für den Fall, dass sie aufstehen und zum Fenster torkeln und vielleicht doch die Polizei sehen würde, die sich noch immer dort unten zu schaffen machte.
»Ist es schon Abend, Søren?« Ihre Unsicherheit, ob es Tag oder Abend war, ließ die Angst schwinden. Er näherte sich ihr, versuchte, die Gerüche ihres sterbenden Körpers zu ignorieren, den süßlichen Geruch, der sich in seine Nasenlöcher drängte und dort stundenlang hängen blieb.
»Ja, Mama. Möchtest du noch etwas haben, bevor ich ins Bett gehe? Ein Glas warme Milch zum Beispiel?«
Sie schüttelte den Kopf, er wünschte ihr Gute Nacht und schloss leise die Tür hinter sich. Als er in sein eigenes Zimmer taumelte, hatte er das Gefühl, als würden seine Beine unter ihm nachgeben. Atemlos erreichte er seine Tür und verriegelte sie schnell von innen.
—
Rebekka und Reza trafen gleichzeitig im Präsidium ein, wo sich auch mehrere der Ermittler gerade einfanden. Sie warfen ihre Sachen in das gemeinsame Büro, dann verschwand Reza auf den Gang hinaus. Rebekka setzte sich an ihren Schreibtisch, fuhr ihren Computer hoch und ging ihre E-Mails durch. Anschließend checkte sie schnell die Websites der Zeitungen und stellte fest, dass die Geschichte von der verschwundenen Sofie überall die Nachricht war. Sie sah auf die Uhr: Es war fast elf, und sie spürte plötzlich einen nagenden Hunger, denn sie hatte seit dem Mittag nichts mehr gegessen und hoffte, dass jemand für das gemeinsame Briefing, das in wenigen Minuten anfangen sollte, etwas Essbares gekauft hatte, Kekse oder Süßigkeiten.
—
»Gut. Fangen wir an.« Brodersen schob die Brille auf der Nase nach oben und ließ den Blick über die Gruppe von Ermittlern wandern. Die Gespräche verstummten. Sie saßen im Besprechungszimmer, und hinter ihm hingen bereits eine Fotografie von Sofie und eine vergrößerte Karte des Naturspielplatzes. Der Chef der Mordkommission brauchte ein paar Minuten, um die Fakten zu umreißen und zu bestätigen, dass das gefundene Handy Sofie gehörte – eine Nachricht, die, obwohl von den meisten erwartet, eine Welle des Unbehagens auslöste, weil sie ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigte, dass das Mädchen einem Verbrechen zum Opfer gefallen war.
Rebekka goss sich eine Tasse starken Kaffee ein und schaufelte mehrere Löffel Zucker hinein, da sie einsehen musste, dass es nichts zu essen geben würde, nicht einmal einen trockenen Keks. Brodersen skizzierte in groben Zügen die bisherige Ermittlung. Die Hunde hatten die Spur des Mädchens auf dem asphaltierten Weg verloren, der an dem Spielplatz entlangführte, was dafür sprach, dass sie von dort aus in einem Auto mitgefahren war.
Die Nachforschungen aus der Luft hatten ebenfalls keine Ergebnisse gebracht. Trotzdem wollte man früh am nächsten Morgen Taucher in den Gewässern von Kalveboderne tauchen lassen. Man hatte in der Hälfte der angrenzenden Wohnhäuser Klinken geputzt. Die übrigen Bewohner sollten in den kommenden Tagen aufgesucht werden.
Der Chef der Mordkommission erzählte, dass Gundersen die Ermittlungen leiten solle. Dann wurden die Aufgaben unter den verschiedenen Ermittlern verteilt. Rebekka und Reza sollten am morgigen Tag mit der Familie des Mädchens reden.
Eine Stunde später schlenderte Rebekka zu ihrem Büro. Das Foto von Sofie hatte sich auf ihrer Netzhaut eingebrannt, sie wurde es nicht mehr los. Die klaren Kinderaugen strahlten etwas Schmerzhaftes aus, sie konnte nicht mit Sicherheit sagen, was es war, doch der Blick berührte sie.
Rebekka öffnete die Tür zu ihrem Büro und schaltete den Fernseher ein, der in einer Ecke hing. Gerade liefen die Nachrichten, und auf dem Bildschirm erschien Brodersen, ernst, die Hände auf dem Rücken, während er kurz die wenigen Fakten wiedergab, die sie hatten.
Reza kam herein, er verschickte eifrig SMS und gab einen erschrockenen Aufschrei von sich, als er Rebekka im Halbdunkel sitzen sah.
»Habe ich dich erschreckt?«
»Ich dachte, du wärst gefahren.« Er schnitt eine Grimasse, eilte zu seinem Schreibtisch und sammelte schnell seine Sachen zusammen.
»Können wir nicht noch eine Tasse Chai zusammen trinken? Wie sonst. Es ist so lange her, dass wir miteinander geredet haben.«
Rebekka drehte ihren Bürostuhl zu Reza hin. Er sah schnell zu ihr hinüber. »Das müssen wir auf morgen verschieben, Rebekka. Ich hab es total eilig.«
»Alles klar. Ich freue mich schon darauf, mehr über deine Ferien zu erfahren.«
»Ja«, murmelte Reza, verabschiedete sich und verschwand aus der Tür.
Sie schloss einige Sekunden die Augen, versuchte, den Kopf durch eine kurze Meditation freizubekommen, gab ihr Vorhaben jedoch schnell wieder auf. Das Adrenalin pumpte mit unverminderter Kraft durch ihre Adern, sie konnte nichts dagegen tun. Sie richtete sich in ihrem Stuhl auf, streckte den Rücken und ging noch einmal die wenigen Zeugenaussagen durch.
—
Ende der Leseprobe
