Vergeltung - Julie Hastrup - E-Book

Vergeltung E-Book

Julie Hastrup

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Beschreibung

In einer warmen Sommernacht wird die junge Anna ermordet aufgefunden, nicht weit entfernt von ihrem Elternhaus in einer dänischen Kleinstadt. Die Polizei zieht die Sonderermittlerin Rebekka Holm hinzu. Die findet bald heraus, dass das Verbrechen bis in seine Einzelheiten an einen 20 Jahre zurückliegenden Mord an einer jungen Frau erinnert. Hat sich das Verbrechen von damals wiederholt? Hat Erik, Sohn des örtlichen Pfarrers, seine Freundin umgebracht? Doch dann wird ein zweijähriges Mädchen entführt. Ihr Name: Anna …

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Veröffentlichungsjahr: 2012

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www.piper.de

In liebevoller Erinnerung an meine Großmutter Margrethe Heide

Übersetzung aus dem Dänischen von Hanne Hammer

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage Februar 2012

ISBN 978-3-492-95400-6

Deutschsprachige Ausgabe: © Piper Verlag GmbH 2012 Umschlagkonzept: semper smile, München Umschlaggestaltung: Cornelia Niere, München Umschlagmotiv: Cornelia Niere (Artwork); Ayal Ardon / Arcangel Images / plainpicture (Frau)

DIE NACHT VON SAMSTAG, 25. AUGUST, AUF SONNTAG, 26. AUGUST

Das Fahrrad schlingerte so stark, dass es in Annas Bauch kribbelte, als sie den unebenen Waldweg hinunterfuhr. Sie musste laut lachen, und der Klang ihres Lachens zerriss die Stille des dunklen Waldes. Es nieselte, und sie stellte sich vor, wie die Baumkronen über ihr zu einem schützenden Regenschirm zusammenrückten. Sie schloss die Augen und radelte weiter, während sie ihren keuchenden Atem und das rhythmische Surren der Reifen vernahm, öffnete den Mund und ließ den Regen auf der Zunge zergehen. Die milde Nachtluft war feuchtigkeitsgeschwängert, es duftete nach frischer Erde, und Annas langes feuchtes Haar berührte sanft ihre nackten Schultern.

In der Diskothek hatte sie ihren Spaß gehabt. Dieser dunkelhaarige Typ, Alex, war zwar schüchtern, aber süß gewesen. Sie hatte sich von seinem Aussehen nicht abschrecken lassen, hatte etwas Weiches hinter der harten Fassade erahnt. Als er sie nach ihrer Handynummer gefragt hatte, hatte sie sie auf eine Serviette gekritzelt und sie ihm mit einem koketten Lächeln hingeschoben. Er schien sich zu freuen, doch dann hatte sie ihm plötzlich die Serviette aus der Hand gerissen. Warum, wusste sie selbst nicht. Er hatte sie festgehalten, seine Finger bohrten sich in ihren Oberarm, hart, aber nicht unangenehm, als wollte er sie beschützen. Tränen hatten in ihrer Kehle geprickelt, und sie hatte sich losgerissen. Er hatte sie nur verwundert angesehen, mit den Schultern gezuckt und auf dem Absatz kehrtgemacht. Sie hätte es ihm gerne erklärt, war aber davon ausgegangen, dass er es nicht verstehen würde. Er war sofort in der dunklen, wogenden Menge aus Menschenkörpern verschwunden, doch seine Berührung hatte noch lange auf ihrer Haut gebrannt.

Anna spürte einen harten Stoß, riss erschrocken die Augen auf und sah gerade noch, dass sie den Schlagbaum gerammt hatte, der den Fruerwald von dem kleinen Parkplatz direkt am Fjord trennte, bevor sie das Gleichgewicht verlor, auf dem Weg landete und unter ihrem Fahrrad begraben wurde. Ihr Knie brannte, sie spürte warmes Blut ihr Bein hinunterlaufen, und der rechte Ellenbogen tat weh. Sie rieb leicht darüber und richtete sich schwankend auf.

Eine dunkle Wolke enthüllte einen bleichen Mond, und sie hatte das Gefühl, dass sie nicht allein war. Sie hielt den Atem an, blieb still stehen und lauschte, hörte aber nur ihren eigenen hämmernden Puls und das schwache Rauschen des Fjords.

»Ist da jemand?«

Der Wind trug ihren Ruf davon und einige Sekunden stand sie unschlüssig da, unsicher, was sie tun sollte. Dann sprach sie sich gut zu. Natürlich war da niemand. Ihre Phantasie spielte ihr einen Streich. Sie bildete sich dauernd irgendetwas ein. Das sagte ihr Vater auch oft. In dem Gebüsch am Weg raschelte es. Sie drehte den Kopf in die Richtung, aus der das Geräusch kam, erahnte die kompakte Kontur eines Strauchs in der schwarzen Dunkelheit, konnte aber sonst nichts erkennen. Die Angst auf ihrer Haut fühlte sich an wie spitze kleine Nadeln. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen, umfasste den Lenker fester und zog das Fahrrad an dem Schlagbaum vorbei. Auf halbem Weg stieß ihr Fuß gegen etwas Hartes. Sie beugte sich vor, um zu sehen, was es war. Ein großer Ast versperrte den Weg, und sie streckte den Arm aus, um ihn fortzuschieben.

Der Schlag kam überraschend und hart. Anna fiel über den Ast, der sie an der Stirn erwischte. Etwas Warmes, Klebriges lief ihr über das Gesicht. Sie versuchte aufzustehen, bekam jedoch einen weiteren Schlag auf den Hinterkopf, und ihr Gesicht wurde auf den Boden gedrückt. Ihr Mund füllte sich mit Erde und kleinen Steinen, sie wollte laut schreien, aber der Schrei blieb ihr im Hals stecken. Sie spürte den Atem eines Fremden dicht neben sich. Und den Duft von etwas Bekanntem. Ein weiterer harter Schlag. Ein lautes Knirschen. Jetzt lief ihr das Blut in den Mund. Übelkeit überrollte sie, und langsam wurde alles grau. Komm, komm, du musst hier weg. Sie wollte nach dem Ast greifen oder nach einem scharfen Stein, wollte sich verteidigen, kämpfen, doch ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr. Sie spürte im Rücken einen stechenden Schmerz. Wieder und wieder. Und hörte ein seltsames Röcheln. Plötzlich kamen ihr Zweifel, ob das Röcheln nicht von ihr kam. Langsam verstummten alle Laute. Ihr letzter Gedanke, bevor alles schwarz wurde, war: »Jetzt sterbe ich«, und auf die eine oder andere Weise tröstete sie das. Jetzt konnte ihr niemand mehr etwas anhaben.

Der Sonntag war ein schwarzer Tag, ein Tag voller Melancholie. Er kroch unter die Haut und erfüllte den Körper langsam mit einer Apathie, gegen die nur schwer anzukommen war. Rebekka hatte Sonntage gehasst, seit sie neun Jahre alt war. Seitdem hatte sie versucht, sie mit jeder Menge Aktivitäten vollzupacken oder, wenn es mit den Verabredungen nicht so klappte, sie zu verschlafen, damit der verhasste Tag so schnell wie möglich von einem weit vielversprechenderen Montag abgelöst wurde.

Sie stand in ihrem geräumigen, neu eingerichteten Büro mit Aussicht auf das Tivoli und hatte ihren letzten Fall fast fertig archiviert. Sie stellte den schweren, grauen Ordner geräuschvoll ins Regal. Seit knapp drei Jahren gehörte sie zur mobilen Spezialeinheit der dänischen Reichspolizei. Als einzige Frau. Ein begehrter Job, der nur den tüchtigsten Polizisten offenstand. Sie und ihre Kollegen waren gut und gerne zweihundert Tage im Jahr unterwegs, um der Polizei vor Ort bei schwierigen Fällen zu helfen. Rebekka liebte ihre Arbeit. Ihr Chef, Torsten Krogh, hatte ihr mehrmals zu verstehen gegeben, wie zufrieden er mit ihrer Arbeit war, und auch von ihren Kollegen wurde sie als eine der »Jungs« akzeptiert. Ihr Ton untereinander war rau und der Zusammenhalt stark, und Rebekka fühlte sich zum ersten Mal als Teil einer Gemeinschaft.

Sie sah sich zufrieden in ihrem Büro um. Sie hatte schon lange ein Auge auf den Raum geworfen. Er lag im fünften Stock und bot eine grandiose Aussicht auf die Attraktionen des Tivolis und den Rathausturm, und als er frei geworden war, hatte sie Torsten Krogh in den Ohren gelegen, ihn ihr zu geben. Genau genommen war das Büro zu groß für eine Person, vor allem wenn diese die meiste Zeit außer Haus arbeitete, doch Torsten Krogh war – zu ihrer großen Freude – ihrem Wunsch trotzdem nachgekommen. Rebekka seufzte leise, während sie die Nase gegen die kühle Fensterscheibe drückte und eine Taube beobachtete, die in der kühlen Morgensonne auf dem Fenstersims saß. Ihr Gurren war fast schon meditativ, und einen Moment verlor sie sich in ihren Gedanken.

Vom Rathausturm schlug es deutlich elf Mal. Sie war heute früh aufgewacht, war erst eine Runde im Søndermarken gelaufen und dann ins Präsidium gefahren. Jetzt war der Papierkram erledigt, es gab hier für sie nichts mehr zu tun. Selbst die Blume auf dem hellen Schreibtisch hatte sie gegossen. Kurz streifte sie ein Gefühl von Einsamkeit, und sie wählte schnell Dortes Nummer. Die Freundin lud sie auf einen Kaffee ein und etwas optimistischer griff Rebekka nach ihrem Mantel und verließ das menschenleere Gebäude.

Michael Bertelsen wurde von dem hartnäckigen Läuten des Telefons geweckt. Einen Moment wusste er nicht, ob es Tag oder Nacht war. Dann erinnerte er sich an den abendlichen Einsatz in der Disco in der Fußgängerzone und folgerte, dass es Tag sein musste, auch wenn er sich über die genaue Zeit nicht im Klaren war. Er tastete nach dem schnurlosen Telefon und fand es unter der zweiten, ordentlich zusammengefalteten Decke in dem breiten Doppelbett.

»Bertelsen«, murmelte er in den Hörer, während er sich die Augen rieb. Sie gewöhnten sich langsam an das Licht, und er warf einen Blick auf den Radiowecker: 11.03 Uhr.

»Michael, hier ist Teit. Im westlichen Teil des Fruerwalds, gleich bei dem Parkplatz ist eine junge Frau gefunden worden, ermordet. Anna Gudbergsen. Zweiundzwanzig Jahre.«

Michael setzte sich verwirrt im Bett auf.

»Was?«

»Sie wurde niedergeschlagen und durch mehrere Messerstiche getötet. Auf den ersten Blick sieht es nach einem Sexualverbrechen aus. Thorkild Thøgersen untersucht gerade die Leiche. Komm, so schnell du kannst, hier raus.«

Während Teit Jørgensen ihm genauere Informationen und Anweisungen gab, spritzte Michael sich Wasser ins Gesicht und unter die Arme. Dann hüpfte er auf einem Bein durch das Schlafzimmer und versuchte, Hose und Socken anzuziehen.

»Gib mir zehn Minuten«, sagte er, »dann bin ich da.«

Das Handy klingelte durchdringend, als Rebekka gerade das Auto vor Dortes kleinem Genossenschaftshaus einparkte. Es war ihr Chef, Torsten Krogh.

»Rebekka. Hör zu. Eine junge Frau ist auf einem Waldweg in Westjütland ermordet worden. In einem Blutrausch mit dem Messer niedergestochen. Möglicherweise vergewaltigt. Ich schicke dich allein hin. Du weißt natürlich, dass so etwas eigentlich nicht zu unseren Aufgaben gehört, aber ein alter Freund, Kriminalkommissar Teit Jørgensen, hat mich um Hilfe gebeten, deshalb werde ich tun, was ich kann. Um die Technik kümmern sich die Kollegen aus Århus.«

Rebekka spürte ein Kribbeln im Magen. Seit Inkrafttreten der neuen Polizeireform hatten sie nur noch selten mit den klassischen Mordfällen zu tun, für die die Spezialeinheit ursprünglich zuständig gewesen war. Jetzt waren ihre Aufgaben eher politisch ausgerichtet, was zur Folge hatte, dass die Ermittler bestimmten Bereichen wie Prostitution, Menschenhandel, Rockerszene und Bandenkriminalität eine höhere Priorität einräumen und die einzelnen Polizeidistrikte ihre Mordfälle trotz mangelnder Erfahrung selbst lösen mussten. Als Rebekka sich seinerzeit bei der Spezialeinheit beworben hatte, hatte sie vor allem das Interesse an den traditionellen Mordfällen zu diesem Schritt bewogen, und sie war bei Weitem nicht die einzige Ermittlerin, die über diese Entwicklung unglücklich war.

»Wo genau in Jütland?«, fragte sie und bemühte sich, nicht übereifrig zu klingen.

»In Ringkøbing.«

Ringkøbing. Ringkøbing. Ringkøbing.

Kalte Angst durchfuhr Rebekka, vernebelte ihren Blick und ihr Mund wurde trocken. Wie von ferne nahm sie wahr, dass Torsten Krogh in irgendwelchen Papieren wühlte, während die Welt sich um sie zusammenzog.

»Im Fruerwald. Man hat sie nahe dem westlichen Zugang zum Wald gefunden. Rebekka, Rebekka, bist du noch da?«

Langsam kehrte sie in die Wirklichkeit zurück.

»Ich war nur etwas überrascht. Ich komme doch selbst aus Ringkøbing.«

»Stimmt. Das trifft sich gut.«

Torsten Krogh klang begeistert und versorgte sie noch mit weiteren Informationen, bevor er auflegte.

Rebekka sank im Autositz in sich zusammen und starrte mit leeren Augen vor sich hin. Ringkøbing, ausgerechnet. Sie hatte die ersten neunzehn Jahre ihres Lebens in dieser Stadt verbracht und war bei der erstbesten Gelegenheit geflüchtet. Und seitdem nicht mehr zurückgekehrt. Ihre Eltern wohnten noch immer dort. In demselben gelben Reihenhaus mit dem Kiesweg davor, ein beharrliches Zeugnis aus einer anderen Zeit.

Jemand klopfte gegen das Autofenster. Rebekka richtete sich verwirrt auf und sah durch die Scheibe Dortes fröhliches Gesicht. Sie öffnete die Autotür.

»Was treibst du denn da? Bist du eingeschlafen?«

»Ich muss nach Ringkøbing, jetzt sofort. Dort ist ein Mord passiert.«

Sie schwankte fast aus dem Auto in die Arme von Dorte, die sie mit großen Augen anstarrte.

»Arme Bekka. Das kannst du nicht machen. Die finden bestimmt jemand anderen. Ich meine … wegen Robin und so.« Dorte drückte liebevoll ihren Arm.

»Nein … nein, ich muss das machen.« Rebekka nahm sich zusammen. »Das ist mein Fall, und ich muss jetzt los. Ich will jetzt los. Das ist nur so total verrückt. Ich meine, die ganzen Jahre habe ich alles Erdenkliche angestellt, um mich von dieser Stadt fernzuhalten, und jetzt bin ich plötzlich gezwungen zurückzukehren.«

»Du hast keine Zeit mehr für einen Kaffee, oder?«

»Nichts zu machen, das müssen wir nachholen.«

»Okay, verstehe … als die gute Polizistinnenfreundin, die ich bin«, lachte Dorte. Dann wurde sie ernst.

»Wissen deine Eltern, dass du kommst?«

»Nein. Ich habe es selbst gerade erst erfahren. Ich werde sie natürlich anrufen, mal sehen, was passiert, wenn ich da bin. Ich weiß nur, dass ich höllisch viel zu tun haben werde.«

Alles war rot. Michael trat unwillkürlich einen Schritt zurück, als er Anna Gudbergsens Leiche sah. Der Anblick war so unbeschreiblich makaber, dass ihm die Galle bis in den Mund stieg. Er konnte sie nicht ausspucken, musste sie wieder hinunterschlucken.

Anna Gudbergsen lag auf einer kleinen Lichtung in dem dichten Gebüsch, das den Waldweg säumte. Sie lag auf dem Rücken, die Beine gespreizt, ein Arm schlaff neben dem Körper, der andere, den sie sich schützend vor das Gesicht gehalten hatte, verharrte steif in einer unnatürlichen Position. Sie trug ein geblümtes Sommerkleid mit Spaghettiträgern, das bis über den Bauch hochgezogen war und ihren Unterleib bloßlegte. Ihr Seidenslip, der einmal weiß gewesen sein musste, war jetzt blutdurchtränkt und hing ihr um die schmalen Fesseln. Eine Sandale lag neben ihr, die andere saß am linken Fuß. Überall war dunkelrotes geronnenes Blut, und ihr langes blondes Haar war von dünnen Blutstreifen durchzogen und hatte sich in Blättern und Ästchen verheddert. An der linken Wange klaffte eine Wunde, Arme und Beine waren mit Blutstreifen überzogen, und Bauch und Unterleib wiesen tiefe, schwarze Einstiche auf, die von einem Messer herrühren mussten. Nur die Augen waren unverletzt. Anna Gudbergsens große grüne Augen starrten ausdruckslos in den Himmel.

Michael schluckte. Schloss für einen Moment die Augen, um sich eine Verschnaufpause zu verschaffen, Kräfte zu sammeln und die vielen Eindrücke des Tatorts zu verdauen. Um ihn herum summte es vor Leben, mehrere Beamte teilten den Tatort in Felder auf.

»Ganz schön brutal, was?« Er spürte, wie ihn jemand an der Schulter packte und sah seinem Freund und Kollegen David Johansen in die Augen. Michael nickte stumm.

Die Luft war voller schwarzer Punkte, Schmeißfliegen, die emsig über der Leiche schwirrten. Es roch süßlich. Michael wurde erneut von einer heftigen Übelkeit übermannt und ermahnte sich, das Frühstück in Zukunft nicht mehr ausfallen zu lassen.

Der Rechtsmediziner Thorkild Thøgersen, der kurz vor der Pensionierung stand, gesellte sich zu ihnen.

»Århus ist im Anmarsch«, brummte er und kratzte sich die grauen Bartstoppeln. »Ich bin hier gleich fertig.«

»Kannst du schon was sagen?«

»Sie ist heute Nacht gestorben – irgendwann zwischen zwei und vier Uhr morgens. Wie du siehst, hat die Leichenstarre in der Kiefermuskulatur und in Teilen des Oberkörpers bereits eingesetzt. Außerdem haben die Schmeißfliegen angefangen, Eier in die Wunden zu legen.«

Michael beugte sich über die Leiche, sah die winzigen Punkte in den klaffenden Wunden und spürte umgehend den Drang, sich zu übergeben. Er schluckte schnell, und der alte Rechtsmediziner fuhr fort: »Jemand hat mehrere Male mit einem scharfen Gegenstand auf sie eingestochen, vermutlich mit einem ganz normalen, ungefähr fünfzehn bis zwanzig Zentimeter langen Küchenmesser. Ich möchte wetten, dass es an die zwanzig Stiche sind.«

Thorkild Thøgersen schüttelte den Kopf und zeigte auf Anna.

»Wenn man den Kopf vorsichtig dreht, sieht man deutlich, dass sie ein paar kräftige Schläge auf den Hinterkopf bekommen hat. Durch die langen Haare ist das schwer zu erkennen, aber das sieht ganz nach Gehirnmasse aus, die ausgetreten ist.« Michaels Blick folgte dem runzligen Finger, der auf eine gräuliche Masse zeigte, die den Waldboden bedeckte. Thorkild Thøgersen blickte ihn finster an und konstatierte: »Aber die eigentliche Todesursache lautet vermutlich Tod durch Erwürgen.«

Michael runzelte überrascht die Stirn.

»Guck mal.« Der Rechtsmediziner zeigte auf ihren Hals. Ein Großteil des dünnen Halses war mit eingetrocknetem Blut bedeckt, doch dort, wo die bloße Haut zu sehen war, erkannte das geschulte Auge eine Reihe kleiner blauer Blutergüsse. Michael nickte und hockte sich neben ihn.

»Sieh dir mal ihre Augen an«, sagte Thorkild Thøgersen. »Siehst du die kleinen punktförmigen Blutungen? Ein weiterer Anhaltspunkt, dass sie erwürgt wurde. Mehrere der Messerstiche waren tief und tödlich, da hat jemand wirklich ganze Arbeit geleistet. Hinzu kommen die Schläge auf den Hinterkopf und das Strangulieren. Es wundert mich, dass der Täter, wie soll ich sagen, so gründlich vorgegangen ist, doch das muss ich glücklicherweise nicht verstehen, das ist euer Job. Hast du dir übrigens das Gebüsch angesehen?«

Michael drehte den Kopf, sein Blick folgte Thøgersens Hand, und er sah die winzigen Blutspritzer auf den grünen Büschen und Pflanzen, die die Sonnenstrahlen wie Pailletten glitzern ließen.

Thorkild Thøgersen kramte in den Taschen seines weißen Schutzanzugs und förderte eine vergilbte Packung Ga-Jol zutage. Er öffnete sie und bot Michael davon an.

»Vermutlich ist sie bei der Schranke niedergeschlagen worden. Ein großer Ast versperrt dort den Weg – vielleicht eine Falle –, dann hat der Täter sie ins Gebüsch gezerrt und sein Werk beendet. Okay, ich sehe zu, dass ich etwas zu essen bekomme, während ich auf Århus warte.«

Thorkild Thøgersen erhob sich schwer aus seiner sitzenden Position, blieb einen Augenblick stehen und starrte gedankenverloren vor sich hin.

»Das ist schon merkwürdig. Vor ungefähr zwanzig Jahren hatten wir einen ähnlichen Mord. Ich war gerade von Odense hierhergekommen. Wie hieß die Frau noch? Lene … Lene irgendwas. Sie ist gar nicht so weit von hier ermordet worden, etwas weiter den Fjord runter. Auf sie wurde auch mehrere Male mit einem Messer eingestochen. Das war mein erster Fall als Rechtsmediziner hier in der Stadt. Der hat Eindruck auf mich gemacht, das kannst du mir glauben.«

Thorkild Thøgersen sah Michael verlegen an, der nickte und sich mit steifen Beinen erhob. Im Inneren verfluchte er seine schlechte Kondition.

»Wurde der Mord aufgeklärt?«

Thorkild Thøgersen schüttelte langsam den Kopf, hob die Hand zum Gruß und verließ mit müden Schritten den Tatort.

Rebekka drückte das Gaspedal durch, und der kleine Citroën schoss wie eine silberne Kugel über die Autobahn Richtung Ringkøbing.

Die Sonne stand hoch am Himmel, und sie kramte in der offenen Tasche auf dem Beifahrersitz nach ihrer Sonnenbrille, setzte sie auf und drehte an dem knisternden Radio, bis sie einen Sender mit Popmusik gefunden hatte.

Boyfriend, don’t you touch my boyfriend, he’s not your boyfriend, he’s mine.

Rebekka grölte den Text mit und spürte eine Mischung aus Aufgedrehtheit und Angst. Sie war auf dem Weg nach Ringkøbing, in die Stadt, die sie versucht hatte unter allen Umständen zu meiden. Die Provinzstadt mit den roten Häusern, der Kirche und dem Fjord als Symbolen der Kleinstadtidylle, nur dass Rebekkas Erfahrung alles andere als idyllisch war.

Sie suchte einen anderen Sender, kramte in ihrer Jackentasche nach einem Bonbon, das, als sie es endlich im Mund hatte, nach allem anderen, nur nicht nach Bonbon schmeckte. Alles sah vermutlich so aus wie immer. Das Haus, die Stadt, der Fjord mit seinem kabbeligen Wasser, der Fruerwald mit den riesigen Bäumen, in dem sie als Kind so viele Stunden verbracht hatte. Es war schwer zu begreifen, dass der Wald ihrer Kindheit jetzt die Kulisse für einen brutalen Mord bildete.

Rebekka sah ihre Eltern zweimal im Jahr. Weihnachten und im Sommer. Sie trafen sich auf neutralem Boden, im Sommer im Ferienhaus der Schwester ihres Vaters auf Bornholm und Weihnachten abwechselnd bei ihrer Tante mütterlicherseits in Herning oder bei sich zu Hause in ihrer Wohnung im Valbygårdsvej.

Vor allem Weihnachten war eine Prüfung. Rebekka versuchte sich jedes Jahr mit mehr oder weniger großem Glück darum herumzumogeln. Zur großen Freude ihrer Kollegen bot sie sich regelmäßig als Erste an, am 24. Dienst zu tun, ein Angebot, das diese dankbar annahmen, auch wenn es sie wunderte. Ihre Mutter klang immer misstrauisch am Telefon, wenn Rebekka erzählte, dass ihr wieder einmal der ungeliebte Weihnachtsdienst aufgedrückt worden war und sie deshalb nicht mitfeiern konnte.

»Ich verstehe nicht, dass ihr euch nicht abwechseln könnt. Das kann doch nicht immer an dir hängen bleiben«, pflegte sie säuerlich zu sagen, und Rebekka drückte ihr Bedauern aus und murmelte etwas davon, dass sie in der Hierarchie an unterster Stelle stand. Manchmal konnte Rebekka den Dienst nicht tauschen, weil sie Kollegen hatte, die sich genau wie sie vor der weihnachtlichen Familienfeier drücken wollten. Dann verbrachte sie den Weihnachtsabend mit ihren Eltern, dem Vater, der nervös war und zu vermitteln versuchte, der Mutter, die Missbilligung und Reserviertheit ausstrahlte, und Robins Abwesenheit wurde plötzlich so spürbar, als fehlte ihnen selbst ein Arm oder Bein.

Rebekka umfasste das Steuer fester und begegnete im Rückspiegel ihrem Blick. Das war damals. Jetzt war heute.

Sie suchte einen neuen Sender, bis sie etwas Beruhigendes, Klassisches gefunden hatte, während ihre Gedanken zu der jungen Anna Gudbergsen wanderten, und damit zu ihrem ersten Fall, den sie allein bearbeitete und bei dem sie, Rebekka Holm, die Polizei vor Ort bei den Ermittlungen unterstützen sollte. Das fühlte sich gut an, und sie ging methodisch die Aufgaben durch, die sie erledigen wollte, sobald sie im Präsidium in Ringkøbing eintraf.

Michael fuhr sich müde über die Augen. Er war zurück im Büro, und sein Körper dürstete nach Stimulanzien: Kaffee, Kuchen, Süßigkeiten. Was auch immer, wenn es nur half, die Augen offen zu halten und einen klaren Kopf zu bewahren. Auf dem Tisch stand eine Schale mit gelben Äpfeln, ein erneuter Versuch der Verwaltung, die Mitarbeiter zu gesünderen Essensgewohnheiten anzuhalten und damit die Ausfälle wegen Krankheit zu reduzieren oder auf null herunterzufahren. Michael brummte mürrisch vor sich hin und überlegte, ob er es noch vor der Vernehmung der älteren Frau, die Anna Gudbergsens Leiche gefunden hatte, schaffte, zur Tankstelle hinüberzulaufen.

Er hatte ohne Pause durchgearbeitet, seit er aus dem Fruerwald zurückgekommen war. Sein Vorgesetzter hatte am Tatort eine kurze Besprechung abgehalten und zu ihrer aller Überraschung mitgeteilt, dass die mobile Spezialeinheit verständigt worden war und diese im Lauf des Nachmittags einen erfahrenen Ermittler schicken würde. Die Techniker aus Århus waren gerade eingetroffen und dabei, das Gebiet nach Spuren abzusuchen, und Teit Jørgensen hatte bereits ein Ermittlerteam eingesetzt, das außer Michael noch aus seinem guten Freund David Johansen, Susanne Kemp und Egon Bjerregaard bestand. Sie alle waren erfahrene und gute Polizisten, die seit mehreren Jahren zur Polizei von Ringkøbing gehörten.

»Du kannst Agnes Dam jetzt befragen.« Bettina Pallander, die Abteilungssekretärin, steckte den Kopf zu Michaels Tür herein und lächelte ihm aufmunternd zu.

»Gut, ich komme«, sagte Michael und dachte sehnsuchtsvoll an die Regale voller Süßigkeiten in der Statoil-Tankstelle. Widerwillig griff er nach einem gelben Apfel und biss ein paarmal kräftig hinein, bevor er ihn in den Abfalleimer feuerte.

Agnes Dam war eine kräftige Frau Ende sechzig. Sie war blass, hatte gerötete, leicht vorstehende Augen und trug eine lachsfarbene Seidenbluse, die durchgeschwitzt war.

Michael lächelte ihr beruhigend zu, während Bettina mit Kaffee und einer weiteren Schale gelber Äpfel kam.

»Ich verstehe nicht, warum ich das Ganze noch einmal erzählen soll. Ich habe doch bereits alles erzählt«, seufzte sie, während sie Michael mit einem Blick bedachte, der zwischen Wut und Verwirrung schwankte.

»Es tut mir sehr leid, aber wir wissen aus Erfahrung, dass es der Erinnerung hilft, wenn man einen Tathergang mehrmals erzählt. Wir brauchen alle Details, um ein so gravierendes Verbrechen wie dieses überhaupt aufklären zu können.« Michael sah Agnes Dam ernst an, bevor er fortfuhr. »Wir wissen Ihre Hilfe sehr zu schätzen. Nehmen Sie sich alle Zeit, die Sie brauchen. Erzählen Sie von Anfang an.«

Er rührte zwei gehäufte Löffel Zucker in den bitteren Kaffee. Er wusste, dass die Frau ihren Hund hatte ausführen wollen, einen älteren Labrador, der auf den Namen Trunte hörte, als sie Anna Gudbergsen gefunden hatte.

»Ich bin wie üblich von zu Hause losgegangen. Ich wohne im Bekkasinvej. Das ist nur wenige hundert Meter vom Wald entfernt. Trunte liebt den Wald.«

Agnes Dam stockte bei dem Gedanken an den Hund, der im Moment draußen in der Rezeption von dem diensthabenden Beamten gehütet wurde.

»Wie spät war es genau?«

»Ich habe sogar auf die Uhr geschaut, als wir aufbrechen wollten, weil ich für das Mittagessen einen Braten im Ofen hatte – für die Kinder und Enkelkinder. Es war genau elf Minuten nach neun, als wir losgegangen sind. Das Wetter war doch so schön heute Morgen. Das muss man sich mal vorstellen, dass das erst heute Morgen war, es scheint mir viel länger her.«

Michael nickte verständnisvoll.

»Wir sind also losgegangen und dem breiten Weg wie üblich ein paar hundert Meter in den Wald gefolgt. Dann hat Trunte plötzlich laut und anhaltend gebellt. Sie ist stehen geblieben und hat an dem Gebüsch geschnuppert, und ich bin ärgerlich geworden und habe sie mehrmals gerufen, ja, und dann bin ich hingegangen und da … da lag sie.«

Agnes Dam weinte still vor sich hin. Michael schob ihr behutsam die Schachtel mit Kleenex hin, und sie schüttelte dankbar den Kopf und tupfte sich vorsichtig die welken Wangen.

»Haben Sie auf Ihrem Spaziergang jemanden gesehen? Jemanden, den Sie kennen, oder jemand Fremden? Das ist sehr, sehr wichtig.« Michaels Finger trommelten leicht auf die Tastatur in der Erwartung, etwas Brauchbares festhalten zu können.

Agnes Dam schüttelte langsam den Kopf.

»Nein, wir waren allein. Ganz allein. Ich habe niemanden gesehen. Ich habe mich eigentlich darüber gewundert, weil das Wetter doch so schön war.«

»Kannten Sie Anna Gudbergsen?«

»Nein, ich habe sie nicht gekannt. Ich meine, ich wusste natürlich, wer sie war. Sie ist schließlich Gerts kleine Tochter. Sie wohnen nur ein paar Straßen von uns entfernt, und ich habe sie oft im Viertel gesehen, aber richtig gekannt habe ich sie nicht, nein.«

Agnes Dam schniefte erneut. Michael knurrte laut der Magen.

»Was für ein Glück, dass mein Åge sich um den Braten kümmern kann«, rief Agnes Dam plötzlich, »sonst würde er total verbrennen. Jetzt können wir ihn wenigstens heute Abend essen.«

Michael nickte und lächelte, ein wenig verkrampfter diesmal.

»Vielen Dank. Ich verstehe sehr gut, dass das ein äußerst unangenehmes Erlebnis für Sie war, aber Sie waren uns eine große Hilfe. Bleiben Sie bitte noch hier und unterschreiben Sie Ihre Zeugenaussage, dann fahren wir Sie nach Hause.«

Sie lächelte schwach, und Michael erhob sich, um zurück in sein Büro zu gehen. Er war schon in der Tür, als Agnes Dam ihn zurückrief.

»Ja.«

»Das belastet mich. Das belastet mich wirklich sehr«, sagte sie, und Michael sah sie aufmerksam an.

»Was belastet Sie? Sie müssen uns unbedingt alles erzählen.«

»Mich belastet … ja, wo sollen wir denn jetzt unseren Spaziergang machen, Trunte und ich? Der Wald war doch unser Revier, und jetzt ist er uns für alle Zeit verleidet. Ich setze niemals mehr auch nur einen Fuß in diesen Wald. Was sollen wir denn jetzt machen?« Ihre Stimme war vor Verzweiflung um eine Oktave gestiegen.

Michael sah sie einen Moment lang müde an, dann mobilisierte er seine letzten Kräfte, murmelte irgendetwas Nettes und ging zurück in sein Büro. Statoil – here I come.

Das Polizeipräsidium von Ringkøbing liegt nur einen Steinwurf vom Fjord entfernt und ist zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts erbaut worden. Es ist aus rotem Backstein und von Efeu überwuchert und hat ein schönes Kupferdach mit einem kleinen Turm. Das Gebäude ist schief, weil es so alt ist, die Büros sind klein und unpraktisch, doch trotz mangelnder moderner Bequemlichkeiten fand Michael seinen Charme inspirierend. Als Besonderheit liegt im ersten Stock ein eigenes Amtsgericht, das mit seinen Zellen bis zu zehn Personen in Untersuchungshaft aufnehmen kann. Es war also fast immer viel los.

Michaels Büro lag im dritten Stock, ganz hinten im Gebäude, und vom Fenster aus sah man auf einen kleinen Hof, der zu dem Zellenbereich gehörte. Der Raum war mit ausrangierten Büromöbeln aus den Siebzigerjahren eingerichtet, und obwohl er in regelmäßigen Abständen versuchte, dem Büro mithilfe von Grünpflanzen einen Anstrich von Gemütlichkeit zu geben, überlebten sie selten länger als ein paar Wochen. Das einzig Persönliche, das sein Büro zierte und keine umsichtige Pflege verlangte, war ein farbenfrohes Schulfoto seiner Tochter Amalie, die ihn mit ihrer Zahnlücke anlächelte. Das Bild war neu, ein Geburtstagsgeschenk von Anette, Michaels Exfrau, und von Amalie natürlich. Es war kaum ein Jahr her, dass sie sich getrennt hatten, und obwohl ihre Scheidung zweifelsfrei zivilisierter ablief als bei anderen Paaren, belastete ihn die Situation oft. Es hätte nicht so kommen sollen, aber er musste zugeben, dass er und Anette sich auseinandergelebt hatten. Im Lauf der Zeit waren die Abstände zwischen den vertrauten Gesprächen immer länger geworden, und ihr Sexualleben war nach der Geburt der Tochter allmählich eingeschlafen, sodass der Entschluss, sich scheiden zu lassen, bei ihnen beiden gereift war. Anette war mit Amalie nach Skjern gezogen und Michael in dem kleinen Haus am Rand von Ringkøbing geblieben. Die Tochter wohnte abwechselnd bei einem von ihnen, neun Tage bei Anette und fünf bei Michael, und diese Regelung funktionierte ausgezeichnet. Amalie schien zufrieden zu sein. Sie war sechs Jahre alt und gerade in die Schule gekommen. Doch die Trennung von dem Mädchen war hart, fand Michael, manchmal vermisste er sie fast physisch, und dann half es ein wenig, sich das Foto anzusehen, auf dem sie so strahlend lächelte. Michael setzte sich an den Schreibtisch, schaltete den Computer ein und ging die vorläufigen Notizen zum Fall Anna Gudbergsen durch.

Trotz seiner langjährigen Erfahrung hatte er selten einen Mord wie diesen aufzuklären. Im Grunde genommen war es das erste Mal, dass er mit so einem Fall zu tun hatte. Normalerweise beschäftigte er sich mit Diebstählen und Drogendelikten, selten einmal mit einem Raubüberfall oder, wenn es denn um Mord ging, mit einer Eifersuchtstat oder einer Familientragödie, wo ein Vater Frau und Kinder getötet und anschließend Selbstmord begangen hatte. Fälle, bei denen die Lösung auf der Hand lag und keine große Ermittlungsarbeit erforderlich war. Michael passte das ganz gut, da ihm so viel Zeit für Familie und Freunde blieb oder um Dart zu spielen und Motorrad zu fahren. Er wusste, dass einige seiner Kollegen ihn für bequem hielten, doch er selbst meinte, in sich zu ruhen.

Michael druckte das Vernehmungsprotokoll von Agnes Dam aus, als es an der Tür klopfte und Teit Jørgensen hereingestürmt kam und einen Stapel Fotos auf Michaels Schreibtisch warf.

»Die sind gerade gekommen. Wie ist es mit der Hundebesitzerin gelaufen?«

»Gut, abgesehen davon, dass sie nichts Wichtiges beizutragen hatte. Sie hat weder jemanden gesehen noch etwas gehört. Ich habe das Protokoll hier.«

»Gut. Ist sie eigentlich angekommen?«

»Wer?«

»Rebekka Holm. Von der mobilen Spezialeinheit.«

Michael schüttelte den Kopf. Eine Mischung aus Unsicherheit und Neugier nahm von ihm Besitz. Er hatte noch nie an einem Fall gearbeitet, in den die mobile Spezialeinheit involviert war, aber er kannte mehrere Kollegen aus anderen Polizeibezirken, die von Hauptstadt-Yuppies zu berichten wussten, die mit einem Fingerschnippen erfahrene Polizisten zu schüchternen Botenjungen degradierten.

»Sie ist noch verhältnismäßig neu dabei, diese Holm, erst fünfunddreißig, doch Torsten hat gesagt, dass sie eine glänzende Karriere vor sich hat. Ich schlage vor, dass ihr beiden als Team zusammenarbeitet, während sie hier ist. Es wäre schön, wenn du sie in Empfang nehmen und über den Fall informieren könntest. Sie bekommt das Büro hinter deinem, Bettina richtet es gerade ein, und dann machen wir ein Briefing, wenn Rebekka sich den Tatort angesehen hat.«

»Wo wird sie wohnen?«

»Vorläufig im Hotel Ringkøbing«, antwortete Teit Jørgensen und verschwand durch die Tür. Ohne das Protokoll.

Michael seufzte und warf einen Blick auf die vielen Fotos von Anna Gudbergsens Leiche. Ihre leeren grünen Augen starrten ihn direkt an, und Michael deckte ihr Gesicht schnell mit dem Bericht zu.

Rebekka bekam Magenschmerzen, als sie das Verkehrsschild mit der Aufschrift »Ringkøbing« passierte. Es war kurz nach vier, die Sonne schien und trotzdem wirkte die Stadt wie ausgestorben. Einen Moment erwog sie, bei ihren Eltern im Ringevej vorbeizufahren, um zu sehen, ob alles noch genauso aussah wie letztes Mal, überlegte es sich jedoch anders und fuhr auf direktem Weg zum Präsidium im Kongevej. Plötzlich vermisste sie den Geräuschpegel und das Lichtermeer der Großstadt, die in das Licht der Neonreklamen unzähliger Kioske getauchte Vesterbrogade, die Cafés und Restaurants, den Geruch von Asphalt, Urin und gewürztem Essen und am allermeisten das brodelnde Leben.

Sie parkte vor dem alten Präsidium, trug etwas Lipgloss auf, fuhr sich mit der Bürste durchs Haar, atmete ein paarmal tief durch und stieg aus dem Auto. Ein älterer Polizist, der sich als Albæk vorstellte, brachte sie in den dritten Stock und führte sie zu einem kleinen Büro, das mit einem großen Schreibtisch mit Computer, einem Telefon, einem Bürostuhl, einem leeren Regal und einem kleinen Sofa in einem verblassten Blauton spartanisch eingerichtet war. Das Ganze war offensichtlich in aller Eile für sie hergerichtet worden. Sie legte ihre Tasche auf den Tisch und ging zum Fenster, um sich die Aussicht anzusehen. Die roten Backsteinhäuser standen in geraden Reihen wie chinesische Kinder bei einer Gymnastikaufführung, dahinter erstreckte sich der aufgewühlte Fjord. Die Tür ging auf, und eine aufgeweckte Frau mit kräftig hennaroten Haaren steckte den Kopf ins Zimmer.

»Hallo, Sie müssen Rebekka Holm sein. Ich bin Bettina Pallander, ich bin Michaels … also Michael Bertelsens Sekretärin. Und jetzt natürlich auch Ihre.«

Sie lachte hektisch und reichte Rebekka eine Hand mit langen, rot lackierten Fingernägeln und unzähligen Ringen und klirrenden Armreifen.

»Rebekka Holm.« Sie erwiderte den Händedruck und spürte das kalte Metall auf der Haut. »Wo ist Michael Bertelsen?«

»Er ist nur mal eben zur Tankstelle gegangen. Er ist gleich wieder da. Fehlt Ihnen noch etwas?«

»Lassen Sie mich mal sehen.« Rebekka sah sich um. »Im Moment nicht. Ich gehe davon aus, dass der Computer und die Technik funktionieren, und melde mich, wenn doch noch etwas fehlt.«

»Okay.« Bettina Pallander zuckte mit den Schultern. Sie hörten Schritte und ein großer, breitschultriger Mann mit hellem lockigem Haar und warmen blauen Augen kam auf sie zu.

»Hallo, Sie müssen Rebekka Holm sein. Willkommen in Ringkøbing. Ich bin Michael Bertelsen.«

Rebekkas kleine Hand verschwand in seiner großen, trockenen Pranke. Sie musste lächeln. Michael Bertelsen sprühte nur so vor positiver Energie.

»Ich habe gerade an der Tankstelle etwas zum Kaffee geholt. Nach der langen Fahrt können Sie bestimmt auch etwas gebrauchen.«

Michael raschelte mit einer halb vollen Tüte.

»Bettina, setz doch schon mal Kaffee auf, dann gehe ich in der Zwischenzeit mit Rebekka in mein Büro und informiere sie schon einmal über den Fall.«

Michael wartete die Antwort nicht ab und nahm deshalb auch Bettinas ärgerlichen Gesichtsausdruck nicht wahr. Rebekka folgte ihm schnell den Gang hinunter. Sie spürte Bettina Pallanders Augen in ihrem Rücken. Sie stachen wie Nadeln durch ihre Haut.

Eine Stunde später war Rebekka über den vorläufigen Stand der Ermittlungen informiert. Sie hatte alle Berichte gelesen sowie den rechtsmedizinischen Befund und die Verhörprotokolle der kurzen Befragungen der Freundinnen, des Barkeepers, der Eltern von Anna Gudbergsen und der Hundebesitzerin Agnes Dam.

Jetzt sah sie sich den Stapel Fotos vom Tatort genauer an.

»Ziemlich brutal, nicht?«

In dem Moment, in dem ihm der Satz über die Lippen kam, ärgerte er sich. Sie dürfte unzählige solcher Fälle gesehen haben. Rebekka ging auf seinen Kommentar nicht ein, sondern studierte weiter die Fotos und bemerkte glücklicherweise nicht, dass er rot geworden war. Michael führte sein Verhalten darauf zurück, dass ihn das Ganze zum einen nicht unberührt ließ und zum anderen seine neue Kollegin und jetzige Vorgesetzte eine große, schlanke und sehr schöne Frau mit glatten, dunkelbraunen schulterlangen Haaren war, die bei der mobilen Spezialeinheit Karriere gemacht hatte und außerdem acht Jahre jünger war als er.

Rebekka machte sich Notizen zu den vielen Fotos. Sie fühlte sich fast ein wenig aufgekratzt. Der starke Kaffee und die viele Schokolade hatten Wunder gewirkt, und im Moment konnte sie gut darüber hinwegsehen, dass sie in ihrer Heimatstadt war.

»Als Erstes möchte ich mir gerne den Tatort ansehen und anschließend sollte sich das ganze Team zu einem Briefing zusammenfinden, um die wichtigsten Aufgaben zu verteilen.«

Sie packte ihre Tasche und selbst das Schließen des Schlosses klang effektiv, wie Michael fand.

Das rot-weiß gestreifte Absperrband flatterte leicht im Wind, als Rebekka und Michael im Fruerwald eintrafen. Der kleine Parkplatz vor dem Wald war vollgeparkt mit Polizeiautos und Fernsehübertragungswagen. Auch die Printmedien waren zahlreich erschienen, um der Polizei Informationen zu entlocken. Ein paar Anwohner machten einen langen Hals, doch den Zugang zum Wald versperrte ein großer dunkelblauer Polizeibus.

Rebekka und Michael wurden an der Absperrung vorbei in den Wald gewunken. Die Sonne stand tief über dem Fjord und tauchte die dunklen Bäume in orangerotes Licht. Ein Gebiet von ungefähr fünfzig mal hundert Metern war in Felder aufgeteilt, in denen eine größere Anzahl von Kriminaltechnikern in weißen Schutzanzügen und mit Mundschutz herumliefen und jeden Zentimeter methodisch durchkämmten und fotografierten. Ein schwarzhaariger Mann mittleren Alters mit scharfen Zügen, stahlgrauen Augen und einem festen Händedruck hieß Rebekka willkommen. Polizeioberkommissar Teit Jørgensen, der gute Freund von Torsten Krogh. Rebekka hatte des Öfteren gehört, dass er ein tüchtiger, aber etwas rigider Dienststellenleiter war. Sie grüßte flüchtig die anderen und ging zu der großen weißen Plane, die die Leiche von Anna bedeckte.

Sie glich einem roten Engel, wie sie da in dem hohen Gras lag, während die Sonnenstrahlen in ihren Haaren spielten, die rosa und gold leuchteten. Die Szenerie war in all ihrer Widerwärtigkeit so faszinierend schön, dass der Anblick Rebekka für einen Moment überwältigte. Die Wirklichkeit übertraf bei Weitem die Fotos, die sie gerade gesehen hatte.

»Sie hatte keine Chance.« Michaels Stimme holte sie in die Realität zurück, und sie nickte verbissen und ging in die Hocke, um sich die Leiche näher anzusehen. Sie studierte eingehend die Stellung der Toten, die offenen, starrenden Augen mit den winzigen Blutungen, die Würgemale am Hals, das entblößte Geschlecht und die unzähligen Messerstiche – selbst im Gesicht –, die ungewöhnlich waren und davon zeugten, dass der Mörder eine enorme Wut auf sein Opfer gehabt haben musste.

»Mein unmittelbarer Eindruck ist, dass das keine Zufallstat ist. Der Mörder war außer sich vor Wut auf Anna. Sie hat ihn gekannt.«

Rebekka sah zu Michael hoch. Er nickte zustimmend.

»Diese Theorie ist auch unsere Ausgangsbasis. Sie war gestern Abend in der Diskothek und hatte unseren Zeugen zufolge eine heftige Auseinandersetzung mit einem Typen. Alex Dennis Pedersen. Wir haben ihn zu Hause nicht angetroffen und zur Fahndung ausgeschrieben.«

»Nein«, unterbrach sie ihn. »Ich meine, die beiden haben sich richtig gut gekannt. Das Motiv muss zutiefst persönlich gewesen sein, darauf lassen die Verletzungen im Gesicht schließen.«

Rebekka schloss die Augen, atmete bis tief in die Lungen und versuchte, den Tatort mit allen Sinnen in sich aufzunehmen. Alle irrelevanten Geräusche filterte sie heraus: die Stimmen, das Knistern von Papier und Plastik, das Trampeln von Stiefeln. Der kühle Wind fuhr ihr ins Haar. Sie zerbröselte ein wenig weiche, feuchte Erde zwischen den Fingern, schnupperte, der Duft von Humus breitete sich in ihrem Körper aus und sie nahm langsam ein Gefühl wilder, unbezähmbarer Wut wahr, gefolgt von abgrundtiefem Entsetzen. Sie versuchte, gegen das Gefühl von Panik anzukämpfen, nahm die Eindrücke des Tatorts in sich auf und öffnete wieder die Augen. Sie spürte Michaels Blick, er hatte nichts gesagt, sie nur ruhig angesehen.

»Sie sind ganz blass geworden«, sagte er, und sie erwiderte gelassen seinen Blick.

»Ich musste erst einmal den Tatort in mich aufnehmen, falls Sie verstehen, was ich meine. Man muss einen Tatort immer mit dem Körper erspüren, seiner Geschichte lauschen. Es ist wichtig, ihn richtig zu lesen.«

Er sah sie ernst an.

»Und was sagt er Ihnen?«

»Wie ich schon erwähnt habe, besteht kein Zweifel, dass das Motiv persönlich ist. Mein Gefühl sagt mir ganz eindeutig, dass es hier um sehr viel mehr als nur um Liebeskummer geht. Sie ist dort bei der Schranke niedergeschlagen worden, wo Sie den großen Ast gefunden haben, der den Weg versperrt. Das bestärkt ganz klar meinen Verdacht. Außerdem stört mich irgendetwas an der Art, wie sie daliegt. Das wirkt so gestellt. Hat der Rechtsmediziner Spermaspuren gefunden?«

Michael schüttelte den Kopf.

»Nicht soweit er das mit dem bloßen Auge feststellen konnte.«

Sie machte eine ausladende Armbewegung und fuhr fort: »Es ist nicht übertrieben, von einem Overkill zu sprechen. Sie wurde niedergeschlagen, es wurde mit einem Messer auf sie eingestochen und anschließend ist sie erwürgt worden. So etwas passiert eigentlich nur, wenn der Täter eine Verbindung zu seinem Opfer hat, was meine Theorie unterstützt. Wir haben es mit einer besonders gefährlichen Person zu tun. Anna Gudbergsen sollte auf jeden Fall sterben. Fahren wir zurück ins Präsidium. Ich würde jetzt gerne das ganze Ermittlerteam kennenlernen.«

Sie wartete seine Antwort nicht ab, stand auf und ging zurück zum Parkplatz.

»Haben alle ihre Pizzen? – Dann fangen wir an.«

Teit Jørgensen, der sich an schwarzen Kaffee hielt, blickte über die Gruppe von Ermittlern, die in dem Besprechungsraum versammelt war. In der Ecke rollte Bettina Pallander lautstark ein Whiteboard heran, in der Mitte hing ein großes Farbfoto von Anna Gudbergsen mit einer Studentenmütze. Sie lächelte keck auf sie herab. Um das Foto waren Bilder von ihrer Leiche gruppiert.

»Zuallererst möchte ich Rebekka Holm von der mobilen Spezialeinheit willkommen heißen. Sie hat täglich mit Gewaltverbrechen zu tun und in mehreren schwierigen Mordfällen ermittelt, weshalb sie hier ist. Der Führungsstab und ich haben das gemeinsam beschlossen.«

Teit Jørgensen sah Rebekka an, und sie nickte ihm höflich zu. Er räusperte sich laut. »Sollte sie jemandem von euch bekannt vorkommen, liegt das daran, dass sie hier in der Stadt geboren und aufgewachsen ist, kein Fehler, wenn ihr mich fragt.«

Ein leises Kichern war zu hören, und Rebekka hatte das Gefühl, dass die Gruppe sie aufmerksam ansah, sie jedoch niemand wiederzuerkennen schien.

Teit Jørgensen legte das Gesicht in ernste Falten.

»Wie ihr alle wisst, haben wir es mit einem äußerst brutalen Mord zu tun. Die zweiundzwanzigjährige Anna Gudbergsen wurde heute Morgen zwischen zwei und vier Uhr im westlichen Teil des Fruerwalds ermordet, nur wenige Meter vom Haus ihrer Eltern im Retortvej entfernt. Sie wurde um 9.31 Uhr von einer älteren Frau gefunden, die ihren Hund ausgeführt hat. Aus dem vorläufigen gerichtsmedizinischen Befund geht hervor, dass sie mit einem stumpfen Gegenstand zwei kräftige Schläge auf den Hinterkopf bekommen hat, vermutlich mit einer Eisenstange, bei der es sich um einen Golfschläger handeln kann, und dass jemand viele Male mit einem Messer auf Körper und Gesicht eingestochen hat, vermutlich mit einem fünfzehn bis zwanzig Zentimeter langen Küchenmesser. Darüber hinaus wurde sie erwürgt. Die Tasche mit Geldbörse, Schlüsseln und Handy wurde nicht angerührt.

Ihr Kleid ist durch die Messerstiche zerrissen, und es fehlt ein goldenes Medaillon, das sie immer getragen hat. Anna Gudbergsen wurde mit entblößtem Unterleib gefunden, doch die vorläufigen gerichtsmedizinischen Untersuchungen lassen nicht darauf schließen, dass sie vergewaltigt oder anderweitig sexuell misshandelt wurde.«

Im Raum war es still.

»Wir wissen, dass Anna zuletzt mit ihren beiden Freundinnen Mia Hansen und Katja Korsgaard in der Diskothek Jimbalaya war. Anna war angetrunken und hat sich mit einem Verehrer gestritten, einem Typen, der der Polizei wegen Körperverletzung und Diebstahl bekannt ist, Alex Dennis Pedersen. Er hat sie angemacht, wurde aber von ihr abgewiesen. Wir möchten uns natürlich gerne mit Alex Pedersen unterhalten, und sind auch – leider ergebnislos – bei ihm vorbeigefahren, deshalb haben wir ihn jetzt zur Fahndung ausgeschrieben. Wir wissen mit Sicherheit, dass Anna um 1.45 Uhr allein von der Diskothek aufgebrochen ist und dass sie seitdem niemand mehr gesehen hat.« Teit Jørgensen schwieg einige Sekunden. »Anna Gudbergsen war, wie gesagt, zweiundzwanzig Jahre alt und hat an der Handelshochschule in Esbjerg studiert. Sie war ein Einzelkind und hat hier in der Stadt bei ihren Eltern, Sanna und Gert Gudbergsen, gewohnt. Gert Gudbergsen gehört die Volvo-Niederlassung im Enghavevej und ein entsprechendes Geschäft in Esbjerg. Von vielen wird er auch Goldbergsen genannt.«

Mehrere der Ermittler nickten zustimmend, und Teit Jørgensen trank einen Schluck Kaffee.

»Wir haben die Hundebesitzerin, Agnes Dam, befragt, die die Leiche gefunden hat, genau wie wir uns kurz mit Annas Eltern sowie mit ihren beiden Freundinnen unterhalten haben. Meiner spontanen Einschätzung nach haben wir es mit einem einfachen Fall zu tun. Wir fahnden nach Alex Pedersen. Ich habe einen Durchsuchungsbefehl für seine Wohnung angefordert. Ich dachte, ich kümmere mich um die Medien und Sie, Rebekka, arbeiten mit Michael Bertelsen zusammen. Egon und David bilden ein zweites Team, und Susanne assistiert den verschiedenen Teams und mir.« Alle schwiegen einen Moment. Teit Jørgensen knüllte seinen Plastikbecher lautstark zusammen. »Wollen Sie jetzt übernehmen, Rebekka?«

»Danke.« Rebekka erhob sich.

»Wie Teit Jørgensen bereits ausgeführt hat, bin ich zwar in Ringkøbing geboren und aufgewachsen, aber ich war schon lange nicht mehr hier. Seit drei Jahren gehöre ich der mobilen Spezialeinheit an und war in dieser Eigenschaft vier Monate beim FBI in Quantico in den USA, wo ich in kognitiver Verhörpraxis ausgebildet wurde, über die ich Ihnen im weiteren Verlauf einiges erzählen werde.«

Sie sah jeden Einzelnen an, versuchte freundlich, aber bestimmt auszusehen, und hoffte, dass alle sich nur für die Gegenwart interessieren und keine Fragen nach ihrer Kindheit und Jugend stellen würden.

»Zuallererst möchte ich betonen, dass man sich nie gleich von Anfang an auf etwas festlegen sollte, weil das den Blick verstellt. Ich möchte Sie bitten, in Ihrem Denken offen zu sein. Alles ist möglich. Alles. Die Geschichte weist zahllose solcher Fälle auf. Ted Bundy, Jeffrey Dahmer, John Gacy und der Franzose Michel Fourniret oder das Monster der Ardennen, wie er auch genannt wurde, und so weiter. Sie alle sind Beispiele dafür, dass die Wirklichkeit die Phantasie oft übersteigt.«

Rebekka sah sich in der Gruppe um, alle nickten. Sie trank einen Schluck von ihrem Kaffee. »Wir müssen herausfinden, ob Anna Gudbergsen ermordet wurde, weil sie zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort oder weil sie Anna Gudbergsen war. Ich habe keine Zweifel. Der Mord an Anna Gudbergsen ist persönlich motiviert. Der Mord ist absolut brutal, der reinste Overkill. Das Opfer wurde auf mehrere Arten ermordet, die jede für sich zum Tod geführt hätten. Das legt den Schluss nahe, dass der Mord entweder von einem hochgradigen Psychopathen verübt wurde oder, was wahrscheinlicher ist, dass der Mörder Anna nahestand. Ich bin übrigens auch der Meinung, dass der Fundort inszeniert worden ist, um uns glauben zu machen, dass es sich um ein Sexualverbrechen handelt. Die vorläufigen rechtsmedizinischen Untersuchungen deuten darauf hin, dass dem nicht so ist. Das heißt, der Mörder hat die Leiche bewusst so arrangiert, um die Aufmerksamkeit von sich abzulenken. Auch das unterstützt die Theorie, dass es zwischen dem Täter und Anna Gudbergsen eine logische Verbindung gibt, die dieser geheimzuhalten versucht.«

Rebekka machte eine Pause. Im Raum war es still, alle Augen waren auf sie gerichtet. Sie zeigte auf das große Farbfoto von Anna. Auf dem Bild trug die junge Frau eine Kette mit einem goldenen Medaillon.

»Anna Gudbergsen hat dieses alte Medaillon ihren Eltern zufolge immer getragen, doch jetzt ist es fort. Wo ist es? Hat sie es während des Kampfes verloren oder hat der Täter die Kette als Trophäe mitgenommen? Das zu wissen ist wichtig, um den Täter zu verstehen.«

Rebekka spülte den Rest lauwarmen Kaffee hinunter.

»Warum wurde Anna Gudbergsen ermordet?«

Ein Ruck ging durch die Versammlung, als Rebekka die Worte aussprach, und sie fuhr ruhig fort: »Wir müssen versuchen, den Täter zu verstehen. Für den Täter ist der Mord positiv, das heißt, es war für ihn notwendig, ihn zu begehen. Erst wenn wir das verstehen, können wir ihn fassen.«

Alle hörten gebannt zu.

»Wir müssen so schnell wie möglich Anna Gudbergsens Leben durchleuchten. Familie, Freunde und Freundinnen, eventuelle Verehrer, Exfreunde und Liebhaber, Kommilitonen, die wirtschaftlichen Verhältnisse und so weiter. Darüber hinaus müssen wir herausfinden, in welcher Reihenfolge ihr die Verletzungen zugefügt wurden. Alle Handlungen sagen etwas über den Täter aus. Michael Bertelsen und ich bleiben hier und gehen das vorläufige Material durch. Wir treffen uns alle morgen früh um acht wieder. Um diese Zeit werden wir uns auch in Zukunft treffen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.«

Sie nickte kurz, und die Gruppe erhob sich lautstark.

Anschließend ging sie um den Tisch und gab jedem Einzelnen die Hand. Susanne, eine blonde, kräftige Frau Mitte vierzig, hieß sie herzlich willkommen. Egon Bjerregaard, ein kleiner und stämmiger Mann mittleren Alters mit buschigem Bart und dickem Bauch, tat es ihr gleich. David Johansen dagegen sah Rebekka abweisend an und drehte sich blitzschnell um, als sie ihn begrüßen wollte, während er so tat, als wäre er mit einer Akte beschäftigt. Rebekka zuckte innerlich mit den Schultern.

You can’t win them all.

Es war fast Mitternacht, als Rebekka in ihrem Hotelzimmer im Hotel Ringkøbing eintraf. Das Hotel, das direkt am Markt lag, war gerade einer größeren Renovierung unterzogen worden, und ihr Zimmer war groß und hell und roch leicht nach frischer Farbe und gehobeltem Holz. Sie nahm ein heißes Bad und spürte, wie sich ihre verkrampften Muskeln entspannten. Anschließend wickelte sie sich in ein Badetuch und blickte aus den großen Fenstern. Der Markt, der Mittelpunkt der Stadt, lag verlassen da. Die große Grillbar – der Marktgrill oder Pølse Åge, wie er von den treuesten Stammkunden auch genannt wurde – war noch immer genau an derselben Stelle mitten auf dem Markt wie vor sechzehn Jahren, als sie die Stadt verlassen hatte. Sie lehnte die Stirn gegen die kühle Scheibe und ging in Gedanken die Ereignisse des Tages durch. Sie war erleichtert, dass sie bisher noch nicht an Robin gedacht hatte. Vielleicht würde es doch nicht so schlimm werden, wieder hier zu sein.

Kurz darauf fiel sie in einen unruhigen Schlaf. Sie warf sich unter der schweren Decke von einer Seite auf die andere. Der Anblick von Annas großen ausdruckslosen Augen und ihrem geschändeten Körper mischte sich mit Bildern von tosenden schwarzen Wellen mit weißen Schaumkronen. Sie schwamm in den Wellen, erspähte Land, doch mit jedem Zug rückte der Strand weiter weg. Sie spürte, wie Panik sich in ihrem Körper ausbreitete. Sie hatte das Gefühl, an den Beinen festgehalten, in die Tiefe gezogen zu werden. Sie schlug wild um sich, schluckte kaltes Salzwasser und hustete kräftig, bekam keine Luft. Langsam ließen ihre Kräfte nach, sie gab ihren Widerstand auf und das Meer füllte ihre Lungen mit Wasser. Alle Laute verstummten, alle Farben verblassten – und plötzlich schwebte Robin in dem Dunkel vor ihr. Er sah aus wie eine Meduse mit langen, fadenartigen Armen, die nach ihr griffen, sich um ihren Körper, ihr Gesicht und ihren Mund schlangen.

Sie erwachte mit einem Ruck und setzte sich abrupt im Bett auf. Seit Jahren hatte sie nicht mehr von Robin geträumt. Graues Morgenlicht drang durch die schweren Gardinen, und sie hörte es in den Rohren rauschen. Sie griff nach dem Ordner mit den Fallakten zum Mord an Anna Gudbergsen. Sie musste ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes richten, doch immer wieder tauchte das Bild von Robin vor ihrem inneren Auge auf. Schließlich konnte sie nur noch unter die warme Dusche steigen und versuchen, die Dämonen der Vergangenheit abzuwaschen.

MONTAG, 27. AUGUST

Retortvej Nummer 7. Bereits auf dem Weg zu der Adresse hätte es bei ihr klingeln müssen, doch erst als Rebekka und Michael vor der imposanten weißen Villa mit dem schwarzen Ziegeldach parkten, erkannte Rebekka das Haus wieder.

Rigmors Haus. Rigmor Andersen, Rebekkas Lehrerin von der ersten bis zur siebten Klasse. Einen Moment saß sie angesichts dieses Zufalls stumm da.

»Stimmt etwas nicht?«, fragte Michael. Sie schüttelte den Kopf.

»Nichts von Bedeutung. Ich habe nur in meiner Schulzeit viele Stunden in diesem Haus verbracht. Meine alte Klassenlehrerin, Rigmor Andersen, hat hier gewohnt. Sie hat mir eine Zeit lang sehr geholfen, als ich so ziemlich mit allem riesige Probleme hatte.«

»Das ist eine der teuersten Wohngegenden der Stadt.«

»Ich weiß. Aber Rigmor war absolut nicht wohlhabend. Sie hatte die oberste Etage vermietet. Das Haus hat eine unglaubliche Aussicht auf den Fjord. Kommen Sie.«

Sie stiegen zu der breiten Doppeltür hoch, wo ein bronzener Löwenkopf als Klopfer diente. Rebekka wollte ihn gerade betätigen, als die Tür von einem großen, hageren Mann Ende vierzig mit kurzen roten Haaren aufgerissen wurde. Seine weiße Haut war mit orangeroten Sommersprossen übersät. Sie zeigten ihm ihre Ausweise.

»Haben Sie ihn gefunden?«, sagte der Mann aufgebracht, noch bevor er sich als Gert Gudbergsen vorstellte.

»Leider nein, bis jetzt gibt es nichts Neues. Es tut uns leid. Aber wir würden gerne mit Ihnen reden. Wir haben übrigens Unterstützung von der mobilen Spezialeinheit erhalten. Das ist Rebekka Holm.«

Michaels Stimme klang ruhig und bestimmt, und Gert Gudbergsen sank in sich zusammen. Rebekka sprach ihm ihr Beileid aus und reichte ihm die Hand. Sie betraten eine große Diele, in der Sanna Gudbergsen in einem pfirsichfarbenen Bademantel stand und sie apathisch anstarrte. Sie war eine kleine, zierliche Frau mit dunklem Pagenschnitt und ovalen dunklen Augen. Ohne Zweifel war sie, genau wie ihre Tochter, früher einmal eine Schönheit gewesen.

Jetzt war ihr Gesicht hässlich vom Weinen, die Augen waren rot und geschwollen und von dunklen schwarzen Rändern umgeben. Die Trauer hatte ihre Spuren hinterlassen, und Rebekka spürte, wie ihr Herz kurz aussetzte. Sie erinnerte sich, dass in einer solchen Situation Worte keine Linderung brachten, sondern nur liebevolle Nähe.

Gert Gudbergsen führte sie in ein L-förmiges Wohnzimmer mit einer phantastischen Aussicht auf den Fjord. Das Zimmer war hell und mit modernen Designermöbeln eingerichtet. Es hatte absolut keine Ähnlichkeit mit Rigmor Andersens tapezierten Räumen mit den dunkelroten Plüschmöbeln, in denen Rebekka einmal zum festen Inventar gehört hatte.

»Gott liebt alle Kinder, auch die Unartigen.« Das sagt Rigmor Andersen. Sie sitzen in ihrem großen Wohnzimmer mit Aussicht auf den Fjord. Jedes Mal, wenn Rebekka Rigmor besucht, was immer öfter vorkommt, zieht das Panorama sie in seinen Bann. Heute ist der Fjord weitflächig mit Eis bedeckt, und Büsche und Bäume sind mit einer dünnen Schicht Schnee überzogen. Die Sonne scheint fahl wie eine große Perle und lässt den Schnee glitzern, als wäre er mit Tausenden von Diamanten übersät. Rigmor hat im Garten eine Garbe aufgestellt, die von den Vögeln umlagert wird. Rebekka beobachtet ihren Überlebenskampf, während sie an dem starken Tee nippt, den die Lehrerin in hauchdünnen Porzellantassen serviert. Heute hat sie Plätzchen gebacken, Weihnachtsplätzchen, sie schmecken nach Butter und süßer Marmelade und zergehen auf der Zunge. Rebekka durchfährt ein wohliger Schauer, als sie in dem warmen Zimmer mit der verblassten Tapete sitzt, der Tee gleitet wie eine glühend heiße Welle durch ihre Kehle und füllt den Magen, während Rigmor ununterbrochen plaudert.

Rigmor Andersen ist anders als die anderen Erwachsenen. Sie verhört einen nicht. Sie wartet geduldig, bis man selbst Lust hat, etwas zu sagen. Sie ist alt, älter als ihre Mutter und ihr Vater, und Rebekkas Klasse ist die letzte, die sie als Klassenlehrerin hat, bevor sie in Pension geht. Rebekkas Herz beginnt leicht zu flattern bei dem Gedanken, was für ein Glück sie hat. Sie weiß überhaupt nicht, wie ihr kleines Leben ohne Rigmor aussehen würde, die die richtige Rebekka kennt. Das hat sie immer getan, vor und nach Robin. Rigmor hat weder Mann noch Kinder, das heißt, sie hat eine Menge Kinder, wie sie sagt, nämlich all die Kinder in der Schule, die sie seit vierzig Jahren treu unterrichtet hat. Hin und wieder bekommt sie einen Brief oder eine Postkarte von einem ehemaligen Schüler, der ihr erzählen möchte, wie es ihm ergangen ist, seit er die Schule verlassen hat. An Rigmor Andersen erinnert man sich noch, wenn die anderen Lehrer längst in Vergessenheit geraten sind. Oft, wenn Rebekka bei ihr ist, sitzt Rigmor an ihrem Tisch und korrigiert Hefte, und wenn sie auf eine besonders gut gelungene Geschichte stößt, liest sie sie laut vor, und sie ergötzt sich und grämt sich und macht kleine Bemerkungen, während sie sich durch ein Aufsatzheft nach dem anderen arbeitet.

Ende der Leseprobe