Blut ist ungemein wichtig - Ulli Dräger - E-Book

Blut ist ungemein wichtig E-Book

Ulli Dräger

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Beschreibung

Nach einer verheerenden weltweiten Seuche im 21sten Jahrhundert ist von der Menschheit vier Jahrhunderte später kaum noch etwas übrig. Die kläglichen Reste der Zivilisation ähneln stark den Verhältnissen im Mittelalter. Es gibt Stadtstaaten, Fürstentümer, Warlords und religiöse Fanatiker, alles potentielle Arbeitgeber für Söldner und Berufsmörder. Attyl, der Beste dieser Zunft, wird im Auftrag eines dieser Machthaber verflucht. Doch der zuständige Magier pfuscht. Statt eines blutrünstigen Monsters hat der professionelle Mörder nun eine weinerliche Hausfrau aus dem 21sten Jahrhundert am Hals. Leider kann er sie nicht einfach umbringen. Durch den verpfuschten Fluch erleidet er selber alles, was ihr widerfährt: er würde sich glatt selbst umbringen. Diese Tatsache schockiert ihn genauso, wie Nicki Schmitt, die keine Ahnung hat, wie sie in die Welt ihrer Albträume geraten ist. Sie erinnert sich nur noch, dass ihr auf der Gartenparty schwindelig geworden war…

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Seitenzahl: 473

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Blut ist ungemein wichtig

Blut ist ungemein wichtig

Eine Romanze für Bösewichte

ULLI DRÄGER

© 2021 Ulli Dräger

Illustriert von: © 2021 Ulli Dräger

Lektorat: Marion Schmitt

Satz & Layout: Tobias Dräger

Buchsatz von tredition, erstellt mit dem tredition Designer

ISBN Softcover: 978-3-347-50981-8

ISBN Hardcover: 978-3-347-50982-5

ISBN E-Book: 978-3-347-50983-2

Druck und Distribution im Auftrag der Illustratorin:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Illustratorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Illustratorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

1. Kapitel

Attyl liess sein Schwert sinken. Es geschah nicht oft, aber heute war er tatsächlich fast erschöpft. Die entscheidende Schlacht dieses lächerlichen Provinzkrieges war endlich zu Ende. Der Feind, ein Cousin des Herzogs von Nüamberg, und sein „Heer“ waren geschlagen und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Praktisch alle waren tot und größtenteils übel zerstückelt. Es würde wohl doch nichts aus dem vereinigten Königreich von Antzbach – Nüamberg werden. Was für ein bescheuerter Grund für einen Krieg, fand Attyl. War seiner Meinung nach sowieso alles Schwachsinn, das mit den Herzogtümern, Grafschaften und Königreichen.

Attyl verengte die Augen und ließ seinen Blick über das Schlachtfeld schweifen. Selbst im diffusen Licht der untergehenden Sonne würde er keinen übersehen, der dem Tod, beziehungsweise ihm, bisher entkommen war.

Schließlich griff sich Attyl den zerlumpten Mantel eines Toten, um seine Waffe sorgfältig zu reinigen, bevor er sie verstaute. Im großen Ganzen war er mit sich und der Welt zufrieden. Lediglich das ungute Gefühl, das ihn schon seit Wochen, seit Beginn dieses albernen Krieges begleitete, verdarb ihm geringfügig die Laune. Es juckte ihn unter der Haut. Als ob er auf ihr nicht schon genug mit sich herumtrug, was er schnellstmöglich loswerden wollte. Sein ganzer Körper war mit einer zähen Mischung aus Schweiß, Matsch, Blut und anderen Körperflüssigkeiten überzogen. Das eigene Blut aus mehreren kleinen Wunden hatte sich mit dem seiner Opfer vermischt, wodurch er fast schwarz erschien. Nicht nur, dass er erbärmlich stank, die ganze Sauerei fing bereits an zu trocknen. Er musste den Dreck schnellstens loswerden, ehe er ganz und gar verkrustete.

Bevor er zum Lager zurückkehrte, nahm er sich doch die Zeit, nach herrenlosen Wertsachen zu suchen. Die Toten, deren Körper zu seinen Füßen im Matsch herumlagen, brauchten sowieso nichts mehr davon, und seine sogenannten Kollegen ließen ihm üblicherweise den Vortritt. Ganz abgesehen davon, dass die, die noch übrig waren, sich vor Erschöpfung kaum noch auf den Beinen halten konnten.

In aller Ruhe sammelte Attyl ein paar der besseren Waffen, sowie das eine oder andere Schmuckstück ein. Passende Rüstungs- oder Kleidungsstücke für sich selber konnte er kaum finden. Er war um einiges größer und kräftiger als alle anderen Menschen, die er kannte. Manchmal konnte Größe ein Nachteil sein; sogar in seinem Beruf. Andererseits, was kümmerte es ihn? Er hatte es nicht nötig, zusammengesuchte Klamotten zu tragen. Er wurde normalerweise sehr gut bezahlt. Abgesehen davon betrachtete er Rüstungen eher als Behinderung. Zu viel Blech am Körper machte langsam. Er hatte lediglich ein paar Stahlplatten in seine Lederweste eingearbeitet. Nicht sichtbar, wohlgemerkt.

Die Sonne kroch träge hinter den Horizont und übergoss das ohnehin schon blutgetränkte Schlachtfeld mit feurig rotem Licht. Es war, im Gegensatz zu den letzten zwei verregneten Wochen, ein klarer, sonniger Tag gewesen. Aber schon jetzt war es so kalt, dass Dampf von den zerhackten Leichen aufstieg. Die letzten Sonnenstrahlen ließen alles rot erglühen, während sich am dunkler werdenden Himmel erste Sterne zeigten. Ein durch und durch blutiger Abend.

Es war ein vergleichsweise langer und harter Krieg gewesen, wenn man derartige Streitigkeiten unter benachbartem Kleinadel überhaupt als “Krieg“ bezeichnen wollte. Jedenfalls verhieß das reichlich Lohn, vorausgesetzt, der sogenannte Herzog zahlte letztlich auch, was er versprochen hatte. Überhaupt, der Herzog… Attyl gönnte sich und der untergehenden Sonne ein abfälliges Lächeln. Er war zwar nicht sonderlich gebildet, aber er wusste genau, dass es seit vielen Jahrhunderten keine echten Herzöge mehr gab. Jeder dahergelaufene Idiot mit genügend Vermögen und entsprechend übersteigertem Geltungsbewusstsein konnte sich so nennen. Der nun unglücklicherweise verstorbene Großfürst von Antzbach war so einer gewesen… König, Großfürst,…was für ein Witz!

Attyl machte sich auf den Rückweg zum Feldlager. Im Vorbeigehen grüßte er ein paar hungrige Krähen und Raben, die sich trotz der vorgerückten Stunde über das üppige Mahl eines Pferdekadavers herzumachen begannen. Sie waren natürlich zu beschäftigt, um ihm zu antworten. Um das Pferd tat es ihm leid. Er mochte Pferde und er würde niemals Tiere, egal welcher Art, grundlos töten. Er brauchte keinen Gaul zu schlachten, um an den Reiter heranzukommen und wehe dem, den er dabei erwischte.

Als er bei den Zelten anlangte, war es schon ziemlich dunkel. Lagerfeuer brannten, es roch nach Essen und es herrschte eine ausgelassene Stimmung. Überall waren Unterhaltungen und Gelächter zu hören, hin und wieder mit Gesang vermischt. Einige waren schon betrunken, andere hatten Weiber im Arm, und allen war anzumerken, dass sie heilfroh waren, mit dem Leben davongekommen zu sein.

Sobald Attyl das Lager betrat, verstummten Gegröle und Gelächter in seiner Nähe. Die anderen fürchteten ihn. Er war ihnen nicht geheuer. Viel zu groß, zu unheimlich, zu leise, zu schnell und zu tödlich, um als normaler Mensch durchzugehen. Dazu kam, dass er ohnehin Einzelgänger war und sich von dem üblichen Pöbel fernhielt. Anders als seine „Kollegen“ feierte er nicht jeden Abend, dass er noch lebte und besoff sich auch nicht wie die gewöhnlichen Halsabschneider. Er betrank sich nur hin und wieder. Auf jeden Fall aber nicht in Gesellschaft von diesem Gesindel, von dem man lediglich erwarten konnte, dass es einen anschließend, wenn möglich, erschlug und ausraubte.

Attyl hatte nicht so lange in diesem Job überlebt, weil er mittelmäßig war. Ganz im Gegenteil. Er war hier weit und breit der einzige echte Profi im Töten, und er wusste ganz genau, was er tat. Daher wusch er sich samt seiner Ausrüstung und besorgte sich etwas zu Essen, um sich anschließend hinlegen zu können.

Die Leute um ihn herum beobachteten ihn mit einer Mischung aus Furcht und Misstrauen. Ihn kümmerte es nicht, er war es gewohnt. Sie beobachteten ihn immer, oder versuchten es zumindest, und immer hatten sie Angst vor ihm. Sollten sie sich ruhig dummsaufen. Wenn sie es überhaupt schafften… die meisten von der Sorte starben ziemlich schnell. Da blieb nicht viel Zeit, um das bisschen Hirn, das sie in ihren Köpfen spazieren trugen, zu versaufen. Einige von ihnen würden nicht einmal den kommenden Morgen erleben. Schlecht ernährt, voller Parasiten, meist krank und vor allem grenzenlos dumm, kamen sie mit dem ungewöhnlich langen und kalten Winter nicht gut zurecht. Abgesehen davon, daß diese Hungerleider von Zelt und Schlafsack, für ihn selbstverständlich, allenfalls träumen konnten. Es hatte diesen Winter zum ersten Mal seit Jahren richtig Frost gegeben und selbst jetzt, im Frühling, gab es jede Nacht Tote durch Unterkühlung. Aber sollten sie sich ruhig die Nacht um die Ohren schlagen, nach so einem harten Tag. Attyl war das egal. Er wollte morgen früh bei klarem Verstand sein. Morgen war Zahltag; jedenfalls für ihn. Und dann nichts wie weg aus diesem Schlammloch voll halbtoter Idioten.

Nicki wachte von einem gellenden Schrei auf. Es war ihr Schrei gewesen. Sie schrie. Aus vollem Hals. Sie bebte vor Entsetzen, zitterte unkontrolliert und stand fast schon im Bett. Ihr Nachthemd triefte vor Schweiß und klebte am Körper. Neben sich entdeckte sie Norbert. Er hatte das Licht angeknipst. Ihr Blick irrte im Schlafzimmer umher. Das grelle Licht schmerzte in den Augen. Noch ganz in ihrem Traum gefangen, wusste sie zuerst nicht, wo sie gerade war. Was tat ihr Mann hier?

Nur langsam sickerte die Realität in ihr Bewusstsein. Es war ein Traum gewesen. Sie hatte mal wieder schlecht geträumt. Nicki zitterte immer noch und sie fühlte sich elend. Ihr war schlecht. So sehr, dass sie befürchtete, sich gleich übergeben zu müssen. Ihr Hirn kämpfte gegen das Hier und Jetzt, ohne dass sie sich jedoch daran erinnern konnte, wo sie im Traum gewesen war. Wie durch einen dicken Nebel in ihrem Kopf drang Norberts genervte Stimme undeutlich zu ihr durch:

„Schatz, sei nicht albern, es war nur wieder einer von deinen Alpträumen. Es ist alles in Ordnung. Sei so gut, leg dich wieder hin und lass uns weiterschlafen. Ich muss morgen früh raus. Wenn das nicht bald aufhört, wird es zu einem echten Problem. Ich kann es mir nicht leisten, ständig übernächtigt zur Arbeit zu kommen. Vielleicht solltest du mal zu einem Psychologen gehen.“

Norbert knipste das Licht aus und legte sich wieder hin, um weiterzuschlafen. Nicki blieb stocksteif in der schrecklichen Finsternis sitzen. An Schlaf war vorerst nicht zu denken. Dafür waren die Eindrücke des Traums noch viel zu frisch, und sie wäre froh gewesen, wenn das Licht noch brennen würde. In ihr rumorte immer noch die Flut von Ekel und Grauen; so wie jedes Mal, wenn sie nach einem dieser Träume aufwachte. Sie konnte sich nie so richtig an das, was sie geträumt hatte, erinnern. Aber die Empfindungen waren jedes Mal frisch und deutlich und hielten stundenlang an, manchmal den ganzen Tag hindurch. Sie wusste inzwischen genau, dass sich diese Gefühle nicht ohne weiteres abschütteln ließen und war dankbar, dass sie wenigstens den Brechreiz erfolgreich hatte unterdrücken können.

Es hatte vor ein paar Wochen angefangen und es wurde seitdem immer schlimmer. Mittlerweile kamen die Träume jede Nacht; manchmal sogar tagsüber, wenn sie sich hinlegte, um wenigstens etwas von dem verpassten Schlaf aufzuholen.

Anfangs waren es nur die vagen Erinnerungen an nicht zu definierende Grausamkeiten gewesen. Die Träume hatte sie nur alle paar Tage gehabt. Dann hatte sie angefangen, sich erschöpft und ausgelaugt zu fühlen. Sie versuchte es sich mit dem zunehmenden Schlafmangel zu erklären, zumal sie immer häufiger schlecht träumte. Als Muskelkater hinzugekommen war, hatte sie sich eingeredet, das würde davon kommen, dass sie sich im Schlaf verkrampfte. Aber die Prellungen oder die blauen Flecken konnte sie sich nicht mehr erklären. Die Schrammen und Schnittwunden, die sie seit Neuestem immer öfter morgens beim Anziehen entdecken musste, waren ihr unbegreiflich. Sie hatte Angst davor, darüber nachzudenken.

Nicki tat ihr Bestes, um die Blessuren zu überschminken und versuchte sie zu ignorieren, so gut es ging. Norbert erzählte sie natürlich kein Wort davon. Niemand durfte davon erfahren. Jeder würde sie für verrückt erklären. Dass Norbert davon geredet hatte, sie zum Psychologen zu schicken, versetzte Nicki regelrecht in Panik. Niemals würde sie einer Menschenseele davon erzählen, was für Qualen sie Nacht für Nacht durchlitt. Abgesehen von allem anderen war es ihr unsagbar peinlich.

Sie wollte nicht verrückt werden, sondern einfach bloß normal sein. Sie konnte sich zwar nie an den genauen Inhalt der schrecklichen Träume erinnern, aber es blieben ihr immer eine Vielzahl von Eindrücken und einige verschwommene Bilder, sowie lange nachwirkende Empfindungen zurück. Herzrasen, Angstzustände und unkontrolliertes Zittern am ganzen Körper waren die unmittelbaren Auswirkungen. Aber da war noch mehr Unverständliches und zumeist Widerwärtiges.

Zunächst einmal war sie sich ziemlich sicher, dass sie sämtliche Träume aus der Sicht des gleichen Mannes durchlebte. Außerdem passierten schreckliche Dinge. Es schien sich ausschließlich um Mord und Totschlag zu handeln. Sie konnte sich an den Geschmack und den Geruch von Blut erinnern. In ihren Ohren gellte das Echo von Schreien, manchmal den ganzen Tag lang. Die Erinnerung an gewisse Gerüche erzeugte langanhaltende Übelkeit und ein überwältigendes Ekelgefühl. An manchen Tagen, wenn es besonders schlimm war, hatte Nicki Mühe, ihren Alltag zu bewältigen. Sowieso schon angeschlagen, war sie immer häufiger unfähig, etwas zu essen. Sie konnte sich kaum noch auf die Arbeit in der Boutique konzentrieren. Christa, ihre Kollegin und Chefin, hatte schon mehrfach nachgefragt, was mit ihr nicht in Ordnung sei.

Mehr noch, Christa war seit Neuestem unzufrieden mit ihr und hatte gerade vorgestern erklärt, dass sie sich wohl oder übel nach einer anderen Mitarbeiterin würde umschauen müssen, wenn sie weiterhin so unzuverlässig bleiben sollte. Es war furchtbar. Der nächste Albtraum. Real und greifbar, aber fast genauso unabwendbar wie die anderen, die schuld daran waren, dass sie nicht mehr funktionierte.

Sogar Alltäglichkeiten wie die Zubereitung und der Verzehr von Essen waren ihr zur Qual geworden. Sie hatte in letzter Zeit deutlich abgenommen, was sie normalerweise gefreut hätte. Sie war endlich so schlank, wie sie es sich immer vorgestellt hatte. Aber zusammen mit den Folgen des andauernden Schlafmangels und der nervlichen Anspannung sah sie einfach nur krank aus und fühlte sich auch so.

Das Schlimmste überhaupt war jedoch, dass sie langsam nicht mehr wusste, wie sie alles verheimlichen sollte. Es sollte doch niemand merken, was mit ihr los war. Es passte nicht zu dem Bild, das sie selber und auch alle anderen von ihr hatten. Sie war doch eigentlich die muntere, dynamische Nicki Schmitt. Frau des Filialleiters der örtlichen Sparkassenniederlassung, allseits beliebtes Mitglied im Tennisverein, gelegentliche Golfspielerin, Organisatorin durchaus gefragter Parties, ein Gewinn für das gesellschaftliche Leben und sowohl Zierde als auch Stütze ihres Mannes bei seiner anspruchsvollen Tätigkeit. Darauf war sie immer stolz gewesen. Sie durfte nicht verrückt werden. Auf gar keinen Fall. Sie wollte nicht. Das konnte sie Norbert nicht antun, was würden die Leute sagen…

Attyl stand, wie geplant, kurz vor Sonnenaufgang auf. Zu seinem großen Verdruss immer noch mit dem schon allzu vertrauten unguten Gefühl unter der Haut. Es hatte ihm den Spaß an dem Feldzug weitgehend verdorben. Dabei war diese Unternehmung eigentlich genau nach seinem Geschmack gewesen, abgesehen von den unzähligen Idioten, die sich einbildeten, Kämpfer zu sein.

Er baute zügig sein Zelt ab, packte seine Sachen zusammen, versorgte seine Pferde und genehmigte sich selbst ein kurzes Frühstück, bevor er sich zum Zelt des ach so großartigen Feldherren aufmachte, um seinen Sold in aller Ruhe und ohne Publikum abzuholen.

Attyl hatte vor, loszureiten, sobald es hell wurde und bevor diese Idiotenmeute munter wurde. Es war vergangene Nacht wieder eisig kalt gewesen, nur knapp über der Frostgrenze. Auf seinem Weg durchs Lager entdeckte er einige seiner „Kollegen“, die dank Suff und Kälte keinerlei Sold mehr beanspruchen würden. Sehr praktisch für die „Chefs“, fand Attyl, … und geschickt eingefädelt.

Rein zufällig war gestern Abend der sonst so sorgfältig eingeteilte Alkohol in Strömen geflossen. Die Verluste waren dementsprechend erfreulich hoch. Jetzt, da der „Krieg“ gewonnen war, bedeutete jeder tote Söldner einen Gewinn.

Als Attyl lautlos, wie es seine Art war, in das herzögliche Zelt trat, schlief der Bruder des Herzogs von Nüamberg, der diesen Feldzug geleitet hatte, natürlich noch tief und fest, genauso wie alle anderen im Lager.

Er war ein eingebildeter Fatzke, der kleine Bruder von Herzog Karoll. Das warnende Prickeln unter der Haut verstärkte sich, während Attyl angewidert auf den jungen Mann herabstarrte. Er verabscheute derartige Typen. Dieser hier war falsch, durchtrieben und feige noch dazu. Nicht ein einziges Mal hatte er sich an den Kämpfen beteiligt, sondern immer in sicherer Entfernung gehalten. Aber großkotzig in schicker Aufmachung auf `nem teuren Gaul hocken und Befehle erteilen, das konnte er, obwohl er noch keine fünfundzwanzig Jahre alt war. Der konnte von Glück reden, dass er der Geldgeber für Leute wie ihn war.

Nichts desto trotz juckte es Attyl mächtig in den Fingern, Julio einfach die Kehle durchzuschneiden, anstatt ihn zu wecken und seinen Lohn einzufordern. Aber er beherrschte sich widerwillig. Schließlich lebte er von dieser Sorte Angeber und das nicht schlecht. Da wollte er sich seinen guten Ruf nicht versauen. Solche Leute hatten öfter mal Verwendung für qualifizierte Halsabschneider.

Also legte er Julio lediglich die Hand auf den Mund, bevor er ihn wachrüttelte. Er hatte nicht vor, das ganze Lager aufzuwecken, was aber sicherlich geschehen würde, wenn er seinen Geldgeber nicht daran hinderte zu schreien. Sie versuchten immer zu schreien. Ohne Ausnahme. Wenn er jemanden aus dem Schlaf riss, war das für den Betreffenden extrem unschön. Für Attyl war es jedes Mal ein netter Spaß, mitzuverfolgen, wie Erschrecken, Erkennen und die unweigerlich folgende Todesangst über die Gesichter dieser Ahnungslosen huschten. Dabei fürchteten sie sich völlig grundlos. Was für Idioten. Als ob er jemals einen seiner Kunden zum Sterben aufgeweckt hätte. Auch für Julio war es ein schreckliches Erwachen nach der unbeschwert durchfeierten Nacht. Er starrte fassungslos in das finstere Gesicht unmittelbar über ihm. Es gehörte dem besten Söldner, mit dem er es jemals zu tun gehabt hatte. Der Mann war ihm die ganze Zeit über nicht geheuer gewesen. Genaugenommen jagte er ihm eine Heidenangst ein. Er war beängstigend gut im Töten und bewegte sich trotz seiner unglaublichen Größe so schnell und lautlos, dass er wie ein Geist wirkte.

„Jetzt bin ich dran mit Sterben“, schoss es Julio durch den Kopf, obwohl ihm kein vernünftiger Grund dafür einfiel.

„Ich will meinen Sold. Jetzt gleich. Ich will weiterziehen!“, knurrte der Mörder und Julio wurde schwindelig vor Erleichterung. Er brachte ein kurzes Nicken zustande und der Mann nahm die Hand von seinem Mund, um dann einen Schritt zurückzutreten, damit Julio aufstehen konnte.

Hastig überprüfte Julio seine Unterlagen und zahlte die unverschämt hohe Summe aus, die dort vermerkt war, so schnell es seine zittrigen Finger erlaubten. Dann fasste er sich gerade noch rechtzeitig ein Herz und hielt den Mann auf.

„Ich hab gehört, du übernimmst auch Spezialaufträge… äh, … oder… ja, ich hätte was zu tun für dich… hier, hier hast du einen Vorschuss… ähm… komm in genau 14 Tagen zum Richtbaum, du weißt schon, beim westlichen Stadttor…“

Attyl hatte das Geld und somit den Auftrag wortlos angenommen. Dem Gewicht nach war es eine ordentliche Summe. Als Antwort auf seine mutig gestotterte Rede hatte er Julio nur ein spöttisches Lächeln geschenkt, bevor er sich endlich davonmachte. Julio starrte ihm mit gemischten Gefühlen hinterher, oder, besser gesagt, versuchte es. Nach ein paar Schritten schien der graue Morgendunst die riesige Gestalt des Mörders verschluckt zu haben. Einerseits hoffte Julio, ihm nie wieder begegnen zu müssen, andererseits brauchte er diesen Mann noch. Er hatte große Pläne mit ihm, selbst wenn es ihn vor dem Riesen noch so grauste.

Attyl schlenderte durchs Lager, das im Morgennebel zugleich friedlich und trostlos wirkte. Zufrieden sattelte er sein Pferd und verstaute die Ausrüstung auf dem Handpferd. Endlich kam er hier weg! Zwar arbeitete er regelmäßig als Söldner, aber er brauchte jeweils nur zwei, drei Tage in Gesellschaft solcher Idiotenhaufen, bis ihm seine „Kollegen“ derart auf den Geist gingen, dass er sich beherrschen musste, damit er sie nicht versehentlich wegen Nichtigkeiten wie einem blöden Grinsen abstach.

Während Attyl durch die Ausläufer des Lagers ritt, machte er sich Gedanken über das Angebot des jungen Herzogs. Dieser schmierige Typ! Hübscher, verzogener Bengel, eingebildet und verschlagen. Höchstwahrscheinlich Mamis Liebling, aber wenigstens nicht besonders schlau.

Eigentlich waren ihm solche Alleingänge lieber, als mit einer Horde versoffener Volltrottel in den Krieg zu ziehen. Auf derartige Leute konnte man sich nie verlassen. Im Gegenteil. Sie waren fast gefährlicher für Leib und Leben als der eigentliche Feind.

Spezialaufträge waren allerdings auch nicht ohne. Aber auf sich selber konnte er wenigstens zählen.

Höchstwahrscheinlich will der junge Herr in allernächster Zeit selber Herzog werden, als ob das etwas Erstrebenswertes wäre. Jeder mit ausreichend Macht und Geld konnte sich zum Herzog oder sogar König machen. Es war nur ein Wort vor dem Namen. Wenn seine Leute zuhause mehr Wert auf so was legen würden, wäre er nicht Attyl Schmiedsohn, sondern Prinz Attyl oder so was in der Art. Seine Familie herrschte über ihr Dorf, und wenn sie das überhaupt wollen würden, könnten sie sich nennen, wie immer es ihnen gefiel. Ihm war´s eigentlich egal, wer Herzog von Nüamberg oder sonst wo war. Hauptsache, Julio zahlte anständig. Selbstverständlich würde er diesem Lümmel zu seinem Glück verhelfen und diesmal besonders auf der Hut sein. Das warnende Jucken unter seiner Haut war definitiv eindringlicher geworden, seit er den Auftrag angenommen hatte. Aber das hatte Zeit. Ganze zwei Wochen. Attyl hatte sich dazu entschlossen, nach Nüamberg zu reiten, um sich dort etwas Luxus zu gönnen und von diesem nervtötend langen „Krieg“ und besonders der Gesellschaft seiner Kollegen zu erholen. Mit etwas Glück schaffte er es vielleicht, sich lange genug zu beherrschen, um die gesamten zwei Wochen dort zu verbringen, ohne unangenehm aufzufallen und sich verkrümeln zu müssen.

Er ritt den ganzen Tag über, bis er gegen Abend an einem Wirtshaus vorbeikam. Es machte einen durchaus einladenden Eindruck, besonders wenn man die letzten Wochen im Schlamm gezeltet hatte. Attyl beschloss, dass es für diesen Tag genug war und freute sich auf ein echtes, trockenes Bett und ein hoffentlich gutes Essen.

Als Nicki viel zu spät wieder aufwachte, war Norbert längst zur Arbeit gegangen. Er war morgens grundsätzlich der Erste in der Bank und abends der Letzte, der nach Hause ging. Obwohl sie immer noch müde und zerschlagen war, fühlte sie sich zumindest besser als vor ein paar Stunden. Die schrecklichen Erlebnisse der vergangenen Nacht waren nun verblasst und sie hatte den vagen Eindruck, dass nichts Schlimmes mehr passiert war. Kaum hatte sie das zu Ende gedacht, schrak Nicki zusammen. Jetzt benahm sie sich schon so, als wäre das alles real. Diese unangenehme Beobachtung raubte ihr das kleine bisschen Zuversicht, das sie eben noch gehabt hatte. Dennoch raffte sie sich auf. Sie nahm sich fest vor, den Tag zu meistern und sich von den Träumen nicht schon wieder aus der Bahn werfen zu lassen. Sie hatte eigentlich mehr als genug zu tun. Für morgen Abend hatten sie und Norbert eine stilvolle Grillparty geplant. Es waren ausschließlich Leute eingeladen, die für Norberts Bank von Bedeutung waren. Dementsprechend eindrucksvoll musste alles werden.

Nachdem sie sich dazu gezwungen hatte zu frühstücken, begann sie, sich eine Liste der Dinge zu machen, die noch zu erledigen waren, damit der Abend so perfekt wurde, wie es ihr vorschwebte. Norbert sollte mit ihr zufrieden sein. Sie würde ihm beweisen, dass sie nicht verrückt war. Sie brauchte keinen Psychologen. Sie würde ihre Arbeit gut machen!

Zunächst machte sie sich Gedanken über die Tischdekoration, dann über die Speisefolge. Es sollte ein exquisites Barbecue geben. Sie hatte einen Koch, eine Küchenhilfe und zwei Kellner engagiert. Für die musikalische Untermalung würde eine Querflötistin sorgen. Sie durfte nicht vergessen, zu überprüfen, ob sie sich bei der Anzahl der Gedecke nicht verzählt hatte und genug Geschirr samt Besteck eingeplant war. Jetzt musste sie nur noch mit dem Zauberkünstler telefonieren, dann den Partyservice über den Ablauf des Abends informieren und anschließend war es Zeit, dass sie zum Frisör kam. Nicki hatte zu ihrem Leidwesen lockige Haare, die sie meist mit dem Glätteisen bändigte. Die geglätteten Haare, streng stufig geschnitten, gaben ihr ein ernsteres, seriöseres und, vor allem, erwachseneres Aussehen. Sie wäre im Gegensatz zu den meisten Frauen froh gewesen, wenn man ihr das wirkliche Alter angesehen hätte. Aber die Leute verschätzten sich um gute zehn, fünfzehn Jahre und nahmen sie deshalb oft genug nicht ernst.

Den Nachmittag verbrachte sie wie üblich in der Boutique. Sie hatte sich bisher den ganzen Tag gut gefühlt und war stolz auf sich, dass sie trotz des schlechten Starts so gut zurechtgekommen war. Nicki war lediglich ein paar Mal kurz schwindelig geworden, und sie hatte sich eingebildet, dass die Luft um sie herum zu flimmern begann. Das war wieder etwas Neues, aber sie führte es auf den dauerhaften Schlafmangel zurück und kümmerte sich nicht weiter darum. Sie freute sich auf Norbert. Er würde zufrieden mit ihr sein, wenn er erfuhr, dass sie alles vorbereitet hatte. Er würde schon sehen, dass sie nicht verrückt war.

Willem schaute automatisch auf, als sich die Tür seiner Wirtsstube öffnete, und stutzte. In der Öffnung stand ein wahrer Riese, in einen schweren Reisemantel eingehüllt, so dass nicht viel mehr als ein dunkler Umriss zu erkennen war. Von einem Schwall kalter Nachtluft begleitet trat der Mann ein und schloss die Tür hinter sich. Verwundert beobachtete Willem, dass der Fremde den Kopf einziehen musste, um nicht oben am Türsturz anzustoßen. Dabei war es eine große und hohe Tür. Seines Wissens hatte sich noch nie jemand bücken müssen, um in sein Gasthaus zu gelangen.

Als sich der Neuankömmling wieder umdrehte und die Kapuze zurückschlug, wurde es still in der Gaststube. Willem musste schlucken, und eine Gänsehaut kroch ihm den Rücken hinauf. Der Riese dort an der Tür hatte einen kahlgeschorenen Schädel, der statt mit Haaren komplett mit Tätowierungen überzogen war. Als sei das nicht genug, zog sich eine lange gezackte Narbe quer über sein Gesicht. Der Ausdruck auf diesem Gesicht war leider noch unangenehmer als die Narbe. Überheblich und böse…

„Das ist kein einfacher Reisender!“, dachte Willem und bekam weiche Knie. Der Fremde indes tat nichts Besonderes, abgesehen davon, dass er das kollektive Entsetzen der Anwesenden mit einem hämischen Lächeln kommentierte. Er ging zielstrebig zu einem Tisch in der hinteren Ecke und setzte sich, natürlich mit dem Rücken zur Wand. Willem kannte das. Er war schon lange Wirt und wusste um die Vorlieben bestimmter Typen von Gästen. Er machte sich eilends auf den Weg, um sich bei seinem neuen Gast nach dessen Wünschen zu erkundigen. Er war sehr froh darüber, dass dieser Mann offenbar kein Räuber, sondern lediglich ein neuer Gast zu sein schien und ein zahlungskräftiger noch dazu. Er legte ganz unaufgefordert ein großes Kupferstück vor sich auf den Tisch. Es war sogar ein richtig rundes, geschlagenes. Die Prägung zeigte einen Amboß. Es war eine Münze aus Schmiedschleuß, wenn sie echt war. Willem setzte sich zu seinem neuen Gast an den Tisch, um sich nach dessen Wünschen zu erkundigen.

„Ich hätte gern ein Zimmer mit einem richtigen, guten Bett und natürlich meinem Gepäck vollständig darin. Jemand soll sich um meine Pferde kümmern und mir bringst du etwas Anständiges zu Essen und einen Krug Bier“, erklärte der Fremde, während er kurz aufstand, um den schweren Mantel auszuziehen.

Der muss ein Vermögen wert sein, gut gearbeitet und ganz aus schwarzem Leder, dachte Willem noch, dann überkam ihn neuerliches Entsetzen, als er gewahr wurde, was der Riese darunter trug. Messer, haufenweise, und ein ziemlich großes Schwert auf dem Rücken. Außerdem war der Kerl beängstigend muskulös und scheinbar nicht nur am Schädel, sondern am ganzen Körper tätowiert. Willems Furcht wuchs weiter, obwohl sein Gegenüber ihm überhaupt nichts getan hatte. Er hatte sich lediglich wieder gesetzt und schaute ihn an. Direkt in die Augen. Willem wandte schnell den Blick ab. Das böse Glitzern dieser Augen war nicht zu ertragen. Hätte er sich getraut, hätte er das Abwehrzeichen gegen den bösen Blick gemacht. So schaute er nur auf seine Hände herab, bevor ihm siedend heiß einfiel, dass der Mann seine Wünsche bereits geäußert hatte und er längst wieder gehen konnte. Endlich wieder hinter dem Tresen, versuchte er sich darüber klar zu werden, wie er sich verhalten sollte. Das war ein Profi, ein richtiger! Keiner von den üblichen Söldnern, die sich im Auftrag reicher Leute für regelmäßiges Essen und ein paar erbärmliche Münzen gegenseitig umbrachten. Sein neuer Gast war einer der seltenen, berufsmäßigen Mörder.

Wie die meisten Menschen hatte er bisher nur von solchen Leuten gehört, auch wenn er sich seiner Vermutungen hinsichtlich des Riesen todsicher war. Schweren Herzens machte er sich wieder an die Arbeit und erfüllte die Wünsche des gruseligen Fremden. Der erwies sich als unerwartet friedlich. Ganz entgegen aller Befürchtungen betrank sich dieses Monstrum nicht mal, kümmerte sich kaum um die anderen Gäste, sondern verließ, unmittelbar nach dem Essen, den Schankraum.

Im Vorbeigehen bemerkte Attyl den besorgten Blick des Wirts. Der hatte Angst. Sie hatten alle Angst vor ihm. Wenn er so gut gelaunt war wie gerade eben, amüsierte ihn das, aber oft genug ging es ihm unglaublich auf den Geist. Heute war ihm nach Lachen. Er hatte gut gegessen, war froh, weit weg von dem Idiotenhaufen von Soldaten zu sein und freute sich auf das luxuriöse, echte Bett. Er sah, wie der Wirt zusammenzuckte und musste erst recht lachen, weil der dämliche Kerl sich grundlos fürchtete. Er hatte nur vor, hier in Ruhe zu übernachten. Endlich ein richtiges Bett, wenn auch sicherlich zu kurz für ihn, wie gewohnt.

In den frühen Morgenstunden wachte Attyl von einem leisen Kratzen auf. Es machte sich tatsächlich jemand an seinem Fenster zu schaffen. Sehr leise und umsichtig. Normale Menschen hätten es nicht gehört. Da draußen auf dem Dach schickte sich jemand an, bei ihm einzubrechen. Diese Kneipe war wirklich weiterzuempfehlen. Höchst amüsant! Attyl nahm eines seiner Messer zur Hand, glitt lautlos neben das Fenster und wartete auf seinen Besuch. Kaum hatte der Möchtegern - Dieb den Kopf zum Fenster reingesteckt, packte er ihn an der Kehle und zog ihn zu sich. Der Mann starrte ihn panisch an. Er starb vollkommen lautlos und war leider nicht dazu in der Lage, seinen Kumpel, der ihm nachfolgte, zu warnen. Der konnte gerade noch einen entsetzten Blick auf dessen blutüberströmte Leiche werfen, bevor er seinerseits die Klinge am Hals spürte. Attyl warf die beiden aus dem Fenster, durch das sie gekommen waren.

„Pech gehabt, Jungs, da hat euch wer `nen falschen Tipp gegeben!“, brummte er schläfrig, schloss das Fenster, wischte sich das Blut ab und säuberte noch das Messer an den Vorhängen, bevor er sich wieder hinlegte.

Als Willem am nächsten Morgen verschlafen in seinen Schankraum kam, um aufzusperren, war der gruselige Riese bereits da. Er saß auf demselben Platz wie am Abend zuvor, sein Gepäck neben sich am Fußboden. Willem war nicht wohl bei dem Anblick. Der Riese erzeugte bei ihm schon wieder eine Gänsehaut und er tröstete sich mit dem Gedanken, dass der ja schon fast weg war. Er versuchte den Mann zu ignorieren, so gut es ging, schloss die Haustür auf, trat in den strahlend schönen Morgen hinaus und atmete erst einmal tief durch. Was er draußen gleich als Erstes zu sehen bekam, verdarb ihm jedoch die Stimmung noch gründlicher als der Fremde in seiner Gaststube. Mitten im Hof, direkt vor der Tür lagen zwei von der Morgensonne beschienene Leichen mit durchgeschnittenen Kehlen in einer ansehnlichen Blutlache. Die Lache war schon fast getrocknet und wirkte nahezu schwarz.

„Wenn mich nicht alles täuscht, macht einer deiner Stallburschen gemeinsame Sache mit Dieben und Einbrechern. Oder besser gesagt machte!“ Willem tat vor Schreck einen Satz und fuhr herum. Unmittelbar hinter ihm stand der Fremde und lächelte ihn freundlich an. Willem hatte noch nie ein derart furchteinflößendes Lächeln gesehen und trotz der warmen Morgensonne fröstelte es ihn unwillkürlich. Er hatte den Mann nicht kommen hören. Trotzdem stand er da, keinen halben Meter von ihm entfernt, groß, massiv und düster. Seine unheimlichen Tätowierungen wirkten im Sonnenlicht seltsam lebendig. Fast so, als ob sie sich bewegten. Schnell schaute er wieder weg.

„Diese zwei Herren haben mir vergangene Nacht einen Besuch abstatten wollen. Dummerweise hatten sie einen kleinen Unfall, aber ansonsten hab`ich wirklich hervorragend bei dir geschlafen. Mach`mir Frühstück. Danach bist du mich wieder los und kannst aufhören, dich zu fürchten.“

Willem riss sich vom Anblick der unnatürlich verkrümmten Toten los. So wie sie dalagen, hätte der Sturz allein auch ausgereicht, um sie zu töten. Wie von selbst wanderte sein Blick zu den zahlreichen Messern, die der Fremde trug. Resigniert wandte er sich zum Gehen. Frühstück machen. Er wusste, dass der Fremde ihm folgte, obwohl er dessen Schritte nicht hören konnte. Attyl genoss es, den Wirt noch ein bisschen zu triezen. Er verspeiste bestens gelaunt das großzügige Frühstück und spendierte dem Angsthasen noch zwei weitere Kupfermünzen, bevor er sich wieder auf den Weg machte. So gut gelaunt war er schon lange nicht mehr gewesen. Allerdings, er würde noch den ganzen Tag brauchen, um nach Nüamberg zu gelangen, selbst wenn er durchritt.

Es war Samstagmittag. Alles war vorbereitet. Sie hatte es geschafft, allen Schwierigkeiten zum Trotz. Norbert würde in ungefähr zwei Stunden heimkommen. Er hatte vorhin angerufen, dass er noch eine wichtige Besprechung in der Bank habe. Das Wetter war herrlich, sie hatten wirklich Glück. Im Juni konnte es genauso gut regnerisch und kalt sein. Dann wäre die Party ins sprichwörtliche Wasser gefallen. Aber es war sonnig und warm wie im Hochsommer. Nicki machte es sich in einem Liegestuhl bequem und genoss die Sonne. Sie fühlte sich richtiggehend beschwingt. Sie hatte alles Notwendige erledigt und eine Pause redlich verdient, fand sie. Zur Feier des Tages verwöhnte sie sich mit einem Prosecco. Normalerweise trank sie kaum etwas und schon gar nicht am helllichten Nachmittag. Aber heute machte sie eine Ausnahme. Sie schloss entspannt die Augen und bald döste sie vor sich hin. Ein paar Häuser weiter brummte ein Rasenmäher. Von Zeit zu Zeit wehten ein paar Takte Musik zu ihr herüber.

Nicki riss die Augen auf, fuhr hoch und warf dabei den Liegestuhl um. Gerade eben hatte sie zwei Männern die Kehlen durchgeschnitten und sie dann aus dem Fenster geworfen. Ihre gute Laune war schlagartig dahin. Ebenso die Vorfreude auf den Abend. Die Zuversicht, ihre Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen, hatte sich gemeinsam mit ihrer guten Laune verflüchtigt. Stattdessen machte sich die schon allzu vertraute Panik wieder in ihrem Inneren breit. Sie musste sich unbedingt waschen. Sie konnte das Blut ihrer Opfer überdeutlich auf der Haut fühlen. Nicki flüchtete aus dem Garten, duschte lange und schrubbte sich ausgiebig.

Aber das ekelige Gefühl blieb, genau wie die Angst und die leichte Übelkeit. Zusätzlich hatte sie jetzt auch noch gerötete Hände. Die Haut war wund vom vielen Schrubben und brannte dementsprechend. Es wirkte wie ein Ausschlag. Als ob sie Neurodermitis hätte. Da hörte sie

die Haustür. Norbert war zurück! Ausgerechnet jetzt! Es wurde höchste Zeit, dass sie sich umzog und zurechtmachte. Mit etwas Glück konnte sie sogar die gerötete Haut ihrer Hände überschminken, aber nur ganz leicht, damit es nicht abfärbte. Wenn sie sich deshalb auch noch ihr neues Kleid ruinierte, würde sie wahrscheinlich losheulen.

Es war ein wunderschönes zartroséfarbenes Jerseykleid, praktischerweise mit langen Ärmeln, die einige der blauen Flecken und Schrammen verdeckten. Außerdem lenkten sowohl der tiefe Ausschnitt als auch die elegant drapierten Falten davon ab, wie dünn sie inzwischen war.

Obwohl das Kleid in Größe 36 war, hatte sie es enger machen müssen. Jetzt passte es allerdings wie angegossen und ließ sie wirklich gut aussehen. Trotzdem hätte Nicki sich am liebsten im Schlafzimmer eingesperrt, aber das konnte sie Norbert nicht antun. Also blieb ihr nichts Anderes übrig, als sich zusammenzureißen und so zu tun, als ob nichts wäre. Sie konnte das! Sie würde das schaffen! Das war ihr größtes Talent. Lächeln, eine gute Figur machen und nicht zeigen, wie es wirklich in ihr drin aussah.

Es gelang ihr auch an diesem Abend erfolgreich. Weder Norbert noch die Gäste merkten das Geringste davon, wie elend sie sich tatsächlich fühlte. Alles funktionierte reibungslos. Das Essen, der Koch und die Bedienungen waren erstklassig, und Nicki erntete viel Lob für ihr Organisationstalent. Es half ihr, den Abend doch noch halbwegs angenehm zu finden, auch wenn sie sich ein paar Drinks mehr genehmigte, als es ihre Art war.

Dennoch war sie erleichtert, als der Zauberkünstler, dessen Vorführung als Abschluss des Abends gedacht war, endlich anfing. Auch hierbei hatte sie die richtige Wahl getroffen. Es war eine, im wahrsten Sinne des Wortes, zauberhafte Show. Vor allem, weil es inzwischen ziemlich dunkel war und der Künstler mit reichlich Feuer- und Lichteffekten arbeitete. Als Höhepunkt und Ende der Vorführung wurde eine „Verschwindenummer“ angekündigt. Natürlich hatte der Zauberer die Gastgeberin als „Assistentin“ auserkoren.

Nicki stöhnte innerlich gequält auf, als sie das hörte. Ganz kurz dachte sie daran, wie schön es wäre, tatsächlich zu verschwinden. Einfach so und all das hinter sich zu lassen. Endlich ihre Ruhe zu haben, anstatt hier noch stundenlang Smalltalk machen zu müssen… aber, keine Chance. Auch wenn ihr überhaupt nicht danach war, lächelte Nicki wie gewohnt, trat auf die improvisierte Bühne und winkte ihren Gästen, sowie Norbert, fröhlich zu, bevor sie in die Kiste stieg. Der Zauberkünstler klappte den Deckel zu und es wurde stockdunkel. Es war stickig hier drin und roch eigentümlich, fast schon ekelhaft. Nicki wurde urplötzlich schwindelig. In ihren Ohren rauschte es. Sie bildete sich ein, dass die Finsternis um sie zu flimmern begann und sich der Boden unter ihr auftat. „Ich werde ohnmächtig, ausgerechnet jetzt, wie peinlich!“, dachte sie noch, bevor ihr die Sinne schwanden.

Es war schon dunkel, als Attyl durch das ausgedehnte Ruinenfeld auf das Tor der Stadt zuritt. Es dauerte mehr als eine Stunde, um zu Pferd die Ruinen zu durchqueren. Die Stadt musste früher einmal, als es noch mehr Menschen gegeben hatte, weitaus größer gewesen sein. Und das, obwohl Nüamberg heutzutage im Umkreis von mindestens zehn Tagesreisen die mit Abstand größte Siedlung war. Für eine derart große und wohlhabende Stadt war die Mauer geradezu lächerlich, fand Attyl. Eigentlich fast nicht vorhanden. Er mutmaßte, dass die lieblos aufgeschichtete Barriere aus losem Schutt hauptsächlich dazu diente, Besucher und Händler zu zwingen, die Tore zu benutzen und den Wegzoll zu bezahlen. Genau wie beim letzten Mal, als er Nüamberg besucht hatte, musste er sich das Lachen verkneifen, als ihm die Torwache wichtigtuerisch den Weg verstellte, um ihn abzukassieren. Weder „Mauer“ noch Wächter, nicht mal im Dutzend, hätten ihn im Ernstfall aufhalten können.

Das letzte Mal war er vor ungefähr einem Jahr längere Zeit, also vier Tage, hier gewesen. Der Herzog war erfreulich liberal. Dementsprechend locker war die Atmosphäre auch. Attyl hatte sich bei seinem letzten Besuch gut amüsiert, jedenfalls so lange, bis ihm die vielen Leute auf die Nerven gegangen waren. Mehr als zwei, drei Tage am Stück konnte er Gesellschaft, besonders in solchen Massen, nur schwer ertragen. Die ständige Anwesenheit von Menschen reizte ihn wortwörtlich bis aufs Blut. Das der anderen selbstverständlich. Der Wächter musterte ihn zwar misstrauisch, so wie es alle taten, ließ ihn aber problemlos passieren. Hier wurde fast jeder eingelassen, der den Torzoll zahlte. Solange man keinen wirklichen Ärger machte, kümmerte es die Obrigkeit nicht, wer man war, was man tat oder an welche Götter man glaubte.

Das Angebot an Waren und Dienstleistungen war entsprechend vielfältig. In Nüamberg konnte man nahezu alles kaufen, vorausgesetzt man war ausreichend vermögend. Handel und Handwerk florierten. Es gab reichlich Gasthäuser und Kneipen aller Art. Das Nachtleben war überaus reichhaltig und einer der Hauptgründe, warum Attyl, genau wie die Mehrzahl der Besucher, hergekommen war. Attyl hatte viele sogenannte Städte kennen gelernt. Ein paar waren wie diese, meistens aber erheblich kleiner. Es gab auch ganz andere: Einige „Stadtstaaten“ wurden von religiösen Fanatikern beherrscht. Neurom war ein Paradebeispiel dafür. Üblicherweise hatte dort die Bevölkerung unter der Humorlosigkeit ihrer Führer zu leiden. Obwohl, sogar in so freudlosen Gesellschaften konnte man seinen Spaß haben: viele Verbote, die darauf warteten, übertreten zu werden, viele verklemmte Respektspersonen, die man verärgern oder zum Wohle der Bevölkerung um die Ecke bringen konnte. Allerdings durfte man nicht zu leichtsinnig werden und sich erwischen lassen. Sonst fand man sich schneller in irgendeinem Folterkeller wieder, als einem lieb war.

Attyl quartierte sich in einem Gasthaus ein, das ihm von seinem letzten Aufenthalt in guter Erinnerung geblieben war. Es war angenehm heruntergekommen, in zweifelhafter Umgebung und hübsch düster. Niemand stellte Fragen oder zweifelte seinen Status an. Hier konnte er sicher sein, dass seine Pferde bestmöglich versorgt waren und er nicht beklaut wurde. Der Wirt würde schlichtweg alles tun, um ihm jeden Wunsch zu erfüllen, da er genau wusste, zu welcher Sorte Gast er gehörte.

Jetzt musste er es nur noch schaffen, das nach wie vor stärker werdende, warnende Kribbeln unter der Haut zu ignorieren, oder, noch besser, er besoff sich einfach, bis es ihn nicht mehr störte.

Er hatte gerade noch zwei Tage Zeit, sich zu amüsieren, dann war Vollmond und seine Geister würden ihren Tribut fordern. Einmal im Monat, nämlich zu Vollmond, musste er sie mit Blut füttern, egal ob mit fremdem oder seinem eigenen. Wenn möglich, bediente er sich natürlich am Blut anderer, egal ob von Menschen oder dem von Tieren. Solange er „bei der Arbeit“ war, hatte er in dieser Hinsicht kaum Probleme. Es erledigte sich praktisch von selbst. In der Wildnis herrschte meist auch kein Mangel an unfreiwilligen Spendern. Irgendein Hirsch oder etwas ähnlich Großes ließ sich fast immer rechtzeitig finden.

Jetzt aber, hier in der Stadt, musste er sich vorsehen. Es ließ sich nicht ohne weiteres ein Rind oder gar ein Mensch um die Ecke bringen und schon gar nicht ungestört ausbluten. Daher würde er diesmal wohl selber bluten müssen, auch wenn er dann, seiner Fähigkeiten weitgehend beraubt, an die zwei Tage nur wie ein normaler Mann war, noch dazu vom Blutverlust geschwächt.

Vorerst kümmerte ihn das aber noch nicht. Es war für ihn schon lange nichts Besonderes mehr. Auf die Warnungen seiner Geister wollte er derzeit auch nicht hören. Sie quälten ihn schon zu lange mit ihrem nervtötenden Gekribbel. Er wollte sich ein bisschen Luxus und Spaß gönnen, jedenfalls solange er es hier aushielt, ohne jemanden umbringen zu müssen. Als erstes steuerte er das benachbarte Badehaus an. Gelobt sei das Nüamberger Vergnügungsviertel. So etwas gab es beileibe nicht überall. Ein seltenes Vergnügen und dementsprechend gefragt. Es ging natürlich nicht nur ums Baden, oder gar ums Waschen, sondern um das Drumherum, zum Beispiel um Sex.

Sie verfügten bei ihm zuhause durchaus über den Vorzug einer anständigen Badewanne, in der sogar er trotz seiner Größe ausreichend Platz fand. Aber Attyl konnte sich nicht vorstellen, dass ihm dort jemand, den er kannte, den Rücken schrubben oder gar massieren würde, von allem anderen ganz zu schweigen. Es sei denn, er zwang irgendwen mit dem Messer an der Kehle. Aber hier… lauter mehr oder weniger appetitliche Mädels, die für Geld so ziemlich alles taten. In diesem speziellen Badehaus gab es außerdem einen verblüffend guten Koch, dessen Kunst einem den Aufenthalt unter diesem Dach zusätzlich versüßte. Abgesehen davon konnte man selbstverständlich alle Sorten alkoholischer Getränke und sonstiger Rauschmittel in gewünschter Menge bekommen.

Attyl gönnte sich das volle Programm, egal wie penetrant seine Haut kribbelte, und genoss seinen Aufenthalt ungemein. Dampfbad, Massage, Weiber, Alkohol, Hanf… nur vom Opium ließ er grundsätzlich die Finger. Er hatte genug von denen gesehen, die sich davon beherrschen ließen. Hier hingen selbstverständlich auch welche herum.

Erst nachdem das Badehaus zugemacht hatte, trollte er sich in Richtung seiner Unterkunft. Obwohl er sich nach Strich und Faden hatte vollaufen lassen, spürte er das nervtötende Jucken seiner Schutzgeister deutlicher denn je. Wäre er weniger betrunken gewesen, hätte er vielleicht darauf reagiert. Andererseits hing es ihm wirklich zum Hals raus. Es nervte ihn seit Wochen.

Ein paar Häuser weiter entdeckte er eine Spelunke der übelsten Sorte, die noch geöffnet hatte. Sie lachte ihn geradezu an, und Attyl ging natürlich hin, obwohl er schon mehr torkelte als lief. Er war längst nicht mehr in der Lage zu begreifen, dass er nicht einfach besoffen war, sondern dass da jemand nachgeholfen hatte und die Geister unter seiner Haut aus gutem Grund in Aufruhr waren. So kurz vor Vollmond neigte er dazu, leichtsinnig zu werden. Seine Geister waren dann geschwächt und seine sonst so eiserne Selbstbeherrschung ging in diesen Tagen mitunter den Bach runter. Auf die Art hatte er sich schon öfter mal Ärger eingehandelt. Wenn er sich gehen ließ, so wie jetzt zum Beispiel, wurde er schnell zu einer unkalkulierbaren Gefahr für sich selber und vor allem für andere. Da konnte es ihm schon mal passieren, dass ein harmloses Wirtshausgespräch von einem Moment zum anderen in eine Schlägerei ausartete. Die Schlägereien waren meist sehr kurz und endeten fast ausnahmslos in einem Blutbad mit nur einem Überlebenden, nämlich ihm. Nach einem dieser Exzesse vor ein paar Jahren war er morgens im Stall neben seinem Pferd aufgewacht, mit einem klaffenden, blutverkrusteten Hieb quer über seinem Gesicht und den üblichen Kopfschmerzen. Die gezackte Narbe war nach wie vor die einzige Erinnerung an diese Nacht. Er war damals lieber verschwunden, bevor er irgendwelchen Ärger bekam, ohne je zu erfahren wen oder was er in dieser Nacht alles zerstückelt hatte. Es war ihm eigentlich auch egal, Hauptsache, er wachte wegen so etwas nicht im örtlichen Knast kurz vor der Hinrichtung auf.

Es gab inzwischen einige Gegenden, in denen er sich wegen ähnlicher Vorfälle vor der örtlichen Obrigkeit in Acht nehmen musste. Weitaus unangenehmer waren aber die Vorwürfe und Schimpftiraden gewesen, die er sich anschließend von seiner Mutter hatte anhören müssen.

Doch derlei kümmerte ihn momentan gar nicht. Er war betrunken, fühlte sich fantastisch und schlenderte unsicheren Schritts die düstere Straße entlang. Es waren kaum noch Leute unterwegs, und wenn, dann nur noch lichtscheues Gesindel, obwohl es sogar Licht gab. Ein paar Fackeln, hin und wieder eine funzelige Lampe. Für Attyls Begriffe blendete es eher, als dass es erhellte. Bester Stimmung betrat er die gammlige Schenke und wandte sich der Theke zu. Zur Abwechslung beachtete ihn niemand sonderlich, abgesehen von einigen heruntergekommenen leichten Mädchen, was das Ganze für ihn noch anheimelnder machte.

2. Kapitel

Die samtige Nachtluft liebkoste ihn, strich kühl über seine Flughäute. Unter ihm zog der nächtliche Wald dahin, während er mit mächtigen Flügelschlägen nach Norden flog. Die zahlreichen Lebewesen, die den Wald bevölkerten, interessierten ihn nur am Rande. Aber er mochte das warme Leuchten ihrer Lebenslichter. Sogar die Bäume schimmerten sanft vor sich hin. Der Anblick der unzähligen bunten Funken unter ihm tröstete ihn jedes Mal, wenn er sie sah. Es bewies ihm, dass die Menschen längst nicht mehr in der Überzahl waren. Nach Möglichkeit trug er dazu bei, dass das auch weiterhin so blieb.

Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, waren Menschen seiner Meinung nach dazu da, zerfleischt und aufgefressen zu werden. Ganz besonders die aus Neurom. Vor allem die. Wie er sie hasste!

Wie immer, wenn er nach Neurom unterwegs war, kamen die Erinnerungen an damals wieder zu ihm zurück. Die markante Silhouette der Türme tauchte aus dem wogenden Grün des Waldes auf. Sein früheres Zuhause.

Hrarrisschk dachte daran, wie trostlos leer es gewesen war, als er damals zurückgekommen war. Seine Familie war tot und verschwunden, nur ihr Blut war noch dagewesen. Die wundervollen Gedankengebilde, die in Jahrhunderten von ihm und seiner Sippe aufgebaut worden waren, waren fort, aufgelöst. Es war kein magisches Bewußtsein übriggeblieben, um die sorgsam aus Magie und Gedanken gewobenen, zum Teil jahrhundertealten Kunstwerke mit Lebensenergie zu erhalten. Am meisten quälte ihn jedoch die Leere in seinem Kopf. Die vertrauten Gedanken seiner geliebten Familie waren für immer verstummt. Selbst jetzt, nach über 30 Menschenjahren, hatte er sich an das Schweigen nicht gewöhnt. Manchmal glaubte er, deshalb wahnsinnig zu werden. Derzeit war es für ihn mal wieder besonders schwer, bei Sinnen zu bleiben. Er träumte immer noch von früher, und wenn er dann abends einsam und leer aufwachte, trieb ihn sein Hass nach Neurom.

Nicht einmal die tröstende Präsenz seines Jungchens war zu spüren. Er war mal wieder unterwegs und zu weit entfernt. Obwohl es weniger als ein Tropfen auf dem heißen Stein war, reichte es zumindest, sein Küken in der Nähe zu wissen, um zu überleben. Es schmerzte ihn zwar, so häufig auf ihn verzichten zu müssen, aber wenn Attyl unterwegs war, dann, um das zu tun, wofür er ihn geschaffen hatte. Er sollte Seinesgleichen dezimieren, was er auch unermüdlich tat. Er konnte ja auch gar nicht anders. Derweil lenkte Hrarrissck sich ab, indem er nach Neurom flog, um seiner Rache zu frönen.

Ein zwiespältiges Unternehmen, jedes Mal von neuem. Einerseits erfüllte ihn grundsätzlich tiefe Befriedigung, wenn er seine Krallen in das Fleisch eines der verfluchten Neurömer schlagen konnte. Andererseits brachten ihn die Erinnerungen an früher immer wieder an den Rand des Wahnsinns. Der Dämon spürte seine Wut mit Macht auflodern, als er die Türme aus nächster Nähe erblickte und ihm die Witterung der Stadt in die Nase stieg. Heute Nacht war es wieder besonders schlimm. Er hätte nicht über all das nachdenken dürfen. Sein Jungelchen fehlte ihm schmerzlich. Dabei hatte er damals gar nicht geplant, ihn zu mögen.

Es war ein Reflex gewesen, ihn mitzunehmen. Er, der seine Kinder so sehr geliebt hatte, hatte es nicht fertiggebracht, das hilflose, winzige Menschlein zu zerstören, erst recht, nachdem es der eigene Vater im Tausch für sein elendes Leben angeboten hatte. So ein feiges Aas! Hrarrisschk sah wieder das angstverzerrte Gesicht des Mannes vor sich, roch das Blut seiner gemeuchelten Sippe an ihm, als wäre es gestern gewesen.

Das Inferno des Hasses durchdrang jetzt seine Schuppen und ließ ihn erglühen, genau wie damals. Von dem Mann waren nur kleine Fetzen übriggeblieben und heute Nacht würden, wie so oft in den vergangenen Jahrzehnten, einige weitere seiner Glaubensbrüder ähnlich zerstückelt enden.

Das winzige Menschlein hatte er seinerzeit trotzdem mitgenommen. Es war seine Rettung gewesen. Erst dadurch war er zur Besinnung gekommen und hatte ein neues Zuhause und einen Grund zum Weiterleben gefunden. Er hatte den Kleinen beim Wachsen beobachtet und ungeduldig darauf gewartet, bis er endlich groß genug war, um aus seinem Menschlein ein Mordwerkzeug für Seinesgleichen machen zu können. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sein Menschlein fast zu so etwas wie einem wirklichen Kind von ihm werden würde, als er ihn damals bis an die Grenzen der menschlichen Anatomie mit Magie vollgepumpt hatte.

Es war ein überwältigendes Glücksgefühl gewesen, als er zum ersten Mal das neu geschaffene Bewusstsein wahrgenommen hatte. Auch wenn es das Jungchen nicht fertigbrachte, mit ihm in Gedanken zu kommunizieren wie seine echten Kinder, ähnelten seine Gedankenmuster dennoch den ihren. Hrarrisschk hatte die Chance, die sich ihm bot, umgehend genutzt und ein paar Korrekturen an diesem, seinem Geschöpf durchgeführt. Er hatte ihm seinen eigenen Willen zurückgegeben, um einen echten Gefährten zu haben.

Seither war das Überleben leichter geworden. Er fühlte sich nicht mehr ganz so einsam.

Der erbärmliche Geruch der Neurömer streifte seine Wahrnehmung und riss ihn aus seinen Gedanken. Hass und Zorn loderten erneut in ihm auf, während er sich tiefer sinken ließ.

Er hatte die Stadt, in deren Ruinen er einst zuhause gewesen war, erreicht und brauchte sich nur noch nach seinem ersten Opfer umzuschauen. Kristn. Er hatte sie noch nie leiden können. Seinesgleichen hatte sich schon in früheren Zeiten vor ihnen in Acht nehmen müssen. Aber das, was die verblendeten Irren in Neurom aus dieser einstmals vergleichsweise ansehnlichen Religion gemacht hatten, spottete jeder Beschreibung. Es war ein schlechter Witz, was nach ein paar Jahrhunderten Verfall von der über zweitausend Jahre alten Religion übriggeblieben war. Dabei hatte er in längst vergangenen Zeiten mal eine kleine Schwäche für das Christentum gehabt, weil sie einen ihrer Teufel nach seinesgleichen „Belial“ benannt hatten.

Hrarrisschk schüttelte die Gedanken an längst vergangene Zeiten ab und richtete seine Aufmerksamkeit nach unten. Wie sie sich vor ihm verkrochen, hinter Mauern und Gittern. Sie bildeten sich ein, dass die Dunkelheit sie schützte, wenn sie sich in ihren Häusern verbarrikadierten. Vor ihm, der im Dunklen besser sehen konnte als Menschenaugen bei Tag, lächerlich. Er sah ihre warmen Körper klar und deutlich, wie auf dem Präsentierteller. Für ihn, als Abendessen.

Hrarrisschk legte die Flügel an und ließ sich fallen. Er schlug seine Krallen in den Wächter, der gerade das Pech hatte, unter ihm auf der Stadtmauer seinen Dienst verrichten zu müssen, und riss ihn mit sich in die Luft. Das Kreischen des Mannes war Balsam für seine geschundene Seele. Er hörte ihm zu, während er mit kräftigen Flügelschlägen senkrecht in die Höhe schoss. Dann, als sein Opfer allzu bald verstummte, biss er ihm den Kopf ab und ließ ihn fallen. Er liebte es, wie die Schädel krachten, wenn er sie zerbiss. Unter ihm durchschlug der Körper mit viel Getöse ein Hausdach und umgehend drangen panisches Geschrei und hektisches Gerenne zu ihm hoch. Der Dämon tauchte der Stadt entgegen. Es war Zeit für den Nächsten, einen ohne Rüstung, den er nicht erst abpellen musste, um ihn zu fressen …

Nicki war und blieb verschwunden. Sie war wie vom Erdboden verschluckt, seit sie in die Kiste des Zauberers gestiegen war. Das war jetzt schon fast einen Tag her. Die Polizei hatte den Zauberkünstler gehen lassen, nachdem sie dessen Aussage zu Protokoll genommen hatte. Der Mann hatte offenbar nichts mit dem Verschwinden von Nicki zu tun. Eher im Gegenteil. Norbert hatte erfahren, dass der arme Mann einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte und im Klinikum behandelt wurde.

Das tote, halb verweste Huhn, das sie statt Nicki in der Kiste vorgefunden hatten und die Befragung durch die Polizei waren zu viel für ihn gewesen. Norbert selber hatte nur mit Mühe den heftigen Brechreiz unterdrücken können, als er den Kadaver erblickt und, vor allem, gerochen hatte. Die Polizei würde nach Nicki suchen, auch wenn ihm niemand erklären konnte, wie und warum sie verschwunden war.