Blut und Feuer - Artjom Wesjoly - E-Book
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Artjom Wesjoly

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Beschreibung

Ein „Krieg und Frieden“ der Oktoberrevolution und des Bürgerkriegs.

Die volle Wahrheit des gewöhnlichen Lebens während der Oktoberrevolution und des anschließenden Bürgerkriegs zu zeigen – das war das große Ziel Artjom Wesjolys. Sein Held Maxim Kushel, Soldat und später Rotarmist, gerät in den Strudel der Ereignisse, die das Land wie ein Wirbelsturm verwüsten. Er erzählt vom Wirrwarr und Chaos des revolutionären Umbruchs, vom roten und weißen Terror danach.

Unter dem Titel "Russland in Blut gewaschen" erschien das Buch von 1932 bis 1936 mehrfach in verschiedenen Textfassungen als Fragment. Thomas Reschkes Übersetzung folgt der Fassung von 1936, der letzten, die der Autor vor seiner Verhaftung 1937 selbst betreute. Sie wird ergänzt durch Textpassagen, die damals der Zensur zum Opfer fielen. Erst 1958 wurde der Roman, allerdings mit noch weiteren Streichungen, wieder in der Sowjetunion gedruckt.

»Dieses Buch ist ein literarischer Urknall. Wesjoly vermag Menschenmassen so zu beschreiben, dass man glaubt, jeden Einzelnen heraushören zu können. Als sei Babel mit Chlebnikow eine Synthese eingegangen, um die Revolution von 1917 und den Bürgerkrieg ein für alle Mal erfahrbar zu machen.« Ingo Schulze.

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Seitenzahl: 844

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Über Artjom Wesjoly

Artjom Wesjoly, eigentlich Nikolai Kotschkurow, geboren 1899 als Sohn eines Lastträgers. Fabrikarbeiter, Rotarmist, Matrose der Schwarzmeerflotte, Agitator, Journalist, 1922 Studium. Wegen vorgeblicher Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung am 8. April 1938 erschossen.

Thomas Reschke, geboren 1932, Lektor, Redakteur und Übersetzer, übertrug etwa 150 Werke aus dem Russischen ins Deutsche, darunter Bulgakow, Pasternak, Jewtuschenko. 2000 Bundesverdienstkreuz, 2001 Übersetzerpreis der Stiftung Kunst und Kultur des Landes Nordrhein-Westfalen, 2002 Dankurkunde des russischen Kulturministers.

Jekatherina Lebedewa studierte Übersetzungswissenschaft und Slawistik, publizierte Nachdichtungen russischer Lyrik, z. B. Arseni Tarkowski, Marina Zwetajewa, Bulat Okudshawa, Wladimir Wyssozki und übersetzte Theaterstücke. Seit 2004 Professur an der Universität Heidelberg.

Informationen zum Buch

Ein »Krieg und Frieden« der Oktoberrevolution und des Bürgerkriegs.

»Dieses Buch ist ein literarischer Urknall. Wesjoly vermag Menschenmassen so zu beschreiben, dass man glaubt, jeden Einzelnen heraushören zu können. Als sei Babel mit Chlebnikow eine Synthese eingegangen, um die Revolution von 1917 und den Bürgerkrieg ein für alle Mal erfahrbar zu machen.« Ingo Schulze

Die volle Wahrheit des gewöhnlichen Lebens während der Oktoberrevolution und des anschließenden Bürgerkriegs zu zeigen – das war das große Ziel Artjom Wesjolys. Sein Held Maxim Kushel, Soldat und später Rotarmist, gerät in den Strudel der Ereignisse, die das Land wie ein Wirbelsturm verwüsten. Er erzählt vom Wirrwarr und Chaos des revolutionären Umbruchs, vom roten und weißen Terror danach. Unter dem Titel Russland in Blut gewaschen erschien das Buch von 1932 bis 1936 mehrfach in verschiedenen Textfassungen als Fragment. Thomas Reschkes Übersetzung folgt der Fassung von 1936, der letzten, die der Autor vor seiner Verhaftung 1937 selbst betreute. Sie wird ergänzt durch Textpassagen, die damals der Zensur zum Opfer fielen. Erst 1958 wurde der Roman, allerdings mit noch weiteren Streichungen, wieder in der Sowjetunion gedruckt.

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Artjom Wesjoly (eigentl. Nikolai Kotschkurow) als Rotarmist, Photo, Samara 7. Juni 1918. © Staatliches Literaturmuseum, Moskau.

Artjom Wesjoly

Blut und Feuer

Roman

Aus dem Russischen von Thomas Reschke

Mit einem Nachwort von Jekatherina Lebedewa

Inhaltsübersicht

Über Artjom Wesjoly

Informationen zum Buch

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Den Tod durch den Tod überwunden

Das Wort hat der Gemeine Maxim Kushel

Das Feuer brennt und lodert

Am Kubanfluss

Die schwarze Schulterklappe

Das Fest der Sieger

Katzenjammer

Etüden

Stolz

Schnelles Gericht

Der Kühnheit Widerschein

Die Einnahme von Armawir

Ein Brief

Wovon sprachen die Kanonen?

Der Garten der Glückseligkeit

Zurück aus dem Türkenland

Blutsbrüder

Filkas Karriere

In der Steppe

Ein wildes Herz

Das Städtchen Kljukwin

Das Dorf Chomutowo

Gewalt bricht Stroh

Artjon Wesjoly – Revolution und Poesie

Worterklärungen

Anmerkungen

Impressum

Den Tod durch den Tod überwunden

In Russland ist Revolution –

über die feuchte Mutter Erde läuft ein Beben,

und die weite Welt ist in Aufruhr...

Vom Orkan des Krieges erschüttert, wankte die Welt, trunken von Blut.

Über Meere und Ozeane brausten Kreuzer und Dreadnoughts, spien Donner und Feuer. Den Schiffen hinterher stahlen sich Unterseeboote und Minenleger, besäten die Wasserwüsten dicht mit den Körnern des Todes.

Aeroplane und Zeppeline flogen nach Westen und Osten, nach Süden und Norden. Aus Wolkenhöhen warf die Hand des Piloten glühende Brände in die Bienenstöcke der Menschenansammlungen, in die Scheiterhaufen der Städte.

Über die Sandwüsten von Syrien und Mesopotamien, über die von Schützengräben zerfurchten Felder der Champagne und der Vogesen krochen Tanks, zermalmten auf ihrem Weg alles Lebendige.

Vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer, von Trapezunt bis Bagdad wummerten ohne Unterlass die Hämmer des Krieges.

Die Wasser von Rhein und Marne, von Donau und Neman waren trüb vom Blut der kriegführenden Völker.

Belgien, Serbien und Rumänien, Galizien, die Bukowina und das türkische Armenien waren umschlungen von den Flammen der brennenden Dörfer und Städte. Die Straßen … Über die von Blut und Tränen aufgeweichten Straßen gingen und fuhren Truppen, Artillerie, Wagentrecks, Lazarette, Flüchtlinge.

Unheildrohend – mit blutroten Lichtern gesprenkelt – ging das eintausendneunhundertsechzehnte Jahr seinem Ende entgegen.

Die Sichel des Krieges schnitt des Lebens Ähren.

Dome und Moscheen, lutherische und katholische Kirchen waren überfüllt mit Weinenden, Trauernden, Stöhnenden, Hingestreckten.

Güterzüge rollten mit Brot, Fleisch, verfaulten Konserven, vermoderten Stiefeln, Kanonen, Granaten … Das alles wurde von der Front verschlungen, verschlissen, zerrissen, verschossen.

In der Zange von Hunger und Kälte krümmten sich die Städte, bis zum Himmel stieg das Stöhnen der Dörfer, aber nie verstummend dröhnten die Kriegstrommeln und brüllten zornig die Geschütze, übertönend das Wimmern der sterbenden Kinder, das Heulen der Frauen und Mütter.

Der Kummer war Dauergast, und das Unheil nistete in den Aulen1 der Tschetschenei wie unterm Dach der ukrainischen Kate, in der Kosakenstaniza wie in den Hütten der Arbeitervorstädte. Die Bäuerin weinte, während sie hinterm Pflug über den Acker schritt. Die Städterin weinte, den Kopf auf der Trauernachricht, in der hinter dem teuren Namen das furchtbare Wort »gefallen« brannte. Die flämische Fischerin schluchzte und blickte wehmütig aufs Meer, das den Seemann verschlungen hatte. Unter einem Fuhrwerk im Feldlager der Flüchtlinge schluchzte die Galizierin über dem erkaltenden Leichnam ihres Kindes. Pausenlos wirbelte Geheul vor den Einberufungsstellen, vor den Kasernen und auf den Bahnhöfen von Toulon, Kursk, Leipzig, Budapest, Neapel.

Über der ganzen Welt wehten die Fahnen des Kummers, wie der Widerschein einer gewaltigen Feuersbrunst stand Stöhnen, quälend flackerten herzzerreißende Verzweiflungsschreie.

Und nur in den goldfunkelnden Palästen von Moskau, Paris und Wien glitzerte Musik, flammte trunkene Heiterkeit, frohlockte die Ausschweifung.

»Krieg bis zum Sieg!«

Hohe Militärs und Finanzhaie ließen Pokale mit schäumendem Wein aneinanderklirren:

»Krieg bis zum Sieg!«

Auf den Feldern aber kehrten Feuerbesen alle gleichermaßen wie Müll in die Massengräber: Hamburger Stauer und Bergarbeiter vom Donbass, arabische Nomaden und Gartenbauer von den Ufern des Ganges, Docker aus Liverpool und ungarische Hirten, Proletarier aller Rassen, Stämme und Mundarten und Ackerbauern, die im Schweiße ihres Angesichts auf dem Land ihrer Väter und Großväter das tägliche Brot gewannen.

Kreuze und Gräber, Gräber und Kreuze.

Der Balkan, Kurdistan, die Karpatentäler, der Schoß der polnischen Erde, die Forts von Verdun und die Hügel an der Maas waren vollgestopft mit Soldatenfleisch.

In den Schächten der Ruhr und von Kriwoi Rog, in den Bergwerken von Sibirien und in den chemischen Fabriken Deutschlands schufteten in härtester Fron Kriegsgefangene. Kriegsgefangene schmachteten in Lagern hinter Stacheldraht, schlossen die Rechnung ihres Lebens ab unter den Peitschen von Schutzmännern und Korporalen, starben in Baracken an Heimweh, Hunger und Typhus.

Die Lazarette … Horte des Kummers, Zufluchtsstätten des Leidens … Verstümmelte, Erfrorene, Verschüttete, Gasvergiftete – mit zerschmetterten Knochen und stinkenden Wunden – wälzten sich im Fieberwahn auf Lazarettpritschen und Operationstischen, wo sich Blut mit Eiter mischte, Schluchzen mit Fluchen, Stöhnen mit Gebeten für die Waisen, Verzweiflung mit in Rauch aufgegangenen Hoffnungen.

Menschen ohne Beine, ohne Arme, ohne Augen, Taube und Stumme, Wahnsinnige und Halbtote belagerten die Schwellen von Kanzleien und Wohltätigkeitseinrichtungen, oder aber sie krochen, humpelten, rollten auf Wägelchen bettelnd durch die Straßen von Berlin und Petrograd, Marseille und Konstantinopel.

Das Land war trunken von Leid.

Der Schatten des Todes kreiste über hungernden Städten und verarmten Dörfern. Die nie geküssten Brüste der jungen Mädchen erkalteten, trüb und unruhig war der Schlaf der Frauen. Kinder, vom Weinen heiser, schliefen an den leeren Brüsten ihrer Mütter.

Der Krieg fraß Menschen, Brot, Vieh.

Die Pferde- und Schafherden in den Steppen dünnten aus.

Unkraut überwucherte die verwahrlosten Felder, Schneestürme verschütteten das von den Herbstwinden niedergelegte, nicht abgeerntete Getreide.

Auf den Straßen krochen und fuhren die ersten obdachlosen Kinder ins Nichts.

Die Industrie brach zusammen – es fehlte an Heizmaterial, Rohstoffen, Arbeitskräften; Werke und Fabriken wurden geschlossen.

Der Güterverkehr brach zusammen – die Speicher Sibiriens und Turkestans waren voll von Korn, das Korn faulte, aber es gab keine Transportmittel; in den Kalmücken- und Kasachensteppen türmten sich unter freiem Himmel Berge von Fleisch, für die Armee herangeschafft; Würmer zerfraßen das Fleisch, Hunde bauten im Fleisch ihre Nester und zogen ihre Welpen groß.

Briefe von der Front …

Mein herzliebes Eheweib!

Ich verneige mich tief vor Dir und allen Anverwandten. Noch bin ich gottlob gesund und am Leben. Wassili Rjasanzew ist vor der türkischen Festung Baiburt gefallen. Iwan Prochorowitsch ist schwer verwundet, es hat ihm den Kiefer zerschmettert, er wird kaum durchkommen. Schmaroga ist gefallen. Iljuschka Kostytschew ist gefallen, geh in den Chutor und sag seiner Mutter Feona Bescheid. Schwager Grigori Saweljewitsch, mit dem ich ins Gefecht gegangen bin, dem hats zwei Pfund Fleisch aus dem Oberschenkel gerissen, wir beneiden ihn, sie haben ihn zur Heilung ins Hinterland geschickt, zur Frühlingsaussaat wird er wohl in der Staniza sein.

Nur Polikaschka, der tanzt, er hat nämlich ein neues Kreuz bekommen und Feldwebelaufnäher, er sagt: »Von mir aus kann der Krieg hundert Jahre dauern.« Na, bis zum ersten Kampf, sonst stopfen wir dem Hund das Maul.

Marfa, sieh zu, dass Du Dir ohne mich nichts rausnimmst, wahre die Ehre Deines Mannes und bleib sauber. Deinen Brief lese ich alle Stunden und alle Minuten. Ich versorge mein Pferd, gehe in den Erdbunker, lege mich hin und lese. Wenn mir in der Nacht das Herz weh tut, hole ich den Brief aus der Tasche und lese.

Hört man bei Euch am Kuban was vom Frieden? Die Soldaten fragen sich gegenseitig mit bitterem Weh: »Wofür vergießen wir unser Blut, verderben uns die Gesundheit und tragen unsere junge Haut zu Markte in dieser verdammten Scheißtürkei? Alles sinnlos…«

Dies unterschreibe ich:

Maxim Kushel.

Frauentränen zerwuschen die Krakel der Frontbriefe, und manch zitternde Hand stellte eine Kerze vor das Heiligenbild, um Rettung für Angehörige und Sterbende zu erflehen.

Auf den fernen Schlachtfeldern versank die Jugend in Schnee und Sturm!

Bei Hitze und Kälte, bis zum Gürtel im Schnee und bis zum Hals im Schlamm, griffen Soldaten an, gingen Soldaten zurück, hausten Soldaten in Erdlöchern, froren Soldaten in Schützengräben unter freiem Himmel. Kugeln und Granatsplitter ereilten den Landser im Kampf, in der Freizeit, im Nachtschlaf, auf der Latrine. Irgendwo im Stab kritzelte die Hand eines Generals: »An den Kommandeur des Sumyer Schützenregiments. Ich ordne an, am heutigen 5. Januar um zwölf Uhr Mitternacht mit den Kräften des gesamten Regiments den Gegner auf dem Ihnen anvertrauten Abschnitt anzugreifen. Über die Ergebnisse der Operation ist mir unverzüglich Meldung zu machen!« Und so flog denn mitten in der Nacht durch Schützengräben und Erdbunker von Mund zu Mund das zitternd geflüsterte Kommando: »Fertigmachen zum Angriff.« Die Männer nahmen die Gewehre, zogen die Koppel mit den schweren Patronentaschen fest. Einer bekreuzigte sich hastig, einer wisperte ein Gebet, einer stieß einen wüsten Fluch durch die zusammengebissenen Zähne. Durch die schmalen Sappen rückte das Regiment in die vorderste Grabenlinie, und auf das Kommando »Mit Gott, vorwärts!« stiegen die Männer auf die Brustwehr, krochen über das von Granattrichtern zerpflügte Schneefeld. Auf das angreifende Regiment prasselte ein Bleiregen und ein Wirbel von berstendem Stahl nieder wie ein Hagelschauer. Unter den Füßen dröhnte und stöhnte die Erde. Im geisterhaften Licht der niedersinkenden hellblauen Leuchtkugelkaskaden krochen, liefen, fielen, stürzten mit angstverzerrten Gesichtern die Landser. Eine heiße Kugel klatschte in die Nasenwurzel des Fischers Ostap Kalaidu – und schon war sein weißes Häuschen am Meeresufer bei Taganrog verwaist. Der Schlosser Ignat Lyssatschenko aus Sormowo stürzte, röchelte, zuckte – seine Frau mit den drei kleinen Kindern wird vor Kummer vergehen. Der junge Freiwillige Petja Kakurin, von einer Minendetonation zusammen mit Klumpen gefrorener Erde hochgeschleudert, fiel in den Graben wie ein abgebranntes Streichholz – keine Freude für seine alten Eltern im fernen Barnaul, wenn die Nachricht sie erreicht. Der Hüne Juhan von der Wolga krachte mit dem Kopf an einen Erdbuckel und blieb liegen – nie wieder würde er im Wald die Axt schwingen und Lieder singen. Neben ihm fiel der Kompanieführer Oberleutnant Andrijewski – auch er war jemandem teuer, auch er in Mutterliebe aufgewachsen. Vor die Füße des sibirischen Jägers Alexej Sedych kullerte eine zischende Handgranate, und die ganze Detonationsgarbe traf ihn in den Bauch, brüllend stürzte er zu Boden, kraftlos die Hände ausgebreitet, die einst einen Bärenrachen aufgerissen hatten. Von MG-Kugeln durchsiebt, hingen im Spinngeweb des Stacheldrahts die Dorfnachbarn Karp der Große und Karp der Kleine – der Frühling würde kommen, die Steppe bläulich dunsten, doch tief würde der Schlaf der beiden Ackerbauern im Massengrab sein … Der Stabsgeneral aber schlief und hörte weder das Hämmern der angstgepeitschten Herzen noch das Stöhnen, welches das Schlachtfeld erfüllte.

Die Ströme von Feuer und Stahl unterspülten die Kontinente der Armeen.

Mobilisierungsbefehle klebten an den Zäunen, wurden in den Kirchen und auf den Marktplätzen der Dörfer verkündet.

Es kamen Schwerarbeiter und kleine Beamte, Landärzte und Volksschullehrer, es kamen Fähnriche mit beschleunigter Ausbildung und Studenten, Söhne der Felder und der Stadtränder, es kamen Handwerker und Meister, Modewarenverkäufer und Halsabschneider von der Landstraße, es kamen bärtige Familienväter und Jünglinge von der Schulbank, es kamen Gesunde, Starke, Stimmgewaltige; Krüppel kehrten an die Front zurück, der Krieg riss den Bräutigam aus den Armen der Braut, trennte den Bruder vom Bruder, nahm der Mutter den Sohn, der Frau den Mann, den Kindern den Vater und Ernährer.

Krieg, Krieg …

Zum Heulen und Winseln der Ziehharmonika

ratterten die Herzen

schmetterten die Stimmen:

»Birke, meine liebe Birke

mit den grünbelaubten Ruten,

habt ein Herz, ihr jungen Mädchen,

denn wir sind ja jetzt Rekruten …«

Zügellos, wehzerrissen, grölend zogen sie in Scharen durch die Straßen, zerbrachen Flecht- und Pfahlzäune, schlugen Fenster ein, tanzten, weinten, johlten verlorene Lieder:

»Schicksalsglocke hallend dröhnte,

dröhnte hart am Kopfe mein,

Liebchen herzzerreißend stöhnte,

schlimmer als mein Mütterlein …«

»Sauft, Jungs … Unsere letzten paar Tage … Sauft, ihr Verteidiger von Zar, Glauben und Vaterland!«

»Zar? Vaterland? Sag das nicht noch einmal … Ich weiß Bescheid, ich bin es leid … Deine Worte sind für mich wie der Knüppel für den Hund.«

»Wirds schwer, Brüderchen?«

»Schwer wirds, Bruder.«

»Bruder schaute an den Bruder,

schüttelte betrübt den Kopf:

Ach, verloren, ach, verloren

ist dein Kopf und auch mein Kopf …«

Petrucha schüttelte die Frau ab, die an seinem Arm hing, riss die Harmonika in zwei Stücke, knallte die eine Hälfte gegen die Katenecke und ging tanzend in die Knie.

»Ganz Deutschland ackern wir unter!«

»Beruhige dich«, beschwichtigte ihn seine Frau, vor Tränen blind, »beruhige dich, du Quirlkopf.«

Petrucha brach aus.

»Lass mich in Ruhe, ich steh jetzt unter staatlichem Befehl.«

Eine alte Frau, das Gesicht wie ein verfaulter Walnusskern, rang die erdfahlen Hände.

»Grischenka, lass dich umarmen, ein letztes Mal.«

»Nicht traurig sein, Omama, auch im Krieg triffts nich jeden.«

»Schlimm is mir ums Herz … Grischenka, mein geliebtes Enkelchen … Wende dich der Kirche zu und bekreuzige dich, mein Liebling.«

»Schwiegervater, leb wohl!«

»Alles Gute.«

»Der Krieg …«

»Ach, kein Ende abzusehn.«

»Ich taumel nicht vom Schnaps, sondern vor Kummer.«

»Grischenka, hör zu, betrink dich nich im Dienst, gehorch deinen Vorgesetzten.«

»Lass doch, Omama.«

Letzte Umarmungen, letzte Küsse.

Weit weg vom Dorf, im Kreis der stummen Felder, verklangen allmählich die wilden Lieder, die Schreie und Wehklagen.

Lange noch lag die alte Mutter, vorm Dorf in eine Schneewehe hingesunken, da und heulte:

»Der letzte … Der letzte … Uuch … Hätt ich doch lieber n Stein geboren, der würd zu Hause liegen. Uuch, mein Gott! Aljoschenka, du meine Herzensblume! Hätt denn der Zar nich auch ohne dich genug Leute gehabt?«

Der Wind peitschte den schwarzen Rocksaum, zerwehte die unterm Kopftuch hervorgerutschten grauen Strähnen.

»Den letzten ham sie mir weggeholt … Er is doch noch gar nich erwachsen … Den letzten! Uuch, uuch … Meine Söhne, meine armen Kinder …«

Aber die Söhne hörten die Mutter nicht, und nur aus einem fernen Hohlweg antworteten auf ihr Schluchzen heulend die Wölfe.

Über die Landstraßen an Don und Kuban, über die Chausseen und Feldwege der Rjasaner und Wladimirer Lande, auf den Flüsschen von Karelien, auf den Bergsteigen von Altai und Kaukasus, auf den einsamen Taigawegen von Sibirien – von allen Seiten, über Tausende Werst, in Hitze und Kälte, in Schlamm und Staubwolken – gingen, fuhren, schwammen, galoppierten, drängten sie zu den Eisenbahnlinien, in die Städte, in die Einberufungsstellen.

In den Warteräumen Leidenschaft und zitternde Furcht, Berge von Herzeleid, ausgelassenes Toben und säuische Flüche.

Splitternackte Rekruten wurden von Garnisonsschreibern befragt, von Ärzten in aller Eile abgetastet und abgehorcht.

»Tauglich. Der nächste.«

Die Rekruten zogen das Los.2

»Die Stirn!«

Ein altgedienter Berufsunteroffizier schnitt mit der Schere dem Rekruten über der Stirn ein Haarbüschel ab.

»Die Stirn!«

Auf dem vertrampelten Fußboden häuften sich Haare aller Farbschattierungen, noch gestern von einer liebenden Hand gekämmt und gestreichelt.

Aus dem Untersuchungszimmer sausten – wie aus dem Dampfbad – rotverschwitzte Rekruten mit schief an die Mütze gesteckter Losnummer. Draußen griffen sie schmutzigen Schnee auf und fraßen ihn hinunter.

»Eingezogen … Papa, sie haben mir die Seele rausgezerrt.«

»Hast du gehört, Petrowan hat seinen Ljonka freigekriegt.«

»Die ham ne dicke Tasche, Vater, da is es kein Kunststück.«

»Was willst du machen … Alles Gottes Wille. Du musst halt dienen – bist nich der Erste und nich der Letzte.«

»Waska«, rief eine Frau über die Leute hinweg, »hat einer meinen Waska gesehn? Ich möcht ihn noch mal anschaun.«

»Besoffen is er, umgekippt … Hinter der Kneipe liegt er im Graben, ha-ha-ha, ganz ölverschmiert.«

»Ach du meine Güte … Wie oft hab ich ihm gesagt, trink nich, Waska. Aber nein, schon wieder voll.«

»Leb wohl, Wolga! Leb wohl, Wald!«

Kaserne

Schnellausbildung

Gottesdienst

Bahnhof.

An der bröckligen Bahnhofsmauer stand, im Gewühl von der Mutter abgedrängt, ein fünfjähriges Bürschlein in einem hübschen Pelzmäntelchen, auf dem Kopf Vaters Fellmütze, die ihm über die Augen gerutscht war. Es weinte lauthals, keuchend, heulte untröstlich und jammerte mit heiserer, krächzender Stimme:

»Papa, mein Papa …«

Die Lokomotive schrie böse, und allen brach das Herz.

Die Menge brodelte.

Die Puffer krachten gegeneinander, der Truppentransport fuhr langsam an.

Mit frischer Kraft schrillte Frauengeschrei.

Die Verzweiflungsschreie flossen zusammen zu einem einzigen Geheul, das imstande schien, die Erde zu spalten.

Das Bürschlein im Pelzmäntelchen weinte noch bitterlicher. Mit der linken Hand schob es Vaters Pelzmütze aus den Augen, die rechte, die einen schmelzenden Honigkuchen presste, streckte es nach den vorüberhuschenden Waggons, und es schrie und schrie wie am Spieß:

»Papa, mein Papa … Papa, mein Papa …«

Die Räder ratterten Werst um Werst, Streckenabschnitt um Streckenabschnitt.

Nach Riga, Polozk

Kiew und Tiraspol

Tiflis und Eriwan

rollten die Züge.

Die Sehnsucht nach ihrem Zuhause, nach der Freiheit ertränkten die Soldaten in Kölnischwasser, Lack und Politur statt mit Schnaps. Wenn der Zug kurz hielt, tanzten sie, ließen sich von den Bahnhofsfotografen knipsen, und in den großen Städten fuhren sie mit Droschken in die Bordelle.

In Samara und Kaluga, Wologda und Smolensk, in der Kosakenstaniza und im kargen Dörfchen bei Wjatka klang unaufhörlich das schläfrige Murmeln des halbbetrunkenen Küsters:

»Sei den Seelen Deiner entschlafenen Knechte gnädig, o Herr, der gottesfürchtigen Krieger Iwan, Semjon, Jewstafi, Pjotr, Matwej, Nikolai, Maxim, Jewsej, Taras, Andrej, Denis, Timofej, Iwan, Pantelej, Luka, Iossif, Pawel, Kornej, Grigori, Alexej, Foma, Wassili, Konstantin, Jermolai, Nikita, Michaïl, Naum, Fjodor, Danila, Sawwatej – sei ihnen gnädig, o Herr, die ihr Leben auf dem Schlachtfeld geopfert und die Märtyrerkrone auf sich genommen … Nimm sie auf, o Herr, die Getöteten, in die Heimstatt der Gerechten, wo nicht Krankheit ist noch Trauer und Klage, das Leben aber ewiglich währet … Ewiges Angedenken!«

Dem rechtgläubigen Küster taten es gleich der lutherische Pastor und der katholische Priester, der tungusische Schamane und der muselmanische Mullah.

Über die Welt hin zog Totenklage.

Aber in der blutgetränkten Erde reiften die Samen des Zorns und der Rache.

Dumpfe Erregung brodelte in Piter, schon flogen die ersten Steine in die Fenster der Polizeireviere …

Das Wort hat der Gemeine Maxim Kushel

In Russland ist Revolution – ganz Russland ist ein Meeting.

Unser Regiment stand an den türkischen Fronten, als die Revolution ausbrach und Zar Nikolaus II. gestürzt wurde.

Die Landser staunten nur so.

Von den alten Soldaten glaubte anfangs keiner so recht daran, aber geredet wurde andauernd bla-bla, bla-bla. Wir warten und warten, richtig, Befehl vom Divisionschef – Umsturz, Abdankung des Imperators, wir haben jetzt die Duma3, eine Provisorische Regierung4, los, Jungs, sprecht Dankgebete.

Aber gern!

Der Hornist blies Sammeln, das Regiment trat im Dreieck an.

»Richt euch! Stillgestann! Mützään ab!«

Der Pfaffe räucherte mit dem Weihrauchfass, schüttelte die Ärmel.

»Gepriesen seist Du, unser Gott …«

Die Soldatenhaare sträubten sich, der Frost kniff in die Haut. Wir standen, ohne zu atmen: unheimlich ergreifend wars, und da kullerte wohl auch ein Tränchen.

»Gemeinsam beten wir zu Gott dem Herrn …«

Wir schlagen das Kreuzeszeichen, fallen auf die Knie, berühren mit der Stirn die Erde. »Herr, unser Gott, Soldatengott, ungekämmt und ungewaschen … Wo hast du, Gott, dass der Satan sie schände, deine Niebefleckte, Niegeschüttelte, Niegeschaukelte, wo hast du dich verkrochen, und warum hast du uns im Stich gelassen wie ein schlechter Hirt seine Schafe? Warum hast du uns einem bösen Schicksal zur Zerfleischung vorgeworfen, und wieso hast du lausiger Soldatengott kein Erbarmen mit unserm bitteren Soldatenleben?«

Der Pope schwenkte das Weihrauchfass, seine Zotteln5 flatterten im Wind.

Die Soldaten haben einander lustig angeguckt und die Brust vorgewölbt.

Wir haben gebetet, die Sachen in Ordnung gezupft und gewartet, was nun wird.

Da kommt der Divisionsgeneral vor die Front geritten – grauer Bart, die Brust voller Kreuze, rollende Stimme. Er richtete sich in den Steigbügeln auf und schwenkte ein Telegramm.

»Brüder, Seine Kaiserliche Majestät, Gossudar und Imperator Nikolaus Alexandrowitsch, den haben wir nicht mehr.«

Schwenkt das Telegrammchen und weint.

Die Soldaten schwiegen erschrocken.

Nur der Artillerieunteroffizier Pimonenko hatte keine Bange und entfaltete beherzt eine mitgebrachte rote Fahne, darauf stand:

NIEDER MIT DEM ZAREN! ES LEBE DAS VOLK!

Die Luft blieb uns weg!

Die Musik spielte los!

Die vom Gemüt her bisschen schwächer waren, weinten wirklich. Wir standen da und wussten nicht, sollen wir die Fahne angucken oder dem General zuhören.

»Brüder, das alte Regime ist zu Ende. Die Lobpreisung der Ränge und Würden ist abgeschafft. Exzellenzen gibts nicht mehr, Wohlgeboren gibts nicht mehr … Herr General, Herr Oberst und Herr Zugführer … Wir haben jetzt die Freiheit, alle sind gleich. Aber wie auch immer, behaltet den Eid im Kopf. Denkt daran, Brüder, das Russenland ist unsere Mutter, wir sind seine Kinder …«

Donnernd:

»Hurra!«

»Hurraa!«

»Hurraaa!«

Die Musik erstickte unsere Rufe.

Der General wischte mit dem Taschentuch den Hals, räusperte sich und sprach zu den Soldaten:

»Denkt an das Reglement, tut euren Dienst gern, vergesst nicht Glauben und Vaterland. Ihr seid die grauen Adler, ihr seid Ruhm und Ehre der russischen Waffen. Auf euer selbstloses Heldentum schaut die ganze Welt …«

Wieder donnerte, rollte es hallend das angetretene Regiment entlang:

»Hurra!«

»Hurraa!«

»Hurraaa … aaa … aaaaa …«

»Genug gelitten.«

»Genug Blut vergossen.«

»Dreihundert Jahre.«6

»Es reicht!«

»Bravo!«

»Weg mit dem Zaren, ins Kloster zu Fastensuppe!«

Der Alte hat uns mit netten Worten beehrt. Von alters her hat mit den unteren Rängen nur der dicke Knüppel gesprochen, und jetzt auf einmal – bleib stehn oder fall um – haut seine Exzellenz so was raus: Alle gleich, Ruhm, graue Adler … So was geht ans Herz, so was bewegt das Soldatenblut, da haben wir noch lauter hurra geschrien, und ein paar jüngere Offiziere haben den General schön behutsam vom Pferd gehoben und in die Luft geschleudert.

Das Regimentsorchester schmetterte.

Der Alte verschnaufte, strich den Bart glatt und kam in strammer Haltung, leichtfüßig, auf Zehenspitzen, zum angetretenen Regiment marschiert.

»Küssen wir uns, Bruder!«

Und vor aller Augen küsste der Divisionsgeneral den rechten Flügelmann der ersten Kompanie ab, unsern einfachen Soldaten Alexej Mitrochin.

Das Regiment

war baff.

Wir standen wie versteinert und konnten erst jetzt wirklich glauben, dass das alte Regime gestorben war und die junge Freiheit in aller Form geboren.

Die Reihen wankten, alles lief durcheinander. Manche weinten, manche küssten sich ab. Alles schien in bestem Einvernehmen, Soldaten und Offiziere und Schreiberlinge, nur ein alter Kommissknochen, der Berufsfeldwebel Fomenko, hörte zu, hörte zu, schnaufte, schnaufte, und dann widersetzte er sich doch, der Schurke, der stupsnasige Hund, rollte die Augen und brüllte aus vollem Halse:

»Stimmt nicht! Wir haben einen Zaren, wir haben einen Gott! Seine Kaiserliche Majestät war und wird immer sein, heute, immerdar und in alle Ewigkeit! Mit uns ist Gott und die Macht des Kreuzes!« Er bekreuzigte sich, spuckte saftig aus und marschierte, die Hände von der Koppelschnalle weit nach hinten schwenkend, im Stechschritt ab, das alte Trommelleder.

Was ging der uns an.

Bis tief in die Nacht sprachen Redner, sprachen Offiziere, sprachen auch Soldaten, wirr, stockend.

Alle waren wie besoffen.

Das Regiment legte den Eid mit Unterschrift ab, küsste das Kreuz, leistete den revolutionären Schwur auf die Provisorische Regierung.

Ich weiß noch, das war in den großen Fasten.

Über den Schützengräben entrollten wir eine rote Fahne: Schluss mit dem Krieg!

Ein Monat verging, noch einer, wir brachten die Osterwoche und Pfingsten rum, Krieg war nicht, aber Gutes gabs auch nicht zu besehen. Wie die Bären hausten wir in Erdlöchern, scheuerten mit den Hüften die Lehmpritschen glatt, standen die vorgeschriebenen Stunden Posten, gingen Patrouille, schufteten die tägliche Arbeit weg und hatten unerträgliches Heimweh. Wie unterm alten Regime bissen uns die Läuse ins Fell, der Jammer zerbröckelte uns die Knochen, die Landser wussten von nichts und ertrugen wie früher eingedenk des Feldreglements Hunger, Kälte und Frontdienst.

Das Divisionszeughaus hatten wir anlässlich der Revolution fein säuberlich ausgeplündert. Ich erwischte vier Knäuel Bindfaden und Patronentaschen aus Leinwand, wertlosen Plunder, aber ich dachte mir, wenn ich nach Haus komm, wird mans brauchen können. Zwei von der neunten Kompanie, Poltawaer, haben die Regimentskasse weggeschleppt; den Satansbraten muss der Böse geholfen haben, wie hätten sie sonst die Kiste wegschleppen können, die wog an die zehn Pud, vielleicht sogar fünfzig.

Komitees7 überall, in den Komitees Streit und Gerede.

In jedem Regiment ein Komitee, in jeder Kompanie ein Komitee, im Korps gabs wohl auch eins, ach was – jeder untere Dienstgrad war sein eigenes Komitee, Hauptsache, die Kehle konnte schnattern. Ich hab ja, nicht aus Eigenlob gesagt, Grips im Kopf und nicht Gips, ich hab was zugelernt an der Front, und die zwei Georgskreuze hab ich nicht umsonst an die Brust geheftet gekriegt. Die zweite Kompanie hat einstimmig beschlossen:

»Du, Maxim Kushel, treuer Kamerad, sollst unser Deputierter sein und mit deinen schwieligen Händen unsere Soldateninteressen stützen.«

Vor Angst oder auch vor Freude haben mir die Hände gezittert – ich war grade am Zigarettedrehen –, aber ich hab mir nichts anmerken lassen, hab sie mir angebrannt und geantwortet:

»Ich hab immer gedient – früher dem Zaren, heute den Scharen. Viel gelernt hab ich nich, aber ich lass mir nich bange machen, und für die Soldaten geb ich meine Seele her.«

»Mach ihnen Feuer, Maxim.«

»Wir lassen nich zu, dass dir einer was tut.«

»Aber auf Ehr und Gewissen.«

Ich mir den Schnauz aufgezwirbelt und ab ins Komitee.

Das Komitee sitzt unter freiem Himmel in einem Offizierszelt. Früher bist du da nicht mal auf vier Schritt rangekommen – stopp! Strammgestanden, dass beinah das Fell platzt: »Wau-wau-wau, gestatten Sie einzutreten!« Jetzt nichts dergleichen, wer Lust hat, geht rein wie in sein eigenes Haus. Da kommt so ein Muschkote und gibt dem Offizier die Hand: »Wie geruhten Sie zu schlafen?«, oder noch dicker: Der Muschkote fläzt sich hin wie ein Sultan-Pascha, brennt sich türkischen Tabak an und bläst den Qualm kaltschnäuzig dem Offizier in die Nase, und der, Seine Wohlgeboren, scheint es gar nicht zu merken.

Zum Lachen und Staunen …

Wie ich zur Kompanie zurückkomm und alles erzähl und ausmal, wiehern die Jungs wie Hengste ohne Auslauf und atmen tief und frei. Je länger, desto mehr wurde von zu Hause geredet.

»Ob bald?«

»Bloß wie?«

»Höchste Zeit …«

»Wir hocken hier wie Verfluchte.«

»Vergessen und verlassen …«

»Vaterlandsverteidiger? Stimmloses Vieh!«

Auch im Komitee bringts die Soldatensektion immer wieder zur Sprache:

»Wie siehts aus?«

»Wartet, Brüder. Die Zeitungen schreiben, bald is Sense mit dem Deutschen, dann kommt der Friedensschluss, und wir Allerweltshelden fahren friedlich nach Haus in die Heimat.«

»Seit drei Jahren, Euer Wohlgeboren, versprechen die Zeitungen das Paradies, aber das bringt nichts.«

»Denk an deine Dienstpflicht.«

»Die dauert schon viel zu lang, kein Ende abzusehen.«

»Wir haben viel gewartet, ein wenig warten müssen wir noch.« Nun hat das Gespräch tiefer geschürft.

»Euer Wohlgeboren, haben wirs den Burshuis nicht lange genug recht gemacht? Unser Leid bedeutet für die Lachen und Freude.«

»Das Gebet zu Gott und der Dienst für die Heimat gehen nicht verloren.«

»Diese Sprüche haben wir satt. Der Soldat will nicht mehr Krieg spielen. Schluss. Nach Haus.«

Die Vorgesetzten reden Ihrs:

»Das Russenland ist unsere Mutter.«

Wir:

»Nach Haus.«

Sie käuen Ihrs wieder:

»Heldentum, Lorbeer, Pflicht …«

Und wir:

»Nach Haus.«

Sie:

»Die Ehre der russischen Waffen.«

Darauf wir, mit Nachdruck:

»Scheiß was auf die Ehre«, haben wir gesagt, »nach Haus, nach Haus und nochmals nach Haus!«

»Habt ihr den Eid geschworen?«

»Ach, was solln wir darauf sagen, ja, wir ham geschworen.«

Welches Aas hat sich diesen Eid ausgedacht zu unserm Verderben?

Wir wussten nichts zu sagen, aber unser Verhältnis zu den Offizieren kühlte ein bisschen ab.

Aus Leid und Wut wollten wir uns mit den benachbarten Truppenteilen in Verbindung setzen. Ein paar von uns taten sich zusammen, und hin zum 132.Schützenregiment. Scheußliche Hitze. Auch hier laufen die Soldaten im Unterhemd und ohne Koppel rum, welche auch barfuß und ohne Mütze.

»Wo ist euer Komitee, Landsmann?«

»Die sind baden, und der Vorsitzer tut Dienst im Stab.«

Wir rein in den Stab.

Der Komiteevorsitzer Jan Seromach, die Ärmel zum Ellbogen hochgewickelt, rasierte sich mit einer Glasscherbe, die er an einem Ziegel schärfte, vor einem halbblinden Spiegel.

»Erzähl, Vorsitzer, wie siehts aus bei euch?«

»Wies aussieht?«, sagt er. »Belämmert.«

Na, wir hatten eine fröhliche Soldatenunterhaltung, bis Seromach sich fertig rasiert hatte. Den Rest von der Scherbe wickelte er in ein Läppchen, steckte ihn in eine Wandritze, wusch die glattgehobelten Backenknochen sauber und begrüßte uns mit Handschlag.

»Na, Landser, ich seh, ihr seid Leute von unserm Schlag, harte Burschen, die weder den kleinen Teufelchen noch dem Satan selbst was durchgehen lassen. Kommt mit in den Erdbunker, ihr kriegt Tee.«

Zum Tee, der aus Roggenbrotrinde gekocht war, aßen wir getrocknete Wildbeeren, die Seromach bei Aufklärungsgängen gesammelt hatte, und der Vorsitzer erzählte uns, wie sie ihren Regimentskommandeur wegen seiner Gemeinheit und Grausamkeit als Koch in die Küche versetzt, wie sie eine Deputation zum Korpskomitee geschickt hatten mit der Forderung, das Regiment zur Auffrischung ins Hinterland zu verlegen, wie sie bei einem Mannschaftsmeeting beschlossen hatten, im Soldatenstand auszuharren und die Front zu halten, solange die Geduld reicht, dann aber mit der ganzen Truppe aufzubrechen und ab nach Hause.

»Wenn nach Hause, dann allesamt«, haben wir gesagt, »wir denken auch nicht daran, hier zu überwintern.«

»Recht so, mit der ganzen Horde ist es sogar in der Hölle lustiger.«

Seromach brachte uns noch raus und scherzte wieder:

»Das Leben ist jetzt beschissen, Brüder: Wir haben die Freiheit, wir haben Kerenski8, diesen Pimmel, aber wen solln wir damit erquicken?«

Den ganzen Heimweg über haben wir gewiehert, wenn wir an Seromach dachten.

Der fünfte und der zehnte Monat sind um, doch wir sehn noch immer kein Ende unserer Leiden.

Am Abend kriechst du aus dem Erdbunker – Wald, Berge, Stacheldraht – kümmerliche Gegend. Bei uns am Kuban siehts anders aus! Da fließen stille Flüsschen, da wächst seidenweiches Gras, da ist die Steppe! Eine Steppe, die umfasst du nicht mit den Augen und nicht mit dem Verstand.

Da hockst du nun und lässt den Kopf hängen.

Von der türkischen Seite trägt der Wind das Gebet des Muezzins herüber:

»Allah var … Allah sahih … Allah rahman rahim … La ilaha illa Allah … Wa-Muhammad rasulu Allahi …«9

Vor Langeweile haben wir die Türken besucht, haben sie zu uns geschleppt, mit Borschtsch gefüttert und mit ihnen geklönt. Schwarz waren die, wie geräuchert, als ob sie sich ewig nicht gewaschen hatten im Dampfbad, eklig anzuschauen, wir warens ja nicht gewohnt. Tabak brachten sie mit und Ziegenkäse. Manchmal sitzen wir sommerlich im Gras, rauchen und reden so mit Händen und Füßen:

»Kardesch,10 wollt ihr nach Haus?«, fragt ein Russe.

»Tschok ister, tschok!«11 Sie fletschen die Zähne, wiegen den Kopf – ja, sie wollen sehr.

»Was sitzen wir dann noch hier und bewachen uns gegenseitig? Es reicht, wir haben unser Spiel gespielt, höchste Zeit, abzuhaun. Unsrer ist vom Thron gesprungen, stoßt ihr euern auch runter.«

Wieder schnattern sie was, fletschen die Zähne, schütteln die rasierten Köpfe und machen schmale Augen, und da verstehn wir Russen, der Krieg ist auch für diese Schmuddel nicht nach ihrer Nase, und auch sie werden von ihren Offizieren an der Leine geschleppt wie ein Fisch an der Angel.

»Yaman12 Offizier? Viel schlagen?«

»Uuh, tschakir yaman.«13

»Yüzbaschi14 ist Hund?«

»Köpek yüzbaschi … Yaman … Bizim karnim her vakit adschir.«15

Eines Tages reden wir so, und auf einer Kanone sitzt der Makarka Sytschow, der Schneider, der angelt Läuse unterm Hemd hervor, fädelt sie mit der Nadel auf einen Garnfaden und schreit immer wieder:

»Rennlaus … Traberlaus … So groß wie n Ferkel!«

Die Russen wiehern, und auch die Türken wiehern. Für die war an diesem Abend das Fest orutsch bayram16, darum hatten sie ein Fässchen sauren Traubenwein angerollt und einen Hammel angeschleppt. Der wurde auf glühenden Kohlen geröstet, das Fässchen wanderte im Kreise, Tänzer und Sänger traten in die Mitte, und nun gings hoch her, ohne Feuer und Schmerzen, als ob wir uns niemals bekriegt hätten.

Das tapfere Schneiderlein winkte einen Osman herbei, steckte ihm die Pfote in den Hosenschlitz und zog wirklich eine Laus heraus. Die ließ er mit einer von sich als Pärchen auf der flachen Hand Spazierengehen und fragte den Osman:

»Siehst du?«

»Ich seh.«

»Dein Insekt und mein Insekt, meins getauft, deins ein Muselmann. Rat mal, von welcher Rasse sind die?«

»Beide von der Soldatenrasse«, antwortete der Osman auf Türkisch. »Hep sibir askerli …«17

»Richtig«, schreit Makarka Sytschow. »Weswegen solln wir aufeinander Wut haben und unschuldiges Blut vergießen? Die gleiche Laus frisst uns doch auf, und wir essen das gleiche Soldatenbrot, oder nicht?«

»Kardesch, tschok yahschi, tschok!«18, schreien die Türken, und nachdem wir über den Spaß gelacht hatten, zogen wir alle über die Herren Offiziere her. Wie kamen die dazu, die Freiheit vor den Soldaten im Geldbeutel zu verstecken?

Wir hörten uns türkische Lieder an, ein- und zweistimmig und im Chor. Nicht übel, die Lieder, machen das Herz weich, aber im Tanzen, glaub ich, machts dem russischen Soldaten kein anderes Land nach. Unser Ostap Duda ist in den Kreis getreten, hat sich die Hosen hochgezogen, die Papacha schief aufs Ohr, Schultern gereckt – und los! Die Balalaikas rauschten auf, Ostap schmiss die Beine: Die Erde ächzte-schluchzte, das Herz schrie nach der lieben fernen Heimat …

Eines Tages sind wir mit dem ganzen Zug zu den Türken auf Besuch.

Wir kommen hin.

»Salam alaikum.«

»Satrastwui, satrastwui.«19

Zerlumpt, verhungert, wärmen sie sich in der Sonne und fangen Mikroben.

»Was hast du gefangen, Freund?« fragt ein Russe.

»Floh.«

»Floh? Das is ne Laus.«

»Floh.«

»Warum ist er weiß?«

»Zu jung.«

»Warum springt er nicht?«

»Zu blöd.«

Wir lachen, qualmen, reden über dies und das. An den Fressen seh ich, auch sie wollen ums Verrecken nach Haus, aber die lassen sie nicht.

»Yaman, was?«

»Yaman, yaman.«

Die türkischen Erdbunker sind noch schlimmer als unsere. Die Stämme haben keinen Schluss, wie bei uns Russen üblich, sondern starren einzeln; manche von den Höhlen sind auch aus Steinplatten gebaut, die Lücken mit Lehm und Kamelscheiße zugeschmiert, die Wände voller Schimmel und Pilze, du kannst in dem Loch nicht stehen und dich im Liegen nicht ausstrecken. Die Offiziersbunker aber sind sauber und trocken – Fußboden mit feinem Seesand bestreut, Blumen und Teppiche und Berge von Kissen, da lässt sichs leben, da führt man noch hundert Jahre Krieg, ohne zu murren.

Wir haben für unser Maisbrot Ziegenkäse eingetauscht, Tabak und Parfümseife; einer von unsern Schlitzohren hats fertiggebracht und sich Offiziersstiefel aus Saffianleder untern Nagel gerissen. Und sind wieder zurückgekrochen.

Wie wir zu unserer Stellung kommen, sehen wir Bewegung: Die Soldaten laufen und ziehen im Laufen den Mantel über; der Regimentshund Balkan kläfft und hüpft wie verrückt; die Musikanten schleppen Trommeln und Trompeten.

»Wohin?«

»Divisionsstab.«

»Was gibts da?«

»Alle Mann solln hin, eine Kommission ist angekommen.«

»Wegen Frieden wohl?«

»Alles möglich.«

»Und die Gräben, unsere vorderste Linie?«

»Die soll Balkan bewachen.«

Bis zum Divisionsstab sinds acht Werst.

Wir laufen, dass die Hacken glühen.

»Frieden.«

»Nach Haus.«

»Gebs Gott.«

Mit hängender Zunge kommen wir an.

Massenhaft Menschen sind zusammengelaufen.

Die Regimentsbanner und die roten Fahnen wehen, die Orchester spielen die Marseillaise.

»Wer ist gekommen?«

»Eine Zivilkommission für die Wahlen zur Konstituierenden.«20

»Gott sei Dank.«

»Ruhig, ruhig.«

Der Divisionsgeneral sprengte vorüber, die Regimenter erstarrten.

Der Pope hat was genäselt, aber er war für uns uninteressant.

Einer tritt vor, Tuchmantel, nimmt den Biberhut ab und verbeugt sich nach allen Seiten.

»Bürger Soldaten und liebe Brüder … Einen herzlichen Gruß euch allen von der freien Heimat, von der großen Mutter Russland!«

Die Division brach in Freudengeschrei aus, Himmel und Erde erbebten.

Der Redner dreht sich immerzu hin und her und schüttelt die Mähne. Die vorderen Hunderte hören ihn, die hinteren Tausende versuchen aus seinem Gefuchtel zu erraten, was er sagt.

Bis zu unserer Kompanie drang, wenn nicht jedes Wort, so doch einiges:

»Bürger Soldaten … Heroischer Stamm … Staatsduma … Schutz der Menschenrechte … Vertiefung der Revolution … Revolution … Front … Revolution … Hinterland … Unsere ruhmreichen Bundesgenossen … Alte Disziplin … Diener des alten Regimes … Einsichtiger Soldat … Partei der Sozialrevolutionäre21 … Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit … Mit unserer eigenen Hand … Letzten Schlag … Revolution … Konterrevolution … Krieg bis zum vollständigen Sieg … Hurra!«

Die Division, wie von einem Windstoß bewegt:

»Hurra!«

»Aaaa …«

»Aaaaaaa …«

Manch einer hat keinen Piep verstanden und brüllt, dass ihm die Stirnadern schwellen; manch einer schreit, weil die andern schreien, denn die Division war auf einheitliche Schläge gedrillt; manch einer freut sich einfach, dass er lebendige Menschen aus Russland gesehen hat und dass wir demnach nicht vergessen sind.

Von der Politik haben wir einfachen Soldaten damals wenig verstanden. Wir fanden jede Partei gut, die dem Landser ein freundliches Wort gönnte und ihn, unglücklich wie er war, an ihrer Brust wärmte.

Ostap Duda vom Komitee und ich schrien mit allen hurra, dann guckten wir uns an und kamen ins Nachdenken.

»›Krieg bis zum Sieg‹«, sag ich, »diese Worte sind für uns schlimmer als Gift.«

Der Ostap Duda knirschte mit den Zähnen.

»Und wenn sie uns noch so schöne Worte machen, für uns ist der Krieg aus.«

»Wie solln wir Soldaten klarsehen, wenn sie uns gegen unsere eigenen Offiziere hetzen?«, sagte hinter mir der Gruppenführer Pawljutschenko. »Wir schimpfen ja selber auf sie, aber diese Etappenlaus soll sie nicht beißen. Viel taugen sie nicht, aber sie sind mit uns durch den ganzen Krieg gegangen, haben dasselbe Dörrbrot runtergewürgt, dieselben Drahtverhaue durchkrochen, dieselben Kugeln abgekriegt. Viele von ihnen wie von uns Landsern sind in der Erde begraben, viele liegen verkrüppelt in den Lazaretten …«

Die andern ringsum:

»Richtig.«

»Falsch.«

»Nieder mit den feinen Herrchen.«

Ostap Duda drehte sich nach Pawljutschenko um und schüttelte missmutig den Kopf.

»Du Jahrmarktskasper quakst hier rum und hast keine Ahnung. Ausgerechnet die Offiziere tun dir leid! Die brauchen uns nich leid tun, die meisten von ihnen sind freiwillig im Krieg und peitschen uns gnadenlos zum Angriff vor. Die Intendanten, die sich am Geld der Soldaten rundfressen, sind unsere schlimmsten Feinde. Du sollst ein freier Bürger sein und musst ohne Tabak für fünfundsiebzig Kopeken im Monat dienen, und der Korpsgeneral, das haben mir die Schreibstubenhengste erzählt, der kriegt dreitausend Rubel im Monat. Diese Generäle sind auch unsere schlimmsten Feinde. Den Türken bringt unsere Freiheit keinen Schaden, sie passt bloß denen nicht, die auf weichen Sofas sitzen. Ich war im Sommer auf Urlaub in Tiflis. Schwüle Hitze, über vierzig Grad. Ich geh mit meiner Winterpapacha und meinen Winterhosen durch die Straßen. Die Burshuis fahren mit Kutschen spaziern, in Samt und Seide, vollgehängt mit Gold und Brillanten. Die Offiziere sitzen in den Duchans, die Röcke offen, rauchen Zigarren, süffeln Wein, und la-la, la-la-la-la, la-la, la-la-la, la-la-la-la-la … Ich erzähl euch keine Märchen, ihr könnt in die Stadt Tiflis fahren und euch selber alles angucken. Höchste Zeit, mit denen ihrem Wohlleben Schluss zu machen!«

Es sprachen die Zivildeputierten und unsere Offiziere, es sprachen der Divisionschef und ein Frontkommissar. Sie konnten noch so richtige Worte sagen, wir fanden sie samt und sonders falsch; sie konnten den Soldaten noch so viel Honig ums Maul schmieren, wir schrien, das ist Teer; sie konnten uns noch so freundlich zureden, wir hielten Unsers dagegen:

»Mönche an die Front!«

»Fabrikanten an die Front!«

»Gutsbesitzer an die Front!«

»Polizisten an die Front!«

Einer schrie:

»Wo habt ihr Zar Nikoläuschen gelassen?«

Der im Tuchmantel antwortete:

»Wir denken ihn vor Gericht zu stellen.«

»Ihr denkt zu lange. Ihm gebührt eine kurze Verhandlung. Der Zar und sein ganzes Pack gehören in vierundzwanzig Stunden abgeurteilt, wie sie unsereins abgeurteilt haben.«

»Sie sollen uns Gendarmen und Gutsbesitzer herschicken«, lacht der Artillerist Pimonenko, »die reißen wir selber klein, die lassen wir gar nicht bis zu den Türken.«

»Ostap, erzähl doch von Tiflis, von den grauen Kätzchen …«

»Erzähl … Wir haben denen zugehört, jetzt sollen sie uns zuhören.«

Ostap Duda stieg uns auf die Schultern und legte los. Sein Kehlkopf ist schwer in Ordnung, es war weithin zu hören.

»Meine Herren Deputierten«, schrie er schallend, »ihr habt in Gefängnis und Katorga gelitten, dafür danken wir euch. Ihr habt den blutigen Zaren Nikolaus niedergekämpft, dafür verneigen wir uns tief und danken euch, werden euch ewig danken und auch unsere Kinder und Enkel und Urenkel zur Dankbarkeit anhalten. Ihr habt euch ja für uns eingesetzt, habt Leben und Gesundheit nicht geschont, seid gestorben in Gefängnissen und feuchten Schächten, wie es im Lied heißt. Wir bitten euch, setzt euch noch ein Weilchen für uns ein, befreit unsere Hände von den Ketten des Krieges, führt uns aus der Dreckgasse auf die große Hauptstraße. Ihr habt kein süßes Leben gehabt in der Katorga? Wir habens hier schlimmer als in jeder Katorga. Wir waren drei Brüder, sind alle drei Soldaten geworden. Der eine ist einbeinig zurück nach Hause, der andere ist tot. Ich bin fünfundzwanzig, aber ich tauge weniger als ein hundertjähriger Greis: Krämpfe in den Beinen, der Rücken wird immer krummer, das ganze Blut ist verfault. Seht her, meine Herren Deputierten«, er zeigte in die Runde, »seht her und merkt euch: Diese Berge und Täler sind mit unserm Blut getränkt. Wir bitten euch, als Allererstes den Krieg abzuschaffen, als Zweites die Löhnung aufzustocken, als Drittes das Essen zu verbessern. Wir verneigen uns tief und bitten euch, meine Herren Deputierten, unsern Frauen und Kindern die Tränen zu trocknen. Ihr befehlt: ›Angreifen!‹, und von Zuhause schreiben sie uns: ›Kommt heim, Ihr Lieben, kommt schnell, wir leiden Hunger.‹ Auf wen solln wir hören, an was solln wir denken – ans Angreifen oder an die Familie, die schon das vierte Jahr nicht genug Brot hat? Haben sie euch womöglich hergeschickt, damit ihr uns überredet, immer wieder Blut zu vergießen? Granaten sind knapp, Maschinengewehre sind knapp, einen Sieg kriegen wir genauso wenig zu sehen wie unsere eigenen Ohren, wir scheuchen den Gegner bloß auf, und wieder gehen Kampfhandlungen los. Wir werden hier geschlagen, unsere Familien krepieren im Hinterland vor Hunger. Die Generäle, denen gehts gut, die Burshuis baden in üppigen Blumen, Zar Nikoläuschen lebt fein und in Freuden, und uns wollt ihr zur Schlachtbank treiben? Unsere Geduld ist zu Ende. Nicht mehr lange, dann folgen wir unserm freien Willen, und dann halt dich wacker, Russenland. Dann verlassen wir die Front und brechen auf in Divisions- und Korpsstärke, um das Hinterland zu verwüsten. Wir kommen zu euch in die Kabinette und spießen euch alle, Parteiminister und parteilose Sozialisten, aufs Bajonett! Wenn ich was nicht richtig gesagt hab, seid mir nicht bös, Kameraden, es hat sich angestaut. Macht endlich Schluss mit dem Krieg, so schnell wie möglich!«

Wir:

»Hurra, hurra, hurra …«

Die Deputierten tuschelten, erklärten uns in aller Eile, für wen wir zu stimmen hätten, rein ins Automobil, und ab.

Wir brüllten ihnen hinterher:

»Friiiiieden!«

Unser Regiment stimmte drei Tage lang ab, in direkter und gleicher, geheimer und allgemeiner Abstimmung. Die Urne war mit Wahlzetteln vollgestopft. Bei der Urne wurde eine Ehrenwache aufgestellt, und auf Anordnung der obersten Führung sollten die Stimmen bis auf weiteres im Regimentskomitee aufbewahrt werden.

Das Leben ging weiter, vom Frieden kein Piep.

Die Offiziere bekamen Zeitungen aus Russland, aber uns erzählten sie nichts, so als wie, du bist ja doch bloß ein Gemeiner, ein Hammelkopf, wie sollst du eine Ministerrede kapieren.

Briefe aus der Heimat kamen nur selten an die Front. Sie wurden vor allem Volk vorgelesen wie Manifeste. Die familiären Umstände waren bei allen die gleichen. Die Angehörigen erzählten von ihrem freudlosen Dasein. Wir an der Front leiden, sie im Hinterland leiden auch. Wenn du diese Briefe hörst, rast dir der Zorn durch die Adern, aber gegen wen du ihn kehren sollst, weißt du nicht. Noch größer wird die Sehnsucht, nach Hause zu gehen, Wirtschaft und Familie zu sehen.

So lebten wir und litten und warteten auf den Befehl zur allgemeinen Demobilisierung, gingen nicht zum Exerzieren, machten uns nicht tot bei der Arbeit, das Kartenspielen hing uns zum Halse heraus, und zu rauchen hatten wir nichts.

Kameraden wussten vom Hörensagen, dass in der Stadt Trapezunt auf Meetings die Entlassungsfrage ganz genau erklärt würde. Das Regimentskomitee rief Freiwillige auf. Wir meldeten uns zu dritt, Ostap Duda, der MG-Schütze Sabarow und ich, und gingen nach Trapezunt, um aufzuklären.

Es war die nasse Jahreszeit, Schlamm bis an die Unterlippe, hundert Werst und ein Stückchen sind wir gelaufen, ohne auszuruhen, hatten Angst, zum Meeting zu spät zu kommen. Die Befürchtungen waren umsonst, die Meetings unübersehbar, unüberhörbar – auf den Basaren, in den Duchans, an jeder Ecke ein Meeting.

Auf einem Meeting zeigte sich uns ein unerwartetes Bild:

»Schlagt die Burshuis, nieder mit dem Krieg.«

Wahre Worte!

Mich hats schon geschüttelt vor Zorn, und mir war, als ob mir einer mit dem rostigen Messer am blutvollen Herzen entlangkratzt.

»Hat kein Zweck, Jungs, die Zeit zu vertrödeln«, sag ich, »wir könn noch so die Ohren aufsperrn, Besseres kriegen wir nicht zu hören. Freiheit für alle, alle können frei atmen, und wir armen Schweine sollen im fauligen Schützengraben sitzen und mit den Zähnen klappern. Wir haun mit dem ganzen Regiment ab, und hast du nicht gesehn, sind wir weg.«

Die Kameraden haben mich zurückgehalten:

»Lass, Maxim, wart noch.«

»Wir müssen erst mal wie anständige Menschen Tee trinken und bisschen was essen.«

»Wie ihr meint«, sag ich.

Wir sind in einen Duchan gegangen, der war voller Soldaten.

Die einen trinken Tee, die andern essen Tschebureki, manche kauen nach alter Gewohnheit Brot. Wer Geld hat, zahlt, wer keins hat, isst, wischt sich den Mund und geht. Man weiß ja, der Soldatendienst ist hart und die Löhnung für die Katz. Seit Ende siebzehn kriegen wir siebeneinhalb Rubel, vorher hat der Landser dreiviertel Rubel gekriegt und nicht gewusst, soll er Stiefelwichse kaufen oder Tabak, das letzte Hemd fällt ihm von der Schulter, die Läuse reiten auf ihm, Näh- und Waschzeug braucht er auch. Da zappelt solch ein Verteidiger von Glauben, Zar und Vaterland wie eine Karausche in der heißen Bratpfanne. Der Geldbeutel machts dem Soldaten unmöglich, edel zu sein.

Gespräche ringsum, dass einem die Ohren abfaulen.

»Was für eine Macht ist in Russland?«

»Gar keine Macht ist in Russland.«

»Und die Duma? Unsere Provisorische Regierung?«

»Bei uns sind sämtliche Regierer im Ganzen und stückweise von der Bourgeoisie gekauft.«

»Und Kerenski?«

»Auf den hört doch keiner.«

Auf die Bolschewiken wird geschimpft, sie hätten die Heimat für einen Waggon Gold an die Deutschen verschachert. Grischka Rasputin,22 dieser Hengst, kriegt eine Masse Dreck ab, weil er, der Schurke, sich nicht eingesetzt hat für die Soldaten. Über den Imperator wird hergezogen, dass es nur so staubt.

Ein angetrunkener kleiner Gefreiter krakeelt:

»Alle verdienen sie Prügel: die Bolschewiken und die Menschewiken und die Bourgeoisie mit ihrem goldenen Wanst! Der Soldat leidet, der Soldat krepiert, der Soldat muss die ganze Macht bis zur letzten Kopeke an sich nehmen und gleichmäßig unter sich aufteilen!«

Er redete sich in Hitze, der Hurensohn, und nachdem er genug Tee getrunken, hat er einem Terekkosaken den silbereingelegten Säbel geklaut und sich verkrümelt.

»Ohne Macht ist das Russenland ein Waisenkind.«

»Sei nicht traurig, Landsmann, einer, der Prügel austeilt, findet sich immer …«

»Herrlich.«

»Das Herrlichste kommt erst noch.«

»Wo ist der Kopf, der es besser weiß als alle andern?«

»Jeder Kopf weiß es am besten.«

»Und die Konstituierende Versammlung?«

»Die kannste vergessen!«, lacht ein sibirischer Schütze unter seiner schwarzen Papacha. Er holt ein Papier aus dem Ärmelaufschlag und zeigt es uns. »Auf die is was geschissen, was die kann, könn wir allemal. Lest, Landsleute, lest laut vor, ich steh hier vor euch mit allem Drum und Dran: Sibirisches Regiment, Katorgabataillon, Läusekommando.«

Das Papier, ein Mandat, hat ihm das Kompaniekomitee ausgestellt, welchselbiges Kompaniekomitee es ihm mit allen Schikanen zur Vorschrift macht: Erstens, der revolutionäre Soldat Iwan Sawostjanow wird von der türkischen Front in seine Heimat, Gouvernement Irkutsk, versetzt und fährt auf Kosten der Republik mit dem schnellsten Eilzug; zweitens, die Etappenkommandanten sämtlicher Bahnstationen haben besagten Iwan mit allen Arten von Tee und Warmverpflegung zu versorgen; drittens, als eifrigem Jäger ist ihm erlaubt, fünf Pud scharfe Patronen und ein Gewehr in die Heimat mitzuführen; viertens und fünftens und zehntens – lauter Vorteile und Privilegien!

Ein Mandat – oho! Man liest einen halben Tag dran.

»Wo hast dus her?«, haben wir ihn gelöchert.

»Da gibts keins mehr.«

»Sags trotzdem.«

»Ratet mal.«

Wir haben uns neidisch mit einem ganzen Schwarm an den Sibirier gehängt und gebohrt: sags und sags.

»Für n Dreier vom Kompanieschreiber gekauft.«

»Waaas?«

»Bei der heiligen Ikone«, sagt er und lacht. Und wie er lacht, der Hundesohn, ganz elend ist uns geworden.

Was mancher für Schwein hat!

Iwan Sawostjanow schob das Mandat in den Ärmel, wuchtete den Patronensack auf die Schultern, guckte uns stolz an und ging zu seinem schnellsten Eilzug.

In der Stadt Trapezunt hab ich den Kosaken Jakow Blinow getroffen, den Gevatter und Mitstanizler, also doppelt mit mir verwandt. In früheren Zeiten waren wir keine besonders guten Freunde, er als geborener Kosak23 hat mich, den Mushik, scheel angesehen, aber jetzt haben wir uns mächtig gefreut.

»Grüß dich, Jakow Fjodorowitsch.«

»Grüß dich, Landser.«

Wir haben uns umarmt und abgeküsst.

»Wohin?«

»Nach Haus.«

»Wie soll das gehn?«

»Ich schwörs bei Gott, nach Haus«, sagt er.

»Der Befehl …«

»Ich befehl mir selber.«

»Spinnst du?«

»Ich sags, wies ist.«

»Wie das?«

»Einfach so.«

»Aber wie denn nun?«

»Eben so.« Er lacht.

Auf dem Buckel trägt er seine Frontwaffen, Säcke aus Teppichzeug und den silberbeschlagenen Sattel von zu Hause.

»Haun wir ab nach Hause, zum Kuban, Maxim, zu den leckeren Wareniki, in die grüne Steppe, zu unsern heißen Weibern. Scheiß was auf den Krieg, der soll zum Teufel gehn, der verfluchte, ich hab die Schnauze voll.«

»Jakow, ich hab auch die Schnauze voll, mir tut schon das Herz weh, aber wie willst du hinkommen? Das ist kein Katzensprung.«

»Ach was, wir fahrn einfach los. Alle fahren, alle laufen. Unser viertes Plastunbataillon hat auch die Front verlassen. Wir sind hierher, haben das Schiff festgesetzt, am Abend steigen wir ein, und los, Maschinist, schmeiß die Kiste an, geh auf Fahrt!«

Ich seh, tatsächlich, der Wind kräuselt das Meer, und bei der Anlegestelle wartet das Schiff auf Jakow.

Da bin ich in Zwiespalt geraten – mitfahren oder nicht? Vor den Regimentskameraden wars mir bisschen peinlich, sie schicken mich als einen der Ihren los, und ich hau ab? Um die Schnurknäuel, ehrlich, hats mir auch leid getan.

»Nein, Jakow, das is nichts für mich.«

»Schön dumm.«

»Wer weiß … In unserer Familie ist noch nie einer desertiert. Großvater Nikita hat fünfundzwanzig Jahre gedient und ist nicht weggelaufen.«

»Mein Lieber, was zu Olims Zeiten war, das könn wir jetzt vergessen. Wenn du nicht mitkommst, machst du einen Fehler, denk an meine Worte.«

»Grüß mir die liebe Heimat. Besuch meine Marfa und die Verwandten. Bestell ihnen eine Menge Grüße. Sie solln nich jammern, ich komm auch bald. Mach Marfa die Freude und sag ihr: An der Front wird nich mehr gekämpft, wer noch lebt, wird am Leben bleiben. Und bestell der Marfa ganz streng von mir, sie soll das Haus hüten und das letzte Pferd nich verkaufen. Ich komm zurück auf den Hof, da brauch ich das Pferd.«

Jakow hörte mir zu und auch nicht, zwirbelte den Schnauzbart, griente.

»Spendier eine Flasche, dann bring ich dir bei, wie man sich von der Front verabschiedet, sonst singst du hier noch lange deine Soldatenlieder.«

»Du bringst mir noch bei, durch einen Reifen zu springen.«

»Ich red im Ernst.«

»Gut, brings mir bei, auf eine Flasche solls mir nicht ankommen, die spendier ich.«

»Ihr müsst mit dem ganzen Regiment bei den Bolschewiken eintreten, dann könnt ihr mit Gott fahren, jeder, wohin er will.«

Diese Worte sind mir vorgekommen wie Spott, und ich frag ihn:

»Hast du gehört, was sie hier über die Bolschewiken reden? Dass sie uns verkauft haben.«

»Quatsch!«

»Wirklich?«

»Der Hund kläfft auch den Bischof an.«

»Was sind das für welche, die Bolschewiken?«

»Eine Partei: Nieder mit dem Krieg, Frieden ohne Kontributionen. Die richtige Partei für uns.«

»Ob das stimmt, mein Lieber?«

»Heilig wahr.«

»Bist du auch Bolschewik?«

»Klar.«

»Nach Hause also?«

»Grade Strecke, Rückenwind.«

Da ist mir das Herz schwer geworden.

Nun fährt der Kosak in die Heimat, denk ich, und ich muss über hundert Werst zurück durch den Schlamm, und wieder die scheußlichen Schützengräben. Aber dann hab ich an meine Kompanie gedacht und an meine Kameraden, mit denen ich mich so oft gegen den Tod gewehrt hatte. Und da hab ich fest gesagt:

»Nein, Jakow, geht nicht. Zu Weihnachten kannst du mich erwarten, da schlachtest du ein fettes Schwein, brennst kräftigen Schnaps, und ich komm zu Gast.«

»Das ist noch lange hin.«

Wir beide haben im Duchan eine Flasche Wein ausgetrunken und sind ans Wasser. Der Kosak hat mir von seinem Dienst erzählt:

»Zwei Winter lang ist unser Bataillon bei Erzurum über die schneelosen Wege marschiert. Zwei Winter lang haben die Kosaken Kohldampf geschoben, Stein und Bein gefroren, zu Gott gebetet und Gott verflucht, und hinter uns sind Gräber und Kreuze zurückgeblieben. Du denkst an zu Hause: Dein Land ist mit dem Blick nicht zu umfassen, den Hof hast du voll Vieh, das Geflügel brauchst du nicht zu zählen, deine Frau ist wie in Sonne gebadet, sie sitzt am Fensterchen und vergießt vor Sehnsucht schwere Tränen. Und du bist voller Gram und Kummer in der Fremde, du sitzt in der verfluchten Scheißtürkei, bist zu Tode erschöpft und nagst am Hungertuch. Von weitem lächelt dir die Freiheit, alle Schlingen und Knoten sind geplatzt, da ziehts dich nach Hause. Es zieht, nicht zum Aushalten. Bei uns im Bataillon war so ein politischer Kosak, ein Bücherwurm, der hat gesagt: ›So und so, Brüder, wird Zeit, dass auch wir uns besinnen.‹ Da haben wir Kosaken uns den Kopf zerbrochen, haben über unser Hundeleben gesprochen und beschlossen, das ganze Bataillon geht über zu den Bolschewiken.«

»Ihr traut euch was.«

»Meine Rede.«

»Da kann ich nur staunen.«

Der Hafen wimmelte von Soldaten, die Soldaten schwirrten im Hafen wie Mückenschwärme.

Jeder hat ein Gewehr; Kochgeschirr und Feldflasche klappern. Mit Krach und Lärm wälzen sich immer neue Massen aus der Stadt und den Vorstädten heran, stolpern übereinander, brüllen wie die Bullen, die Bretter der Anlegestelle biegen sich durch unter ihnen, jeder schreit, jeder drängt aufs Schiff, dort ist schon kein Platz mehr, sogar am Schornstein hängen zehn Mann.

Vom Dach des Büros an der Anlegestelle hält ein Junker Jakowlew aus Noworossisk eine Rede, die Pelzmütze mit Bortendeckel schief auf dem Kopf, den Soldatenmantel weit offen. Er flucht auf die Burshuis und lobt die Bolschewiken, er schimpft mit hundsgemeinen Ausdrücken auf die Provisorische Regierung und lobt die bolschewistischen Deputiertensowjets24 über den grünen Klee, er ruft alle auf, in die Rote Garde25 einzutreten und die überzähligen Waffen irgendeinem Kriegskomitee zu verkaufen.

Manche bleiben stehen und hören zu, andere gehen weiter.

Mein Gevatter wickelt eine Binde um den gesunden Arm und schreit:

»Auseinander, ihr lausige Bande, lasst einen Verwundeten durch!«

Die Soldaten treten auseinander, machen dem Kosaken Platz. Er gelangt auf das Schiff und winkt mir von dort mit der Papacha.

»Machs gut, Maxim, überlegs dir noch mal.«

»Überlegt hat die Oma am Waschtrog.«

Der Dampfer brüllt los, zittert und fährt, schwimmt wie ein weißer Ganter.

Die an Land Gebliebenen hätten vor Wut Erde fressen mögen, sie fluchten wüst auf Kreuz und Gott, auf Schwanz und Fott.

Der Dampfer

weiter

weiter

und kauuum zu hören:

»Fern aus dem tiefen Süden,

fern aus dem Türkenland

reichen wir dir, Heimat,

die treue Sohneshand …«

Ich hab meinen Kameraden zugeredet, keine Zeit zu verlieren und schnellstens zum Regiment zurückzukehren. Ich erzählte von meiner Begegnung mit Jakow Blinow, von seiner Kosakenpfiffigkeit und seinem Schneid.

Wir standen da und unterhielten uns friedlich. Die Nacht stieg auf über der Stadt und dem Meer, in den Straßen bummelten Soldaten ohne Angst, in einer Marschkompanie zu landen, und sangen aus vollem Halse russische Lieder. Auf einmal hörten wir Geschrei: »Hurra, Hilfe, Allah-Allah!« Auf dem Basar waren Artilleristen über die Asiaten hergefallen, sie nahmen die Stände und Läden auseinander, alle möglichen Waren lagen offen rum, such dir aus, was du willst.

Der MG-Schütze Sabarow verkrümelte sich und blieb in der Stadt, Ostap Duda und ich steckten uns Zigaretten an und marschierten zurück zur Stellung.

Um uns zu hören, lief das ganze Regiment zusammen.

Die Soldaten standen gedrängt, Schulter an Schulter, Kopf an Kopf.

Ich bin auf ein Fuhrwerk gestiegen und hab laut gesprochen, damit es jeder hörte:

»Frontkämpfer … Landsleute … Ich will euch sagen, was für ein unerwartetes Bild sich uns in Trapezunt gezeigt hat.«

Ich steh über dem ganzen Regiment.

Tausende Augen durchbohren mich, Tausende Schultern stützen mich. Ich spür keine Beine unter mir, keinen Kopf über mir. Wie ein Besoffener schwing ich die Fäuste und schildere ihnen auf Ehr und Gewissen unsern Marsch nach Trapezunt – wen wir gesehen, was wir gehört, für welche Sünden wir unser Blut vergießen, wo der Haken liegt und wo das Geheimnis.

Der Schweiß ist nur so an mir runtergelaufen, solange ich sprach.

Die einen schreien: stimmt, die andern: richtig, und noch andere brüllen bloß vor Wut.

Ich hätt am liebsten immer weiter geredet und geredet, bis der letzte Lumpenlandser kapiert, um was es geht und was der Kern ist.

Ostap Duda, den hat auch die Raserei gepackt, wie ein Tier war er, bis ganz oben stands dem Mann vor Wut. Er hat mich weggestoßen und geschrien:

»Russland … Was ist das für ein Russland? Eine Lasterhöhle der Bourgeoisie. Schluss mit dem Krieg! Weg mit den Waffen!«

Eine Soldatenkehle ist wie eine Kanonenmündung.

Tausend Kehlen – tausend Kanonen.

Aus jeder Kehle Geheul und Gebrüll.

»Eingegraben haben wir uns …«

»Nieder …«

»Red doch, red weiter.«

»Schluss mit der Not und der Quälerei.«

»Soll doch Krieg führen, wer lebensmüde ist.«

»Dreihundertsieben Jahre gelitten.«

»Nieder mit dem Krieg!«

»Weg mit den Waffen!«

»Nach Hause!«

Lange dröhnte das Geschrei über dem Regiment, wie Bomben explodierten scheußliche Flüche, dann leiser

leiser

und Schweigen.

Ich drehte mich um.

Ostap Duda drehte sich um.

Hinter uns auf dem Fuhrwerk stand Polowzew, unser Regimentskommandeur, wie der garstige Tod. Er zerrte am Schnauzbart, sah uns wütend an, und seine Visage war puterrot.

Das Regiment fürchtete Polowzew wegen seines grausamen Charakters – Seine Wohlgeboren hatten eine harte Hand –, und es liebte ihn für seine Offizierstapferkeit. Unter den Offizieren gabs wenig Draufgänger, meistens trommelten sie die Siegesmärsche auf der Soldatenhaut, aber er hatte den ganzen Dienst mit dem Regiment mitgemacht. Bei Esercan war er zweimal vor der Schützenkette her zum Bajonettangriff vorangegangen und hatte eigenhändig auf die Türken eingedroschen; eine Kugel hatte ihm die Schulter durchschlagen, eine andere ihn am Bein verletzt, aber er hatte sich nicht ins Hinterland abgesetzt und kurierte sich im Feldlazarett bei seiner Truppe. Er ging auch gern auf Spähtrupp und hatte bei Mamahatun zwei Kurden mitsamt ihren Pferden in Gefangenschaft geführt.

»Soldaten!«, kläffte der Kommandeur, aber keiner zeigte ihm die Augen, keiner hob wie früher den Kopf bei seinem Anruf. »Soldaten, wo ist euer Gewissen, wo ist eure Ehre und wo eure Tapferkeit?«

Aber über unsere frühere Tapferkeit waren wir schon längst nicht mehr froh. Wir standen da, die Augen zu Boden.

Der Kommandeur sprach vom Heldenmut unseres Regiments und von der Dienstpflicht und redete ein Zeug zusammen, dass es nicht anzuhören war – Heimat, Abgrund von Schande, Kampf in aller Welt und lauter solchen Mist.

Die Köpfe der Soldaten hingen schwer gesenkt.

Er redete Seins, wir dachten Unsers. Einer kratzte sich im Hosenschlitz, ein anderer unterm Hemd.