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Anmerkung der Autoren: Alle Erlöse aus den Verkäufen gehen als Spenden direkt an unsere Freunde von Café con Leche (https://www.cafe-con-leche.org) und an Sophia Kirst Art (Instagram: @sophiakirst.art) für ihren Beitrag der wunderbaren Illustrationen zu diesem Buchprojekt: _ "Die Wanderschaft verschlägt einen einsamen Barden auf eine belebte Burg. Von hier an werden sein Weg und seine Welt nie mehr dieselben sein... Denn jene Veste Falkenstein, Sie lädt zu manchem Tanze ein, In wildem Kreis, von Stein zu Stein, Mit Blut und Wein, in Glut und Schein"
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Seitenzahl: 83
Veröffentlichungsjahr: 2020
Illustrationed Von Sophia Kirst Cover und Gestaltung von Alex Haida & Clara Specht
All that is gold does not glitter,
Not all those who wander are lost,
The old that is strong does not wither,
Deep roots are not reached by the frost.
- J. R. R. Tolkien, The Lord of the Rings
A man can not spin a character out of his own inner consciousness and make it really life-like unless he has the possibilites of that character within himself.
- Adrian Conan Doyle
Dead men are heavier than broken hearts.
- Raymond Chandler, The Big Sleep
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Falkenstein veränderte alles.
Ich erinnere mich noch genau an ihren Anblick als ich sie plötzlich vor mir sah: Diese nicht majestätische, aber aus irgendeinem Impuls mir sofort sympathische Veste. Sie war umgeben von einer wogenden Weide, die zu allen Seiten in den Wald mündete, aus dem ich kam.
Der Ritt auf den sanften Hügel von dem sie sich erhob erfüllte mich mit Hoffnung und Zuversicht. Ein paar gesellige Tage, vielleicht ein zwei gute Mahlzeiten und ein Nachtlager, das darauf ausgelegt ist, dass man sich darauf mehrmals zur Ruhe legt – genau das brauchten meine müden Knochen jetzt.
Es war März und die ersten grünen Sträucher und Blumen erwachten. Die Bäume reckten in stillem Triumph ihr erstes, junges Grün der Sonne entgegen und das Unterholz raschelte lebhaft. Mir war nicht ganz so lieblich zumute wie Mutter Natur: Mein Esel Rino und ich hatten einen harten Winter hinter uns.
Im Kreise eines fahrenden Zigeunervolkes waren wir mehrere Monate vom Südwesten in Richtung Zentrum des Landes gezogen. Mein Lautenspiel war ausreichend gewesen, um ihre Sympathie kurzweilig zu gewinnen und sie so zu einem Zweckbündnis zu überreden. Ich unterstützte sie nach bestem Gelingen auf der Jagd und sonstigen Arbeiten und sie erlaubten uns, mit ihnen nachts das Feuer zu teilen. Wir kamen soweit gut miteinander aus, aber letztlich war es wohl am ehesten die zusätzliche Beute meiner Steinschleuder, die Akzeptanz unter ihnen schaffte.
Wir hatten uns vor drei Tagen getrennt – im Sommer komme ich besser allein zurecht – und ich hoffte auf eine bequemere Übernachtung an jenem Abend, als ich mit Rino langsam auf die Burg zu trottete. Der arme Teufel konnte weiß Gott auch eine Auszeit brauchen und ich kraulte ihm den Kopf.
Am Tor angekommen spannten sich dann meine Sinne, die Müdigkeit wich einem hellen Wachgefühl und ich bereite mich darauf vor, auf jede mögliche Aktion passend zu reagieren. Hier würde sich wie stets entscheiden, ob wir überhaupt in die Burg kamen...
Der Pförtner war ein klotziger Geselle mit nahezu vollkommen kahlem Kopf, mehreren Zahnlücken, trüben Augen und riesiger Nase. Er trug ein grau-braunes Wams unter einem leichten Kettenhemd und hielt in der rechten Faust eine Hellebarde mit so eisernem Griff, als sicherte er einhändig einen Schiffsmast an der Bruchstelle. Als läge das Heil der Besatzung zwischen seinen Fingern und Daumen. Ich stieg frühzeitig ab und führte Rino gemächlich auf den Klotz zu, der uns ebenso früh wie breitbeinig den Weg versperrte. ''Wer seid ihr und was wollt ihr?'', bellte er mit tiefer Stimme.
''Mein Name ist Kaspar Feuerdahn, ich bin weit gereister Spielmann und biete mit Freuden Eurem Herrn meine Dienste an.'' Demut war stets ein Versuch wert zu Beginn. Dumme Witze oder gar Spott wären hier nicht zielführend.
''Das Fest ist erst in einer Woche...'', raunte er mit einer abwertenden Handbewegung, die mir zu verstehen geben sollte, ich solle besser zurück in den Wald kriechen und mit dem Viehzeug im Dreck kauern. Das war zu wenig.
''Ich würde gerne eurem Herrn ein Vorspiel präsentieren. So kann er sich von meinem Können überzeugen.'' Ich linste an ihm vorbei in den Hof der Burg. Eine leichte Brise wehte mir ein paar Gerüche in die Nase, die ich zu lange nicht gerochen hatte. Und dieser Hohlkopf trennte mich von den warmen Feuern der Burg!
''Willst mich wohl für dumm verkaufen!?'', brauste er auf und trat einen entschlossenen Schritt vor. Waren meine Chancen bisher nicht gut gewesen, so waren sie nun schlecht. Ich wich aus Instinkt einen kleinen Schritt zurück und musterte kurz die Zinnen: Keine Armbrüste, durchatmen.
''So hört mich doch an, ich habe stets meine Burgherren durch mein Spiel fabelhaft unterhalten.'' Das war gelogen, aber nicht unangebracht, schien doch mein Gegenüber selbst alles andere als unfehlbar zu sein. Sein Blick verfinsterte sich.
''Durchfuttern willst du dich... hier einnisten wie die Made im Speck.'' Er nahm seine Aufgabe ernst. Wahrscheinlich, weil ihm sonst wenig blieb wie meistens bei solchen Kameraden. Ich aber beschloss, jetzt auf keinen Fall zurückzuweichen. Zunächst musste ich Zeit gewinnen, am besten so lange, bis die Auseinandersetzung jemanden auf den Plan rief, der den Klotz zurechtweisen konnte und bei dem meine Sympathien vielleicht besser lagen. Leichte Gegenwehr war also angesagt:
''Unfug! Ich bin der beste Spielmann, den du hier weit und breit finden kannst und das stelle ich mit größtem Vergnügen unter Beweis.'', erwiderte ich bissig. Ob das stimmte, wusste ich schlichtweg nicht, doch das sorgte immer für Aufmerksamkeit.
Bei ihm machte sich jene im Fletschen seiner braungelblichen Zähne bemerkbar:
''Jetzt hör mal zu, du - '', ruckartig erstarrte er und seine milchig-blauen Augen klebten an einem Punkt über meiner linken Schulter fest. Meine Ahnung, dass in meinem Rücken etwas über ihm in der Nahrungskette aufgetaucht war, festigte sich, als er sogleich eine demütige Haltung annahm und seine breite Gestalt gen Boden beugte. Ich aber wollte erst sehen, wie groß der Fisch wirklich war, bevor ich in den Dreck kroch. Langsam und leicht gespannt drehte ich mich um.
Der Herr, der vor mir im Sattel eines stolzen, prachtvollen Pferdes thronte, machte schon durch seine Haltung deutlich, wie die Rollen verteilt waren. Die etwas grob behauene Krone auf seinem Kopf half allerdings ebenfalls, auf seinen Stand zu schließen. Er trug ein tiefblaues Jagdgewand, das an der gesamten Vorderseite kreuzförmig von blass-goldenem Stickmustern durchzogen war und als Beinkleid geschmeidige Lederelemente enthielt, die leichte Gebrauchsspuren zeigten. Feste Stiefel sowie ein blutroter Umhang
umrahmten seine Gesamterscheinung auf dieselbe Weise, in der sein dunkelblonder Bart in sein kräftiges Haar an den Ohren überging. Ich schätze ihn auf nicht älter als dreißig Jahre.
''Was geht hier vor, Ulle?'', fragte er ruhig, aber bestimmt, nachdem er mich kurz gemustert hatte und ich seinem Blick nicht ausgewichen war. Während ich noch an dem Gedanken hing, ob ich diesem Grobschlächter einen treffenderen Namen hätte geben können und zu keinem befriedigendem Ergebnis kam, ergriff Selbiger auch schon das Wort und rechtfertigte zittrig und schnell sein Vorgehen:
''Dieser Bettler will sich laben an den Vorräten eurer geliebten Veste wie die Maus am Käse, eure Majestät! Kümmert euch nicht weiter drum, ich werde ihm schon Beine machen!!'' Bei seinen letzten Worten baute er sich wiederum auf - ich musste handeln.
''Mein Herr'', sagte ich und verbeugte mich leicht, ''erlaubt mir zu sprechen.''
Es war klar, dass ich in einem Wortgefecht mit dem Kahlkopf keinen guten ersten Eindruck machen würde. Viel wirkungsvoller war es, mich gleich an den Herrn des Hauses zu wenden, war er doch von vornerein mein Ziel. ''So sprich.'', antwortete er.
''Ich bin der famose Kaspar Feuerdahn, des Landes kühnster Spielmann und Bote von Heldentaten der tapferen Recken und holden Prinzessinnen unserer und vergangener Zeiten und biete euch freudig meine Dienste an.'' Bei den Herren hoch zu Ross kam ein kecker Ton von Seiten eines Spielmanns wesentlich besser an. Im Dreck kroch schließlich jeder vor ihnen und so entschied ich mich für diese Art von Vorstellung. Ähnlich wie man den ganzen Ast des Baumes auch stärker schüttelt, als einen einzelnen Zweig, um unbeschadet an dessen Früchte zu gelangen.
Außerdem war dies einer der wenigen Wege, mich ihm zu nähern und seine Zuneigung zu gewinnen. Ich tat dies
wohl eher weniger durch mein dunkelrotes Stirntuch oder meine Landstreicher-Kleidung, die ich selbst aus grünen, braunen und schwarzen Flicken und Lederresten zusammengenäht hatte.
''Das sind große Töne, die Ihr da von Euch gebt...'', sagte er mit vor Zweifel gerunzelter Stirn. Grübelnd fasste er sich das Kinn, ohne mich aus den Augen zu lassen. ''Und doch wäre ein Spielmann zum Fest eine wahre Bereicherung. Doch zuerst werdet Ihr euer Können unter Beweis stellen müssen!'' Meine Miene hellte sich auf.
''Es wäre mir eine Ehre und ein Vergnügen, eure Majestät! Wann beliebt es Euch?''
''Ich will ein Bad nehmen und mein Gewand ablegen. Dann will ich euer Vorspiel hören. Wartet auf mich im Thronsaal zur Mittagsstunde.''
''Habt tausend Dank, mein Herr!'' Ich verbeugte mich erneut, diesmal tiefer als bei meiner Begrüßung und musterte nochmal geschwind ihn und seine Gefolgschaft von fünf Mann, als sie vorbeizogen. Sie hatten ein Reh und zwei kleinere Wildschweine erlegt, wahrscheinlich eine wesentliche Wurzel für die gute Laune des Königs. Dann griff ich Rino am Zügel und herzte ihn kurz, bevor ich galant vorbei an Ulle in die Toröffnung schritt. Er gab mir ein ''Ich beobachte dich, Zigeuner...'' mit geschlossenen Zähnen auf den Weg gepaart mit einem Blick von der Sorte, die der Fleischer seinem Gehilfen gibt, wenn ein gutes Stück Fleisch fehlt, Beweise für den Dieb aber auch.
''Das will ich doch hoffen, mein Freund!'', gab ich munter mit einem Kopfnicken zurück. ''Schließlich lebe ich davon...''
Im Innenhof der Burg herrschte reges Treiben. Irgendwo schlug ein Schmied eine Klinge und ein kleines Dorf aus zusammengezimmerten Hütten und Zelten bot einen geschäftigen Eindruck. Offenbar war Markt und der Platz des Hofes wurde bis in seine Winkel voll ausgenutzt. Kinder und Hühner tobten am Boden, Verkäufer preisten lautstark ihre Waren an und ich drängte mich stückweise durch den Strom von Menschen, die wie Ameisen in einem Bau durcheinander liefen.
