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Ryu Etoile hat seit ihrem Unfall, bei dem sie ihre Eltern verlor, all ihre Erinnerungen verloren. Sie befindet sich in einem Krankenhaus und beobachtet, wie seltsame Dinge um sie herum geschehen. Sie lernt dort Anna kennen, die sich mit ihr anfreunden möchte, doch eines Tages benimmt sich Anna sehr eigenartig und bringt Ryu gegen ihren Willen in einen Zug. Als der Zug endlich zum Stillstand kommt, trifft sie weitere Personen, die sich aber alles andere als normal benehmen. Aus Angst, alleine an dem einsamen Bahnhof zurück zu bleiben, folgt sie diesen Leuten und gelangt so in eine Internatsschule, in der sie offenbar schon erwartet wurde. Als sie diese Schule betritt, scheint ihr Schicksal schon besiegelt. Sie begegnet dort einem Mann, der wahrscheinlich den Tod ihrer Eltern verursacht und alles inszeniert hat, um Ryu in diese Schule zu locken. Er erklärt ihr, dass er sie leiden sehen will und Ryu versteht erst sehr spät, was er damit meint. Das Internat ist keine normale Schule, was Ryu bald schmerzlich erfahren muss. Bei Schülern und Lehrern stehen Menschen auf der Speisekarte ganz oben und Ryu muss jeden Tag um ihr Leben bangen. Ryu versucht zu fliehen, aber überall lauern tödliche Gefahren. Das Spiel fressen und gefressen werden beginnt. Lassen sie sich von einer spannenden Fantasy-Horror-Story mitreißen und lernen Sie Kreaturen kennen, von denen eine tödliche Gefahr für die ganze Menschheit ausgeht. Trilogie der Finsternis Band 1: Blut zu Blut Band 2: folgt Band 3 folgt
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Seitenzahl: 593
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Janaina Geismar
Blut zu Blut
Trilogie der Finsternis 1
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Impressum neobooks
Lichtstrahlen kämpften sich zwischen den Betonbauten hindurch. Der Himmel färbte sich orange und verblasste langsam, bis er gelblich wurde. Große Schatten wurden geworfen, die länger waren als die Gebäude selbst. Als würde etwas Böses in ihnen lauern, zogen die Schatten über die Stadt hinweg. Der Himmel wurde heller und die Sonne mühte sich höher und höher, um die Schatten zu verdrängen, wie jeden Morgen, doch von Tag zu Tag wurden die Schatten zäher und ließen sich nicht so einfach zu vertreiben.
Mehrere Augenpaare huschten durch die Schatten, zusammengepfercht wurden sie nervös.
Mehrere schwarze Federn flogen umher.
Ein ohrenbetäubender Lärm überdeckte den lieblichen Gesang eines jeden Singvogels, der den Tag begrüßen wollte. Die Schatten wurden kleiner und gaben nach.
Die Dunkelheit musste sich in kleine Gassen und Winkel zurückziehen. Die vielen Augenpaare besaßen kein Versteck mehr, doch sie waren zufrieden. Das, was sie monatelang suchten, hatten sie gefunden. Unzählige Schwingen hoben sich in die Luft und schwarze Vögel flogen krähend auf die Sonne zu, als wollten sie die Sonne beschuldigen, ihnen ihre Singstimme und die Farbenpracht ihres Gefieders geraubt zu haben.
Sie krähten, als würden sie dies nun zurückfordern, doch je heller es wurde, desto mehr grenzte sich ihr schwarzes Gefieder von der farbenprächtigen Umgebung ab.
Doch sie gaben nicht auf, bald würde jeder sie wegen ihres Gesangs und prächtigen Federkleids beneiden. Die schwarzen Vögel flogen auf Seite, unter ihnen zeigte sich nach und nach ein mittelgroßes Gebäude, es besaß keine besonderen Merkmale.
Es war ein schlichtes rechteckiges Haus, dessen verschmutzte und teilweise abgeblätterte Farbe leblos erschien wie die meisten Gebäude dieser Stadt.
Ein altes Schild hing an der Hauswand herunter und wurde nur teilweise beleuchtet.
Die Fenster des Gebäudes waren dunkel und geschlossen. Nur ein Fenster war geöffnet, doch die Sonnenstrahlen mussten zuerst ein Gitter durchdringen, bevor sie den Raum erhellen konnten. Der Wind wehte gegen das Gitter und brachte schwarze Federn mit, doch nur eine kleine Feder schaffte es in den Raum.
Sie flog auf eine junge Frau zu, die schlafend in einem Bett lag. Mehrere Kabel lugten unter der Bettdecke hervor und führten zu einem Gerät, auf dessen Display Zahlen und Linien aufleuchteten.
Die Feder flog an dem Gerät vorbei und legte sich auf die Stirn der schlafenden jungen Frau.
Sie öffnete die Augen, ihre weiten dunklen Pupillen zogen sich langsam zurück und passten sich an das Licht an. Ihre braune Iris gab sich zu erkennen, die Augenmuskeln arbeiteten wieder nach so langer Zeit. Die junge Frau fühlte ein Kribbeln auf der Stirn, sie versuchte die Hand zu heben, doch das Einzige, was sie zustande brachte, war ein Zucken der Fingerspitzen.
Das Kribbeln wurde unerträglich, plötzlich zitterte ihr rechter Arm und mit viel Mühe konnte sie ihre rechte Hand zur Stirn führen.
Ihre Fingerspitzen berührten etwas Weiches, mit ihrer ganzen Hand griff sie danach und ließ anschließend die Hand sinken. Ein vertrautes Gefühl durchströmte ihren Körper und ihre Kraft kehrte allmählich zurück. Die junge Frau richtete sich auf. Plötzlich hörte sie Schritte, die immer näher kamen, bis sie verstummten und sich die Tür knarrend öffnete.
Zwei Leute betraten den Raum, darunter war ein Mann, der eine weiße Hose und einen weißen Kittel trug. Die zweite Person war eine Frau, die ihre Haare nach oben gesteckt hatte und einen schwarzen Rock und einen weißen Kittel an hatte.
Beide Personen waren ihr fremd, alles war fremd, nur das, was sie in der rechten Hand festhielt, schien ihr vertraut.
Der Mann nahm sich einen Hocker und setzte sich zu der jungen Frau ans Bett. In seinem Händen hielt er ein Klemmbrett, sein Blick war auf die junge Frau gerichtet. In seinem Augen spiegelte sich kein Funken Wärme, nur pure Kälte lag in seinem Blick.
Die Frau, die neben ihm stand, musterte sie. Der Mann räusperte sich und schaute entschlossen. „Nun, und wie geht es dir heute?,“ fragte er. Die junge Frau starrte ihn an, ihre Lippen öffneten und schlossen sich unendlich langsam. Der Mann nickte und warf der Frau einen Blick zu, unverzüglich schrieb sie wieder etwas auf ihr Klemmbrett.
„Mein Name ist Doktor Grabowski und dies ist meine Assistentin Natalia Sorokin, du befindest dich in einem Krankenhaus“, sagte der Mann.
„Du lagst ein Jahr im Koma. Die Folgen können Gedächtnisschwund sein, Amnesie. Dein Name lautet Ryu Etoile. Wir werden alles tun, damit du wieder zu Kräften kommst. Frau Sorokin wird dir etwas zu essen bringen. Wenn du dich ein wenig erholt hast, reden wir weiter“, sagte Doktor Grabowski. Er stand auf und ging aus dem Zimmer. Frau Sorokin setzte sich nun auf den Hocker und lächelte.
Sie holte eine Spritze aus ihrer Kitteltasche und sagte: „Keine Angst, es wird nur ein wenig piksen." Ryu nickte kurz und schaute aus dem Fenster. Dann legte sich die Hand der Assistentin auf ihren Arm.
Anstatt ihrer Körperwärme fühlte sie diese künstlichen kalten Handschuhe und anschließend ein Stich. Wärme strömte in ihren Arm, ihre Lippen wurden trocken und ihre Augenlider immer schwerer, bis eine plötzlich aufkommende Müdigkeit sie in tiefen Schlaf sinken ließ.
Ryu wurde wach. Sie wollte allerdings nicht ihre Augen öffnen und diese Bequemlichkeit verlassen, in der sie sich befand. Es war warm, allerdings nicht zu warm, und sie fühlte sich so entspannt, dass es ihr große Mühe kostete , sich aus diesem Zustand zu befreien.
Sie öffnete ihre Augen, es herrschte Stille, draußen wurde es schon dunkel. Als sie auf dem Beistelltisch ein Tablett bemerkte, meldete sich ihr Magen mit lautem Knurren.
Sofort griff sie nach dem belegten Brot, biss hinein und spürte, wie nach und nach all ihre Sinne wieder zurückkehrten. Ihre Geschmacksnerven hatten etwas zu tun und ihre Sinne begannen zu begreifen, was rings um sie geschah. Trotz des Verlustes ihrer Erinnerungen erkannte sie das hohe Summen einer Mücke, ihr Körper reagierte darauf mit einer Gänsehaut.
Sie schaute aus dem Fenster und bemerkte, dass es schon stockfinster war. Damit nicht weitere blutrünstige Mücken eindringen konnten, versuchte sie aufzustehen, um das Fenster zu schließen.
Sie konnte sich aufrecht setzen und berührte langsam mit ihren nackten Füßen den eiskalten Boden. Die Kälte drang sofort durch ihre Zehen, so dass sie zusammenzuckte. Mit einem Ruck verlagerte sie ihr Gewicht auf beide Füße und erkannte schnell, dass es gar nicht so einfach war, das Gleichgewicht zu halten.
Das, was für jeden Menschen selbstverständlich ist, musste sie erst wieder lernen. Sie machte ein Schritt nach dem anderen, noch unbeholfen, sie schwankte und drohte zu stürzen, doch es gelang ihr, sich am Fenstergitter festzuhalten.
Eine kühle Brise wehte ihr ins Gesicht und plötzlich hatte sie das Gefühl, dass sie etwas sehr Wichtiges verloren hatte. Sie steckte ihren Arm durch das Gitter, als plötzlich etwas ihren Arm berührte. Sie schreckte zurück und fiel auf den Boden. Schwarze Gestalten huschten hin und her, sie hörte viele Flügelschläge, die sich schnell vom Fenster wegbewegten. Dann herrschte tiefe Stille.
Sie zog sich am Gitter wieder auf die Füße und schloss das Fenster. Als sie noch ein letztes Mal aus dem Fenster hinaus schaute, entdeckte sie auf dem Fensterbrett eine schwarze Feder.
Schwarze Federn kamen ihr bekannt vor, die Frage war nur, woher, doch damit wollte sie sich am nächsten Tag beschäftigen. Die Anstrengung hatte sie müde gemacht. Sie taumelte zum Bett zurück und fiel in tiefen Schlaf.
In der Nacht waren einige Jugendliche unterwegs von der Disco nach Hause. Sie konnten nicht mehr gerade gehen und brachen immer wieder in Gelächter aus.
Einer von ihnen versuchte eine Ratte zu fangen, seine Bewegungen waren unkoordiniert und langsam, doch seine Füße waren groß.
Er erwischte die Ratte am Schwanz, so dass sie nicht flüchten konnte. Als er sich bückte, um das Tier unsanft mit der Hand zu packen, ging langsam die Sonne auf.
Der Kampf der Sonne gegen die Schatten begann von Neuem. Der betrunkene Jugendliche hielt die Ratte in die Luft. Seine Freunde jubelten ihm zu. Einer fing an zu hüpfen und verlor dabei sein Gleichgewicht, sodass er in eine Hecke fiel.
Die anderen bekamen davon nichts mit und jubelten weiter. Der, der in der Hecke lag, öffnete die Augen, vor ihm sammelten sich viele schmale Schatten. Kleine Körper mit einem langem Schwanz wurden nach und nach erkennbar. Sie kamen näher und ihre scharfen Schneidezähne blitzten in den wenigen Sonnenstrahlen auf, die durch die Hecke fielen.
Der Junge versuchte sich aus der Hecke heraus zu winden, doch ihre Äste hatten sich an seinem T-Shirt verhakt. Er schrie, doch es war zu spät, die vielen Schneidezähne gruben sich in sein Gesicht und arbeiteten sich immer weiter darin voran.
Seine Freunde hörten ihn schreien und sie liefen wieder zurück. Der Junge, der die Ratte noch am Schwanz gepackt hielt, warf das Tier zur Seite und fasste seinen Freund an den Beinen.
Als er ihn aus der Hecke ziehen wollte, krabbelten mehrere Ratten über den Gefallenen hinweg und bissen den Helfer in die Finger. Das Schreien verstummte und man hörte nur noch das Rascheln vieler kleiner Kreaturen. Der Junge schlug jede Ratte weg, die er zu packen bekam. Dabei wurde er vor Schreck schlagartig nüchtern, genau wie seine Kumpane, als sie den Ernst der Lage erkannten.. Sie packen alle mit an und zogen gemeinsam ihren Freund aus der Hecke.
Der Anblick, der sich ihnen bot, war so schrecklich, dass es ihre Schreie erstickte. Einige Jungs pressten sich die Hände auf den Mund, andere übergaben sich, wieder andere taumelten und wandten sich ab, weil sie den Anblick nicht ertragen konnten.
Ihr Freund war tot, sein Gesicht war zur Hälfte weggefressen, der Rest war furchtbar entstellt, und es liefen immer noch viele Ratten über den Leichnam hinweg und auf sie zu. Einige bissen ihnen in die Schuhe. andere sprangen sie an und begannen, an ihren Hosenbeinen hinauf zu klettern.
Die Jungs liefen davon, sie rannten um ihr Leben. Das Heer der Ratten aber hielt an und blickte den Flüchtenden nach. Ihre Blicke drückten Triumph und Siegesgewissheit aus. Sie würden die Stärkeren sein. Dann zwängten sie sich durch die schmale Öffnung eines Gullis und verschwanden in den Tiefen der Kanalisation.
Sie mochten das Licht nicht. Im Licht war ihre Existenz bedroht. Doch hier unten im Dunkel waren sie die Herrscher. Und sie würden es auch dort oben sein, wenn eines Tages die Schatten das Licht besiegt hatten.
Über ihnen krächzten erneut die schwarzen Vögel, sie flogen auf das Krankenhaus zu und umkreisten es. In ihren Blicken lag viel Zuversicht, sie würden wieder ihren Glanz bekommen, denn das Gleichgewicht von Licht und Schatten war dabei, sich der dunklen Seite zuzuneigen.
Es gab nur noch eine Möglichkeit, dem zu entkommen.
Ein Mann eilte den Weg entlang, die Schöße seines langen schwarzen Mantels wehten gespenstisch hinter ihm her. Er ging auf den Toten zu, der Anblick gefiel ihm so sehr, dass er freudig in die Hände klatschte. Das Gesicht des Toten war zu einem blutigen Klumpen geschrumpft, in dessen Mitte die Augenhöhlen wie zwei Einschusslöcher leer gähnten.
Der Mann flüsterte ein paar Worte, diese wurden durch den Wind getragen.
„Diese armselige Kreatur, wie alle dieser Art, konnte noch nie wirklich sehen, also wozu brauchen diese Leute ihre Augen? Etwa nur, um ein Trugbild ihrer selbst zu betrachten?“
Er machte einen Schritt um den Jungen herum, die schwarzen Vögel versammelten sich um ihn.
Er schaute nach oben, die Sonne blendete ihn, mit schnellen Schritten ging er in eine Gasse, in die kein Sonnenstrahl eindringen konnte, hinter ihm flogen die schwarzen Vögel her, bis sie ihn komplett einhüllten. Als sie dann kreischend davon stoben, war der Mann in ihrer Mitte spurlos und wie vom Erdboden verschluckt verschwunden.
Die Sonne überzog die Stadt mit ihrem hellen Glanz. Die Singvögel sangen mit ihren lieblichen Stimmen und begrüßten den neuen Tag, doch unter der Stadt in der Kanalisation sammelten sich Tausende kleiner pelziger Tiere, das Heer der Ratten rannte rastlos durch die Finsternis.
Die Ratten waren vollgefressen. Das Mahl der Meute war köstlich, warm und blutig gewesen. In der finsteren Kanalisation konnten sie nichts sehen, aber sie sahen auch am Tage schlecht. Duftspuren, die sie hinterlassen hatten, verrieten ihnen, ob der Weg sicher war und wohin es ging.
An Stellen, wo sie Hindernisse überwinden und springen mussten, konnten sie anhand der Duftspur erkennen, wie weit sie springen mussten und welche Form und Ausmaße diese Hindernisse hatten.
Doch heute folgten sie einer frischen Duftspur, einer, die ihnen einen neuen Weg nach oben zeigte. Sie endete in einem schmalen Rohr, den Rest des Weges mussten sie tauchend zurücklegen.
Am Ende des Rohres angekommen, schlüpften sie in ein schattiges Versteck. Dort wollten sie warten, bis der Tag vorüber war und die Dunkelheit an der Oberfläche sie einhüllen und ihnen Schutz gewähren würde.
Ryu öffnete die Augen, dehnte und reckte ihre Glieder und stellte fest, dass sie sich immer besser bewegen konnte. Sie ging ans Fenster und bemerkte die Menschen und Fahrzeuge auf dem Vorplatz. Dort hatten zwei Polizeiautos und ein Krankenwagen gehalten.
Zwei Männer trugen schnellen Schrittes eine Tragbahre, wer darauf lag, konnte sie nicht erkennen, da die Person in einem schwarzen länglichen Sack steckte. Die Männer gingen nicht besonders sorgsam mit der Bahre um und rüttelten den schwarzen Sack ziemlich heftig durch. Ryu schaute sich das Geschehen eine Weile an, dann wollte sie wieder zum Bett, als Frau Sorokin ihr Zimmer betrat.
„Du bist aber schon früh wach“, sagte sie und ging zu Ryu ans Fenster.
„Was ist denn da passiert?“, fragte Ryu, doch Frau Sorokin antwortete nicht und zog den Vorhang vor dem Fenster zu.
„Nichts Besonderes, man bringt uns einen neuen Patienten. Nun setz dich erst mal und frühstücke. Du musst regelmäßig essen, damit du schnell wieder zu Kräften kommst“, sagte sie und stellte das Tablett auf den kleinen Tisch.
„Wann sagt mir endlich jemand, was passiert ist?“, flüsterte Ryu und riss den Vorhang vor dem Fenster wieder auf. Das Dämmerlicht im Krankenzimmer machte ihr Angst. Frau Sorokin seufzte, nahm sich einen Hocker und setzte sich hin. „Eigentlich wollte der Doktor mit dir über deinen Unfall reden, aber so wie es aussieht, solltest du das besser jetzt erfahren,“ meinte sie und winkte Ryu mit einer herrischen Geste zu sich. Ryu setzte sich aufs Bett, sie war aus einem Grund, den sie selbst nicht zu nennen wusste, so aufgeregt, dass ihr Herz so heftig pochte, als wolle es ihr gleich aus der Brust springen.
Frau Sorokin schlug ihre Beine über, ihr Minirock rutschte hoch und Haut legte sich auf Haut. Ihr Miene wurde ernst und ihre stahlblauen Augen fixierten Ryu so intensiv, dass Ryu ein kalter Schauer über den Rücken lief. Ihre blutroten Lippen, die einen extremen Kontrast zur kreideweißen Haut bildeten, bewegten sich langsam.
„Deine Eltern wollten mit dir in den Urlaub fahren,“ sagte sie und senkte den Blick nach unten, als würde sie etwas verschleiern wollen.
„Eine Krähe flog gegen die Windschutzscheibe, dein Vater hatte sich so erschreckt, dass er das Lenkrad verriss und den Wagen gegen einen Baum steuerte. Deine Eltern waren sofort tot und du lagst im Koma. Da wir bis heute keine Informationen haben, ob du irgendwelche Verwandte hast, wirst du noch eine Weile hier bleiben, bis uns neue Nachrichten vorliegen.“
Ryu war geschockt, ihr Herz hatte einen gefühlten Aussetzer, in ihrem Kopf begann es zu hämmern und vor ihren Augen flimmerte es.
Dann sah sie sich undeutlich und verschwommen in einem Auto, vor ihr saßen zwei Personen. Der Mann saß am Steuer, die Frau drehte sich um und fuhr sich nervös durch ihr blondes sprödes Haar. Das Gesicht der Frau konnte sie nicht erkennen, es war wie auf einem Foto , auf dem die Farbe an bestimmten Stellen verblichen war.
Plötzlich ertönte ein dumpfer Knall und es wurde alles schwarz um Ryu.
Danach sah sie nichts und hörte nichts, bis sie einen weißen Spalt entdeckte, sie bemerkte erst jetzt, dass ihre Augen bis auf schmale Sehschlitze geschlossen waren.
Sie öffnete ihre Augen und grelles gleißendes Licht, das wie ein Messer in ihre Augen schnitt, blendete sie. Ryu blinzelte ein paar Mal, bis ihre Augen sich an das grelle Licht gewöhnt hatten, und stand auf. Ihre Beine zitterten leicht, es fiel ihr schwer, das Gleichgewicht zu halten.
Wabernde Schatten zogen durch das Zimmer und verschwanden so plötzlich, wie sie eingedrungen waren. Ryu blinzelte noch einmal und erkannte, dass irgendetwas draußen vorbei geflogen sein musste, und ging schnell zum Fenster hin.
Sie sah einen großen Baum mit vielen Ästen, darauf saßen unzählige Krähen, die einen Lärm machten, die den jeder Großbaustelle übertönen würde.
Unter dem Baum stand ein Mann, sein Blick war auf Ryu gerichtet. Seine grauen gefühllosen Augen blickten vorwurfsvoll und anklagend, als habe Ryu eine schwere Schuld auf sich geladen. Er trug einen schwarzen langen Mantel, der vom Wind nach hinten geweht wurde. Sein schwarzes Hemd lang eng an seinem hageren Körper, an seiner schwarzen zerknitterten Hose zerrte der Wind. Die schwarzen zerzausten Haare fielen in sein Gesicht. Seine schmale Gestalt sah müde und erschöpft aus.
Er wandte seinen Blick von ihr ab und ging davon, wobei alle Müdigkeit von ihm gewichen schien, denn sein Gang war geschmeidig und schwebend, als würden die Füße den Boden nicht berühren. Plötzlich flogen alle Krähen gleichzeitig auf, ihr schwarzes Gefieder verdunkelte mit einem Schlag den Himmel, so dass man glauben konnte, die Nacht sei plötzlich hereingebrochen. Die Vögel verdeckten für einige Sekunden die Sonne komplett wie eine kurze Sonnenfinsternis, aber das eigentlich Unheimliche war, dass in der tiefen Dunkelheit ihre Leiber zu einem einzigen pulsierenden Leib verschmolzen.
Es wurde still, kein einziger Laut war zu hören. Ryu starrte in die Richtung, in die der Mann verschwunden war, doch der Erdboden schien ihn verschluckt zu haben.
Sie ging wieder auf ihr Bett zu und setzte sich hin, sie dachte über alle Ereignisse nach, über die seltsame Krankenschwester, die gekleidet war, als würde sie zu einem Date gehen, der merkwürdige Arzt, der sich nicht blicken ließ, die unheimlichen Krähen und der Mann, der so anklagend zu ihr hinüber gestarrt hatte. Ryu schüttelte sich, es waren zu viele Informationen für ihren leeren Kopf und sie beschloss, sich wieder hinzulegen und auszuruhen.
Plötzlich ging die Tür auf, eine junge Frau betrat ihr Zimmer, ihre langen dunkel braunen Haare waren zu einem dicken Bauernzopf zusammen geflochten, was wieder in einem starken Kontrast zu ihrer blassen Haut und den eisblauen Augen stand.
Sie lächelte Ryu an, es war kein herzliches Lächeln, fand Ryu, so würden Maschinen lächeln, wenn sie denn lächeln könnten, und ging auf sie zu. „Mein Name ist Anna Stein, ich bin die Nichte von Dr. Grabowski,“ sagte sie. „Ich dachte, wir könnten zusammen etwas unternehmen, du musst dich ja einsam fühlen. Ich habe ein paar Spiele dabei!“ Anna holte ein Brettspiel aus ihrer Tasche und baute es auf dem kleinen Tisch auf. Ryu setzte sich wieder aufs Bett und schaute auf das Brettspiel, sie hatte keine Lust zu spielen, zu viele Fragen, auf die sie keine Antwort hatte, bekümmerten sie.
„Kennst du das Spiel Polkovodez?“, fragte Anna. Ryu schüttelte den Kopf, ein ungewöhnliches Spiel, vielleicht aus Russland.
Ryu stand wieder auf und ging auf das Fenster zu, die Gitter hatten auf sie eine bedrückende Wirkung, die immer stärker wurde.
Anna sah sie an und ging ebenfalls auf das Fenster zu. „Du bist allein, lass uns Freunde werden“, sagte sie und lächelte Ryu an. Annas Lächeln strahlte nun herzlich, aber ihr kalten Augen drückten etwas anderes aus, das Ryu Angst machte. „Ja, das denke ich auch, ich wüsste nicht, wen ich kennen und wem ich mein Herz ausschütten könnte“, flüsterte Ryu und lächelte halbherzig zurück. Draußen ging langsam die Sonne unter, die ersten Fledermäuse stiegen in die Luft, die Ratten huschten durch die Straßen und die Krähen breiteten ihr Gefieder aus und erhoben sich in die Lüfte.
Von überall her ertönten Geräusche wie Rascheln und Fiepen kleiner Kreaturen.
„Ratten, die sind überall!“, fauchte Anna und schüttelte angewidert den Kopf.
Ryu schaute sie überrascht an.„Ratten sind intelligente und reinliche Tiere, ich verstehe überhaupt nicht, warum sie so gehasst werden.“
Anna verdrehte die Augen und tippte sich vielsagend gegen die Stirn.
„Vielleicht weil sie eklig sind?“
„Das ist keine vernünftige Antwort auf meine Frage.“
Anna verdrehte erneut ihre Augen und schaute Ryu so an, als sei die nicht ganz richtig im Kopf. Ryu war sicher, dass sie keine guten Freunde werden würden.
„Anna, was macht man für gewöhnlich in meinem Alter?“
„Warum fragst du?“ Anna zog eine Augenbraue hoch.
„Weil ich nicht den Drang verspüre, irgendetwas zu tun.“
„Das liegt wahrscheinlich daran, dass du so lange Zeit im Koma lagst. Aber jetzt kannst du wieder auf Partys gehen oder ins Kino.“
„Was ist denn so besonders an Partys? Da schlägt man doch bloß die Zeit tot und betrinkt sich zum Schluss“. Ryu setzte sich ans Bett. So was verstand sie nicht, wie manche Leute Hunderte von Euros ausgeben, nur um sich mit Alkohol volllaufen zu lassen und sich dann anschließend an nichts zu erinnern.
„Partys haben auch was Gutes, man lernt neue Menschen kennen“. Anna tanzte um Ryu herum, doch das überzeugte sie nicht.
Viele Besoffene zusammengepfercht in einem Raum, bei dieser Vorstellung stellten sich ihre Nackenhaare auf.
Ryu bemerkte, wie mehrere dunkle Fahrzeuge mit getönten Scheiben sich dem Krankenhaus näherten. Eines dieser Autos hupte.
Anna schreckte zusammen. „Tut mir leid, ich muss jetzt los,“ sagte sie und packte hektisch ihr Spiel wieder ein. „Ich komme morgen wieder“, sagte sie, was wie eine Drohung klang, und hastete aus dem Raum.
Ryu erschien Annas Abschied wie eine Art Flucht. Sie wandte nun ihre ganze Aufmerksamkeit den vielen kleinen Kreaturen draußen vor dem Fenster zu, die im Schutz der Dunkelheit herumkrochen. Nach einer geraumen Weile legte sich Ryu ins Bett und versuchte Schlaf zu finden, morgen war ein neuer Tag wie jeder andere auch. Sie fühlte sich, als würde sie dahin vegetieren, als fehle ihr jeder Grund, am Leben teilzuhaben.
Sie schloss die Augen und versuchte an nichts zu denken, bis sie einschlief.
In der Kanalisation türmten sich die Ratten wie pelzige Legosteine aufeinander. Sie mussten einen Weg finden, um durch das Abflussrohr zu krabbeln. Das Rohr war an der Decke und sie mussten eine Strategie haben, damit sie hinein klettern konnten. Die stärksten Ratten standen eng beieinander, damit die leichteren Ratten auf sie klettern konnten. Das Rohr war nun erreichbar. Eine Ratte schaffte es hinein, sie kratze mit ihren Krallen an der Innenseite des Rohrs und ein knirschendes Geräusch machte sich breit. Sie versuchte Senkrecht nach oben zu klettern und rutschte jedes Mal wieder ab, so dass ihre scharfen Krallen noch mehr furchtbare Geräusche produzierten. Sie sprang mehrmals, doch vergeblich und rutschte immer wieder ab.
Ryu wachte auf und hörte ein Geräusch, das aus dem Bad drang. Sie ging ins Bad und lauschte. Jetzt war alles still, sie wartete noch einen Moment und beschloss, wieder ins Zimmer zu gehen und sich hinzulegen.
Sie versuchte sich daran zu erinnern, wie ihre Eltern waren, wie sie aussahen, doch da war nichts, das Einzige, was sie wusste, war, dass ihre Mutter langes blondes Haar hatte, aber an ihr Gesicht konnte sie sich nicht erinnern.
Ryu schloss die Augen und stellte sich wieder die Autofahrt vor, der dumpfe Aufschlag, der Unfall, es waren nur wirre Bruchstücke, die wie Teile eines Puzzles in ihr auftauchten und verschwanden. Sie öffnete ihre Augen und starrte die Decke an, etwas stimmte nicht, selbst wenn sie sich ständig an Teile des schrecklichen Unfalls erinnern konnte, fühlte sie dabei weder Freude noch Leid, nur eine große innere Leere.
Keine Trauer, keine Angst, waren es vielleicht gar nicht ihre Eltern? Und die Polizei hatte sich vertan und sie lebten noch? Wenn sie noch am Leben waren, dann musste sie ihre Eltern finden und um sie finden zu können, musste sie hier raus.
Ihr Arm fing an zu jucken und sie kratze sich dort, sie fühlte ein kleines Stechen und Ziehen. Als sie auf ihren Arm blickte, bemerkte sie eine Narbe.
Die Narbe war genau an der Stelle, an der Frau. Sorokin die Spritze angesetzt hatte. Die Narbe sah sehr ungewöhnlich aus, da sie ein Beule nach außen hin besaß.
Sie drückte darauf und fühlte unter dem Fleisch etwas Eckiges. Sofort fing die Narbe wieder an zu brennen. Sie nahm sich vor, am nächsten Tag Frau Sorokin zu fragen, was es mit der Beule und dem Eckigen im Fleisch darunter auf sich hatte, und schlief ein.
In der Kanalisation türmten sich erneut die Ratten, diesmal würden sie es anders anstellen. Sie würden aufeinander klettern, so dass die unteren fetten Ratten als Fundament dienten und die schlankeren und jüngeren Ratten nach und nach darüber einen Turm bilden konnten. Ein Turm aus vielen kleinen pelzigen Tierchen entstand und wuchs immer höher. Eine Ratte fand Halt und nutzte kleinere Unebenheiten des Rohrs, an denen ihre Krallen Halt fanden, und kletterte hinauf.
Sie musste sich diesmal auf ihre Schnurrhaare verlassen, denn hier war es dunkel, Ratten können allgemein nur sehr schlecht sehen, aber hier gab es noch nicht einmal eine Duftspur, an der sie sich orientieren konnte.
Es wurde nass an den Pfoten und sie bemerkte, dass sie den Rest des Weges tauchend zurücklegen musste.
Zum Glück konnte sie bis zu zehn Minuten die Luft anhalten und vertraute darauf, dass die Strecke, die sie zurücklegen musste, nicht mehr Zeit benötigen würde.
Nach etwas mehr als fünf Minuten konnte sie tatsächlich auftauchen und Luft schnappen. Auch hier war es stockfinster, doch sie spürte einen schwachen Luftzug und sprang mit der Hoffnung los, sich irgendwo festhalten zu können. Doch sie hatte keinen Erfolg, die Wände waren viel zu rutschig und sie fiel immer wieder ins Wasser zurück. Das Wasser tränkte ihren Pelz und machte ihr das Springen immer schwerer.
Einer ihrer Artgenossen schaffte es auch in den dunklen Raum und sie kletterte auf sie. Nun war sie nicht mehr im Wasser und konnte mit voller Kraft springen. Es gelang ihr, sich an einem Vorsprung festzukrallen, und sie drückte den Kopf gegen die Decke.
Die Decke gab nach und sie schob ihren Kopf durch den Spalt, der sich vor ihr auftat.
Draußen fand sie festen Halt und zog den ganzen Leib aus der Enge. Sie fiel und landete auf trockenem Boden.
Sie war klitschnass, aber sie nahm sich keine Zeit, sich zu trocknen und zu putzen, sondern lief sofort weiter.
Ryu schrak auf und fühlte einen grässlichen Schmerz in ihrem Arm, als sie ihn reflexartig zur Seite schlug, fiel etwas herunter.
Sie schaute auf den Boden und sah etwas Pelziges davon huschen, das schnell ins Bad rannte.
Sie fasste sich an den Arm und fühlte etwas Warmes, das über ihre Hand floss. Schnell sprang sie aus dem Bett und machte das Licht an.
Das, was sie sah, schockierte sie, ihr Arm blutete stark. Sie presste den Handballen auf die Wunde, doch das Blut sickerte unaufhörlich darunter hervor. Schnell lief sie ins Bad und legte ihren Arm, unter den Wasserhahn. Der Wasserstrahl wusch das Blut ab, das weiße Waschbecken färbte sich rot. Schließlich floss der Blutstrom nur noch langsam und verdünnte sich zum Rinnsal, und Ryu holte ein sauberes Handtuch aus dem kleinen Wäscheschrank und wickelte es um die Wunde.
Das kleine pelzige Tier musste sie wohl gebissen haben, hoffentlich war es nicht krank, dachte Ryu. Als sie das Handtuch wegnahm, fiel ein kleiner blutverschmierter Gegenstand zu Boden. Sie hob ihn auf und hielt ihn unter den Wasserhahn, um ihn zu säubern.
Das Ding sah wie ein kleiner grüner Chip aus mit goldenen angelöteten Drähten.
Ihr Arm hörte vollends auf zu bluten. Die Wunde war klein und lag genau an der Stelle, wo die Narbe gewesen war. Ryu konnte sich keinen Reim darauf machen. Sie legte den Chip auf den Tisch neben ihrem Bett ab. Schlafen konnte sie nicht mehr, doch anstatt sich hinzulegen, um es wenigstens zu versuchen, ging sie ans Fenster. Der Nachthimmel war wolkenlos und zeigte Tausende strahlende Sterne. Dieser Anblick beruhigte sie. Als die Schmerzen in ihrem Arm ganz verschwunden waren, öffnete Ryu das Fenster, um mit der Nachtluft ihr heißes Gesicht zu kühlen. Sie genoss die frische Brise, die ihr Gesicht streichelte. Langsam wurde der Himmel heller, ein neuer Tag kündigte sich an. Sie streckte ihren verwundeten Arm durch das Gitter und griff ins Nichts. Gegen das fahle Licht des frühen Morgens hoben sich am Himmel schwarze Vögel ab. die in die Höhe flogen. Ryu betrachtete diese Vögel. Ihr Federkleid war matt schwarz. Sie stießen heisere Krächzlaute aus. Ryu nahm an, das die Vögel Krähen waren.
Einzelne dieser Vögel hätte man in diesem Zwielicht kaum bemerkt, aber in dieser Masse und bei dem Lärm, den sie veranstalteten, waren sie nicht zu übersehen. Ryu fasste an das Gitter, es war kalt, obwohl es draußen so angenehm warm war. Als sie zu dem Baum hinüber schaute, aus dem der Krähenschwarm aufgeflogen war, erschrak sie. Dort stand derselbe Mann, den sie gestern dort gesehen hatte. Erneut fühlte sie sich von seinem Blick fixiert. Sie ging einen Schritt zur Seite und die ausdrucksvollen grauen Augen des Mannes folgten ihren Bewegungen. Der Mann selber rührte sich nicht, an seinem schwarzen Hosenbein kletterte eine Ratte hinauf und immer höher bis auf seine Schulter. Seine schwarzen Haare streiften die Ratte im Wind. Seine Mundwinkel umspielte ein leichtes Grinsen, das Ryu Angst machte. Die Krähen stoben am Himmel auseinander und flogen panisch hin und her.
Voller Angst wich Ryu einen Schritt zurück. Hinter ihr flog die Zimmertür auf. Ryu wirbelte herum und erkannte Anna. Das Mädchen hatte die Augen weit aufgerissen, es atmete schwer. Dann rannte Anna auf Ryu zu, packte sie am Arm und riss sie vom Fenster weg.
Anna zog Ryu hinter sich her und rannte nach draußen. „Was ist denn mit dir los?“, fragte Ryu, doch Anna antwortete nicht. Das Mädchen hielt Ryus Handgelenk so fest, dass es schmerzte. Sie rannten durch die Flure des Krankenhauses, sie waren menschenleer, das Echo ihrer Schritte hallte gespenstisch von den gekachelten Wänden wider. Niemand ließ sich blicken. Auch die Pförtnerloge in der Eingangshalle war nicht besetzt.
Draußen angekommen bekam Ryu mit einem Schlag hämmernde Kopfschmerzen und fasste sich an die Stirn. Plötzlich saß sie auf der Rückbank eines Autos. Das Geschehen kam ihr bekannt vor, die Frau, die sich zu ihr umdrehte, das Gesicht, das sie nicht erkennen konnte, das alles hatte sie so oft gesehen. Doch plötzlich verschwamm das Bild und es wurde heller rings um sie her, immer heller, alles war weiß. Ein neues Bild erschien. Sie stand auf einer Wiese, ein bekannter Duft umhüllte sie.
„Ryu...“, flüsterte eine Frauenstimme, sie kannte diese Stimme, doch sie wusste nicht mehr woher. Ein warmes Gefühl machte sich in ihr breit, als sie von hinten umarmt wurde, doch es hielt nicht lange an und wurde von einer tiefen Trauer verdrängt. Eine beißende Kälte zog in ihr Herz ein, etwas brodelte um ihre Füße, die Wiese wurde mit Blut getränkt. Der Himmel verdunkelte sich, bis er schwarz war. Das Einzige, was sie vernahm, waren Schreie, fürchterliche Schreie. Es roch nach Tod, immer stärker, nur nach Tod!
Als Ryu wieder zu sich kam, war ihr klar, dass alle diese schrecklichen Dinge sich nur in ihrem Kopf abgespielt hatten. Sie war mit Anna draußen auf der Straße. Sie lag am Boden. Anna beugte sich über sie und schrie sie an. Zunächst verstand Ryu kein einziges Wort, als rede Anna in einer fremden Sprache, die wie Wurfgeschosse auf sie hinab prasselten. Dann ordneten sich die Wörter in ihrem Kopf neu und verständlich.
„Endlich bist du wach! Schnell, schnell, steh auf, wir müssen weiter“, rief sie.
Ryu wollte gerade protestieren, doch ihre Zähne knallten aufeinander, als Anna sie mit einem kräftigen Ruck auf die Füße zog, um sie weiter hinter sich her zu zerren.
In Ryus Gedanken spukten so viele drängende Fragen herum, dass sie das Gefühl bekam, ihr Kopf müsse zerspringen. Sie wusste nur eins, sie brauchte Zeit und Ruhe, um Antworten zu finden.
Sie versuchte sich von Anna loszureißen und stürzte, Anna riss sie mit zu Boden. Ryu verletzte sich am Knie, doch sie spürte keinen Schmerz, zu viel Adrenalin war in ihren Körper gepumpt. Als sie um sich blickte, erschrak sie, sie befanden sich auf einem großen Platz. Der ganze Boden vor ihr war schwarz, pechschwarz. Hunderte Krähen hatten sich dort niedergelassen und machten einen höllischen Lärm. Ryu stand mit Mühe wieder auf und machte einen Schritt auf die Vögel zu. Keiner der Vögel rührte sich von seinem Fleck. Sie sperrten die Schnäbel auf und kreischten sie an. Sie ging immer weiter bis sie in der Mitte der Horde Krähen stand. Sie fühlte kneifende Kälte, die an ihren Beinen empor kletterte. Ihre Pupillen erweiterten sich, sodass auch nur wenige Sonnenstrahlen sie blendeten. Anna stand am Rand des Krähenschwarms und schaute lauernd zu ihr hinüber, ihr Blick war starr und gefühllos. Als ein Kind kreischend auf die Krähen zu rannte, flogen alle mit doppelter Lautstärke in die Höhe. Die Sonne war komplett bedeckt von ihren schwarzen Leibern und ein riesiger Schatten breitete sich aus. Der Anblick ähnelte einer Sonnenfinsternis. Es regnete Krähenfedern hinunter, alle Menschen staunten und starrten in den Himmel. Ryu fürchtete, der riesige Schatten über ihr könne durch ihre Augen in sie eindringen, und tatsächlich fühlte sie wie dunkle Schleier der Angst in ihr umher waberten. Jede der schwarzen Federn, die über ihr zu Boden sanken, war wie ein schwarzer Blitz, der die Nacht in ihr durchzuckte.
Sie sah ein verzerrtes Bild vor ihren Augen, doch sie konnte es nicht erkennen, was es bedeutete. In einem kurzen hellen Augenblick erschien ihr Annas Gesicht sehr nah. Vielleicht war sie zu ihr gerannt. Anna bewegte ihre Lippen, als würde sie etwas sagen, doch Ryu hörte nichts. Sie wollte etwas zu Anna sagen, doch sie brachte nur von Schmerz zerfressene Laute zustande. Ihre Kopfschmerzen wurden immer unerträglicher und Ryu fing an zu schreien, sie fühlte noch nicht einmal den Aufprall ihres Kopfes, der unsanft gegen den Betonboden knallte. Sie litt wahre Höllenqualen und wünschte schon insgeheim, nicht länger am Leben zu sein. Dann glaubte sie, vor Schmerz verrückt zu werden.
Erst als die letzte Krähenfeder zu Boden gesunken war, verschwanden der pochende Schmerz und die schwarzen Blitze aus ihrem Kopf.
Ryu nahm die Hände herunter, ihre Haare waren zerzaust und schweißnass. Als sie aufblickte, sah sie, dass sich eine Menschenmenge um sie versammelt hatte. Die Leute steckten die Köpfe zusammen, tuschelten miteinander und starrten sie mit angstvollen Blicken an. Aber niemand machte Anstalten, ihr zu helfen.
Manche kicherten auch nur und grinsten vor Schadenfreude. Kleine Kinder starrten sie mit großen Augen an und registrierten jede Bewegung, die Ryu machte. Das Gedrängel um sie herum wurde an einer Stelle unruhig, die Menschen drehten sich um und gaben eine schmale Gasse frei. Ein Polizist versuchte sich durch die Menge zu schieben, er drückte und stieß die Menschen zur Seite, denn freiwillig gaben sie kaum Raum. Als er zu Ryu durchgedrungen war, guckte er ziemlich überrascht. Dann legte er den Arm um Ryus Schulter, um sie aus der Menge zu führen. „Geht es Ihnen gut? Soll ich einen Krankenwagen holen?“, fragte der Polizist. Doch Ryu schüttelte den Kopf, wohin sie auf keinen Fall wollte, war in ein Krankenhaus!
Der Polizist schaute sie misstrauisch an, dann zuckte er mit den Achseln und ging langsam davon, wobei er sich mehrmals nach Ryu umschaute. Ryu wollte sich gerade davon stehlen, doch schon stand Anna neben ihr, packte ihren Arm und zog sie von der Menschenmenge, die sich zu ihnen umgedreht hatte, weg und über den Platz davon.
Diesmal wollte Ryu wissen, wo es hingehen sollte, und schrie Anna an: „Was hast du vor? Wohin willst du mich verschleppen?“
Doch Anna zeigte keine Reaktion, sie liefen durch Büsche und und unter tief herabhängenden Ästen durch, die Ryu ins Gesicht peitschten und blutenden Kratzer hinterließen.
Später, als sie einen verlassenen Bahnhof erreicht hatten, hielt sie Anna fest, so dass sie ihren atemlosen Lauf stoppen musste. Ryu holte tief Luft und ordnete ihre Gedanken. „Also, noch mal, wo bringst du mich hin? Ich weiß nicht, was hier vor sich geht. und du bist mir nun endgültig eine Antwort schuldig!“, schrie sie Anna an.
Anna zeigte keine Reaktion. Ryu zweifelte, ob sie ihr überhaupt zugehört hatte. Ihre Blicke waren völlig ausdruckslos und leer. Sie stand einfach nur da wie ein Elektrogerät, dessen Stecker man aus der Steckdose gezogen hatte. Ihr Haar war zerzaust, ihre Kleidung war schmutzig, sie machte einen ziemlich verwahrlosten Eindruck und nur wenig erinnerte an das ziemlich herausgeputzte Mädchen, das sie gestern zum ersten Mal in ihrem Krankenzimmer besucht hatte. Als Anna ihre Hand sinken ließ, fielen ein paar schwarze Federn aus ihrem Ärmel. Ryu wich erschrocken einen Schritt zurück, doch Anna packte sie wieder am Arm und zog sie mit. Wortlos gingen sie weiter. Als sie an einem der Bahnsteige ankamen, warf die herauf dämmernde Nacht schon lange Schatten. Auf den Gleisen wartete ein Zug, seine Waggons waren schmutzig, die Fenster blind vor Staub, die Eisenbeschläge rostig. Er machte den Eindruck, als habe man ihn aus dem Schuppen eines Eisenbahnmuseums geradewegs hier hin gebracht. Als sie sich den ersten Wagen näherten, bemerkte Ryu, dass in den Zugabteilen kein Licht brannte. Anna ging zur Einstiegstür eines der altertümlichen Waggons und drückte mit beiden Händen die große rostige Klinken hinunter. Die Tür schwang schwerfällig und knarrend auf.
Sie drückte Ryu wortlos einen Zettel in die Hand und schubste sie in den Zug. Ein Krachen wie ein Donnerschlag hallte durch den Zug, als hinter Ryo die Tür ins Schloss fiel.
Draußen auf dem Bahnsteig kam plötzlich Leben in Anna, erst schlug sie voller Panik die Hände vors Gesicht, dann hämmerte sie gegen die Waggontür und schrie etwas, was Ryu nicht verstand. Ihre Worte hallten seltsam verzerrt und zerhackt durch den Zug. Auch Annas Augen waren wieder voller Leben und sie schien wieder sie selbst zu sein. Doch wie sehr sie sich auch anstrengte, es gelang ihr nicht, die Einstiegstür zu öffnen. Dann gellte ein langgezogener Pfiff durch den Bahnhof, der Zug setzte sich ruckelnd und quietschend in Bewegung und nahm Geschwindigkeit auf. Die Waggons schlingerten auf den Schienen hin und her wie ein Boot in einer starken Dünung. Bald war der Bahnsteig nur noch ein schmaler Strich und Anna darauf ein winziger Punkt. Dann ging das Licht an, es flackerte erst, dann brannte es fahl und gleichmäßig.
Ryu bemerkte, dass neben ihr ein Koffer stand, sie nahm ihn, trug ihn in ein Abteil und setzte sich auf einem Viererplatz. Jede Kurve und jede Unebenheit der Schienen machten sich durch kreischendes Quietschen und heftige Stöße lautstark bemerkbar. Ryu wischte mit dem Ärmel etwas Staub vom Fenster, schaute hinaus an den Himmel und ließ sich vom Glitzern der Sterne durchrieseln. Kleine schwarze Flecke huschten durch den Himmel, als würden sie den Zug verfolgen.
Ryu schloss die Augen, das beängstigende Gefühl beschlich sie, in einer Falle zu sitzen. Sie ahnte, der Zug würde nicht eher anhalten, bis er sein Ziel erreicht hatte. Und dieses Ziel erschien ihr bedrohlich und voller Schrecken.
Die Ratte im Bad traute sich hervor, sie huschte über den glatten Boden zurück in den Raum, in dem der Zweibeiner gewesen war.
Ein neuer Duft breitete sich aus, es näherten sich andere Zweibeiner. Sie witterte drei von ihnen. Einer war männlich und zwei waren weiblich. Das erkannte sie anhand des Testosterongehaltes der Duftwolken. Die weibliche Gestalt stand direkt hinter ihr, sie stieß spitze Schreie aus , ergriff einen langen Gegenstand und schlug nach ihr.
Die Ratte flüchtete zurück in dem Raum, in dem sie sich versteckt hatte, aber der kreischende Zweibeiner folgte ihr. Sie hörte, wie deren Artgenossen sich lautstark äußerten, aber sie wagten sich nicht ins Bad. Der weibliche Zweibeiner schien ihr Versteck nicht entdeckt zu haben und öffnete den Deckel, unter dem ihre Artgenossen noch eingeschlossen waren. Kaum hatte der weibliche Zweibeiner den Deckel hoch geklappt, sprangen, kugelten und purzelte ein nicht versiegen wollender Strom pelziger Leiber hervor. Ihre Überzahl war erdrückend, der weibliche Zweibeiner würde keine Chance haben. Sie sprangen auf sie und gruben ihre Zähne in ihr warmes Fleisch. Sie trat und schlug nach ihnen, aber das half nicht, ihr Schicksal war besiegelt. Die Zweibeinerin stürzte und machte es ihnen leicht, über sie herzufallen. In Sekundenschnelle war ihr ganzer Leib von ihnen bedeckt. Sogar ihre Schreie wurden erstickt. Dann hörte sie auch zu zappeln auf. Blutiges Muskelfleisch wurde Stück für Stück abtransportiert, Knochen wurden abgeschabt, nichts wurde verschwendet, alles wurde verschlungen. Der glatte Boden war mit warmem Blut getränkt.
Das alles war in Sekundenschnelle geschehen. Erst jetzt drangen die beiden anderen Zweibeiner ins Badezimmer. Als sie das abgenagte Gerippe und das Blutbad bemerkten, erstarrten sie vor Grauen. Nach dieser Schrecksekunde wollten sie flüchten, doch es war schon zu spät. Der zweite Zweibeiner rutschte auf dem glitschigen Fliesenboden aus und fiel der Länge nach hin. Aus allen Ecken sprangen die Ratten auf den Gestürzten und begannen sofort ihr blutiges Werk. Doch diesmal trafen sie auf heftigere Gegenwehr. Wild schlug der Gestürzte mit langen kräftigen Armen um sich, seine großen Hände zerquetschten ihre kleinen Leiber, seine großen Füße zertraten sie, doch ihren Platz nahmen sofort andere ihrer Artgenossen ein und gruben ihre spitzen Beißer durch seine Kleidung in sein Fleisch. Wer einen Fetzen aus seiner Kleidung heraus gerissen hatte, trug ihn beiseite, um damit später, wenn ihr Werk vollendet war, damit eines ihrer Nester auszupolstern. Auf den freien Fleck stürzte sich sofort eine andere Ratte, die nun freien Zugang zu dem hatte, was das Wichtigste war: neue frische Nahrung, die für das Opfer den Tod, für die Angreifer aber Leben bedeutete. Sie stritten sich um das saftige Muskelfleisch, doch es war genug für alle da.
Dem dritten Zweibeiner gelang die Flucht, seine Duftspur wurde vom Blutgeruch überdeckt. Die Kundschafterratte hatte ihr Mahl schon gehalten und lief zurück in den Raum, in dem sie das erste Opfer entdeckt hatte. Sie schnupperte und fand den Gegenstand, hinter dem sie her war. Sie kletterte an einem hölzernen Tischbein hoch und hüpfte auf die Platte. Darauf lag ein viereckiges kleines Teil, das aus einem Material bestand, das sie zuvor noch nie beschnuppert hatte. Nur einzelne Teile darauf rochen nach Metall, den einzigen Geruch, den sie zuordnen konnte.
Sie fand draußen mehrere Gegenstände, die nach diesem unnatürlichen Zeugs rochen. Wie ihre anderen Artgenossen glaubte sie, dass die Zweibeiner dieses Zeugs hergestellt hätten, von dem sie nur wussten, dass es nicht gut für Ratten war. Man konnte es nicht essen und wenn man es trotzdem probierte, bekam man fürchterliche Bauchschmerzen und krepierte wenig später. Sie nahm den Gegenstand in ihr Maul, sprang von der Platte hinunter und rannte schnell zu ihren Artgenossen. Sie sprangen wieder zurück in das weiße glatte Becken, das zuvor mit einem Deckel verschlossen gewesen war, und tauchten ab. Sie legten dieselbe Strecke zurück, die sie gekommen waren, bis sie schließlich wieder trockenen Boden unter ihren Pfoten fühlten.
Nun rannten sie auf ihren gewohnten Wegen und hatten nun eine lange Strecke vor sich, lang, mühsam und voller Gefahren.
Der Mann, den Ryu vor ihrem Fenster unter dem Baum gesehen hatte, stand nun im Raum, in dem die Ratten gewütet hatten. Er schaute sich um und bemerkte unzählige kleine rote Pfotenabdrücke, ein blutiges Muster, das die Bodenkacheln bedeckte. Sie schienen es gefunden zu haben. Er zählte die Leichen, es waren zwei, was bedeutete, dass einer entkommen war. Er biss sich auf die Lippe, den letzten musste er wohl selbst erledigen. Aber dafür war jetzt keine Zeit. Er ging in das angrenzende Zimmer, schaute auf Bett und den kleinen Nachttisch, am Gitter vor dem Fenster hatte sich eine Krähe festgeklammert und schlug ihren Schnabel gegen das Eisen. Neben dem Bett lag eine kleine schwarze Feder. Er hob sie auf und drückte seine Faust um sie so fest zusammen, dass sich die Fasern trennten.
Schnellen Schrittes durchquerte er die langen menschenleeren Flure des Krankenhauses und warf draußen im Freien die kaputte Feder böse lächelnd hinter sich.
Ryu schlug die Augen auf, die eintönige Zugfahrt hatte sie müde gemacht und eingeschläfert. Jetzt hatte der Zug angehalten. Er stand an einem verlassenen Bahnsteig.zwischen dessen verwitterten Betonplatten hohe Gräser wuchsen. Ein Windstoß wirbelte vergilbte Papierfetzen hoch auf. Eine blecherne Automatenstimme gellte durch die Abteile: „Endstation! Endstation!“ Eine Tür des Zuges war geöffnet. Ryu stand auf, schleppte den Koffer durch den leeren Gang und stieg aus. Eine einsame Lampe, die an einem Kabel über dem Ausgang hing, schickte ihr fahles Licht, gerade hell genug, um zu erkennen, was auf dem Zettel stand, den sie aus der Tasche gekramt hatte. Darauf standen eine Wegbeschreibung und eine kleine Abbildung. Ryu mutmaßte, die Abbildung könne ein Wappen darstellen, die Kreatur in der Mitte des Wappen hielt sie für einen dreiköpfigen Hund, aus dessen Mäulern lange Flammenzungen ragten. Als sie sich umsah, entdeckte sie ein kleines Mädchen, das am Ende des Bahnsteigs wartete. Jetzt schien das kleine Mädchen Ryu entdeckt zu haben und winkte ihr mit seiner Puppenhand heftig zu. Dann setzte sich das Kind in Bewegung, zuerst wie in Zeitlupe und unendlich langsam, dann nahm es Geschwindigkeit auf und stand wie im Nu vor ihr, wobei die Luft rings um sie flirrte, als sei sie elektrisch aufgeladen.
Dieses Mädchen sah irgendwie putzig, aber auch furchteinflößend aus. Es hatte platinfarbene lange Haare, die Augen waren rotbraun und ungewöhnlich groß. Auf den ersten Blick fielen Ryu ihre langen, spitz gefeilten und stark gekrümmten Fingernägel auf. Es trug ein etwas altmodisches rotes Kleid mit weißen Rüschen, das sie komplett wie eine Puppe aussehen ließ. Ihre Haut war von extremer Blässe und ihr Mund war knallrot. In ihren Händen hielt sie ein Kuscheltier, das wie ein geflügelter Hund mit langen Ohren und gefletschten Zähnen aussah.
So, wie das Kind dort stand, machte es einen hilflosen und verlorenen Eindruck, doch seine lauernden Blicke sprachen von Heimtücke und Verschlagenheit. Das Mädchen setzte eine kleine Tasche ab, die es in der linken Hand gehalten hatte, und streckte langsam einen ihrer unnatürlich langen, schneeweißen Finger aus und berührte Ryu vorsichtig, als wolle es sich überzeugen, ob Ryu auch echt und kein Trugbild war. Eine Spur von einem triumphierenden Grinsen huschte über sein Gesicht, das etwas so Böses und Verderbtes ausstrahlte, dass Ryu unwillkürlich zurück zuckte.
Nun fiel Ryu auf, wie klein das Mädchen in Wirklichkeit war, jedoch bewegte und benahm es sich wie eine Erwachsene.
„Mein Name ist Larea Rot, nett dich kennen zu lernen“, sagte das Mädchen mit einer süßen, aber festen und fordernden Stimme und hielt Ryu ihre Hand mit den ungewöhnlich langen Fingern und den spitzen gebogenen Fingernägeln hin.
Ryu schüttelte die Hand, sie war angenehm glatt und kühl. „Ich heiße Ryu Etoile und bin froh, dass ich nicht ganz allein auf diesem öden Bahnsteig bin. Ähm... weißt du vielleicht, wo wir hier sind?“, fragte Ryu.
Larea legte ihren Kopf ein wenig zur Seite und schielte treuherzig zu Ryu hinauf wie ein Hund, der nicht genau weiß, was er anstellen soll. „Du weißt nicht, wo wir sind? Und doch hast du das Siegel der Schule dabei? Komisch, na ja, wir sind in Ostdeutschland. Genau in Nienhagen, die Schule, die wir besuchen werden, befindet sich im Geisterwald.“ Larea beugte sich zur Seite und wies mit einem ihrer unendlich langen Finger in die Ferne, in der man gegen den nachtblauen Himmel die düstere Silhouette eines Waldes erkennen konnte.
„Leider kann man sich in diesem Wald sehr leicht verlaufen und es ist für uns unmöglich, das Sicherheitssystem der Schule zu durchbrechen“, sagte Larea. Ryu fragte sich, was Larea mit der Schule meinte und warum eine Schule überhaupt so ein Sicherheitssystem brauche, doch sie traute sich nicht, dem kleinen Mädchen irgendwelche weiteren Fragen zu stellen, denn Lea hatte leise zu knurren begonnen und hieb wie selbstvergessen ihre spitz gefeilten Fingernägel in die Luft, wobei sie ihren Oberkörper hin und her wiegte. Mal wirkte sie auf Ryu wie ein ungeduldiges Kind, im nächsten Moment aber wie ein gefährliches kleines Monster. Ryu wartete ab und setzte sich auf ihren Koffer.
Nach einer Weile beruhigte sich Larea wieder, holte aus ihrer Tasche eine Aluminium- Trinkflasche hervor und nippte daran. Ryu fiel ein, dass sie das letzte Mal vor mehr als einem Tag etwas getrunken hatte, ihre Lippen waren schon spröde und eingerissen und ihr Rachen war ganz trocken und kratzte schlimm. Als könne sie Gedanken lesen, hielt Larea ihr die Flasche hin. Ryu lächelte sie an und nahm dankend die Flasche an. Schnell nahm sie einen kräftigen Schluck, um ihren Rachen zu befeuchten und zuckte voller Ekel zusammen. Die Flüssigkeit schmeckte metallisch und schleimig und als sie sich instinktiv über den Mund wischte, war ihre Innenhandfläche mit blutroten Schlieren bedeckt.
Hastig und mit einer Geste des Abscheus gab sie Larea die Flasche zurück, worauf das Mädchen sie ungläubig anstarrte.
Sie legte wieder ihren Kopf schräg auf die Schulter. „Weißt du, du benimmst dich ziemlich komisch“, sagte sie vorwurfsvoll und starrte Ryu kopfschüttelnd an. „Alle mögen mein Lieblingsgetränk und finden es köstlich.“
Ryu wandte sich ab und presste die Hand vor den Mund. Ihr war schlecht und sie brauchte ihre ganze Überwindungskraft, um sich nicht zu übergeben.
Ein fernes Donnergrollen kündete von einem Gewitter, Wetterleuchten geisterte über dem Wald, starke Windstöße jaulten um das düstere verlassene Bahnhofsgebäude. Ryu starrte zum Himmel. Der Mond hatte sich blutrot gefärbt, Sturmgewölk jagte herbei, in der Nähe schlug ein Blitz ein. Als der ohrenbetäubende Donnerschlag verhallt war, vernahm Ryu ein vielstimmigen Fiepen und unter dem Zug sprang eine Schar Ratten hervor und rannte auf sie zu. Larea machte ein paar Schritte auf die Nager zu und streckte ihre weiße Puppenhand mit den unendlich langen Fingern gegen sie aus. Die Ratten hielten inne und duckten sich. Dann machten sie kehrt und verschwanden wieder unter dem Zug.
Der Wind wurde zum Sturm, der die Wipfel der Bäume tief nach unten drückte. Dann setzte sich der schmutzstarrende rostige Zug quietschend und rasselnd in Bewegung und holperte auf den Gleisen davon. Als die Gleise frei waren, krabbelten unzählige Ratten über den Schienenstrang, der sich in Sekundenschnelle in einen Fluss aus pelzigem braunem Fell verwandelte.
Ein langgezogenes schauriges Geheul schallte vom nahen Wald herüber. Larea war genauso überrascht wie Ryu. Im gleißenden Licht der Blitze leuchteten Augen am Waldrand auf. Dann lösten sich drei dunkle Gestalten, drangen durch das Buschwerk und rannten auf den Bahndamm zu.
Als das fahle Licht der Lampe sie erfasste, entpuppten sie sich als drei schwarze Hunde. Es waren große Hunde, so groß wie Deutsche Doggen, und sie hatten rote Augen, was untypisch für Hunde ist. In einiger Entfernung blieben sie stehen und fixierten die beiden Mädchen, weiter schienen sie sich nicht heran zu wagen. Plötzlich spürte Ryu eine Berührung an ihren Arm. Larea hatte sich an sie gelehnt und ihre weit aufgerissenen Augen waren voller Angst. Mit einer furchtsamen Geste zeigte das kleine Mädchen auf die großen schwarzen Tiere.
Die Hunde hatten die Köpfe gesenkt, sie scharrten mit den Pfoten, ihr Nackenhaar sträubte sich, der Wind trieb Schaum und Seiber von ihren Lefzen. Ryu rechnete damit, dass diese Bestien im nächsten Moment los rennen und sie zerfleischen würden. Doch plötzlich spitzten sie ihre Ohren, sprangen herum und starrten gespannt in den Wald. Es dauerte eine Weile, dann teilte sich das Buschwerk, eine hohe vornüber gebeugte Gestalt trat ins Freie. Ihre Kleidung war schwarz, so dass man sie nicht genau erkennen konnte. Die Gestalt kam schnellen Schrittes näher. Als eine Kaskade von Blitzen ein gleißendes Spinnennetz über den Himmel warf, konnte man Einzelheiten erkennen. Es war ein großer knochiger Mann, er hatte eine Glatze, seine Augen waren wie große schwarze Löcher, so als würde die Pupille die ganze Iris und die Hornhaut bedecken.
Auf seiner linken Gesichtshälfte verlief eine große gezackte Narbe, die über das Auge reichte. Aus seinen breiten Schultern ragte ein kurzer, stiernackiger Hals, auf dem ein kantiger Schädel thronte. Die drei Hunde liefen zu ihm, sprangen um ihn herum und wedelten mit den Schwänzen.
„Man hat mich geschickt, um euch abzuholen“, grollte eine tiefe Stimme. „Mein Name ist Surebrez Gate, ich bin der Hausmeister eurer neuen Schule. Diese drei Wölfe hier sind meine Assistenten, ich rate euch, ihnen nicht zu nahe zu kommen. Nun folgt mir, es ist schon spät und der Unterricht beginnt morgen schon recht früh.“
Ohne die Reaktion der beiden Mädchen abzuwarten, machte der seltsame Mann auf dem Absatz kehrt und schritt, gefolgt von den drei Wölfen, auf den Wald zu. So, als sei es eine Selbstverständlichkeit, nahm Larea ihre Tasche, kletterte vom Bahnsteig und folgte dem Mann.
Ryu war unschlüssig, bei dem Gedanken an den furchtbaren Mann, den grässlichen Wölfen und dem finsteren Wald schauderte sie. Aber die Alternative war, einsam und allein auf diesem öden Bahnsteig zu bleiben. Als die Ratten begannen, übereinander zu springen und so aus dem Bahngleis drangen, packte sie ihren Koffer und rannte Larea nach. Sie achtete nicht auf die hohen Disteln, die ihre Beine zerkratzen, denn sie wollte den Hausmeister und Larea noch vor dem Waldrand erreichen, was ihr in letzter Sekunde gelang.
Jetzt liefen die Wölfe voraus. Sie schienen jeden Meter des Waldes gut zu kennen. Ryu konnte keinen Weg, nicht einmal einen Trampelpfad erkennen. Die Stämme der Bäume waren nass und glänzten, wenn der rote Vollmond durch das Sturmgewölk am Himmel lugte, wie mit Blut besprüht. Als sie eine schmale Lichtung überquerten, hielt Ryu kurz an und starrte hinauf zum roten Vollmond. Sie war sicher, einen solch ungewöhnlichen Mond zuvor schon einmal gesehen zu haben, aber sie erinnerte sich nicht, wann und unter welchen Umständen.
Wenige Meter hinter der schmalen Lichtung, gab ihnen Surebrez Zeichen anzuhalten. Ryu bemerkte einen mehr als fünf Meter hohen Zaun, dessen Krone mit Stacheldrahtrollen behangen war. Eine Tür oder wenigstens einen Durchlass konnte Ryu nirgends entdecken. Der Hausmeister griff in seine Jackentasche und holte einen schwarzen, vielfach gezackten Stein hervor. Sobald er den Stein an den Zaun hielt, geschah etwas Merkwürdiges. Der Stein wurde hell und leuchtete wie weißes Feuer. Er ging den Zaun ab, bis der Stein aufhörte zu leuchten, und tippte dort gegen den Zaun.
Mit einem leisen Surren öffnete sich der Zaun. Ohne zu zögern und als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, ging der Hausmeister durch die Lücke. Dann winkte er den beiden Mädchen, ihm zu folgen. Als Ryu durch die Lücke ging, lief ein schmerzhaftes Kribbeln durch ihren ganzen Körper, und sie merkte, wie sich das Haar auf ihrem Kopf senkrecht stellte. Zum Schluss folgten die Wölfe. Sie machten sich ganz flach, legten die Ohren an und jaulten leise. Es war ihnen sichtlich unangenehm, die Lücke im Zaun zu passieren. Kaum waren alle hinter dem Zaun, als er im Bruchteil einer Sekunde zuschnappte und sich schloss, was Ryu an die Blüte einer fleischfressenden Pflanze erinnerte, wenn sie ein Insekt gefangen hat.
Der Platz hinter dem Zaun war neblig und der Boden bestand aus Schlamm, in dem die Füße tief einsanken und der das Vorankommen beschwerlich machte.
Sie marschierten eine gefühlte Ewigkeit und auf verschlungenen schmalen Wegen voran. Dann passierten sie einen See, dessen Steilufer mit übel riechenden schleimigen Pilzen bewachsen war. Eine Schaumspur und Wellenlinien durchzogen das schwarze Wasser, als würde etwas Großes darin schwimmen.
Wenig später hielten sie in den Schatten eines riesigen Gebäudes an. Es hatte die Form eines neugotischen Schlosses mit himmelragenden, spitzen Türmen, deren einzelne Teile mit abgründigen Brücken verbunden waren. Zwischen den Flügeln des Gebäudes waberten Nebelfetzen, so dass Ryu sich keinen Gesamteindruck verschaffen konnte. Aber was sie erblickte, war unheimlich und nicht gerade einladend.
An manchen Vorbauten hingen kleine zierliche Kreaturen herunter, die wie Fledermäuse aussahen. Dann huschte aus einer nahen hohen Wiese ein Dutzend Ratten hervor und beschnupperte ihre Schuhe. Sie ließen sich auch nicht stören, als die Mädchen nach ihnen traten, wichen ein paar Meter zurück und rannten sofort wieder auf sie zu, sobald sich die Mädchen ruhig verhielten.
Surebrez öffnete mit einem langen Schlüssel ein hohes Tor, das sich knarrend und nur schwer öffnen ließ. Hinter der Tür stand ein Mann, der in einen schwarzen Mantel gehüllt war. Ryu erkannte ihn sofort. Das war der Mann, der unter dem Baum vor dem Krankenhaus gestanden hatte. Sie starrte ihn mit Entsetzen an und bemerkte erst jetzt, wie groß er eigentlich war. Seine Augen waren gefühllos und grau und ohne jede Spur von Blau- oder Brauntönen. Auf seiner Schulter saß eine Ratte, die sich gerade putzte. Er starrte Ryu ins Gesicht und machte dann schweigend Platz, damit die Ankömmlinge passieren konnten. Surebrez betrat als Erster den Innenraum, Larea und Ryu folgten ihm. Die Wölfe blieben draußen und rannten davon.
Vor ihnen lag ein langer blutig roter Teppich, der eine breite Treppe nach oben bedeckte. Surebrez warf dem Mann im schwarzen Mantel einen bösen Blick zu und stieg ächzend die Treppe hinauf. Larea und Ryu folgten ihm. „Da hinein“, sagte Surebrez und zeigte auf einen schmalen dunklen Gang. „Dort ist euer Zimmer, es hat die Nummer 13, sie steht auf der Tür. Im Zimmer packt ihr eure Sachen aus, räumt sie in die Schränke, wascht euch und geht zu Bett. Morgen ist um fünf Uhr Wecken, es bleibt euch nicht viel Zeit, denn der Unterricht beginnt bereits um sechs Uhr. Lageplan der Schule und euer Stundenplan befinden sich auf eurem Zimmer. Ich würde mich beeilen, zu eurer Information, es ist bereits drei Uhr morgens.“
Ryus Augen weiteten sich, sie hatten nur zwei Stunden Schlaf? Was sollte denn das für eine Schule sein? Larea nahm es gelassen und schlenderte summend den Gang entlang. Ryu warf dem Hausmeister einen letzten Protestblick zu und rannte ihrer Zimmergenossin nach. In dem schmalen Flur war es fast dunkel, es roch muffig, von der Decke hingen Spinnweben und jeder ihrer Schritte wirbelte Staubwolken auf. Larea blieb an einer Tür stehen und starrte sie an. Auf die Tür war mit blutroter Farbe eine riesige 13 geschmiert worden. Sie öffnete die Tür und schaltete das Licht an. Vor ihnen lag ein schmales Zimmer, an einer Wand ein Hochbett, ihm gegenüber zwei schmale Kleiderschränke, in einer Ecke war ein winziges Bad mit Dusche und WC abgetrennt. Sie gingen hinein, stellten ihr Gepäck ab und packten ihre Sachen in die beiden Schränke.
Larea wählte wortlos das obere Bett, kletterte hinauf und kroch sofort unter die Decke.
Ryu setzte sich auf das Bett, das bei der kleinsten Bewegung lautstark knarrte. Das Bettzeug war feucht und roch unangenehm. Überhaupt machte das ganze Zimmer einen lieblosen Eindruck wie das Zuhause für ungebetene Gäste, die man schnell wieder los werden will. Ryu war überhaupt nicht müde und versuchte erst gar nicht einzuschlafen, stattdessen nahm sie die Pläne zur Hand. Die Schule war riesig, sie hatte viele Nebengebäude, die durch endlose Flure miteinander verbunden waren. Sie würde sich niemals alles merken können.
