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Am Grab ihrer Mutter sehen sich Verena und ihr Bruder Carsten zum ersten Mal in ihrem Leben. Ihre Mutter hat den beiden in einem Testament viel Geld, teuren Schmuck und eine Villa auf Madeira hinterlassen. Daraufhin entschließt sich Verena, für eine Zeit lang auf Madeira zu wohnen. Da arbeitet auch der Gärtner António, der Verena für sich gewinnen will, und der ein Geheimnis hat, hinter das Verena gerne kommen möchte. Und da ist auch noch der geheimnisvolle Safe, der zuerst nicht auffindbar ist…
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Blutfels
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Amelie Maria Winter
Roman
Impressum:
Titel: Blutfels
Texte: Copyright ©2018 Amelie Maria Winter
Das kleine Atelier – Literatur- und Kunstverlag
Anna Margareta Windheim, Spitalgasse 5a
D-91438 Bad Windsheim, https://www.dka-literatur.de
Umschlaggestaltung: ©2018 Das kleine Atelier
Fotos: ©2018 Das kleine Atelier
Gesamtgestaltung: ©2018 Das kleine Atelier
Druck: CPI Buchbücher GmbH, D-96158 Birkach
ISBN 978-3-947275-07-6
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z. B. über das Internet.
Über die Autorin:
Anna Margareta Windheim schreibt unter dem Autorennamen »Amelie Maria Winter« ihre Romane und Erzählungen. Sie wurde in den Wirren des 2. Weltkrieges 1941 geboren. Ihre musisch begabten Eltern weckten schon früh ihr Talent für Musik, Zeichnen und Malen. Freunde auf der ganzen Welt und Reisen in viele Länder der Erde geben ihr die Inspirationen für ihre Bücher.
Inhalt
Am Grab ihrer Mutter sehen sich Verena und ihr Bruder Carsten zum ersten Mal in ihrem Leben. Ihre Mutter hat den beiden in einem Testament viel Geld, teuren Schmuck und eine Villa auf Madeira hinterlassen. Daraufhin entschließt sich Verena, für eine Zeit lang auf Madeira zu wohnen. Da arbeitet auch der Gärtner António, der Verena unbedingt für sich gewinnen will, und der ein Geheimnis hat, hinter das Verena gerne kommen möchte. Und da ist auch noch der geheimnisvolle Safe, der zuerst nicht auffindbar ist …
Die grobe, dunkle Erde fiel hart und metallisch klingend auf die kupferfarbene Urne, als der Pfarrer die Schaufel über der kleinen Öffnung des Grabes langsam in seiner Hand drehte.
»Erde zu Erde, Asche zu Asche und Staub zu Staub. Und der Herr wird dich auferwecken am Jüngsten Tag!«
Der Seelsorger der kleinen Gemeinde in der Nähe von München drehte sich zu den Trauergästen um und hob seine rechte Hand zum Kreuzzeichen:
»Es segne Euch der gütige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Gehet hin in Frieden. Amen!«
Mit seinen kleinen, verkniffenen Augen, die fast unter den dichten, schwarzen Augenbrauen verschwanden, musterte er kurz die kleine Trauergemeinde, die sich um das breite Familiengrab gruppiert hatte, und schloss behutsam sein dickes Gebetbuch. Dann drehte er sich langsam zu Verena um und griff nach ihrer Hand:
»Der Herr wird dich trösten und stärken! Wir sind alle in Gottes Hand! Mein herzlichstes Beileid!«
Verena erschauerte, als die kalte Hand des Pfarrers mit ihren langen, knöcherigen Fingern wie ein Stück totes Fleisch in ihrer Hand lag – leblos, weich und ohne Druck.
Er gab auch ihrem Bruder Carsten, der neben ihr stand, mit einem kurzen Nicken die Hand; dann verbeugte er sich leicht vor den wenigen Trauernden und setzte sein schwarzes Birett wieder auf sein schon etwas schütteres, graues Haar. Er winkte kurz seinen zwei Ministranten und verließ eilig mit ihnen die Grabstelle und den stillen Friedhof.
Der Duft von Weihrauch lag noch in der warmen Frühlingsluft und über den Gräbern, die um die kleine Kirche mit einem Zwiebelturm angelegt waren. Verena beugte sich langsam über das Grab und legte eine rote Rose zum Abschied auf die Urne. Sie konnte sich nicht überwinden, auch von der Erde zu nehmen. Zu hart und zu laut war für sie die Erde aus der Schaufel des Geistlichen in die friedvolle Stille des Friedhofs geschlagen und hatte ihr Herz tief getroffen.
Ihr Bruder Carsten trat hinzu, ließ ein wenig feine Erde über die Urne rieseln und nahm seine Schwester wie schützend in den Arm. Sie traten zurück und ließen die anderen, unbekannten Trauergäste Abschied von der Toten nehmen. Es waren nicht viele aus dem Dorf. Zu lange war Verena schon weg gewesen ‒ niemand schien sich ihrer zu erinnern. Dabei hatten doch all die alten Menschen ihre Mutter und auch Verena gekannt. Es schien alles in Vergessenheit geraten zu sein.
Sie nickten nur kurz Verena zu, dann entfernten sie sich in aller Eile oder blieben, doch etwas neugierig geworden, in einiger Entfernung oder an anderen Gräbern stehen.
Verena blickte mit Tränen in den Augen hinauf zum blauen Himmel, an dem eine einzelne kleine, weiße Wolke stand.
»Mama! Mama, wohin gehst du?« Aber ihre stumme Frage bekam keine Antwort.
»Mama! Mama, wo gehst du hin?«
Verena stand am geöffneten Fenster ihres kleinen Zimmers unter dem Dach und blickte hinaus. Dort unten im Hof des großen Anwesens parkte eine schwarze Limousine. Ihre Mutter stand auf der Treppe des großen Bauernhauses und sah zu, wie der Fahrer zwei große Koffer und eine Reisetasche im Kofferraum des unheilvoll aussehenden Autos einlud.
Dann stieg ihre Mutter, ohne sich noch einmal umzudrehen, in das Auto ein. Das Zuschlagen der Autotür hallte im großen Hof an der Scheune wider und klang wie ein dumpfer Schuss.
Verena fuhr erschrocken zusammen. Der Fahrer startete den Motor und fuhr langsam aus der Hofeinfahrt hinaus auf die breite Dorfstraße.
»Mama! Mama, wohin gehst du? Ich will mit ‒ ich will doch auch mit!«, rief sie dem Auto nach, das jetzt schon durch das große, mit dunkelroten Kletterrosen bewachsene Tor verschwunden war.
Die vierjährige Verena konnte nicht begreifen, dass ihre Mutter gegangen war ‒ ohne sich zu verabschieden ‒ ohne ein Wort ‒ ohne eine zärtliche Umarmung und ohne einen liebevollen Kuss! Es war für das Mädchen unverständlich und grausam.
Verena lief rasch die Treppe hinunter, öffnete die schwere Eichentür des Hauses und schaute enttäuscht hinaus in den jetzt leeren Hof. Ihre Mutter war fort. Warum?
Ihr Vater trat hinter sie, zog sie von der Haustür weg und schloss diese energisch.
»Komm herein!«, sagte er kurz zu ihr.
Er machte nie viele Worte.
»Aber, Papa!«, Verena schaute fragend zu ihrem Vater auf. »Mama kommt doch wieder ‒ oder? Wohin ist sie denn gefahren? Und warum sind wir nicht mitgefahren?«
»Das verstehst du jetzt noch nicht! Sie ist fortgefahren!« Seine Stimme klang rau. »Sie kommt nicht mehr zurück! Sie hat uns alle verlassen! Aber die Oma ist jetzt auch noch da! Die hast du doch auch lieb ‒ oder?«
Damit war für den Vater das Thema »Mutter« beendet ‒ aber nicht für Verena.
Sie stand allein im dunklen Flur des großen Bauernhauses, drehte den Saum ihres roten Pullovers mit ihren kleinen Händen zu einer dicken Rolle und blickte stumm zur Tür, hinter der das Wohnzimmer lag, durch die ihr Vater jetzt verschwunden war.
Sie konnte nicht begreifen, dass ihre so geliebte Mutter auch am nächsten Tag nicht wieder zurück sein würde ‒ auch nicht in der nächsten Woche und nicht im nächsten Monat. Ihre Mutter war fortgegangen.
Verena zog die dicke Wollrolle an ihr Gesicht und biss hinein. Dann stampfte sie heftig mit dem Fuß auf und schrie: »Nein! Nein! Ich will doch auch mit! Oma! Oma, wo bist du? Ich will auch mit!«, und sie brach in ein herzzerreißendes Weinen und Schluchzen aus.
Ihre Großmutter kam aus der Küche, nahm sie tröstend in die Arme und hielt sie fest.
»Sie wird schon wieder kommen! Du musst nur etwas warten, dann ist sie bestimmt schon bald wieder da!«
Sie trocknete mit einem Schürzenzipfel das von Tränen genässte, kleine Gesicht und blickte Verena ernst an:
»Sie ist jetzt einmal weg! Wir müssen abwarten!«, und sie setzte noch wie zur Beruhigung hinzu:
»Dann wird bestimmt alles wieder gut!«
Ihre Großmutter wischte sich heimlich ein paar Tränen aus den Augen. Verena sollte nicht sehen, dass auch ihre liebe Oma geweint hatte. Sie wollte zuversichtlich zu Verena sein, um sie trösten zu können.
Aber ihre Großmutter wusste mehr. Sie konnte es doch der vierjährigen Verena nicht erklären. Das kleine Mädchen würde es doch nicht verstehen.
Aber die Mutter kam nicht mehr zurück. Sie hatte den Vater, Verena und alles zurückgelassen, was sie mit dem Haus und dem Hof verbunden hatte. Sie hatte nur fortgehen wollen, weg vom streitsüchtigen und harten Ehemann, der ihr Leben unerträglich gemacht hatte. Verena hatte sie nicht mitnehmen dürfen. Das war ihr größter Schmerz und Verlust gewesen. Der Vater hatte es nicht zugelassen.
Am Abend schlich sich Verena noch einmal heimlich aus dem Bett, öffnete das Fenster und blickte hinauf zum nachtschwarzen Himmel, der über und über mit blinkenden und glitzernden Sternen übersät war. Einer von ihnen erschien ihr besonders hell und schön.
»Du bist jetzt mein Stern«, sagte sie mit ihrem kindlichen Verstand und faltete ihre kleinen Hände wie zu einem Gebet.
»Du bist so schön und so hell. Mama kann dich bestimmt auch sehen. Und wenn Mama dich dann sieht, dann sage ihr, dass ich an sie denke. Dann denkt sie auch an mich. Und dann kommt sie auch bald wieder heim. Gute Nacht, mein Stern!«
Mit blanken Füßen ging sie leise über den einfachen, geölten Dielenboden wieder zurück und stieg in ihr Bettchen, das in der kleinen Kammer im oberen Stockwerk unter der Dachschräge stand. Sie zog das dicke Federbett aus Gänse- und Entendaunen über ihren Kopf, rollte sich wie ein Kätzchen zusammen, steckte sich ihren Daumen in den Mund, was sie zwar nicht durfte ‒ aber niemand sah es ‒ und schlief bald ein.
Der Orion mit seinen weiten Schwingen hing wie ein Schmetterling am Firmament der sternenklaren Nacht über dem Hofgut. Der Rigel, der helle Stern an einem Ende eines Flügels, blinkte und funkelte am Himmel und sandte die Grüße zu ihrer Mutter, die nicht mehr da war.
Das helle Schlagen der Kirchturmuhr rief Verena wieder in die harte Wirklichkeit zurück.
»Komm!«
Ihr Bruder Carsten nahm seine Schwester bei der Hand und zog sie sacht vom Grab weg.
Sie drehten sich um. Hinter ihnen, am nächsten Grabstein, stand nur noch ein einzelner Trauergast. Es war ein großgewachsener Mann in einem dunklen Anzug.
Er hatte grau melierte, leicht gelockte Haare. In seiner rechten Hand hielt er eine weiße Rose mit einem schwarzen Trauerband. Er hatte die beiden Geschwister schon seit einer längeren Zeit beobachtet. Schon als sie den Friedhof betreten hatten, hatte er sofort gewusst, dass sie die Kinder Franziskas sein mussten.
Der Mann ging nun langsam zum Grab und legte die Rose vorsichtig auf die Urne. Er verharrte eine Weile, dann verbeugte er sich kurz, drehte sich um und ging auf Verena und Carsten zu.
»Guten Tag! Ich bin Notar Richard Friesinger aus München«, stellte er sich vor. »Ich habe Sie benachrichtigt. Sie sind sicher Verena und Carsten, Franziskas Kinder! Mein aufrichtiges Beileid!«
Er gab beiden die Hand: »Es tut mir leid, dass ich nicht eher kommen konnte. Aber um aus München herauszukommen bis hierher benötigt man mehr Zeit, als ich gedacht hatte. Deshalb die Verspätung. Aber jetzt können wir uns auch persönlich kennenlernen.«
»Ja, ich glaube, es gibt viel zu erfahren und auch zu erzählen.« Carsten umfasste wieder Verenas Schulter.
»Komm!«, sagte er, »wir wollen den Friedhof verlassen und irgendwo hingehen, wo wir uns in Ruhe unterhalten können.«
Aber der Notar hielt sie kurz zurück:
»Ich muss leider wieder zurück nach München. Aber wir können ja für morgen einen Termin festhalten und Sie können dann in meine Kanzlei kommen. Ihre Mutter hat ein Testament hinterlassen, wie ich Ihnen schon geschrieben hatte, das ich Ihnen eröffnen muss. Sagen wir morgen am Vormittag um zehn Uhr? Ist Ihnen das recht?«
Carsten sah seine Schwester fragend an: »Geht das?«
»Ja, das ist möglich. Ich muss hier nur noch die üblichen Formalitäten erledigen, dann kann ich noch heute nach München fahren. Ich bin ja mit meinem Auto hier!«
»Gut! Dann bis morgen um zehn Uhr. Die Anschrift meiner Kanzlei haben Sie ja mit dem Brief erhalten!«
Der Notar verabschiedete sich und ließ die Geschwister allein. Die beiden schauten ihm stumm nach, bis er hinter der kleinen Dorfkirche verschwunden war.
Verena und Carsten sahen sich an.
»Ich glaube, wir haben uns sehr viel zu erzählen«, meinte Verena etwas vorsichtig, aber Carsten pflichtete ihr gleich bei: »Ja, das glaube ich auch! Aber es ist gar nicht so einfach, plötzlich eine Schwester zu haben, die dazu auch noch so hübsch ist! ‒ Wie alt bist du eigentlich?«
Carsten drehte Verena zu sich um und schaute ihr direkt in die Augen.
»Oh, ich bin jetzt vierundzwanzig ‒ und du?«
Verena war gespannt auf sein Alter.
Sie schätzte ihn etwas älter.
»Da bin ich wohl dein älterer Bruder, denn ich bin schon achtundzwanzig! Oder ist das schon alt?«
Er lachte und Verena meinte:
»Nein! Das ist doch jung! Aber ‒ na ja, lassen wir das! Also ‒ ich war vor drei Jahren das letzte Mal hier, als Großmutter gestorben war. Da habe ich auch Papa das letzte Mal gesehen. Wir haben damals nicht viele Worte gewechselt. Er schien wie abwesend zu sein und er wollte nicht mit mir sprechen. Er wollte auch nicht meine Adresse haben. Und er hat mich auch nicht mehr in das Haus gelassen.«
Verena hielt kurz inne, als wollte sie sich etwas ins Gedächtnis zurückrufen und rechnete nach: »Also, wenn ich das richtig berechnet habe, dann bist du vier Jahre älter als ich ‒ stimmt das?«
»Stimmt genau!«
»Aber du hast doch nicht bei uns gewohnt! Wo bist du denn aufgewachsen? Weißt du vielleicht, wann unsere Eltern geheiratet haben?«
»Nein, Verena, das weiß ich auch nicht.«
Carsten zog Verena zu sich heran und legte seinen Arm um ihre Schulter. Aber Verena fragte weiter:
»Warum? ‒ Warum ist sie fortgegangen?«
Auch Carsten wusste keine Antwort darauf. Er versuchte zuerst einmal, von diesen vielen Fragen etwas Abstand zu bekommen, und meinte:
»Also, wo wollen wir hingehen? Gibt es hier ein Gasthaus? Ich war ja noch nie hier und deshalb ist mir auch alles fremd. Da kann ich dir dann noch viel mehr von mir erzählen.«
»Vielleicht gibt es noch die ‚Fichtner-Alm‘, die ist nicht weit von hier. Da kann man mit dem Auto hinfahren und im Freien sitzen. Außerdem gibt es dort nicht so viele Zuhörer!«, meinte Verena schmunzelnd. »Du weißt schon! Die Menschen hier sind neugierig!«
So fuhren sie mit Carstens Auto, einer alten 2CV-Ente, zur Alm, die noch bewirtschaftet war.
Unterwegs betrachtete Verena ihren »neuen Bruder« heimlich von der Seite. Warum nur hatte sie nie etwas über ihn erfahren? Ihr Vater musste doch gewusst haben, dass sie noch einen Bruder hatte. Und ihre Großmutter – auch sie musste doch mehr gewusst haben. Sie konnte sich auch erinnern. Sie durfte nie mehr nach ihrer Mutter fragen. Der Vater hatte es ihr verboten.
Verena hatte auch nie erfahren, warum ihre Mutter gegangen war. Gab es da ein Geheimnis, das ihre Mutter jetzt mit in das Grab genommen hatte?
Carsten bemerkte die forschenden und auch etwas neugierigen Blicke Verenas und lächelte.
»Schon komisch ‒ was?«, meinte er augenzwinkernd mit einem kleinen Seitenblick auf Verena. »So heute auf morgen einen Bruder zu haben? Wie gefällt dir das?«
Verena überlegte zuerst, dann erwiderte sie etwas spitzbübisch: »Tja, so einfach ist das nicht ‒ so einen gut aussehenden Bruder zu haben. Aber ich frage mich, wie das jetzt weitergehen soll. Auf alle Fälle war das eine große Überraschung für mich!«, und sie setzte noch hinzu: »Aber gleichzeitig war es auch eine recht traurige!«
Sie schwiegen und hingen ihren Gedanken nach, bis sie beim Almhaus auf dem Berg angekommen waren.
Es waren nur ein paar Gäste da.
Sie setzten sich an einen Tisch in den Schatten eines großen Kastanienbaums, der jetzt, Ende Mai, über und über mit weißen Blütenkerzen übersät war. Sie bestellten sich etwas zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen und widmeten sich zuerst einmal ihrer Mahlzeit.
Dann ergriff Carsten doch als Erster das Wort:
»Ich weiß eigentlich gar nichts!«, begann er und sah Verena an, »das heißt, dass ich nicht viel weiß. Ich weiß nichts von meinem Vater, dem Haus und dem Hof und auch nicht von dieser kleinen Gemeinde hier. Du kannst mir glauben, ich fiel aus allen Wolken, als ich den Brief vom Notar bekam und von dir erfuhr. Natürlich bin ich jetzt sehr traurig, dass unsere Mutter gestorben ist. Aber ich weiß so wenig …!«
Er setzte ab und wartete auf Antwort.
»Mir geht es genauso wie dir!«, erwiderte Verena. »Vielleicht weiß ich ein bisschen mehr als du. Als unsere Mutter von zu Hause fortging, war ich gerade vier Jahre alt. Ein großes, schwarzes Auto hat sie damals abgeholt. Daran kann ich mich noch erinnern. Ich kann dir auch später den Hof und das Haus zeigen, das einmal unserer Familie gehört hatte. Aber das ist lange her. Vater hat nach dem Tod der Großmutter vor drei Jahren alles verkauft und ist weggezogen. Ich weiß auch nicht, wo er jetzt lebt. Als meine Briefe an ihn wieder zurückkamen, habe ich auch nicht mehr nachgefragt. Er hat doch sicher meine Adresse gewusst! Sie war doch auf dem Briefumschlag! – Du sollst wissen, dass ich kein besonders gutes Verhältnis zu Vater hatte. Aber vielleicht können wir jetzt noch nachforschen.«
»Ja, hast du denn nicht mehr dort gewohnt?«, wollte Carsten jetzt wissen.
»Nein, ich habe später nach dem Abi in München Musik studiert, was Vater nicht sehr gefallen hat. Er hat mich auch nicht finanziell unterstützt, sodass ich mich mit kleinen Jobs so durchgeschlagen habe. Er hatte schon früher immer gesagt, das ‚Geklimpere‘ der Mutter gehe ihm auf die Nerven. Ich weiß noch, dass unsere Mutter wunderschön Klavier spielen konnte. Es war ja eines im Haus. Vielleicht habe ich deshalb angefangen, Musik zu studieren. Aber ich konnte nicht weiter studieren. Es war alles zu teuer in München, die Miete und das Leben. Du weißt ja, wie das ist. Ich habe nie erfahren, wo unsere Mutter lebte und ob sie überhaupt noch lebte. Ich habe nur ein Foto von unserer Mutter mit mir, als ich zwei Jahre alt war.«
Verena holte das Foto aus ihrer Handtasche und gab es Carsten. Er betrachtete es lange.
»Das ist im Münchner Tierpark ‚Hellabrunn‘ aufgenommen und das ist ‒ das war unsere Mutter. Von Großmutter konnte ich nichts erfahren«, erzählte Verena weiter. »Vermutlich hatte mein Vater meiner Oma auch verboten, mir Näheres zu erzählen. Vater hatte immer gesagt, dass unsere Mutter weit weg sei, vielleicht in Südamerika, als ich noch klein war. Ich musste mich damit abfinden. Großmutter hat mir später ab und zu einen Brief und zu Weihnachten immer eine Karte geschrieben. Und ich musste dann meine Antwort in einem Umschlag an ihre Freundin senden, den sie dann an Großmutter weitergab. Daran siehst du schon, wie Vater war. Na ja! Und du ‒ was weißt du noch von unserer Mutter?«
»Ja, was weiß ich von Mutter?« Carsten schien etwas ratlos zu sein, aber er fuhr fort: »Noch weniger als du! Ich bin bei meinen vermeintlichen Eltern in Heidelberg aufgewachsen und habe bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr immer geglaubt, dass sie meine richtigen Eltern seien. An meinem Geburtstag haben sie mir dann die Wahrheit gesagt. Mit meinen sechzehn Jahren war das zuerst ein Schock für mich. Sie gaben mir dann am Geburtstag ein Foto von mir und Mutter, auf dem ich ein halbes Jahr alt war und noch eines von unserer Mutter.«
Er fasste in seine Jackentasche, holte die Fotos aus einem Kuvert und reichte sie Verena.
»In der Geburtsurkunde, von der ich eine Kopie dabei habe, steht aber nur ‚Vater unbekannt‘. Und unsere Mutter wohne nicht mehr in Frankfurt, hatten mir meine Adoptiveltern gesagt. Auch hatte sich niemand damals bemüht, die neue Adresse herauszufinden. Es sei besser so, sagten meine Eltern. Und ich fragte mich manchmal, wie Eltern so einfach verschwinden können und nicht mehr auffindbar sind. Ich habe mich auch gefragt, weshalb meine Mutter meinen Vater in der Geburtsurkunde nicht angegeben hatte. Ich wollte zwar immer noch nach meiner Mutter suchen, aber du weißt ja ‒ ich war jung! Ich sagte mir dann eines Tages: ‚Gib das auf, deine Mutter wollte dich einfach nicht haben ‒ und damit basta!‘ Es lief auch alles gut und ich brauchte mir keine Sorgen zu machen. So habe ich es immer wieder aufgeschoben und endlich dann auch aufgegeben. Für mich waren meine Adoptiveltern einfach die richtigen Eltern.
Jetzt lebe ich immer noch in Heidelberg und studiere Geowissenschaften an der Uni. Eigentlich wollte ich einmal Priester werden ‒ und dann Kardinal! Aber das waren Kindheitsträume! Später gefielen mir die Mädchen dann doch besser!«
Er lachte verschmitzt und sah Verena wie prüfend an: »So, wie du mir auch gefällst. Du bist sehr hübsch!«
Aber Verena wehrte ab: »Na, na, was sollen denn diese Komplimente! Du bist doch mein Bruder!«
»Ja, das ist sehr schade!«, meinte er und kehrte zu seiner Erzählung zurück: »Also – ich habe mich dann entschieden, Geowissenschaften zu studieren. Ich möchte einmal Mineraloge werden ‒ oder ich werde vielleicht auch in Zukunft verborgene Schätze ausbuddeln! ‒ Du weißt schon ‒ so wie Schliemann oder ähnlich!«
Er lachte wieder, aber dann wurde er wieder ernst: »Eigenartig ist nur, dass mich der Notar gefunden hat. Woher hat er gewusst, wo ich lebe? Ich dachte immer, dass man bei einer Adoption nicht die Adresse oder den Namen der richtigen Mutter erfährt. Vielleicht doch von unserer Mutter?«
Carsten zuckte mit den Schultern und Verena unterbrach ihn kurz: »Hast du bemerkt, dass der Notar am Grab gesagt hat: ‚Sie sind bestimmt die Kinder von Franziska‘? Ist dir das nicht aufgefallen? Er hat gesagt: ‚von Franziska‘. Er hat unsere Mutter mit dem Vornamen genannt. Hat er unsere Mutter vielleicht gekannt? Vielleicht schon von früher …?«
»Nein, Verena, das habe ich nicht bemerkt. Aber es ist jetzt fast wie ein Geheimnis, das unsere Mutter umgibt. Was wird noch alles herauskommen? Ob wir morgen mehr wissen werden? Und was will unsere Mutter uns vererben ‒ in einem Testament? Ich bin sehr gespannt und auch ein wenig neugierig!«
Carsten schüttelte den Kopf, als könnte er das alles nicht glauben, und je mehr er über alles nachdachte, desto verwirrter wurden seine Gedanken: »Ich werde wohl noch einmal mit meinen Eltern sprechen müssen!«
Er schwieg und hing seinen Gedanken nach.
»Da müssen wir wohl bis morgen warten«, fing nun Verena wieder an. »Ich denke, dass der Notar uns sicher weiterhelfen wird. Er hat hoffentlich alle Unterlagen.«
Die Geschwister saßen sich eine Zeit lang schweigsam gegenüber und wussten nicht so recht, was sie sonst noch reden sollten. Sie konnten sich doch nicht gleich alles von sich erzählen. Sie waren sich heute ja das erste Mal in ihrem Leben begegnet und noch recht fremd.
Dann fragte Verena: »Was meinst du? Möchtest du einmal den Hof unten im Dorf sehen, wo ich aufgewachsen bin? Es würde mich auch interessieren, wie jetzt alles aussieht. Vielleicht wissen die neuen Besitzer, wo unser Vater jetzt wohnt.«
»Ja, das ist eine gute Idee. Dann werden wir nach München zurückfahren, wenn es dir passt.«
»Ja, ich muss vorher noch einmal zum Pfarrer und zur Gemeindeverwaltung, dann können wir fahren.«
Damit war im Augenblick alles besprochen. Sie mussten sich erst noch näher kennenlernen. Der Abstand war noch viel zu groß zwischen den beiden. Es waren einfach zwei junge Menschen, die sich gerade kennengelernt hatten und die sich vom ersten Augenblick an sympathisch fanden. Geschwister? Dieses Gefühl hatten sie noch nicht.
Sie fuhren schweigsam durch den Ort, immer der Hauptstraße nach, bis sie zu einem etwas abseits an einer breiten Dorfstraße liegenden, großen Bauernhof kamen. Sie parkten vor dem offenen Tor und stiegen aus.
»Hier hast du also gewohnt!« Carsten staunte. »Haben unsere Eltern den Hof auch bewirtschaftet? Er ist doch recht groß!«
»Nein, Carsten! Soviel ich weiß, arbeitete Vater in München in einer Brauerei. Ich glaube, Großmutter hat mir einmal geschrieben, dass er Braumeister sei. Mutter war zu Hause und gab Klavierunterricht für ein paar Kinder vom Dorf. Wir hatten auch kein Vieh ‒ ich meine Kühe oder Schweine. Ich hatte nur eine kleine, weiße Katze ‒ Minka! Großmutter sagte mir einmal, dass Vater das ganze Ackerland verpachtet habe. Ob er die Felder jetzt noch besitzt, das weiß ich auch nicht.«
Sie gingen durch das weit geöffnete Tor, über dem sich so wie früher die roten Kletterrosen rankten und erste kleine, grüne Blättchen und schon winzige Knospen zeigten, in den Hof und läuteten an der Haustür. Aber niemand öffnete. Es war vermutlich niemand zu Hause.
»Macht nichts!«, meinte Verena. »Vielleicht ist es besser so! Ich möchte sowieso nicht mehr in das Haus gehen. Jetzt nicht mehr!«
Carsten pflichtete ihr bei.
»Hast recht!«, meinte er und zog Verena von der Tür weg. »Komm, lass uns gehen!«
Sie fuhren mit ihren beiden Autos nach München und nahmen sich in der Nähe der Kanzlei in einem Hotel zwei Einzelzimmer. Sie waren beide nun doch sehr müde geworden und gingen nach einem gemeinsamen Abendessen bald zu Bett.
Aber Verena war trotz der Müdigkeit noch lange wach und konnte nicht einschlafen. Es war ihr, als würde jetzt ein neuer Lebensabschnitt für sie beginnen.
Für sie und ihren Bruder Carsten!
Sie sah ihn vor sich, wie er sie anlachte und sie dann an sich zog. Sie sah sein dunkelbraunes, gewelltes Haar und seine blauen Augen. Er kam ihr einen Moment lang bekannt vor, aber dann war er ihr auch wieder fremd.
Sie mochte ihn.
»Carsten ‒ mein neuer Bruder!«, dachte sie noch lächelnd, dann war sie endlich auch eingeschlafen.
Morgen würde ein aufregender Tag werden! Verena war schon gespannt auf das Testament ihrer Mutter.
Am nächsten Morgen nach dem Frühstück gingen Verena und Carsten zum Notariat. Es war eine kurze Wegstrecke von nur fünf Minuten, die sie schweigend zurücklegten. Die beiden waren gespannt, was nun auf sie zukommen würde.
Dr. Friesinger hatte schon auf sie gewartet. Er bat sie gleich in sein Büro und schloss mit einem: »Ich möchte jetzt nicht gestört werden ‒ und bitte auch keine Anrufe!«, die breite Doppeltür.
Er setzte sich hinter einen mit vielen Schriftstücken überhäuften Schreibtisch und forderte beide höflich auf, Platz zu nehmen.
»Damit Sie beide wissen, weshalb mich Ihre Mutter mit dem Erbe und mit dem Testament beauftragt hat, möchte ich Ihnen einiges erklären«, begann er langsam und schaute Verena und Carsten abwechselnd an.
Und er sah die Geschwister sehr ernst an: »Ihre Mutter ist auf Madeira ums Leben gekommen. Die Polizei wusste nicht, ob es Selbstmord oder ein Unglücksfall war. Das wurde nie geklärt.
Aber nachdem ich die Briefe bekommen habe, wie Sie sehen werden, muss es wohl ein Unglücksfall gewesen sein. Denn Ihre Mutter wollte nach München kommen! Ich habe mit dem Bestattungsunternehmen dann alles in die Wege geleitet.«
Er nahm einen Brief aus einer ledernen Unterschriftsmappe und zog das Schriftstück langsam aus dem Kuvert.
Verena und Carsten nickten wie zustimmend und sahen sich an. Carsten nahm Verenas Hand und drückte sie sacht.
»Um ganz weit auszuholen, möchte ich Ihnen sagen, dass ich schon früher mit den Erbangelegenheiten von Frau Hanna Lehnsmeier, das war die Patentante Ihrer Mutter, beauftragt war. Wie ich jetzt auch weiß, verstarb Frau Hanna Lehnsmeier im Jahr zweitausendundvier auf Madeira. Damals vererbte Frau Lehnsmeier alles an Ihre Mutter, da keine weiteren Nachkommen und Verwandten mehr von ihr lebten. Frau Lehnsmeier selbst war nie verheiratet gewesen. Ihre Mutter hatte damals alles geerbt. Aber dazu später.
Ich kenne die Familie Lehnsmeier schon länger und habe auch die Erbschaften dieser Familien früher schon bearbeitet, deshalb kannte ich auch Ihre Frau Mutter. Das ist jetzt kurz einmal die Vorgeschichte, damit Sie sich etwas zurechtfinden.«
Er setzte ab und strich das Schriftstück behutsam glatt. Er überflog den Brief noch einmal kurz, um ihn dann langsam vorzulesen.
»Dieser Brief ist an mich gerichtet und er wird Ihnen einiges erklären«, begann er etwas zögernd. Es schien, als wollte er nur ein paar bestimmte Zeilen im Brief finden, als wollte er nicht den vollen Wortlaut wiedergeben.
»Der Brief ist vom Juni letzten Jahres«, fuhr er fort, »also von zweitausendundsieben. Mit diesem Brief hat Ihre Mutter mir auch ihr Testament gesandt. Sie hat mich gebeten, dieses nur nach ihrem Tod zu öffnen. Ich habe bis dahin nicht gewusst, wo sich Ihre Mutter aufhielt. Das Testament der Tante, in der sie Ihre Mutter als Alleinerbin einsetzte, wurde auf Madeira gemacht. Eine Abschrift habe ich auch erhalten.
Die Adresse von Ihnen, Herr Carsten Schmitt, war mir deshalb durch Ihre Mutter bekannt. Sie hat immer gewusst, wo Sie leben. Bei Ihnen, Frau Verena Greiner, habe ich nachgeforscht und konnte Sie dann schließlich in Berlin ausfindig machen.
Es wird Sie überraschen, weil Sie verschiedene Familiennamen haben, aber Lehnsmeier ist der Mädchenname Ihrer verstorbenen Mutter. Und bei Ihnen, Herr Schmitt, ist ja als Vater ‚unbekannt‘ angegeben, deshalb steht der Mädchenname Ihrer Mutter in der Geburtsurkunde. Wie Sie inzwischen auch wissen, haben Ihre jetzigen Eltern Sie im Alter von sechs Monaten adoptiert ‒ deshalb auch der Familienname Schmitt.«
»Aber«, Verena war jetzt wirklich erstaunt, »aber wir sind doch trotzdem Geschwister, nicht wahr?«
Der Notar beschwichtigte sie: »Natürlich sind sie Geschwister! Sie haben ja dieselbe Mutter und wie ich annehme, haben Sie auch denselben Vater.
Warum Ihre Mutter ihren Mädchennamen angeben hatte, kann ich Ihnen leider nicht erklären. Es fehlen mir auch noch verschiedene Dokumente, die ich noch nicht erhalten habe.«
Und er fuhr weiter fort:
»Ich habe noch einen zweiten Brief, den ich vor einigen Wochen erhalten habe, kurz bevor Ihre Mutter verstarb. Er nahm auch diesen Brief aus der Mappe und klappte ihn auf. Und wie zur Entschuldigung fügte er noch hinzu:
»Sie müssen wissen, dass Ihre Mutter nicht gerne telefonierte, besonders nicht in solch einer wichtigen Angelegenheit.
