Blutgebundene Rosen - Seraphina Dove - E-Book

Blutgebundene Rosen E-Book

Seraphina Dove

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Beschreibung

Worum geht es in diesem Buch? Bloodbound Roses ist ein Gothic-Romance-Roman und eine dunkle Fantasie-Romanze, die übernatürliche Spannung mit emotionaler Intensität verbindet. Sairah Avelis erwacht jede Nacht verfolgt von Visionen eines Mädchens, das vor Jahrhunderten starb. Als der Schleier zwischen Leben und Tod zerbricht, erhebt sich ihr früheres Ich, Sa’irah, aus dem Grab und fordert Rache. In einem verfluchten Herrenhaus, in dem Spiegel sie nicht widerspiegeln und Blutflecken nie verblassen, muss Sairah zwischen Liebe und Geister-Rache wählen. Für wen ist dieses Buch? Dieses Buch richtet sich an Fans von paranormalen Thrillern, Vampir-Liebesgeschichten und Romantasy-Romanen mit starken weiblichen Hauptfiguren. Leser, die emotionale dunkle Fantasie, historische Gothic-Fiktion und gotische übernatürliche Geschichten lieben, werden in Sairahs unheimliche Reise eintauchen. Was macht dieses Buch besonders spannend? Die Kombination aus romantischem übernatürlichem Thriller und nervenaufreibender Spannung macht dieses Buch einzigartig. Wendungen von Verrat, Liebe und Geister-Rache halten die Leser in Atem, während die gotischen übernatürlichen Elemente eine unheimliche, unvergessliche Atmosphäre schaffen. Was unterscheidet dieses Buch von anderen? Im Gegensatz zu typischen Liebes- oder Fantasy-Romanen vereint Bloodbound Roses gotische, historische und übernatürliche Themen mit einer tiefgründigen psychologischen Erkundung von Identität, Liebe und Rache. Die eindrucksvolle Prosa und die emotional aufgeladene Erzählweise machen es zu einem herausragenden Gothic-Romance-Roman.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Blutgebundene Rosen:

Das Blut, das sich weigerte zu sterben

SERAPHINA DOVE

Copyright © 2025 Seraphina Dove

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieser Publikation darf ohne vorherige Genehmigung des Verlags und des Autors ganz oder teilweise reproduziert oder in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln, elektronisch, mechanisch, durch Fotokopie, Aufzeichnung oder auf andere Weise, übertragen werden. Dieses Buch ist frei erfunden. Namen, Charaktere, Orte und Ereignisse entstammen entweder der Fantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen, Geschäftsbetrieben, Ereignissen oder Orten ist rein zufällig.

Der Friedhof der Namenlosen

3:06 Uhr

Der Wind heulte nicht. Er flüsterte leise, feucht und vertraut. Wie ein Geheimnis, das zu nah an die Haut gedrückt wurde.

Äste bewegten sich über ihnen, skelettartige Finger durchkämmten den Nebel. Der Nebel bewegte sich wie etwas Empfindsames, glitt langsam und wissend zwischen namenlosen Gräbern hindurch.

Nichts hier trug Namen. Nur Stein, Fäulnis und Stille.

Sairah stand barfuß am Rand des Friedhofs, das Nachthemd klebte wie Reue an ihren Beinen.

Schlamm klebte an ihren Füßen. Der Saum ihres weißen Baumwollkleides war nicht mehr weiß, er trug die rotbraune Note von etwas, das älter war als Dreck.

Sie wusste nicht, wie sie hierher gekommen war.

An den Spaziergang konnte sie sich nicht erinnern. Nur an das Ziehen.

Jedes Mal begann es wie ein samtschwarzer Traum, der Duft von Regen auf Eisen, der Rhythmus ihres eigenen Atems, der wie Schritte hinter ihr widerhallte. Und dann wachte sie auf und erlebte dies. Oder sie wachte gar nicht auf.

Ihr Atem dampfte in die Kälte und pulsierte vor Unbehagen.

Sie schlang die Arme um sich. Nicht um sich zu wärmen. Sondern um Gewicht zu sparen.

Sie wollte nicht wieder wegschweben.

Eine Gestalt bewegte sich knapp hinter dem Nebelschleier. Ihr Kopf drehte sich schnell in Richtung der Gestalt. Nichts. Nur Stille.

Dann

Ein Flüstern. Leise. Männlich. Samtig und rasiermesserscharf an den Rändern.

„Du hast mich angerufen … schon wieder.“

Die Stimme drang in sie ein wie die Erinnerung an einen Kuss.

Ihr Herz geriet ins Wanken. Sie drehte sich.

Leerer Raum. Toter Stein.

NEIN.

Nicht leer.

Nicht mehr.

Ein Zittern durchfuhr ihre Knochen, als hätte jemand unter der Erde ihren Namen ausgesprochen. Ihr Körper wusste etwas, was ihr Verstand nicht begreifen wollte.

Ich habe dich nicht angerufen.

Aber ihre Lippen bewegten sich nicht.

Ihr Puls hämmerte bis zum Hals. Instinktiv wich sie zurück, ihre Füße rutschten auf dem moosglatten Boden aus, und dann war da kein Boden mehr.

Nur dunkel.

Die Erde hinter ihr war verschwunden, das Grab brach in eine gähnende Leere zusammen, die atmete. Kein Loch. Ein Mund.

Und es kannte sie.

Der Wind legte sich. Der Nebel hielt den Atem an.

Die erste Berührung war nicht kalt, sondern warm.

Eine von Erde schwarze Hand, schlank und krallenartig wie mit Obsidian lackierter Knochen, schoss aus dem Grab und schloss sich um ihren Knöchel.

Zuerst schrie sie nicht. Sie schnappte nach Luft.

Weil sie sich daran erinnerte.

Der Druck. Der Griff.

Das Gefühl, beansprucht zu werden.

Dann fing ihre Lunge Feuer und sie schrie scharf, abgehackt und laut.

Ihre Hände krallten sich in die Luft, in die Grabsteine, ins Nichts.

Hunderte von Menschen flüsterten, stöhnten, keuchten und sangen. Nicht in Worten. In Erinnerung.

„Hab dich gefunden.“

Wieder die Stimme. Diesmal in ihrem Schädel.

Sairah ist gefallen. Oder wurde gezogen.

Ihre Finger kratzten über Stein, berührten aber nichts.

Die Dunkelheit verschluckte sie nicht wie die Nacht, sondern wie der Hunger.

Und bevor sich das Schwarz vollständig über ihr schloss, spürte sie, wie etwas über ihre Wange glitt.

Keine Finger.

Atem.

Nicht ihres.

Kapitel Eins:

Wo Blut spricht

Der Zug atmete aus wie ein uraltes Tier und setzte einen Nebel frei, der dicht genug war, um jede Erinnerung zu ersticken.

Die Plattform in Dovewick Hollow bestand mehr aus Schatten als aus Stein, verschluckt von Efeu und jahrelang geflüsterten, unausgesprochenen Dingen.

Als der letzte Waggon zischend stillstand, stieg sie aus. Ihre Stiefel berührten den feuchten Kies, und ihr Mantel fing den Wind wie ein Leichentuch ein.

Sairah Avelis war zu Hause.

Der Name schmeckte wie Eisen in ihrem Mund, verrostet vom Nichtgebrauch, mit etwas, das nicht mehr so ​​recht in die menschliche Welt passte. Sie hatte ihn seit drei Jahren nicht mehr ausgesprochen, nicht seit dem Vorfall, nicht seit dem Blutbad, nicht seit alles, was sie liebte, mit einer Grausamkeit aus ihrem Leben gerissen worden war, die nur das Unsichtbare erschaffen konnte.

Aber sie war zurückgekehrt. Nicht aus Sentimentalität.

Aus der Not heraus.

Sie war nicht nur zurückgekehrt, um sich zu erinnern. Sie war gekommen, weil die Träume immer intensiver wurden und gar keine Träume mehr waren. Etwas erwachte unter ihnen. Und sie musste wissen, was, bevor es sie falsch aufweckte.

Ihr Blick wanderte über den Bahnsteig. Leer.

Gut. Dovewick hieß Fremde nie willkommen. Zurückzukommen bedeutete, sich mit ihrem eigenen Namen auseinanderzusetzen. Bedeutete, die Teile ihrer selbst zu berühren, die einst vor Magie, Schuld und einer Liebe brannten, die zu gefährlich war, um zu überleben. Diese Stadt begrub Geheimnisse nicht nur. Sie brachte sie hervor. Der Wind säuselte in der Ferne durch die Kiefern, und Sairah spannte sich an.

Nicht wegen des Geräuschs, sondern wegen der Stille, die folgte.

Hier war nie einfach nur Wind.

***

Ihr Taxi hatte Verspätung. Natürlich.

Die Luft war kälter, als sie Ende September hätte sein sollen, als weigerte sich die Höhle, die Kälte ihrer Geheimnisse preiszugeben. Sie schob ihre Hand in die Manteltasche und berührte den Gegenstand, den sie geschworen hatte, nicht mitzunehmen.

Ein Medaillon.

Schwarzes Metall. Kalt wie eine Leiche. Auf der Rückseite eingraviert: ein Siegel, das ihre Mutter ihr einst verboten hatte, mit bloßen Fingern zu beschreiben. Das Zeichen von Avelis. Der Fluch. Der Schlüssel.

Sairah zuckte nicht zusammen, als die erste Krähe auf dem kaputten Wegweiser vor ihr landete. Eine weitere folgte. Und noch eine. Sie beobachtete. Sie wartete.

„Du erinnerst dich an mich“, murmelte sie.

Eine Krähe neigte den Kopf, als ob sie amüsiert wäre.

Sie spürte das Brennen, bevor sie die Stimme hörte.

„Du hättest nicht zurückkommen sollen.“

Sairah drehte sich langsam um.

Eine Gestalt stand am Rande des Nebels. Sie war in einen dunklen Mantel gehüllt, ihre Stiefel waren schlammdurchtränkt, ihr Gesicht lag im Schatten einer Hutkrempe, doch diese Augen, unnatürlich in ihrer Reglosigkeit, durchbohrten sie wie eine Klinge, durchzogen von Erinnerungen.

„Schön, dich auch zu sehen, Malakai“, sagte sie mit knochentrockener Stimme.

Der Mann trat langsam und bedächtig vor. „Du riechst wie er.“

Sie fragte nicht, wer. Sie wussten es beide.

Lucien.

Sein Name war eine Wunde, eingehüllt in ihren Atem.

Sie hatte es seit Jahren nicht mehr gesagt, nicht seit dem Blut, nicht seit sie seinen Körper zum Fluss getragen hatte, nicht seit dem Ritual, das sie kalt und flackernd in ihrer eigenen Haut zurückließ.

Ihr Puls stockte, dann raste sie wieder. Sie verbarg es unter Sarkasmus. „Ich sehe, du bist nicht besser im Begrüßen geworden.“

„Ich grüße keine Geister“, antwortete Malakai.

Sairahs Kiefer verkrampfte sich. „Ich bin kein Geist.“

„Nicht wahr?“

***

Als das Taxi endlich kam, vermied der Fahrer den Blickkontakt. Seine Hände zitterten, als er die Tür öffnete, und sein Kruzifix blitzte in der untergehenden Sonne auf.

Wortlos glitt sie auf den Rücksitz und ignorierte, wie sein Atem die Scheiben in kleinen Wölkchen beschlug. Sie fuhren schweigend.

Öde, lädierte und verrottende Felder zogen sich vorbei. Bäume ragten auf wie Trauernde bei einer nie zu Ende gegangenen Beerdigung.

Gravenhurst erhob sich grimmig und erwartungsvoll vom Hügel, wie ein Geheimnis, das zu lange gewartet hatte.

Heim.

Der Fahrer hielt eine halbe Meile die Straße hinunter an und murmelte etwas darüber, dass man die alte Torlinie nach Einbruch der Dunkelheit nicht überqueren dürfe.

Feigheit. Oder Weisheit.

Sie stieg aus. Der Weg nach oben war gewunden und überwuchert, als ob der Boden selbst Schritte abwehrte.

Sie erinnerte sich an jede Biegung, jeden Stein. Wie sie hingefallen war und sich die Knie aufgeschürft hatte, als sie Lucien durch die wilden Rosen verfolgte. Wie sie ihn unter den Dornen geküsst hatte.

Die Zeit, als er nicht zurückkam.

Ein schmiedeeisernes Tor tauchte aus dem Nebel auf. Als sie es das letzte Mal gesehen hatte, war es nicht geschlossen gewesen. Jetzt war es mit einem Vorhängeschloss verschlossen und hatte keinen Schlüssel.

Sie berührte das Medaillon erneut und flüsterte den Zauberspruch, der auf der Grabrolle ihrer Familie eingraviert war.

Das Vorhängeschloss klickte auf.

Magie. Alte Magie.

In Dovewick blieben nie Tote begraben.

***

Drinnen war Gravenhurst genauso, wie sie es in Erinnerung hatte. Und überhaupt nicht so, wie sie es in Erinnerung hatte.

Die Treppe war noch immer wie ein Brustkorb gebogen, ihr Geländer war mit aus Obsidian geschnitzten Rosen aus verwittertem Holz gesäumt.

Vom Kronleuchter oben tropfte noch immer Glas in Tränenform. Aber die Wände … die Wände hatten sich verändert. Sie atmeten.

„Sairah Avelis“, kam die Stimme erneut.

Diesmal war es nicht Malakai.

Sie drehte sich scharf um.

Und da war er.

Lucien.

Oder etwas, das seine Haut trägt.

Groß. Barfuß. Auf seiner nackten, kahlen Brust war das schwache, verzweigte Muster von etwas zu sehen, das aussah wie unter der Haut gefrorene Adern der Nacht.

Sein Haar war länger, als sie es in Erinnerung hatte …“

„Sag mir, dass ich träume“, flüsterte sie.

Er trat einen Schritt vor, seine Augen schwarz wie der Sturm, der hinter den Sternen lauerte. „Das bist du nicht.“

„Du bist gestorben.“

Er neigte den Kopf. „Du auch.“

Ihr stockte der Atem.

„Ich habe dich begraben“, sagte sie. „Ich habe deinen Körper in den Wald getragen und …“

„Hast mich im Fluss gefesselt. Ich weiß es. Ich habe dir dabei zugesehen.“

Sie wich instinktiv zurück. „Das ist nicht real. Das ist nicht real.“

„Echt?“ Lucien lächelte traurig und scharf. „Glaubst du immer noch, die Realität ist die Welt, die so tut, als hätte sie uns vergessen?“

Sie konnte nicht atmen. Nicht richtig. Die Wände wurden schmaler. Das Haus neigte sich nach vorn. Und Luciens Schatten war länger als er sein sollte, widersprach allen Gesetzen und der Vernunft.

„Was bist du?“, fragte sie.

„Immer noch ich“, sagte er. „Aber nicht nur ich.“

***

Blitz.

Vor drei Jahren.

Das Ritual. Der kupferne Geruch des Blutes ihrer Mutter lag schwer in der Luft, ein dunkler Fleck erblühte auf dem Altarstein.

Lucien hielt ihre Hand, sein Griff kalt trotz der Scheiterhaufen. Der Gesang. Der aufbrechende Himmel.

Und dann

Schreie.

Der Fluch erwachte.

Das an die Blutlinie der Avelis gebundene Wesen, das die Stadt den „Höhlten“ nannte, hatte einen Wirt gewählt.

Lucien.

Sie hatte ihn in dieser Nacht versiegelt. Sie hatte ihre eigene Seele benutzt, um den Dämon an den Fluss zu binden. Ein Feuer, das sie von innen verzehrte, dann eine hallende Leere, als ihr eigenes Licht flackerte und erlosch. Dabei war sie gestorben.

Und doch waren sie hier.

Lebendig. Verfolgt.

Geändert.

***

„Ich bin gekommen, weil die Träume nicht aufhören wollten“, gab sie zu.

Lucien nickte. „Weil das Siegel bricht.“

Sie blickte auf. „Warum jetzt?“

„Weil das Hollow wach ist. Es weiß, dass du hier bist. Und es will dich zurück.“

„Will… mich?“

Er trat näher, sein Blick wurde sanfter. „Du bist die letzte Avelis, Sairah. Ohne dich erlischt die Blutlinie.“

Und es ist diese Kälte, dieses verblassende Echo unserer Magie, das das Tor belastet … das Tor, das das Hollow zurückhält.“ Das Tor. Sairah stockte der Atem. Sie erinnerte sich

verschwiegene Familiengeschichten, die Pflicht der Avelis, etwas Schreckliches unter Verschluss zu halten, etwas, das nun offenbar ans Licht wollte.

Ihr drehte sich der Magen um. „Glaubst du, ich bin zurückgekommen, um es wieder zu öffnen?“

„Nein“, flüsterte Lucien. „Ich glaube, du bist zurückgekommen, um zu beenden, was du angefangen hast.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht einmal, was das bedeutet.“

„Aber das wirst du.“

Er streckte die Hand aus. Seine Finger zitterten. Ihre auch.

Als sie sich berührten, knackte die Luft.

Und sie sah

Schwarze Wasserblitze. Eine Krone aus Knochen. Ihr Name in Feuer geätzt. Das brüllende Hollow. Und Luciens Augen glühten, hinter ihm erhoben sich Flügel aus Asche.

Eine Prophezeiung.

Ein Preis.

Eine Wahl.

***

Sie riss keuchend ihre Hand zurück.

Lucien schwankte. „Es hat bereits begonnen.“

Sairah drehte sich zur Tür um. „Dann hören wir auf.“

Er packte sie am Arm. „Das Hollow ist nicht aufzuhalten, Sairah. Nur Opfergaben.“

Sie sah ihn an, und in ihren Augen brodelte es vor Gewitter.

„Dann werde ich den ganzen verdammten Ort niederbrennen, bevor ich mich noch einmal anbiete.“

Kapitel Zwei:

Die Angst, die sie fühlt

Als Sairah die Frau das erste Mal „Mutter“ nannte, fühlte es sich wie Verrat an.

Nicht der Frau, sondern sich selbst.

Das Wort schmeckte ihr nicht richtig. Es war keine Zurückweisung ihrer Liebe, sondern ein tief in ihrem Innern verankerter Instinkt.

Etwas Uraltes in ihrem Inneren flüsterte ihr zu, dass diese Liebe geliehen war. Gekauft. Nicht verdient. Und eines Tages würde sie darum bitten, zurückgegeben zu werden.

***

Vor dreizehn Jahren…

Mitternacht. Regendurchweichte Rosen. Ein Traum, der sich anfühlte wie Ertrinken.

Julianne Avelis wachte schreiend auf.

Sie saß kerzengerade in ihrem Himmelbett, die Seidenlaken klebten an ihrer Haut, ihr Atem war stoßweise und unregelmäßig.

Ihr Mann Dorian rührte sich nicht neben ihr. Das tat er nie. Nicht wegen Träumen. Nicht wegen Stürmen.

Nicht einmal wegen des schrillen Schreis, der aus der Kehle des Kindes drang, das sie gleich finden würden.

Aber Julianne hörte etwas anderes.

Eine Stimme, nein, ein Schluchzen.

Es kam aus dem Fenster. Von unter dem Fenster.

Sie stand barfuß und zitternd da und spähte in die endlose Nacht hinter dem Nebel. Ihre Brust zog sich zusammen.

Das Feld hinter dem Herrenhaus blühte. Wilde Rosen. Jeder Stiel blutete. Die Blütenblätter waren schwarz.

Julianne wurde ohnmächtig.

***

Als sie aufwachte, wartete Dorian mit einer Laterne und schmutzigen Stiefeln auf sie. „Ich hatte den Wagen schon fertig, bevor du geschrien hast“, sagte er mit einer Stimme, die nichts von Überraschung verriet, sondern von einer eisigen, eintönigen Stimme, die mehr Angst machte als Panik.

Sie blinzelte. „Wie ist es gelaufen?“ „Du hast ihren Namen im Schlaf gesagt.“ „Ich kenne ihren Namen nicht.“ „Doch“, sagte er mit abwesendem Blick. „Du weißt ihn.“

***

Sie fanden das Kind unter der alten Zypresse, wie mit Absicht hingelegt. Kein Blut. Keine Nachgeburt. Kein Zeichen von Leben oder Tod.

Einfach Stille.

Perfekt. Blass. Beobachtend.

Julianne weinte. Dorian nicht. Er hüllte das Mädchen in seinen Mantel, als wäre sie heilig. Als wäre sie gefährlich. „Wo kommt sie her?“, flüsterte Julianne. Dorian log mühelos. „Sie wurde ausgesetzt.“

Verlassen. Das Wort war, seit Sairah zurückdenken konnte, ein Stein im Schuh, eine bequeme Fiktion, die nie ganz die Wahrheit verbergen konnte, die sie darunter pulsieren fühlte.

Zurück in der Gegenwart schien derselbe Puls von der Zypresse selbst auszugehen, als Sairah davor stand. Ihr Stamm war nun dicker, die Rinde von schwarzen Adern durchzogen. Eine Wunde in der Erde.

Sie legte ihre Hand darauf. Das Holz war warm.

Und es pulsierte.

Sie zuckte nicht zusammen.

Hinter ihr seufzte das Herrenhaus, als würde es sich erinnern.

Die hohen gotischen Fenster starrten herab wie Glasaugen, wertend und müde. Weinreben klammerten sich an den Stein, als hätten sie Angst, loszulassen.

Sairah ging langsam die Stufen hinauf, ihre Schritte hallten auf dem Marmor wie ferne Trommeln wider.

Die Tür öffnete sich, bevor sie sie berührte.

Julianne Avelis stand im Bild.

Eine Porzellanskulptur einer Frau, zu zart, zu gequält.

Sie trug blasses Lavendel, immer Lavendel, als könnte die Farbe den Tod fernhalten. Ihr Haar hatte die Farbe von Frost. Ihre Augen waren verblasstes Violett. Immer auf der Suche, nie gefunden.

„Sairah“, sagte sie mit einer Stimme wie im Wasser ertränkte Seide.

„Mutter“, antwortete Sairah.

Eine Pause. Ein Atemzug stockte. Etwas Unausgesprochenes strömte zwischen ihnen hindurch wie ein kalter Luftzug.

Dann drehte sich Julianne um und ging wortlos hinein.

Das Haus verschluckte sie beide.

Im Salon war es düster, nur das Kaminfeuer erhellte die Atmosphäre. An den Wänden hingen Porträts von Frauen aus Avelis, jedes tragischer als das andere. Sairah war nicht darunter.

Sie saß Julianne schweigend gegenüber.

Niemand bot Tee an.

Niemand fragte, wie es ihr ging.

Julianne faltete die Hände im Schoß. „Ich hätte nie gedacht, dass du zurückkommst.“

„Du wusstest, dass ich das tun würde.“

Julianne zuckte zusammen.

„Warum jetzt?“, fragte sie. „Nach all der Zeit?“

„Weil der Boden wieder angefangen hat zu bluten“, sagte Sairah leise.

Julianne stockte der Atem.

„So sprichst du immer.“

Sairah legte den Kopf schief. „Wie zum Beispiel?“

„Als ob etwas Uraltes in dir wäre.“

Sairah antwortete nicht. Das war auch nicht nötig.

Julianne stand auf, um sich ein Glas Rotwein einzuschenken, immer Rotwein. Sie hielt es wie ein Opfer.

„Dein Vater ist nicht hier.“

„Weiß er, dass ich es bin?“

Julianne nickte einmal. „Er ist gegangen, als dein Name ausgesprochen wurde.“

„Feigling“, flüsterte Sairah.

„Nein“, antwortete Julianne. „Schlimmer.“

***

Dorian Avelis hat Sairah nach jener Nacht unter der Zypresse nie wieder berührt.

Mit zitternden Händen unterschrieb er die Adoptionspapiere. Er gab ihr den Namen Avelis, das Avelis-Zimmer und das Avelis-Erbe.

Aber niemals seine Stimme.

Niemals seine Augen.

Er wich ihrem Schatten aus, als könnte er ihn verschlucken.

Und vielleicht könnte es das.

Sairah erinnerte sich, wie sie ihn einmal im Spiegel beobachtet hatte. Er beobachtete sie beim Schlafen, seine Lippen bewegten sich in stillem Gebet.

Als ob er sie anflehen würde, nicht aufzuwachen.

***

In dieser Nacht knarrte das Haus mehr als sonst.

Sairah konnte nicht schlafen.

Ihr altes Schlafzimmer war unberührt. Konserviert. Die violetten Laken. Der schwarze Spiegel. Der schwache Duft von Lilien, der nie von einer Blume kam.

Sie lag im Bett und starrte an die Decke, bis das Flüstern begann.

Leise. Wie Seufzer unter Dielen.

Sie stand auf und folgte ihnen.

Die Treppe hinunter.

Durch den östlichen Flur. Vorbei am verschlossenen Musikzimmer. Vorbei am schiefen Gemälde von Tante Mireille, die sich in ihrer Hochzeitsnacht die Pulsadern aufgeschnitten hat.

Zum Westflügel.

Den Flügel betrat niemand.

Wo die Spiegel mit Samt bedeckt waren.

Der Flügel, in dem ihre Schwestern schliefen.

***

Sie blieb an Veydas Tür stehen.

Ein leises Stöhnen drang durch den Spalt, Lust und Schmerz waren nicht zu unterscheiden.

Drinnen hörte sie eine Stimme. Eine Männerstimme. Sie flüsterte ihren Namen.

Nicht Veydas.

„Sairah.“

Dann Stille.

Sie drehte sich schnell weg.

Die nächste Tür war Saeliths.

Ruhig.

Zu leise.

Sie beugte sich vor. Hörte zu.

Nichts.

Doch in dem Moment, als sie ihre Handfläche auf das Holz legte

Ein Schrei hallte durch das Haus.

***

Das gesamte Herrenhaus erwachte.

Julianne rannte atemlos und barfuß aus ihrem Zimmer.

Diener tauchten wie Geister auf, die alte Elara, die Haushälterin, presste eine zitternde Hand auf ihren Mund, ihr Blick huschte mit einem Ausdruck aufkeimender, angestammter Angst von Saeliths Tür zu Sairah.

Und aus Saeliths Zimmer drang ein erdiger, metallischer Gestank. Wie Fäulnis und Blut.

Sie stürmten herein.

Saelith saß aufrecht im Bett, die Augen weit aufgerissen, der Körper steif wie eine Leiche.

Die Laken waren schmutzdurchtränkt.

Ihre Arme waren mit Kratzern übersät. Tiefe Kratzer.

Aber es waren keine Nägel zu sehen.

Und auf ihrem Handgelenk stand mit frisch gekritzeltem Blut ein Name.

„Sairah.“

***

„Sie schlafwandelt wieder“, sagte Julianne mit zusammengebissenen Zähnen.

„Sie hat nicht geschlafen“, antwortete Sairah und starrte auf das Mal.

„Du hilfst nicht.“

Sairah trat näher. „Sie hat meinen Namen geschrieben.“

„Sie erinnert sich nicht“, blaffte Veyda, der plötzlich hinter ihnen stand.

Sie war in einen Seidenmantel gehüllt, ihre Haut glänzte, ihre Lippen waren von einem kürzlichen Vorfall geschwollen. Ihre Augen brannten vor Vorwürfen.

„Sie erinnert sich nie“, flüsterte Sairah. „Das ist das Problem.“

Veydas Stimme überschlug sich. „Das ist es, was du tust. Du machst Menschen kaputt. Allein dadurch, dass du in ihrer Nähe bist.“

Sairah drehte sich langsam und bedächtig zu ihr um. „Und du folgst mir immer noch wie eine Motte dem Licht.“

Veyda gab ihr eine Ohrfeige.

Es hallte wider.

Julianne sagte nichts.

Sairah zuckte nicht zusammen.

Sie sah ihre Schwester an und lächelte.

Und Veyda, der kalte, grausame Veyda, trat zurück.

Denn in diesem Lächeln sah sie für den Bruchteil einer Sekunde etwas hinter Sairahs Augen.

Ein Grab.

Und es war offen.

***

Später in der Nacht stand Sairah allein im toten Garten.

Die Rosen waren zurückgekehrt.

Blutung.

Genau wie vorher.

Sie kniete neben einem.

Berührte seinen Dorn.

Ihr Blut tropfte auf den Boden.

Die Erde bebte.

Und irgendwo tief unten regte sich etwas.

Aufpassen.

Warten.

Berufung.

Sie schloss die Augen und flüsterte:

„Ich erinnere mich.“

Kapitel Drei:

Schwesternhass

Sairah stand am Rand des gesprungenen Brunnens im Hof ​​und beobachtete, wie das Wasser in unnatürlichen Mustern plätscherte.

Kein Wind. Kein Steinwurf. Nur eine Vibration unter der Oberfläche, als ob sich das Wasser an etwas erinnerte, an das es nicht gedacht hatte.

Sie konnte spüren, wie sie sie beobachteten.

Nicht aus den Fenstern. Nicht vom Flur.

Nicht hinter Türen.

Aus der Tiefe.

Unter der Haut.

***

Veyda Avelis war eine Symphonie aus Eleganz und Gift.

Sie bewegte sich, als wäre ihre Anwesenheit eine Bedrohung und ein Geschenk zugleich, und jeder Schritt war so choreografiert, dass er die Welt daran erinnern sollte, dass sie Glück hatte, sie zu sehen.

Doch ihre Schönheit war eine kalte Waffe, die sie ohne Zögern schuf, schärfte und führte. Ihre sturmgrauen, scharfen Augen waren Spiegel, die sich weigerten, zu reflektieren.

Sie hat nicht geklopft. Das hat sie nie getan.

Stattdessen erschien sie wie ein Phantom in der Abenddämmerung im Garten, ihre Absätze waren stumm, ihr Gewand war gerade weit genug geöffnet, um ihre Dominanz zu demonstrieren.

„Du blutest schon wieder“, sagte Veyda.

Sairah blickte nicht vom Brunnen auf. „Er gehört mir nicht.“

„Wessen dann?“

Sairah zuckte mit den Achseln. „Das Haus birgt Geheimnisse.“

Veyda trat näher, ihr Parfüm erfüllte die Luft mit Bernstein, Violett und Gefahr.

„Das Haus bewahrt keine Geheimnisse“, flüsterte sie. „Es steht ihnen gut.“

Sie standen schweigend da, die Spannung zwischen ihnen war so alt wie Knochen und doppelt so bitter.

Endlich erwiderte Sairah ihren Blick. „Du hast letzte Nacht von mir geträumt.“

Veyda versteifte sich.

„Ich habe es gesehen“, fuhr Sairah fort. „Du hieltest eine Klinge. Mir waren die Hände gebunden. Du hast gelächelt, bevor du zugeschlagen hast.“

Veydas Lippen öffneten sich. „Glaubst du, ich will dich töten?“

Sairahs Stimme wurde eisig. „Das hast du schon.“

***

Blitz…

Ein anderes Leben. Eine andere Ära. Kopfsteinpflaster. Blut auf Seide. Veyda stand über ihr und flüsterte Worte, die nach Verrat schmeckten.

„Verzeihen Sie mir“, hatte sie damals gesagt.

Aber der Dolch blieb nicht stehen.

***

Veydas Maske ist nicht zerbrochen.

Sie beugte sich vor, die Lippen nahe an Sairahs Ohr.

„Ich hasse dich nicht, weil du bist, wer du bist“, flüsterte sie. „Ich hasse dich, weil es sich nie genug anfühlt, selbst wenn ich dir alles nehme.“

Sie trat zurück.

„Du brechst nicht.“

Sairah lächelte schwach. „Das liegt daran, dass ich mich an die Teile von mir erinnere, die du zu begraben versucht hast.“

„Dann lass sie begraben bleiben“, zischte Veyda, bevor er im Nebel verschwand.

***

Saelith Avelis lebte in Spitze und Schlafliedern.

Der Jüngste. Der Ruhigste. Derjenige, dessen Stimme kaum mehr als ein Flüstern war, aber es war immer das Flüstern, das man fürchten sollte.

Sairah fand sie später im Musikzimmer sitzend im Schneidersitz, wo sie auf einer Porzellanspieldose mit blutbefleckten Tasten spielte. Sie summte eine Melodie, die ihr niemand beigebracht hatte.

Ein Trauerlied.

Saelith blickte nicht auf.

„Das habe ich immer für dich gesungen“, sagte sie leise.

Sairah blieb an der Tür stehen. „Wann?“

„In einem anderen Haus“, antwortete sie. „In einem Leben, in dem ich immer noch so tat, als würde ich dich lieben.“

Die Musik wurde langsamer. Bricht ab. Klickte zurück zum Anfang. Immer und immer wieder.

Auch Saeliths Lächeln war wie Porzellan.

„Seien Sie vorsichtig“, sagte sie. „Die Spiegel haben wieder angefangen, sich zu bewegen.“

Sairah hob eine Augenbraue. „Woher weißt du das?“

„Ich habe sie beobachtet. Sie haben mir ihre Zähne gezeigt.“

***

Sie erinnerte sich an die Nacht, in der Saelith zum ersten Mal für sie log.

Sairah hatte ein Glasornament zerbrochen, eines der ältesten Erbstücke ihrer Mutter. Saelith trat vor und nahm die Schuld auf sich.

Sie war fünf.

Sairah umarmte sie.

Und später in der Nacht wachte Sairah auf und musste ersticken, weil man ihr Rosendornen in den Mund gesteckt hatte.

Saelith schlief tief und fest.

***

„Du hast dir letzte Nacht die Arme gekratzt“, sagte Sairah und betrat das Zimmer.

„Ich nicht“, antwortete Saelith. „Sie hat es getan.“

"WHO?"

„Der andere.“

Sairah erstarrte. „Welcher andere?“

„Das Mädchen in den Wänden. Das mit deinen Augen. Sie flüstert ständig deinen Namen.“

„Und was sagt sie?“

Saelith blickte schließlich auf. „Dass du nie hättest nach Hause kommen sollen.“

***

Sie hassten sie.

Nicht auf die Art, wie es Schwestern manchmal tun. Nicht aus Eifersucht oder Rivalität oder unerfüllter Sehnsucht.

Das war tiefer.

Älter.

In ihre Blutlinie eingraviert.

Der Fluch wurde nie in der Heiligen Schrift niedergeschrieben; er wurde gelebt. Er spielte sich über Jahrhunderte hinweg ab.

Die erstgeborene Tochter von Avelis war immer die Gejagte, die Verfolgte.

Die wunderschöne Tragödie ist dazu verdammt, Liebe anzuziehen, die sie nie für immer behalten durfte, und dazu verdammt, von denen verraten zu werden, die denselben Namen trugen.

Die anderen Töchter?

Es waren Messer.

Dorian und Julianne sprachen nie über den Fluch. Sie verhüllten die Porträts, schlossen die Briefe weg und vergruben die Geschichte in Zimmern hintereinander.

Aber das Haus erinnerte sich.

Und das Blut auch.

***

In dieser Nacht konnte Sairah nicht schlafen.

Das Haus stöhnte unter den Erinnerungen. Jeder Spiegel, an dem sie vorbeiging, bot ihr das falsche Spiegelbild – zu groß, zu hager, mit zu hohlen Augen.

Sie stieg die Treppe zum Dachboden hinauf.

Es war verboten.

Natürlich war es das.

Die Tür öffnete sich ohne Widerstand, als hätte sie auf sie gewartet.

Staub. Mottenflügel. Spinnweben wie Adern.

Und in der Mitte

Eine Wiege.

Schwarzes Holz. Mit denselben Siegeln verziert, die auch in ihr Medaillon eingraviert sind.

Darin

Eine Babydecke.

Mit etwas befleckt, das schwarz getrocknet war.

Darunter lag ein Brief.

Sie öffnete es langsam.

An die First Daughter,

Wenn Sie dies lesen, hat der Teufelskreis von vorne begonnen. Trauen Sie nicht dem Spiegel. Küssen Sie nicht die Männer, die behaupten, Sie zu lieben.

Bluten Sie nicht im Garten.

Deine Schwestern sind nicht deine Schwestern.

Es sind die Hände, die dich begraben haben.

Sairah stockte der Atem. Das Papier kräuselte sich in ihren Fingern und pulsierte vor Hitze. Und dann eine Stimme. So nah, dass die Worte an ihren Schädelknochen zu vibrieren schienen. Direkt hinter ihr.

„Sie hätten dich das nicht finden lassen dürfen.“ Ein heftiger, elektrisierender Ruck fuhr Sairah über den Rücken.

Ihre Finger ballten sich und zerdrückten beinahe das alte Papier. Sie wirbelte herum, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen.

Niemand.

Doch die Luft vibrierte noch immer von der Intimität dieser Gegenwart, von der geisterhaften Wärme ihres heißen Atems in ihrem Nacken. Luciens Stimme hallte in ihrem Kopf wider.

Das Haus schläft nicht, wenn Sie wach sind.

***

Zurück in ihrem Zimmer überkam sie eine Kälte, die nichts mit dem Luftzug des Herrenhauses zu tun hatte. Auf ihrem Kissen, in starkem Kontrast zum violetten Leinen, lag eine einzelne Rose. Frisch.

So frisch, ein Tropfen karmesinroten Blutes oder Taus, sie konnte es nicht genau sagen, an der Spitze eines Dorns, dann glitt er an einem samtigen Blütenblatt herunter. Blutend.

Darunter ein Stück Pergament, auf dessen Fasern die Tinte noch zu flüstern scheint.

Sie erinnert sich auch.

Sairahs Finger schlossen sich fester um den Zettel. Sie. Veyda, verloren im Spiegel? Saelith mit ihren gespenstischen Schlafliedern? Oder das Mädchen in den Wänden? Das Haus selbst?

Die Bedrohung ging von einer Hydra aus und jeder abgetrennte Kopf enthüllte nur mehr, jeder einzelne flüsterte von einer Vergangenheit, die sich weigerte, tot zu bleiben. Dies fühlte sich weniger wie eine Warnung als vielmehr wie ein Versprechen an.

***

Am nächsten Morgen kam Veyda nicht zum Frühstück herunter.

Julianne rührte ihren Tee um, als würde sie einen Zauber wirken.

Saelith spielte mit ihrem Essen und summte erneut das Trauerlied.

„Sie kommt nicht runter“, sagte Saelith.

Julianne nickte einmal. „Ihr ging es … nicht gut.“

Sairah stand auf. „Ich gehe.“

Julianne blickte scharf auf. „Nein. Gib ihr Zeit.“

Sairah ignorierte sie.

***

Veydas Zimmer war verschlossen.

Sairah legte ihre Hand auf die Tür.

Es öffnete sich.

Innen

Die Luft war erfüllt vom metallischen Geruch des Blutes und der süßlichen Süße zu vieler Rosen. Kerzen flackerten und warfen wilde Schatten.

Und Veyda stand vor dem Spiegel.

Nackt.

Ihre Haut war eine Leinwand aus wilden, nässenden Runenlinien, die wie verzweifelter Schutz oder vielleicht eine Bitte um Trennung aussahen und tief eingeritzt waren. Selbstverschuldet. Ritualhaft in ihrer rohen, sich überschneidenden Wiederholung.

Sie sah Sairah nicht an, ihr Blick war auf ihr eigenes entstelltes Spiegelbild gerichtet.

„Sie sagten, wenn ich genug blute“, flüsterte Veyda mit krächzender Stimme, „wenn ich ihn zu seinem Feind mache … würde er mich in Ruhe lassen.“

"WHO?"

Veyda lächelte ihr eigenes Spiegelbild an.

„Der, den du mitgebracht hast.“

Sairah trat näher. „Ich habe nichts mitgebracht.“

Veyda drehte sich langsam um.

Ihre Augen hatten sich verändert.

Eines gehörte ihr nicht mehr.

Es war schwarz.

Geädert.

Unmenschlich.

Sairahs Blut gefror.

„Veyda…“

Ihre Schwester trat vor.

„Weißt du, wie das ist“, flüsterte sie, „jemanden so sehr zu begehren, dass du deine eigene Seele töten würdest, nur um zuerst angesehen zu werden?“

Sairah bewegte sich nicht.

„Er sieht mich nie an“, zischte Veyda. „Nicht so, wie er dich ansieht.“

"WHO?"

Aber sie wusste es bereits.

Lucien.

***

Veyda beugte sich vor.

---ENDE DER LESEPROBE---