Blutrote Leidenschaft - Stefan Roduner - E-Book

Blutrote Leidenschaft E-Book

Stefan Roduner

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Beschreibung

Nach dem Besuch eines Eishockeyspiels macht sich Arno Früh auf den Heimweg. Unterwegs gerät er an einen Unfall. Dieser ist fingiert und er tappt in die Falle. Ausgerechnet heute führt er ein Vermögen mit sich herum. Das Gaunerpärchen verschwindet mit seinen Ersparnissen und lässt ihn gefesselt am Tatort zurück. Stunden später wird er von der Polizei aus seiner misslichen Lage befreit. Er engagiert den jungen Privatdetektiv, Milan Sommer. Dieser ist unerfahren, aber voller Tatendrang. Ein rasanter, actionreicher und berührender Kriminalroman.

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Seitenzahl: 331

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über das Buch

Nach dem Besuch eines Eishockeyspiels macht sich Arno Früh auf den Heimweg. Unterwegs gerät er an einen Unfall. Dieser ist fingiert und er tappt in die Falle. Ausgerechnet heute führt er ein Vermögen mit sich herum. Das Gaunerpärchen verschwindet mit seinen Ersparnissen und lässt ihn gefesselt am Tatort zurück. Stunden später wird er von der Polizei aus seiner misslichen Lage befreit. Er engagiert den jungen Privatdetektiv, Milan Sommer. Dieser ist unerfahren, aber voller Tatendrang.

Ein rasanter, actionreicher und berührender Kriminalroman.

Über den Autor

Stefan Roduner wurde am 11. September 1966 in Frauenfeld geboren. Nach der Schulzeit machte er eine Ausbildung zum Offsetdrucker. Er arbeitet seit über 19 Jahren im Justizvollzug und hat täglich mit Menschen zu tun, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. In seinem Berufsalltag betreut er auch Schwerstkriminelle. Es kommt nicht selten vor, dass ihm diese Geschichten aus ihrem Leben erzählen.

Da auch manche Buchfiguren Humor haben, setzt der Autor diesen immer wieder gezielt ein.

www.stefanroduner.ch

Stefan Roduner

Blutrote Leidenschaft

Kriminalroman

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© 2024 by NeptunVerlag

Rathausgasse 30

CH-3011 Bern / Schweiz

www.neptunverlag.ch

ISBN 978-3-85820-351-9

Inhalt

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

Prolog

Sie blickte nach oben. Atemberaubend. Der Schmerz war für Sekunden vergessen. Ein Rotmilan kreiste über ihrem Kopf. Elegant. Graziös. Angetrieben von winzig kleinen, kaum sichtbaren Flügelschlägen segelte er durch die Luft. Die Frühlingssonne verlieh seinem Gefieder die buntesten Farben. Der Vogel flog so tief, dass sie in seinem gräulichen Kopf die Augen erkennen konnte. Die schwarzen Pupillen waren von einer mattgelben Iris umschlossen.

Tränen des Glücks rannen über ihr Gesicht, ob dem fantastischen Schauspiel, welches ihr die Natur bot. Schnell mischten sich Tränen der Trauer und der Angst darunter. Sie machte sich grosse Sorgen um ihre Zukunft. Wie ging es weiter? In wenigen Tagen wurde sie Mutter. Alleinerziehend, mit gerade einmal vierundzwanzig Jahren.

Zwei Monate war es her, als sie der nächtliche Anruf der Polizei wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf. Eine Verwechslung, hatte sie sich eingeredet.

Erst als sie ihn leblos vor sich liegen sah, wurde ihr bewusst, dass sie ihn für immer verloren hatte. Robert war unter ein Auto geraten. Er war die Zuverlässigkeit in Person gewesen. Sehr vorsichtig. Trotzdem war er auf dem Zebrastreifen von einem Wagen erfasst worden. Wieso? Das blieb bis heute ungeklärt. Der Wagen war nach dem Unfall weitergefahren. Es gab keine Zeugen.

Robert war an diesem bitterkalten Februarabend allein unterwegs gewesen. Auf dem Weg zum Hauptbahnhof. Auf dem Weg zu ihr und ihrem gemeinsamen ungeborenen Kind.

Immer noch kreiste der Milan über ihr. War dem prächtigen Tier bewusst, was es mit seinem spitzen Schnabel und den langen Krallen anrichten konnte?

Jetzt schwang sich der Rotmilan mit gewaltigen Flügelschlägen in die Höhe. Sie schaute ihm nach, bis er nur noch als schwarzes Pünktchen am Himmel zu sehen war. Schlussendlich verschwand er am Horizont.

Ihr Sohn sollte in Zufriedenheit und Freiheit aufwachsen. So wie dieser majestätische Greifvogel. Sie wollte ihm ihre ganze Liebe schenken. Sie freute sich auf Milan, der in Kürze das Licht der Welt erblicken würde.

1. Kapitel

Beinahe vierunddreissig Jahre später

Die ZSC Lions hatten gewonnen. Der Gegner war richtiggehend an die Wand gespielt worden. Acht Mal war der Puck im gegnerischen Tor gelandet. Der Torhüter der Lions hatte nur einmal hinter sich greifen müssen. Arno Früh war in ausgelassener Feststimmung. Aus den Lautsprechern seines alten Opel Vectra erklang ‹We Are the Champions› von Queen. Die Hymne für Sieger schlechthin. Er sang lauthals mit. Schräge Töne. Er sass allein im Wagen. Niemand störte sich daran.

Eishockey war seine Leidenschaft. Wenn die Lions zu ihren Sturmläufen ansetzten, schlug sein Herz höher. Wie elegant der Topskorer die schwarze Hartgummischeibe jeweils an seinem Stock führte. Als wäre sie mit Leim daran befestigt. Seine Schüsse kamen mitunter mit bis zu hundertfünfzig Kilometern pro Stunde aufs gegnerische Tor. Wenn der Stürmer seine Arme jubelnd nach oben riss, tat es ihm eine Sekunde später die gesamte Halle gleich.

Meist teilte Arno die Freude über die Siege der Lions mit seiner Freundin. Heute war er allein im Hallenstadion. Irina hatte sich mit einer Freundin verabredet. Mit einer Kollegin, die er nicht kannte.

Seine eigene Eishockeykarriere musste Arno sehr früh beenden. Mit zwanzig Jahren wurde er zum zweiten Mal am Knie operiert. Die Ärzte rieten ihm, künftig auf Spitzensport zu verzichten. Er hatte es bis in die zweithöchste Spielklasse der Schweiz geschafft. Er war ein hoffnungsvolles Talent gewesen. Viele Grossklubs hatten bereits die Fühler nach ihm ausgestreckt.

Morgen hatte er frei. Der Abend hätte nicht schöner sein können. Das gute Spiel und der Gedanke daran, morgen ausschlafen zu können, machten ihn glücklich. In einer Bar genehmigte er sich ein Bier. Beim Anblick des frischgezapften Gerstensafts, mit herrlicher Schaumkrone, bemerkte er erst, wie ausgetrocknet seine Kehle war. Drei Mal setzte er das Glas an, schon war es leer.

Als er wieder in seinen Wagen stieg, schaute er auf die Uhr. Kurz nach Mitternacht. Ob Irina schon zuhause war? Bestimmt. Wahrscheinlich schlief sie schon tief und fest.

Über Affoltern und Regensdorf fuhr er nach Hause. Er gähnte und freute sich auf das Wasserbett. Bald würde es ihn in die schönsten Träume schaukeln. In Träume über weitere Siege der Lions. Die Playoffs standen kurz bevor. Die Lions spielten diese Saison zum letzten Mal im Hallenstadion um den Schweizer Meistertitel. Der neue Löwenkäfig in Zürich-Altstetten war ab der nächsten Saison bezugsbereit.

Vielleicht noch fünf Minuten, dann hatte er es geschafft. Er fuhr auf der Wehntalerstrasse in Richtung Dielsdorf. Beidseits der Strasse war dichter Wald. Es ging in eine Kurve. Vor ihm tauchten die Frontlichter eines Wagens auf, der auf der entgegenkommenden Spur stand. Neben dem Auto, es war ein weisser BMW, stand ein Mann und schwenkte eine brennende Taschenlampe auf und ab. Der Lichtstrahl blendete Arno. Sofort ging er vom Gas. Eine Panne? Oder gar ein Unfall? Der Mann trug eine schwarze Hose. Er war in eine dicke, ebenfalls dunkle Jacke gehüllt. Auf dem Kopf trug er eine Wollmütze, die Kopfhaare waren nicht zu sehen. An den Händen lederne Handschuhe. War es wirklich so kalt? Ein langer schwarzer Bart zierte sein Kinn. Arno trat auf die Bremse. Seine Frontlichter zündeten dem Fremden direkt ins Gesicht. Ein feines Gesicht, mit weichen Zügen und porenfreier Haut. Der Typ war jung. Sehr jung.

Arno liess den Wagen noch einige Meter rollen, hielt an und liess das Fenster der Fahrertür nach unten. «Was gibt’s? Haben Sie ein Problem?»

Der Mann zeigte hinter sich. Hinter dem BMW lag etwas am Boden.

«Oh, mein Gott!»

Jetzt erkannte Arno, dass es sich um einen menschlichen Körper handelte. Daneben lag ein Motorrad. Sein Puls ging schneller. Er griff in die Jackentasche und holte sein Handy hervor. Der Fremde machte einen Schritt auf ihn zu und sagte: «Polizei und Krankenwagen sind bereits informiert. Ich brauche Ihre Unterstützung bei den Erste-Hilfe-Massnahmen.»

Der Mann sprach Hochdeutsch mit Schweizer Akzent. Komisch.

Arno legte das Handy auf den Beifahrersitz. Vor einem halben Jahr hatte er den letzten Nothilfekurs besucht. In der Firma wurden solche Schulungen regelmässig angeboten. Im Moment war alles weg. War die Person am Boden schon tot? Er versuchte sich zu konzentrieren. Zuerst musste der Unfallort gesichert werden. Er stellte die Warnlichter an, stieg aus dem Wagen und folgte dem Fremden. Wie ging das nochmal? Er war völlig durch den Wind. Er musste die am Boden liegende Person ansprechen. Das Motorrad schien nicht gross beschädigt zu sein. Nichts deutete auf einen heftigen Sturz hin.

«Haben Sie die Person angefahren?»

«Ich? Nein, sicher nicht.»

Der Motoradfahrer lag regungslos auf dem Rücken. Mit gespreizten Beinen. Arno beugte sich über ihn. Er war nicht ansprechbar. Er reagierte weder auf die Frage, wer er sei, noch auf die Frage, wie es ihm ginge. Er zog ihm die Handschuhe aus, um seinen Puls zu fühlen. Feine kleine Hände kamen zum Vorschein. Die Fingernägel waren blutrot lackiert. Das war kein Kerl. Arnos Puls ging noch schneller.

«Das ist eine Frau.» Er schaute den Fremden an.

Dieser zuckte mit den Schultern. «Spielt das eine Rolle?»

Arno atmete tief durch.

Plötzlich leuchteten Scheinwerfer auf. Kam schon Hilfe? Der Krankenwagen? Oder zumindest die Polizei? Arno schaute in grosser Hoffnung in Richtung Scheinwerfer. In diesem Moment spürte er einen harten Gegenstand im Nacken.

«Versteck dich hinter dem BMW, aber schnell, und sei still. Sonst ...!»

Das musste der Lauf einer Pistole sein. Arnos Knie wurden butterweich. Er tat, wie ihm geheissen, und ging hinter dem weissen Wagen in Deckung. Die am Boden liegende Frau wurde in Windeseile gesund, stand auf und hievte das Motorrad hoch.

Das Auto kam langsam angefahren und hielt an.

«Kann ich helfen? Ist etwas passiert?»

War das nicht Pavels Stimme? Sollte er sich bemerkbar machen? Nein, das könnte den Tod bedeuten. Der Fremde würde die Nerven verlieren und ihn abknallen. Der Kerl, der Arno leicht verdeckt mit der Pistole in Schach hielt, winkte ab. «Danke, es ist alles in Ordnung.»

«Okay, ich dachte schon, Sie hätten einen Unfall gehabt. Schönen Abend noch.»

Ja, das war Pavel, sein Nachbar. Er konnte ihm auch nicht helfen. Arno sah nur noch die Rücklichter seines Wagens, die in der Ferne verschwanden. Er wollte aufstehen. Der Typ drückte ihm den Lauf noch fester an den Hinterkopf, also sank er wieder auf die Knie. Der kalte Asphalt war Gift für seine vom Sport schon arg lädierten Kniegelenke, doch er wollte weiterleben und tat, was der Kerl von ihm verlangte.

Die Frau, immer noch mit schwarzem Helm auf dem Kopf, machte sich daran, seinen Wagen zu durchsuchen. Normalerweise ein nutzloses Unterfangen – nur nicht heute. Geldscheine in Höhe von 36.000 Schweizerfranken lagen in einem Plastikbeutel in einer Sporttasche auf dem Rücksitz. Arno hoffte vergebens, dass die Frau das Geld nicht finden würde. Sie stieg triumphierend mit der Sporttasche aus dem Wagen. Sein wohlverdientes Geld war weg. Innerhalb von Sekunden. Als hätten die beiden davon gewusst.

Wie sollte er das dem Autohändler klarmachen? Sein neuer Wagen, ein Hyundai Tucson in Phantom Black, wartete in einer Werkstatt in Zürich darauf, bezahlt und abgeholt zu werden. Verdammte Scheisse! Verflucht! Er, der sich sonst immer sehr gepflegt ausdrückte, fluchte innerlich in den bittersten Tönen.

«Komm her!», befahl der Typ der Frau. Sie sagte kein Wort, legte die Sporttasche auf den Boden und kam auf die beiden zu. Der Mann übergab ihr die Pistole und zog einige Kabelbinder aus der Jackentasche. Arno wurde von der Frau in Schach gehalten. Zitterte sie, während sie ihm die Pistole vors Gesicht hielt? Klar, ihre Nerven flatterten. Und wie. Er wollte sie genauer ansehen, schaute auf das heruntergezogene Visier. Die Scheiben waren schwarz getönt. Er erkannte kein Gesicht.

«Kopf runter, schau auf den Boden!», schrie der Typ barsch. Jetzt legte er Arno Kabelbinder um beide Handgelenke und zog heftig zu.

«Autsch!»

«Still! Ich kann auch anders. Ich kann dich auch gleich erschiessen.»

Bluffte er?

«Verstanden?»

Arno nickte und biss auf die Zähne. Der Schmerz war kaum auszuhalten. Beinahe hätte es ihm die Beine unter dem Boden weggezogen. Er musste stark sein. Er wollte weiterleben. Er war zu jung zum Sterben.

«Komm!» Der Bärtige schob ihn an den Strassenrand über den Radweg auf eine Seitenstrasse. Er führte ihn zu einem Verkehrsschild, das das Verbot anzeigte, links abzubiegen. Arno ahnte, was jetzt kam.

«Setz dich hin und zieh die Beine an.»

«Bitte nicht.»

«Tu, was ich dir sage!»

Arno setzte sich. Durch die bereits angelegten Kabelbinder wurde er mit neuen an den Rohrpfosten gefesselt. Zuletzt wurden die Füsse zusammengebunden. Wie ein Häufchen Elend sass er im feuchten Gras. Der Fremde schaute ihn herablassend an und gab ihm zum Abschied einen Tritt ans Schienbein. Welcher Schmerz! Er konnte nicht anders und heulte auf wie ein Wolf – was den Fremden lachend dazu anhielt, noch ein zweites Mal zuzutreten.

Arno schlotterte vor Kälte. Die Feuchtigkeit des Bodens durchdrang seine Jeans.

Die Frau stellte seinen alten Opel Vectra auf dem Parkstreifen entlang der Wehntalerstrasse ab. Der Kerl hob die Sporttasche auf und öffnete den Kofferraum seines Wagens. In hohem Bogen landete die Tasche darin. Er stieg ins Fahrzeug und fuhr davon. Die Frau schwang sich aufs Motorrad und folgte ihm. Beide Fahrzeuge hatten abgeklebte Nummernschilder.

Tränen rannen über Arnos Gesicht. Es konnte lange gehen, bis ihn hier jemand fand. Zu lange? Würde er die Nacht überleben? Kamen die gar zurück und jagten ihm eine Kugel in den Kopf? Er wähnte sich in einem bösen Traum. Die Schmerzen in den Knien und an den Hand- und Fussgelenken mahnten ihn jedoch, wie real das alles hier war. Es war dunkel. Nur der Mond spendete etwas Licht. Die Stille liess ihn erschauern.

Ein Auto fuhr von Dielsdorf herkommend in Richtung Regensdorf, wenige Meter an ihm vorbei. Er wollte sich bemerkbar machen, doch sein Geschrei drang nicht bis ins Wageninnere. Er musste sich darauf einstellen, die Nacht im Gras zu verbringen. Wenn er sich nur keine Lungenentzündung holte.

Plötzlich hörte er ein Rascheln. Wildschweine? Er hielt den Atem an. In der Abenddämmerung hatte er ganz in der Nähe schon mal eine Rotte beobachtet, die sich genussvoll im Schlamm suhlte. Womöglich stiess ihm gleich ein mächtiger Keiler seine Hauer dutzendfach in den Bauch.

Es war ein Reh, welches sich durchs Dickicht zwängte und über die Strasse in den Wald rannte. Arno atmete auf. Es wurde wieder still. Diese Ruhe war unerträglich. Sie liess ihn auf bizarre Ideen kommen. Was ging wohl gerade im Kopf des Gangsters vor? Hatte er schon den Gedanken gefasst umzukehren und ihm das Hirn aus dem Kopf zu pusten? Tote Zeugen konnten bekanntlich nicht sprechen. Er hatte dem Kerl immerhin für Sekunden ins Gesicht gesehen und hätte der Polizei eine vage Beschreibung abgeben können.

Gelegentlich fuhr ein Wagen vorbei, ohne von ihm Notiz zu nehmen.

Er wusste nicht, wie lange er schon hier sass. Das Zeitgefühl war ihm abhandengekommen. Wurde es bald hell, oder war es immer noch mitten in der Nacht? Sicher würde ihn seine Freundin bereits vermissen. Sein Handy lag im Wagen. Bestimmt hatte sie schon versucht, ihn telefonisch zu erreichen. Oder schlief sie tief und fest und ahnte nicht, was vorgefallen war?

Er nickte ein. Als er erwachte, sah er wie ein Streifenwagen vor seinem Auto anhielt. Zwei Polizisten stiegen aus. Hoffnung keimte in ihm auf.

«Sicher wieder ein junges Pärchen mit einem dringenden Bedürfnis!», hörte er den grösseren Polizeibeamten mit schallender Stimme zum kleineren sagen.

Die beiden lachten.

Jetzt machte sich Arno bemerkbar. Er wollte laut um Hilfe rufen, doch aus seinem Mund kam nur ein heiseres Krächzen. Die Polizisten horchten auf. Blitzschnell zog der Grössere der beiden seine Pistole und schaute sich um. Arno versuchte es nochmals, diesmal mit grösserem Erfolg. «Hilfe! Bitte helfen Sie mir!»

Jetzt zückte auch der zweite Polizist seine Dienstwaffe. Langsam kamen die beiden näher, mit gezogenen Pistolen. Doch es war zu dunkel, sie konnten ihn nicht genau erkennen.

«Kommen Sie mit erhobenen Händen auf uns zu. Ganz langsam», sagte der eine.

«Das würde ich gerne, aber ich bin gefesselt.»

«Vorsicht, Hugo, das könnte eine Falle sein.»

«Bitte befreien Sie mich. Die Gangster sind weg. Ich bin allein hier!»

Der kleinere Polizist holte eine Taschenlampe aus dem Dienstfahrzeug und leuchtete damit in Arnos Richtung. Jetzt standen die zwei vor ihm.

«Kantonspolizei. Mein Name ist Hugo Binder. Das ist mein Kollege Jean Meisterhans», sagte der untersetzte Polizist, der höchstwahrscheinlich kurz vor der Pension stand. Sein Kollege war bedeutend jünger, von grosser Statur und gertenschlank. Kurz ging Arno das berühmte Komiker-Duo Dick und Doof durch den Kopf. Seine Lage war jedoch zu ernst zum Lachen. Er schaute die beiden flehend an.

Meisterhans befreite ihn von den Fesseln, während Kollege Binder zum Streifenwagen zurückeilte, um Verstärkung und die Ambulanz anzufordern.

«Können Sie aufstehen?», fragte Meisterhans, nachdem er ihm die letzte Fessel mit einem roten Schweizer Taschenmesser durchtrennt hatte.

Arno versuchte aufzustehen, was ihm nicht auf Anhieb gelang. Er war wie gelähmt. Stundenlang hatte er regungslos dagesessen. Mit Hilfe des Polizisten kam er schliesslich auf die Beine. Er wankte, konnte sich aber auf den Füssen halten. Er wurde zum Streifenwagen geführt und hinten rechts öffnete Binder die Autotür. Arno liess sich zitternd aufs Polster fallen. Der grosse Beamte öffnete den Kofferraum, kam zurück und legte ihm eine silberfarbene Wärmedecke über die Schulter.

«Möchten Sie etwas trinken?» Arno nahm die volle Halbliterflasche Mineralwasser aus der Hand des Polizisten. Nur mit Mühe gelang es ihm den Verschluss zu öffnen. Gierig führte er die Flasche zum Mund. Nicht der ganze Inhalt fand den Weg in den Rachen, mindestens die Hälfte davon rann ihm auf den Pullover. Er schlotterte noch mehr.

Aus der Ferne hörte er Sirenen, es mussten mehrere Fahrzeuge sein. Sie kamen näher. Verschwommen erkannte er drei Polizeifahrzeuge und einen Krankenwagen. Sie hielten. Es fühlte sich an, als sähe er sich einen Krimi an. Als sässe er mit einer Tüte Chips und einem Bier vor dem Fernseher. Als wäre er Zuschauer. Ein völlig Unbeteiligter. Doch er war die Hauptperson. Alles drehte sich um ihn. Das wurde ihm erst bewusst, als sich ein Sanitäter um ihn kümmerte.

Jetzt war auch ein Notarzt vor Ort. Für erste Untersuchungen wurde er ins Innere des Krankenwagens geführt.

«Mir geht es gut. Ich möchte jetzt gehen», sagte er. Die Situation war ihm unangenehm.

«Wir müssen Sie durchchecken.» Der Blutdruck wurde gemessen.

«Wie heissen Sie?», fragte der Arzt.

«Wie ich heisse?»

«Ja, wie heissen Sie? Und wo wohnen Sie?»

«Ähm, ähm, ich heisse ...»

Der Arzt und der Sanitäter tauschten besorgte Blicke.

«Ich heisse Arno Früh. Ich bin aus Dielsdorf.»

«Wie geht es Ihnen? Haben Sie Schmerzen?»

«Bitte, ich möchte jetzt nach Hause gehen. Meine Freundin wartet auf mich.»

«Wie heisst Ihre Freundin?»

«Wie meine Freundin heisst?»

«Ja, wie heisst sie?»

«Irina Kiteishvili.»

«Wir werden sie informieren», meldete sich ein vor der offenen Tür zum Krankenwagen stehender Polizist zu Wort.

«Nein, bitte rufen Sie Irina nicht an! Sie soll sich keine Sorgen machen.»

«Sie hat sich bereits bei uns gemeldet.»

«Wieso?»

«Herr Früh, ich muss Ihnen etwas sagen.»

«Ja?

«Bei Ihnen zuhause wurde diese Nacht eingebrochen.»

«Was?» Jetzt verstand Arno gar nichts mehr. Ihm wurde schwindlig.

«Ihre Freundin hat sich kurz nach eins bei uns gemeldet mit der Nachricht, dass bei Ihnen eingebrochen wurde. Das heisst, die Türen wurden zwar nicht gewaltsam geöffnet, aber in der Wohnung herrschte ein heilloses Durcheinander.»

«Wie geht es meiner Freundin? Ist sie okay?»

«Den Umständen entsprechend gut. Sie wird gut beschützt. Die Spurensicherung ist immer noch in der Wohnung.»

Arno atmete auf.

«Die müssen meinen Hausschlüssel mitgenommen haben.»

«Wer sind die?»

«Das Pärchen, das mich überfallen hat.»

«Es waren ein Mann und eine Frau?»

«Ja.»

«Ist Ihnen etwas Besonderes an den beiden aufgefallen?»

«Mmh, ich muss überlegen ...»

«Wie waren die beiden bekleidet? Wie haben sie gesprochen? Mit was waren sie unterwegs? Herr Früh, auch der kleinste Hinweis könnte von grossem Nutzen sein.»

2. Kapitel

Am frühen Nachmittag bog Milan Sommer bei Rümlang von der Flughofstrasse in die Klotenerstrasse ein. Sein Ziel war der Heli-Grill. ‹Zombie Zoo› von Tom Petty dröhnte aus den Lautsprechern seines weissen Mitsubishi Space. Er sang mit. Am Wochenende hatte er mit seiner Band einen Auftritt in einem Club in Zürich. Den Song hatten sie neu ins Repertoire aufgenommen. Gegen die fünfzig Gigs jährlich absolvierte er mit seiner vierköpfigen Coverband.

Halbtags arbeitete Milan bei einer Werbeagentur und seit kurzem hatte er sich als Privatdetektiv selbstständig gemacht.

Er war ein vielbeschäftigter Mann und liebte seine drei Jobs. In der Werbeagentur war Kreativität gefragt, in seinem Job als Privatdetektiv musste er vorsichtig und akribisch genau arbeiten und mit der Musik konnte er seine künstlerische Ader ausleben.

Er überholte eine Gruppe Inlineskater und stellte den Wagen zweihundert Meter weiter vorn am Ende des Waldrands ab. Die restlichen Meter ging er zu Fuss. Er stand in der Warteschlange vor einem ausgedienten Helikopter, einem Mi-8, der als Imbissstand diente. Endlich war er an der Reihe.

«Guten Tag, Sie wünschen?»

Er bestellte sich einen Rindfleisch-Burger mit Barbecue-Sauce, Salat, Röstzwiebeln und Gurken-Relish, dazu eine Dose Bier. Er bezahlte und machte es sich mit dem Getränk auf einer Bank neben dem Grill gemütlich. Bis der Burger genussbereit war, musste er sich einen Moment gedulden.

Nachdem er aufgerufen worden war, machte er sich mit dem Burger in der einen und der Bierdose in der anderen Hand, auf den Weg zu einem künstlich angelegten Wall. Der kleine Hügel war für die Plane-Spotters aufgeschüttet worden und diente ihnen als perfekte Aussichtsplattform. Im Herbst 2023 musste der Hügel und der Imbiss der Flughafenerweiterung weichen. Es war vorgesehen ihn an einen anderen Standort zu versetzen.

Oft kamen Flugzeugfans aus halb Europa angereist, um eine seltene Maschine tausendfach zu fotografieren. Der Flughafen Zürich war ein sehr beliebter Ort. So nah wie hier kamen sie selten an die beliebten Objekte heran.

Heute war nicht viel Betrieb, nicht mal eine Handvoll Leute waren auf dem Hügel, nur drei Senioren. Jeder der drei meinte, der grösste Fachmann in Bezug auf die fliegenden Maschinen zu sein. In der Weidmannsprache hätte man vom Jägerlatein gesprochen. Einen der drei hätte schon mal ein Flugzeug bei der Landung um ein Haar am Scheitel gestreift, erfuhr Milan. Na ja.

Er setzte sich auf eine Bank und amüsierte sich über die drei älteren Männer. Sie diskutierten händeringend und zogen zwischendurch an ihren dicken Stumpen. Eine Comedy-Vorstellung im Theater am Hechtplatz wäre nicht erfrischender gewesen.

Nach zehn Minuten war der Spuk vorbei, die Senioren hatten ausgeplaudert.

Der Flugverkehr stand im Moment still. Milan war allein auf der Plattform. Er beobachtete einen grossen Vogel, der in einiger Entfernung am Himmel kreiste. Es war ein Rotmilan. Seine Mutter hatte ihm dutzendfach erzählt, dass eines dieser Tiere der Grund für seinen Vornamen war. Immer wenn er am Himmel einen Milan sah, wurde er sentimental. Er dachte an seinen verstorbenen Vater, hatte ihn nicht kennenlernen dürfen. Er kannte ihn nur von Bildern. Seine Mutter hatte stets nur Gutes über ihn erzählt. Er sei seinem Vater sehr ähnlich, nicht nur vom Aussehen her. Auch er sei ein liebenswerter Filou gewesen, ein Spitzbube.

Milans Augen wurden feucht. Wie gern hätte er als kleiner Bub mit seinem Daddy Fussball gespielt. Ohne Vater aufzuwachsen war nicht einfach gewesen. Manchmal war er deswegen gehänselt worden. Wieso hatte ihn dieses verfluchte Auto erfasst? Laut Polizeirapport war er in ein heranfahrendes Auto gerannt. Selbstmord? Unmöglich. Er hatte sich bestimmt darauf gefreut einen Sohn zu bekommen. Vielleicht hätte er überlebt, wenn der Unfallfahrer sofort einen Krankenwagen gerufen hätte. Es gab keine Bremsspuren am Unfallort. Das feige Arschloch hatte sofort die Flucht ergriffen.

Der Rotmilan segelte lautlos durch die Luft. Ein herrliches Bild. Er hätte ihm stundenlang bei seinen Flugkünsten zusehen können.

«Ein Milan macht noch keinen Sommer.»

Milan schaute nach rechts. Er hatte nicht bemerkt, dass jemand neben ihm stehen geblieben war. Es war ein junger Mann, etwa in seinem Alter. Ja, er durfte etwas über dreissig sein.

«Wie bitte?»

«Ein Milan macht noch keinen Sommer», wiederholte der Typ, diesmal etwas lauter.

Milan lachte laut auf. «Macht er doch. Obwohl, dem Sprichwort nach, ist von einer Schwalbe die Rede. Zudem haben wir gerade mal Anfang März.»

Der Fremde schaute ziemlich verdattert drein.

Er klärte ihn auf. «Mein Name ist Milan Sommer.»

Beide lachten. Der Typ streckte ihm die Hand entgegen. «Arno Früh.»

«Freut mich. Bist du auch ein Flugzeugfreak?»

«Eigentlich nicht.»

«Wieso bist du denn hier? Nur wegen der da?» Milan deutete auf die dunkel gebratene Bratwurst, die Arno in der linken Hand hielt.

«Nö. Ich brauche etwas Ablenkung.»

«Ablenkung?»

«Ich habe eine schlimme Nacht hinter mir.»

«Schlecht geschlafen?»

«Gar nicht.»

«Wieso?»

«Ich wurde überfallen. Mein halbes Erspartes ist weg.»

«Shit.»

«Das kannst du laut sagen.»

«Erzähl mir davon. Vielleicht kann ich dir helfen.»

«Wie willst du mir helfen? Die Gauner sind mit meinem Geld über alle Berge.»

«Ich bin Privatdetektiv.»

***

Irina Kiteishvili stieg in den Zug. Sie arbeitete in einer kleinen Modeboutique im Zürcher Niederdorf. Es war kurz nach fünfzehn Uhr. Offiziell hätte sie erst um zwanzig Uhr Feierabend gehabt, doch sie hatte ihre Chefin gebeten, sie heute früher gehen zu lassen. Sie litt unter Kopfschmerzen und einem grossen Schlafmanko. Die Polizei war erst gegen sechs Uhr in der Früh mit der Spurensicherung in der Wohnung durch gewesen. Sie hatte keine Minute geschlafen. Eigentlich hätte sie daheimbleiben sollen.

Sie wählte eine Telefonnummer. Vergebens, Arno nahm nicht ab. Wo trieb sich ihr Freund herum?

Zwei Minuten später versuchte sie es erneut, diesmal mit Erfolg. «Arno, wo bist du?»

«Beim Heli-Grill in Rümlang. Ich habe per Zufall einen Privatdetektiv getroffen und ihm vom Überfall erzählt.»

«Du hast was?» Irina wirkte verärgert.

«Ich habe ihm erzählt, was vergangene Nacht passiert ist. Er nimmt sich der Sache an.»

«Das ist etwas für die Polizei. Lass nicht jeden herbeigelaufenen Typ an unserem Privatleben teilnehmen.»

«Milan macht einen seriösen Eindruck.»

«Milan?»

«Milan Sommer. Der Privatdetektiv.»

«Nochmal, das ist der Job der Polizei. Lass diesen Kerl aus dem Spiel. Ich bin in einer halben Stunde daheim.»

«Du hast auch gehört, was die Polizisten gesagt haben. Die Chance, die Täter zu schnappen, sei statistisch betrachtet verschwindend klein. Die Polizei hat keine Zeit sich gross um unseren Fall zu kümmern, dafür gibt es zu viele richtige Verbrechen. Du weisst schon, Morde, Vergewaltigungen, Körperverletzungen und so weiter.»

«Arno, wir leben in der Schweiz, nicht in Tijuana.»

«In der Schweiz gab es zum Beispiel im letzten Jahr immerhin beinahe zweihundert Tötungsdelikte, wenn man die versuchten dazuzählt. Das habe ich letzthin irgendwo gelesen.»

Irina stöhnte mürrisch ins Telefon.

«Soll ich dich am Bahnhof abholen?»

«Ich gehe zu Fuss nach Hause», sagte sie verärgert und legte ohne Abschiedsgruss auf.

***

Arno schob den Grund für Irinas schlechte Laune der Müdigkeit zu und nahm sich vor, ihr bald wieder ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Er fuhr mit Irinas altem Seat Ibiza zum Bahnhof Dielsdorf. Sein Wagen war immer noch bei der Polizei, wegen der Spurensicherung. Mit dem Autohändler hatte er einen neuen Termin vereinbart, morgen konnte er sein neues Auto abholen. Er hatte das Geld heute online überwiesen. Das hätte er von Anfang an tun sollen. Er war einfach zu altmodisch in diesem Punkt. Viel Geld war nicht mehr auf seinem Sparkonto.

Endlich fuhr der Zug ein. Eine Minute später kam Irina die Treppe der Bahnhofsunterführung hinauf. Völlig in sich gekehrt ging sie in Richtung Bahnhofstrasse. Hatte sie ihn wirklich nicht bemerkt oder hatte sie wieder mal ihre Tage? Sie konnte recht anstrengend sein. Er liebte diese Frau mit den grünen Katzenaugen. Was er an ihr nicht mochte, waren ihre ständigen Stimmungsschwankungen. Er drückte auf die Hupe. Sie drehte ihren Kopf kurz in seine Richtung und ging weiter.

«Die spinnt», sagte er zu sich selbst. Was hatte er nur wieder falsch gemacht. Sie passten eigentlich nicht zusammen, stritten sich oft um Kleinigkeiten.

Er startete den Motor, hielt neben ihr an und liess das Fenster nach unten. «Bitte Schatz, steig ein.»

Mit ernster Miene stieg sie zu, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Schweigend fuhren die beiden in die Südstrasse. Er stellte das Auto in die Tiefgarage. Als sie austeigen wollte, nahm er sie bei der Hand. «Bitte, Irina, was hast du? Was habe ich getan?»

«Ich will nicht, dass sich ein Fremder in unser Privatleben einmischt.»

«Milan?»

Sie nickte.

«Er mischt sich nicht in unser Privatleben ein. Er hilft uns die Gauner zu finden. Ich möchte nicht, dass die mein ehrlich verdientes Geld verprassen. Und denk an den Schmuck, den sie aus deiner Schatulle gestohlen haben.»

«Der ist versichert.»

«Geld ersetzt keine Erinnerungsstücke.»

«Dein schwülstiges Gerede kannst du dir sparen.»

«Ich möchte, dass das Gaunerpärchen hinter Schloss und Riegel kommt. Der Rest der Welt soll vor diesen Taugenichtsen beschützt werden. Die hätten mich erschiessen können.»

Irina schüttelte den Kopf. «Ich gebe es auf.»

«Milan kommt in einer Stunde vorbei. Dann wirst du ihn kennenlernen. Er ist ein sympathischer Kerl.»

«Muss das sein? Ausserdem, es ist nicht aufgeräumt.»

«Ich denke, Milan wird Verständnis dafür haben, dass wir die Unordnung, die die Einbrecher hinterlassen haben, noch nicht beseitigt haben.»

Arno zog die Hände seiner Freundin zu seinem Mund und hauchte einen Kuss darauf. Sein Blick fiel sofort auf ihre Fingernägel. Sonst hatte sie ihre Nägel immer farblos lackiert, heute waren sie blutrot. Blutrot, wie bei der Motorradfahrerin. Als er ihr den Handschuh ausgezogen hatte, war sein Blick geradezu auf diese Fingernägel fixiert. Diese Farbe würde er nie mehr vergessen. Die Frau hatte in etwa Irinas Statur gehabt. Gesicht und Haare hatte er wegen des Helms nicht gesehen. Irina? War die Frau Irina gewesen? Nein, das konnte nicht sein. Er verwarf den Gedanken gleich wieder.

«Schöne Fingernägel hast du, so schön rot. Sieht toll aus.»

«Darf ich nicht mal modisch sein? Die Farbe ist im Moment sehr trendy», sagte Irina schnippisch, stieg aus dem Wagen und ging in Richtung Wohnungstür. Arno folgte ihr nachdenklich.

Sie wusste, dass er in der Nacht mit viel Geld unterwegs gewesen war. Er schaute auf ihren runden wohlgeformten Po. War das nicht derselbe, der in der Nacht in einem Motorradkombi verpackt auf der Strasse gelegen hatte? Ach was, dachte er, ich schaue einfach zu viele Krimis.

***

«Milan ist ein komischer Vogel», sagte Irina, nachdem der junge Privatdetektiv die Wohnung verlassen hatte.

«Er ist in Ordnung. Ich habe grosses Vertrauen in ihn.»

«Ach ja? Hast du nicht gesehen, wie er mir ständig auf den Po gestiert hat?»

Arno lachte. «Du hast auch einen verdammt schönen Arsch.»

«Mach dich nur lustig über mich.»

«Irina, Milan ist in Ordnung. Ich weiss nicht, was du gegen ihn hast.»

«Er gefällt mir nicht. Ich möchte nicht, dass er nochmal herkommt.»

«Ich habe ihn engagiert. Die Räuber sollen ihre Strafe erhalten.»

«Was kostet dich der Typ? Der ist bestimmt keinen müden Penny wert.»

«Das lass mal meine Sorge sein. Ich frag dich auch nicht, was dein neuer Nagellack gekostet hat. Oder wieso du schon wieder mit neuen Markenschuhen herumstolzierst.»

«Was hast du gegen meinen neuen Nagellack?»

«Nichts, er macht dich hocherotisch. Ausgesprochen sexy.»

«Arschloch! Du gehst mir heute dermassen auf die Nerven.» Sie schmetterte die Tür hinter sich zu und schloss sich im Bad ein.

Draussen schien immer noch die Sonne. In der Wohnung gewitterte es gewaltig. Arno stellte die Kaffeemaschine an. Wieso war seine Freundin dermassen schlecht gelaunt? Was hatte sie gegen Milan? Er hörte, wie sie Schublade um Schublade im Bad aufriss und lauthals vor sich hin fluchte. In solchen Momenten wünschte er sich wieder Single zu sein, das Leben zu geniessen und keine Verpflichtungen zu haben. Einfach das zu tun, was er gerade wollte.

Die erste Zeit mit Irina war sehr harmonisch verlaufen, doch nach einigen Monaten Beziehung hatte sie immer wieder mal ihre Aussetzer. So komisch wie heute war sie noch nie drauf gewesen, dazu noch ohne Grund. Er überlegte. War sie die Frau, die ihm das Geld aus dem Auto geklaut hatte? Nein, nein, nein. So dreist konnte Irina nicht sein. Oder doch? Hatte sie Angst davor, dass Milan ihr auf die Schliche kam?

Arno löffelte etwas Zucker in den Espresso und nahm auf der Couch Platz. Er trank die Tasse in einem Zug aus.

Auf dem Salontischchen lag ein Magazin mit Motorradbekleidung. Diesen Katalog hatte er noch nie gesehen. Seltsam. Irina interessierte sich für Lederkombis und Motorradhelme? Sie hatte keine Freude daran gehabt, als er ihr sagte, er wolle sich eine Harley kaufen. Im Moment war der Kauf einer solchen Maschine sowieso in weite Ferne gerückt. Er hatte andere Sorgen.

Wie gut kannte er seine Freundin überhaupt? Er kannte nicht mal die Kollegin, mit der sie gestern aus gewesen war. Er kannte niemanden aus ihrem vorigen Leben. Ihre Eltern lebten in Georgien, Geschwister hatte sie keine. So hatte sie es ihm jedenfalls erzählt. Konnte er ihr trauen? Freunde? Fehlanzeige. Meist hatte sie wie eine Klette an ihm geklebt. Erst seit einigen Wochen ging sie manchmal ohne ihn in den Ausgang, angeblich immer mit dieser Kollegin aus dem Geschäft. Er kannte nicht mal den Namen dieser Person. So sehr hatte es ihn auch nicht interessiert. Er war froh, hatte Irina Anschluss gefunden.

Plötzlich öffnete sich die Badezimmertür. Arno schaute auf. Seine Freundin stürmte an ihm vorbei und verschwand im Schlafzimmer. Zwei Minuten später kam sie zurück. Sie nahm ihre Jacke und sagte: «Ich geh nochmal raus. Ich halte es hier nicht mehr aus.» Schwupp, schon war sie verschwunden. Ohne einen Abschiedsgruss. Ohne Kuss. Ohne ein Lächeln – aber mit viel Schminke im Gesicht und einer Fratze, die zum Töten bereit schien.

***

Milan sass in seiner Wohnung in Kloten. Er studierte die Notizen, die er in Arno Frühs Wohnzimmer gemacht hatte. Wer hatte alles von dem vielen Geld gewusst, das er im Auto mitführte? Mit Bestimmtheit seine Freundin. Milan hatte sie als mürrische Person kennengelernt. Sogar den Handschlag hatte sie ihm verwehrt und mehr als ein knappes ‹Hallo› hatte sie nicht über ihre Lippen gebracht. Normalerweise war sie mit Arno an den Eishockeyspielen. Wieso an diesem Abend nicht? Vielleicht, weil sie die Motorradfahrerin war, die ihm die Falle gestellt hatte? Ach was. So einfach konnte es nicht sein. Er musste Arno nochmals treffen. Allein. Es gab viele Fragen die noch offen im Raum standen. Er wählte seine Nummer.

«Früh.»

«Hi, Arno. Ich habe noch einige Fragen an dich.»

«Komm doch nochmal vorbei.»

«Ich möchte dich allein sprechen.»

Arno lachte. «Das trifft sich gut. Mein Hausdrachen ist nicht da.»

«So habe ich es nicht gemeint.»

«Aber ich.»

***

Eine halbe Stunde später sass Milan erneut in Arnos Wohnzimmer. Dieser servierte Kaffee und setzte sich dann zu ihm.

«Arno, bitte versteh die Frage nicht falsch.»

«Schiess los.»

«Wäre es möglich, dass Irina die Motorradfahrerin war?»

«Weisst du was? Das ist mir auch schon durch den Kopf gegangen. Aber irgendwie kann ich es mir nicht vorstellen. Kenne ich meine Freundin wirklich so schlecht?»

Milan zuckte mit den Schultern. «Der Bankangestellte, bei dem du das Geld abgehoben hast, käme natürlich auch in Frage.»

«Es war kein Kerl, sondern eine junge Frau.»

Milan horchte auf. «Eine Frau?»

«Ja.»

«Interessant. Weisst du, wie sie heisst?»

Arno schüttelte den Kopf. «Ich könnte es herausfinden. Ich gehe morgen einfach nochmal hin.»

«Wo ist die Bank?»

«In Zürich. Ich bin ein Riesenidiot. Ich habe zu der Frau am Schalter gesagt, dass ich hoffe, das Geld sicher nach Hause zu bringen. Ich habe ihr erklärt, dass ich vorher noch zum Eishockeyspiel gehe.»

«Was hat sie darauf geantwortet?»

«Hopp ZSC!»

«Sonst nichts?»

«Nein, aber sie hatte einen Smile drauf wie ein Zahnarzt, wenn er seinen Kontostand abruft.»

«Also eine weitere Verdächtige.»

«Ich bin wirklich ein Idiot. Diese Motorradfahrerin war bestimmt die Bankangestellte.»

«Reine Theorie. Es könnte auch anders gewesen sein. Du hast mir gesagt, dass dein Nachbar am Tatort angehalten hat und du dich hinter dem BMW in Deckung bringen musstest.»

«Ja, Pavel Jaskin.»

«Kein Schweizer Name.»

«Er ist aus Prag, also Tscheche, lebt aber schon lange in der Schweiz. Er wohnt gleich unter mir.»

«Können wir ihn besuchen? Vielleicht ist ihm etwas aufgefallen.»

«Einen besonders guten Draht habe ich nicht zu ihm, habe noch keine zehn Sätze mit ihm gewechselt.»

Arno und Milan gingen ins Treppenhaus und klingelten bei Pavel Jaskin. Nichts. Sein Fernseher lief, und zwar in einer Lautstärke, die vermuten liess, dass da ein Schwerhöriger hauste. Milan drückte nochmals auf die Klingel. Wieder geschah nichts.

«Komisch. Er scheint hier zu sein, öffnet aber nicht», sagte Milan.

Er klingelte ein weiteres Mal, diesmal etwas länger. Es waren Schritte zu hören. Die Tür öffnete sich einen Spalt breit, ein mürrisches Gesicht war zu sehen. «Ja? Was ist?»

«Hallo, Pavel. Darf ich dich was fragen?»

«Schiess los, aber mach schnell, es läuft Fussball. Slavia gegen Sparta.» Pavel blieb wie angewurzelt unter der Tür stehen. «Nun sag schon.»

«Du warst doch gestern ...» In diesem Moment erklang lauter Torjubel. Pavel setzte seinen dicken Hintern in Bewegung und stürmte ins Wohnzimmer. «Verfluchte Scheisse! 1:0 für Slavia. Mein Tipp geht wieder furchtbar in die Hose.»

Arno und Milan folgten ihm ins Wohnzimmer. Rauchgeschwängerte Luft strömte ihnen entgegen.

«Dein Tipp?», sagte Arno.

«Verdammt! Ich habe zweitausend Mäuse auf einen Sieg von Sparta gesetzt. Jetzt ist das ganze Geld weg.»

«Zweitausend Franken?» Arno pfiff durch die Zähne.

«Geht’s dich was an?!»

«Es sind noch vier Minuten zu spielen», sagte Milan mit einem Blick auf den Fernseher. Er versuchte die Situation zu beruhigen.

«Du glaubst wohl auch noch an den Storch. Um Kinder zu kriegen, musst du ficken. Zwei Tore in vier Minuten. Wie soll das gehen?» Pavel liess sich auf die Couch fallen. «Verdammte verfluchte Scheisse! Alles Geld ist weg. Arbeitslosengeld gibt’s noch lange nicht.»

Der halbvolle Aschenbecher wurde gegen die Wand geschleudert. Milan und Arno zuckten zusammen.

«Bitte, Pavel», versuchte ihn Arno zu beruhigen.

«Alles scheissegal! Ich gebe eine Runde aus.» Er ging in die Küche und holte drei Budweiser aus dem Kühlschrank. Er stellte die drei Dosen auf den Salontisch. Eine davon nahm er wieder in die Hand und öffnete sie mit lautem Zischen. Es war bestimmt nicht seine erste heute.

«Was bleibt ihr hier wie angewurzelt stehen? Greift zu! Feiern wir meinen Untergang! Setzt euch endlich hin!»

Um die Situation nicht zum Eskalieren zu bringen, nahmen Arno und Milan Platz und öffneten ihre Dosen ebenfalls. Pavel hob seine hoch und schrie: «Auf Pavel Jaskin, die grösste Lusche auf diesem gottverdammten Planeten!»

«Prost, Pavel», erwiderten Milan und Arno.

Pavel nahm einen grossen Schluck und liess diesem einen lauten Rülpser folgen. «Was wolltest du mich fragen, Arno?»

«Du warst doch vergangene Nacht mit deinem Auto unterwegs.»

«Ich?»

«Ja, zwischen Regensdorf und Dielsdorf hast du neben einem weissen BMW angehalten. Ist dir etwas Besonderes aufgefallen?»

«Wie kommst du auf die Idee? Die Polizei hat mich heute schon dasselbe gefragt. Hast du denen das gesagt? Ich bin seit drei Tagen nicht mehr aus dem Haus gewesen.»

«Bitte, Pavel, ich habe dich gesehen.»

«Willst du sagen, ich sei ein Lügner?!» Pavels Augen funkelten gefährlich.

Erneuter Torjubel aus dem Fernseher. Slavia führte 2:0. Der stämmige Innenverteidiger hatte nach einem Eckball mit dem Kopf eingenickt. Pavels Gesicht lief blutrot an. Er schmiss sein halbvolles Bier in Richtung Fernseher. Volltreffer! Das Bier floss über den Bildschirm auf das TV-Möbel.

«Okay, wir gehen», sagte Milan und stand auf. Arno folgte ihm. Beim Hinausgehen sahen die zwei, wie sie aus dem halbgeöffneten Schlafzimmer von zwei nackten Damen angestarrt wurden. Von zwei nackten Damen in Strapsen, mit grossen Brüsten – auf einem Poster verewigt.

«Mich zuerst als Lügner hinstellen und dann einfach den Schwanz einziehen und abhauen! Wisst ihr, was ihr seid? Die armseligsten Halbaffen, die mir je zu Gesicht gekommen sind! Verschwindet, ich will euch nie mehr sehen! Ihr seid Paviane! Rotärsche! Schleimscheisser! Verkorkste Vollidioten! Arschgesichter!»

Dann fiel die Tür ins Schloss.

3. Kapitel

«Guten Morgen, Herr Früh. Freut mich, dass es heute geklappt hat. Ihre Zahlung ist auf unserem Konto eingegangen.»

«Ich will den Wagen endlich fahren. Er hat mich schliesslich 72.000 Franken gekostet.»

Der Autohändler schaute ihn stirnrunzelnd an. «Ich verstehe nicht ganz.»

«Ich wollte gestern schon vorbeikommen und den Wagen bar bezahlen, aber ich wurde ausgeraubt. Die ganzen 36.000 Franken wurden mir gestohlen.»

Sein Gegenüber machte ein geschocktes Gesicht. «Das tut mir leid.»

Arno sah durch die geöffnete Tür zur Werkstatt. Der Lehrling stand in einem schmutzigen Blaumann im Türrahmen. Er hatte ein sehr feines, beinahe feminines Gesicht. Arno hatte das Gefühl, dass der junge Mann seine Ohren spitzte und dem Übergabegespräch interessiert zuhörte.