3,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 3,99 €
Vivienne Kamber, eine junge Mutter und Ehefrau, wird beim Joggen von einem Auto angefahren und tödlich verletzt. Ihr Mann glaubt nicht, dass es ein Unfall war. Als der flüchtige Autofahrer nach einigen Tagen noch nicht gefasst ist, schaltet Roger Kamber den Bülacher Privatdetektiv, Leon Bevilacqua, ein. Leons Freundin hilft ihm bei der Auflösung des Falls. Sie gerät dabei selbst in grosse Gefahr.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 215
Veröffentlichungsjahr: 2022
Stefan Roduner
Holder Engel
Der erste Fall für Leon Bevilacqua
Dies ist ein Roman.
Handlungen und Personen sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Stefan Roduner
Holder EngelDer erste Fall für Leon Bevilacqua
2.Auflage
ViCON-Verlag
Niederhasli 2018
Für alle Krimifreunde
Stefan Roduner lebt in der Zürcher Unterländer Flughafenregion.
Nebst dem Schreiben von Krimis und Gedichten bereist er in seiner Freizeit gerne fremde Länder und interessiert sich für Fussball und Tennis.
Stefan Roduner: Holder Engel - Der erste Fall für Leon Bevilacqua
© Urheberrecht: Stefan Roduner
© Copyright: ViCON-Verlag
2. Auflage 2018
Lektorat: das Buch – der Text
Verlag: ViCON-Verlag, Heiselstrasse 105, CH-8155 Niederhasli
Internet: www.vicon-verlag.ch
E-Mail: [email protected]
ISBN: 978-3-9524761-4-7
ISBN E-Book: 978-3-9525294-6-1
Satz und Layout: LP Copy Center Wettingen
Coverdesign: Design Resort Bülach
Druck: Frick Kreativbüro & Onlinedruckerei e.K
Liebe Leserin, lieber Leser
Sie hat es sich im Bett gemütlich gemacht und liest in einem Buch. Nicht in irgendeinem Buch. Sie liebt Krimis. Spannung, das Böse, menschliche Abgründe und am Schluss kommt meist alles gut. Faszinierend und bizarr gleichermassen.
Sie ist müde. Die Kinder halten sie jeweils den ganzen Tag auf Trab. Nennen wir die Frau Mimi. Mimi ist nudelfertig. Doch sie kann das Buch nicht beiseite legen. Nicht, bevor sie endlich weiss, wer der Täter ist. Ist es der Gärtner, der Metzger oder sogar die Anwältin?
Mimi hört Schritte. Ihr stockt der Atem.
Die Schlafzimmertür öffnet sich knarrend und ganz langsam.
Sie sieht auf. Blickt in diese grossen dunklen Augen, in die sie sich vor Jahren unsterblich verliebt hat. Sie lächelt.
Er lächelt zurück. „Mein Schatz. Bist du noch nicht müde?“
Sie schüttelt den Kopf. Gibt nicht zu, dass sie das Buch am liebsten zur Seite legen und die Augen schliessen würde, um frühmorgens gestärkt durch viel Schlaf wieder aufzuwachen.
Er zwinkert ihr zu. Wohlwissend, dass sie vor Müdigkeit beinahe die Augen nicht offenhalten kann. Er weiss: Ohne Krimi geht seine Mimi nie ins Bett. Und ehe das Verbrechen aufgeklärt ist, kann Mimi das Buch nicht schliessen. Das wäre, sagt sie jeweils, als würde ich vor dem halbvollen Teller meiner Lieblingsspeise einschlafen. Er versteht das. Er geht ja auch nicht schlafen, wenn das Finalspiel an der Fussballweltmeisterschaft in die Verlängerung geht. Da müssen die Äuglein schon offenbleiben, bis das Siegestor geschossen und der Pokal übergeben wird.
Es ist lange nach Mitternacht, als Mimi das Buch endlich zuklappt und auf das Nachttischchen legt. Sie löscht das Licht und schliesst die Augen. Doch das Morden geht weiter. Sie denkt schon voller Vorfreude an den nächsten Abend. Welchen Krimi holt sie dann wohl aus dem Bücherregal?
Eines ist gewiss, es wird wieder vor Spannung knistern.
Liebe Mimis, Monikas, Claudias oder wie ihr alle heisst. Natürlich gilt das auch für die Ottos, Daniels und … und … und …
Ich wünsche euch viel Spass und Spannung mit all euren Krimis. Selbstverständlich auch mit diesem hier.
Herzlichst grüsst – Stefan Roduner
1. Kapitel
„Guten Morgen Herr Winter. Haben Sie gut geschlafen? Sie hat es nicht überlebt. Ein kleines Kind wächst jetzt ohne Mutter auf.“
„Hallo, wer sind Sie?“
Der unbekannte Anrufer hatte bereits aufgelegt.
Mit zitternden Händen legte Finn den Telefonhörer zurück auf die Station und setzte sich seufzend in den Lehnsessel. Er griff sich an die Stirn. In seinem Kopf hämmerte es. Schon die ganze schlaflose Nacht litt er unter heftigen Kopfschmerzen.
Er stand auf, ging in die Küche und goss sich ein Glas Wasser ein, welches er mit einem Schluck bis zur Hälfte leerte. Er nahm eine Packung Kopfschmerzmittel aus dem Küchenschrank, warf sich drei Tabletten ein und spülte diese mit dem Restwasser hinunter. Sein Nacken war schweissdurchtränkt, als er sich rücklings ins Bett legte und die Faustballen fest auf seine schmerzenden Schläfen drückte.
Wenig später wurden die Schmerzen noch grösser. Am liebsten wäre er kopfvoran gegen die Schlafzimmerwand gerannt.
Nach einer halben Stunde klangen die Kopfschmerzen ab, dafür begannen seine geschwollenen Augen, die von Tränen durchtränkt waren, zu brennen.
Könnte er nur die Uhr um einige Stunden zurückdrehen.
Wäre er doch gestern nach der Arbeit sofort nach Hause gegangen.
Hätte er sich nur nicht zu Kollegen an den Stammtisch gesetzt.
Er, der sonst selten zum Alkohol griff, hatte gestern Abend wieder einmal einen ordentlichen Absturz. Mit Bier fing der feuchtfröhliche Abend an, mit Schnaps endete er. Um zweiundzwanzig Uhr war er in seinen Wagen gestiegen und hatte wie in Trance den kurzen Weg von Bülach bis nach Rümlang unter die Räder genommen. Plötzlich war wie aus dem Nichts eine Frau vor ihm aufgetaucht. Sie war ihm direkt vor die Motorhaube gerannt. Das Bild, als die Frau mit dem Gesicht gegen die Windschutzscheibe schlug, brachte er nicht mehr aus dem Kopf. Der Knall des Aufschlags hallte wider. Er hatte kurz angehalten. Die Frau war nach dem Aufprall über das Wagendach geflogen und hinter ihm liegen geblieben. Er erkannte ihre dunkle Silhouette im Rückspiegel. Sie bewegte sich nicht. Er stellte den Motor ab, liess die Scheibe der Fahrertür nach unten und horchte. Totenstille.
Dann drückte er aufs Gas und fuhr nach Hause. Er zitterte am ganzen Leib, als er sich in seiner Garagenbox die zerbeulte Front seines schwarzen Hyundai i40 Kombi ansah. An der Windschutzscheibe klebte Blut. Sollte er den Wagen gleich reinigen? Er entschloss sich, das auf später zu verschieben, schloss die Garage ab, ging zur Haustür und stieg in den Lift, der ihn bis in den zweiten Stock führte. Im Hausflur begegnete er dem Abwart. Die beiden nickten sich kurz zu. In der Wohnung stürmte er ins Bad und übergab sich.
Finn war nahe daran, die Nummer der Polizei zu wählen. Schliesslich entschloss er sich, dies nicht zu tun. Das würde sein ganzes Leben verändern. Er müsste ins Gefängnis und würde seinen Job verlieren. In der Nacht hatte ihn keine Patrouille aus dem Bett geholt, also würden die ihn auch nicht suchen. Aber wer war dieser geheimnisvolle Anrufer? Dieser wusste, was er angestellt hatte. Wollte der Geld und sich sein Schweigen gut bezahlen lassen? Oder was waren dessen Beweggründe, ihn morgens um sieben aus dem Bett zu klingeln? Wieso kam der überhaupt auf ihn? Am Unfallort hatte Finn ausser der jungen Frau keine Menschenseele gesehen. Er war sich sicher gewesen, dass ihn niemand bei seiner Flucht beobachtet hatte.
Endlich schlief Finn ein.
Eine Stunde später erwachte er wieder. Er brachte die verklebten Augen beinahe nicht auf, konnte trotzdem einen kurzen Blick auf seine Armbanduhr erhaschen. Es war Samstagmorgen, kurz nach zehn Uhr. Hatte er einfach nur schlecht geträumt? Er stand auf, stieg in seine Trainerhose und zog sich ein T-Shirt über. Danach ging er ins Bad und warf sich etwas Wasser ins Gesicht. Jetzt konnte er wieder klar sehen. Er sah in den Spiegel und hatte das Gefühl, einem Zombie gegenüberzustehen. Die aufgeschwollenen Tränensäcke, die roten Augen und der bleiche Teint erinnerten wirklich an einen, der von den Toten auferstanden war.
Beim Öffnen seiner Garagenbox sah er das Blut und die Beule an seinem Wagen. Er hatte nicht geträumt.
Er war ein Mörder und hatte grosse Angst vor der Zukunft.
***
„Papa, wann kommt Mama endlich heim?“
Roger Kamber drückte den kleinen Noah ganz fest an sich. Er wollte vor dem Dreijährigen keine Tränen vergiessen, was ihm nicht ganz gelang. Zu tief war sein eigener Schmerz über den Verlust von Vivienne. Sein Sohn hatte eine liebevolle Mutter und er eine wunderbare Ehefrau verloren. Und das nur wegen eines rücksichtslosen Autofahrers, der womöglich ungeschoren davonkam. Sollte er Noah vor vollendete Tatsachen stellen und ihm sagen, dass er seine Mutter nie mehr sehen werde? Konnte ein solch kleines Wesen so etwas überhaupt verstehen und begreifen? Roger sagte nichts, setzte Noah auf die Couch und schaltete den Fernseher ein. Es lief ein Trickfilm und tatsächlich, Noah fragte vorerst nicht mehr nach seiner Mutter.
Roger hatte Vivienne oft gesagt, sie solle nicht in der Nacht joggen gehen. Mehr aus Angst vor einem Unhold. Auf die Idee, sie würde dabei von einem Auto angefahren, war er nie gekommen. Vivienne war eine vorsichtige Person. Doch von den nächtlichen Läufen liess sie sich nicht abbringen. Sie liebte es, in ihrer Sportkleidung und einer Stirnlampe durch die stille Dunkelheit zu rennen. Es war ein Gefühl von Freiheit. Noah hielt sie den ganzen Tag auf Trab. Während den gut einstündigen Läufen, die sie drei- bis viermal wöchentlich absolvierte, konnte sie abschalten. Es war ihre Form von Regenerierung.
Wieso war Vivienne auf die Strasse gerannt? War sie panikartig vor einem Tier oder gar einem Menschen geflüchtet? Oder hatte ihr der Autofahrer den Vortritt gewährt und gab dann absichtlich Gas, mit dem Ziel, sie zu töten? Hatte sie den Fahrer gar gekannt?
Das waren ungeklärte Fragen, auf die Roger schnellstmöglich eine Antwort wollte. Vielleicht konnte ihm die Polizei, die ihn kurz nach Mitternacht aus dem Bett geklingelt hatte, bald neue Fakten liefern. Er hatte doch das Recht zu wissen, wieso seine Frau tot war. War es ein Unfall oder gar Mord?
Roger betrachtete Viviennes Portrait, das im Schlafzimmer an der Wand rechts neben dem Spiegelschrank hing. Mit dem Zeigefinger berührte er ihren Mund. Nie mehr würde er ihre weichen Lippen auf den seinen spüren. Nie mehr konnte er über ihre blondgelockte Löwenmähne streicheln. Er sah in ihre azurblauen Augen. Derweil schossen die Tränen sintflutartig über seine Wangen. Seine grosse Liebe hatte ihn für immer verlassen. Was waren seine letzten Worte an sie gewesen? Er überlegte.
„Bis später.“
Er hätte sie aufhalten, ja zwingen sollen, nicht rauszugehen. Jetzt war es zu spät. Ob sie ihm von oben zusah, wie er um sie trauerte? So übel wie der Zusammenstoss sie zugerichtet hatte, wollte er sie nicht sehen. Sie sollte in bester Erinnerung und in voller Schönheit in seinen Fantasien und Gedanken weiterleben. Die Identifizierung des Leichnams hatte er Viviennes Stiefvater überlassen. Ihr leiblicher Vater war kurz vor ihrer Geburt verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Er galt als verschollen und ihre Mutter konnte sich nach jahrelangem Kampf mit den Behörden in seiner Abwesenheit scheiden lassen.
Vor sieben Jahren hatte sie wieder geheiratet. Ingo war ein seltsamer Kauz, finanziell aber eine gute Partie. Er hatte sich an seinem sechzigsten Geburtstag frühpensionieren lassen. Auf seinem Konto war genug Geld, um sich zusammen mit Danielle eine schöne Zeit zu machen.
Roger wünschte dem Unfallfahrer alles erdenklich Schlechte. Cholera, die Pest, Lepra und dies alles gleichzeitig und in schleichender Form.
Das Telefon klingelte. Roger erhaschte einen Blick aufs Display. Schweren Herzens nahm er ab und weinte mit seiner Schwiegermutter um die Wette.
2. Kapitel
Es war kurz vor zweiundzwanzig Uhr, als Finn mit seinem Hyundai aus der Garagenbox fuhr. Bei der Autowaschanlage hielt er an, um gleich wieder umzukehren. Es war zu früh, um die Blutspuren an seinem Auto zu beseitigen. An der Tankstelle und im Shop herrschte Hochbetrieb. Er fuhr wieder nach Hause, stellte den Fernseher an und wartete. Vom Spielfilm bekam er nichts mit. Seine Gedanken waren beim gestrigen Unfall. Immer wieder hörte er den Knall, als die Frau gegen die Windschutzscheibe flog.
Er nahm das iPad zur Hand und besuchte das Online-Format der Boulevard-Zeitung. Auf der Startseite schoss ihm in grossen Lettern die Schlagzeile entgegen: „Fahrerflucht! Sei nicht feige und stelle dich!“
Finn zuckte zusammen. Dieser Aufruf galt ihm. Er spürte einen festen Druck in der Herzgegend. Sein Puls raste, als wäre er bei einem Marathon im Endspurt. Nachdem er sich informiert hatte, wann der Tankstellenshop schloss, machte er sich kurz nach Mitternacht erneut daran, dorthin zu fahren. Er stellte seinen Wagen in eine der Waschboxen. Mit der Reinigungsbürste entfernte er akkurat die Blutresten, die an der Front klebten. Hin und wieder fuhr ein Auto unweit der Waschanlage vorbei. Jedes Mal zuckte er zusammen. Was, wenn die Polizei vorbeifuhr und ihn kontrollierte? Der Ort des Unfalls lag nur wenige hundert Meter von hier entfernt.
Nach zwanzig Minuten erinnerte nur noch eine beachtliche Beule an den Zusammenstoss. Finn stieg in seinen Wagen und überlegte. Sollte er jetzt zum Unfallort fahren? Nein, das war zu gefährlich. Wenn ihn dort jemand sah und seine Nummer aufschrieb, dann würden in Bälde die Handschellen klicken.
Etwas später war Finn trotzdem am Unfallort. Es hatte ihm keine Ruhe gelassen. Er musste an diesen Ort zurück. Zuhause hatte er sich sein Velo geschnappt und war dorthin geradelt. Den Drahtesel legte er unweit davor ins Gras und ging die restlichen Meter zu Fuss.
Jetzt stand er da. An diesem Ort des Schreckens. Nein, er hatte das nicht gewollt. Er war doch kein Mörder. Die Frau war ihm vor den Wagen gerannt. Hätte er doch an diesem Abend nicht getrunken, dann hätte er die Polizei informiert. Die Ambulanz wäre in wenigen Minuten vor Ort gewesen und vielleicht hätten sie die Frau gar retten können. Aber mit viel zu viel Promille Alkohol im Blut wäre er auch unschuldig als Mörder abgestempelt worden.
Auf dem Asphalt hatte die Polizei die Bremsspuren seines Wagens nachgezeichnet. Die Umrisse der Toten waren mit weisser Farbe auf den Boden gemalt. Ein grausames Bild. Finn konnte kaum hinsehen. Tränen kullerten über seine Wangen. Tränen der Angst. Des Selbstmitleids. Der Trauer.
Er wusste nicht viel von der Toten. Sie hiess Vivienne Kamber, war achtundzwanzig Jahre alt, wohnte in Niederglatt und war als Joggerin unterwegs. Das hatte er im Internet nachgelesen. Zudem wusste er von dem geheimnisvollen Anrufer, dass sie Mutter eines kleinen Kindes war. Er hatte eine glückliche, junge Familie zerstört.
Wer war dieser Anrufer gestern Morgen? Hatte der den Unfall zufällig beobachtet? War er sogar mit der Frau unterwegs gewesen? Das Ganze war sehr seltsam und beängstigend. Wenn dieser Mann wusste, dass er eine Frau überfahren hatte, wieso verpfiff er ihn nicht an die Polizei?
Sie musste von der Bachstrasse hergekommen sein. Sie war über die Rümlangstrasse vor sein Auto gerannt, sehr wahrscheinlich um auf den Bachweg zu gelangen. Hatte sie ihn übersehen? Hatte sie nicht daran gedacht, dass am späten Abend noch Autos unterwegs sein konnten? Finn schüttelte den Kopf. Nein, das konnte nicht sein. Eine Mutter mit Kind war sich aller Gefahren bewusst. Er war sicher, dass die Frau vor etwas auf der Flucht gewesen war.
An der Ecke Rümlangstrasse, Bachstrasse waren Blumen abgelegt. Im Gras steckte ein kleines Holzkreuz. „Meine geliebte Vivienne“, war in sauberer Schrift ins Holz gebrannt. Der Vollmond leuchtete mit voller Kraft darauf.
Finn bemerkte eine Silhouette, die auf ihn zumarschierte. Ob es eine Frau oder ein Mann war, konnte er nicht erkennen. Plötzlich begann die Person zu rennen. Finn nahm jetzt ebenfalls die Beine unter die Arme und flüchtete zu seinem Velo.
„Hallo! Stopp! Stehenbleiben!“, hörte Finn jetzt eine laute, männliche Stimme. Er sah sich um. Der Verfolger war vielleicht noch dreissig Meter hinter ihm und rannte immer schneller. Auch Finn beschleunigte sein Tempo, griff nach dem Lenker seines Velos und schwang sich auf den Sattel. Er stieg in die Pedale, als ginge es darum, Paris–Roubaix zu gewinnen. Er drehte seinen Kopf. Der Abstand zum Verfolger wurde grösser. Uff, das war gerade nochmals gut gegangen.
Seine Beine zitterten, als er zuhause vom Rad stieg und dieses in sein Kellerabteil einschloss. Der Abwart nickte ihm zu, als er auf den Lift wartete. Ein komischer Kauz, dachte Finn. Wieso schleicht der jeweils mitten in der Nacht durch die Gänge? War das Zufall? Kam der heute und die vorige Nacht zufälligerweise gleichzeitig mit ihm nach Hause? Ein seltsames Kerlchen war er allemal. Er war etwas über sechzig Jahre alt und schaute immer drein, als wäre ihm gerade jemand auf den Fuss gestanden. Finn hatte noch nie ein Wort aus seinem Mund gehört. Oder doch? Er überlegte. War dieser Kerl der geheimnisvolle Anrufer?
In der Wohnung angekommen, ging Finn zum Kühlschrank, um diesem einen Eistee zu entnehmen.
Auf seinem Handy erschien eine WhatsApp-Nachricht: „Hi Finn, sorry für die späte Störung. Hast du Lust auf einen Sonntagsspaziergang mit mir? Gruss Mia.“
Verflucht, das hatte ihm gerade noch gefehlt. Er mochte Mia. Aber im Moment war nicht der richtige Zeitpunkt für ein Date. Die dunkelhaarige Amerikanerin war seit drei Monaten seine Bürokollegin. Ihr charmantes Lächeln und ihre offene, sympathische Art hatten ihm schon zu einigen schlaflosen Nächten verholfen. In seinen Träumen war er mit ihr sogar schon verheiratet und nach Florida, in ihre Heimat ausgewandert. Oft hatte er mit dem Gedanken gespielt, sie zu fragen, ob sie auch etwas für ihn empfinde. Eigentlich wusste er es ja. Wenn er jeweils am Morgen ins Büro kam, dann strahlten ihn ihre grossen rehbraunen Augen so herzerwärmend an, dass er wusste, dieser Frau bin ich nicht unwichtig. Zweimal war er mit ihr noch einen Kaffee trinken gegangen nach der Arbeit. Sie waren beide nicht scheu und sehr gesprächig, nur wenn es um die Liebe ging, lähmten sich ihre Zungen. Momentan war der unglücklichste Zeitpunkt, um Mia näher kennenzulernen. Womöglich würde der richtige Moment gar nie kommen.
In Gedanken sah er sich schon an harter Brotrinde kauen, welche er mit stillem Wasser aus dem verkalkten Hahn der Gefängniszelle hinunterspülte. Er musste eine Ausrede erfinden.
„Hi Mia, geht leider nicht, ich muss zu einem Familienanlass. Gerne ein andermal.“
„Schaaaaaaaaaade! Ich hätte dich so gern gesehen!“ Die Nachricht war begleitet von einem Smiley mit Kussmund und zwei roten herzförmigen Augen.
Finns Herz begann schneller zu schlagen. War das eine Liebeserklärung? Klar. Was sie mit Worten nicht auszusprechen wagte, ging mit Smileys leichter.
Zehn Sekunden später piepste sein Handy erneut. „Lieber Finn, ich liebe dich!“
Eigentlich hätte er sich freuen und einen Fruchtbarkeitstanz aufführen sollen. Aber ungünstiger als jetzt hätte der Zeitpunkt nicht sein können, ihm eine Liebeserklärung zu machen. Irgendwie ärgerte er sich über Mia. Hätte sie ihm diesen Satz nur eine Woche oder einige Tage früher geschrieben, dann wäre er am Freitagabend nicht abgestürzt und dieser Unfall wäre nie passiert. Dann hätte er den Abend mit ihr verbracht. Wie sollte er auf diese unerwartete Nachricht reagieren? Er wünschte Mia eine gute Nacht und setzte ein Smiley mit Kussmund, das rote Herzchen von sich pustete, dahinter.
3. Kapitel
Roger Kamber wälzte sich in seinem Bett hin und her. Der Wecker auf dem Nachttisch zeigte gerade mal Viertel vor sechs Uhr. Praktisch die ganze Nacht hatte er nicht geschlafen. Nur einige Male war er für wenige Minuten eingenickt, um dann schweissgebadet wieder aufzuwachen und auf die andere Bettseite zu greifen. Es war tatsächlich so, Vivienne lag nicht neben ihm. Es war alles nicht nur ein schmerzlicher, böser Traum gewesen. Nein, Viviennes Körper lag im Leichenschauhaus und ihre Seele schwebte im Irgendwo umher. Warum hatte sie ihn und den Kleinen nur allein zurückgelassen? Sie hatten doch noch so grosse Pläne. Ein zweites Kind. Der Aufbau einer eigenen Firma war im Gespräch. Vivienne war sehr kreativ und eine ausgezeichnete Näherin. Sie sprudelte voller Ideen. Es war ein Jugendtraum von ihr, ein eigenes Modelabel mit sportlichen Kleidern zu gründen. Zu Hunderten lagen Skizzen und Pläne in den Schubladen. Roger hätte ihr die Umsetzung ihres Vorhabens gegönnt. Wenn sie über ihre Ideen für sportliche Kollektionen sprach, strahlten ihre Augen jeweils wie die Sterne in einer glasklaren Nacht. Roger konnte sich nicht vorstellen, ohne sie je wieder glücklich zu werden. Würde der seelische Schmerz je versiegen? Würden die schweren Wunden wieder heilen?
Noah trat schlaftrunken mit seinem Teddybär unter dem Arm ins Schlafzimmer. Er stellte sich vor das Bett und sagte schluchzend: „Wo ist Mama? Ich will zu Mama!“
Roger setzte sich auf, hob seinen Sohn aufs Bett und legte sich neben ihn. Dann begann er mit Tränen in den Augen zu erklären: „Mama ist im Himmel.“
Noah schaute ihn verwundert und mit grossen Augen an. Dann begann er lauthals zu schreien: „Mama! Ich will jetzt zu Mama!“
Sein Geschrei wurde immer heftiger. Roger hatte das Gefühl, dass dem Kleinen beinahe die Luft zum Atmen fehlte. Er liess ihn gewähren, in der Hoffnung, dass er sich bald wieder fasste.
Nach einer Weile hatte sich Noah so müde geschrien, dass sein Jammern immer leiser wurde. Schliesslich schlief er ein. Roger deckte ihn liebevoll zu. Wie konnte er ihm begreiflich machen, dass seine Mutter für immer aus seinem jungen Leben verschwunden war?
Roger stand leise auf und ging in die Küche. Er schaltete die Kaffeemaschine an. Fünf Minuten später sass er am Küchentisch vor einem dampfenden Espresso und stierte gedankenversunken an die weisse Wand.
Plötzlich hatte er das Gefühl, dass er nicht allein war. Dass da jemand neben ihm am Tisch sass. Er spürte, nein, er wusste, Vivienne war da. Er konnte sie riechen. Und er glaubte zu hören, als sage sie ihm: „Lieber Roger, sei nicht traurig. Unser Leben ist vorbestimmt. Sicher wäre ich noch gern bei dir und Noah geblieben. Doch ich musste von euch gehen. Wieso? Das weiss nur Gott. Er hat mich zu sich geholt. Wahrscheinlich braucht er mich dringend. Vielleicht braucht er eine Sekretärin, um die vielen Eintritte in den Himmel zu koordinieren? Oder eine Raumpflegerin, um die Wolke sieben täglich auf Hochglanz zu polieren? Es war ein Unfall. Schicksal. Es ist einfach passiert. Nenn ihn nicht Mörder. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort. Er hat mich nicht kommen sehen. Er leidet auch. Ich lief durch die Nacht. Ich hörte das Quietschen der Bremsen. Ein Knall. Es wurde stockdunkel. Ich begann zu frieren. Ich sah, wie eine dunkle Decke über meinen Körper gelegt wurde. Kurz darauf wurde ich in einem schwarzen Wagen abtransportiert. Da wo ich jetzt bin, ist es warm. Warm, hell und wunderschön. Wir werden uns wiedersehen. Irgendwann. Geniesse die Zeit mit Noah. In freudiger Erwartung – dein Engel Vivienne.“
Diese Stimme gab Roger Kraft, rührte ihn aber auch zu neuen Tränen.
***
Finn war am Duschen, als ihn der WhatsApp-Nachrichtenton aus seinen Gedanken riss. Es war zwanzig Minuten vor sieben. Schnell trocknete er sich mit seinem Badetuch ab, dann nahm er das Handy zur Hand.
„Hi Finn, wünsche dir einen wuuuuuuuunderschönen Tag! Gruss und Kuss Mia.“
Verärgert warf er das Mobiltelefon auf die Couch. Sollte er seinem Leben heute ein Ende setzen? Die Bahnlinie war nur wenige hundert Meter von seiner Wohnung entfernt. Wenn er sich vor den Zug werfen würde, hätte alles Leiden ein Ende.
Doch das Leben hatte auch seine schönen Seiten. Vielleicht heilte die Zeit alle Wunden und er konnte wieder glücklich werden. Vielleicht war in einem Jahr Gras über die Sache gewachsen und er konnte Mia heiraten und mit ihr nach Florida auswandern. An den schönen Stränden in Clearwater, unweit nördlich von St.Pete, könnte er sein altes Leben hinter sich lassen. Finn hatte Mia noch nicht ein einziges Mal geküsst und träumte schon von einem gemeinsamen Leben. Er wusste, falls aus ihm und der hübschen Amerikanerin einmal ein Liebespaar werden sollte, dann musste er irgendwann auswandern. Mia hatte ihm schon mehrere Male gesagt, dass sie eines Tages in ihre Heimat zurückkehren wolle. Ihr gefiel es zwar in der Schweiz, in der sie seit gut sieben Jahre lebte, aber sie vermisste das Meer und die amerikanische Lockerheit. Finn war bereit dazu, er wollte ein neues Land entdecken. Manchmal ging auch ihm die spiessige Schweiz gehörig auf den Wecker.
Er wollte nichts anbrennen lassen und antwortete Mia: „Hi Mia, Familienanlass wurde abgesagt. Meine Wenigkeit hätte Zeit für dich.“
„Cool, was stellen wir an?“, kam postwendend Antwort in Begleitung mehrerer herzförmiger Smileys.
„Ich könnte dich mit meinem Cabrio ausfahren.“
„Cool, das Wetter ist spitze!“
Sie machten auf zehn Uhr ab, Finn wollte sie an ihrem Wohnort in Embrach abholen. Er war auf dem Weg ins Badezimmer, als das Telefon klingelte. Die Nummer war unterdrückt. Morgens um sieben und das an einem Sonntag, wer wollte wohl was von ihm?
„Winter.“
„Guten Morgen Herr Winter, plagt Sie Ihr Gewissen nicht? Noah ist jetzt Halbwaise.“
„Was wollen Sie von mir? Wer sind Sie?“
Der unbekannte Anrufer hatte bereits wieder aufgelegt. Wie ein eingesperrter Tiger marschierte Finn im Wohnzimmer auf und ab. Er war innerlich vollkommen aufgewühlt. Wollte der Anrufer ihn in den Wahnsinn treiben? Finns zuvor nicht mal mehr so schlechte Laune machte wieder der Schwermütigkeit Platz. Eben noch hatten ihn Mias Nachrichten abgelenkt und aufgemuntert. Jetzt bereute er es, mit Mia abgemacht zu haben. Die amerikanische Schönheit würde sicherlich schnell merken, dass ihn irgendwo der Schuh drückte. Was sollte er ihr antworten, falls sie ihn fragen würde, was los sei? Er konnte ihr ja schlecht sagen, dass er vor zwei Tagen eine Frau zu Tode gefahren habe und es somit sein gutes Recht sei, schlechte Laune zu haben und nachdenklich zu wirken.
Dieser unbekannte Anrufer machte ihn verrückt. Irgendwann gab der sein Wissen bestimmt an die Polizei weiter. Dann war er geliefert. Was würden seine Eltern sagen, wenn sie aus der Zeitung erfuhren, dass ihr Sohn Fahrerflucht begangen hatte und ein Mörder war? Seine feinfühlige Mutter, die nach dem Tod ihrer eigenen Mutter für beinahe drei Jahre in ein tiefes Loch gefallen war, könnte eine solche Nachricht wohl kaum verkraften. Sie war kaum mehr aus dem Haus gegangen und hatte in dieser Zeit sehr gealtert. Wenn sie erführe, was ihr einziger Sohn angestellt hatte, könnte man schon mal das Schreinern ihres Sarges in Auftrag geben. Und sein Vater, der ihn als Kind oft mit dem Teppichklopfer verhauen hatte, würde denselbigen wieder aus dem Estrich holen.
Finn überlegte. Sollte er Mia absagen? Nein, das konnte er nicht tun. Das würde sie ihm womöglich nie verzeihen. Ein wenig Ablenkung war jetzt sicher das Beste für ihn. Er wollte mit Mia einen schönen Tag verbringen. Mit der Sonne im Gesicht würden die Sorgen bestimmt bald in den Hintergrund rücken. Vielleicht war der heutige Tag der Beginn einer schönen Liebesgeschichte.
4. Kapitel
Finn war auf dem Weg zu Mia. Seine Armbanduhr der Marke Tommy Hilfiger zeigte fünf vor zehn, als er von Eschenmosen herkommend die Ortstafel von Embrach passierte. Er fuhr in den Eichenweg ein und parkierte vor dem Mehrfamilienhaus, in dem Mia wohnte. Er schrieb ihr eine Nachricht und wenige Augenblicke später kam sie mit strahlendem Lächeln durch die Haustür. Ihr langes dunkles Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Unter ihrem engen weissen Shirt zeichneten sich ihre mittelgrossen Brüste ab. Ihren Knackpo brachte sie in der gut geschnittenen Diesel-Jeans schön zur Geltung. Die dunkle Sonnenbrille hatte sie sich sportlich auf die Stirn gesetzt.
