Heimliche Zeugen - Stefan Roduner - E-Book
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Heimliche Zeugen E-Book

Stefan Roduner

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  • Herausgeber: Vicon
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
Beschreibung

Der Plot nimmt sofort Fahrt auf, als Leon seinen neuen Fall «erhält» und die Leserin ist gerne mit dem sympathischen «Ermittler» unterwegs, der sofort ihr Herz erobert. Eine gelungene Ouvertüre. Die knappe Sprache unterstützt die geradlinige Erzählweise der Handlung und immer wieder darf man auch schmunzeln. So wird der Krimi auch zu einem Lesevergnügen. Der Plot kommt mit wenigen, schön charakterisierten und unterschiedlichen Figuren aus und die Handlung ist passend ins Zürcher Unterland mit einem Abstecher nach Rumänien und Morges eingebettet. Ein scheinbar kleiner Fall für Privatdetektiv Leon Bevilacqua: keine Toten, keine Verletzten. Nur eine junge Frau, die einen älteren Mann bestohlen hat und der will nicht, dass die Frau ins Gefängnis muss. Er möchte sie zurück. Was zunächst wie ein modernes Märchen wirkt, wird plötzlich zum Horrortrip für Leon und seine Freundin. Nora – als Hauptfigur und «Ermittlerin» – ist der Leser:in von Anfang an sympathisch und spiegelt als «unfreiwillig» alleinerziehende Mutter eine zeitgemässe Identifikationsfigur wider, die eine Einheimische von Niederhasli verkörpert.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 215

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Stefan Roduner

Heimliche Zeugen

Der zweite Fall für Leon Bevilacqua

Handlungen und Personen sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Stefan Roduner

Heimliche Zeugen

Der zweite Fall für Leon Bevilacqua

2.Auflage

ViCON-Verlag

Niederhasli 2020

Stefan Roduner lebt in der Zürcher Unterländer Flughafenregion.

Nebst dem Schreiben von Krimis und Gedichten bereist er in seiner Freizeit gerne fremde Länder und interessiert sich für Fussball und Tennis.

Stefan Roduner:

Heimliche Zeugen - Der zweite Fall für Leon Bevilacqua

© Urheberrecht und Copyright: ViCON-Verlag

2. Auflage 2020

Lektorat: das Buch – der Text

Verlag: ViCON-Verlag, Heiselstrasse 105, CH-8155 Niederhasli

Internet: www.vicon-verlag.ch / www.connyvischer.com

E-Mail: [email protected]

ISBN E-Book: 978-3-9525921-4-4

Satz und Layout: LP Copy Center Wettingen

Coverdesign: Design Resort Bülach

Liebe Leserin, lieber Leser

Es ist kurz nach einundzwanzig Uhr. Mimi geht ins Bad, schminkt sich ab und putzt sich die Zähne. Nein, Mimi ist noch nicht müde.

Schnurstracks geht sie zu ihrem Bücherregal. Eigentlich ist es ein Krimiregal. Vollgepackt mit Krimis aus aller Welt. Denn, ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett.

Entscheidet sie sich heute für einen düsteren skandinavischen Krimi, für einen Elsass Krimi oder für einen Krimi aus dem Ruhrgebiet?

Schon zieht sie ein Buch aus dem Regal. Es ist ein Schweizer Regionalkrimi, der grösstenteils im Zürcher Unterland spielt.

„HEIMLICHE ZEUGEN: Der zweite Fall für Leon Bevilacqua“, steht auf dem Cover. Mimi geht ins Schlafzimmer und legt sich ins Bett. Sie taucht ein in die Welt des Verbrechens.

Liebe Leserin, lieber Leser, wenn Sie jetzt weiterlesen, dann sind Sie sofort mittendrin. Die S9 steht im Zürcher Hauptbahnhof. Abfahrtbereit in Richtung Bülach.

Viel Spass und Spannung wünscht – Stefan Roduner

Prolog

Kurz nach zweiundzwanzig Uhr stieg Leon Bevilacqua im Zürcher Hauptbahnhof in die S9 in Richtung Bülach. Der Zug war gut besetzt. Leon zwängte sich im Viererabteil neben einen breiten jüngeren Mann mit dickem Bauch. Dieser nahm gerade einen Burger aus einer Papiertüte. Der Geruch von Zwiebeln und Rindfleisch drang in Leons sensible Nase.

Leon gegenüber sass eine junge Frau afrikanischer Abstammung. Ihr Haupt war kunstvoll von einem farbenfrohen Tuch umwickelt. Ihre Lippen waren weinrot geschminkt. Die grossen Ohrringe standen auf ihren Schultern auf.

Neben ihr sass ein älterer Herr in edlem Zwirn. Geschätzt etwas über siebzig Jahre alt. Er strich sich mit der rechten Hand gerade über sein weisses, noch volles Haar. Leon wunderte sich, dass der Mann mit der Patek Philippe am Handgelenk nicht im Erstklasseabteil sass. Auch der Cartier Ring aus Gelbgold mit dem Pantherkopf passte nicht in die zweite Klasse. Leon sah auf Anhieb, dass er zu den oberen Zehntausend, wenn nicht gar zu den Superreichen, gehörte. Er glaubte, den Ring letzthin in einer Modezeitschrift von Nicole abgebildet gesehen zu haben. Um die fünfundzwanzigtausend Franken durfte das Schmuckstück schon wert sein. Der Mann trug gewissermassen einen gut ausgestatteten Kleinwagen am Ringfinger.

Als der Zug beim Bahnhof Hardbrücke losfuhr, begann es wie aus Kübeln zu giessen. Blitze und Donner folgten. Ein fantastisches Schauspiel, welches sich am Himmel abzeichnete.

Leon nahm sein Handy aus der Hosentasche und wählte die Nummer seiner Freundin. „Hi Nicole, holst du mich in zwanzig Minuten am Bahnhof Bülach ab?“

Normalerweise wäre er zu Fuss nach Hause gegangen. Er liebte abendliche Spaziergänge, bei denen er runterfahren und den Gedanken nachhängen konnte. Auf eine Regendusche in leichter Kleidung hatte er dann doch keine Lust.

Der Abend mit Dave im „Lady Hamilton’s“ war schön gewesen. Sie waren Jugendfreunde und hatten sich viel zu erzählen. Gute Kontakte mussten gepflegt werden. Dave war schliesslich bei der Kriminalpolizei und hatte ihm auch im letzten Fall wertvolle Hinweise gegeben.

Dave war ein Frauenheld. Auch heute Abend stöckelten alle paar Minuten junge Bekanntschaften von ihm an ihren Tisch. Eine schon leicht angetrunkene blonde Bekannte von Dave, mit üppigem Vorbau, sagte augenzwinkernd zu Leon: „Dich würde ich am liebsten ins Handtäschchen packen und mit nach Hause nehmen. Du siehst zum Anbeissen aus. So ein richtiger Südländer halt.“

„Ich bin ein waschechter Schweizer“, antwortete Leon belustigt.

„Was? Ein Schweizer? Du meinst einer, der in der rechten Hosentasche stets ein Taschenmesser mit sich trägt?“

„Nicht ganz. In meiner rechten Hosentasche befindet sich dann doch eher ein Korkenzieher.“

„Ein Korkenzieher? Ich verstehe nicht ganz.“

„Um die Flasche Merlot zu öffnen. Ich bin Tessiner.“

„Ein Tessiner?! Ach, dann bist du ja ein halber Italiener.“

Zum Glück stieg der Dicke in Oerlikon aus. Leon konnte es sich etwas gemütlicher machen. Nicht für lange. Ein Eishockey-Fan im Jeanskostüm und jeder Menge aufgenähter Sticker auf der Jacke wankte torkelnd durch das Abteil.

„Noch f… f… frei?“, fragte er und setzte sich ohne eine Antwort abzuwarten neben Leon. Die Alkoholfahne, die Leon entgegenkam, holte ihn beinahe aus den Schuhen.

„Olé, olé, ZSC! Wir sind die Nummer eins. Olé, olé, ZSC!“ Der vollbärtige Fan unterhielt den ganzen Wagen.

Ein junger Mann aus dem Nebenabteil fragte: „Hat der ZSC gewonnen?“

„Logo! Sechs zu … sechs zu eins, gegen die Tigers. Olé, olé, ZSC!“

„Die Tigers?“

„Die Langnauer“, erklärte ein Fahrgast, der im Gang stand.

Laut zischend öffnete der betrunkene Eishockey-Fan die nächste Bierdose. Leon bekam mindestens die Hälfte des Inhalts ab. Sein Handy fiel ihm vor Schreck zu Boden. Jetzt sass er da wie ein begossener Pudel. Mit Bier geduscht, beinahe von Kopf bis Fuss.

„Pass doch auf!“ Verärgert hob Leon sein Handy wieder auf.

„’tsch… ‘tschu… ‘tschuldigung!“

Leon hätte den Typ ohrfeigen können. Dieser leerte den restlichen Inhalt der Bierdose in einem Zug.

Zum Glück stieg der Trunkenbold in Rümlang aus. Das Grölen wurde immer leiser. Jetzt sah ihn Leon auf dem Perron Slalomlaufen. Wenn das nur gut kam.

Ab Oberglatt sassen nur noch Leon und der ältere Herr im Viererabteil. Endlich konnte Leon die Füsse strecken und es sich etwas bequemer machen. Er blätterte in einer Gratiszeitung, die auf der Ablage gelegen hatte.

„Herr Bevilacqua?“ Der ältere Mann sah ihn fragend an.

„Kennen wir uns?“ Leon runzelte die Stirn.

„Nein. Ihnen ist da vorhin bei ihrer Bierdusche ein Visiten-kärtchen aus der Handyhülle gefallen. Sie sind Privatdetektiv?“ Der Mann stand auf, bückte sich, hob die Karte auf und streckte sie Leon entgegen.

„Behalten Sie das Kärtchen ruhig. Man weiss ja nie.“

„Genau, deshalb habe ich Sie angesprochen. Ich hätte da einen Auftrag für Sie. Kurz gesagt, ich brauche Ihre Hilfe.“

1. Kapitel

Das riesige, moderne Haus war von einem noch grösseren Garten umgeben. Leon hatte nicht gewusst, dass es in Bülach eine solch edle Villa gab. Sie stand versteckt und gut abgeschirmt hinter einer Gruppe grosser Bäume. Gerade mal einen guten Kilo-meter von seinem Zuhause entfernt, im Quartier rund um die Bushaltestelle „Stubenchlaus“, direkt unter dem kleinen Rebberg.

„Julius Goldhahn“, stand auf der Türklingel am Tor des hohen Zauns, welcher den Garten umschloss. Leon drückte auf die Klingel.

„Wer ist da?“, meldete sich eine weibliche Stimme über die Gegensprechanlage.

„Leon Bevilacqua.“

„Treten Sie ein.“

Wie von Geisterhand öffnete sich das elektrische Tor. Leon trat in den Garten und ging auf einem gepflegten, von roten Rosen umrandeten Weg, zur Haustür. Vor einem der drei Garagentore stand ein perlweisser Tesla mit schwarzem Dachhimmel und tiefschwarzen Felgen. Leon hätte den Wagen gerne genauer unter die Lupe genommen und auch von innen besichtigt. Um seine Gage musste er sich keine Sorgen machen. Goldhahn war stinkreich. Das hätte selbst ein Blinder gesehen. Leon konnte das Geld beinahe riechen. Um was ging es in diesem Fall? Leon konnte es kaum erwarten, mehr zu erfahren.

Als er die fünf Stufen bis zur Haustüre nahm, öffnete sich diese vollautomatisch.

Plötzlich stand eine Frau von vielleicht vierzig Jahren in der Tür und sagte: „Herr Bevilacqua, kommen Sie herein.“

Mit ausgestreckter Hand ging Leon auf die gut angezogene Frau zu. „Guten Tag Frau Goldhahn.“

„Ich bin nicht seine Frau. Ich bin seine Angestellte“, sagte die rassige Blondine schnippisch. Ohne Leons Hand zu beachten, wies sie ihn an, in einem dem Hausflur angrenzenden Zimmer Platz zu nehmen und auf den Hausherrn zu warten. Warum war die stark geschminkte Frau so ablehnend ihm gegenüber? Leon sass auf einem bequemen Polstersessel, wenn nicht gar auf einem Thron und wartete. Alles in diesem riesigen Zimmer wirkte teuer und edel. Angefangen beim bestimmt massangefertigten Tisch aus Mahagoni und der antiken Holzvitrine im Barockstil über den Perserteppich bis zum klassischen Kronleuchter. Leons Einrichtungsgeschmack war es nicht. Er liebte den modernen Stil.

Goldhahn liess lange auf sich warten. Leon sass bereits fünf Minuten da. Er stand auf und ging ans Fenster.

Ein Zaunkönig sass auf dem Baum vor dem Fenster und liess ein lautes „Trrrrrr“ erklingen. Jetzt bemerkte Leon, wie eine schwarze Katze auf Samtpfoten um den Baumstamm schlich. Fluchtartig streckte der kleine Vogel seine Flügel aus und flog davon.

Die Hausangestellte kam ins Zimmer. „Kaffee?“

Als Leon dankend ablehnte, stampfte sie beleidigt davon.

Endlich kam Goldhahn und begrüsste ihn mit schlaffem Händedruck. Er lächelte gekünstelt.

„Setzen Sie sich an den Tisch“, sagte er nach kurzem Schweigen. Goldhahn ging an die Minibar und entnahm dieser eine Flasche Balblair, Jahrgang 1983. Aus der Vitrine nahm er zwei Whiskygläser und stellte sie auf den Tisch. Ungefragt goss er den edlen Tropfen in die Gläser.

„Zum Wohl, Herr Bevilacqua. Es ist gar nicht so einfach, Ihnen mein Problem zu schildern.“ Goldhahn leerte das Glas in einem Zug und schenkte sich gleich nach. Hoffte er, dass ihm der Whisky die Zunge lockerte? Leon trank sein Glas ebenfalls aus und machte eine den Whisky lobende Handbewegung. Obwohl, ein kühles Bier wäre ihm lieber gewesen. Einen solch teuren Whisky würde er seines Lebens nicht mehr am Gaumen spüren. Als ihm Goldhahn nachschenken wollte, hielt Leon die Hand aufs Glas. „Nein danke. Ich muss noch fahren.“

„Herr Bevilacqua, ich habe ein Problem. Ich brauche Ihre Hilfe.“

Der Alte nahm einen weiteren Schluck Whisky, stand auf, ging zum Fenster und schaute nach draussen.

Leon wartete gespannt. Dem Alten war es peinlich, über sein Problem zu sprechen. Immer noch aus dem Fenster schauend und Leon nicht beachtend fuhr Goldhahn fort: „Sie müssen eine junge Frau für mich finden. Sie hat mich bestohlen.“

„Bestohlen?“

„Ja, bestohlen. Mir geht es nicht um das Geld. Ich möchte sie zur Rede stellen.“

„Zur Rede stellen? Was heisst das?“

Der Alte lachte. „Keine Angst, Herr Bevilacqua, ich will keine Selbstjustiz an ihr ausüben. Ich möchte mit ihr reden. Ihr klarmachen, dass sie einen Fehler begangen hat.“

„Haben Sie die Polizei schon eingeschaltet? Haben Sie Anzeige gegen die Frau erstattet?“

Goldhahn winkte ab. „Nein, Geld habe ich genug. Sie soll nicht ins Gefängnis. Ich will die Frau zurück.“

Leon runzelte die Stirn. „Sie war Ihre Freundin?“

Der Alte fuhr fort: „Ich weiss, Sie halten mich für naiv. Ich hätte selbst nie gedacht, dass mir das passieren würde. Ich bin nicht auf den Kopf gefallen. Diese Frau hat mir die grosse Liebe nicht vorgespielt. Ich denke, sie hat immer noch Gefühle für mich. Ich glaube an eine zweite Chance.“

„Aha.“

Goldhahn schaute Leon verlegen an. „Es klingt wirklich wie aus einem schlechten Liebesfilm. Die Frau ist immer noch in mich verliebt. Das spüre ich.“

„Entschuldigung, Herr Goldhahn, beklaut man jemanden, den man liebt?“

Goldhahn errötete. „Sie hat einen Fehler gemacht. Sie ist jung. Gerade mal zwanzig Jahre alt. Ich kann ihr verzeihen.“

„Seit wann kennen Sie die Frau?“

„Seit drei Wochen. Sie hat mich während meiner Ferienabwesenheit bestohlen.“

„Wie heisst die Frau?“

„Lavinia.“

„Hat sie auch einen Nachnamen?“ Leon hatte das Gefühl, dem Alten jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen zu müssen.

„Manea.“

„Lavinia Manea. Eine Ausländerin?“

„Sie stammt aus Rumänien. Aber sie spricht gut deutsch“, sagte Goldhahn entschuldigend.

Leon zückte einen kleinen Block und machte erste Notizen.

„Wo wohnt diese Lavinia Manea?“

„Bis vor drei Tagen bei mir. Keine Ahnung, wo sie jetzt untergetaucht ist.“

„Wo lebte sie, bevor sie zu Ihnen gezogen ist?“

„In Schaffhausen. Bei einer Kollegin.“

„Und wie heisst diese Kollegin?“

Goldhahn zuckte mit den Schultern.

„Haben Sie ein Foto von Lavinia Manea?“

Goldhahn schüttelte energisch den Kopf. Er konnte Leon nicht mehr in die Augen sehen. Wieder zum Fenster hinausschauend sagte er: „Übernehmen Sie den Fall, Herr Bevilacqua?“

Leon nickte. „Klar. Nur weiss ich im Moment noch nicht, wo ich anfangen soll. Ich weiss weder, wie sie aussieht noch, ob Lavinia Manea ihr richtiger Name ist. Auf gut Deutsch gesagt, ich weiss nichts von ihr.“

„Moment.“

„Ja?“

„Die Überwachungskamera müsste sie gefilmt haben.“

„Das ist doch mal ein Anfang.“

„Aber die Kamera ist ziemlich alt und von schlechter Qualität.“

„Herr Goldhahn, wieso war Lavinia Manea nicht mit Ihnen in den Ferien?“

„Sie hatte wichtige Prüfungen.“

„Sie ist Studentin?“

„Das hat sie mir erzählt.“

Die beiden gingen in ein kleines Nebenzimmer. Dort zeigte ihm Goldhahn auf einem Bildschirm die Filmsequenz, auf der Lavinia zu sehen war.

„Die Bildqualität ist wirklich miserabel“, sagte Leon. Er sah, wie Lavinia einen Koffer aus dem Haus trug. Sie hatte schwarz gelocktes Haar. Das Gesicht war nicht zu erkennen. Lavinia war klein und zierlich.

„Ich hoffe trotzdem, dass Sie mit den Bildern etwas anfangen können.“

„Mal sehen. Herr Goldhahn, was hat Ihnen die Frau gestohlen?“

„Schmuck und Geld.“

„Aus einem Safe?“

„Ja.“

„Sie hat den Safe geknackt?“

„Sie kannte den Code.“

„Herr Goldhahn, Sie kannten die Frau seit drei Wochen.“

„Ich habe ihr vertraut. Es kam mir vor, als würde ich sie seit Jahren kennen.“

„Herr Goldhahn, etwas …“

„Ich weiss. Ich sollte vorsichtiger sein. Wobei, ich habe sie am Tage des Einzugs getestet.“

„Getestet?“

Goldhahn zeigte auf seinen linken Ringfinger mit dem Pantherkopf. „Ich habe den Cartier Ring im Wohnzimmer auf dem Salontisch liegen lassen und bin für zwei Stunden aus dem Haus gegangen. Sie war in dieser Zeit allein im Haus. Als ich zurückkam, lag der Ring immer noch unangetastet an derselben Stelle. Ab da habe ich ihr zu hundert Prozent vertraut. Der Ring hat immerhin einen Wert von über zwanzigtausend Franken.“

„Was für einen Wert hat das Diebesgut?“

„Der Schmuck meiner Frau etwas über dreihundertfünfzigtausend Franken. Dazu kommt Bargeld in der Höhe von einhundertachtundzwanzigtausend Franken.“

„Sie sind verheiratet?“

„Meine Frau ist vor fünf Jahren gestorben.“

„Oh. Das tut mir leid.“

„Schon gut. Ich bin darüber hinweg. Aber ich hatte lange Zeit mit dem Verlust zu kämpfen.“

„Ich weiss gar nicht, wo ich mit der Suche beginnen soll.“

„Herr Bevilacqua, Ihnen wird schon etwas einfallen. Bitte finden Sie Lavinia.“

Fürs Erste übergab ihm Goldhahn ein graues dickes C5-Couvert.

Das nennt man wohl liebeskrank, dachte Leon, als er mit dem Couvert in den Händen zu seinem Wagen ging.

2. Kapitel

„Hallo Leon, zum Italiener oder zum Thailänder?“, fragte Nicole, als sie die Wohnung betrat. Sie pflegten am Freitagabend jeweils das Wochenende in einem Speiselokal einzuläuten.

„Wir können ins Städtchen gehen, um eine Pizza zu essen. Aber nicht zu lange. Ich muss morgen früh raus.“

„Hast du den Fall des Alten übernommen?“

Leon nickte.

„Und? Um was geht’s?“

„Ich erzähle es dir im Restaurant.“

„Leon, so lange kann ich nicht warten.“

„Ich möchte dir die Geschichte in Ruhe während dem Essen erzählen.“

„Okay, ich gebe es auf. Aber du weisst, dass Geduld nicht eben meine Stärke ist.“

Eine gute Dreiviertelstunde später sassen Leon und Nicole in einer gut gefüllten Pizzeria an der Kasernenstrasse in Bülach und studierten die Speisekarte.

„Und?“, fragte Nicole.

„Ich habe mich noch nicht entschieden. Ich tendiere zu Pizza.“

„Das meine ich nicht. Um was geht es in deinem neuen Fall?“

„Ich muss eine junge Frau finden.“

„Für den Alten?“

Leon nickte und lächelte.

„Du bist Privatdetektiv und kein Heiratsvermittler.“

„Ich suche nicht irgendeine Frau, sondern eine bestimmte. Eine, die Goldhahn bestohlen hat. Lavinia Manea.“

„Lavinia wie?“

„Manea.“

„Aus dem Ostblock?“

Leon nickte. „Aus Rumänien.“

„Was hat sie dem Alten gestohlen?“

„Eine knappe halbe Million“, flüsterte Leon.

Nicole pfiff leise. „Nicht schlecht.“

Der Kellner kam an den Tisch. Nicole schickte ihn nochmals fort. „Ich brauche noch einen Moment.“

Fünf Minuten später bestellte sie eine Tagessuppe und eine Pizza ai funghi. Leon entschied sich für einen gemischten Salat und eine Pizza Gorgonzola.

Nicole rümpfte die Nase. Sie konnte den Blauschimmelkäse nicht riechen. „Ich werde für diese Nacht aus unserem Schlafzimmer ausziehen.“ Sie verdrehte die Augen.

„So schlimm ist es jetzt auch wieder nicht.“

„Nein, noch viel schlimmer. Aber zurück zum Alten. Wie hat sie ihm das Geld gestohlen?“

„Aus seinem Haus.“

Nicole runzelte die Stirn. „Sag nur, der hatte eine halbe Million zuhause versteckt! Womöglich noch unter dem Kopfkissen.“

„Nicht so laut, Nicole. Die Nachbarstische müssen nichts davon mitbekommen.“

„So viel Geld zuhause zu horten ist Irrsinn“, flüsterte Nicole und schüttelte den Kopf.

„Schmuck und Geld.“

„Ist sie bei ihm eingebrochen? Wieso weiss er, wie sie heisst?“

„Sie hatte einen Hausschlüssel.“

„Sie hatte was?“

„Einen Hausschlüssel.“

„Ach so. Es gibt Männer, die haben das Hirn zwischen den Beinen!“

„Pst.“ Leon hob seinen Zeigefinger vor den Mund und schaute zum Nebentisch. Dort sass ein Mann reiferen Alters mit einer vielleicht zwanzigjährigen Frau. Die beiden sprachen angeregt miteinander. Der Mann schaute einen Moment zu Nicole. Hatte er mitbekommen, was sie soeben gesagt hatte? Egal. Nicole verstand das nicht. Die Zwanzigjährige hätte seine Tochter sein können.

„Ich hoffe, du wirst nicht mal so im Alter“, sagte Nicole und schaute Leon augenzwinkernd an.

„Habe ich das nötig? Ich habe ja dich.“

„Auch ich werde irgendwann älter und bekomme Runzeln.“

„Jede Runzel macht dich nur noch attraktiver.“

„Leon!“

Der Salat und die Suppe wurden aufgetischt. Wein wurde eingeschenkt. Für einige Minuten schwiegen die beiden. Nicole tunkte etwas Brot in die Suppe. Bevor sie die Köstlichkeit zum Mund führte, sagte sie: „Dieser Goldhahn ist nicht der schlauste. Hat der wirklich gedacht, Lavinia sei nur an seinen Stirnfalten interessiert?“

„Die Geschichte ist ihm ziemlich peinlich. Er liebt diese Frau immer noch. Er will sie zurück.“

„Er will sie zurück? Idiot!“

„Nicht so laut Nicole.“

„Der Typ ist hirnlos. Das Vermögen bewahrt man doch nicht im eigenen Häuschen auf.“

„Häuschen? Nicole, der Typ wohnt in einem Palast. Wir wohnen schön. Dieser Mann wohnt paradiesisch.“

„Pressiert denn dieser Fall so sehr? Oder wieso musst du morgen arbeiten?“

„Erstens ja und zweitens kriege ich gutes Geld dafür. Goldhahn hat mir ein dickes Couvert mitgegeben mit den Worten, er hoffe, dass dies für die erste Woche reiche.“

„Wie viel war im Couvert?“

„Fünf Ameisen.“

„Wow, Leon! Fünftausend Franken. Du, ich habe da heute in einem Schaufenster einen tollen Fingerring gesehen.“

Leon winkte ab. „In deiner Schatulle im Schlafzimmer liegen bereits mindestens ein Dutzend Ringe. Aber du trägst immer denselben.“

Am Nebentisch regte sich etwas. Die junge Frau stand auf, ging um den Tisch herum und gab dem alten Mann einen Kuss. Nicole sah Leon kopfschüttelnd an. Die junge Frau ging in Richtung Ausgang. Nach einigen Metern drehte sie sich nochmals um und sagte: „Tschüss Opa! Grüsse Oma recht herzlich von mir!“

3. Kapitel

Die Suche im Internet nach Lavinia brachte nichts. Leon wartete bei der Post Bülach auf Viola Casagrande. Damals in der Sekundarschule war sie der Schwarm aller heranwachsenden Knaben gewesen. Sie war die Klassenschönheit. Schwarze lange Haare. Rassige Kurven. Engelsgesicht. Schon an der Theateraufführung im Kindergarten kam keine andere in Frage. Nur sie konnte das Schneewittchen spielen.

Wie alle andern Jungs aus der Klasse hatte Leon immer wieder versucht, um ihre Gunst zu werben. Vergeblich. Viola liess sie alle abblitzen. Sie hatte es auf Ältere abgesehen. Auf solche,die schon Auto fuhren oder zumindest Geld verdienten. Sie war damals für alle Mitschüler unerreichbar. So eine Art Star. Leon hatte damals Fantasien, die einem katholischen Priester die Schamröte ins Gesicht getrieben hätte.

Schon in der Schule wusste Viola mit Papier und Malstiften umzugehen. Ihre Zeichnungen waren Kunstwerke. Im Zeugnis bekam sie stets Bestnoten dafür.

Leon hatte sie Jahre nicht mehr gesehen. Bis er vor einiger Zeit einen Bericht über sie in der regionalen Zeitung gelesen hatte. Viola stellte ihre Kunstwerke an einer Vernissage in Bülach aus. Sie hatte sich auf Portraits spezialisiert. Leon beschloss hinzugehen.

Viola war freudig überrascht, als sie ihren einstigen Klassenkameraden an der Vernissage erblickte. Sie tauschten die Nummern aus. Leon hatte feuchte Hände vor Aufregung, so wie früher, als er ihr zum Abschied die Hand schüttelte und einen zaghaften Kuss auf die Wange drückte. Aus dem schönen Mädchen war eine attraktive Frau geworden. Nur eines konnte Leon damals nicht begreifen. Er hatte sich sogar masslos darüber aufgeregt. Als sie ihm sagte, dass sie mit Hans Wedel verlobt sei, hätte Leon am liebsten laut herausgeschrien. Ausgerechnet mit dem „dicken Joe“, das konnte und wollte er nicht begreifen. Hans wurde in der Schule gehänselt. Seine Ernährung war nicht die gesündeste. Er war stark übergewichtig. Noch grösser als sein Bauch war seine Klappe. Daraus kam meist nur Bullshit. Hätte Leon zwei Wörter mit dem Begriff unsympathisch assoziieren müssen, es wären „Hans“ und „Wedel“ herausgekommen.

Leon hätte Viola etwas anderes gegönnt. Zum Beispiel sich selber.

Hör auf damit, Leon, hörte er sein schlechtes Gewissen sagen. Du hast Nicole. Nicole ist deine Prinzessin und keine andere. Vergiss diese Viola sofort wieder.

Endlich kam Viola um die Ecke. Schöner denn je. Braungebrannt. Als käme sie direkt von der Karibik. Sie stieg zu ihm in den Mustang. Sie fuhren los.

„Wow! Das ist ein Palast.“ Viola staunte, als sie und Leon vor dem Tor von Goldhahns Villa standen.

Fünf Minuten später nahm sie die Zeichnungsunterlagen aus ihrem Köfferchen. Goldhahn beschrieb ihr Lavinia Manea nach bester Erinnerung. Er hatte sich nicht nur ihre Kurven, sondern auch ihr Gesicht sehr gut eingeprägt. Nach einigen Minuten begann Viola ein Phantombild zu zeichnen. Leon beobachtete sie dabei. Sanft hielt sie den Stift in ihrer rechten Hand und glitt damit über das Papier. Ihren Mund formte sie dabei zu einem Kuss. Sie machte Strich für Strich. Leon konnte das Gekritzel nicht deuten. Er dachte schon, ob das wohl gut kam. Doch immer mehr verwandelte sich das Undefinierbare in das Gesicht einer wunderschönen jungen Frau. In das Gesicht von Lavinia Manea.

Eine Stunde später war das Bild fertig. Goldhahn war zufrieden mit Violas Arbeit. „Sehr gut getroffen. Das ist sie, wie sie leibt und lebt.“

Leon begutachtete das Bild nochmals. Schwarz gelockte, längere Haare. Feine kleine Nase. Sehr ausgeprägte Wangenknochen. Grosser Kussmund mit sinnlichen Lippen. Schwarze grosse Augen und lange Wimpern.

„Eine Romni“, bemerkte Leon.

Goldhahn nickte.

„Ich werde sie finden.“

„Das hoffe ich. Herr Bevilacqua, ich will diese Frau zurück.“

4. Kapitel

Es war Montagmorgen, kurz nach zehn Uhr. Ein Bilderbuchtag. Kaiserwetter.

„Schwesterherz, schön kommst du mich besuchen“, sagte Ionel.Der Zweiundzwanzigjährige sass mit Lavinia zusammen an einem alten Holztisch im Besucherraum des Gefängnisses.

„Ist doch selbstverständlich, Bruderherz. Wann lassen sie dich raus?“

„Mein Flug nach Bukarest geht übermorgen. Bald kann ich wieder ungesiebte Luft einatmen. Endlich geht’s nach Hause.“ Ionel strahlte wie ein Honigkuchenpferd.

Er sass wegen mehrfachem Diebstahl eine Gefängnisstrafe ab. Nicht die erste. Er sass bereits das zweite Mal in der Schweiz im Knast. Auch mit Gefängnissen in Deutschland und Frankreich hatte er schon Bekanntschaft geschlossen. Die schlimmste Zeit seines Lebens verbrachte er in Rumänien hinter Gitter. Dort hauste er mit neun andern Kriminellen zusammen in einer Zelle. Selbst im Gefängnis wurde er immer wieder bestohlen. Einmal musste er gar um sein Leben fürchten, als ihm ein anderer Gefangener mit einem spitzen Gegenstand die Kehle aufschlitzen wollte. Für eine Schachtel Zigaretten wollte der Kerl morden.

Mit dem Knastleben in der Schweiz hatte Ionel Frieden geschlossen. Hier verdiente er sogar etwas Geld. Klar, nicht so viel wie bei seinen Beutezügen durch Zürich. Aber es reichte zum Überleben. Er konnte sich Zigaretten und Süssigkeiten kaufen. Am Ende der Haft sollten einige hundert Franken übrigbleiben für den Start in Rumänien.

„Wann gehst du zurück nach Rumänien?“

„Gar nicht.“

Ionel schaute sie fragend an.

„Ich bleibe in der Schweiz. Hier habe ich ein gutes Leben. Der Rubel rollt.“

„Was hast du angestellt?“, fragte Ionel lachend.

„Ich habe einen Sugardaddy. Oder besser gesagt, ich hatte einen.“

„Hat er eine Schönere gefunden? Unmöglich.“

„Ich bin mit seinen Moneten abgehauen. Der Typ ist stink-reich.“

„Wie viel hast du abgestaubt?“

„Über Hunderttausend an Bargeld. Und aus dem Schmuck hole ich bestimmt nochmals Zweihunderttausend raus.“

„Redest du von Schweizer Franken?“

„Logo, mein Bruder. Ich rede von Alpendollars.“

„Schwesterherz, das heisst, wir müssen nie mehr arbeiten. Das reicht für die ganze Familie bis ans Lebensende.“

„Ionel, habe ich da was verpasst? Du hast schon mal gearbeitet?“

Beide lachten.

Ionel schaute Lavinia tief in die schwarzen Augen. „Flieg übermorgen mit mir zurück nach Rumänien. Dann beginnt ein besseres Leben für uns. Wir lassen für uns und unsere Eltern eine Villa bauen.“

„Nein Ionel, mich bringen keine zehn Pferde zurück nach Aninoasa.“

„Es ist deine Pflicht, unseren Eltern zu helfen.“

„Meine Mutter ist für mich gestorben!“

„Sie hat dich geboren!“

„Ja, sie hat mich geboren. Mehr nicht.“

„Sie ist deine Mutter.“

„Leider! Dank ihr habe ich heute noch Albträume. Sie ist eine Rabenmutter! Ein Biest!“

„Verzeih ihr.“

„Nie! Nie im Leben!“

„Flieg übermorgen mit mir nach Rumänien.“

„Rumänien? Was ist das? Kann man das essen?“ Lavinia lachte trocken.

„Du fliegst mit mir heim.“

„Ich bleibe in der Schweiz. Ich setze nie mehr ein Bein auf rumänischen Boden.“

„Schwesterherz! Bleib vernünftig.“

„Ich bleibe hier!“

„Ești o Curvă!“

„Du Penner! Du Vollidiot!“

„Du Missgeburt des Teufels!”

Lavinia wollte Ionel an die Gurgel. Ein Angestellter des Gefängnisses konnte sie mit Mühe und Not davon abhalten. Der Besuch wurde abgebrochen. Sie bekam Hausverbot.

„Bald bist du meine kleine tote Schwester! Ich werde dich finden!”, rief ihr Ionel nach, als sie vom Uniformierten aus dem Besucherraum geführt wurde.

***

Am Montagnachmittag gegen halb drei Uhr stand Leon vor dem Hauptgebäude der Universität Zürich an der Rämistrasse. Auf dem Vorplatz tummelten sich etwa zwei Dutzend junge Erwachsene. Wo beginnen mit der Suche? Es war nicht einfach. Leon ging auf zwei junge Frauen zu. Sie standen auf den Stufen vor den Haupteingängen und malträtierten ihre Handys.

„Entschuldigung.”

„Ja?”, sagten beide gleichzeitig und schauten auf.

Leon nahm eine Kopie von Viola Casagrandes angefertigter Zeichnung aus der Jackentasche und hielt sie den beiden vor die Augen. „Kennt ihr diese Frau?”