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Die Eifel. Vor 50 Jahren fanden hier in einem beliebten Landgasthaus sieben schreckliche Morde statt. Nun kommen fünf Urban Explorer an diesen Lost Place und entdecken einen geheimen Raum. Gut versteckt finden sie darin Tagebücher. Mit Auffinden eben dieser Tagebücher erscheinen auch zwielichtige Personen an diesem Ort und schrecken vor Gewalt nicht zurück. Warum soll das Bekanntwerden der alten Tagebücher verhindert werden? Haben sie etwa mit den Morden vor 50 Jahren zu tun? In diesem Buch trifft Mystery auf Crime. Der Leser ist mitten im Geschehen und muss unbedingt mit Gänsehaut und Gruselmomenten rechnen.
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Seitenzahl: 287
Veröffentlichungsjahr: 2025
G.A. Rothhausen begeisterte schon viele Leser mit ihren Mystery-Thrillern WATCH ME SCREAM, CREEPY CHECK-IN und WATCH ME SCREAM-LOUDER. BLUTROTE SOMMERLIEBE vereint Crime mit Mystery und führt an einen geheimnisvollen Ort. Mehrere Aufenthalte in der Eifel inspirierten sie zu diesem packenden Mystery Krimi, der dort spielt.
Für alle, die das Gefühl der einzigen, der großen Liebe kennenlernen durften. Lieben und geliebt zu werden, das macht unbesiegbar.
G.A. Rothhausen
BLUTROTE SOMMERLIEBE
Mystery Krimi
Eine irre Idee
Die Dorfkneipe
Die Begegnung
Auf ein Neues!
Ein Keller mit Fragen
Nur ein alter Karton
Geheime Tagebücher
Besuch
Onkel Heiner
Nachtwanderung
Begegnungen
Was nun?
Das Foto
Der Anruf
Stimmen aus dem Jenseits?
Stumme Beobachter
Erinnerungen
Begegnung im Dunkeln
Mitternacht
Der Morgen danach
Neue Pläne schmieden
Ein wunderschöner Sommertag
Heiner
Die Nacht, die alles änderte
Werner
Ein Jahr später
Den Text mit der Schlagzeile „Horror-Morde im Waldgasthaus“ legte er ganz nach oben, sie sollten sie direkt sehen können. Diese großen Buchstaben mussten sofort ins Auge fallen, sie konnten die Schnipsel gar nicht übersehen! Peter trat zwei Schritte zurück, besah sich seinen vorbereiteten Tisch und lächelte dann zufrieden. Gut so, sie konnten kommen! Ganz schnell holte Peter noch die Schüsseln mit den Chips und Flips aus seiner Küche, da klingelte schon sein erster Gast. Mist, eigentlich wollte er noch Kerzen aufgestellt haben … zu spät! Mit großen Schritten ging er zur Türe und öffnete sie.
„Hey, was geht ab? Steht ein neues Projekt an?“, begrüßte ihn sein Kumpel Marc, als er die Türe öffnete.
Peter grinste. „Besser!“, raunte er geheimnisvoll, wollte aber noch nicht mehr verraten.
Beide betraten das Wohnzimmer und Marc sah sich neugierig um. Natürlich fiel sein Blick auf die alten Zeitungsartikel. Er ging auf den Tisch zu, sah genauer hin. Seine Neugier war geweckt, er nahm einen Schnipsel in die Hand und las ihn aufmerksam.
Da klingelte es erneut. Peter, der Marc grinsend beobachtet hatte, eilte wieder an die Türe.
„Hallo!“ Mia strahlte ihn an und schüttelte ihr rotes, lockiges Haar. Durch ihr beinahe blutrotes Haar fiel sie gleich auf, egal, wo sie auftauchte. Sie hielt Peter ihren Sturzhelm hin. „Tust du den bitte irgendwo hin?“ Sie fuhr leidenschaftlich gerne mit ihrem Roller, war richtig stolz auf dieses alte Schätzchen aus den 50er Jahren, das ihr Vater ihr vermacht hatte.
Sie trat ebenfalls ins Wohnzimmer, sah Marc an, nickte stumm zur Begrüßung. Auch ihr Blick fiel sofort auf die Papierschnipsel auf dem Tisch. Sie drehte sich zu Peter um. „Ein neues Projekt?“ Sie strahlte und ihre Augen leuchteten aufgeregt.
Es klingelte schon wieder und Peter verdrehte die Augen. Er öffnete erneut seine Wohnungstüre und sah Elisabeth. Er umarmte sie herzlich. Hinter ihr kam Mike die Treppen herauf gelaufen.
„Gut!“, freute Peter sich. „Wir sind komplett, ich kann also beginnen!“
Ja, sie waren komplett. Vor ein paar Jahren hatten sich die jungen Leute im Internet kennengelernt. Sie verband ein gemeinsames Hobby, das Aufsuchen und Untersuchen sogenannter Lost Places. Zuerst trafen sie sich sporadisch, um Escape-Games zu spielen. Später machten sie regelmäßig Touren zu verlassenen Gebäuden, untersuchten sie und machten Fotos, die sie auf einem gemeinsamen Account auf Social Media teilten. Schon bald hatten sie eine beachtliche Zahl von Followern.
Seit Elisabeth, genannt „Spooky“ dabei war, suchten sie überwiegend Gebäude mit gruseligem Hintergrund auf. Elisabeth behauptete, sie könne fremde Energien spüren, mit Verstorbenen sprechen und Stimmen hören. Bewiesen hatte sie es bisher noch nicht, aber das war auch nicht wichtig.
Die Gruppe traf sich immer hier bei Peter, in seiner 2-Zimmer-Wohnung, um neue Projekte zu besprechen und zu planen. Und darum nahm auch diesmal jeder wie gewohnt Platz und sah gespannt zu ihm hin.
„Okay, Peter, schieß los! Wohin geht es diesmal? Aber denk dran, ich habe nicht mehr viele Urlaubstage übrig!“ Mike eröffnete die Runde und griff dabei beherzt in die Schüssel mit den Chips.
Elisabeth fragte nach Sprudelwasser. Sie trank bei solchen Meetings grundsätzlich nur Wasser. Peter wusste das natürlich und hatte immer eine Flasche für sie im Kühlschrank.
„In der Küche, hol es dir ruhig!“, antwortete er und wartete, bis sie wieder zurück war. „Nun, es geht diesmal nicht um ein neues Projekt … also eigentlich doch. Naja, ich fange mal ganz vorne an. Ich war vor drei Wochen mit einem Cousin wandern, nicht weit von hier, ungefähr zwei Stunden Fahrzeit mit dem Auto, in der Eifel. Ja, genau, Marc, in der Nähe von Daun. Dort gibt es einen Wald, den „Stimmenwald“, so nennen die Einheimischen ihn. Auf dieser Wanderung kamen wir an einem verlassenen alten Landgasthaus vorbei. Man, das war ganz schön runtergerockt! Am liebsten wäre ich sofort da rein gelaufen, aber mein Cousin wollte weiter. Wir fanden in einem Dorf, nicht weit weg vom Wald, eine alte Kneipe. Dort wollten wir kurz etwas trinken. Ein paar Dorfbewohner saßen dort, tranken ihr Bier und musterten uns skeptisch. Ihr kennt mich, ich musste sie fragen, warum dieses Gebäude am Waldrand verlassen wurde, welche Geschichte dahinter steckt.“
Elisabeth unterbrach ihn. „Und?“
Peter räusperte sich. „Nun, die Geschichte dahinter hat mit diesen Schlagzeilen auf meinem Wohnzimmertisch zu tun!“ Er machte eine effektvolle Pause und beobachtete die anderen.
Mia griff sich einen Zeitungsartikel. „Mit Mord? Cool! Also, nein, nicht cool … aber interessant!“
„Erzähl weiter!“, drängte Marc.
Peter nickte kurz und sah alle der Reihe nach an. „Also … Das Landgasthaus wurde in den 1970er Jahren verlassen. Es hatte dort eine unheimliche Mordnacht gegeben, es wurden sieben Menschen brutal und bestialisch abgeschlachtet! Und es wurde nie der Täter gefunden! Der Besitzer und zugleich Betreiber des Gasthauses wurde beschuldigt, aber man konnte ihm nichts nachweisen. Die Leute des Dorfes setzten ihm so sehr zu, dass er nur wenige Wochen nach dieser grausamen Tat Selbstmord beging. Das Gasthaus wurde entfernten Verwandten vererbt, die kein Interesse an diesem Gebäude hatten. Da es sich ebenfalls nicht verkaufen ließ, gammelt es nun seit dieser Zeit vor sich hin. Keiner will es haben! Bis jetzt!“
Mike lachte. Dann sah er Peter grinsend an. „Was heißt das, bis jetzt? Sag nicht … du? Du bist doch nicht irre geworden, oder?“
Alle lachten zusammen, nur Peter nicht. Das schien seine Gäste unsicher zu machen.
Marc rutschte unruhig im Sessel hin und her. „Erzähl mal weiter!“
Peter erhob sich. „Eine Idee hatte ich, eine unheimlich geile Idee! Stellt euch vor: Ein kleines Hotel mit 70er Charme, nur ein paar wenige Zimmer zur Übernachtung, der Rest besteht aus irren und unheimlichen Escape-Rooms. Und … der Aufenthalt wird so gruselig wie möglich gestaltet! Du zahlst für ein Wochenende voll Angst, Panik und Grusel! Hey, wir kennen die Community dafür! Wir könnten uns damit selbständig machen!“
Mike erhob sich nun. „Moment, Moment! Was würde so etwas kosten? Bestimmt würde das Unmengen verschlingen! Hast du im Lotto gewonnen? Also, ich bin skeptisch!“
Peter sah seine Gäste beschwörend an, seine Stimme klang aufgeregt. „Ich habe Kontakt mit dem jetzigen Besitzer geknüpft. Wisst ihr, was er haben möchte? Ratet ihr nie! Für 10.000 Euro verkauft er das Haus mit Grundstück!“
Mia verzog ihr Gesicht. „Und was muss investiert werden? Überleg mal, was das alles kostet! Heizung, neue Rohre, Technik für Special Effects … Ich weiß nicht, Peter!“
Elisabeth schien in sich gekehrt zu sein, sah nachdenklich aus. „Und was ist mit den Ermordeten? Was, wenn diese Seelen dort immer noch herum spuken?“
Peter grinste böse. „Eben! Das wäre doch das i-Tüpfelchen! Und darum fahren wir hin und sehen es uns wenigstens einmal an!“ Er ging zu seiner Schlafzimmertüre, öffnete sie und zeigte hinein.
Seine vier Gäste traten näher und sahen ins Zimmer. Dort standen fünf gepackte Rucksäcke, samt Schlafsäcken, Vorräte und einem Camping-Kocher.
Überrascht und erstaunt sahen sie sich alle an.
„Wir fahren nächstes Wochenende hin! Ihr seht, Ausrüstung habe ich besorgt, Essen kochen können wir auf dem kleinen Kocher, schlafen tun wir im Schlafsack! Kommt schon, wo ist euer Entdeckergeist! Sagt einfach ja!“
Marc grinste jungenhaft und zwinkerte den anderen zu. „Also, ich bin dabei! Es wird zumindest ein aufregendes Wochenende!“
Mia sah Mike vorsichtig an. „Was meinst du dazu? Hinfahren bedeutet ja noch nicht, der Sache zuzustimmen.“
Mike nickte stumm und seufzte leise. „Okay, ich bin auch dabei.“
Elisabeth hielt sich mit ihrer Meinung zurück, darum sprach Peter sie gezielt an. „Komm, Spooky, du auch, oder?“
„Ich habe zwar ein ganz ungutes Gefühl dabei, aber ja, ich komme auch mit!“, erklärte sie schließlich mit leiser Stimme.
Marc klatschte in seine Hände, rieb sie lächelnd aneinander. „Wann soll es losgehen? Noch ist gutes Wetter. Ihr wisst, es ist Herbst, da kann es schnell nass und kalt werden!“
Peter nickte heftig. „Eben und darum dachte ich, wir fahren nächstes Wochenende los, was meint ihr? Ich kann den großen Wagen von meinem Vater leihen, da kriegen wir alles bequem rein. Seid ihr damit einverstanden?“
Sie checkten ihre privaten und beruflichen Termine in ihren Handys, dann sagten sie der Reihe nach zu. Es stand also fest, in zwei Tagen würden sie losfahren und das Landgasthaus aufsuchen und ansehen.
Die jungen Leute unterhielten sich noch einige Minuten über dies und das, dann verabschiedete sich einer nach dem anderen von Peter.
Mia stand auf der Straße und zog gerade ihren Sturzhelm auf, als Marc zu ihr trat. Sie sah ihn mit ihren großen Augen an und Marc wurde verlegen.
„Alles okay?“, fragte er unsicher.
Sie zuckte mit ihren Schultern. „Klar, wieso nicht?“ Es klang ein wenig schnippisch.
Marc atmete tief ein und sah die belebte Straße entlang. „Du hast es den anderen auch nicht erzählt, oder?“, fragte er schließlich und sah Mia wieder an.
Sie schüttelte ihren Kopf. „Nein, warum auch? Das geht ja nur uns an, oder? Du, ich will nach Hause, ich bin müde. Wir sehen uns am Freitag. Tschüss!“ Sie startete ihren Roller und fuhr ab.
Marc sah ihr resignierend hinterher. Die Beiden verband eine kurze, zusammen verbrachte Nacht mit bitterem Erwachen. Sie hatten sich eigentlich zufällig in einer Bar getroffen, vor vier Wochen, es war keine Verabredung gewesen. Nach etlichen Tequilas waren sie zusammen zu Mias Wohnung gefahren und dort war es dann einfach geschehen. Am nächsten Morgen bereuten sie es beide, Marc war beinahe aus der Wohnung geflüchtet, so unangenehm war ihm die ganze Sache gewesen. Obwohl … Obwohl er eigentlich in sie verliebt war. Sie hatten sich seither nicht mehr gesehen, bis heute.
Er seufzte, trat gegen einen kleinen Stein vor ihm und machte sich auf den Heimweg.
Peter räumte inzwischen die Zeitungsausschnitte wieder zusammen. Das war also schon einmal gut gelaufen. Jetzt musste er die Anderen vor Ort nur noch von seiner Idee begeistern! Das würde er schon hinbekommen. Er dachte kurz an Spooky, ihre Bedenken. Ach was, verstorbene Seelen, Geister, nein, noch nie hatten sie etwas in dieser Richtung erlebt, warum sollte das diesmal so sein? Er stellte die Spülmaschine an und begab sich ins Bad, um zu duschen. Da vibrierte sein Handy auf dem Wohnzimmertisch.
Er ging müde hin, nahm es in die Hand. Erstaunt öffnete er die Nachricht von Elisabeth.
HI PETER!
ICH HABE GROSSE ANGST. DA IST EIN SELTSAMES GEFÜHL IN MIR. HALTET MICH FÜR IRRE, ABER ES WIRD ETWAS GESCHEHEN! GLAUBE MIR!
Peter dachte kurz nach. Sollte er ihr antworten? Aber, was sollte er ihr antworten? Nein, er legte das Handy einfach wieder ab und ging nun endlich unter die Dusche.
Und so wartete Elisabeth vergeblich auf seine Antwort. Sie war schon zu Hause, stand wartend an ihrem Fenster und sah hinaus auf die Straße vor ihrem Mietshaus. Sie war aufgewühlt, fühlte sich unruhig und unwohl. Sollte sie absagen, die anderen alleine losziehen lassen am Freitag? Nein, besser, sie war dabei und konnte im Notfall helfen. Im Notfall? Ja, sie erwartete irgendetwas Schlimmes, sie fühlte es. Ihr ganzer Körper warnte sie, sie zitterte beim Gedanken daran, dieses Landgasthaus aufzusuchen. Sie sah die ersten Regentropfen auf ihrer Fensterscheibe und wandte sich ab, seufzend. Dann ging auch sie ins Bett. Mit ungutem Gefühl.
Peter hatte die Rucksäcke schon in den Kofferraum gelegt. Mike und Marc brachten gerade die Schlafsäcke und die ganzen Vorräte, den Kocher und die Gasflasche herunter und luden sie ein.
Mia und Spooky standen neben dem Auto und unterhielten sich leise. „Ich habe es nun schon allen erzählt, irgendetwas beunruhigt mich an diesem Ausflug!“, betonte Spooky, ein klein wenig lauter.
„Ach, komm schon! Was soll denn passieren? Wir sind fünf Leute, es wird nichts geschehen, okay?“, versuchte Mia ihre Bekannte zu beruhigen.
„Das Auto ist gepackt, bitte alle einsteigen!“, rief Peter ihnen zu und stieg in den Wagen auf den Fahrersitz.
Neben ihm saß Mike, der sehr müde war und gähnte. Elisabeth setzte sich auf die Rückbank, rutschte in die Mitte. Marc nahm rechts von ihr Platz, Mia links.
Peter startete und los ging die Fahrt. Sie hatten heute alle gearbeitet, aber früher gehen können. Nun war es gegen 14.00 Uhr und die nächsten beiden Stunden würden sie im Auto zusammen verbringen.
„Wie war euer Tag?“, fragte Mike über seine Schulter gewandt die drei auf dem Rücksitz. „Meiner war einfach Mist! Manche Kunden nerven einfach! Dann wieder ein Diebstahl und meine Praktikanten … Ach, ich höre lieber auf!“ Mike war Filialleiter in einem Supermarkt. Und richtig gerne war er es nicht mehr, manchmal hasste er seine Arbeit richtig.
Mia grinste. „In der Praxis war es heute entspannt, alle waren friedlich!“
Peter sah Mia über den Rückspiegel an. „Wie, kein Notfall heute? Kein Herzinfarkt, gar nichts? Und du Marc, musstest du ein Event absagen?“
Marc hob seine Hände. „Um Gottes willen, nein! Dann wäre ich eher zu Hause geblieben, ich brauche die Kohle, das weißt du doch! Also nein, dieses Wochenende kein Event!“ Marc war selbständig. Er legte als DJ auf Hochzeiten und Feiern aller Art Musik auf und manchmal auch auf Stadtfesten. Man kannte inzwischen seinen Namen, regional nur, aber immerhin. Er konnte davon leben und war stolz darauf, sein eigener Chef zu sein.
Es war Herbst, sie fuhren nun aus der Stadt heraus, in bergiges Land und alles sah sehr trist aus. Die Sonne schien nicht, Nebel hing über den Feldern und ließ alles grau aussehen. Hin und wieder durchfuhren sie kleine Dörfer, die wie verlassen aussahen. Zwischen den mit Schiefer gedeckten Häusern sah man keine Menschenseele.
„Nette Gegend!“, bemerkte Mike belustigt bei einem Blick durch das Fenster.
„Im Sommer ist es hier richtig schön, wirklich!“, entgegnete Peter und alle lachten ihn aus. Aber er meinte es ernst, er wanderte gerne und bevorzugt durch die Eifel.
„Was du schon schön nennst!“, meinte Marc und lachte wieder.
„Wie lange dauert es noch?“, wollte Elisabeth wissen. Sie sah irgendwie blass aus. Ihr Gesicht verriet Anspannung.
Peter schaute kurz auf die Uhr und auf das Navigationsgerät. „Wir werden in 35 Minuten da sein!“, antwortete er.
Tatsächlich waren sie 40 Minuten später in eine kleine Ortschaft gefahren. Peter steuerte eine rustikal aussehende Kneipe an und hielt auf deren Parkplatz. Alle stiegen aus und sahen sich neugierig um.
„Okay, das hier ist die Dorfkneipe, von der ich euch erzählt habe! Ich schlage vor, wir essen hier noch etwas Warmes und gehen dann los.“ Peter drehte sich um und wies in eine Richtung. „Dort hinten, das ist der Wald! Etwa 20 Minuten gehen wir, dann sind wir da. Aber erst mal … etwas essen!“
Sie betraten nacheinander die alte Wirtschaft und sahen zuerst eine alte Frau hinter der Theke stehen, die sie mit finsterem Gesicht musterte. An einem Holztisch saßen drei ältere Männer, spielten Karten und sahen auch kurz auf. Die Einrichtung sah rustikal aus. Im Ganzen machte der Raum aber einen sauberen Eindruck.
„Hallo!“, begrüßte Peter die Frau. „Ich war zuletzt schon einmal hier, mit meinem Cousin. Ich habe mich damals hauptsächlich mit ihrem Mann unterhalten.“
Die Frau sah ihn ohne eine Regung an. „Das war nicht mein Mann. Der Wirt ist mein Bruder, ich bin nicht verheiratet.“ Sie verzog keine einzige Miene.
„Oh“, meinte Peter, peinlich berührt. „Ist er heute auch da?“
Die Frau schüttelte ihren Kopf. „Nee, der ist jagen. Wollen sie alle etwas trinken?“
Peter sah zurück zu seinen Freunden, dann wieder zur Frau vor ihm. „Ja, gerne, können wir auch was essen?“
Sie entschieden sich alle für Kartoffelsalat und Frikadellen, denn etwas anderes gab es hier gerade nicht. Sie setzten sich an einen nahestehenden Tisch.
„Auf Gäste sind die nicht so eingestellt, oder?“, raunte Mia grinsend.
„Doch, auf Wanderer, hauptsächlich.“, antwortete Peter und drehte sich zu den Männern im Raum um, die Karten spielten. „Guten Tag! Sie sehen aus, als ob sie von hier sind! Können sie uns etwas vom Stimmenwald erzählen?“
Ein weißhaariger Mann sah Peter eindringlich an. „Was willst du denn im Stimmenwald, Junge?“, fragte er mit krächzender Stimme.
Peter drehte sich dem Mann zu. „Wir gehen dort wandern und dann interessieren wir uns für das alte Landgasthaus am Waldrand!“
„Für die olle Kaschemme?“, wollte die alte Frau hinter der Theke wissen und zog ihre Augenbrauen in die Höhe.
Der Weißhaarige legte seine Karten nieder. „Ach, ihr jungen Leute wollt wandern? Ich dachte, ihr spielt nur noch am Handy und seid immer am Feiern! Was wollt ihr denn von dem Gasthaus? Da ist doch nichts mehr! Schon ewig nichts mehr!“
„Das ist auch besser so!“, mischte sich nun ein anderer älterer Mann mit Glatze ein.
„Wieso?“, hakte Elisabeth mit zittriger Stimme nach.
Der Glatzköpfige sah sie lange durch seine dicke Brille an, bevor er antwortete. „Weil es da draußen spukt! Da haben immer nur Irre gewohnt! Getroffen haben sie sich da, früher, und Partys im Wald am Stein gefeiert! Und dann, in einer einzigen Nacht, ist einer durchgedreht und hat bestimmt 20 Leute abgeschlachtet! Jawohl!“
„In der Zeitung stand was von sieben Toten.“, bemerkte Peter und erntete dafür einen bösen Blick.
„Ist doch völlig egal! Niedergemetzelt hat er sie! Im Drogenrausch!“, rief der Glatzköpfige aufgebracht.
„Drogen?“, horchte Marc auf.
Die alte Frau sah ihn skeptisch an. „Ach, da kamen immer so Hippies, damals! Reiche Kinder von reichen Eltern, die nicht wussten, wohin mit der ganzen Kohle! Und hier, beim Paul, trafen sie sich dann regelmäßig. Feierten da am Stein im Wald und liefen nackend durch die Gegend, meine Mutter hat das selbst gesehen!“
„An welchem Stein?“, wollte Elisabeth wissen.
„Da steht ein großer Stein im Wald mit so Zeichen drauf, die Leute erzählten damals, die Zeichen hätte eine Hexe da rein gemeißelt. Da feierten die ihre Orgien mit Hasch und so!“, ereiferte sich die Alte jetzt.
„Interessant!“, rief Mia aus.
„Interessant?“, meinte der Glatzköpfige. „Kind, du weißt nicht, was du da sagst! Eine ruchlose Gesellschaft war das! Ich werde nie begreifen, warum der Paul die hierher geholt hat! Aber dann hat er ja die Strafe dafür gekriegt!“
Peter zog seine Stirn kraus. „Paul war der Betreiber damals?“
Der mit der Glatze nickte. „Jawohl! Er war kein Einheimischer, vielleicht darum! Er hat sein Geld mit den falschen Leuten verdient! Und ich glaube heute noch, er hat die Morde begangen! Jawohl … Weil er das Gesindel nicht mehr ertragen konnte! Oder weil sie ihm auch Drogen gegeben haben! So muss es gewesen sein!“
Elisabeth wurde immer blasser. Selbst ihre geschminkten Lippen wirkten farblos. „Aber man konnte ihm nichts nachweisen, oder?“, fragte sie leise.
Die Alte sah sie grinsend an. „Paul war an dem Abend in der Stadt, hatte dort eine Verabredung! Hieß es!“
Peter hakte nach. „Aber … glaubte man ihm das nicht? Die Polizei hat das doch nachgeprüft!“
Keiner antwortete ihm auf seine Frage. Die Alte drehte sich weg und ging in die Küche hinter der Theke, die alten Männer spielten weiter Karten.
„Seltsame Leute!“, raunte Mia den anderen zu.
„Komm, lass uns zahlen und dann gehen wir los!“, bestimmte Mike und erhob sich bereits.
Als sie zum Auto gingen, wurde es schon langsam dunkel. Auch war es ganz schön kalt geworden.
„Lasst uns schnell losgehen, bevor wir gar nichts mehr erkennen. Haben wir die Strahler und Taschenlampen dabei?“, fragte Mike besorgt.
Peter, der die Richtung ungefähr kannte, führte sie an. Gott sei Dank hatten sie gutes Schuhwerk an, es gab keinen befestigten Weg und es war noch ein gutes Stück zu gehen. Sie liefen am Waldrand entlang und oft mussten sie durch Matsch gehen und Mike fluchte, weil seine Jeans am Saum schon ganz nass war. Es begann leicht zu nieseln. Sie zogen alle ihre Kapuzen über und bald hörte man nur noch die Regentropfen, die auf Blätter klatschten und Marc, dessen Nase unaufhörlich lief.
An einer Stelle, an der sehr viele Brennnesseln wuchsen, hielt Peter an und sah sich kurz um. „Okay, also dort drüben müsste jetzt die alte Einfahrt langsam zu sehen sein!“
Und richtig, nur ein Stück weiter sah man so etwas wie einen Weg, der in den Wald hinein führte. Es wurde immer dunkler. Der Regen ließ wieder nach und dann, dann standen sie endlich davor!
Ein zweistöckiges Gebäude, wohl einmal weiß gestrichen, nun schmutzig braun und überall zugewuchert. Drumherum ein kleiner Jägerzaun, an manchen Stellen lag er im hohen Gebüsch. Durch ein Tor kam man auf den Weg, der zum Eingang führte. Am Torbogen stand ein nun schiefer Pfosten, daran ein verrosteter Kasten mit zerbrochener Scheibe darin. Früher war wohl die Speisekarte hier zu sehen, nun wohnte eine Spinne im Inneren und wartete auf Beute. Durch das Efeu, das am Gebäude hochkletterte, sah man noch den verblassten Schriftzug auf der Mauer, „Zur Waldhexe“.
„Grandioser Name.“, sagte Mike gelangweilt. „Also das ist das Gebäude, das dich so heiß gemacht hat?“ Er sah Peter verständnislos an.
Peter wiederrum war fassungslos. „Ja! Ja, natürlich! Seht ihr denn nicht das Potenzial in so einem Haus? Guckt doch mal genau hin!“
Marc hüstelte. „Also Peter, ich habe mir das auch spektakulärer vorgestellt! Das hier ist doch nur ein alter Gasthof. Aber nichts für Ungut, es gab hier Morde, also schauen wir es uns mal von Innen an. Übernachten müssen wir ja nun eh hier!“ Seine Enttäuschung war ihm gut anzusehen.
Elisabeth griff nach Mias Arm, hielt sich daran fest. „Ich will da nicht hinein! Hier ist etwas Unheimliches! Ich fühle es, bitte, lasst uns zurückgehen!“
„Spooky, bitte! Wir wollten das Haus sehen, wir wollten hier nachforschen, nun machen wir das auch! Wenigstens Fotos müssen wir machen für unseren Account. Komm schon, wir sind doch bei dir!“ Beruhigend sprach Mia auf Elisabeth ein, deren Augen weit aufgerissen waren.
„Los, kommt!“, rief Peter voller Elan. „Gehen wir in das Gebäude, gehen wir in das Haus der Horror-Morde!“
„Wo steigen wir ein?“, fragte Mike verschwörerisch, nun mit mehr Interesse.
„Einsteigen?“ Peter sah belustigt aus, grinste breit. „Schon vergessen? Ich habe den Besitzer kontaktiert! Ich bin Kaufinteressent und habe ganz offiziell den Schlüssel zum Gebäude!“
„Wow, das ist ja mal was ganz Neues!“ Marc lachte.
Auch Mia musste lächeln. Elisabeth hing immer noch ängstlich an ihrem Arm, sah verunsichert aus.
Peter zog einen Schlüssel aus seiner Jacke und ging voran, suchte nach dem Eingang, der zugewachsen war. Mit seinen Händen entfernte Peter rankende Pflanzen und einen kleinen Busch. Dann öffnete er mit lautem Quietschen die Türe.
„Puh, da müsste dringend gelüftet werden!“ Er lachte und winkte alle zu sich heran. Neugierig kamen sie näher.
Sie betraten einen kleinen Vorraum, mit grünem Teppichboden ausgelegt. Es roch entsetzlich muffig, Spinnweben hingen schmutzig von der Decke herunter.
„Wir brauchen die Taschenlampen!“, bemerkte Mike. Es war nun wirklich zu dunkel, man erkannte kaum etwas in diesem Raum.
Peter verteilte die Lampen aus seinem Rucksack, alle schalteten sie ein und leuchteten in jede Richtung.
„Also hier geht es zur Anmeldung!“, stellte Marc fest und wies mit dem Finger auf ein Schild aus Holz mit der Aufschrift „Anmeldung“, das an einer Wand hing.
Mia ließ ihre Taschenlampe an einer Wand entlang laufen. Sie sah mit Abscheu auf die ganzen ausgestopften Tiere, die dort stumm und unheimlich aussehend hingen. „Mein Gott, seht euch diese ganzen toten Tiere an! Widerlich!“ Da hingen mehrere Geweihe, Falken, ein Wiesel. Sie warfen unheimliche Schatten an die Wand.
Marc trat zu ihr, beleuchtete einen vollgestaubten Marder, der ihnen gegenüber an der holzvertäfelten Wand hing. „Mein Fall ist das auch nicht, aber damals fanden die das vielleicht schick?!“
Elisabeth ging vorsichtig einige Schritte weiter, leuchtete den Weg vor ihr dabei gründlich aus. „Seht ihr den ganzen Unrat hier am Boden? Sind das da Mäuseköttel? Ich kotz gleich … Peter, wo sollen wir denn hier schlafen?“
Peter stand etwas unsicher wirkend hinter ihr, sah ebenfalls den ganzen Dreck auf dem Boden.
„Peter komm mal, die alten Möbel sind echt abgefahren!“, rief Mike, der schon weiter, Richtung Anmeldung, gegangen war.
Seine Freunde folgten ihm. Im Lichtschein der Taschenlampen wurden eine alte Theke aus Holz und zwei Ledersessel sichtbar. Auf einem niedrigen Tisch stand ein altes Telefon, grau und mit Wählscheibe.
„Ey, auf alten Fotos meiner Oma habe ich die schon mal gesehen!“, rief Marc belustigt aus und griff nach dem Telefonhörer. Er ließ ihn aber mit angeekeltem Gesicht sofort wieder fallen. „Scheiße, klebt das! Ekelhaft! Wir brauchen Handschuhe!“
Mia lachte und ihre roten Locken wippten dabei auf und ab. „Fass doch nicht alles an, Mensch! Ach schau mal, diese Bodenvase! Cool, so ein braun und orange, das hätte ich auch gerne für meine Wohnung!“
Sie gingen weiter, durch eine offen stehende Schiebetür und kamen in die ehemalige Gaststube. Hier lagen mehrere Stühle umgeschmissen herum. Papiere bedeckten den Boden, zerschlissene Tischdecken lagen teilweise noch auf den Tischen. In diesem Raum zierte eine Tapete die Wand, an die man sich wirklich echt gewöhnen musste.
„Ein Muster wie auf Droge entworfen!“, bemerkte Mike belustigt. Er bückte sich, hob etwas vom Boden auf. „Eine alte Schallplatte, seht mal!“ Er ließ seine Taschenlampe im Raum kreisen und blieb dann an einer Music-Box hängen. „Boah, cool! Seht mal! Ist das ein krasses Teil!“ Er eilte zu der Box, versuchte, die dicke Staubschicht darauf weg zu pusten. Vergeblich, stattdessen fing er an, wie verrückt zu husten.
„Seid mal still!“, rief Elisabeth den anderen zu und alle blieben stehen und horchten.
„Was denn?“, fragte Peter. „Hast du was gehört?“
Sie nickte langsam. „Ja, eine Stimme, ich schwöre!“
„Ich höre auch etwas!“, wunderte sich nun Mia und auch Marc sah sich suchend um.
„Draußen! Da draußen ist jemand! Jemand ruft uns!“, stellte Mike erstaunt fest.
Die Gruppe ging vorsichtig den Weg zurück und dann sahen sie vor dem Gasthaus einen Wagen stehen, dessen Lichter brannten, und einen Mann davor. Er rief wieder: „Hallo! Ist hier jemand?“
Peter und die anderen traten nach draußen, in die frische Abendluft. Der Mann am Auto strahlte sie mit seiner starken Taschenlampe an und blendete sie regelrecht.
„Nehmen sie bitte die Lampe runter!“, bat Peter und ging zwei Schritte auf den Mann zu.
„Was macht ihr denn hier? Meine Schwester sagte mir, dass ihr hier übernachten wollt. Das war doch wohl ein Witz, oder?“ Der große und massige Mann sprach mit tiefer Stimme, aber Peter erkannte ihn nun.
„Ach, Sie sind der Wirt von der Kneipe im Dorf, richtig?“ Erleichtert atmete Peter aus. „Doch, eigentlich wollen wir hier das Wochenende verbringen!“
Der Wirt spuckte aus und sah die jungen Leute der Reihe nach an. „Hier? In dem alten Gasthof? In dem Dreck? Mit den beiden jungen Frauen da drüben? Ja, meint ihr denn, da drin findet ihr gemachte Betten vor? Ihr Verrückten! Habt ihr die kaputten Fenster gesehen? Da können euch sämtliche Tiere besuchen kommen. Es gibt Wildkatzen hier! Da drin stinkt es, alles ist voller Dreck, wo, bitteschön, wollt ihr da schlafen? Und wie seid ihr eigentlich da rein gekommen, he?“
„Ich habe den Schlüssel vom Besitzer und auch eine schriftliche Erlaubnis, möchten Sie sie sehen?“, fragte Peter eilig.
„Lass mal gut sein!“, brummte der Mann. „Geht weg hier, geht nach Hause, das hier ist kein Ort für junge Mädels. Bringt die Mädchen nach Hause. Ihr könnt in meinen Geländewagen steigen, ich nehm euch mit zum Parkplatz, zu eurem Auto!“
Peter sah zurück, sah seine Freunde fragend an.
Mike fand zuerst seine Stimme wieder. „Hey, Peter, vielleicht keine schlechte Idee, die Nacht woanders zu verbringen. Im Tageslicht können wir zurückkommen.“
Peter nickte verstehend. „Okay, kommt, wir holen unsere Rucksäcke und fahren mit ins Dorf!“
Die Fünf betraten nochmals das alte Gebäude und holten ihre dort abgestellten Gepäckstücke.
Elisabeth blieb abrupt starr stehen. „Habt ihr das gehört? Eine Stimme? Eine weibliche Stimme!“
„Ich habe etwas gehört, aber vielleicht war das auch der Wind.“, bemerkte Mia vorsichtig.
„Der Wind? Der Wind ruft? Hast du es denn nicht verstanden? Die Stimme rief: Bleibt hier!“ Elisabeth sah ihre Freundin verständnislos an. „Oh Gott! Ich habe wirklich etwas gehört. Und ich spüre etwas … etwas ganz Grauenhaftes!“ Sie schien wirklich zu zittern, genau wie ihre Stimme.
„Komm zum Auto!“, befahl Peter ihr streng und zog sie am Arm mit sich.
Sie quetschten sich alle in den Geländewagen und wurden von dem Wirt der Kneipe zum Parkplatz zurückgebracht. Dort stiegen sie aus, sahen sich ratlos an.
„Und nun?“, fragte Marc fröstelnd, es war kalt geworden.
Peter sah den Wirt an. „Haben Sie Gästezimmer hier?“
Der Angesprochene sah sie misstrauisch an. „Ja. Alle belegt!“
„Ach? Wirklich? Um diese Jahreszeit?“, wollte Mia neugierig wissen.
Der Wirt sah sie ernst an. „Ja.“
„Okay, dann wärmen wir uns hier in der Kneipe etwas auf und fahren dann ins nächste Dorf, vielleicht gibt es dort noch Zimmer für uns.“, bestimmte Peter.
Der Wirt drehte sich stumm um und ging fort, verschwand im dunklen Innenhof, der an die Kneipe angrenzte.
„Komischer Kauz!“, stellte Mike fest. „Also kommt, trinken wir etwas Warmes und fahren dann weiter! Ich hab auch wieder Hunger, wie spät ist es?“
„Kurz nach 18.00 Uhr!“, ließ Mia ihn wissen und dann betraten sie zusammen die Kneipe.
Jetzt, am Abend, war sie durchaus gut gefüllt. Mehrere Männer saßen an verschiedenen Tischen, spielten Karten oder würfelten. Sie tranken dazu ihre Biere und Schnäpse, redeten laut und einige rauchten auch Pfeife oder Zigarre.
Als die jungen Leute eintraten, wurden ihnen erstaunte, teils misstrauische Blicke zugeworfen. Manche Gesichter erstarrten und sahen durchaus feindselig aus. Hinter der Theke stand diesmal nicht die Schwester des Wirtes, sondern eine Frau Mitte 40, blondiertes Haar, müde Augen.
„Können wir etwas Warmes trinken? Haben Sie Kaffee und warmen Kakao?“, fragte Peter und die Frau nickte stumm.
Die Freunde gaben ihre Bestellung auf, dann suchten sie einen freien Tisch und setzten sich an ein Fenster, das zur Straße raus ging. Die Frau kam mit einem Tablett und verteilte den Kaffee an die Männer und Kakao an Mia und Elisabeth.
Mia nahm ihre Tasse in beide Hände und sah Peter fragend an. „Wie geht es nun weiter? Gehen wir nochmal hin? Suchen wir wirklich Zimmer für die Nacht? Oder fahren wir nach Hause zurück?“
„Wieso zurück nach Hause? Bist du irre?“, fragte Peter aufbrausend. „Wir kommen auf jeden Fall wieder! Aber, ich überlege gerade … macht es mehr Sinn, besser ausgerüstet zurück zu kommen?“
„Soll heißen?“, hakte Marc nach und nahm einen Schluck Kaffee.
„Soll heißen, wir brauchen einen Stromgenerator! Und Säcke! Um in der Bude einen Raum frei zu machen, wo wir dann wohnen können. Und … ich würde sagen, wir bleiben etwas länger, was haltet ihr von einem verlängerten Wochenende?“
Mike stellte überrascht seine Tasse ab. „Bist du sicher? Was siehst du nur in dieser alten Bruchbude? Wollt ihr das auch?“ Er blickte alle fragend an.
Marc überlegte. „Also, einen Stromgenerator habe ich! Ein verlängertes Wochenende wäre auch okay für mich.“
Mia strich sich ihr lockiges Haar aus dem Gesicht. „Ich weiß nicht wieso, aber irgendwie zieht mich dieses Gebäude auch an.“
Mike verdrehte entsetzt die Augen, dann sah er Elisabeth an.
Sie schien noch unsicher zu sein. „Hm, was soll ich sagen. Ich fürchte mich dort, da ist eine unheimliche Energie, ich sage es euch! Aber andererseits … Ich möchte auch nochmal hin!“
Mike resignierte. „Also gut, also gut! Das heißt, wir fahren nach Hause, sorgen für bessere Ausrüstung, schaffen uns ein verlängertes Wochenende und sind dann wieder hier, ja?“
Alle nickten zustimmend und Peter grinste sichtlich zufrieden.
*
Genau in diesem Moment betrat ein Mann die Kneipe. Er trug einen alten, schmutzigen grauen Mantel und einen ins Gesicht gezogenen Hut. Unter dem Hut kamen lange, graue Haare zum Vorschein, die ihm bis auf seine Schultern reichten. Obwohl es Abend war, trug er eine Art Sonnenbrille. Es hatte inzwischen wieder angefangen zu regnen. Darum blieb er nah am Eingang stehen und stellte dort einen Schirm in einen altmodischen Schirmständer aus Messing. Er sah sich um und entdeckte die fremden jungen Leute am hinteren Tisch.
Und da sah er sie! War sie es wirklich? Das konnte nicht sein! Mein Gott, nein, das konnte nicht sein! Aber … dieses Haar! Diese roten Locken! Jetzt sah sie in seine Richtung … sie war es wirklich! Die kleine Nase … diese wasserblauen Augen!
Er begann zu zittern, ganz leicht nur und keiner außer ihm bemerkte das. Aber dieser kurze Augenblick hatte ihn um Jahrzehnte zurückgeworfen! Er atmete schneller, er fühlte, wie sein Puls sich beschleunigte. Sein Herz raste und er begann zu schwitzen. Langsam ballte er seine Hände zu Fäusten, seine Fingernägel gruben sich dabei schmerzhaft in sein Fleisch.
Er sah diese bildschöne Frau an dem Tisch sitzen, sah sie mit den Männern reden, sah sie lachen. Dieses Lachen … es konnte so herrlich klingen. Dieses Lachen konnte ein Herz tanzen lassen und machte jeden Mann verrückt nach ihr! Es rauschte in seinen Ohren, sein Atem ging stoßweise.
„Werner, hörst du mich nicht? Bier und Korn, wie immer?
Die Stimme von Marta, der neuen Bedienung, drang allmählich in sein Gehirn und langsam wandte er ihr sein Gesicht zu.
„Ja“, sagte er rau und versuchte, seine zitternden Hände wieder unter Kontrolle zu bringen. „Wer sind die da hinten?“
Marta stellte ihm das Bier auf die Theke. „Wanderer. Glaube ich. Die Idioten wollten in der „Waldhexe“ übernachten!“ Sie lachte kurz auf.
Erschrocken sah der Mann sie an. „Warum? Was wollen sie dort?“
Marta zuckte mit ihren Schultern.
Herbert, der Wirt betrat den Schankraum und sah sich kurz um. Ein Kartenspieler sah ihn und winkte ihm zu. „Na, Herbert, gibt es morgen Hasenbraten?“
Der Wirt nickte. Er zapfte sich selbst ein Bier und trank einen kräftigen Schluck, während er die jungen Leute beobachtete, die hinten am Tisch bei Marta bezahlten und sich bereit machten, aufzubrechen. Er bemerkte jetzt erst Werner, der ebenfalls diese Leute beobachte.
Die drei Männer und die beiden Frauen gingen zum Ausgang und Herbert wünschte, sie würden hier nicht nochmal erscheinen. Diese Leute aus der Stadt gehörten hier einfach nicht hin. Sie hatten schon immer nur Unglück gebracht. Wie damals. „Kriegst du noch einen Schnaps, Werner? Siehst heute etwas blass aus. Komm, trink noch einen!“
