Blutspur Crime Scene - Conrad Roth - E-Book

Blutspur Crime Scene E-Book

Conrad Roth

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Beschreibung

In seinem neuen Buch BLUTSPUR Crime Scene berichtet der Journalist, Autor und Podcaster Conrad Roth über 25 wahre Kriminalfälle, die in ihren Ländern oder weltweit berühmt geworden sind: Von Bonnie und Clyde über die Lindbergh Entführung bis hin zum Großen Postraub, zu Al Capone und zu Jack The Ripper.

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Seitenzahl: 225

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhaltsverzeichnis

1 BONNIE UND CLYDE

2 DER MÖRDER VOM RATCLIFFE HIGHWAY

3 DIE LINDBERGH-ENTFÜHRUNG

4 Der GROSSE POSTRAUB

5 PETER USTINOV UND DER TOD DER LETZTEN KAISERIN

6 AL CAPONE

7 BILLY THE KID

8 DIE RAUBNACHT IM LOUVRE

9 DIE BESTIE

10 DIE FLUCHT AUS ALCATRAZ

11 NERO UND DER BRAND VON ROM

12 HELMUT SCHMIDT UND DER DEUTSCHE HERBST

13 DIE MORDNÄCHTE VON HOLLYWOOD

14 DER TOD KAM NACH TSAVO

15 DIE SCHLACHT DER 5000 KUGELN

16 RETTET DEN PAPST

17 DER GRÖSSTE DROGENBARON

18 NED KELLY

19 STÖRTEBEKER

20 FANGT MICH, WENN IHR KÖNNT

21 DILLINGER

22 RASPUTIN

23 DER MOSSAD UND DIE RACHE NACH DEM OLYMPIAATTENTAT

24 DER MORDFALL CÄSAR

25 JACK THE RIPPER

Liebe

Krimifans,

neben der Begeisterung für die unzähligen, von Autoren erdachten Kriminalfälle ist bei uns auch die Faszination nach True Crime, nach all den echten, den wahren Killern, Paten und Gesetzlosen immer vorhanden.

Räuber, unheimliche Serienmörder, Entführer, Gauner und Terroristen – sie alle werden wir in den nun folgenden 25 Episoden kennenlernen, berühmte Verbrecher und Verbrechen, die bis heute unvergessen sind.

Dazu nun gute wie auch spannende Unterhaltung!

BONNIE UND CLYDE

Ein berühmter Song von Georgie Fame, der es in Amerika und auch in England auf Platz 1 der Hitparade geschafft hat wie auch ein ebenso berühmter Film mit sogar drei Oscarpreisträgern wie Faye Dunaway, Warren Beatty und dem erst kürzlich verstorbenen Gene Hackman haben sie international bekannt gemacht. Aber auch schon zu ihren Lebzeiten waren sie berühmt im ganzen Land. Sie waren auf allen Titelseiten der Zeitungen vertreten, man hat sie die Kämpfer gegen das Establishment genannt und auch als die amerikanischen Robin Hoods bezeichnet. Aber bei all dem Hype um die beiden darf man auch nicht vergessen, dass 12 Banküberfälle, fünf Entführungen und eben auch 14 Morde auf ihr Konto gegangen sind. Sie waren das berühmteste Verbrecherpaar der Geschichte - und man nannte sie Bonnie und Clyde.

Als die 20jährige Bonnie Parker den ein Jahr älteren Clyde Barrow kennenlernte, sie sich sofort verliebten und beschlossen, für immer zusammenzubleiben, da war Clyde gerade aus dem Gefängnis gekommen. Er war ein Kleinkrimineller, hatte mehrere Viehdiebstähle begangen und auch einen Tresor aufgebrochen und so war er darauf in der berüchtigten Gefängnisfarm von Eastham in Texas gelandet. Dort wurde er dann von einem sadistischen Wärter missbraucht, den Clyde daraufhin prompt erschlug und darauf Glück hatte, dass diese Schuld von einem zu lebenslang Verurteilten auf sich genommen wurde. Und um danach nicht bei 35 Grad in den Steinbrüchen arbeiten zu müssen, da hat sich Clyde dann von seinem Mithäftling und Kumpel Henry Methvin den linken großen Zeh abhacken lassen, unglaublich, nicht wahr. Nun musste er tatsächlich nicht mehr im Steinbruch mitarbeiten, aber danach konnte er sein Leben lang nur noch humpeln und auch nur unter Schmerzen Auto fahren.

Als Clyde dann das Gefängnis verließ, da hatte er sich völlig verändert. Er schwor der Justiz in Texas und speziell diesem Gefängnis Rache und aus einem kleinen Ganoven war nun ein Schwerverbrecher und Mörder geworden. Danach dann gründete Clyde mit seinem Bruder Buck, mit Bonnie und einigen Freunden die Barrow Bande, die dann in den nächsten zwei Jahren mehrere Banküberfälle und Entführungen durchführte, wobei dann auch neun Polizisten erschossen wurden. Apropos Polizei, diese war damals völlig unterbezahlt, komplett uneinig, wesentlich schlechter bewaffnet und fuhr auch mit ihren Fahrzeugen immer hinterher, gegen den PS starken Ford V 8 von Barrow hatten sie nicht den Hauch einer Chance. Und der fuhr nun einmal sehr gerne sehr schnell und als er eines nachts mit Bonnie in ihr Versteck zurückfuhr, da hatte er eine Baustelle übersehen, er durchbrach die Absperrung, flog 30 Meter weit durch die Luft und bei der harten Landung danach war Säure aus der Batterie ausgetreten, die dann das rechte Bein von Bonnie verätzte und in einer Ironie des Schicksals konnte nun auch sie nur noch humpeln und musste sogar öfter von Clyde getragen werden. Ja und dann im Jahr 1934, da machte Clyde Barrow sein Versprechen von damals tatsächlich war, man muss sich vorstellen, ein ehemaliger Häftling greift ein Gefängnis an, unfassbar, und er tötete dann dort in Eastham drei der Wärter, verwundete drei andere schwer, und es gelang ihm dann sogar, seinen Kumpel Henry Methvin von dort herauszuholen. Nur einen Tag später waren die Drei mit Bonnie am Steuer an einer Tankstelle, als eine Highway Patrouille vorbeikam, die sie übrigens nicht erkannte und als der eine Polizist dann in das Wagenfenster griff, um den Führerschein entgegenzunehmen, da hielt ihm Bonnie ihren Revolver entgegen und drückte lächelnd ab - und auf der anderen Seite hat dann Henry den zweiten Polizisten niedergestreckt. Danach fuhren sie vor den Augen der entsetzten Passanten mit aufheulendem Motor wieder davon. Und wieder nur einen Tag später, da saßen Henry und Bonnie in einem Café, als ein Motorradpolizist hereinkam, der sie sofort erkannte, seine Pistole zog und sie verhaften wollte. In diesem Moment kam Clyde Barrow von der Toilette zurück, und er hat nun nicht etwa den Polizisten niedergeschlagen, nein, er hielt ihm seine Waffe in den Rücken und drückte ab.

Durch diese drei eiskalten Morde in aller Öffentlichkeit war die Stimmung nun im Land gegen sie gekippt, und der Gouverneur beschloss, dem Treiben der beiden jetzt endgültig ein Ende zu machen. Dafür holte er den ehemaligen Texas Ranger Frank Hamer aus dem Ruhestand zurück, und dieser Frank Hamer, der dann später von Kevin Kostner im Film dargestellt wurde, war der härteste Bluthund der Strafverfolgung und hatte bereits unglaubliche 48 legale Tötungen vorzuweisen. Mit seinem Spitzelsystem gelang es ihm dann, ein Versteck der Bande ausfindig zu machen und in dem danach folgenden Feuergefecht wurde Buck Barrow erschossen und alle anderen verhaftet, nur nicht Bonnie und Clyde, die über die Sümpfe hinter dem Haus entkommen waren, wohin die geländeunkundigen Polizisten ihnen nicht folgen konnten. Hamer war ebenso wütend wie enttäuscht, dass die beiden ihm jetzt entkommen waren und so war ihm klar, dass ihn nur eine Insiderinformation zu den beiden Gesuchten führen würde. Deshalb nahm er dann Kontakt zum Vater von Henry Methvin auf und bot ihm über eine Kronzeugenregelung Straffreiheit für seinen Sohn an. Und wie wir es wohl alle getan hätten, nahm Henrys Vater dieses Angebot natürlich an, weil es die einzige Chance war, seinen Sohn vor einer Mordanklage und damit auch vor dem elektrischen Stuhl zu bewahren. Methvins Vater teilte dann Hamer mit, dass Bonnie und Clyde am 21. Mai auf einer Geburtstagsfeier am sogenannten Black Lake in Louisiana eingeladen waren. Doch durch die vielen Menschen am Wochenende und auch durch das riesige Gebiet konnte Hamer dort nicht zugreifen. Doch dann erfuhr er von Henrys Vater, dass sich das Versteck von Bonnie und Clyde irgendwo in den Wäldern hinter seiner Farm befand und sie so auf ihrem Rückweg am Montagvormittag unbedingt hier auf der Straße, die zu seiner Farm führte, vorbeikommen mussten. Das war genau die Information, auf die Hamer gewartet hatte.

Wir schreiben den 23. Mai 1934. Bereits am frühen Morgen dieses Tages hatten sich Hamer und fünf FBI - Agenten in einem Gehölz entlang der Straße dort auf die Lauer gelegt, sie hatten nicht vor, die beiden gefangen zu nehmen, die Schlinge zog sich nun endgültig zu.

Henrys Vater simulierte dann dort wie vereinbart eine Reifenpanne, nun mussten sie nur noch warten. Es war dann etwa gegen 09:15 Uhr an diesem Tag, als ein starker Automotor zu hören war, bald darauf tauchten die beiden tatsächlich auf, erkannten natürlich Henrys Vater, verlangsamten ihre Fahrt und hielten schließlich hinter ihm dann auch an.

Und genau in diesem Moment eröffneten Hamer und die fünf anderen Agenten ohne jeden Anruf aus Revolvern, Schrotflinten und Maschinenpistolen das Feuer, die beiden hatten nicht die geringste Chance. Der berühmte Ford V 8 wurde von 167 Geschossen förmlich zerfetzt, sowohl Bonnie wie auch Clyde waren jeweils von mehr als 50 Kugeln getroffen worden.

Der Gouverneur und der Polizeichef bezeichneten die Aktion danach als vollen Erfolg und hatten Hamer und die anderen Agenten sehr gelobt. Aber es gab auch Medien, die den Angriff als eine Übertötung, ja als eine glatte Hinrichtung bezeichnet hatten. - An der Stelle des Überfalls wurde dann ein Gedenkstein errichtet, der heute noch dort zu sehen ist. Das vollkommen durchlöcherte Fahrzeug kann heute im kleinen Städtchen Primm neben Las Vegas in einem Museum besichtigt werden. Der Wunsch von Bonnie, neben Clyde bestattet zu werden, wurde von ihrer Mutter verhindert und so sind sie heute beide in Dallas in Texas, aber auf unterschiedlichen Friedhöfen begraben.

Die Waffen der beiden wurden tatsächlich erst im Jahr 2012 für unglaubliche 1,2 Mio. Dollar versteigert, mehr als sie ihrer Verbrecherkarriere erbeutet hatten. Und so starben Bonnie Parker und Clyde Barrow genau so, wie sie immer gelebt hatten - nämlich in einem Kugelhagel. Sie waren das berühmteste Verbrecherpaar der Geschichte - und man nannte sie Bonnie und Clyde.

Frank Hamer

DER MÖRDER VOM RATCLIFFE HIGHWAY

Folgt mir nun in das London des angehenden 19. Jahrhunderts, in die unheimlichen Viertel der Gaslichter, der Kopfsteinpflaster und der Nebelfelder.

Der frühere Seemann John Williams, untersetzt, stämmig und besonders stolz auf seinen stahlblauen Mantel, den in dieser Farbe niemand sonst besaß, hatte zur Zeit der Französischen Revolution in Paris gelebt, dort von seinem Fenster aus hunderte von Hinrichtungen mit der Guillotine mit ansehen müssen und diesen Anblick vor allem der Frauen mit ihren blutigen weißen Hälsen dann niemals vergessen. Auch nicht, als er danach im Hafen von London arbeitete und dort mit zwei Deutschen, einem Iren und einem Schotten in einem großen Zimmer einer Seemannspension wohnte. Mit seiner zwanghaften Vorstellung hatte er immer wieder Verkäuferinnen oder Kellnerinnen belästigt, bedrängt und versucht, ihnen an die Hälse zu fassen und so war er dann auf dem Ratcliffe Highway, einer vom Hafen Londons östlich aus der Stadt herausführenden Straße, nacheinander am selben Tag aus der Stoffhandlung von Timothy Marr, mit dem zusammen er zur See gefahren war, wie auch dann nur 150 Meter weiter aus dem Gasthaus Kings Arms hinausgeworfen worden. In derselben Nacht wurden die vier Matrosen in der Seemannspension durch einen lauten Schrei aufgeschreckt: „Hälse, Herr im Himmel, all diese blutigen weißen Hälse“, „Wer schreit hier so laut, das ist doch wieder dieser Williams, sei endlich still, bevor wir Dich aus dem Fenster werfen müssen.“ Aber Williams war schon längst wieder in seine unruhigen Träume versunken und schließlich konnten dann auch die vier anderen wieder zur Ruhe finden Doch als sie am Morgen dann erwachten, da war John Williams aus des Seemannspension spurlos verschwunden.

Wir schreiben nun den 7.Dezember 1811, es ist eine wolkige Nacht, die Sterne am Himmel sind nicht zu sehen. Timothy Marr, der über seinem Stoffgeschäft mit seiner Frau Celia und dem sechs Monate alten Baby wohnt und im Dach darüber befinden sich noch zwei Zimmer für den 14jährigen Lehrling Jimmy Gowan und das 16jährige Hausmädchen Margaret Jewell, das Marr nun losschickt, um noch etwas Fisch einzukaufen. Hier im geschäftigsten Viertel Londons war es damals durchaus üblich, dass die Geschäfte noch bis 1 Uhr nachts geöffnet hatten und so greift sich Margaret einen Korb und macht sich auf den Weg. Dabei sieht sie schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite einen Mann, untersetzt und stämmig, und sie glaubt, im Licht der Straßenlaterne einen Mantel von extrem blauer Farbe erkannt zu haben. Und dieser Mann steht völlig reglos dar und starrt nur unentwegt zum Haus der Marrs hinüber. Margaret läuft ein Schauer über den Rücken, und sie läuft so schnell wie möglich weiter, doch nach etwa 50 Schritten gewinnt dann doch ihre Neugierde die Oberhand, und sie dreht sich noch einmal um. Sie sieht, wie ihr Chef in dem beleuchten Geschäft noch einige Stoffballen zusammengelegt, doch von diesem so furchteinflößenden Fremden ist nichts mehr zu sehen. Margaret muss sehr weit laufen, um noch offene Geschäfte zu finden und so kehrt sie erst nach etwa einer dreiviertel Stunde wieder zum Ratcliffe Highway Nr. 19 zurück. Klingel und Türklopfer betätigt sie nur sehr leise, um das Baby oben im ersten Stock nicht aufzuwecken, aber niemand öffnet ihr die Tür und dahinter rührt sich nichts. Nun klopft und klingelt das Hausmädchen schon etwas lauter, aber wieder bleibt es totenstill im Haus. Jetzt bekommt sie es mit der Angst zu tun, ihr fällt wieder diese dunkle Gestalt ein, die sie bei ihrem Weggang gesehen hat. Und so nimmt sie schließlich ihren ganzen Mut zusammen, macht zwei Schritte nach vorn und legt ein Ohr an die Tür. Und was sie dort dann hört, das hat sie niemals wieder aus dem Kopf bekommen. Schwere Schritte, die vorsichtig die Treppe herunterkommen und sich dann ganz langsam der Eingangstür nähern, bis nur noch diese zwischen ihr und dem unheimlichen Fremden liegt. Wenn dieser jetzt die Tür aufsperrt, den Riegel zurückzieht und dann .. Und genau bei diesem Gedanken verliert Margaret schließlich endgültig die Nerven, sie schreit gellend um Hilfe und vollführt mit dem Klopfer und der Klingel einen Höllenlärm. – Der Nachtwächter, der gerade 1 Uhr verkündet hat, kommt ebenso herbeigelaufen wie auch drei durch den Lärm aufgeschreckte Nachbarn. Und ihnen zählt die 16jährige aufgeregt, was sie gerade erlebt hat und dass im Haus etwas Schreckliches, etwas ganz Furchtbares geschehen sein muss. Der Pfandleiher direkt nebenan ruft daraufhin, “Also gut, dann kommt mit.“ Danach führt er die anderen durch sein Haus und seinen Garten in den direkt angrenzenden Hof der Marrs hinüber. Dort erkennen sie, dass die Hintertür des Hauses ganz weit offensteht und treten schließlich vorsichtig näher. Doch was sie dort dann sehen, werden sie ihr ganzes Leben lang nie mehr vergessen können. Alles dort drinnen schwimmt im Blut. Vor dem Tresen liegt der Lehrling, dahinter wird Marr selbst gefunden und im angrenzenden Wohnzimmer entdecken sie seine Frau Celia, allen dreien wurde mit einem Schiffszimmermannshammer, der dann blutverschmiert gefunden wird, der Schädel eingeschlagen und dann hat man ihnen noch mit einem, wie die Pathologen danach bestätigen, ungewöhnlich sichelförmigen Messer die Kehle durchschnitten. Kurz darauf hallt ein Schrei durch das Haus, als im ersten Stock das Baby gefunden wird, das auf die gleiche bestialische Weise getötet wurde. Die Haustür ist nach wie vor verschlossenen, der Mörder muss unmittelbar vor ihnen über die Hintertür entkommen sein. Obwohl durch den Annahmeschluss um 1.15 Uhr am nächsten Morgen nichts davon in den Zeitungen steht, hat sich die furchtbare Tat bis zum Mittag bereits wie ein Lauffeuer in ganz London herumgesprochen. Und als dann vier Tage später die Bewohner von Ratcliffe Highway Nr. 19 zu Grabe getragen werden, da begleiten sie 10 000 Menschen auf Ihrem letzten Weg.

Dass auf dem gefundenen Hammer die Buchstaben „S“ und „P“ eingeritzt waren, war vom Ratsherrn und dem Polizeichef von Ratcliffe nicht an die Öffentlichkeit weitergegeben worden. Hätten sie dies getan, so hätten die folgenden Geschehnisse vielleicht noch verhindert werden können, so aber nahm das Schicksal dann seinen Lauf.

Der Kalender zeigt nun den 19. Dezember 1811, nicht einmal zwei Wochen sind nach der Bluttat im Haus der Marrs vergangen. Nur rund 150 Meter vom Tatort entfernt geht in der Kneipe Kings Arms der Handelsreisende John Turner in seinem Zimmer auf und ab und kann nicht schlafen. John, der in den letzten Jahren sehr oft hier übernachtet hat und sich mit der Wirtsfamilie und ihrer kleinen, in den Ferien hier oft übernachtenden Enkelin eng angefreundet hat, hat Angst. Angst, weil an diesem Abend eine untersetzte und stämmige Gestalt in einem kräftig blauen Mantel und mit stark knarrenden Schuhen gleich zwei Mal in die Gaststube gekommen war, sich aber immer nur kurz umsah und dann wieder verschwunden war. Angst hat John zudem, weil er weiß, dass der Wirt in einer Truhe im Wohnzimmer viel an Silber und enorm viel Bargeld aufbewahrt und Angst schließlich auch, weil heute am ersten Tag der Weihnachtsferien die mittlerweile elfjährige Enkelin im Zimmer nebenan ahnungslos schläft.

Und dann - es ist genau 23.25 Uhr - da schlägt mit lautem Krachen die Eingangstür ins Schloss.

Der Mörder vom Ratcliffe Highway ist im Haus! Kurz darauf da hört John einen erstickten Schrei: „Himmel hilf‘, wir werden alle ermor..„ – und dann ist alles völlig still da unten. John Turner öffnet danach so leise wie möglich seine Tür, schleicht sich vorsichtig zum Treppenabsatz und blickt nach unten. Und dann sieht er ihn, den Mörder, wie dieser in laut knarrenden Schuhen an den Schränken und Truhen die zuvor erbeuteten Schlüssel ausprobiert. Er ist so in seine Tätigkeit vertieft, dass er die weiße Gestalt oben an der Treppe nicht wahrnimmt, die er ansonsten natürlich sofort ins Jenseits befördert hätte. John huscht in sein Zimmer zurück, und er weiß, wenn er jetzt sein Leben und das der Enkelin nebenan noch retten will, dann wird das nun ein Wettlauf mit der Zeit werden, ein Wettlauf auf Leben und Tod.

Gerade als er mit fliegenden Fingern sein Betttuch in Streifen reißt, hieraus ein notdürftiges Seil erstellt und es dann am Bettpfosten festbindet, da hört er zu seinem Entsetzen diese schrecklich knarrenden Schritte die Treppe heraufkommen. Der Mörder lässt sich Zeit, er hat das Silber und das Geld gefunden und so sehr gute Beute gemacht, er ist zufrieden, aber er weiß auch, dass da oben noch zwei weitere weiße Hälse auf ihn warten, die er sich keinesfalls entgehen lassen will. Und als seine Schritte dann verstummen, weil er überlegt, welchem Zimmer er sich zunächst zuwenden soll, da weiß John, dass ihm jetzt nur noch wenige Sekunden verbleiben und so schwingt er sich an seinem improvisierten Seil zum Fenster hinaus. Doch als dann in dem typischen Nebel zunächst niemand die weiße Gestalt da oben erkennt, da schreit John dann, nein, er brüllt in die Nacht hinaus: „Der Mörder vom Ratcliffe Highway ist hier“! - Als er die beiden letzten Meter zum Boden hinuntergesprungen ist, da wird John sofort von 10, 15 herbeigeeilten Personen umringt, niemand hat die Morde an den Marrs vergessen, wenn sie den Mörder jetzt erwischen, werden sie ihn in Stücke reißen. Doch dann hören alle von oben ein mehrfaches Klirren – im Schutz des Nebels und der Dunkelheit ist der Mörder tatsächlich wieder entkommen. Das Wirtsehepaar und die Hausmagd waren auf die gleiche entsetzliche Weise getötet worden wie die Marrs kurz zuvor und wieder, wieder wird ein Hammer mit den Buchstaben SP darauf gefunden. Die Enkelin kann ihren überglücklichen Eltern übergeben werden, und John Turner ist der Held dieser Nacht. –

Angst ging nun um in der Stadt, die Menschen verbarrikadierten sich in ihren Häusern, und die Kneipen und Bordelle verriegelten ab 22:00 Uhr ihre Türen. Jetzt erst, erst jetzt, veröffentlichten der Ratsherr und die Polizei einen Steckbrief, der alle bekannten Details von der Gestalt und den knarrenden Schuhen über den besonderen Mantel bis hin zu dem speziellen Messer und den beiden Buchstaben auf dem Hammer enthielt. Am nächsten Tag wurden darauf mehrere Unschuldige auf den Straßen zusammengeschlagen, und ein junger Matrose wurde um ein Haar gelyncht, weil man in seinem Seesack die Mordwerkzeuge vermutet hatte. Wieder zwei Tage später betraten dann die vier Matrosen aus der Seemannspension die Polizeizentrale und berichteten, was sie erlebt hatten. In der Nacht der Morde vom Ratcliffe Highway 19 hatten die beiden Deutschen noch im Licht von Kerzen gelesen, als Williams in völlig blutverschmierter Kleidung das Zimmer betrat. Er erzählte, er sei in eine große Kneipenschlägerei geraten und hatte danach dann sofort die beiden Kerzen gelöscht. Am Tag darauf kaufte er sich diese so knarrenden Schuhe und diese Buchstaben SP, die bedeuteten nichts anderes als Sven Petersen, das war ihr Kumpel und Arbeitskollege, der gerade in seiner Heimat Dänemark Urlaub machte. Er hatte Williams seine Seemannsutensilien überlassen und dieser war dann oft gesehen worden, wie er einen Hammer mit dem SP darauf am Gürtel trug - und jetzt fehlten beide Werkzeuge in der Seemannskiste. Unter der Matratze hatten die Matrosen schließlich auch noch ein sichelförmiges französisches Messer gefunden, auf dessen Klinge dunkle Flecken zu sehen waren. Für die Polizei war der Fall nun vollkommen klar. Weitere zwei Tage später, als John Williams versuchte, aus London zu entkommen, da wurde er auf dem Landungssteg eines Schiffes dann im letzten Moment festgenommen und danach in das berühmte Gefängnis Old Bailey gebracht, wo ihm darauf auch der Prozess gemacht wurde. Am Tag des Urteils, die Richter warteten schon auf ihn, da kam die Nachricht herein, dass John Williams sich in der Zelle mit seinen Hosenträgern erhängt hatte.

Wiederum drei Tage später fand in London die bis heute größte Prozession statt, an der 30000 Menschen teilnahmen. Mehr als 200 Polizisten sicherten dabei einen Pferdewagen, auf dem auf einer schräg gestellten Holztür der Leichnam von John Williams festgeschnallt worden war. Er trug Handwerkerkleidung, aber keinen Schal und auch keinen Hut, weil das damals die Zeichen von Ehre und Anstand waren. Der Zug führt dann vom Old Bailey Gefängnis über rund drei Kilometer bis hinüber zum Ratcliffe Highway, wo er dann vor dem Haus der Familie Marr Halt machte und ein Pfarrer eine kurze Andacht hielt. Margaret Jewell hatte kurz zuvor einen Nervenzusammenbruch erlitten und konnte so leider nicht mit dabei sein. Die Prozession fuhr danach weiter bis zur Kneipe Kings Arms, wo dann John Turner einige bewegende Worte zum Andenken an seine Freunde sprach, danach bewegte sich der Zug aus der Stadt hinaus, wo John Williams dann in einem anonymen Grab verscharrt wurde.

Die oft zögerliche und uneinige Londoner Polizei hatte aus diesen schrecklichen Vorfällen gelernt und so ist dann wenig später die Behörde entstanden, die heute zusammen mit dem FBI als die berühmteste Polizei der Welt gilt - Scotland Yard.

Die Straße Radcliffe Highway gibt es heute nicht mehr, sie wird heute nur noch „The Highway“ genannt, zum ersten und einzigen Mal in der Geschichte von London ist ein Straßenname gelöscht worden, weil niemand, wirklich niemand in einer Straße leben wollte, die für immer mit derart grauenvollen Verbrechen in Verbindung gebracht werden würde.

Von der furchtbaren Mordserie wurde dann nicht nur in London, sondern europaweit berichtet. Die furchtbaren Geschehnisse hatten die Menschen noch lange in ihrem Bann gehalten. So schrieb zum Beispiel 50 Jahre später der berühmte englische Schriftsteller Charles Dickens in der größten englischen Tageszeitung, er habe den Kapitän gesprochen, auf dessen Schiff John Williams zur See gefahren war, und der hatte ihm erzählt, dieser Williams habe einen derart schlechten und verbrecherischen Charakter gehabt, dass er ganz sicher war, dass dieser eines Tages mit einem Strick um den Hals landen würde. - Und irgendwie hat der Kapitän von damals damit ja dann auch recht behalten…

Das Kings Arms

Der Ratcliffe Highway

DIE LINDBERGH-ENTFÜHRUNG

Als sich am regnerischen und stürmischen Abend des 1.März 1932 eine dunkle Gestalt vorsichtig dem großen Anwesen an der Ostküste der USA nähert, da konnte noch niemand ahnen, dass hieraus dann das „Jahrhundertverbrechen“ entstehen würde, wie es danach von der Presse immer bezeichnet worden ist.

Charles Lindbergh hatte 1927 als erster Mensch den Atlantik im Alleinflug überquert und wurde danach bei seiner Landung in Paris von 250 000 Menschen begeistert empfangen. Wieder zurück in Amerika war er dann mit einer Konfettiparade in New York mit fünf Millionen Zuschauern und auch der Freiheitsmedaille vom Präsidenten zu einem berühmten und allseits beliebten Nationalhelden geworden.

Zwei Jahre später dann heiratete er Ann Morrow, die Tochter eines sehr reichen Bankiers und Senators, der ihnen darauf ein 60 ha großes Anwesen an der Ostküste zum Hochzeitsgeschenk machte. Bald schon waren die Lindberghs zur mächtigsten und einflussreichsten Familie des ganzen Landes geworden, nicht umsonst hat man sie später immer als die Kennedys ihrer Zeit bezeichnet. Und wie einflussreich die Familie war, das hat man dann gesehen, als ihr Sohn Charlie geboren wurde und hierzu dann alle Radiosender des Landes ihr Programm unterbrachen, um die Geburt von Amerikas Baby zu vermelden, wie der Kleine dann später immer genannt wurde.

Doch kommen wir zurück zu jener stürmischen Nacht vom 1. März 1932. Charlie ist jetzt ein Jahr und acht Monate alt, wie jeden Tag sieht sein Kindermädchen Betty Gow um etwa 21:30 Uhr noch einmal nach ihm, aber als sie dann die Tür zu seinem Kinderzimmer öffnet, da sieht sie verblüfft, dass trotz des schlechten Wetters und der Kälte draußen das Fenster komplett offen steht - und Charlie Lindberg ist verschwunden. – Ihr gellender Schrei schreckt das ganze Haus auf. Mrs. Lindbergh, die gerade ein Bad genommen hat, kommt im Bademantel herbeigeeilt, Charles Lindbergh stürzt von der Bibliothek nach oben ins Zimmer seines Sohnes, erkennt sofort die Situation, stürmt dann die Treppe wieder hinunter, reißt ein Gewehr von der Wand, wirft ein zweites seinem Butler zu und so bewaffnet stürmen die beiden Männer in die Nacht hinaus. Aber sie kommen zu spät, unter dem Zimmer des Kleinen finden sie lediglich seine Jacke und dazu auch noch viele Fußabdrücke und auch den Abdruck einer Leiter, aber in ihrem Eifer haben sie dann etliche brauchbaren Spuren dort zertrampelt. In der Einfahrt des großen Anwesens liegt eine zusammenklappbare Holzleiter und direkt daneben, da können sie im tiefen Boden Eindrücke von einem Liefer- oder Lastwagen erkennen. - Dass diese schreckliche Tat nicht zu verheimlichen ist, liegt auf der Hand und schon am nächsten Tag geht die Nachricht von der Entführung von Amerikas Baby in die ganze Welt hinaus. Etliche Journalisten bevölkern das Anwesen und zerstören dann auch noch die letzten verwertbaren Spuren. Der Polizeichef Norman Schwarzkopf, ja, das war tatsächlich der Vater des später so berühmten Golfkriegsgenerals, der darf dann in einer Garage der Lindberghs seine Einsatzzentrale einrichten und auch eine Telefonleitung dorthin legen, aber in ihr Haus lassen ihn die Lindberghs nicht. Es wird darauf ein Steckbrief von Charlie erstellt und im ganzen Land verteilt wird, und unglaubliche 9000 Polizisten werden landesweit auf die Entführung angesetzt.

Unter dem Fenster des Kinderzimmers hatte Betty Gow einen Briefumschlag gefunden, der in schlechtem Englisch eine Lösegeldforderung über umgerechnet eine Million Dollar enthielt. Charles Lindbergh und seine Frau hielten sich genau an die Anweisung der Entführer und schalteten die Polizei nicht ein. Lindbergh beauftragte stattdessen den ihm seit vielen Jahren vertrauten und jetzt pensionierten Schuldirektor Doktor Edward Conden mit der Lösegeldübergabe. Und der fuhr dann, wie es im Schreiben verlangt wurde, mit einem Taxi mitten in der Nacht zu einem Friedhof, wo er dann von einem immer im Dunkel bleibenden Unbekannten angesprochen wurde, der sich John nannte. Doch Dr. Conden hat kein Geld dabei, er verlangt von dem Unbekannten zunächst einen Beweis, dass die Lindberghs es auch wirklich mit dem Entführer ihres Kindes zu tun haben und tatsächlich trifft kurz darauf dann der Schlafanzug des Kleinen im Lindbergh-Anwesen ein. Zur zweiten Lösegeldübergabe fährt Lindbergh dann selbst mit und versteckt sich im Heck des Fahrzeuges. Er hat zwei Taschen gepackt, die eine mit Geld und die andere mit so genannten Goldzertifikaten, die damals eigentlich nur von begüterten Menschen verwendet wurden, aber bis zu etwa 100 Dollar ein durchaus übliches und auch akzeptiertes Zahlungsmittel waren. Um 0 Uhr an einem anderen Friedhof angekommen, mussten sie dann gemäß der Anweisung der Entführer die Fenster herunterkurbeln und dann hören sie: “Herr Dr., kommen Sie hierher, Doktor Conden, Sie müssen hierher kommen“. Diese Stimme sollte dann später noch entscheidende Bedeutung erhalten. Der Doktor folgt dieser Stimme, ein Vermummter nimmt ihm die beiden Taschen ab und wirft ihm dann einen Briefumschlag vor die Füße und in diesem steht, dass Charlie sich im Hafengebiet auf einem neuen Meter langen