Blutspuren im Hyperraum - Stefan Lammers - E-Book

Blutspuren im Hyperraum E-Book

Stefan Lammers

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Beschreibung

Das Verbrechen hat eine Zukunft! Eine trauernde Mutter begibt sich auf die Spuren ihres verstorbenen Sohnes – und heuert als Putzkraft auf einem interstellaren Kreuzfahrtschiff an. Zwei ungleiche Polizisten – einer menschlich, die andere nicht – fragen sich, wer da eigentlich ständig auf sie schießt. Ein Privatdetektiv ermittelt unter Einsatz seines Lebens zwischen Ammoniakschwaden und Geiferwürmern. Eine Baulöwin, deren Schuld längst erwiesen ist, bedient sich einer eingestaubten Methode und hochmoderner Video-Technologie, um ihren Kopf doch noch aus der Schlinge zu ziehen. Vier Autoren wagen einen Blick in die Zukunft des Krimis und stellen fest: Gemordet wird noch immer! Mit Novellen von: Stefan Lammers | Nob Shepherd | Nele Sickel | Sabrina Železný

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 320

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Blutspuren im Hyperraum

– 4 SF-Novellen –

Herausgegeben von Nele Sickel

 

Vollständige E-Book-Ausgabe der Druckausgabe

 

 

ISBN 978-3-946348-44-3

ISBN 978-3-946348-43-6 (Print Ausgabe)

 

© Eridanus Verlag | Jana Hoffhenke

Hastedter Heerstraße 103 | 28207 Bremen

Alle Rechte vorbehalten

 

Lektorat: Nele Sickel | Christine Jurasek

Korrektorat: Anke Tholl

Umschlaggestaltung: Detlef Klewer

Ebook-Realisierung: Jana Hoffhenke

Vorwort  

~ ~ ~

 

»Der Körper – der Käfig – alles gediegen –

doch durch die Gitterstäbe blickt das wilde Tier heraus.«

 

Hercule Poirot in Agatha Christies

»Mord im Orientexpress«

 

Der Mensch umgibt sich mit schönen sauberen Dingen, warmem Licht und bequemer Technologie. Er benimmt sich, erfindet Regeln und befolgt sie – zumindest solange andere zuschauen. Doch die Kreatur im Inneren, ihr Verlangen und Lieben, ihre Gier und ihr Neid bleiben unverändert. Das ist heute genauso wahr, wie es gestern war. Wird es auch morgen noch gelten?

Was macht es mit uns Menschen, wenn wir fremde Planeten besiedeln? Wenn wir uns mit intelligenter Technologie ebenbürtige Wesen an unsere Seite holen? Tragen wir die alten Sünden schlicht an neue Orte oder tauschen wir sie gegen andere ein?

Die vier sehr unterschiedlichen Novellen, die in diesem Buch versammelt sind, nähern sich diesen Fragen jede auf ihre Weise. Krimi in der Zukunft. Wie sieht das aus? Was ändert sich – oder eben gerade nicht?

Die Idee zu dieser Sammlung stammt von Christoph Grimm, dem an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei. Von ihm stammt das Thema und auch die Freiheit, mit der jeder Autor dieses Thema interpretieren durfte.

Herausgekommen ist eine wunderbar bunte Mischung.

 

Wir laden euch, liebe Leserinnen und Leser, daher ein, uns zu begleiten. In die Weiten des Alls, auf ferne Planeten, aber auch in die nahe Zukunft unserer Erde. Vieles hat sich dort geändert, aber eins sei euch versprochen:

Gemordet wird noch immer!

 

Weiterlesen auf eigene Gefahr …

 

Nele Sickel

November 2023 

Señora Pintado (Sabrina Železný)

 

~ ~ ~

Kapitel 1

 

Aus der Nähe betrachtet sah die Catrina nicht so perfekt und strahlend aus wie in den knallbunten Werbespots.

Sonora blieb stehen, schloss eine Hand fester um den Riemen ihrer Reisetasche und ließ prüfend den Blick über das Kreuzfahrtraumschiff gleiten. Auf jede Kleinigkeit bedacht, wie es in einer Ermittlung notwendig war.

An vielen Stellen durchzogen Risse den Lack; an manchen war eine frische Schicht mit sichtlicher Hast aufgetragen worden, das Weiß war dort heller. Auch das t von Catrina musste nachgebessert worden sein, sein Lilaton passte nicht zu den übrigen Buchstaben. Hier und da zogen sich Schlieren über den Außenlack, ein Hauch von Grau, der darauf hinwies, dass Reinigungswasser vor dem Austausch zu oft verwendet worden war. Und dort, wo die Boardingrampe für die Passagiere üblicherweise ans Schiff herangerückt wurde, zeigten sich Kratzer, die …

Sonora straffte die Schultern.

Auf jede Kleinigkeit bedacht.

In ihrem Fall war es nicht der Blick einer Detektivin. Es war der Blick einer Putzfrau.

»Señora Pintado?«

Der Klang der warmen und zugleich souveränen Männerstimme ließ Sonora zusammenfahren. Ihr Blick schnellte zu der geöffneten Eingangsluke vor ihr: ein unglamouröser Zugang zu ebener Erde.

Wer über die Boardingrampe an Bord ging, bekam von lächelnden Stewardessen ein Willkommenspaket und ein Sektglas in die Hand gedrückt – aber jener Einlass war den Passagieren vorbehalten.

Der Mann an der Luke trug die lilafarbene Uniform der Stewards, und immerhin hatte er auch ein dünnes Lächeln für Sonora übrig. Gepflegter dunkler Bart, wachsame braune Augen; die Art, wie er ihren Namen ausgesprochen hatte, verriet, dass Spanisch seine Muttersprache sein musste. Zugleich lag in seiner Stimme ein Hauch von Ungeduld, den Sonora zu gut von Vorgesetzten kannte. Dabei war sie nicht einmal zu spät. »Das bin ich. Guten Tag. Ich soll mich hier melden?« Sie sagte es auf Englisch, nur zur Sicherheit – so hielt man es Vorgesetzten gegenüber, das kannte sie auch von Carrero Corp.

Er nickte knapp und winkte sie näher. »Esteban Vasco, Chefsteward. Lassen Sie uns die Formalitäten erledigen.«

»Natürlich.« Sonora kramte ihr Smartphone hervor, rief den ID-Code auf und hielt Vasco das Gerät hin. Neben seinem schlanken Handtablet wirkte es billig, aber immerhin glänzte der Bildschirm blitzblank, während Vascos Display von Schlieren und Fingerabdrücken überzogen war.

Er scannte den Code, und an seinem Tablet leuchtete eine grüne LED auf, begleitet von dem freundlichen Signalton für einen erfolgreichen Check.

Sonora atmete auf. Jay hatte ihr versichert, dass es keine Probleme geben würde, aber trotzdem war sie bis eben angespannter gewesen, als sie bewusst bemerkt hatte.

Vasco reichte ihr das Smartphone zurück, ohne den Blick von seinem eigenen Bildschirm zu nehmen. Ein weiteres knappes Nicken, und dennoch blieben seine Brauen skeptisch zusammengezogen.

Sonoras Erleichterung bröckelte. »Gibt es ein Problem?«

»Sie sind uns … empfohlen worden«, sagte er gedehnt und musterte sie jetzt doch.

Es fiel ihr schwer, seinem Blick standzuhalten. Ihnen war ja beiden klar, was empfohlen wirklich bedeutete. Jay Hernández hatte ihr Netzwerk und eine nicht unbeträchtliche Summe Geld spielen lassen, um Sonora diesen Job zu besorgen. Kein offizieller Kanal, aber es war nicht illegal. Das sagte Sonora sich auch jetzt, um ihr pochendes Herz zu beruhigen. Sie nickte.

»Und Sie waren bisher bei Carrero Corp. hier auf dem Gelände?« Vasco machte eine vage Handbewegung in Richtung Stargaze-Park: weit mehr als ein Weltraumhafen, sondern auch Ausflugsziel und Attraktion für jene, die sich eine Kreuzfahrt mit den Schiffen der Stargaze Unlimited nicht leisten konnten. Bungalows, Shops und Restaurants, Fahrgeschäfte und ein interaktives Museum mit Flugsimulatoren. Nach all den Jahren kannte Sonora den gewaltigen Komplex in- und auswendig – Carrero Corp. war dafür zuständig, hier alles sauber und funktionsfähig zu halten. Sie nickte wieder.

Vasco seufzte und sah ihr direkt in die Augen. Sein Englisch war hervorragend, es blitzte kaum Akzent zwischen den geschliffenen Silben hervor. Wahrscheinlich war er in den USA geboren oder sehr jung hergekommen – Sonora fragte sich, von wo. »Sie haben ein sehr gutes Arbeitsprofil, durchweg fünf Sterne und solide Expertise. Leute mit solchen Referenzen werden uns selten empfohlen. Ich finde es bemerkenswert, dass Sie nach mehr als vierzehn Jahren Ihren sicheren Job hier unten aufgeben wollen, um bei uns anzufangen.«

Mit einem Mal rauschte das Blut viel zu laut in ihren Ohren. Sie umklammerte das Smartphone, meinte, es an ihrer feuchten Handfläche wegrutschen zu spüren. Unter Vascos prüfendem Blick war sie schlagartig überzeugt, dass ihr Unterfangen enden würde, bevor es überhaupt angefangen hatte. Alles umsonst. Sie schluckte hart. »Es war eben Zeit für eine Veränderung …«, behauptete sie unsicher.

Vasco verzog keine Miene. »Ich habe mich erkundigt. Sie sind die Mutter von Albo San Román.«

Der schmerzhafte Klumpen in ihrer Magengrube machte sich sofort wieder bemerkbar. Sonora konnte nicht antworten, nur den Blick senken, auf Asphalt und ihre Turnschuhe starren. Trotz aller Gründlichkeit war sie den hässlichen Grauschleier nicht völlig losgeworden.

»Mein Beileid«, schob Vasco nach. Es klang bemüht, als sei er unsicher, wie angemessen die Bemerkung war.

Sonora nickte nicht. Sie sah nur auf und fand Vascos Blick.

»Ich kann mir vorstellen, dass es nicht leicht für Sie ist«, sagte der Chefsteward, »aber ich muss Sie das fragen: Dass Sie hier anfangen wollen, hat mit Ihrem Sohn zu tun, nicht wahr?«

Sonora dachte an die vergangenen Wochen zurück. An die schnörkellose Mail von Stargaze Unlimited, die an jenem ungewohnt schwülen Tag in ihr Postfach geflattert war: Wir bedauern sehr, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Albo Rafael San Román Pintado im Rahmen eines unbewilligten Landgangs auf (4) Vesta ums Leben gekommen ist. Obwohl wir aufgrund der Umstände zu keinerlei finanziellen Aufwendungen verpflichtet sind, werden wir als Unternehmen für bis zu fünfzig Prozent der Bestattungskosten aufkommen. Zusätzlich erhalten Sie als [Zutreffendes bitte auswählen] des Verstorbenen eine einmalige Entschädigungszahlung und einen Rabattcode über fünf Prozent, den Sie bei der Buchung einer Sternenkreuzfahrt (Luxusklasse, Außenkabine, einlösbar bis Ende Oktober) geltend machen können. Zu Einzelheiten der Rückführung sowie anfallenden Gebühren und Obduktionskosten werden wir uns noch gesondert bei Ihnen melden. Im Namen von Stargaze Unlimited sprechen wir Ihnen unser Beileid aus und hoffen, Sie bald bei uns an Bord begrüßen zu dürfen – kennen Sie schon unsere wohlig schaurige Halloween-Kreuzfahrt?

Sie hatte die Mail wieder und wieder gelesen, mit all den grauenhaft lieblosen Textbausteinen darin. Sie hatte keine Tränen gehabt, zumindest nicht sofort – solange sie nicht weinte, war die Nachricht weniger wirklich. Sie hatte es Lola nicht sagen können, als die im Morgengrauen von der Arbeit gekommen war, sondern ihr nur stumm das Smartphone hingeschoben. Zum ersten Mal in den zwölf Jahren, die sie ein Paar waren, hatte sie Lola sprachlos gesehen. Sie wollten es beide nicht glauben.

Fanny hatte sie es erst zwei Tage später sagen können, im wöchentlichen Videoanruf, und an jenem Tag hatte Sonora auch endlich weinen können, lange und heftig, während ihre Tochter – noch immer so schmal und blass nach der Zeit in der Klinik – unaufhörlich den Kopf schüttelte. Nein, nein, nein. Doch nicht Albo.

Sie dachte an die Anrufe von Stargaze Unlimited. An das Blinken der Überweisungsmitteilung, als die Entschädigung eintraf. Sie dachte an den schmucklosen Holzsarg, den sie nicht einmal selbst hatte aussuchen dürfen, an das Bündel mit Albos Habseligkeiten und den verschwitzten Pfarrer bei der Beerdigung, der Albos Namen falsch aussprach und ständig auf seine Armbanduhr sah. Und sie dachte an den glutheißen Nachmittag in Jays Büro, an das Rattern des Ventilators und Jays geweitete Augen, als Sonora das zerknitterte Banknotenbündel auf den Tisch klatschte. Ich brauch einen Job, Jay. – Aber Son! Hat Carrero dir gekündigt? Sie dachte an ihr Kopfschütteln. Ich brauch einen Job auf der Catrina. Du hast Kontakte, nicht wahr?

»Señora Pintado?«

Vascos Stimme fuhr grob zwischen ihre Erinnerungen, und Sonora zuckte zusammen.

»Ja«, brachte sie hervor. »Es hat auch mit ihm zu tun.«

Der Chefsteward musterte sie, und Sonora straffte sich unwillkürlich. Die Reisetasche wog mit einem Mal ungemein schwer auf ihrer Schulter. Bildete sie es sich nur ein oder glänzte da eine Ahnung von Verachtung in seinen Augen? Verachtung für die rundliche Mittvierzigerin, die ihren spanischen Akzent nicht einmal ansatzweise verbergen konnte, für die Illegale, die auch nach so vielen Jahren in den Staaten noch keine Papiere beantragt hatte, für die Versagerin, die sich als Putzfrau durchschlug? Oder war es doch einfach Mitleid für die trauernde Mutter nach dem Verlust ihres Sohns? Almudena Bravo hätte es sofort erraten – aber Sonora war nun einmal nicht Meisterdetektivin Almudena Bravo.

Wenn er mich nur an Bord lässt, dachte sie panisch. Er kann mich doch nicht jetzt im letzten Moment wieder fortschicken.

Vasco räusperte sich. »Was haben Sie für Absichten?«, fragte er eine Spur leiser als zuvor, und Sonora brauchte einen Moment, ehe sie begriff, was sich geändert hatte: Er hatte ins Spanische gewechselt. »Sehen Sie, ich habe vollstes Verständnis für Ihre Trauer. Aber nach meinen Informationen ist die Firma Ihnen sehr entgegengekommen, gerade finanziell, und wenngleich das natürlich kein Ersatz ist –«

Kuba, dachte Sonora, er sprach das schnelle und abgehackte Spanisch eines Kubaners. Es mochte eine freundliche Geste sein, dass er in ihre gemeinsame Muttersprache gewechselt war. Vielleicht aber auch eine Finte.

Sie lächelte ihm zu und antwortete auf Englisch: »Ja, natürlich. Die Firma war sehr bemüht.«

Vasco zog kaum merklich die Brauen zusammen. Ob er beeindruckt oder gekränkt war, dass sie nicht ebenfalls ins Spanische wechselte, konnte sie nicht sagen.

»Ich brauch einfach Zeit, um mich damit abzufinden«, setzte Sonora hinzu. Seltsamerweise fiel es ihr leichter, auf Englisch zu lügen. »Sie können das vielleicht nicht verstehen, aber ich glaube, ich kann besser Abschied nehmen, wenn ich … eine Weile an dem Ort bin, an dem er auch war.«

Der Chefsteward schwieg und musterte sie weiterhin prüfend.

»Sie haben meine Unterlagen gesehen. Ich kann mit CrystalClear 2.0 umgehen und mit Cleanstar Alpha – da habe ich sogar das offizielle Zertifikat. Ich mache gute Arbeit. Ich …« Jetzt war es an ihr, sich zu räuspern. »Sie wissen ja, unter welchen Umständen Albo gestorben ist. Ich möchte es wiedergutmachen. Für Stargaze, meine ich, indem ich gute Arbeit mache. Wir hätten alle etwas davon …« Ihre Stimme brach. Sie war einfach nicht fürs Lügen gemacht.

»Ay, Señora Pintado«, sagte Vasco nach einer langen Pause, und es klang mitfühlend. »Ich versteh Sie sehr gut.« Auch er hatte nun wieder ins Englische gewechselt. Seine Hand wanderte zu seiner Schirmmütze, einen Augenblick lang schien es, als wolle er sie sich vom Kopf ziehen. »Ihr Albo war ein guter Arbeiter, fleißig und engagiert. Er fehlt sehr.« Ein wehmütiges Lächeln huschte über seine Züge. »Es schmerzt, dass er dermaßen … abgerutscht ist am Ende. Aber wie dem auch sei …« Er straffte sich, die Hand sank wieder hinab, ohne die Mütze mitzunehmen. Schlagartig war Vasco wieder ganz Chefsteward, ganz Vorgesetzter, ganz Stargaze Unlimited. »Bei allem Verständnis für Ihre emotionale Lage muss ich Ihnen nachdrücklich nahelegen, an Bord keine Auffälligkeiten zu zeigen.«

»Das habe ich nicht vor.«

»Stargaze Unlimited ist ein sehr umsichtiges Unternehmen, und unsere Mitarbeitenden liegen uns am Herzen. Doch damit das für alle funktioniert, brauchen wir Disziplin und Verlässlichkeit – von allen Beteiligten. Halten Sie sich daran und machen Sie keinen Ärger, denn das wird uns zu Konsequenzen zwingen.« Seine Kiefermuskeln spannten sich einen Moment lang an. »Leute mit Ihrem Status können bei uns anfangen, weil wir Dekret 451 … sehr großzügig auslegen. Aber sollten wir Unregelmäßigkeiten feststellen, wird diese Großzügigkeit für uns nicht mehr tragbar sein und wir werden den Behörden entsprechende Daten weitergeben müssen. Sie verstehen?«

Ein kalter Schauder kroch über Sonoras Wirbelsäule. Vor ihrem inneren Auge flackerten Polizeiuniformen und überfüllte Grenzgefängnisse auf; das Nicken war ein Kraftakt. Fast dreißig Jahre in den Staaten, in einer legalen Grauzone, in der sie für sich, Fanny und Albo ein so gutes Leben aufgebaut hatte, wie es möglich war. Was sie jetzt vorhatte, konnte all das zerstören.

Doch sie musste das Risiko eingehen.

Vasco betrachtete sie, einmal mehr fragte sie sich, was er dachte. Das Lächeln kehrte nicht auf seine Züge zurück, aber seine Stimme klang immerhin weicher, als er sagte: »Gut. Dann willkommen an Bord.«

Kapitel 2

 

Die Abfertigung durch Vasco dauerte keine zwanzig Minuten. Im Wesentlichen überreichte er Sonora ihre Keycard, die sie für nahezu alles benötigen würde, was sie auf diesem Schiff zu tun gedachte: vom Entriegeln der eigenen Kabinentür über das Einloggen für ihre Schicht bis hin zur Essensausgabe. Als Mitglied der Reinigungskohorte bekam sie außerdem ein eigenes Handtablet, klein und speckig, sowie eine Kittelschürze und eine Schirmmütze in den Farben von Stargaze Unlimited.

»Verhaltensregeln, Lagepläne und alles Weitere von Belang finden Sie auf dem Pad«, erklärte Vasco mit einem knappen Nicken. »Denken Sie daran, die Kantine ist nur zu bestimmten Zeitslots fürs Personal zugänglich und ansonsten unseren Reisenden vorbehalten. Lounge, Wellness- und Trainingsbereiche sind tabu, Reinigung natürlich ausgenommen. Alles Weitere wird Ihnen Señorita Firlán noch erzählen. Sie ist im gleichen Bereich tätig und«, er warf einen ungnädigen Blick auf das Display seines Pads, »sollte jeden Moment hier sein. – Kein Kontakt mit den Reisenden, bleiben Sie nach Möglichkeit außer Sichtweite. Haben Sie noch Fragen?«

Sonora raffte ihre neuen Habseligkeiten an sich. Die Luft an Bord der Catrina schmeckte abgestanden, die leicht flackernde Beleuchtung fiel schummrig aus, und beides drohte ihr Kopfschmerzen zu bereiten. »Landgänge sind nicht gestattet, nicht wahr?«

Er verzog kurz den Mund. »Die Highlights unserer Kreuzfahrt sind unseren Reisenden vorbehalten, die schließlich dafür bezahlen. Das gilt auch für unser lunares Wellness-Event und die Erlebnis-Tour auf Vesta.«

Diesmal hielt sie seinem Blick stand, grub die Finger nur fester in den Stoff der lila Schürze. »Wissen Sie etwas über Albos Landgang?«

Vascos Lider flatterten unbehaglich. »Alles Wesentliche sollte Ihnen Stargaze Unlimited bereits mitgeteilt haben.«

»Ich will es doch nur verstehen«, flüsterte Sonora. »Sie sind der Chefsteward. Haben Sie gar keine Ahnung …?«

»Señora Pintado«, sagte Vasco steif und stützte sich mit beiden Armen auf seinem Schreibtisch ab, »wenn ich von den Absichten Ihres Sohnes gewusst hätte, wäre er wohl noch am Leben. Denn dann hätte ich persönlich dafür gesorgt, dass es zu dieser Regelwidrigkeit gar nicht erst kommt.«

»Sie sagten, er war ein guter Arbeiter.« Sonora war sich bewusst, dass sie ihre Worte sorgsam wählen musste. Sie dachte an Almudena Bravo und die legendäre Verhörszene in Blutnacht von Monterrey – aber dies hier war keine Kriminovela und sie keine betörende Privatdetektivin, der selbst harte Drogenbosse nur zu gern Rede und Antwort standen. »Hat er denn sonst jemals Regeln gebrochen?«

Vasco seufzte. »Was tut das zur Sache? Er hat es auf Vesta getan, und das war einmal zu viel.«

»Ich frage mich einfach, warum.«

»Aus dem gleichen Grund wie wohl alle, die sich in so etwas verstricken.« Er zuckte mit den Schultern. »Vermutlich brauchte er Geld. Was er damit anstellen wollte, kann ich Ihnen nicht sagen. Das können Sie sich vermutlich eher zusammenreimen, schließlich war er Ihr Sohn.«

In diesem Moment ertönte ein Piepsen, und der Chefsteward atmete sichtlich auf und betätigte einen offenbar schwergängigen Knopf, der die Schiebetür aufgleiten ließ. »Señorita Firlán. Das wurde auch Zeit.«

»Sorry, Chef.« Im Türrahmen lehnte ein Mädchen und grinste. Sie war klein und drahtig, trug das schwarze Haar verwuschelt und mit einem Sidecut, und über ihrem lässigen Top wirkte die Stargaze-Unlimited-Kittelschürze reichlich deplatziert. Ihre dunklen Augen blitzten lebhaft, und auf dem linken Oberarm prangte ein kunstvolles Tattoo in Blau und Smaragdgrün. Das Mädchen wirkte kaum älter als Fanny.

Vascos Brauen zogen sich in klarem Missfallen zusammen, und für einen Moment hatte Sonora das Gefühl, einen Vater und seine rebellische Teenager-Tochter zu beobachten. »Señora Pintado fängt heute hier an. Weisen Sie sie in alles ein.«

»Geht klar.« Die Kleine zwinkerte Sonora zu.

»Sie wird auch in Ihrer Kabine schlafen.«

»Da muss ich wohl glatt die zweite Pritsche freiräumen.« Das Mädchen lachte und stieß sich vom Türrahmen ab. Ihre Stimme hatte einen rauchigen Klang, und ihre englischen Worte trugen einen Hauch von vertrautem Akzent.

Es überraschte Sonora daher kein Stück, dass ihre neue Ansprechpartnerin ins Spanische fiel, kaum dass sich die Schiebetür zu Vascos Büro wieder hinter ihnen geschlossen hatte. »Na dann, willkommen. Ich bin Frida. Keine Angst, der Chef ist schon ganz in Ordnung, auch wenn man’s nicht gleich vermutet.« Ihr Grinsen wurde noch eine Spur breiter.

Fast wie Fanny, dachte Sonora unwillkürlich, oder so, wie Fanny wäre ohne das Teufelszeug.

Ihr ging auf, dass Frida sie erwartungsvoll ansah. »Sonora. Freut mich.«

»Mal sehen, wie lange die Freude anhält! Ich zeig dir erst mal unsere fürstlichen Gemächer, und dann gibt’s ’ne Führung! Krieg bloß keinen Schreck.«

 

Es fühlte sich merkwürdig an, einfach eine Schürze über der Alltagskleidung zu tragen statt wie bei Carrero Corp. eine komplett eigene Uniform. Doch Sonora schob diesen Eindruck beiseite und beeilte sich, Frida durch die Gänge der Catrina zu folgen – und ebenso dem munteren Redeschwall ihrer neuen Kollegin. Ab und an begegneten sie vereinzelten Gestalten, und Frida stellte sie vor: Miranda war in der Kantine tätig, Luis – ein schmaler Junge, der Sonora kaum älter als fünfzehn erschien – half in der Wäscherei. Charo, eine junge Frau mit kurzen Haaren und einem mechanischen Unterarm, arbeitete im Technikbereich.

Genau wie Albo, dachte Sonora, und der Kloß in ihrem Hals war sofort wieder da. Charo musste Albo gekannt haben. Und Frida vermutlich auch? Sonora hatte gewusst, dass es an Bord eine große hispanische Gemeinschaft gab, größtenteils Leute wie sie, die sich mit all jenen Jobs über Wasser hielten, die sonst niemand machen wollte. Leute, die seit Jahren in den USA lebten – oder sogar geboren waren –, aber den Kopf unten behielten, anstatt sich auf den langwierigen Kampf um offizielle Papiere einzulassen. Es war schlichtweg zu teuer und zu riskant. Sonora kannte das Dilemma selbst. Sie hätte Arbeitserlaubnis und alles Weitere vermutlich sogar bekommen können, aber dann sofort ihren Job bei Carrero Corp. verloren. Denn offizielle Arbeitskräfte kosteten zu viel Geld, das sich leicht sparen ließ, wenn man jemanden ohne die entsprechenden Ansprüche anstellte.

»… und hier in den Schließfächern gibt’s Erste-Hilfe-Kits.« Fridas Worte plätscherten munter in Sonoras abschweifende Gedanken. »Du kannst jederzeit was rausnehmen, aber du musst es natürlich loggen.«

Sonora starrte die klobigen Metallkästen an. »Gibt es auch einen Arzt?«

»Ärztin.« Frida lachte. »Dr. Jameson. Ist schon ’ne Feine, aber nicht für solche wie uns zuständig, sondern für das zahlende Publikum.« Sie blieb stehen und zog ihr Pad aus der Schürzentasche. »Hui, wir sollten uns sputen und zu unserem Allerheiligsten kommen. Komm, ist gleich hier den Gang runter.«

Sonora gab sich Mühe, Schritt zu halten. »Wie lange bist du schon hier?«

Frida blieb vor einer unscheinbaren Schiebetür stehen und winkte Sonora, ihre Keycard durch den Leseschlitz zu ziehen. »So drei Jahre. Hab hier angefangen, da war das Spa auf dem Mond frisch fertig und alle wollten hin. Krasse Zeiten. Da haben sie händeringend Personal gesucht, weil jedes Schiff überbucht war. Damals waren wir zu fünft im Team … Ich weiß ja nicht, was du vorher gearbeitet hast, aber eins sag ich dir, Weltraumtouris sind Schweine, stell dich drauf ein.«

Ein grünes Lämpchen blinkte, und die Tür glitt auf.

»Ich war bei –« Sonora brach ab und blinzelte ungläubig.

»Willkommen im Herzen der Macht«, sagte Frida mit einer ausladenden Armbewegung. »Quasi das Silicon Valley unseres Schiffs, der Hort unserer grandiosesten Hightech-Artefakte … Ach, was red ich, sieh einfach selbst.«

Sonora trat in den Raum, blickte sich um und starrte fassungslos.

»Beeindruckend, nicht wahr?«, hauchte Frida.

»Ist das …« Sonora musste sich räuspern. »Ist das ein Sandor 500?«

Frida legte sich übertrieben feierlich eine Hand auf die Brust und nickte.

Sonora konnte den Blick nicht von dem klobigen Reinigungsbot mit dem zweigeteilten Wischwassertank nehmen. Noch einmal räusperte sie sich. »Der ist nur Deko, oder?«

Frida prustete los.

»Ich meine … die werden doch gar nicht mehr hergestellt!« Sonora sah sich im Rest des Raums um, studierte das müde Blinken vereinzelter LEDs, versuchte Silhouetten einzuordnen. »Gehen wir jetzt ins echte Depot?«

Frida lachte lauter.

Ein ungutes Gefühl beschlich Sonora. »Du veralberst mich.«

»Ich wünschte, es wär so.« Frida blinzelte und fuhr sich demonstrativ über die Augen, als müsse sie Lachtränen wegwischen. »Das ist das echte Depot.«

Sonora suchte nach einem Hinweis in dem frechen Gesicht, dass ihr gerade ein für Neuankömmlinge bestimmter Streich gespielt wurde. Zu deutlich stand ihr das Depot von Carrero Corp. vor Augen: ein langgestrecktes Lagerhaus, bis in den letzten Winkel grellweiß ausgeleuchtet. Dutzendfach aufgereiht standen die weißschimmernden CrystalClear 2.0.

Dass es für ein Kreuzfahrtraumschiff kein vergleichbares Heer an Reinigungsbots und -maschinen brauchte, war Sonora klar gewesen. Aber das hier war nicht mehr als eine Rumpelkammer voller Elektroschrott.

»Willkommen an Bord, Sonny«, sagte Frida achselzuckend, trat vor und tippte den nächsten Sandor 500 an. »So läuft das hier. Wir haben acht von denen, früher haben die auch noch alle funktioniert. Aktuell müssen wir mit fünf auskommen.«

Sonora schüttelte den Kopf. »Wie viele Leute sind wir im Reinigungsteam?«

»Drei. Eigentlich. Weiß aber nicht, ob Dina es noch an Bord schafft. Kann sein, dass wir die Kiste zu zweit schaukeln müssen.« Sie zuckte mit den Schultern, und Sonora fühlte ihre Mundhöhle trocken werden.

»Zwei Leute und fünf Sandor 500 für ein gesamtes Schiff? Das …«

»Ah, und bei dem da drüben müssen wir den Wassertank manuell wechseln, das funktioniert schon seit Monaten nicht. Aber hey, Hauptsache, die Logs funktionieren. Total fancy, die erfassen, wie lange wir wo gebraucht haben und welche Programme wir durchlaufen lassen. Angeblich gibt’s Bonuspunkte für gute Leistung, aber na ja, ganz ehrlich, in Wahrheit werden wir nur regelmäßig zusammengestaucht, weil wir fünf Minuten zu lang in der Lounge gebraucht haben. Effizienz über allem! Nur halt nicht, wenn der Wassertank hinüber ist.«

Sonora presste die Lippen zusammen. Eine Zeit- und Leistungserfassung gab es auch bei Carrero Corp., aber dort berechneten die CrystalClear 2.0 auch auf hochauflösenden Farbdisplays die optimale Route für jeden Reinigungsdurchgang, erstellten Zeitgutschriften und machten es einem einfach, die Vorgaben zu erfüllen. Und sobald es an einer Maschine einen Defekt gab, wurde automatisiert jemand aus dem Technikteam verständigt und das Problem meist noch im laufenden Betrieb behoben, während die diensthabende Reinigungskraft mit einem anderen Exemplar weiterarbeitete. Ein defekter Wassertank? Bei Carrero Corp. war so etwas in fünf Minuten behoben.

»Es muss doch jemand für die Wartung zuständig sein«, sagte Sonora.

Fridas Lächeln verschwand. »Der ist … nicht mehr da.«

»War es Albo?« Die Worte entschlüpften Sonora, bevor sie es verhindern konnte, kratziger als beabsichtigt.

Fridas geweitete Augen beantworteten die Frage deutlich genug.

Sonora wandte sich ab und starrte den veralteten Reinigungsbot vor ihr an. Sie hatte sich bedeckt halten wollen, vorerst jedenfalls. Almudena Bravo pflegte es auch so zu halten, und Kalte Knochen in Acapulco hatte ja gezeigt, warum das so wichtig war. Aber jetzt spürte sie Fridas fragenden Blick auf sich, und die Worte ließen sich nicht mehr zurücknehmen. »Er war mein Sohn.«

»Oh nein. Oh, verdammt. Sonny, das tut mir so leid.« Frida trat näher und legte ihr eine Hand auf den Arm. Die Maske der frechen Sorglosigkeit war gefallen, in diesem Moment sah Sonora nur Mitgefühl in den dunklen Augen. »Ich hatte ja keine Ahnung … Oh, wow.«

Sonora zwang sich zu einem tiefen Durchatmen. »Das war also Teil seiner Arbeit? Die … Putzbots?«

Mit einem schiefen Lächeln zog Frida ihre Hand zurück. »Mehr oder weniger. War auch ein mieser Job, glaub mal nicht, dass wir groß Ersatzteile an Bord hätten. Albo war echt ein Guter, der hat sich dahintergeklemmt wie sonst was. Hat sich manchmal die halbe Nacht um die Ohren geschlagen, um diese Mistdinger wieder zum Laufen zu kriegen, wenigstens provisorisch. Kein Plan, was wir ohne ihn gemacht hätten, die Mädels und ich.« Sie seufzte. »Wir waren hier ja mal mehr. Aber Lee hat gekündigt, als sie schwanger geworden ist, Tania ist rüber auf die Preciosa und Marga haben sie schon vor Ewigkeiten gekickt. Dazu der Materialverschleiß und all das … war einfach gut, dass wir jemanden wie Albo hatten. Wenn sie nur mal mehr auf ihn gehört hätten.«

Sonora runzelte die Stirn. »Wer?«

»Na, die Firma. Er hatte verdammt viele gute Ideen. Nicht nur, was die hier betrifft.« Frida pochte mit den Fingerknöcheln auf den stumpfen Plastikkorpus des Sandor 500.

»Was für Ideen?«

Wieder erntete sie ein Seufzen. »So was wie besserer Kantinenfraß mit Vitaminen und so. Schicke Arbeitszeitregelungen. Arbeitsmaterial, mit dem man tatsächlich was anfangen kann. War schon klar, dass das alles nicht durchkommt …«

Es war warm im Depot der Catrina, dennoch lief es Sonora kalt über den Rücken. »Albo hat nie erzählt, dass hier so viel im Argen liegt.«

Fridas Auflachen fiel hart aus. »Vielleicht ist es nur nicht angekommen. Die scannen genau, was sie rausgeben.«

Sonora dachte an die Stargaze-Werbespots, die sie Tag für Tag auf gigantischen Bildschirmen hatte vorbeiflimmern sehen: beschwingte Musik und leuchtende Farben, und überall lächelnde Crewmitglieder.

Ihr Magen zog sich zusammen.

Sie sah Frida zu einer weiteren Bemerkung ansetzen, doch in diesem Moment dröhnte eine Sirene los, die Deckenbeleuchtung flackerte, und über ihnen knarzte ein Lautsprecher. Tief unter Sonoras Füßen begann etwas zu vibrieren.

»Du liebe Zeit, es geht schon bald los!« Schlagartig war Fridas Grinsen zurück, als sei es nie fortgewesen, und sie klatschte in die Hände. »Das ist das erste Signal – noch eine Stunde bis zum Boarding. Bis dahin muss hier alles glänzen.«

»Was?«

Frida verzog das Gesicht und drückte auf den Startknopf ihres Sandor 500. »Na, vielleicht nicht alles, aber was die Leute halt zu sehen bekommen. Da legen wir wohl mal einen Zahn zu, hm?«

Kapitel 3

 

»Meine sehr verehrten Damen und Herren, hier spricht wieder Ihr Kapitän Jonathan Lockwood. Unser Start war erfolgreich und wir werden in Kürze die Erdumlaufbahn hinter uns lassen. Im Namen von Stargaze Unlimited und der gesamten Crew heiße ich Sie herzlich auf der Catrina willkommen! Lehnen Sie sich zurück und entspannen Sie sich. Sobald die orangefarbene Signalbeleuchtung erlischt, können Sie sich an Bord frei bewegen. Genießen Sie den atemberaubenden Ausblick aus unserer Panorama-Lounge oder aus unserem Wellnessbereich – unsere Drei-Sterne-Massage Orion ist in Ihrem Ticketpreis inbegriffen! Das Restaurant ist ebenfalls für Sie geöffnet. Lust auf ein besonderes Extra? Gegen einen geringen Aufpreis können Sie Ihr persönliches Besteck-Set mit einem Inlay aus Meteoriteneisen erwerben. Bei Fragen und Wünschen stehen Ihnen unsere zauberhaften Stewardessen jederzeit zur Verfügung. Die Einzelheiten zu unserer Kreuzfahrtroute erfahren Sie in Kürze von Ihrem unübertroffenen Galaxien-Guide Equis. Aktuell ist auch unser Bordnetz voll funktionsfähig. Machen Sie die Daheimgebliebenen neidisch und teilen Sie Ihre Impressionen auf Quickshot oder Spacebook – und vergessen Sie nicht das Hashtag #StargazeUnlimited!«

Sonora lauschte angestrengt der knarzenden Durchsage, während sie beide Hände um die Sicherheitsgurte krampfte und ihr Bestes tat, die Übelkeit in ihrer Magengrube kleinzuhalten. Ihr Herz raste; das kaltweiße Licht in der Kabine stach durch ihre zugekniffenen Lider. Die Signalbeleuchtung, von der Captain Lockwood sprach, gab es auf dem Crewdeck wohl nicht.

Vor Boarding und Start waren sie eine Stunde lang durch Kabinen und Lounge gewirbelt, bewaffnet mit analogen Wischmopps, während die fünf funktionsfähigen Sandor 500 behäbig hin und her zuckelten. In den Kabinen hatten sich Sonora und Frida mit den drei Housekeeperinnen koordinieren müssen, die ebenfalls in fliegender Hast Betten bezogen und gefaltete Handtücher bereitlegten.

Sonora war es gewohnt, zügig und effizient zu arbeiten, aber diese erste Stunde auf der Catrina drohte sie an ihre Grenzen zu bringen – vor allem, weil sie nicht sorgfältig sein konnte. Die Fenster der Außenkabinen gehörten gereinigt, dem glatten Lounge-Boden hätte eine Nachpolitur gutgetan, und in den Kabinen wäre sie zu gern mit einer Saugdüse durch die Ecken gegangen. Mit einem CrystalClear 2.0 wäre das kein Problem gewesen. Doch unter den gegebenen Umständen blieb nur Mittelmäßigkeit, und wie üblich erfüllte sie das mit Wut. Frida hatte ihr bereits achselzuckend verraten, dass es auf der umfangreichen Checkliste der Reinigungskräfte auch einige Punkte gab, die sie aus Zeitgründen regelmäßig links liegen lassen mussten. »Tiefenreinigung im Shuttlebay? Vergiss es. Da gehen wir zweimal pro Trip schnell mit den Bots durch, damit der Boden tippitoppi ist. Aber die Feuerlöscher und das ganze Gedöns an den Wänden? Ist im Regelbetrieb halt nicht drin. Muss das Wartungskommando halt auch mal mit dem feuchten Lappen drüber, die werden auch besser bezahlt als wir.«

Immerhin war Fridas Arbeitsweise so flink wie ihr Mundwerk – es fühlte sich an, als seien sie ein längst eingespieltes Team. Das machte Hoffnung.

Gerade allerdings war von dieser Zuversicht nicht mehr viel übrig. Sonora hatte schon einmal in einem Flugzeug gesessen und gemeint, damit auf den Start ins Weltall vorbereitet zu sein. Ein fataler Irrtum. Selten zuvor hatte sie sich so miserabel gefühlt.

Sie spürte die Schiffsantriebe unter ihren Füßen dröhnen und bisweilen stottern. Jedes Ruckeln fachte die Übelkeit neu an.

»Hey.« Frida drückte ihre Schulter. »Es ist okay. Wird gleich besser. Der erste Start haut immer übelst rein.«

Sonora blinzelte. Ihr war schwindlig, die Kleidung klebte ihr nassgeschwitzt am Körper, und die Erkenntnis, dass es nirgends ein Fenster gab, das sie für einen erlösenden Schwall frischer Nachtluft aufreißen konnte, machte es nicht besser. Zum Asteroidengürtel und zurück. Sie hatte es sich einfacher vorgestellt.

»Es ist okay«, wiederholte Frida. »Du kannst dich abschnallen. Ist ungefährlich, jetzt ruckelt’s auch nicht mehr. Hier, willst du was gegen die Übelkeit?«

Sie hielt Sonora ein Glasröhrchen unter die Nase. Mattes Weiß schimmerte ihr entgegen, und selbst im harten Kunstlicht der Kabine sah sie das bläulich irisierende Farbspiel.

Mondsand.

Nun brannte der Brechreiz noch heftiger in ihrer Kehle, und Sonora presste sich eine Hand auf den Mund und schüttelte entsetzt den Kopf.

Fridas Augen weiteten sich in plötzlichem Begreifen. »Oh, Mist. Sorry!« Sie schob das Röhrchen in ihre Hosentasche und nahm wieder auf ihrem eigenen Stuhl Platz. Außer den zwei schmalen Pritschen gab es in der Kabine keine richtigen Möbel – nur zwei Klappsitze und ein Metallspind waren in die Wand eingelassen, dazu ein einziges Waschbecken. »Albo hat mir erzählt … Seine Schwester …« Sie machte eine hilflose Handbewegung. »Ich hätte dran denken sollen.«

Sonora wagte es, die Hand wieder sinken zu lassen. Sie sah Fannys ausgezehrte Gestalt vor sich, die tiefen Schatten unter den Augen, und schluckte hart. »Du solltest das Zeug nicht nehmen«, brachte sie hervor. »Es ist gefährlich.«

»Ich weiß. Hat Albo auch immer gesagt.«

Für einen Moment schwiegen sie beide.

»Er hat es gehasst«, sagte Frida schließlich. »Und ich weiß, dass es übler Mist ist. Es macht dich kaputt. Aber hier draußen ist vieles übler Mist. Die meisten an Bord dealen mit Mondsand. So gut bezahlt Stargaze uns nicht, aber grade auf Vesta gibt’s genug Leute, die immer wen suchen, der ihre Ware mit auf die Erde nimmt. Ein bisschen Staub fällt da auch meist ab …« Sie klopfte vielsagend auf ihre Hosentasche. »Ich nehm’s nur selten. Bin auch nicht stolz drauf. Aber ich muss sehen, wo ich bleibe, wie wir alle.«

Sonora suchte ihren Blick. »Die Firma sagt, dass Albo in einem Streit mit Mondsand-Dealern erstochen wurde.«

Frida nickte langsam.

»Dass er selbst gedealt hat.«

»Aber du glaubst das nicht.«

Trotz der stickigen Kabinenluft atmete Sonora tief durch. »Er hat dir von Fanny erzählt. Sie ist im College an Mondsand geraten, und das Teufelszeug hat sie fast aufgefressen. Wir hatten Glück, wir haben sie rechtzeitig in einer Klinik untergebracht – ein Projekt in New York, das auch Leute wie uns aufnimmt …« Sie wischte sich mit dem Ärmel Schweiß von den Schläfen.

Frida nickte erneut. Albo hatte ihr wohl auch davon erzählt.

»Es hat zwei Jahre gedauert, bis sie da raus war. Und Albo … Er hätte das Zeug niemals angerührt. Er wusste, was es mit Fanny gemacht hat.« Sie blickte Frida fragend an. »Er kann nicht gedealt haben.«

»Er hat nicht gedealt«, bestätigte Frida und lehnte sich gegen die Wand. »Hat lieber Zusatzschichten geschoben für ein klein wenig Zuverdienst. Ich hab ihm von meinen Kontakten erzählt, von den gängigen Tricks und wie einfach es ist – man macht sich einen Zweitaccount bei PayMe, da kommt das Geld drauf und niemand kann’s nachprüfen, wir haben alle solche Schattenkonten … Aber Albo wollte das nicht. Ist aber trotzdem klar, dass die Firma behauptet, er hätte gedealt. Dann sind sie aus dem Schneider mit Entschädigungszahlungen und so, können die Summe drücken und alles.« Sie musterte Sonora. »Bist du darum hier? Weil du die Story nicht schluckst?«

Sonora zögerte, dann nickte sie. »Ich muss wissen, was wirklich passiert ist. Wie Albo gestorben ist. Und hier anzufangen war die einzige Chance, es herauszufinden.« Sie atmete tief durch. »Landgänge sind verboten. Warum ist Albo trotzdem von Bord gegangen? Was wollte er auf Vesta?«

Frida krauste nachdenklich die Nase. »Ehrlich gesagt – ich weiß es nicht. Wir haben uns gut verstanden, aber wir waren nicht so eng, dass er mir sowas erzählt hätte. Spricht aber auch noch mal dafür, dass er nicht gedealt hat. Wenn’s um Mondsand gegangen wäre, hätte er mich angehauen, weil ich die Kontakte habe.«

»Hast du eine Ahnung, wem er mehr erzählt haben könnte?«

»Blu könntest du fragen«, sagte Frida sofort. »Vielleicht auch Charo. Die haben beide mit ihm gearbeitet und … viel mit ihm rumgehangen. Ansonsten keine Ahnung. Albo hat sich mit fast allen hier gut verstanden, sogar mit dem Captain.« Sonora riss die Augen auf, und Frida nickte. »Frag Vasco. Der hat den Kontakt hergestellt. Sie haben zusammen zu Abend gegessen und so. Mitarbeiter des Monats, so Kram. Aber hm, schätze mal, mit seinem Landgang wird der Captain nichts zu tun haben.«

»Und wenn doch?« Sonora straffte sich unwillkürlich. »Vielleicht hat er Albo nach Vesta geschickt, um die Mondsand-Dealer auffliegen zu lassen. Und dann haben sie ihn erkannt und ihn ermordet?«

»Klingt ein bisschen nach Rachedurst in Veracruz, wenn du mich fragst.«

Erstaunt musterte Sonora ihre Kollegin. »Das hast du gelesen?«

»Aber hallo!« Frida lachte hell auf. »Ich hab so gut wie alle Almudena-Bravo-Bücher gelesen, sogar die paar, die López geschrieben hat, von denen bin ich nicht so ein Fan. Aber Rachedurst in Veracruz ist echt gut. Wie sie da draufkommt, dass der tote Barkeeper eigentlich undercover die Narcos drankriegen wollte … Ich glaub aber nicht, dass die Firma so ein Manöver fahren würde. Passt nicht zur Marke. Und ich vermute, dass der Mondsandhandel für Captain Lockwood und Co. selbst gar nicht so ein übles Modell ist.«

Sonora zögerte. »Denkst du, dass irgendjemand an Bord einen Grund gehabt haben könnte, Albo umzubringen?«

»Jetzt bist du voll im Almudena-Modus, kann das sein?« Frida seufzte, erhob sich und klaubte ihre Arbeitsschürze von der Pritsche, die sie zum Start achtlos dorthin geworfen hatte. »Ich kann’s mir schwer vorstellen. Wie gesagt, er kam mit allen gut klar, hatte ich den Eindruck.« Ein Grinsen huschte über ihre Züge. »Lag bestimmt auch an Archie.«

»Archie?«

»Sag bloß, du folgst Archie nicht!« Frida kicherte und förderte ihr Handy zutage. »Noch haben wir ja Netz … Schau her, das ist Archie!«

Sonora blickte auf das zerkratzte Display. Als Erstes leuchtete ihr das grellpinke Quickshot-Logo entgegen, darunter blinkten zahllose Fotokacheln. Sie las den Accountnamen: Archie der Fleißige.

Erst auf den zweiten Blick machte sie das Profilbild genauer aus: kein Mensch, sondern ein Sandor 500. »Was?«

Fridas Grinsen wurde noch breiter. »Hat Albo das nie erwähnt? Er hat einen der Bots Archie genannt, den Account eingerichtet und regelmäßig Zeug gepostet. Das Leben aus der Sicht eines Reinigungsbots. Hier, es gibt auch Videos. Teilweise hat er richtige Geschichten erzählt. Das ist Ramona, der Getränkeautomat, mit dem Archie immer auf ein Date wollte …« Glucksend tippte sie das Foto an und hielt Sonora das Handy hin. »Ich glaub, fast alle an Bord folgen Archie. Dabei ist das einer unserer defekten Bots.«

Sonora starrte auf das nicht sonderlich gut belichtete Bild, das die klobige Silhouette des Reinigungsbots vor dem deutlich eleganter wirkenden Automaten am Kantineneingang zeigte. Der begleitende Text erzählte von einem Candlelight-Dinner und Archies grenzenlosem Glücksgefühl; der Beitrag hatte ein paar Dutzend Likes und eine Handvoll Kommentare. Sie sah Albo vor sich, wie er auf seiner Pritsche lümmelte und vor sich hin tippte, den Beitragstext mit übertriebenem Pathos vorlas, mit der freien Hand gestikulierte und immer wieder lachte.

»Ich hätte nicht gedacht, dass Albo auf Quickshot ist.« Sie warf einen letzten Blick auf Fridas Handy und drehte sich weg. »Er mochte solche Plattformen nicht.«

Achselzuckend steckte Frida ihr Smartphone wieder ein. »Na ja, mit irgendwas muss man sich hier draußen bei Laune halten. Schätze, das war Albos Art.« Für einen Moment spielte ein bitterer Zug um ihre Lippen, und Sonora sah ihr förmlich an, dass sie an das Glasröhrchen mit dem Mondsand dachte.

Die Lautsprecher knarzten. Diesmal war es nicht der Captain, sondern eine andere Männerstimme, weich und samtig. »Meine Damen und Herren, herzlich willkommen, hier spricht Equis, Ihr galaktischer Guide und intergalaktischer Entertainer! Verpassen Sie nicht das 3D-Event im Bordkino, mit dem wir Sie auf das bombastische Spiralnebel-Watching morgen einstimmen! Ihre persönliche Spezialbrille erhalten Sie am Einlass – und wenn Sie nachher beim Cocktailabend in der Lounge dabei sind, verrate ich Ihnen, wie Sie unseren geheimen Stargaze-Spot direkt auf der Brille freischalten. Aber Achtung: Die 3D-Brille ist nicht geeignet für den Genuss unseres grenzgenialen Spiralnebel-Spektakels, das Sie morgen exklusiv vom Panoramadeck aus erleben können – nur echt durch unsere revolutionären Bordteleskope!«