Bob und wie er die Welt sieht - James Bowen - E-Book

Bob und wie er die Welt sieht E-Book

James Bowen

4,8
6,99 €

oder
Beschreibung

Wie geht die Geschichte von Bob, dem Streuner weiter? Seit Bob da ist, hat sich mein Leben sehr verändert. Ich war ein obdachloser Straßenmusiker ohne Perspektive und ohne eine Idee, was ich aus meinem Leben machen sollte. Nun stehe ich wieder mit zwei Beinen auf der Erde, ich habe die Vergangenheit hinter mir gelassen, aber ich weiß nicht, was die Zukunft bringen wird. Ich brauche wohl immer noch Unterstützung, um auf meinem Weg zu bleiben. Zum Glück steht mir Bob mit seiner Freundschaft und seiner Klugheit zur Seite. Die wunderbare Geschichte der Freundschaft zwischen James und seinem Kater wurde mit "Bob, der Streuner" zum Welt-Bestseller. In seinem neuen Buch erzählt James, wie Bob ihm in harten Zeiten und selbst in lebensgefährlichen Situationen immer wieder den Weg weist. Mit Fotos von James und Bob

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 302




James Bowen

BOB UND WIE ER DIE WELT SIEHT

Neue Abenteuer mit dem Streuner

Aus dem Englischen von Ursula Mensah

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:

Copyright © by James & Bob Limited and

Connected Content Limited 2013

All rights reserved.

Titel der englischen Originalausgabe:

»THE WORLD ACCORDING TO BOB«

Originalverlag: Hodder & Stoughton Ltd, London

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2014 by Bastei Lübbe AG, Köln

Titelillustration: © Clint Images

Umschlaggestaltung: Christin Wilhelm, www.grafic4u.de

Die Fotos im Innenteil wurden dem Buch

»BOB, NO ORDINARY CAT« entnommen.

Mit freundlicher Genehmigung von

Hodder & Stoughton Ltd. Copyright © Clint Images

Datenkonvertierung E-Book:

hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-8387-5333-1

Sie finden uns im Internet unter www.luebbe.deBitte beachten Sie auch: www.lesejury.de

Dieses Buch widmen wir all den stillen Helden des Alltags, die Obdachlosen und Tieren in Not helfen.

Inhaltsangabe

1 Der Nachtwächter

2 Neue Kunststücke

3 Das Bob-Mobil

4 Ein seltsames Paar

5 Ein Geist im Treppenhaus

6 Der Müll-Inspektor

7 Die Katze auf dem Dach

8 Keiner ist blinder

9 Bobs große Nachtwanderung

10 Zwei Welten

11 Zwei coole Kater

12 Glücksmomente mit Bob

13 Staatsfeind Nr. 1

14 Stolz und Vorurteil

15 Mein Retter

16 Doktor Bob

17 Urinstinkte

18 Warten auf Bob

Epilog: Für immer

Danksagung

Wer eine Katze hat, braucht das Alleinsein nicht zu fürchten.

Daniel Defoe

Könnte man Menschen mit Katzen kreuzen, würde dies die Menschen veredeln, aber die Katzen herabsetzen.

Mark Twain

1

Der Nachtwächter

Es war einer dieser Tage, an denen einfach alles schiefläuft.

Los ging es schon vor dem Aufstehen, weil der Wecker nicht klingelte und ich verschlief. Deshalb verließen mein Kater Bob und ich viel zu spät das Haus, um den Bus zu erwischen, der uns täglich von meiner Wohnung in Tottenham, einem nördlichen Stadtteil von London, nach Islington brachte, wo ich die Obdachlosenzeitung The Big Issue verkaufte. Wir saßen gerade mal fünf Minuten im Bus, als die nächste Panne passierte.

Bob saß wie immer auf dem Sitz neben mir und döste mit halb geschlossenen Augen. Plötzlich hob er ruckartig den Kopf und sah sich argwöhnisch um. In den zwei Jahren, die er jetzt bei mir war, hatte ich gelernt, seine Vorahnungen ernst zu nehmen. Sekunden später füllte sich der Bus mit ätzenden Rauchschwaden. Der Busfahrer verkündete mit aufgeregter Stimme, die Fahrt sei hier und jetzt zu Ende. Er forderte uns Passagiere auf, sofort und »auf der Stelle« auszusteigen.

Das darauf folgende Chaos war zwar nicht vergleichbar mit der Evakuierung der Titanic, aber der Bus war ziemlich voll, und alle Fahrgäste drängelten und schubsten mit viel Ellbogeneinsatz zu den Ausgängen. Ich verließ mich lieber auf Bob, und der hatte es gar nicht eilig. Deshalb warteten wir, bis sich der Tumult gelegt hatte, und stiegen als Letzte aus. Eine weise Entscheidung, wie sich schnell herausstellte. Drinnen hatte es zwar bestialisch gestunken, aber es war wenigstens warm gewesen.

Der Bus war genau vor einer großen Baustelle zum Stehen gekommen. Durch diese Lücke in der Häuserreihe pfiffen uns eisige Sturmböen, denen wir Passagiere jetzt ungeschützt ausgeliefert waren, gnadenlos um die Ohren. Zum Glück hatte ich heute Morgen trotz aller Eile beim Verlassen der Wohnung noch einen besonders dicken Schal um Bobs Hals geschlungen.

Die Ursache für die Rauchschwaden im Bus war schnell gefunden. Es war nur ein überhitzter Motor, aber der Fahrer musste trotzdem auf einen Mechaniker warten. Also standen die meisten von uns über eine halbe Stunde zitternd und frierend am Straßenrand und warteten auf den Ersatzbus.

Der morgendliche Berufsverkehr tat sein Übriges, und so brauchten wir an diesem Tag tatsächlich geschlagene 90 Minuten bis zu unserer Haltestelle in Islington. Wir waren unendlich spät dran. Ich würde die Mittagspause der Geschäftsleute verpassen, eine lukrative Zeit für den Verkauf der Big Issue.

Die letzten fünf Minuten Fußweg zu unserem Stammplatz an der U-Bahnstation Angel dauerten leider auch wieder länger. So war das immer, wenn ich Bob dabei hatte. Manchmal lief er an der Leine neben mir her, aber meistens saß er auf meiner Schulter. Da hatte er den besten Überblick, wie ein kleiner Pirat im Aussichtskorb auf dem höchsten Mast seines Schiffes. Sogar in einer Stadt wie London waren wir beide kein alltäglicher Anblick. Deshalb kamen wir selten mehr als zehn Schritte am Stück voran. Immer wieder wurden wir angehalten, weil jemand Bob streicheln oder ein Foto von uns machen wollte.

Gestört hat mich das noch nie. Bob ist ein wunderschöner Kater mit einer ganz besonderen Ausstrahlung, und er genießt die Aufmerksamkeit von Fremden – solange sie ihm wohlgesinnt sind. Aber genau das kann man bei Fremden nie wissen.

Die Erste, die uns aufhielt, war eine kleine Frau mit russischem Akzent. Sie hatte vom Umgang mit Katzen genauso viel Ahnung wie ich vom Vortragen russischer Gedichte.

»Oh, koschka, so hübsch«, säuselte sie bei Bobs Anblick und blieb vor uns stehen. Sie hatte uns in der Camden Passage erwischt, einem schmalen Durchgang mit vielen Restaurants, Bars und Antiquitätenläden, der auf der südlichen Seite von Islington Green entlangläuft. Ich blieb stehen, damit sie Bob gebührend bewundern konnte, aber sie streckte sofort ihre Hand aus und wollte ihn an der Nase berühren.

Das war ein schwerer Fehler. Bob reagierte instinktiv auf diesen »Angriff«. Er wehrte ihre Hand mit einem blitzschnellen Pfotenhieb ab, wobei er gleichzeitig ein lautes, empörtes »iiiiiauuuuuu« von sich gab. Diese kratzbürstige Reaktion, wenn auch ohne Krallen, hatte die Dame so erschreckt, dass mir nichts anderes übrig blieb, als mir Zeit zu nehmen, um sie zu beruhigen.

»Is’ ok, is’ ok. Ich wollte nur freundlich sein«, stotterte sie, aschfahl im Gesicht. Sie war schon älter, und ich hatte Angst, sie würde gleich mit einen Herzanfall zusammenklappen. »So etwas sollten Sie nie tun, wenn Sie ein Tier nicht kennen«, erklärte ich ihr in ruhigem, höflichem Ton. »Wie würden Sie denn reagieren, wenn ein Fremder Ihnen zur Begrüßung gleich ins Gesicht grapschen würde? Sie haben Glück, dass er Sie nicht gekratzt hat.«

»Ich wollte ihn nicht böse machen«, jammerte sie.

Jetzt tat sie mir leid. »Los, ihr beiden, vertragt euch«, versuchte ich zu vermitteln. Aber Bob hatte keine Lust. Er stellte sich stur. Erst nach einem Versöhnungs-Leckerchen erlaubte er ihr gnädig, ihm sanft über den Nacken zu streicheln. Die russische Frau hörte nicht mehr auf, sich zu entschuldigen, und wollte uns einfach nicht weitergehen lassen.

»Es tut mir so leid, so sehr leid«, wiederholte sie ständig.

»Kein Problem«, versicherte ich ihr wiederholt. Ich wollte einfach nur weiter.

Als wir uns endlich losgeeist hatten und an der U-Bahn-Station ankamen, legte ich, wie üblich, meinen Rucksack für Bob als weiche Unterlage auf den Boden und drapierte die Zeitschriften, die ich am Vortag von unserem Big Issue-Großhändler erstanden hatte, um ihn herum. Mein Ziel war es, an diesem Tag mindestens zwei Dutzend Magazine zu verkaufen, denn wie üblich waren wir mal wieder pleite.

Aber an diesem Tag hatte sich alles gegen mich verschworen, sogar das Wetter.

Seit dem späten Vormittag hingen unheilvolle, stahlgraue Wolkenbänke über der Stadt. Noch bevor ich die erste Zeitung verkauft hatte, platzten sie auf, und ich musste mit Bob in eine nahegelegene Unterführung zwischen einer Bank und einem Bürogebäude flüchten.

Bob ist wirklich sehr belastbar, aber er hasst Regen. Vor allem, wenn es dabei so eiskalt ist wie an diesem Tag. Er scheint bei Regen regelrecht zu schrumpfen. Sein Fell, das sonst hell wie Orangenmarmelade leuchtet, bekommt einen traurigen Graustich. Kein Wunder, dass weniger Leute als sonst seinetwegen stehen blieben. In Folge verkaufte ich auch weniger Zeitschriften.

Den ganzen Tag wollte es einfach nicht mehr aufhören zu regnen. Bob hatte keine Lust mehr, bei diesem Wetter noch länger auf der Straße herumzuhängen. Er bombardierte mich mit vernichtenden Blicken und rollte sich ein wie ein rotpelziger Igel. Natürlich verstand ich seinen Groll, aber ich musste an unsere finanzielle Misere denken. Das Wochenende stand vor der Tür und ich brauchte Geld, um uns bis Montag mit Lebensmitteln und Katzenfutter zu versorgen. Aber mein Stapel an Zeitschriften wurde einfach nicht kleiner.

Die Krönung dieses verhexten Tages war ein junger Polizist, der am Nachmittag auftauchte und ganz offensichtlich ein Opfer für seine schlechte Laune suchte. Das passierte mir zwar immer wieder, aber genau an diesem Tag konnte ich die erzwungene Verkaufspause gar nicht gebrauchen. Ich kannte das Gesetz. Ich war berechtigt, hier meine Zeitschriften zu verkaufen. Mein Verkäuferausweis war der Beweis dafür, und solange ich kein öffentliches Ärgernis erregte, durfte ich mich hier aufhalten. Vom Morgengrauen bis zum Abendrot. Dummerweise war ihm auch noch langweilig, und so bestand er darauf, mich zu durchsuchen. Keine Ahnung, was er gerne bei mir gefunden hätte, wahrscheinlich Drogen oder eine gefährliche Schusswaffe, aber diesen Gefallen konnte ich ihm leider nicht tun.

Er war sichtlich enttäuscht, aber anstatt mich endlich in Ruhe zu lassen und weiterzugehen, fing er an, mich über Bob auszuquetschen. Ich erklärte ihm, dass mein Kater ordnungsgemäß registriert und gechippt war. Damit konnte ich ihm zwar auch keine Freude machen, aber er zog endlich Leine – mit einer Miene, die fast so grimmig war wie das Wetter an diesem Tag.

Ich hielt noch ein paar Stunden durch, aber nach Büroschluss am frühen Abend, als auch die Angestellten nach Hause geflüchtet waren, gab ich auf. Die Straßen füllten sich mit Pub-Besuchern und randalierenden Jugendlichen.

Ich fühlte mich ausgelaugt und leer: Ich hatte mit Mühe und Not zehn Zeitungen verkauft und nur einen Bruchteil von unserem üblichen Tagessatz eingenommen. Ich habe lange genug von Dosenbohnen zum Sonderpreis und Brot vom Vortag gelebt, um zu wissen, dass ich nicht verhungern würde. Ich hatte noch genug Geld für zwei Dosen Katzenfutter und zum Auffüllen der Gas- und Stromuhren. Aber ich würde am Wochenende arbeiten müssen, um meinen Vorrat an Zeitschriften vor dem Montag loszuwerden. Das hätte ich mir gern erspart, denn der Wetterbericht hatte weiterhin Regen angekündigt, und ich war müde und erschöpft.

Auf der Heimfahrt im Bus wurden mir die Glieder schwer, ein sicheres Zeichen für eine Grippe im Anmarsch. Mir tat alles weh und ich hatte Hitzewallungen. Na toll, das fehlt mir gerade noch, dachte ich und kuschelte mich tiefer in meinen Sitz, um ein kleines Nickerchen zu halten.

Der Himmel war inzwischen tintenschwarz, sodass man die Straßenlampen früher eingeschaltet hatte. Bob fand das hell erleuchtete London bei Nacht immer faszinierend. Während ich abwechselnd einnickte und wieder hochschreckte, starrte er wie gebannt aus dem Fenster.

Der Verkehr zurück nach Tottenham war genauso schlimm wie am Morgen auf dem Weg in die Stadt. Der Bus bewegte sich im Schneckentempo vorwärts. Kurz nach der Haltestelle Newington Green war ich fest eingeschlafen.

Ein leichtes Tappen auf meinem Oberschenkel und das Kitzeln von Schnurrhaaren auf meiner Wange holten mich aus dem Tiefschlaf. Als ich die Augen öffnete, schwebten Bobs Nase samt riesengroßer Katzenaugen genau vor meinem Gesicht, während er mit seinen Vorderpfoten mein Knie bearbeitete.

»Was ist?«, nuschelte ich leicht genervt.

Bob legte den Kopf schief, als deute er Richtung Ausstieg. Dann sprang er von seinem Sitz und lief den Mittelgang entlang, wobei er mir über seine Schulter wiederholt beunruhigte Blicke zuwarf.

»Wo willst du hin?«, wollte ich ihm gerade nachrufen, als mein Blick das Fenster streifte.

»Oh, Mist«, fluchte ich, als ich sah, wo wir waren. Wie von der Tarantel gestochen, schoss ich hoch, schnappte meinen Rucksack und konnte gerade noch rechtzeitig den Halteknopf drücken. Ohne meinen kleinen Nachtwächter hätten wir auch noch unsere Haltestelle verpasst.

Auf dem Heimweg vom Bus holte ich mir in der Apotheke noch ein paar billige Grippetabletten. Im nächsten Laden kaufte ich ein paar Snacks für Bob und einen Beutel seiner Lieblingssorte, Hühnchen in Soße. Irgendwie musste ich mich ja bei ihm entschuldigen und bedanken. Wir hatten einen grauenhaften Tag hinter uns und Grund genug für eine Runde Selbstmitleid. Aber als ich zu Hause in meiner kleinen, warmen Wohnung Bob zusah, wie er mit Hingabe sein Futter verschlang, wurde mir klar, dass es nichts zu jammern gab. Hätte ich unsere Bushaltestelle verschlafen, wären wir jetzt immer noch da draußen. Der Wind trieb den Regen vor sich her und klatschte ihn gegen unsere Fenster. Ich hätte mir wahrscheinlich eine Lungenentzündung einfangen statt der leichten Grippe.

So gesehen, war ich doch gut davongekommen und ein wahrer Glückspilz. Die Sichtweise ist entscheidend, frei nach dem alten Sprichwort: Es ist schöner, sich an Dingen zu erfreuen, die man erreicht hat, als über alles zu jammern, was man nicht besitzt.

Nach dem Abendessen machte ich es mir mit einer warmen Decke auf der Couch gemütlich. Dazu gab es einen Grog aus Honig, Zitrone, heißem Wasser und einen Schuss Whiskey aus einer Miniflasche, die schon lange in der Küche herumgelegen hatte. Mein Blick fiel auf Bob, der zufrieden zusammengerollt in seinem Körbchen neben der Heizung schlummerte. Die Widrigkeiten des Tages hatte er längst abgehakt. In diesem Moment hätte er nicht glücklicher sein können. Ich nahm mir vor, die Welt in Zukunft verstärkt mit seinen Augen zu betrachten. Schließlich gab es inzwischen so vieles in meinem Leben, woran ich mich erfreuen konnte.

Vor etwa zwei Jahren hatte ich Bob verletzt im Erdgeschoss meines Mietshauses gefunden. Als ich ihn im düsteren Hausflur entdeckte, sah er ziemlich mitgenommen aus. Seinen Kampfspuren nach zu urteilen, war er von einem anderen Tier angegriffen und verletzt worden.

Anfangs dachte ich noch, er gehöre irgendwelchen Nachbarn, aber da er mehrere Tage an der gleichen Stelle hockte, nahm ich ihn mit nach oben in meine Wohnung und pflegte ihn gesund. Für seine Medizin legte ich mein letztes Geld auf den Tisch, aber das war er mir wert. Es war schön, ihn um mich zu haben, und wir hatten gleich eine starke Bindung zueinander.

Damals hielt ich das Ganze noch für eine kurzfristige Zweckgemeinschaft. Er war ganz offensichtlich ein Streuner, und ich ging davon aus, dass er sich aus dem Staub machen würde, sobald es ihm besser ginge. Aber da hatte ich mich getäuscht. Er wich mir nicht mehr von der Seite. Als es ihm besser ging, nahm ich ihn jeden Tag mit nach draußen, um ihm seine Freiheit zurückzugeben. Und jeden Tag lief er mir nach, wenn ich zur Arbeit ging. Abends tauchte er spätestens im Hausflur wieder auf, um die Nacht bei mir zu verbringen. Es heißt, Katzen suchen sich ihren Menschen aus und nicht umgekehrt. Als er mir eines Tages bis zur Bushaltestelle an der Tottenham High Road hinterhergeschlichen war, wurde mir klar, dass er sich für mich entschieden hatte. Obwohl wir fast zwei Kilometer von meiner Wohnung entfernt waren, musste ich ihn verscheuchen. Widerwillig verschwand er in der Menschenmenge, und ich war sicher, er würde nicht mehr zu mir nach Hause zurückfinden. Aber gerade als mein Bus losfahren wollte, tauchte er wie ein orangefarbener Pfeil aus dem Nichts wieder auf, sprang ins Businnere und fläzte sich wie selbstverständlich auf den Sitz neben mir. Und das war’s.

Seither sind wir unzertrennlich, zwei verlorene Seelen, die auf den Straßen von London ihren Lebensunterhalt zusammenkratzen.

Wir waren Seelenverwandte und halfen uns gegenseitig bei der Verarbeitung unserer schwierigen Vergangenheit. Bob bekam von mir Zuwendung, Futter und ein Dach über den Kopf, und dafür schenkte er mir neue Hoffnung und eine sinnvolle Aufgabe. Er bereicherte mein Leben mit Loyalität, Liebe und Spaß, aber auch mit einem Verantwortungsgefühl, das ich bisher nicht gekannt hatte. Durch ihn steckte ich mir wieder Ziele und sah die Welt mit anderen Augen.

Mehr als zehn Jahre meines Lebens war ich drogensüchtig und obdachlos gewesen. Mein Zuhause waren Toreinfahrten, Obdachlosenunterkünfte oder billige Absteigen in und um London. Meine Erinnerungen an diese verlorenen Jahre sind voller Lücken und schemenhafter Bilder. In einem Nebel der Gleichgültigkeit taumelte ich von einem Tag zum anderen. Das Heroin betäubte meine Einsamkeit und die Scham über mein klägliches Dasein.

Als Obdachloser war ich für die meisten Menschen unsichtbar. Und so vergaß ich mit der Zeit, wie man sich in der normalen Welt benimmt und vor allem, wie man mit seinen Mitmenschen umgeht. Ich war ein Seelenloser, für meine Umwelt so gut wie tot.

Aber mit Bobs Hilfe wurde ich langsam wieder lebendig. In großen Schritten bewältigte ich mein Drogenproblem, machte zuerst einen Heroinentzug und schaffte es auch, die Ersatzdroge Methadon abzusetzen. Noch nahm ich regelmäßig Medikamente, aber das Licht am Ende des Tunnels war bereits zu sehen. Schon bald würde ich ganz ohne Hilfsmittel auskommen.

Das war nicht ganz so einfach, wie es sich jetzt anhört. Einmal süchtig, immer gefährdet. Zwei Schritte vor, einen zurück. Dazu kam mein Arbeitsplatz auf der Straße. Nächstenliebe war dort ein Fremdwort. Ständig musste man auf der Hut sein, Ärger gab es reichlich, besonders für mich. Ich schien Probleme anzuziehen wie ein Magnet. So war das schon immer gewesen.

Ich wollte nicht ewig auf der Straße arbeiten. Zwar hatte ich keine Ahnung, wie und ob ich das je schaffen würde, aber ich war zumindest wild entschlossen, es zu versuchen.

Aber für den Moment war ich zufrieden mit dem, was ich bisher erreicht hatte. Für die meisten Menschen war das vielleicht nicht viel. Ich hatte nie genug Geld, meine Wohnung war weder schick eingerichtet noch in bester Lage, und ich hatte kein Auto. Aber im Gegensatz zu früher hatte ich wieder einen Platz in der Gesellschaft. Ich hatte eine eigene Wohnung und meinen Job als Big Issue-Verkäufer. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte ich eine Perspektive – und ich hatte Bob. Auf seine Freundschaft und Hilfe auf unserem gemeinsamen Weg in die Zukunft konnte ich mich verlassen.

Ich stand auf, um früh ins Bett zu gehen. Vor meinem tief schlafenden Bob blieb ich kurz stehen und kraulte ihm sanft das Nackenfell.

»Wo wäre ich heute wohl ohne dich, mein kleiner Freund?«

2

Neue Kunststücke

Wir sind alle Gewohnheitstiere. Bob und ich sind da keine Ausnahme. Dazu gehört unser Morgenritual. Manche Leute brauchen das Radio, um wach zu werden, andere ihre Gymnastik, und die meisten brauchen eine Tasse Tee oder Kaffee. Bob und ich brauchen Zeit zum Spielen.

Sobald ich wach werde und mich im Bett aufsetze, schält sich auch Bob aus seinem Körbchen, das bei mir im Schlafzimmer steht. Gemächlich schlendert er zu mir herüber, setzt sich vor mich hin und starrt mich erwartungsvoll an. Wenn ich noch schlaftrunken vor mich hin starre, gibt er aufmunternde Laute von sich. Er klingt dann fast wie ein vibrierendes Mobiltelefon. Brrrrrr, brrrrrrr.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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