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Winter 1927/28, Massachusetts. Bobby Brown erlebt das pure Grauen: Ohne erkennbaren Grund überfallen mitten in der Nacht US-Marines sein Elternhaus. Der zwölfjährige Junge kann entkommen - aber in Sicherheit ist er noch lange nicht. Denn die Behörden stehen am Anfang ihrer geheimnisvollen Ermittlungen der sonderbaren Zustände in der alten Hafenstadt Innsmouth. Wird Bobby die Flucht aus seiner Heimatstadt gelingen? Erfahren Sie die ganze Wahrheit über die kalte Silvesternacht 1927 in Innsmouth!
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Seitenzahl: 64
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Kapitel 1: Am Strand von Little Neck
Kapitel 2: Ein Fremder ist in der Stadt
Kapitel 3: Sie kamen ohne Vorwarnung
Kapitel 4: Das Stadtviertel lag im Dunkel
Kapitel 5: Sie werden alle Einwohner deportieren
Kapitel 6: Gewehrsalven donnerten los
Kapitel 7: Oben tobte der Krieg
Oma Winnies Hände fühlten sich kalt an. Doch das machte mir nichts aus. Nach einer Weile spürte ich das Pulsieren unserer Handflächen. Je länger sie meine Hände hielt, umso schneller verschwanden Angst und Kummer aus meinen Gedanken. Als die Sonne in den Fluten des Atlantiks unterging, wurde die Bucht in ein pittoreskes Rot getaucht. Wir lauschten den Wellen, wie sie gegen die Steinwände des Teufelsriffs klatschten. Selbst das Kreischen der Möwen, die in Scharen den wolkenlosen Himmel über uns bevölkerten, ging im Getöse des schäumenden Wassers unter.
Ich liebte diese Momente am Strand von Little Neck, einer kleinen Halbinsel in einem abgelegenen Winkel von Massachusetts. Wir saßen auf einem der massiven Felsbrocken, die verstreut aus dem Sand wuchsen, und das Meerwasser streifte unsere nackten Füße, die wir in das kühle Nass fallen ließen. Der salzig schmeckende Atem des Atlantiks blies uns in unsere Gesichter. Oma Winnie kraulte sanft mein dunkelblondes Haar. Das Hämmern ihres Herzens schlug kraftvoll wie die Schaufelräder der alten Raddampfer. Im Gleichklang sprachen wir das Gebet, so wie uns die Priesterin des Ordens gelehrt hatte: “Vater Dagon, Mutter Hydra, großer Thulu, beschütze uns vor dem Bösen.”
Hinter uns, einige Meilen nordwestlich, schob sich die dunkle Silhouette meiner Heimatstadt gen Himmel. Der reißende Strom des Manuxet, der es kaum erwarten konnte in den Fluten des Ozeans aufzugehen, durchschnitt das Küstenstädtchen in zwei Hälften. Nördlich der Flussmündung verzierten neuenglische Kolonialhäuser mit ihren dreiflügeligen Erkern, spitzen Giebeln und den rechteckigen Kaminen das Hafenviertel, den ein steinerner Wellenbrecher wie eine mittelalterliche Burg umrahmte. Auf der gegenüberliegenden Seite der Flussmündung ruhte ein Ungetüm aus roten Backsteinen und hohen Schornsteinen: die Marsh-Raffinerie. Eine Armee von Lagerhallen, die an der Kaimauer lagen, beherrschte den Panoramablick der Nordhälfte. Und aus dem Meer von Dächern und Giebeln wuchsen die Türme der christlichen Kirchen empor, die mit ihren Spitzen am Himmelsgewölbe kratzten.
Nur dem nahen Betrachter offenbarte sich der heruntergekommene Zustand des Kürtenortes. Wenn die Windböen vom Osten her über die Stadt rollten, hallte das Knallen der löchrigen Fensterläden und das Klappern der rostigen Reklametafeln durch die Straßen. Die scharfe Salzluft und die raue Witterung zerrten ungehindert an der Baumasse der alten Häuser. Aus dem versandeten Hafen liefen nur wenige Fischerboote aus. Die verfallenen Lagerhallen waren die Relikte vergangener Zeiten, in denen Waren aus entfernten, exotischen Ländern ihren Weg in die jungen Vereinigten Staaten gefunden haben. Die Marsh-Raffinerie hatte lange vor meiner Geburt ihre Produktion eingestellt. Wie ein monströser Leichnam lag der Fabrik-Komplex nun still und regungslos in Mitten der Stadt. Die Kirchen waren seit Jahren verstummt. Zwar schlugen die Glocken pünktlich die Stunde, jedoch drangen aus ihren Kirchenräumen keine Choräle und keine Orgelmusik heraus. Ein Tourist oder Tagesausflügler, die den Zauber der Kolonialzeit in diesem neuenglischen Küstenort entdecken wollten, würden enttäuscht werden. Jedoch trat der Fall selten ein, dass sich ein Besucher in meine geliebte Heimatstadt - Innsmouth - verirrte.
In Newburyport sagte man mir, man käme am besten mit dem Zug nach Arkham; und als ich mich am Verkaufsschalter über den viel zu hohen Ticketpreis empörte, erfuhr ich das erste Mal von Innsmouth.
Robert M. Olmstead, Notizen
Freitag, der 15. Juli 1927
Ein Fremder ist in der Stadt. Er kam mit Joes alten, klapprigen Bus. Oma Winnie sagte, ich solle mich von Fremden fernhalten. Sie bringen Ärger und schnüffeln überall herum. Dad war nicht glücklich darüber, dass wir dem Fremden nachgelaufen sind. Aber es war ein großer Spaß! Sandy, Rick, Thad und ich liebten es, Räuber und Gendarm zu spielen. Thad, der älteste von uns vieren, war der Anführer unserer Gruppe - na ja, er bildete sich das ein. Das kam davon, dass sein Vater - Mr James Waite - zum Vorstand des Rates gehörte, der die Geschicke unserer Gemeinschaft leitete. Um seine Autorität als unser Anführer zu unterstreichen, trug der pickelgesichtige Thad die gestreifte Weste seines Vaters, die ihm viel zu groß war, und eine Fliege, die ihn zwischen den heruntergekommen Häusern und kaputten Fischkuttern viel zu förmlich wirken ließ.
Sandy, das einzige Mädchen unserer Bande, war die moralische Stütze und unsere Stimme der Vernunft. Wenn es zwischen Rick, Thad und mir wieder einmal krachte, hat der freche Rotschopf mit den braunen Augen und den unschuldigen Pausbäckchen, der selbst während der Zeremonien unseres Kultes unerschrocken und unverfroren an seinen Kaugummi kaute, zu vermitteln gewusst.
Rick brachte Nichts aus der Fassung. Der pummelige Junge mit dicker Brille (zwecks Röntgenblick) und dem roten Cape (zwecks Fliegen) war sich für kein Abenteuer zu Schade. Er liebte Superhelden-Comics und tat es seinen Vorbildern gleich: Unerschrocken und unermüdlich für die Gerechtigkeit einzuschreiten. Und da war ich: Bob Brown. Für meine Freunde Bobby. 110 Pfund schwer, 5,5 Fuß groß, schlankes Gesicht, runde Augen - eben ein typischer Junge aus Innsmouth.
Wir waren ein perfektes Team und gaben uns den Namen Dagon Detective Club, kurz DDC. Die Magazine Weird Tales und True Detective, deren dünne Seiten von x-maligen Durchblättern bereits abgenutzt waren, lieferten uns die Ideen für unsere schrägen Abenteuer. So vereitelte der DDC eine Invasion von Innsmouth durch die außerirdischen Mi-Go, befreiten die verschwundenen Kinder aus den Fängen des gelben Königs und fanden zwischen den verstaubten Regalen der geschlossenen Stadtbibliothek das verschollene Original des geheimnisvollen Necronomicons in arabischer Sprache. Oft verbrachten wir die Nachmittage damit, an der Kaimauer zu toben oder uns an dem stillgelegten Bahngleis zu verstecken, der vor vielen Jahren Innsmouth mit dem westlich gelegenen Rowley verbunden hatte. Die leer stehenden, von Würmern zerfressenen Lagerhallen an der alten Kaimauer und die toten Salzsümpfe am Rande der Stadt waren eine perfekte Spielwiese für unsere Detektivabenteuer. Wobei wir unseren Eltern nie erzählt haben, wo uns unsere phantastischen Geschichten hingeführt haben. Die Lagerhallen waren heruntergekommen und einsturzgefährdet. Die Salzsümpfe grenzten an die uns feindlich gesinnte Außenwelt.
Jetzt bot sich die Gelegenheit für das DDC-Team einen echten Fall zu erleben. Es war Rick, der diese irrwitzige Idee hatte (Typisch, Rick!). Sandy und ich sträubten uns ein wenig. Was passiert, wenn der Fremde merkt, dass wir ihm nachlaufen? Thad hatte wieder einmal null Bock und wollte lieber am Strand abhängen und seine Füße in den kalten Atlantik eintauchen. Er spüre den Ruf der Tiefe, verkündete der Lulatsch großspurig, während er seine Spinnenarme gen Himmel nach oben streckte. Aber wir wussten es besser. Noch war er nicht soweit. Wir waren zu jung für den großen Tag, den jeder Bewohner von Innsmouth mit Freude erwartet. Wir verschoben die Diskussion. In Wilburs schmuddeligen Gemischtwarengeschäft in der Eliot Street wollten wir uns mit ein paar Süßigkeiten eindecken.
Als wir Wilburs Laden betraten, stockten unsere Herzen. Vor uns stand der Fremde, der mit Joe Sargents Bus in die Stadt gekommen war. Der karierte Anzug schmiegte sich perfekt an der schlanken Gestalt des jungen Mannes, der etwa Anfang zwanzig sein musste. Er bezahlte seine Ware und drehte sich hastig von der Theke weg. Seine runden Augen, die aus den Augenhöhlen hervorstachen, streiften unsere Gruppe - ohne uns eines Blickes zu würdigen. In seiner rechten Hand hatte der Unbekannte eine Whisky-Flasche, die der schräge Wilbur (ein ehemaliger Viehhändler aus Dunwich, der in seiner Freizeit okkulte Bücher sammelte und uralte Götter beschwor), still und heimlich im Hinterzimmer seines Ladens verkaufte.
Der Fremde ging zielstrebig zum Ausgang. Wilbur brummte ein kaum verständliches Danke und Aufwiedersehen in seinem Dunwicher Dialekt. Seine rosa Tentakeln, die unter seinem grauen Arbeitskittel hervor krochen, huschten mit trockenen Wischtüchern über die hölzerne Theke seines Ladens.
Jetzt oder nie!
