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Als die Gäste eines Hotels auf den Malediven erfahren, dass sie aufgrund der Covid-19-Pandemie vorerst nicht ausreisen dürfen, beschließen sie kurzerhand, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen und damit die ungewisse Situation so sinnstiftend wie nur möglich zu gestalten. Am Ende ihrer gemeinsamen Zeit bringen sie es tatsächlich auf exakt 100 Erzählungen, die das Leben in seiner ganzen Themenvielfalt aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchten. Alles zusammen also ein Anlass und eine Idee, die zweifelsohne selbst eines Boccaccios würdig sind…
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Seitenzahl: 736
Veröffentlichungsjahr: 2020
Centino Scrittori
BOCCACCIO RELOADED
100 Erzählungen
verfasst und illustriert von 100 Schülern des Friedrich-Ebert-Gymnasiums Berlin
herausgegeben von Eugen Wenzel
Text: © Eugen Wenzel
10 Abbildungen & Umschlag: © Eugen Wenzel
Buchgestaltung: Klara Prieb, Amalia Racec, Remo M. Rautenstrauch, Eugen Wenzel
Verlag & Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, 2020
ISBN
Hardcover: 978-3-347-08321-9
Paperback: 978-3-347-08320-2
e-book: 978-3-347-08322-6
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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„Kinder, schafft Neues!“Richard Wagner
Inhalt
Vorwort des Herausgebers
Außergewöhnliche Zeiten – Außergewöhnliche Reaktionen
Alles beginnt
Erster Tag
Epidemien und Ausnahmezustände
Zweiter Tag
Krieg, Flucht und Vertreibung
Dritter Tag
Kunst, Musik und Film
Vierter Tag
Krankheit und Tod
Fünfter Tag
Humor und Horror
Sechster Tag
Medienmanipulation
Siebter Tag
Freundschaft und Verrat
Achter Tag
Kriminalität, Betrug, Gewissen
Neunter Tag
Rache, Ehre, Moral
Zehnter Tag
Liebe, Schönheit und Sexualität
Abschied
Nachwort der Projektleiter
Einblicke in den Entstehungprozess des Buches
BOCCACCIO RELOADED
VORWORT DES HERAUSGEBERS
Außergewöhnliche Zeiten – Außergewöhnliche Reaktionen
Vor mehr als 650 Jahren veröffentlichte der florentinische Dichter Giovanni Boccaccio seine Novellensammlung Il Decamerone. Dieser unangefochtene Klassiker der Weltliteratur berichtet von sieben Frauen und drei Männern aus Florenz, die aufs Land fliehen und sich dadurch vor der Pest retten, welche die Stadt fest in ihren tödlichen Griff bekommen hat. Um ihre gemeinsame Zeit der Isolation sinnvoll zu nutzen, beschließen sie, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen, zehn Tage lang, jeden Tag eine pro Person, so dass exakt 100 Geschichten zusammenkommen, als sie endlich in ihre Heimatstadt zurückgehen.
Das Leben hat es so gefügt, dass ich zusammen mit meinen Klassen 9a, 10c und 10d unmittelbar vor dem Ausbruch des Corona-Virus genau dieses Buch im Unterricht gelesen habe, ein vielschichtiges und tiefsinniges Werk, welches dank Covid19 so plötzlich wieder ganz aktuell geworden ist, denn was ist dieses Virus anderes als eine neue Art Pest? Beide versetzen die Menschen in Angst und Schrecken, beide legen den Alltag weitgehend lahm und tauchen das Leben in ein ganz anderes Licht. Damals wie heute sieht sich die Welt einer außergewöhnlichen Situation gegenüber. Außergewöhnliche Zeiten erfordern aber außergewöhnliche Reaktionen, wenn der Mensch ihnen würdevoll begegnen möchte. Mit am außergewöhnlichsten ist in diesem Leben die Kunst, weil sie von ihrem Wesen her durch und durch schöpferisch ist. Unbeirrbar erschafft sie Neues und das ist die einzige angemessene Reaktion auf eine alles vernichtende Gewalt wie die Pest oder das Corona-Virus.
Damit war meine Idee geboren, zusammen mit meinen Schülern ein neues Dekameron zu schreiben. Selbstverständlich stand hinter diesem Projekt nie die Absicht, auf der literarischen Ebene mit Boccaccios Meisterwerk zu konkurrieren, mit dem künstlerischen Genie dieses Mannes. Boccaccio reloaded geht es um etwas ganz Anderes und dadurch in bestimmten Punkten sogar um viel mehr als seinem großen Vorbild: 100 Schüler haben 100 Geschichten geschrieben, ein Buch von 100 jungen Autoren, die mit einer vereinten Stimme würdevoll auf ein Jahrhundertereignis reagiert haben. Ich wage zu behaupten, dass es auf der ganzen Welt keine zweite solche Reaktion gibt. Die Schüler haben etwas ganz Besonderes erschaffen und dafür gebühren ihnen alias Centino Scrittori das höchste Lob und Anerkennung.
Centino Scrittori ist ein Pseudonym – welches sich aus den italienischen Wörtern für ‚hundert‘ (‚cento‘) und für ‚Schriftsteller‘ (‚scrittore‘) ableitet – und Boccaccio reloaded ist keineswegs eine bloße Aneinanderreihung von 100 Erzählungen, sondern ein klar strukturierter Makrotext. Auch in dieser Hinsicht stand sein literarisches Vorbild Pate: Wie Boccaccios Erzähler an jedem neuen Tag immer ein anderes vorgegebenes Oberthema bedienen müssen, so einigen sich auch die Erzähler des vorliegenden Werkes jeden Tag aufs Neue, welche übergeordnete Thematik sie in ihren Geschichten zur Sprache bringen möchten. Auf diese Weise entstand ein in zehn große Unterabschnitte thematisch gegliederter Text. In den einzelnen, circa gleichlangen Kapiteln, die sich Themen wie Epidemien und Krieg, Kriminalität und Manipulation, Kunst und Humor, Liebe und Sexualität und so weiter widmen, erzählen die Schüler über Alltägliches und Außergewöhnliches, über die Ängste und Sorgen, Hoffnungen und Träume, Niederlagen und Siege von Menschen (und einmal sogar auch von Tieren) aus ganz unterschiedlichen Kulturen und Zeiten. Sie erzählen, um es auf den Punkt zu bringen, über das Leben in seinem unendlichen Facettenreichtum. Sie tun dies aus einer unverkennbar jugendlichen Perspektive und sorgen damit für den unbezwinglichen Charme ihres Buches.
Aus diesen Gründen danke ich meinen 100 Autoren und insbesondere Klara Prieb, Amalia Racec und Remo M. Rautenstrauch, die es auf sich genommen haben, die Kommunikation mit ihren Mitschülern zu koordinieren, die Rahmenhandlung zu den 100 Erzählungen zu schreiben und diese zu sortieren, zu korrigieren und letztendlich in eine ansehnliche Buchform zu bringen. Die Eingriffe in diese Gestaltungsprozesse durch meine Person haben sich stets auf das Notwendigste beschränkt. Auch Dennis Jiang, Paul Weinmann und Zhaoguo Wei, die vor allem für die Cover-Gestaltung zuständig war, seien hiermit herzlichst bedankt: Sie haben das Buch illustriert und es dadurch um eine zusätzliche Dimension bereichert.
Bedanken möchte ich mich im Namen aller Beteiligten insbesondere auch beim Haus der Kulturen der Welt, vertreten durch Frau Alexandra Engel, dank dessen überaus großzügigen finanziellen Unterstützung sich zusätzliche gestalterische Spielräume bei der Realisierung des Projektes eröffnet haben, so dass wir am Ende jedem der 100 Autoren ein Hardcover-Exemplar von Boccaccio reloaded als ein Geschenk überreichen und der Öffentlichkeit ein optisch wirklich ansehnliches Buch präsentieren können. Ganz besonders danken möchte ich an dieser Stelle ferner dem Förderverein des Friedrich-Ebert-Gymnasiums zu Berlin auch für seine generöse Zuwendung. Sie hilft uns vor allem dabei, das Buch den Schülern, die nicht am Projekt beteiligt gewesen sind, zu gut erschwinglichen Konditionen zugänglich zu machen und dadurch für seine stärkere Verbreitung in den Schülerkreisen unserer Bildungseinrichtung zu sorgen. Nicht zuletzt gilt mein ausdrücklichster Dank Herrn Rüdiger Kruse, Mitglied des Deutschen Bundestages. Ihm verdankt sich der Kontakt zum Haus der Kulturen der Welt, die geplante Vorstellung des Projektes in der überregionalen Presse und die überaus freundliche Einladung und Möglichkeit, eine Buchpräsentation in den Räumlichkeiten des Deutschen Bundestages zu veranstalten und auf diesem Wege den Schülern ein unvergessliches Erlebnis zu bescheren.
Ihnen, liebe Leser, wünsche ich viel Vergnügen und Freude bei der spannenden Lektüre dieses außergewöhnlichen Buches, dieses Zeitzeugnisses der ganz besonderen Art.
Eugen Wenzel, April/Mai 2020
ALLES BEGINNT
19. März 2020, Malediven: Wir sitzen fest! Es ist nur ein paar Minuten her, dass uns die Nachricht erreichte, dass unsere Flüge zurück nach Hause gestrichen wurden. Alles nur wegen des Coronavirus! Der Leiter unseres Hotels, von dem wir erst einmal nicht wegkommen, meldet sich über die Sprechanlage:
„Liebe Hotelgäste, wir bitten um Ihre Aufmerksamkeit, denn es folgt eine wichtige Durchsage: Wie Sie sicher mitbekommen haben, wurde sämtlicher Flugverkehr in verschiedene europäische Staaten aufgrund der CoVid-19-Pandemie eingestellt. Wir bitten alle Gäste aus Deutschland in den Gemeinschaftsraum im dritten Stock. Gäste aus der Schweiz in den…“
Der Leiter listet noch weitere Länder und Räume auf und die Ansage wird in mehreren Sprachen wiederholt, doch das alles bekomme ich nicht mehr wirklich mit. Wir begeben uns alle zügig in den Gemeinschaftsraum, wo ein großes Durcheinander herrscht. Alle sind durch diese neue Situation sichtlich aufgebracht. Mit der Zeit kehrt allerdings etwas Ruhe ein. Als wir uns setzen, habe ich Zeit, meine Mitmenschen etwas genauer zu betrachten. Mir fällt auf, dass so gut wie alle Altersgruppen vertreten sind.
Der Hotelchef betritt den Raum und bittet alle um Ruhe und Aufmerksamkeit. Er verkündet, dass wir natürlich vorerst im Hotel bleiben können, bis die Flugzeuge der Rückholaktion aus Deutschland kämen, um uns abzuholen. Er wüsste leider genauso wenig wie wir, doch verspreche er uns, dass er uns schnellstmöglich informiere, wenn es neue Informationen gebe. Es stehe uns natürlich gänzlich frei, das Hotel zu verlassen, allerdings rät uns der Hotelchef, dies nicht zu tun, um uns und Andere nicht zu gefährden. Abschließend weist er noch darauf hin, dass es in unserem Hotel noch keinen bestätigten Fall gebe und es ihn freuen würde, wenn dies auch so bliebe. Er verabschiedet sich, um die Gäste der anderen Länder zu informieren und zu beruhigen.
Als der Hotelchef gegangen ist, stehe ich auf. Mir ist klar, dass mich jetzt alle anschauen, aber genau das wollte ich erreichen.
„Wir sitzen offensichtlich alle im selben Boot“, beginne ich etwas nervös. „Was haltet ihr davon, wenn wir die Tage bis zu unserem Rückflug gemeinsam verbringen? Ich meine, wenn wir schon nicht rausgehen sollen, dann…“Auf meinen Vorschlag folgt einen Moment lang Stille, bis sich ein Junge am anderen Ende des Raumes zu Wort meldet.
„Was für ein Quatsch! Was sollen wir denn alle zusammen machen? Da kann ich genauso gut auch in meinem Zimmer chillen.“
Ich möchte antworten, doch mir kommt eine ältere Dame zuvor:
„Also, ich finde die Idee ganz reizend. Du musst ja nicht teilnehmen, wenn du nicht möchtest, mein Junge. “
Er antwortet mit einem Augenrollen und geht. Ich betrachte die Szene leicht amüsiert. Ein Junge aus den vorderen Reihen wirft ein:
„Die Frage an sich ist aber berechtigt. Was wollen wir denn machen?“ Die ältere Dame antwortet:
„Also früher haben wir immer Brettspiele gespielt oder uns Geschichten erzählt, wenn wir etwas zusammen machen wollten. “
„Ich fände Geschichten erzählen toll“, antworte ich und bin glücklich, dass mein Vorschlag nicht komplett abgelehnt wurde. Ein junges Mädchen steht auf und sagt: „Okay, dann bis morgen! Ich freue mich schon.“
Sie lächelt mir zu und geht.
ERSTER TAG
Ich komme so gegen 17 Uhr in den Gemeinschaftsraum und zu meiner Überraschung sitzen dort sogar schon ein paar Leute von gestern. Ich freue mich und setze mich zu ihnen. Wir unterhalten uns kurz und ich schlage vor, noch auf ein paar Andere zu warten. Nach und nach trudeln weitere Menschen ein, unter anderem die ältere Dame von gestern. Langsam werden wir alle ein bisschen unruhig, deshalb schlägt ein Mann im mittleren Alter vor, dass wir doch jetzt anfangen können.
Erste Geschichte
Ein Mädchen im Schulalter überlegt, dass wir doch alle über das aktuellste Thema, also Epidemien oder Ähnliches sprechen könnten. Mir fällt dazu nicht auf Anhieb etwas ein, dem Mädchen aber anscheinend schon.
Januar 2020
Mittwoch. Ich steige aus der U-Bahn, als ich es das erste Mal höre. Ein Mann kommt auf mich zu.
„Das Virus wird uns alle einnehmen!“, ruft er. Seine Augen sind geweitet, rot und sie tränen fast.
Ich bin schockiert, von welchem Virus konnte die Rede sein? Covid-19, ein neuartiges Virus aus China. Aber das gibt es doch nur in China! Ich schüttele den Kopf und gehe weiter.
Donnerstag. Meine Freunde und ich sitzen im Flur und warten, bis der Unterricht beginnt. Einer niest. „Corona Virus!“, scherzt ein anderer. Ich lache, alle anderen auch. Es ist ja auch lustig. So abwegig, das Virus wird doch niemals in unserer unmittelbaren Umgebung ankommen. Das ist schwachsinnig. Absolut realitätsfern.
Freitag. „Es gibt über 5.000 Infizierte in China. Und schon zehn Tote. Wenn es denn stimmt.“ Im Flüsterton liest mein Sitznachbar die Nachrichten von seinem Handy. Ich lächle ihn an. „Mach dir keine Sorgen. Das ist alles ganz weit weg. Wir sind hier in Sicherheit.“
Februar 2020
Samstag. „Das Corona-Virus ist nun in Japan angekommen. Dort gibt es nun schon zwei Infizierte. Dennoch, Experten sagen, dass dieses Virus nicht gefährlicher als die Grippe ist.“ Beruhigt atme ich auf. Die Nachrichten berichten weiter über Krieg, aber das neue Corona-Virus kommt auch oft vor. -Am Anfang: Es gibt täglich ein einminütiges Update über die Situation im China. Aber trotzdem: Angst macht es mir nicht.
Montag. Heute höre ich nichts von dem Virus. Alles ruhig. Aber es bleibt in meinem Kopf.
Dienstag. Sturm. Es herrscht Sturm draußen. Das ist das Thema der Nachrichten heute. Nichts Anderes. Corona? Warum sollte man darüber berichten?
Donnerstag. Der erste Corona Virus Fall in Deutschland. Aber nicht in Berlin, sondern in Bayern.
Wir sind nicht in Gefahr. Ich denke nicht weiter darüber nach. Es gibt keine Gefahr.
Samstag. Der zweite Fall in Deutschland. Aber nicht in Berlin. Keine Gefahr. Keine Gefahr!
Sonntag. Ich war gestern Abend noch auf einer Party. Alles war normal. Ausgelassene Stimmung, manche haben ihr Bier geteilt, ich aber nicht. Ich mag das einfach nicht.
Freitag. Die Nachrichten berichten jeden Tag länger über das Virus, es scheint, als würde es nun als bedrohlich eingestuft werden. Dabei gibt es gerade mal 100 Fälle, verteilt auf zehn der 16 Bundesländer. Ich scrolle durch YouTube. Ich sehe Videos aus Wuhan. Die Leute stehen an den Fenstern und sprechen sich gegenseitig Mut zu. Ich freue mich darüber, dass endlich Wochenende ist. Ich bin auf eine Party eingeladen. Der 16. Geburtstag einer Freundin. Das wird toll. „Wohoo! Auf dieser Party verbreiten wir Corona! Corona-Party!“ Ich runzle die Stirn. Es gibt doch aber noch gar keine Fälle in Berlin? Mein Kumpel tippt mich an: „Der labert schon den ganzen Abend miesen Bullshit. Er sagt sogar, dass wir alle daran sterben werden. Hör einfach nicht auf das, was er da von sich gibt.“
Montag. Als ich vor dem Klassenraum ankomme, sitzt da eine gute Freundin von mir. Sie starrt ihr Handy an. „Es gibt den ersten bestätigten Corona Virus Fall in Berlin.“ Okay, das ist kein Grund zur Panik. In den Nachrichten sagen sie immer noch, es sei ungefährlich. Etwa auf demselben Level wie eine Grippe. Ich hatte noch nie die Grippe. Aber mein Bruder einmal.
Mittwoch. Es ist eine Woche vergangen seit dem ersten Fall. Die Zahl steigt stetig, nun sind auch schon alle Bundesländer betroffen. Ich denke an meine Verwandten, die im Ausland wohnen. Wird es sie auch treffen?
März 2020
Freitag. Italien ist besonders betroffen. Die Zahl der Infizierten schießt in die Höhe und es ist kein Ende in Sicht. In China ist schon seit Wochen alles dicht, in Italien seit heute. Ob uns das auch noch ereilen wird? Ich glaube nicht. Und „Nein!“, das sagen auch die Experten.
Dienstag. Ich hatte heute Training. Sport tut gut. Ein guter Freund dort hat mich zu einem Kinobesuch eingeladen. Ein neuer Actionfilm, der in vier Wochen rauskommt. Ich steh auf sowas.
Donnerstag. Es klingt langsam an, dass das Virus doch gefährlicher als eine gewöhnliche Grippe ist. Es gibt schon so viele Tote. Jeden Tag berichten die Nachrichten eine Minute länger über die aktuelle Situation. Die Epidemie scheint sich immer schneller zu verbreiten.
Sonntag. Eine unaufhaltsame Welle. So beschreibe ich in Gedanken diese Krankheit. Die Corona Toten in China, es sind unzählige. Auch wenn kaum jemand den Zahlen der chinesischen Regierung glaubt. Ich frage mich, wie viele noch folgen werden.
Dienstag. „Häufig Händewaschen, das bedeutet, als Erstes, wenn ihr hier in der Schule ankommt, und als Erstes, wenn ihr zuhause seid.“ Unsere Schule führt die angeordnete Schulung durch. Befehl von oben. „Jetzt zeigen wir euch noch ein Video, wie man richtig seine Hände wäscht.“ Ich kichere in mich hinein. Das kann doch nicht deren Ernst sein. Verhängt das Gesundheitsministerium wirklich die Maßnahme, uns beizubringen, wie man sich die Hände wäscht, obwohl man das tagtäglich macht?
„Lächerlich. Wir sind 16, wir wissen wie das geht“, auch mein Sitznachbar muss lachen.
„Mindestens 20 Sekunden lang die Seife verteilen, dabei nicht die Fingerzwischenräume vergessen“, tönte die Stimme aus den Lautsprechern des Computers. Schwachsinn, denke ich.
Samstag. Heute steht unser Wocheneinkauf an. Wir gehen in unseren Stammsupermarkt, der zwei Straßenecken weiter ist. Er ist recht groß und befindet sich an einer viel befahrenen Straße. Er ist heute voller als sonst. Ich denke mir nichts dabei. Bis ich auf der Einkaufsliste Nudeln sehe. Ich gehe zum Regal. Ist es wirklich das Regal? Es ist komplett leer. Nichts ist mehr da. Keine einzige Packung Nudeln. Völlig verblüfft sehe ich mich um. Auch gehackte und passierte Tomaten sind ausverkauft. Ich kann es nicht fassen. Sowas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen.
Mittwoch. Was? Veranstaltungen sollen abgesagt werden? Ab 1000 Personen, das ist es, was sie heute verkünden. Ich kann es kaum fassen. Das betrifft mich zwar nicht, aber alle Fußballspiele, die stattfinden sollen. Mein Onkel geht gerne ins Stadion, doch das ist jetzt hinfällig. Er wollte diesmal meinen Bruder mitnehmen. Der ist zwar schon 21 und studiert, aber er versteht diese ganze Sorge um das Virus trotzdem nicht. Und ich? Ich bemühe mich einfach nur um gute Laune. Das scheint mir das Wichtigste. Außerdem muss ich mich auf andere Dinge konzentrieren. Corona hin oder her.
Donnerstag. Von 1000 auf 100 auf 50 Personen sinkt die Zahl der bei einer Veranstaltung zugelassenen Personen. Innerhalb eines Tages! Woher kommt dieser Sinneswandel? Auf einmal heißt es auch, dass Corona tödlicher ist als die Grippe. Auf den Straßen laufen die ersten Menschen mit Mundschutz herum.
Freitag. Die Ereignisse und Entscheidungen überschlagen sich. Sollen die Schulen geschlossen werden? Das ist heute in aller Munde. Es findet eine Konferenz diesbezüglich statt. „Zum Schutz, der Alten und chronisch Kranken“, wird immer gesagt. „Die Schulen werden nicht schließen. Da können Sie sich sicher sein“, sagt uns unser Deutschlehrer. Zwei Stunden später wird es verkündet: Die Schulen werden vorläufig zumachen. Nur noch Montag sollen wir kommen und uns Arbeitsaufträge abholen. Kinos müssen übrigens schließen. Das war’s dann wohl mit meinem Film.
Montag. Ich sehe meine Freunde. Ihre Gesichter sehen etwas bedrückt aus. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass das Virus wirklich ernstgenommen wird. Online-Unterricht ist jetzt angesagt.
Dienstag. Wache ich da gerade noch in meiner eigenen Welt auf? Oder in einer wüsten Zukunft? Wie viel Zeit ist seit Corona vergangen? Fünf Jahre? Nein, es ist der erste Tag der unterrichtsfreien Zeit, nur wegen SARS-CoV-2. Auch mein Training wurde abgesagt. Diese verdammte Krankheit.
Mittwoch. Keine EM. Kein Olympia. Alles abgesagt, mir bleibt nur noch Online-Schule. Alle Lehrer bitten uns Schüler zuhause zu bleiben. Alle Läden sollen schließen. Eine Maßnahme, um das öffentliche Leben einzuschränken. Die Infektionswelle soll verlangsamt werden. Kein Mensch lächelt mehr.
Donnerstag. Jeden Tag gibt es Spezialsendungen über das Virus. Die Ausgangssperre in Italien wird verlängert. Ich weiß schon gar nicht mehr, wann sie erlassen wurde. Fast alle Krankenhäuser dort sind überlastet. Die Sterberate ist unfassbar hoch. Die Ärzte müssen entscheiden, wen sie nach Hause schicken, um dort allein zu sterben, und wen sie behandeln. Ich hoffe, dass uns das hier nicht passieren wird. Überall auf der Welt scheint Corona nun zu greifen. Schutzkleidung wird bald Mangelware sein. Das kann doch nicht die Realität sein?! Doch viele junge Leute verstehen das nicht. Es werden Corona-Partys veranstaltet. Ein Mitbewohner meines Bruders feiert fast jeden Tag, seit die Unis zu sind. Ich habe deswegen fast einen Wutanfall bekommen. Abends wird gemeinschaftlich am Fenster für Ärzte applaudiert. Jeder sollte so selbstlos sein wie sie.
Freitag. Ich habe meinen besten Freund am Telefon. „Ich vermisse den Alltag. Irgendwie bekommt man jetzt erst richtig Lust, entspannt eine Runde shoppen zu gehen. Und danach ins Restaurant.“ „Ich weiß genau, was du meinst. Ich darf mich auch nicht mehr mit Freunden treffen. Ich vermisse dich.“ Ich lächle in mich hinein. „Ich dich auch. Wenn das hier vorbei ist, müssen wir uns sehen.“
Sonntag. Kontaktverbot. Nach der Schließung der Grenzen und dem Reiseverbot musste das der nächste Schritt sein. Das ist quasi eine Ausgangssperre unter verdecktem Namen. Und daran sind Leute wie dieser Freund meines Bruders Schuld. Meine Eltern wechseln ins Home-Office.
Eine neue Vorschrift der Regierung. Wie immer: zur Eindämmung des Virus.
„Ab hier ist alles ausgedacht und hoffentlich wird es nie so weit kommen, aber ich würde trotzdem gerne noch weitererzählen“, warnt das Mädchen uns und als von allen Seiten Zustimmung kommt, erzählt sie weiter.
April 2020
Freitag. Die letzten zwei Wochen zogen wie ein Alptraum an mir vorbei. Fast in der gesamten EU wurde eine Ausgangssperre verhängt. Überall sind die Krankenhäuser überfüllt. Meinen Opa hat es auch erwischt. Er liegt auf der provisorischen „Intensivstation“ auf dem Messegelände. Ich unterdrücke die Tränen. Das alles ist so surreal. Ich kann nicht glauben, dass das echt passiert.
Sonntag. Die ganze Welt befindet sich im Ausnahmezustand. Hierzulande horten die Leute Toilettenpapier, in Schottland Whiskey, in Frankreich Rotwein und Käse. Vernünftig, so kann man seine Sorgen in Alkohol ertränken. In den USA kaufen alle vorsorglich Waffen. Unterbewusst prophezeie ich den USA einen Bürgerkrieg. Ich habe da ein ganz mieses Gefühl bei der Sache.
Mittwoch. Die Nachrichten kennen kein anderes Thema als die Pandemie mehr. Mein Opa ist gestern verstorben. Ich kann nicht mehr. Tränen fließen über mein Gesicht. Es soll endlich aufhören! Die Wirtschaft steht vor dem Abgrund, sogar die Lebensmittel könnten knapp werden, weil keine Erntehelfer da sind. Die Schulden dürften ins Unermessliche steigen, da diese Krise allen zu schaffen macht. Ich wollte mir die Zahlen nicht so genau anhören, aber es sind jetzt schon mehr als 1.000.000 Tote weltweit. Hier sind es schon weit über 20.000 und es werden ständig mehr.
Juni 2020
Obwohl draußen ein lauer Sommerwind weht, fühlt es sich nicht nach Sommer an. Die Temperaturen um die 24°C dringen nicht zu mir durch. Mir ist kalt. Forscher haben auf eine Besserung bei wärmerem Wetter gehofft, doch diese kam nicht. Stattdessen scheinen die Menschen verrückt geworden zu sein. Der Schulbetrieb wurde für zwei Wochen aufgenommen und sofort wieder fallengelassen. Manche Schüler werden als Sargträger eingesetzt. Jeder bemerkt es, der Staat geht langsam pleite. Man weiß nicht, wohin mit all den Leichen. Mein Bruder wurde vom Militär eingezogen, er patrouilliert durch die Straßen, denn die Soldaten sollen für Sicherheit sorgen. In den USA ist bereits der Bürgerkrieg ausgebrochen. Alle Menschen sind verzweifelt, hier befürchten viele dasselbe. Die Lebensmittel sind auf dem Feld verdorben, weil niemand sie ernten konnte. Niemals hätte ich gedacht, dass ich erfahre, wie es sich anfühlt zu hungern. Ich umklammere das Telefon. „Meinst du, sie werden noch ein Heilmittel finden?“ „Ich hoffe es. Hey, vielleicht sollten wir beide anfangen zu forschen, was meinst du?“ Ich schmunzle und sehe aus dem Fenster. Die Straßen sind leer, die Stadt sieht wie ausgestorben aus. Dann muss ich husten. Corona positiv. Aber ich werde es sicher überleben. Mit einer Sache hatte der Mann Recht: Das Virus nimmt uns alle ein.
(Tamara.-U. Lorenz)
Zweite Geschichte
Wir sind alle wegen der letzten Geschichte noch ziemlich in unseren Gedanken versunken, als die ältere Dame von gestern sagt: „Ach Mensch, hoffen wir, dass das alles nicht so weit kommen wird. “ Das hoffen wir natürlich alle. Ein alter Herr meldet sich nun zu Wort, um uns seine Geschichte „Jene Jahre des Krieges“ zu erzählen. Wir hören alle gespannt zu und er fängt an.
Immer wieder bin ich verblüfft, wie normal unser Leben heute scheint. Eigentlich waren ich oder meine Familie nie von besonderen Zuständen oder tragischen Schicksalen betroffen. Meine Geschwister, Eltern und ich hatten zwar den Krieg erlebt, doch war das in dem Sinne nichts Besonderes. Nichtsdestotrotz waren meine Enkel immer wieder an meiner Jugend interessiert. Für sie waren die Zustände, unter denen ich damals lebte, nur schwer vorstellbar. Sie wollten wissen, wie ich damals gedacht und gefühlt hatte. Ich begann also, mich mit meinen frühen Jahren auseinanderzusetzten. Vor allem erinnerte ich mich daran, dass ich oft auf der Suche gewesen war nach Antworten auf zahlreiche Fragen, die mich nicht losließen.
Früh fing es an, als ich noch ein kleines Kind war. Nächtelang weinte ich, weil mir klar wurde, dass wir alle eines Tages sterben werden. Ich war vollkommen ratlos. Unvorstellbar war mir die Unendlichkeit. Was hatte ich, was hatte meine Seele all die Jahrmillionen von Jahren, ja die Unendlichkeit, die bereits vor meiner Geburt verstrichen war, gemacht? Nichts, einfach nichts. Und der Gedanke, dass das Gleiche mir noch einmal bevorstehen würde, doch dass ich diesmal aus dem Nichts nicht erwachen würde, ließ mir mein komplettes irdisches Dasein und jenes meiner Mitmenschen komplett nichtig erscheinen. Nachts, völlig aufgelöst, kam ich zu meinem Vater, der träumend in der Badewanne saß. Ich wusste nicht, was ich schlimmer finden sollte: Dass ich eines Tages sterben sollte oder dass ich eines Tages meine Mutter, meinen Vater oder meinen Bruder verlieren sollte? Ich erzählte ihm also von meinem Kummer und er sagte mir, dass wir nicht zu sehr über unsere Vergänglichkeit trauern, sondern das, was wir haben, unser Leben, in vollen Zügen genießen sollten. Sich den Kopf zu zerbrechen, gar traurig zu sein, bringe doch überhaupt nichts.
Wie Sie sich sicher vorstellen können, fand ich diese Antwort damals höchst unzufriedenstellend. Es wäre eine Lüge zu sagen, dass das heute wirklich anders ist, aber irgendwann erkannte ich, dass die Antwort meines Vaters die beste zur Verfügung stehende war.
Als ich dann erwachsen wurde, kam der Krieg. Es war eine Zeit, in der mich viele Fragen heimsuchten. Die Stimmung war zunächst gut und ich war beeindruckt von all dem Tamtam der Großstadt. Ich weiß noch, wie ich damals, ich war noch vor Kriegsbeginn nach Berlin gezogen, von den Nachbarn eingeladen wurde. Es war der Abend des 14. Juni 1940 – die Besetzung von Paris. Ich sah keinen Grund zu feiern, dass eine weitere Stadt in die Hände eines Verrückten gelangt war, und da ich dieser Meinung war und die meisten meiner Mitbewohner überzeugte Parteimitglieder waren, mied ich den Kontakt zu ihnen. Sie waren jene Art Menschen, die nie gesucht hatten. Als Hitler kam und sagte, die Juden seien an allem schuld, da glaubten sie ihm. Gefragt, gesucht wurde da nicht viel.
Nun, wenn man Menschen scheut, die nicht suchen, sondern folgen, dann ist man meist recht einsam und so war es vor allem in jenen Jahren, als Deutschland der Welt zeigte, dass es auch im Diesseits eine Hölle geben kann.
Ich erinnere mich noch an jenen fahlen Greis, der zu dieser Zeit im Dachgeschoss wohnte. Ein blasser alter Mann. Er hatte im Ersten Weltkrieg gedient, wurde in der Schlacht von Verdun verwundet und verlor den rechten Arm. Als er heimgeschickt wurde, schied sich seine Frau von ihm und heiratete seinen Bruder. Ich wusste nicht, ob ich Mitleid mit ihm haben sollte. Er hatte verloren, was er gefunden hatte. Bald verlor er dann auch seinen Job und begann zu trinken. Ich war stets beeindruckt, wenn er jeden Montagmittag seine Flaschen heruntertrug, den Nachschub besorgte, und ich fragte mich dann, ob dort oben noch drei seiner Freunde wohnten.
Die Wohnung, in die ich 1937 einzog, gehörte einst einer jüdischen Familie, die um diese Zeit ihr gesamtes Vermögen verlor und später nach Litzmannstadt deportiert wurde. Als ich den Hausverwalter das erste Mal traf, ich glaube, es war die Schlüsselübergabe, begrüßte er mich mit einem scharfen: „Heil Hitler!“ Er war klein und etwas dick und versicherte mir, wie froh er sei, endlich dieses „Dreckspack“ losgeworden zu sein. Es freue ihn, so sagte er, eine „reinblütige Arierin“ als zukünftige Mieterin zu haben. Ich glaube sogar, es war ein Montagmittag. Dies würde zumindest erklären, warum ich auch den fahlen Greis dort zum ersten Mal sah. Ich glaube, er bemerkte meine Resignation – als wir da im Treppenhaus standen und ich doch eigentlich nur meinen Schlüssel haben wollte. Für einen Krüppel hatte der Hausverwalter nicht viel übrig, und da ich nicht viel für den Hausverwalter übrig zu haben schien, kam ich vielleicht als Zeitgenosse in Frage. Auf jeden Fall lud der fahle Greis mich bald auf einen Whiskey zu sich nach oben ein. Wir unterhielten uns einige Zeit lang. Dann erzählte er mir seine Geschichte: Seine Frau hatte ihn nicht mehr haben wollen. Sein Arbeitgeber auch nicht und schlussendlich auch nicht mehr sein Vaterland, für welches er seinen Arm verloren hatte: „Nur der Schnaps hält es noch mit mir aus und er ist ein treuer Wegbegleiter,“ sagte er dann. Schrecklich war sein Leben, und noch schrecklicher sein Selbstmitleid. Er nahm es den Franzosen schon fast übel, dass sie ihn nicht ganz erwischt hatten. Um Mitternacht fing er dann schrecklich an zu fluchen. Das Glas berührte immer öfter seine Lippen, schließlich griff er direkt zur Flasche. Es wurde würdelos und unangenehm, sodass ich beschloss zu gehen. Seitdem grüßten wir uns nur noch auf dem Flur.
Als Anfang 1943 Stalingrad verloren war, schien etwas in der Luft zu liegen. Nicht, dass die Menschen anfingen zu zweifeln. Sicherlich gab es jene, die jetzt oder auch schon davor ahnten, dass ihr Land aus diesem Chaos nicht heil davonkommen würde, doch die Mehrheit schien sich nichts anmerken lassen zu wollen. Zwar fielen die Anlässe für Einladungen mehr und mehr aus – was nebenbei bemerkt mich nicht weiter bedrückte –, doch umso schärfer, umso ernsthafter wurde das „Heil Hitler!“ meines Hausverwalters.
Auf den Straßen ging auch sonst das Leben weiter. Die Menschen saßen, standen und unterhielten sich – quatschten regelrecht. Man sah Schuljungen, die Rohstoffe für die Industrie sammelten. Sonntags wurde in den Parks idyllisch gepicknickt, natürlich mit sparsamer Verpflegung. Doch kaum jemand verlor ein Wort über den Krieg.
Ende 1943 kamen dann die Flieger immer häufiger und mit ihnen auch der Tod. Ich dachte an meine Kindheit zurück und dann an meine Familie, die ich in einem kleinen Dorf bei Potsdam zurückgelassen hatte. Der Anblick der brennenden Häuser war tragisch und doch faszinierte er mich. Warum fügt der Mensch sich solch ein Leid zu, fragte ich mich später immer wieder, suchte verzweifelt nach einer Antwort. Warum suchte er eine Vernichtungsbeziehung mit so vielen Dingen in der Welt? Es war eines der Dinge, für die ich zeitlebens keine Antwort fand.
Mit den Luftangriffen wurde dieser Zerstörungswille, dieser Zerstörungszwang Teil unseres Alltags. Der Krieg war nicht mehr irgendwo in der Ferne, sondern nun bei uns. Fast jeden Abend dröhnten die Sirenen. Morgens brannten die Häuser. Ich weiß noch, wie ich kurz nach dem Krieg zurück nach Berlin musste, um einige Verwaltungsangelegenheiten zu klären. Erst damals wurde mir das ganze Ausmaß der Zerstörung klar. Als ich 1937 eingezogen war, war Berlin eine stattliche Metropole gewesen. Nun sah ich einen Trümmerhaufen vor mir liegen. Ich schaute in die Augen einer jungen Frau und dachte an das Zerstörerische, an das Böse im Menschen. Umso mehr faszinierte mich sein Streben nach Normalität. Der ein oder andere verlor seine Wohnung, doch die Menschen schienen sich noch immer nichts anmerken lassen zu wollen.
Besonders merkte ich dies in meinem eigenen Haus. Die Nächte verbrachten wir im Luftschutzkeller. Der Hausverwalter, seine Frau, die Frau mit Kind, die im Geschoss über mir wohnte, und der fahle Greis, wir alle saßen dort unten und warteten. Die Luft war dick und muffig, es rieselte Staub von der Decke, es wurde kaum ein Wort geredet. Das Kind weinte schrecklich. Es merkte die Angst seiner Mutter. Sie saß dort, ihr Kind im Arm, und sprach nie ein Wort. Ihr Mann kämpfte noch im Osten, sie wusste, wie aussichtslos die Lage war. Manchmal schimpfte der Hauverwalter über das Geschrei des Kindes. Manchmal fluchte er über die Juden und was sie Deutschland eingebrockt hätten. Seine Frau saß neben ihm. Sie war totenblass und zitterte. „Sie werden uns alle holen“, rief sie und erzählte dann von „den Russen“ und was sie mit den Deutschen machen würden. Der fahle Greis schien davon recht unbeeindruckt. Zur Stunde der Luftangriffe war er bereits wieder oder noch immer im Vollrausch. Er kam langsam die Treppe hinuntergeschritten. Wenn er den Keller betrat, erfüllte eine Fahne den Raum, die der Hausverwalter gelegentlich als „in unerhörtem Maße unpatriotisch“ bezeichnete. Mehr sagte er nicht, vielleicht weil er noch ein wenig Respekt hatte für den fahlen Greis, der schließlich für sein Deutschland in den Krieg gezogen war. Vielleicht fürchtete er aber nur den schweren, muskelbepackten linken Arm, den der fahle Greis noch hatte, vermutlich so stark von der ganzen Flaschenschlepperei. Wenn dann die Frau des Hausverwalters mit ihren Geschichten über „die Russen“ anfing, lallte er nur: „Sollen sie doch kommen!“
Auch ich hatte Angst. Doch Angst ist ein Zustand, an den man sich schnell gewöhnt. Es war nicht jene Angst vor dem Tod, wie sie mich in den Jahren meiner Kindheit nachts heimsuchte. In diesen Nächten war es etwas Intuitives, etwas, was ich nur schwer kontrollieren konnte. Es war, als würde ich zu einem Tier mutieren, dessen Überlebensinstinkt die Kontrolle übernimmt. Ich dachte dann manchmal an die Menschen, die in diesen Nächten starben. Tragisch war all das, doch ich merkte, wie wenig mich ihr Tod interessierte – wie wenig mich der Tod an sich interessierte. Ich dachte nicht mehr über ihn nach, sondern nur noch über das Leben. Ich schätze, in dieser Zeit suchte niemand nach den Fragen und Antworten des Todes. So wie ein Seiltänzer niemals nach unten schaut, entwickelte man einen starren Blick auf das Leben. Ebenso stark wie der Wille zum Leben war der Wille, die Normalität zu erhalten. Je dunkler die Nächte im Luftschutzkeller, umso heller versuchten die Menschen den Tag zu machen. Immer noch gab es Picknicks im Park, die Frau des Hausverwalters trug sonntags ihr Kleid, fröhlich wurden Lieder beim Straßenfreiräumen gesungen. An Ostern 1944 war die Stimmung gut. Ich merkte es ja an mir selbst; ich ging nun ins Café und las Zeitung wie an einem gewöhnlichen Sonntag. Es war, als ob das Offensichtliche verschwand, wenn es nicht ausgesprochen wurde. Es war damals präsent in jedem Moment unseres Lebens. Hätte man es ausgesprochen, dann wäre es zu viel geworden, dann wäre vielleicht Schluss gewesen. Worüber ich lange Zeit nachdachte, war die selbstsüchtige Sturheit, eine Feigheit, die zu den Grausamkeiten dieser Jahre führte; darin musste ich einen faszinierenden Überlebenswillen erkennen. Ein naiver Instinkt, der mich in dieser Zeit antrieb. Umso irritierender war es, wenn dieser Instinkt bei jemandem versagte. Der fahle Greis sah seit Wochen besonders schlecht aus. Eines Tages stand er dann an meiner Tür und bat mich um Geld. Er hatte keine Fahne, was mich nicht überraschte, und erzählte mir, dass in seinem alten Lebensmittelgeschäft eine Bombe eingeschlagen war und dass er nun nicht mehr an seinen Schnaps rankommen würde. Er scheute sich nicht mehr, das Offensichtliche auszusprechen. Ich gab ihm ein paar Mark, dann zog er dankend ab. Es war das letzte Mal, dass ich ihn sah.
Die folgenden Tage war er nicht im Luftschutzkeller anzutreffen. Dann eines Nachts, wir saßen da, der fahle Greis fehlte wie die Tage zuvor, gab es einen gewaltigen Knall. Staub rieselte von der Decke. Die Frau des Hausverwalters schrie schrecklich. „Jetzt haben sie uns“, brüllte sie. Das Kind der Nachbarin von oben war verdutzt. Im Gegensatz zur Frau des Hausverwalters war es nun still und guckte nur entgeistert in die Runde – man hatte ihm seine Rolle geklaut. In diesem Moment dachte ich nicht an den Tod anderer Menschen, sondern an meinen eigenen. Als das Feuer am folgenden Tag gelöscht wurde, holten sie uns aus dem verschütteten Keller heraus. Gleich zwei Bomben hatten das Haus getroffen. Die erste war neben dem Haus eingeschlagen und hatte die Fassade zersprengt, die zweite, eine Brandbombe, hatte das Haus in Flammen gesetzt. Selten sah ich einen solch hasserfüllten Menschen wie die Frau des Hausverwalters an diesem Tag, als wir aus den Trümmern kletterten. Jetzt, wo sie auf die Überreste ihres einstigen Zuhauses guckte, jetzt, wo sie in Sicherheit war, entlud sich all ihr Zorn und all ihre Wut auf „die Russen“ und „die Juden“ und all die Völker, die angeblich ihr Heim und ihre Nation zerstört hätten. Es gibt wirklich nur wenige Dinge, die hässlicher sind als ein Mensch, dessen Herz voll Hass ist. Bald fragte ich mich, wo der fahle Greis stecke. Wir halfen den Tag über zu bergen und Teile der Trümmer wegzubringen. Bei Sonnenuntergang fanden wir ihn dann. Es war nicht mehr viel von ihm übrig, mir wurde schlecht und ich fragte mich, ob er sich schon davor ein Ende gesetzt hatte. So endete meine Zeit in der Hauptstadt. Es gab nun nichts mehr, was mich hier hielt, und schon am nächsten Tag nahm ich den Zug nach Potsdam.
Das ist der Punkt, bis zu dem ich meinen Enkeln die Geschichte meistens erzähle. Dann setzt mein Mann ein und erzählt ihnen, wie ihr Opa ihre Oma noch vor Kriegsende in Brandenburg kennengelernte, wie sie 1945 heirateten und bald zu seiner Mutter nach Frankfurt zogen, um sich dort samt Kindern durch die Nachkriegszeiten zu kämpften.
Ich glaube, ich lernte in jenen Jahren des Kriegs, dass all das Fragen nach dem Leben und dem Tod, die Angst vor der Unendlichkeit Luxusprobleme sind. Ich hatte mit dem Tod Bekanntschaft gemacht und gemerkt, dass es darum ging, sich auf das, was zählte, das Leben, zu konzentrieren.
Irgendwann wollten meine Enkel dann auch wissen, was denn mit den Juden gewesen sei. Ich erinnerte mich an die 50iger, als der Holocaust zum ersten Mal in der Öffentlichkeit thematisiert wurde. Ich las damals von dem Film „Nacht und Nebel“ in einer Sonntagszeitung. Die Bilder sahen schlimm aus. Ich hatte viel gesehen, besonders in den letzten Monaten des Krieges, doch das war etwas Anderes. Das kannte ich nicht, war nicht Teil meines Lebens gewesen. Ja, ich hatte in der Wohnung einer jüdischen Familie gelebt, ja, auch ich hatte bemerkt, wie die Juden Stück für Stück aus der Stadt verschwanden, doch ich war nicht daran beteiligt gewesen. Immer war ich der Partei gegenüber kritisch gewesen, hatte sie gar verachtet – wenn auch nur im Geheimen. Mich ärgerte es, dass alle so argumentierten wie ich. Der Hausverwalter, der SS-Mann, der Wehrmachtssoldat, alle sagten sie, sie hätten damit eigentlich nichts zu tun gehabt. Ich ahnte, dass auch hier ein tiefliegender Selbstschutzmechanismus mich davor bewahrte, etwas Unaussprechbares auszusprechen.
(Paul Oswalt)
Dritte Geschichte
Die nächste Geschichte kommt von einem eher unauffällig gekleideten, ca. zehn jährigen Jungen, der mit seiner Mutter da ist. Er erklärt kurz, dass diese Geschichte zum Glück erfunden ist und meint, wenn er die Geschichte betiteln müsste, würde sie „das Ende des Amstelvirus“ heißen.
Es ist das Jahr 3001, es herrschte lange Ausnahmezustand. Die ganze Welt kämpfte vier Jahre lang mit einem Virus, dem Amstelvirus. Die Symptome sind Fieber, trockener Husten, Atemprobleme, Kopfschmerzen, Halsschmerzen, Schüttelfrost, Übelkeit und eine verstopfte Nase. Es endet immer tödlich. Die Welt hatte schon sehr viele Menschen verloren, denn es gab dramatischerweise keinen Impfstoff.
Viele hofften auf einen Impfstoff. Auch Benjamin, ein kleiner, zehnjähriger Junge. Deswegen forschte er mit seinem Opa Hans nach einem Impfstoff. Sein Opa war ein 86-jähriger Wissenschaftler, der eigentlich auf Meeresbiologie spezialisiert war. Nach über einem Jahr Tüfteln war sich Hans sicher, ein Gegenmittel, das tatsächlich funktioniert, entwickelt zu haben. Vor lauter Freude rief er Benjamin und rannte die Treppe seines Hauses herunter. Er fiel hin und schlug sich den Kopf an seinem Schuhregal auf. Benjamin rief sofort die Polizei und seine Eltern an und steckte den Impfstoff in seine Strickjacke. Durch das Virus war das Gesundheitssystem überlastet. Der Krankenwagen kam zu spät, Hans war bereits verblutet. Kurz nach dem Krankenwagen trafen Benjamins Eltern ein. Sie nahmen den weinenden Benjamin mit nach Hause.
Am nächsten Tag probierte Benjamin seinen Eltern zu erklären, was passiert war und dass sein Opa einen Impfstoff entwickelt hatte, doch seine Eltern stempelten Hans als einen verrückten Wissenschaftler ab. Sie sagten, dass sie verstehen, dass er traurig und es schrecklich sei, dass er seinen Tod hautnah miterleben musste. Damit er sich ausruhen konnte, schickten sie ihn auf sein Zimmer. Benjamin liebte seinen Opa sehr, für ihn war er der coolste Mensch auf der Welt. Er glaubte fest daran, dass der Impfstoff wirklich funktionierte. Die nächsten Tage verbrachte er damit, seine Eltern zu überzeugen, den Impfstoff an die Kollegen von Hans zu schicken, doch die Eltern dachten, sie würden sich und Hans vor den Kollegen lächerlich machen. Benjamin fing an zu überlegen, wie er den Impfstoff an die Öffentlichkeit bringen konnte. Ihm ist durchaus bewusst gewesen, dass einem Zehnjährigen nicht so leicht Glauben geschenkt wird. Wenn nicht einmal seine Eltern ihm glaubten, wer würde ihm dann glauben? Die Frage stellte sich Benjamin auch und weil ihm zunächst niemand einfiel, wurde er schnell entmutigt und gab auf. Es ließ ihm nachts aber keine Ruhe, weil er sich überlegte, dass viele Menschen täglich starben, obwohl er einen wirksamen Impfstoff besaß.
Er befragte seine Eltern nach den Freunden von Hans, weil er glaubte, dass diese ihm glauben würden. Seine Eltern erwähnten Volker. Benjamin kannte ihn bereits, weil er immer auf den Geburtstagspartys von Hans war. Er wusste, dass er ebenfalls Wissenschaftler war. Benjamin probierte ihn zu kontaktieren. Da er noch kein Handy hatte, probierte er mit dem Laptop seiner Mutter eine E-Mail zu schreiben. Der Laptop war aber mit einem Passwort gesichert. Benjamin beschloss, zu seinem Opa zu laufen um in seinem Adressbuch nach der Adresse von Volker zu suchen. Er packte einen kleinen Rucksack mit Klamotten, dem Impfstoff und dem Schlüssel von Hans Haus. Danach verließ leise die Wohnung. Seine Eltern hatten nichts mitbekommen. Den Weg zu seinem Opa kannte er bereits, denn sein Opa hatte ihn oft zu Fuß nach Hause gebracht. Er wusste nicht, wo er das Adressbuch suchen sollte. Er begann im Wohnzimmer, weil sein Opa dort den meisten Krempel hingelegt hatte. Er suchte gefühlt über eine Stunde, obwohl es bestimmt nur zehn Minuten waren, doch das Buch war nirgendwo zu finden. Er ging die Treppe hoch und suchte an seinem Lieblingsort weiter, dem Labor. Sein Opa hatte ihm immer verboten, in diesem Raum seine Sachen zu erkunden, deswegen fühlte er sich schlecht, den Raum zu durchforsten.
Er fand das Adressbuch in einer Schreibtischschublade unter einem Stapel Papier. Er suchte nach Volkers Adresse. Er hatte Glück, denn Hans hatte sein Buch nicht sauber geführt, nur wenige Adressen hatte er sich aufgeschrieben. Volkers Adresse war auf einem Klebezettel hinten im Buch notiert. Benjamin nahm sich den Zettel, plünderte den Süßigkeitenschrank in der Küche und verließ das Haus. Mit reichlich Proviant machte er sich auf den Weg zur S-Bahn.
Benjamin wohnte in Wilmersdorf und musste alleine nach Friedrichshagen. Er wollte am Bahnsteig nach dem Weg fragen und mit der Bahn fahren, doch die Bahnen fuhren schon lange nicht mehr, denn es herrschte eine Ausgangssperre. Die Menschen durften nur noch zum Einkaufen nach draußen. Benjamin beschloss zu laufen und sobald er in Friedrichshagen wäre, würde er einfach nach der Schöneicher Straße fragen, in der Volker wohnte. Er begann zu laufen. Nach etwa 30 Minuten Fußweg dachte er, er wäre in Friedrichshagen. Er lief zu einem Einkaufsladen, denn nur da konnte er sich sicher sein, auf jemanden zu treffen. Er versuchte ein paar Menschen anzusprechen, aber die wollten Abstand halten und liefen weiter. Bis er schließlich eine Frau ansprach, die ihm zuhörte. Die Frau hieß Hannelore, aber Benjamin sollte sie Hanne nennen. Als Benjamin sie fragte, ob er in Friedrichshagen sei, erläuterte sie, dass Friedrichshagen weit entfernt sei, wenn er zu Fuß laufe. Denn Benjamin befand sich mitten in Schöneberg. Hanne wollte die Eltern anrufen, doch Benjamin erklärte, warum er alleine unterwegs war. Hanne dachte sich, wenn es auch nur eine winzige Wahrscheinlichkeit gibt, dass der Impfstoff wirksam gegen das Virus ist, ist es das wert, ihn auf seine Wirksamkeit testen zu lassen. Sie beschloss Benjamin zu helfen und bot ihm an, ihn mit zu sich zu nehmen. Benjamin sah keine Chance mehr, alleine zu Volker zu kommen und willigte ein, mit Hanne zu gehen.
Hanne machte für sie Abendbrot und versprach, Benjamin morgen nach Friedrichshagen zu fahren. Benjamin durfte auf ihrer Wohnzimmercouch schlafen. Er war sehr dankbar, Hanne getroffen zu haben, denn es hätte auch anders für ihn laufen können. Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, brachen sie auf. Sie fuhren mit dem alten Auto von Hanne zu Volker. Die Fahrt dauerte 35 Minuten, in denen sich die beiden besser kennenlernen konnten. Benjamin mochte Hanne sehr, sie erinnerte ihn an seinen Opa, denn sie hatte dieselbe Spontanität und energiegeladene Art wie er.
Als sie angekommen waren, klingelten sie an der Haustür. Volker sprach über die Gegensprechanlage zu ihnen. Er teilte ihnen mit, dass sie leider nicht reinkommen durften, weil er das Virus habe. Benjamin wollte nicht aufgeben. Er legte den Impfstoff vor die Tür. Hanne und Benjamin setzten sich ins Auto und Volker nahm den Impfstoff an sich. Er nahm ihn mit in seine Wohnung und machte ein paar Tests und die Ergebnisse sandte er an einen Virologen.
Benjamin klingelte nochmals an der Tür und Volker sprach wieder über die Gegensprechanlage zu ihm. Volker sagte ihm, dass der Impfstoff mit ein paar Änderungen erstaunlicherweise funktionieren würde, dass das aber noch eine Weile dauern werde. Benjamin stieg total stolz auf seine und Hans’ Arbeit zurück zu Hannelore ins Auto. Hanne fuhr ihn nach Hause, wo er schrecklichen Ärger von seinen Eltern bekam. Sie waren aber in erster Linie froh, ihn wieder zu haben.
Eine Woche später begann die Massenproduktion des Impfstoffes.
Leider verstarb Volker an dem Virus, zwei Tage bevor der Impfstoff hergestellt wurde. Er schrieb in seinen letzten Tagen eine E-Mail an die Presse, in der er erklärte, dass sein bester Freund Hans den Impfstoff entwickelt und sein Enkel ihn nach seinem Tod ganz alleine zu ihm gebracht habe.
(Fenja Wudke)
Vierte Geschichte
Wir sind alle sehr gerührt von der Geschichte. Nach einer kurzen Pause meldet sich eine Frau mit kurzen Haaren, die mir schon gestern aufgefallen ist. Sie meint, sie würde gerne eine Geschichte, die ihre Schwester ihr erzählt hat, mit uns teilen.
Wir schreiben den 25.3.2020. Die Straßen sind so leer, wie nie zuvor. Ich habe ein mulmiges Gefühl, wenn ich aus dem Fenster sehe. Wie konnte sich diese Pandemie so weit ausbreiten? Wieso konnte dieses Geschehen nicht verhindert werden? Tausende Fragen, von Millionen von Bürgern, jedoch keine Antworten. Seit ca. zwei Wochen liegt über Deutschland, nein nicht nur über Deutschland, sondern auch über Italien, Spanien, Frankreich und vor allem China und inzwischen über der gesamten Welt ein riesiger Schatten. Die Menschheit wurde getroffen von dem Corona-Virus. Wir haben die Infizierten und probieren nun mit aller Kraft gegen das Virus anzutreten.
Meine Familie besteht aus fünf Personen. Ich bin 26 Jahre alt, heiße Malia und bin Mutter von zwei Kindern, von meiner süßen kleinen Alina, die vier Jahre alt ist, und meinem Jungen namens Matteo, welcher elf Jahre alt ist und in die dritte Klasse geht. Mein Mann ist 34 Jahre alt und arbeitet selbständig in der Solarindustrie. Ich arbeite in einem kleinen Krankenhaus in Hamburg als Krankenschwester. Vor drei Tagen haben wir erfahren, dass wegen dem Corona-Virus starke Einschränkungen folgen werden. Als Mutter bin ich einerseits besorgt wegen meinen kleinen Kindern, auch wenn es heißt, dass nur ältere Menschen und Risikogruppen gefährdet sind, aber auch wegen unserer Existenz. Wie werden wir in den nächsten Monaten leben? Werden wir genug Geld zur Verfügung haben? Ich meine, große Kredite haben wir nicht, aber auch wenig Rücklagen. Und wenn mein Mann nicht mehr arbeitet, werden wir früher oder später in große Schwierigkeiten geraten, denn mein Gehalt allein wird unsere Familie nicht über Wasser halten können. Ich bin verzweifelt und habe große Ängste, aber trotz alledem weiß ich, dass ich mich in den nächsten Monaten zusammenreißen muss und für mich und meine Familie kämpfen werde, wie nie zuvor. In was für Schwierigkeiten ich geraten werde, ist mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich bewusst.
Als mein Mann heute Morgen einen Anruf bekam, dachte ich für einen kurzen Augenblick, alles bricht zusammen. Sein Chef teilte ihm mit, dass er wegen des Virus in den nächsten vier Wochen voraussichtlich keine Arbeiter beschäftigen darf. Zeitgleich bekam ich eine E-Mail von Alinas Kita, worin es hieß, dass der Betrieb leider eingestellt werden muss, wegen der derzeitige Situation und der starken Ansteckungsgefahr unter den jüngeren Kindern, welche untereinander viel Körperkontakt haben. Ich sitze nun am Fenster, an meinen Küchentisch, und blicke hinaus. Draußen sehe ich nicht viel, ein paar Autos, die umherfahren, ein paar Fahrradfahrer, aber das war's auch schon. Ich merke, mit was für großen Schritten das Virus, auch Covid-19 genannt, auf uns zukommt. Einerseits bin ich froh, morgen um zehn Uhr wieder arbeiten zu müssen, bis spät am Abend, gegen 19 Uhr. Andererseits kann ich mir auch schon vorstellen, was für Arbeit dazukommen wird, mit den vielen Erkrankten. Ich bete jeden Tag, dass ich mich nicht anstecke, denn auch ich habe eine Familie zu Hause.
Heute ist der 28.03.2020. Seit drei Tagen arbeite ich nun wieder als Krankenschwester und merke auch im Krankenhaus, wie sich die Lage zuspitzt. Auf unserer Krankenstation liegen nun acht erkrankte Menschen, davon drei auf der Intensivstation. Aktuell sind der Gesundheitsbehörde 414 Patienten in Hamburg bekannt, die eine Covid-19-Erkrankung haben. Mir persönlich macht das wenig Angst, da ich denke, dass es nach und nach alle Bundesländer treffen wird. Die Pandemie wird sich auch noch weiterhin stark verbreiten. Immerhin hat man sich zwecks Eindämmung des Virus darauf geeinigt, alle Bars, Diskotheken und gastronomische Einrichtungen vorerst zu schließen. Außerdem müssen Kosmetiksalons, Friseure und Einkaufspassagen ihre Leistungen einstellen. Man solle sich zudem draußen nur mit Menschen aufhalten, mit denen man zusammenwohnt, und das auch nur, um Spazieren oder Einkaufen zu gehen. Ein erleichterndes Gefühl für mich. Wenn man manchmal bei einem Einkaufsladen sieht, wie zig Menschen mit zwei Metern Abstand voneinander entfernt stehen und lange warten, um endlich in den Laden zu kommen, oder abends die Straßen so leer sind, dass man jeden Fahrradfahrer hören kann, fühlt man sich so, als wäre man in einer Zombie-Apokalypse und jederzeit dem Tod ausgesetzt. Als ich gestern Abend nach vielen Unterhaltungen und Krisenbesprechungen im Krankenhaus nach Hause kam, erfuhr ich zudem, dass Matteo nun bis zum 19. April von der Schule befreit ist, was die Schulbehörden festgelegt haben, um das Virus einzudämmen. Ich kann mir vorstellen, dass es für meinen Mann hier zu Hause ebenfalls nicht leicht ist. Wie oft er an seine Grenzen kommen wird, wenn Alina schreit oder Matteo wie wild durch die Wohnung saust. Aber auch ich bin fertig. Fertig von den Dutzenden Fällen bei der Arbeit, die mich mitnehmen und weswegen ich seit Nächten wach liege und nicht schlafen kann. Fertig, da ich Angst habe, durch meinen Beruf meiner eigenen Familie zu schaden. Wie man merkt, bin ich ziemlich durch den Wind, und ich bin erleichtert, die nächsten zwei Tage frei zu haben, um mich ein wenig zu erholen und mich auf die kommende Zeit vorzubereiten.
Als ich mich nach meinen freien Tagen auf dem Weg zur Arbeit befinde, gehen mir viele Sachen durch den Kopf. Ich habe gehört, dass uns langsam die Beatmungsmaschinen ausgehen und andere wichtige Schutzutensilien. Wie sollen wir ohne diese Gegenstände arbeiten? Wie sollen wir uns schützen? Mein Handy piepst. Eine Nachricht meiner Kollegin: ,,Hey Malia, seit der dritten Krisensitzung gestern haben wir feste Patienten zugeteilt bekommen. Wir haben fünf neue Fälle, die du übernehmen wirst: Station sechs, drei Kinder und zwei Erwachsene, heute Morgen eingetroffen und auch an Covid-19 erkrankt. Gib dein Bestes! Kuss, Janette.“ Ich schlucke. Drei Kinder und zwei Erwachsene? Wow, das muss ich erstmal verkraften. Ich hoffe, dass es sich nicht um schwere Fälle handelt und wir noch ausreichend Beatmungsmaschinen haben, denn ich weiß, auch andere Krankenhäuser haben einen starken Notstand. Als ich nach einer Weile ankomme, sehe ich die Notaufnahme, komplett überlaufen, wie ich mir denken kann. Unzählige Verdachtsfälle, kein Wunder, wir machen hier über 200 Abstriche am Tag. Es ist Grippe- und Infektionszeit, wir sind also auch gut gefüllt, selbst ohne das Corona-Virus. Ende letzter Woche hieß es noch, wir sollen uns keine Sorgen machen, es sei genug Schutzkleidung da, aber alleine heute wurden die Bestände fast komplett aufgebraucht.
Als ich bei meinen Patienten eintreffe, fällt es mir unfassbar schwer. Vor mir liegen zwei kleine Kinder, ca. acht Jahre alt, beide erkrankt an Corona. Ich kümmere mich um sie, probiere ihnen Mut zuzusprechen, denn auch sie sehen, mit welchen Zuständen es hier vor sich geht. Als ich später hochgehe, auf die Intensivstation, sehe ich einen anderen kleinen Jungen, ebenfalls ca. neun Jahre alt. Er kommt aus Spanien, er war dort mit seinen Eltern im Urlaub. Er hängt an einer Beatmungsmaschine und ist ins künstliche Koma versetzt worden. Vor der Tür steht seine Mutter und als ich aus seinem Zimmer hinauskomme, läuft sie auf mich zu. Es fällt mir unfassbar schwer, sie aufzubauen, da ich weiß, dass das vorerkrankte Kind schlechte Chancen haben wird und ich ihr gegenüber sachlich und ehrlich bleiben muss. Es zerreißt mir das Herz. Ich gehe für ein paar Minuten auf die Toilette durchatmen. Solche Zustände, so viel Trauer und so viel Leid und Elend habe ich hier lange nicht erlebt, nein, noch nie. Ich begebe mich wieder zurück auf die Station zu den beiden Erwachsenen, einem Ehepaar, beide um die 30 Jahre alt und ebenfalls an Corona erkrankt. Ich untersuche sie und schließe sie anschließend an die letzten zwei Beatmungsgeräte an, die ich finden kann. Sie sehen schlecht aus, ihre Lippen werden immer blauer und ihre Gesichter immer blasser. Ich untersuche auch ihren Rachen und Lungenbereich und merke, dass sie noch keine allzu starken Schmerzen haben. Als der Tag sich dem Ende zuneigt, bin ich sehr erleichtert. Trotz alledem beschäftigt mich vor allem der kleine Junge, bis tief in die Nacht hinein. Wird er es überleben? Ich weiß, wie schlecht es um ihn steht, und meine Gedanken fressen mich bald auf. Werden die anderen beiden Kinder gesund bleiben? Es fühlt sich an, als ob ich darüber entscheiden werde. Ich weiß, dass es nicht so ist, doch trotzdem ist es ein schreckliches Gefühl.
Als ich am nächsten Morgen wieder zur Arbeit aufbreche, habe ich ein mulmiges Gefühl. Ich hoffe, dass wir keine schlimmen Fälle mehr reinbekommen werden. Wir sind nicht mehr in der Lage, Betroffene zu betreuen, denn wir haben keine weiteren Beatmungsmaschinen. Ich hoffe, die beiden kleinen Kinder heute nach der Kontrolle aus dem Krankenhaus entlassen zu können. Schon erschöpft von meinen Gedanken, komme ich im Krankenhaus an und mache mich fertig für meine Schicht. Als ich in das Zimmer der Erwachsenen gehe, sehe ich, dass sie deutliche Fortschritte gemacht haben. Ich denke, sie werden heute Abend entlassen werden können. Ein Fortschritt, immerhin. Ich mache mich auf den Weg zur Intensivstation und als ich sein Zimmer betrete, sehe ich seine Mutter, unter Tränen, sie weint. Ich ahne, was passiert ist, und ich merke, wie ich nach und nach immer schwerer nach Luft schnappe. Er hat es nicht geschafft, er ist gestorben. Ich frage, mich wo die Gerechtigkeit bleibt, ich meine: so ein kleiner Junge… Er hatte sein ganzes Leben noch vor sich, bis dieses Virus um die Ecke kommt und nach und nach Familien zerreißt. Ich fühle mit der Mutter, sie tut mir unfassbar leid. Ich will es nicht realisieren, doch ich weiß, ich muss weiterhin stark bleiben. Ich kümmere mich noch um das Nötigste und begebe mich zu den anderen zwei kleinen Kindern.
Als ich eintrete, sehe ich, dass das kleine Mädchen zittert und schwer Luft kriegt. Ich bekomme Angst, wo soll ich Beatmungsmaschinen herbekommen? Ich sehe ihr deutlich an, dass sie sofort auf die Intensivstation muss. Ab diesem Zeitpunkt fängt ein Wettlauf gegen die Zeit an. Sofort gebe ich überall im Krankenhaus Bescheid und probiere an eine Beatmungsmaschine zu kommen, vergeblich. Es gibt keine Masken mehr, aber das will ich nicht einsehen, also beschließe ich, mich heute nicht um die zwei Erwachsenen zu kümmern, sondern aktiv nach einer Beatmungsmaschine zu suchen. Ich schätze, ich sollte noch zwei bis drei Stunden Zeit haben, um eine zu finden, bevor es zu spät ist und das kleine Mädchen, Elisa, wie sie die Eltern vorhin nannten, ersticken wird. In aller Panik renne ich umher. Ich suche in jedem Zimmer, ich gehe selbst in die OP-Säle, doch auch dort wird alles benutzt. Ich wünsche mir zu diesem Zeitpunkt nichts sehnlicher, als aus diesem Albtraum aufzuwachen. Ich begebe mich in das Zimmer, zu dem kleinen Mädchen zurück, voller Wut, aber auch Traurigkeit. Mir kommen die Tränen, als ich sehe, wie das Mädchen nach und nach rot anläuft. Ich weiß, ich werde ihre Eltern nun anrufen müssen und ihnen diese schreckliche Nachricht übermitteln. Ich will es nicht, nein. Doch ich weiß, ich muss. Langsam begebe ich mich aus dem Zimmer hinaus, um die Kontaktdaten der Eltern des kleinen Mädchens zu holen. Ich denke, ich war um die 30 Minuten weg, es sollte sich nichts ändern an ihrem Zustand. Als ich jedoch zurückkomme merke ich, was es für ein Fehler war, wegzugehen. Der kleine Junge weint, und ich verstehe sofort. Er bekommt auch keine richtige Luft mehr, er atmet schon ganz schwer. Ich frage mich, wie ich nun diesen zwei kleinen Kindern noch helfen kann. Ich weiß aus Erfahrung, dass wenn die Luftzufuhr eines Kindes schwerer wird, sie noch um die drei Stunden zu leben haben. Ich muss es hinbekommen, sie am Leben zu erhalten, koste es, was es wolle.
Zuerst rufe ich jedoch die Eltern des kleinen Kindes an. Der Vater fängt sofort an zu weinen, als ich ihm berichte, dass wir nicht mehr genügend Ausrüstung besitzen. Nach längerer Stille sagt er, er werde seine Frau sofort ins Krankenhaus schicken und sich sofort auf die Suche nach einer Beatmungsmaschine für seine Tochter machen. Ich weiß, wie gering seine Chancen sind, aber ich möchte ihm seine letzte Hoffnung nicht nehmen. Ich begebe mich zurück ins Zimmer. Nun sitze ich vor zwei kleinen Kindern und sehe, wie sich ihr Zustand verschlechtert. Ich habe mich noch nie so hilflos und erschöpft gefühlt. Die Zeit vergeht, vier Stunden schon. Ich hoffe, es geschieht ein Wunder und sie halten durch. Ihr Zustand ist im Moment ungefähr gleich schlecht.
Doch dann kommt auf einmal ein Anruf. Hoffnungsvoll sehe ich auf mein Handy. Es ist Dr. Mathias Schröpt, Chefarzt der Station fünf. Er sagt, ich solle mich zur Intensivstation begeben, er hätte eine Maske für mich. Mir kommen die Tränen und ich bin unfassbar erleichtert. Ich lege auf und möchte mich auf den Weg machen. Doch dann schießen mir meine Gedanken wie spitze Pfeile durch den Kopf: Wem gebe ich die Maske? Beide Kinder sind in lebensbedrohlicher Lage, wen soll ich retten? Mir wird schlecht. Ich dachte, die Beatmungsmaschine sei meine Erlösung, aber nein. Wegen ihr werde ich eine Entscheidung treffen müssen, die mich mein Leben lang quälen wird, wie keine Frage jemals wieder in meinen Leben. Welches der beiden kleinen Kinder, die mich unter Tränen ansehen, werde ich töten müssen? Ich bin entsetzt und irritiert. Was soll ich nun tun? Mir kommen die Tränen, ich kann nicht mehr denken. Ich merke, wie mir schwindelig wird und alles anfängt sich zu drehen. Auf einmal spüre ich kalte Hände, die mich halten. Ich setze mich auf, und schaue verwirrt umher. Ich erkenne Dr. Schröpt. Ich drehe mich um, um sofort nach den kleinen Kindern zu sehen. Ich sehe, dass beide ein Beatmungsgerät aufhaben. Mir fällt ein riesiger Stein vom Herzen. Ich erfahre, dass der Vater vor etwa zehn Minuten reinstürmte, da er es schaffte, seiner Tochter eine Beatmungsmaschine zu besorgen. Als er sah, dass ich ohnmächtig wurde, holte er sofort Dr. Schröpt, welcher sich schon auf dem Weg befand, da er angefangen hatte, sich zu wundern, dass ich die Beatmungsmaschine nicht abholen kam. Wie ich erfuhr, setzte er den beiden Kindern die Beatmungsmaschinen in der letzten Minute auf. Ich fing an zu weinen, doch diesmal aus Freude. Trotz kompletter Verzweiflung und Angst habe ich es mit fremder Hilfe geschafft. Ich bin unfassbar erleichtert. Doch ich weiß, Morgen geht der Albtraum wieder los, denn diese Krise ist noch nicht überwunden.
(Sophia Lisa Grub)
Fünfte Geschichte
Wir alle haben unglaublichen Respekt für ihre Schwester, vor allem in dieser schwierigen Zeit würdigt man die Arbeit von Ärzten und Krankenschwestern umso mehr. Wir sind gerade anscheinend vollkommen in der Stimmungfür Corona-Virus-Geschichten, deshalb erzählt sogleich ein Jugendlicher eine Geschichte, die er von einer Freundin gehört hat.
Die Melodie meines Lieblingssongs für traurige Momente war das Letzte, was ich hörte, bevor eine wutentbrannte, ca. 65-jährige Frau mich fast umrannte und dabei störte, sorgfältig die Snacks für die nächsten Tage auszusuchen und mich dabei selbst zu bemitleiden, weil ich trotz des anbrechenden Frühlings die nächsten drei Wochen niemanden treffen durfte. Schuld war genau das, was die Frau mit den blond gefärbten Haaren wahrscheinlich dazu veranlasst hatte, sieben Packungen Klopapier zu kaufen; Corona, Covid-19 oder von den ganz Genervten, zu denen ich definitiv gehörte, denn allein schon bei dem Namen bekam ich schlechte Laune, auch gerne C. genannt. Sie gehörte wohl zu der Fraktion, die die Apokalypse vermutete oder Diarrhö bei dem Thema bekam, denn anders war so viel Klopapier definitiv nicht zu rechtfertigen. Es kotzte mich so an, dass die Leute alle nicht verstanden, dass die Supermärkte sicher nicht schließen würden, da nicht die Menschheit ausgerottet werden sollte, sondern lediglich die Verbreitung einer unberechenbaren Krankheit gestoppt werden musste. Die Frau hatte mittlerweile schon einen ganz roten Kopf, weil sie anscheinend mit jemandem stritt, der hinter mir stand. Das konnte ich jedoch nur vermuten, da immer noch irgendein trauriger Song über gebrochene Herzen lautstark in mein Ohr grölte.
