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Ein Schiff im Eis. Ein Ingenieur, der nicht weiß, ob er fährt – oder stillsteht. Hartmut Wegler folgt der „Alemania“ in ein Meer ohne Grenzen, wo Nebel und Stille schwerer wiegen als jede Welle. Die Route ist klar, das Ziel ungewiss. Und je weiter sie vordringen, desto mehr verliert sich das Maß der Dinge: Raum, Zeit, Vertrauen. Zwischen Kameradschaft und Misstrauen, Routine und drohendem Abgrund sucht Wegler seinen Kurs – bis das Polarmeer selbst zur Falle wird. Ein Roman über eine Polar-Expedition. Ein Buch, das Grenzen überschreitet und die Sehnsucht nach Aufbruch stillt.
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Seitenzahl: 486
Veröffentlichungsjahr: 2025
Impressum
Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN: 978-3-95894-350-6 (Print)
© Copyright: Omnino Verlag, Berlin / 2025
Am Friedrichshain 22 / 10407 Berlin / [email protected]
www.omnino-verlag.de
Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.
Jens Grandt
Roman
Wenn das Schiff parallel zur Realität fährt – das ist für mich ein universelles Erlebnis.
Peter Handke
Geisterfahrt
Abschied und Aufbruch
Ein Tag der Inspiration
Erste Überraschungen
Auf dem Boden der Tatsachen
Ungebührliche Gespräche
Das rätselhafte Plateau
Abendplausch und Umkehr
Haarsterne, Moostierchen, Spuren im Sand.
Von Sehnsüchten und einer unverhofften
Offenbarungen
Im Epizentrum
Der Tanz danach
Irritationen zum Steinerweichen
Kreise ziehen, Kreise schlagen
Bewegungen
Am Alpharücken
Wie weiter?
Gold im Catcher
Zeitverwehen
SURVIVAL KIT
Über den Autor
Über das Buch
Hartmut Wegler wusste nicht mehr, wie viele Wochen oder Monate er auf dem Schiff zugebracht hatte und in welcher Zeit er lebte. Er schaute zum Fenster hinaus. Dünner, heller Nebel. Die See lag matt und grau vor ihm. Nur ein paar sanfte Wellen glitten vorüber. Ein gleichmäßiges Wellenströmen, wie von einem Fluss getragen, mit müden Lichtreflexen. Keine Grenze zwischen Meer und Himmel, ja, überhaupt kein Himmel, und das Schiff schien stillzustehen, still in diesem Einerlei.
Eine unheimliche Ruhe. Er eilte zum Treppenschacht, stieß das schwere Schott auf, das zum Zwischendeck führte, wo die Rettungsboote hingen. An der Spitze des Signalmastes drehte sich die Radarantenne beharrlich wie ein Uhrwerk, wie der Eigenkreis einer selbstbestimmten Ewigkeit. Die Rauchfahne des Schornsteins zeigte, falls er sich nicht täuschte, nach Süden. Eine Richtung also schien gegeben. Aber vielleicht war es bloß eine Brise, die geräuschlos über das Deck strich? Und die Wellen auf dem Wasser, die flachen Wellen, die das Meer vorübertrieb, die sich im Nichts verloren wie sich das Schiff im Nichts verlor? Fahren wir oder stehen wir über dem Abgrund? Den die Menschen irgendwann einmal Polarmeer genannt haben? Etwas schien hier nicht zu stimmen. Ein leiser Zweifel befiel ihn, an der Ausgewogenheit des Unternehmens Alemania, an der Mannschaft, an sich selber, seiner Selbstgewissheit.
Er zog die Montur aus, die er unter Deck und auf Deck trug, schlüpfte in eine schon etwas ausgebeulte Kordhose und wählte für diesen Tag das khakifarbene Polohemd, das wie einige seiner besseren Kleidungsstücke im Spind auf einem Bügel hing. Er setzte sich auf die Polsterbank und griff den Laptop aus dem Regal über seinem Kopf. Die Erlebnisse der letzten Stunden waren nachzutragen, so hatte er es von Anbeginn gehalten, jeden Tag ein paar Notizen. Aber er fand keine Muße. Dass ein von aller Welt bewundertes Schiff, die stolze Alemania, auf der sich Hartmut Wegler samt einer vielköpfigen Crew befand, nicht vom Fleck kommen sollte, war in jeder Weise unverständlich. Hatte die Maschine einen Schaden?
Schließlich trieb ihn die Ungewissheit zur Kommandobrücke hinauf. Als er die Tür öffnete, hörte er einen Song von Bob Dylan, She belongs to me. Die eindringliche Stimme Dylans verbreitete eine Atmosphäre wohltuender Geborgenheit, und als die Mundharmonika erklang, fühlte sich Hartmut an die Matrosenromantik auf alten Kuttern erinnert, wie er sie, vor pubertärer Rührung den Tränen nahe, in Kinofilmen genossen hatte.
Niemand sprach. Backbords saßen die Männer vom Helikopter an einem Tisch und träumten vor sich hin. Am Steuerpult stand Achim Dühntorf, einer der Schiffsoffiziere, mit dem er sich in den letzten Wochen befreundet hatte. Dühntorfs mächtige Gestalt verdeckte ein Segment der Frontscheibe. Wie ein Schattenriss stand er da und rührte sich nicht.
„Willst du dich nicht aufs Ohr hauen?“, fragte er. „Ihr habt doch wieder die halbe Nacht geschossen.“
„Schießen“ sagten die Männer und Frauen an Bord, wenn sie das Gestell zu Wasser ließen, in dem mächtige Stahlblöcke an Ketten hingen. Sogenannte Luftpulser, im Jargon: Luftkanonen. Jene Gerätschaft, mit der Hartmut sein Tagwerk verbrachte, seit sie den Hafen von Hoffstätt verlassen hatten.
„Ich war zu aufgekratzt. Und als ich aufs Wasser sah, hatte ich den Eindruck, das Schiff steht still.“
„Wie kommst du darauf? Wir fahren gute acht Knoten. Hast du die Maschine nicht gehört?“
„Nach dem Kanonendienst entgeh’n dir solche Feinheiten.“
Dühntorfs Boxerschädel nickte. „Es ist nie ruhig auf dem Schiff. In den ersten Tagen an Deck kriege ich Kopfschmerzen. Aber dann … Bald hört man das Rumoren nicht mehr, nicht richtig. Nur so … wie ein Naturgeräusch, wie das Summen von Hummeln oder das Rauschen des Windes in den Bäumen.“ Dühntorf neigte den Kopf zur Seite und freute sich über seinen poetischen Einfall. „Ja, gar nicht verkehrt, für unsereins ist doch ein Schiff die zweite Natur. Und wenn es wirklich mal still ist – da müsstest du ganz vorn auf der Back stehen – ist die Stille laut. Sie liegt dir wie ein Stein im Ohr. Selbst am Steven hörst du noch die Gischt oder das Anschlagen des Eises und denkst: so still“.
Hartmut wunderte sich, dass Dühntorf eine Sonnenbrille aufgesetzt hatte, aber als er über die noch erkennbare Bugspitze hinaus in den grauen Dunst schaute, leuchtete ihm der Sinn solcher Sehhilfe ein. Ein diffuses Licht, das mit der Zeit den Augen wehtat. Die Nebeldecke konnte nicht sehr dick sein, darüber schien die Sonne. Dühntorf reichte ihm die Brille, die Hartmut viel zu groß war; er musste sie an den Bügeln festhalten, um die Gläser vor Augen zu haben. Die Winden, das Schanzkleid erschienen jetzt deutlicher, obwohl es gar keine optische, auf irgendwelche Dioptrien eingeschliffene Brille war. Die kleinen Halbschalen des Anemometers drehten sich ziemlich schnell. Das mochte vom Fahrtwind herrühren, also bewegte sich der Schiffskoloss, der ihm eben noch wie ein in ewigen Schlaf verzaubertes Gehäuse vorkam. Bewegte sich gegen alle sinnlichen Eindrücke. In der Wirklichkeit schien das Schiff zu fahren, mit einer Geschwindigkeit von acht Knoten, wie Dühntorf meinte, zu fahren in eine weite, ungewisse Ferne, in Wahrheit stand es still. Oder war es umgekehrt?
„Seltsam, dieses off’ne Wasser, so nah am Pol“, grummelte Dühntorf vor sich hin. „Immer war die See hier eisbedeckt, mal von einem Schollenfeld, wie versiegelt, mal aufgerissen, von Spalten durchzogen. Wo ist das viele Eis geblieben? Weggedriftet? Abgeschmolzen?“
Dass Dühntorf ins Grübeln kam, ohne die Mundwinkel zu verziehen, mit ernstem Gesicht den Blick voraus, war für den Zweiten Offizier ungewöhnlich. Wenn er sprach, schürften seine Gedanken selten an den Abgründen der Welt; dann erzählte er von der Seefahrt, gab Episoden aus der Reederei zum Besten oder schwärmte vom Schrebergarten vor seinem Haus, das er sich in einem mecklenburgischen Dorf hatte bauen lassen, wo er mit Frau und zwei Kindern wohnte. Dann bleckte er die Zähne, wiegte seinen Hünenschädel hin und her und begann mit einer Schnurre, die immer irgendein Tun zum Inhalt hatte. Für die Faktenhuber, wie er die Wissenschaftler nannte, interessierte er sich wenig, und wenn, dann nur, falls es die Schiffsführung betraf.
Er erwartete keine Antwort. Hartmut wäre ohnehin nicht der Mann gewesen, der das mysteriöse Verschwinden des Eises hätte erklären können. In den letzten Wochen hatten sie nichts als eine über alle Horizonte ausgedehnte weiße Fläche gesehen. Anfangs war sie glatt, später von hohen Presseisrücken durchzogen, sie blinkte im Sonnenlicht oder lag fahl unter Wolken, und Hartmut hatte geglaubt, dass das immer so weitergehe bis zum Nordpol und darüber hinaus. Darauf waren sie vorbereitet mit ihren Geräten, ihrer Kleidung, von hochtragenden Ambitionen beseelt und einem Schuss Romantik, der in ihren Herzen webte, ohne dass sie es zugaben.
Nun dieses freie Wasser.
Dühntorf nahm den Ausdruck des Satellitenbildes zur Hand, schnippte mit dem Finger auf eine Linie am oberen Rand, ein gelbes Feld mit einigen Buchten. „Ungefähr 130 Meilen noch bis zur nächsten Eiskante.“ Hartmut rechnete. Dann müssten wir morgen Mittag wieder das Knirschen und Kratzen an der Bordwand hören, und er war zufrieden.
Auf dem Achterdeck traf er Reginald Sattler, Spezialist für Wasserströme, Salzgehalt et cetera. Sein Rundgesicht mit den hellblauen Augen stand in bester Harmonie zu dem kleinen, untersetzten Körper und gab der Gestalt, verstärkt durch eine stoische Ruhe, die er demonstrativ zur Schau stellte, etwas Abgerundetes und Abgeklärtes. Nur selten ließ er sich aus der Reserve locken. Er saß auf dem Sockel einer Winde und wartete auf seinen Einsatz. Hartmut fragte ihn, was er von dem unverhofften Öffnen einer Polynja in diesen Breiten halte. Polynja, das hatte er gelernt, nannte man eine freie Wasserfläche inmitten des Polareises – ein Wort aus dem Russischen. Malyschkin, einer der Russen an Bord, ein älterer, vierschrötiger Mann mit zauseligem Backenbart, war der einzige unter seinen Landsleuten, der die Herkunft des Wortes erklären konnte: Es stamme von polyj ab, was „hohl“ bedeute oder im übertragenen Sinn „ausgehöhlt, nichts drin“. „Die Sibirjaken, musst du wissen, reisen im Winter auf den vereisten Flüssen“, erklärte Malyschkin mit tiefer, sonorer Stimme und einer weit ausführenden Handbewegung. „Im Frühjahr, wenn die Decke an Kliffs und Klippen brechen, ja? – aufbrechen, stehen Männer vor Wasserloch, musst du wissen, da ist nichts drin, kein Eis drin – polyj, Polynja.“
Sattler überlegte eine Weile, wie er auf Hartmuts Frage antworten solle, stierte mürrisch vor sich hin und sagte dann: „Ja, da muss etwas passiert sein.“ Das war das Mindeste, was er festzuhalten bereit war. „Am Wind kann es nicht gelegen haben. In den letzten Tagen war es ruhig. Vielleicht – die Meeresströmung? Auf der letzten Station habe ich wärmeres Wasser gemessen.“ Mit einem Schulterzucken gab Sattler zu verstehen, dass er derzeit nichts weiter über die Polynja zu sagen gewillt sei. Doch es war auch die folgenschwerste Tatsache: Es ist etwas passiert.
Hartmut zog sich auf seine Kammer zurück. Er blätterte im Laptop und versuchte, sich in den zeitlichen Abläufen zurechtzufinden. Irgendwann musste er sich im Datum geirrt haben, vielleicht mehrmals. Sein Journal, als Diarium gedacht, stimmte nicht mehr, was ihm schon ein wenig sonderbar vorkam, da doch alle Abläufe an Bord nach strengem Zeitmaß vorgegeben waren. Aber er scheute sich, jemanden zu fragen. Und war es überhaupt wichtig, welcher kalendarische Tag soeben verstrich? Seit sie den Polarkreis hinter sich gelassen hatten, gab es nur noch helle Tage, einen anscheinend nie endenden Dauertag. Anfangs stand die Sonne so grell in der klaren Luft, wie er es in Europa nie erlebt hatte. Später trieben Wolken heran, und es wurde diesig, aber nicht mehr dunkel. Deshalb interessierte die meisten nicht, ob sie den 12. oder den 20. Juni zu schreiben hätten. Was aus dokumentarischen Gründen nötig war, erledigten die Computer. Die Zeitrechnung reduzierte sich auf eine bloße Nummernfolge: Haltepunkte des Schiffes, die hier Stationen hießen. Gezählt und aufgerechnet wurde, was hinter einem lag, was man im Kasten hatte, wie die Geologen sagten, und was, wenn der am Grünen Tisch ausgeklügelte Plan sich erfüllen sollte, noch anzusteuern übrig blieb.
Ein Klingelton schreckte Hartmut aus seinen Überlegungen, gefolgt von einer Lautsprecherdurchsage: „In fünfzehn Minuten erreichen wir Station 83.“ Ein Knacksen, dann war wieder Ruhe im Raum.
Ohne Zweifel, die Alemania kam voran, und Sylvia Birlie wird ihre Planktonnetze über die Bordwand hieven und Reginald Sattler wird die Rosette mit den Wasserschöpfern in die Tiefe ablassen. Zweiundachtzig Aufenthalte hatte Hartmut mit knappen Worten im Laptop beschrieben, zweiundachtzig Messstationen in ungefähr fünf Wochen, das stimmte. Die früheren Meilen waren reine Fahrzeit gewesen. Dann ging es Schlag auf Schlag. Die Bilder der Reise stellten sich wie von selbst ein, während er die Datei auf dem Display abrollen ließ. Bis zum ersten Tag. Hartmut Wegler sah sich wieder an der Pier stehen mit seinem schweren Seesack im Nacken und die Gangway hinauftrapsen. Den Seesack glaubte er nach alter Sitte sich und dem Ansehen seiner Person vor der Mannschaft schuldig zu sein. Doch er war der Einzige, der mit solch einem Relikt aus Zeiten der glorreichen Heiligen Seefahrt anreiste; die anderen kamen mit voluminösen Reisetaschen, Kraxen, Koffern. Hartmut sah die Hafenkräne vor sich, das leere Trockendock der Werft, die Wohnhäuser im Hintergrund, die den Mutterhafen der Alemania, das allen Wettern ausgelieferte Hoffstätt, mit ihren roten Dächern schirmten. Er hörte das tiefe Tuten der Schiffssirene. Ja, so hatte die Reise begonnen, von der er nur eine ungewisse Vorstellung hatte, als er an Bord ging und, genau genommen, alle Umstände eingerechnet, nicht wusste, wie lange sie dauern und wohin sie führen würde.
Langsam, wie von einer unsichtbaren Kamera in Zeitlupe gedreht, löste sich die Bordwand des Forschungseisbrechers Alemania von der Pier. Die Wasserfläche, von bräunlich-grauer Farbe, zwischen Schiffsrumpf und Beton wurde in einem scharfen Winkel größer. Eine faulige Apfelsine tauchte auf, und aus einem tiefer liegenden Strudel wand sich eine Plastiktüte empor. In dieser einen Minute, angerissen durch den sich allmählich weitenden Zwischenraum, trennten den Ingenieur Hartmut Wegler bereits Welten vom Kontinent. Das wusste er zu dem Zeitpunkt noch nicht; es wurde ihm erst mit zunehmender Entfernung von der fremd gebliebenen und in manchem auch vertraut gewordenen Hafenstadt deutlich. Das Bild des Abschiednehmens, wenn sich Hartmut daran erinnerte, fand sein Symbol in diesem Wasserspalt und in einer fauligen Apfelsine, der schlierigen Plastikfolie und ein paar aufsteigenden Luftblasen, die sich im Kreise drehten.
Neben ihm an der Reling stand in marineblauer Kleidung ein Schiffsoffizier. Groß, kräftig, wie ihn Jules Verne nicht besser hätte vor Augen haben können, als er seinen Kapitän Grand beschrieb. Er schaute ungerührt auf das Treiben am Kai. Die Leute dort unten wirkten schon klein. Teils in Gruppen, teils einzeln stehend, winkten sie in allen Variationen, die einem Abschied auf lange, auf wer weiß wie lange Zeit angemessen schienen, die einen heftig, die anderen männlich verhalten mit nur leicht bewegter Hand. Eine junge Frau sprang immerfort vom Boden auf und wedelte mit beiden Armen gen Himmel. Taschentücher wurden geschwenkt, Tränen abgewischt. Ein paar Böller knallten. Etwas randlich stand eine Gruppe asiatisch aussehender Damen mit Papierfähnchen, die zwischen roten und weißen Streifen einen blauen Balken aufwiesen. Familienclans, Schulkinder, Kollegen, die sich freigenommen hatten, riefen, schrien, kreischten durcheinander, und die strapazierten Stimmen galten jeweils einer einzigen Person, die auf dem hohen Schiffskörper am Schanzkleid in langer Reihe inmitten anderer Personen die Huldigung eher still als auffahrend erwiderte.
Der Offizier wandte sich an Hartmut Wegler: „Katzenjammer?“ Er strich sich über sein dichtes Stoppelhaar und musterte den Neuling an Bord. Ein gütiger, verständnisvoller Blick. Mit einer Stimme, als käme jeder Ton aus Meerestiefen, knurrte der verkappte Käpt’n Grand, jener Achim Dühntorf, der später über das freie Wasser inmitten der Eiskalotte rätseln sollte: „Das vergeht schnell. Tausendmal erlebt. Aufbruch und Verlust, das ist meistens eins.“
„Wieso Verlust?“, fragte Hartmut. „Ich, hier auf dem Schiff, wow! Hätt’ ich mir vor einem Jahr nicht träumen lassen.“
„Aha, der junge Mann schwärmerisch veranlagt?“
„Naja …“ Hartmut schaute auf die zurückweichenden Lagerschuppen, die roten Dächer der Stadt. Ein ölstinkender Wind wehte von der Werft herüber. „Fortfahren … finde ich herrlich … und wo ganz anders ankommen …“
Dühntorf verzog eine Augenbraue. „Gewiss, das nehmen wir uns vor.“
Die Wehmut, die während des Losmachens von gewohnten Ufern aufkommt, waltete auch in Hartmuts Brust, aber alles in allem überwog ein Hochgefühl alle Bedenken, die ein kühl und vernünftig abwägender Mensch mit einer Polarreise verband. Schwingungen, die sich aufschaukeln zu freudiger Beschwingtheit, einem inneren Erfülltsein, wie es nur selten unsere alltagslahmen oder alltagsgestressten Gehirne durchweht. Was kann dir denn passieren, sagte er sich. Und wenn schon. Vielleicht nie wieder würde er in eine so fremde Gegend gelangen, unerreichbar für jeden Normopathen, selbst Abenteurern, Hochstaplern und Dollartouris verschlossen, niemals, wenn dich nicht ein guter Stern auf die Alemania geführt hätte. Jetzt kannst du aufatmen. Musst nicht mehr zweifeln, ob und wann und wie. Der eiserstarrte Raum des Nordens, der wie hinter einer osmotischen Wand zu schlafen schien – du wirst ihn dir erschließen, keine Macht der Welt wird dich in die Knie zwingen.
Zu Hartmuts Abschied hatte sich niemand eingefunden. Die Eltern fanden aus dem Berufstrott nicht heraus – der Vater Stadtrat, die Mutter Ärztin –, Geschwister hatte er keine. Marieke, die strebsame Marieke Marschendonk, musste sich just an diesem Tage einer Prüfung unterziehen. Betriebswirtschaft. Sie hatten überlegt, ob es geraten sei, das Examen zu verschieben, damit sie am Hafen sich noch einmal in die Augen sehen, umarmen, küssen können. Schließlich war es die erste Polarexpedition, an der Hartmut teilnahm. Überdies eine bedeutende, wie das Management alleweil betonte. Andererseits, das Examen – der Schlussstein zum Diplom. Sollte der Bau verzögert werden, etwa durch ein zusätzliches Semester? Sie hielten solchen Aufwand nicht für angebracht. Marieke war eine Woche zuvor an die Küste gekommen, hatte sich nicht im Gästehaus des Instituts einquartiert, sondern in einem kleinen Hotel am Theaterplatz. Sie hatten zwei unbeschwerte Tage in Hoffstätt, wo die Alemania schon beladen wurde, und die Nacht im Hotel leidenschaftlich ausgekostet. Am Morgen, in dem spartanisch, halb bäuerlich, halb seemännisch eingerichteten Frühstücksraum, Mariekes blühendes, gar nicht müdes Gesicht. Als sie über die Prüfung sprachen, hatte Rieke, nun, nicht geschwiegen, sich aber auch nicht eindeutig geäußert. Es war ja alles vorbedacht; sie überließ Hartmut das bestärkende Wort.
„Sind wir uns einig?“, fragte sie.
„Wir sind uns einig.“
Dann trieb es Rieke an den Schreibtisch zurück, und Hartmut musste ins Hafenlager, um sich und allerlei Gerätschaft für die Eisfahrt vorzubereiten.
Die Alemania lag jetzt in der Mitte des Hafenbeckens. Es war später Nachmittag. Der dunkle Schiffsrumpf hob sich schwarz gegen die Sonne ab. Vom Schornstein führten Leinen zum Bug und zum Heck, an denen bunte Wimpel flatterten, sodass die Szene mitsamt dem Jubel der Menschen ein heiteres Gesamtbild bot. Nur der turmartige Aufbau mittschiffs, ein über drei Plattformen reichendes Gestänge, so hoch, dass es noch den Schornstein überragte, vollgebaut mit Antennen, Sensoren, Scheinwerfern, Messgeräten, Kameras, Radaranlagen, diese Konzentration modernster Technik, scharf konturiert gegen den Himmel, hatte etwas Bedrohliches. Wessen Blick lange genug daran festhielt, den ergriff, ob er es wollte oder nicht, ein beklemmendes Gefühl. Einem fantasiebegabten Weltverschwörer konnte angesichts dieses Geräteturmes gar der Verdacht einer konspirativen Mission aufkommen.
Noch einmal dröhnte das Signalhorn über den Hafen, die Trosse zum Schlepper spannten sich. Langsam glitt die Alemania zur Schleuse, die sie aufs Meer hinaus entlassen sollte. Die Schaulustigen, die den Abschied an der Pier gefeiert hatten, eilten zu ihren Wagen, um schnell noch auf das Rasenstück längs der Schleusenkammer zu gelangen, mit allerlei Gesten einen letzten Gruß zu übermitteln und sich selbst ein letztes Mal den Anverwandten darzubieten.
Hartmut Wegler stand auf dem seitlichen Umlauf des Oberdecks. Er fühlte sich einsam, wollte aber doch oder vielleicht deswegen den Trubel auf sich wirken lassen. Drei Monate, dachte er, wenn alles gutgeht, dreizehn Wochen – oder länger – wirst du keine anderen Menschen sehen als jene, die sich jetzt an Bord befinden. Vor ihm hatte eine schlanke Frau ihren Pullover ausgezogen. Sie hielt das Wollstück hoch über den Kopf, schwenkte es mit vorgerecktem Kinn gegen die oder den Liebsten an Land und schrie „Juchhuh!“ Seltsam, welche Details sich einem manchmal einprägen, diese jubelnde Frau mit freiem, nur von den Bändern ihres Brusthalters sanft eingeschnürtem Rücken, die Schulter glänzte im Abendsonnenschimmer. Es war, wie Hartmut später erfuhr, Sylvia Birlie, die Biologin. Im Bodenwinkel gegen die Wand gelehnt, hockte ein Mädchen. Es weinte. Als es den Kopf hob, sah Hartmut ein blasses, ebenmäßiges Gesicht, zarte Züge. Er überlegte, ob er der Kleinen etwas Tröstliches sagen sollte. Doch er verwarf den Gedanken sofort. Nein, auch Schmerz hat etwas Gutes, Trennungstrauer, unteilbar gefühlt und ausgelebt. Ihm war doch selbst alles andere als heiter zumute, wenn er an Marieke dachte. Vielleicht entsprach sein Zustand dem der Melancholie. Er verspürte nicht die geringste Lust, den freien Ausblick gegen die Enge seiner Kammer zu tauschen.
Mit dem Ablegen des Lotsenbootes beruhigte sich die Szene an Bord. Hartmut genoss die vorüberziehende Landschaft, den Blick auf die Krananlagen, deren Ausleger sich gleich stählernen Kranichhälsen über die Frachter beugten, die an den Kaimauern ruhten. Auch die ausgestreckten Ladearme am Containerterminal, die ihrer Kranichs-Wortherkunft alle Ehre machten, obwohl sie gar nicht Krane hießen, sondern Brücken – musste ihn dieser ausladende Brückenschlag nicht beeindrucken? Wegler, der an einem Wasserlauf geboren worden und aufgewachsen war, jedoch weit im Hinterland, wo kein Ozeanriese anlegte. Hier in Hoffstätt zog sich das Hafenpanorama kilometerweit hin. Um mit einem Mal abzubrechen und das Feld flachen Weiden mit Kühen und Koppeln zu überlassen. Knallgelbe Rapsflächen zwischen all dem Grün. Ein paar Bauernhäuser tauchten auf, eine Kirchturmspitze. Dahinter wölbten sich wie Berge dunkle Wälder. Über den Baumkronen kreisten die Flügel eines Windparks. Auch diese gemächlich unaufhörliche Bewegung hatte etwas Faszinierendes. Wie sich die Windräder auf silbernen Ständern drehten, kam es Hartmut vor, als grüßten sie ihn, den Unständigen an Bord. Das war das Land, wie er es liebte. Diese, wenngleich nur durch die ferne Sicht anscheinend gottgegebene Harmonie, Tatkraft und Idylle, er sog sie auf in all ihren gegenständlichen Feinheiten.
Einige hundert Seemeilen weiter, wenn er des Formenreichtums arktischer Ödnis müde war, sollte ihm das bunte Panorama Trost sein. Ein letztes Winken der vertrauten Welt, ja, der Welt überhaupt. Denn eines war ihm klar: Was ihn erwartete, war Unwelt, Leere, Ausharren in grenzenloser Abgeschiedenheit.
Allmählich flachte die Küste ab. Ihrer Bauten und Aufwüchse ledig, schob sie sich zuletzt als ein Streifen nackter Erde unter den Horizont. Der Seewind blies stärker. Hartmut fröstelte. Auch der Hunger trieb ihn unter Deck. Er wusch sich rasch und suchte die Messe auf. Sie befand sich auf dem gleichen Flur, von dem seeseitig seine Kammer abging; er brauchte nur aus der Tür zu treten und einige Schritte zu gehen, schon stand er an der Schwelle des begehrtesten Raumes auf dem schwimmenden Observatorium.
Heller Lärm schlug ihm entgegen. Alle Tafeln fast bis zum letzten Platz besetzt. An der Wand sah er die Glatze Constantin Flanschs im Schein der Deckenleuchten. Flansch war Hartmuts Lehrmeister im Hafenlager gewesen. Mit ihm sollte er in den nächsten Wochen zusammenarbeiten. Er setzte sich auf den Stuhl gegenüber, und noch während er die Serviette beiseitelegte, die zur Feier des Tages von der Stewardess zu einer beflügelten Tüte gedreht worden war, wies Flansch auf seine Nachbarin.
„Kennt ihr euch?“
Nein, sie kannten sich nicht.
„Das ist Arrida, sie wird uns ein bisschen zur Hand gehen.“
Arrida lächelte. Ein Höflichkeitslächeln. Doch schien es Hartmut, als blitze in einem Winkel ihrer Pupille ein kristallklarer Funke. War das Einbildung? Wenn er sich später an diesen Moment erinnerte, sah er auf tiefschwarzem Glanz etwas Kaltes, Grelles aufleuchten.
„Sie ist Finnin“, sagte Flansch. „Studiert noch in Helsinki, macht ihr Praktikum bei uns.“
Hartmut nickte, ging zum Büfett und wählte aus dem reichhaltigen Angebot einen gemischten Salat, Frikadellen und in Stücke geschnittenen Käse. Die Abendmesse war so eingerichtet, dass, wer warme Speisen liebte, an der Pandry von zwei Gerichten das ihm Gemäße wählen konnte, wovon eines meist kräftiger Natur war, das andere vegetarisch. Heute gab es Nudelauflauf mit Hähnchenstreifen und einen Spinatkuchen. Ein verführerischer Duft von Kardamom und Curry lag in der Luft. Doch abends bevorzugte Hartmut kalte Kost. Für Bedürfnisse dieser Art war längs einer Verengung des Raumes, die durch einen quadratischen Holzbottich mit allerlei Zimmerpflanzen bedingt war und zu den Speisetafeln führte, das Büfett angerichtet.
Constantin und Arrida unterhielten sich über irgendeinen Film und über Schauspieler, deren Namen er noch nie gehört hatte. Er beteiligte sich nicht an dem Gespräch. Für eine Finnin sprach Arrida ein erstaunlich gutes Deutsch, ohne jeden Akzent. Ihre Artikulation hatte einen leicht plattdeutschen Einschlag, erkennbar an dem breitgezogenen Endungs-e, wie es an der Küste gesprochen wird. Hartmut schaute kurz zu ihr auf. Arrida tat, als bemerke sie es nicht.
Der erste Eindruck, den die neue Kollegin hinterließ, war ein durchaus flüchtiger. Sie sah eigentlich nicht schön aus. Ein schmales Gesicht, ansehnlich ja, aber nicht auffallend, wenn man von einer kleinen Warze über dem linken Mundwinkel absah. Schlanke Gestalt, brünettes, etwas ins Kastanienbraun changierendes, offenes Haar. Viel mehr interessierte er sich für die räumliche Umgebung, die doch, das wurde ihm mit einem Mal bewusst, in den nächsten Monaten gleichermaßen Speiseraum, Wohnstube, Freizeit- und vielleicht auch Arbeitstreff zu sein hatte. Die Messe – Herzstück der Gemeinsamkeit auf allen Schiffen. Wenn Mannschaft, Offiziere, Passagiere sonst ihrer Wege gehen und zu verschiedenen Tageszeiten allen möglichen Verrichtungen nachlaufen, in der Messe finden sie zusammen. Auf der Alemania war die Messe ein rechteckiger, holzgetäfelter Korpus, fensterlos. Vorn, gleich neben dem Eingang, die Pantry mit dem Tresen. Dann folgte auf dem Weg zum Mittelgang, dem dekorativen Pflanzenarrangement gegenüber, rechts das Büfett. Auf dieser Seite des Raumes reihten sich vier stabile, auf dicken Mittelfüßen stehende Speisetafeln, jeweils ans Holzpaneel der Wand gefügt, zum Gang hin offen. Auf der anderen Seite standen drei gleich große Tafeln. Hartmut schaute über die laut schwatzenden oder still auf ihren Tellern werkelnden Leute. Das war also die Wissenschaftlercrew. Die Matrosen und Techniker saßen ein Deck tiefer in ihrer eigenen Messe. Während ein Anschlag an der Tür zur oberen Messe jedem Passagier den Zutritt in Arbeitskluft untersagte, durften die mehr oder weniger dem öligen Gewerbe verbundenen Männer sich die Mühe des Umkleidens ersparen und im Blaumann speisen.
Außer Constantin Flansch, und seit einigen Minuten Arrida, Arrida Gonzales, kannte Hartmut von den Anwesenden nur noch zwei Personen. Der eine war der Expeditionsleiter Baltasar König, ein kräftiger Mittvierziger, dessen struppige Mähne und eine liebgewordene Marotte, das tägliche Tragen eines dunkelblauen Strickpullovers – anders gekleidet kannte man ihn gar nicht – ließen ihn jünger aussehen, zumal sein frischer, manchmal schelmischer Blick keinerlei Erfahrungsdünkel zu erkennen gab. Er saß jenseits des Ganges und redete, während er die Gabel mit einem Stück aufgespießten Schinkens in der geballten Faust hielt, auf einen beinahe ebenso alten, strammen Mann ein.
Dem Fahrtleiter, wie sich Baltasar König offiziell nannte, hatte Hartmut seine Anwesenheit auf dem Schiff zu verdanken. Während des Aufnahmegesprächs im Institut für Hemisphärenforschung, nach einer freundlichen Befragung ob seiner Fähigkeiten, war der Primus inter pares durchaus skeptisch.
„Ich kann nur Leute brauchen, die zum Alpharücken wollen. Aber du – was treibt dich denn, dorthin zu fahren?“
Hartmut lächelte, sich seiner selbst sicher. „Neugier“, sagte er.
„Das reicht nicht –“
„Ich habe Meerestechnik studiert, immerhin ein paar Semester –“
König las noch einmal in dem Zeugnis, das er von der Uni bekommen hatte.
„Na gut“, sagte er schließlich. „Dann musst du dich korrekt als Praktikant bewerben.“ Daraufhin zeigte sich Baltasar König von der humorigen Seite. „Wenn alles glattgeht, schaufeln wir Basalt am Ridge wie Straßenschotter. Vielleicht kannst du dir ein Steinchen an den Hut stecken.“
Hartmut wurde es heiß im Gesicht. Ein Stein von einer Gebirgskette, die noch keiner gesehen hatte! Den schenk ich, ja, den schenke ich Marieke!
Das war ein Pakt. Nicht mit Blut besiegelt, aber Hartmut verstand, dass Baltasar Königs Zusage auf nichts anderem beruhte als auf Vertrauen.
Eine Tafel weiter saß Friedbert Gluck, ein Bleichgesicht mit schütterem Haar, tiefen Wangenfalten und einer gestreiften Stirn, auf die man Noten hätte malen können. Ihm war Hartmut das erste Mal im Hafenlager begegnet. Als er aus einer Vielzahl glänzender Metallteile eine wieder funktionsfähige Luftkanone zu montieren versuchte, kaute dieser schlaksige Kerl einen Brotkanten und verfolgte eine Weile Hartmuts unsichere Handgriffe.
„Zum Matches hat’s wohl nich’ gereicht?“, krächzte Constantin.
„Nee, gibt’s erst am Sonntag. Alle Tage Luxus macht bloß fett.“
Das war Friedbert Gluck. Als er zur Hallenwand gegangen war, um die notwendige Stückzahl an Stechrohren auszusuchen, die in den Meeresboden gerammt werden sollten, sagte Constantin in einem Anflug aufklärenden Mitleids: „Dem geht’s nicht gut. Muss für vier Kinder Alimente zahlen und kommt aus den Schulden nich’ raus.“
Manche Wissenschaftler schienen sich vertraut zu sein, wie ihr schalkhafter Umgang miteinander vermuten ließ. Andere saßen als Einzelgänger dazwischen. Abgesehen vom Tisch hinter dem Pflanzenbottich, der den Schiffsoffizieren vorbehalten war, gab es keine vorgeschriebene Sitzordnung. Das war Hartmut recht, er hasste abgegrenzte Zirkel. Nichts ist frustrierender als eine Sitzordnung.
Nach dem Abendessen ein wenig Ruhe, Ausspannen, Zusichkommen. Hartmut verteilte die Utensilien, die sich noch im Seesack befanden, in einen Schubkasten unter dem Polster der Sitzbank, auf die beiden Wandregale, auf zwei Spinde – mehr standen einer Fahrensperson nicht zu. Nach der Einweisung war er überrascht, auch ein wenig enttäuscht, dass er die Kammer allein bewohnen sollte oder durfte. Enttäuscht, weil sich die Frage als nichtig erwies, die ihn tagelang bewegt hatte, nämlich mit wem, mit welcher umgänglichen oder störrischen Person er auf engstem Raum die Reise zubringen würde. Er ließ die beiden anderen Spinde frei, man konnte nie wissen, war nun aber doch froh, sein eigenes kleines Reich zu haben.
Auch den Überlebensanzug und Arbeitsklamotten sortierte er in den Schieber unter der Bank. Pullover, Hemden, Unterwäsche kamen, kantengenau zusammengelegt – das hatte ihm der Spieß während des Wehrdienstes beigebracht – in die oberen Fächer der Spinde. Gummistiefel, Schneestiefel, Sneakers auf den Boden. Und eine Flasche guten Portweins, einen Sandeman. Hätte er geahnt, dass der Verkaufsshop im Lagerdeck dieselbe Marke anbot, hätte er die Last des Seesacks etwas reduzieren können. Aber so schien ihm das Mitbringsel vom Lande mehr wert als die an Bord bezahlte Ware.
Nun, da der Jungferntag auf der Alemania zu Ende ging? War das „Auslaufen“ des Schiffs, so sagten doch die Seeleute, das „In-See-Stechen“, bedeutend genug, einen ersten Schluck aus der Flasche zu nehmen? Nein. Außerdem war kein Glas zur Hand; aus dem Zahnputzbecher Portwein trinken dünkte ihm stillos.
Das Wummern der Schiffsmaschinen drang nur gedämpft ans Ohr. Das Säuseln der Belüftungsanlage, das er beim ersten Betreten seiner Kemenate lästig fand, störte ihn schon nicht mehr. Ein bewegendes Gefühl: still auf dem Schiff in einer Ecke sitzen, unbekümmert vor sich hindösen und dir klarmachen, wie du durch die Welt getragen wirst. Unter einem halbmeterhohen Fenster, gegen anstürmende Winde und Wetter in massive Messingrahmen montiert. Draußen die schwarze Wand der Meeresnacht, die so finster sein kann wie das Nichts. Er dachte an Rieke. Wird sie die Klausurarbeit bestanden haben? Keine Frage. Sie hatte sich gut vorbereitet. Marieke gehörte zu jenen Studenten, die noch im letzten Studienjahr darauf bedacht sind, alle Seminarliteratur gründlich durchzuackern. Meist schaffte sie das Pensum, manchmal sogar einiges darüber. Hartmut bewunderte diese Zielstrebigkeit, das planvolle Vorgehen, das sie wahrscheinlich vom Vater hatte, einem ausgewiesenen Juristen, der ersten Adresse in Oldenburg. Marieke kannte er aus der Schulzeit. In den Pausen war er ihr auf dem Schulhof nahe und immer näher gekommen. Auch die Eltern waren ihm vertraut, ein hochaufgewachsenes, distinguiertes Paar, er hatte sie bei einem Chorkonzert in der Aula kennengelernt, und der erste Eindruck war durchaus kühl; Hartmut glaubte, eine gewisse Abwehr zu spüren.
Marieke hatte heimlich ein Marzipanschweinchen in den Seesack geschmuggelt. Als er die rosafarbene Leckerei mit dem Glückskleeblatt am Halsband entdeckte, musste er lachen, jenes stille Lachen, das in der Einsamkeit nur ein Lächeln zeitigt. Hartmut beschloss, dem neckischen Tierchen einen Ehrenplatz im Regal zuzuweisen, und während er es gut sichtbar neben ein paar Bücher auf der einen, Wecker und Kaffeetopf auf der anderen Seite stellte, sah er Riekes Augen vor sich. Die Pupillen von einem Strahlenkranz hellbrauner, ins Gelbliche gleitender Streifen umgeben, sodass er, wenn er über diese seltsame Farbkombination nachdachte, an Sonnenblumen erinnert war. Was wird sie zu dieser Stunde tun? Vielleicht sitzt sie mit den Eltern im Kaminzimmer, und die Familie würdigt mit einem Bordeaux supérieur, der Hausmarke des Vaters, die er sich von einem Weingut aus der Saintogne schicken ließ, dass die Tochter wieder einen Schritt vorangekommen ist? Warum hast du sie nicht längst angerufen? Sie wird auf eine Nachricht warten. Natürlich wartet sie auf eine Nachricht. Hättest doch am Nachmittag, als sich die Alemania von der Kaje trennte, mal zum Handy greifen können. Er tippte Menü, R-Taste, aber es meldete sich niemand. Nur die Sprachbox war zugeschaltet.
„Hallo Rieke“, hauchte er ins Mikro. „Schade, dass du nicht da bist. – Dass ich deine Stimme nicht hören kann. Wo treibst du dich denn rum? Ist alles gutgegangen? – Bei uns, ja, alles klar. Das heißt, zurzeit ist nichts klar, es ist Nacht. Wir schippern in der Nordsee, genauer gesagt in der Deutschen Bucht. Morgen geh’n die Decksarbeiten los. Du hörst von mir.“ Er wollte auflegen, überlegte aber einen Atemzug lang … „Marieke, ich liebe dich.“
Die erste Nacht an Bord festigte Hartmut Weglers Selbstwertgefühl auf höchst erfreuliche Weise. Es sah so aus, als sei sein Körper gefeit gegen die gefürchtete, dreimal verfluchte Seekrankheit. Vor dem Einschlafen hatte er ein Mittel eingenommen, schließlich war er noch nie auf See gewesen, und er wollte es nicht darauf ankommen lassen, seinen Magen dem irritierenden Zustand der Emesis zu überantworten. Als er aufwachte, fühlte er sich wohl und frisch. Dabei war es erst fünf Uhr morgens.
Er schaute zum Fenster hinaus. Trüber Himmel, leicht bewegte See. Mit solch prüfendem Blick auf das Wasser, manchmal auch einen kurzen Gang zum Außenlauf des Freidecks, versuchte er, sich auf den Tag einzustimmen. Er wusste, dass ein Schiff knapp zwei Wochen braucht, um von einer deutschen Küste an die Eiskante des Nordpolarmeeres zu gelangen. Den Erzählungen erfahrener Expeditionisten hatte er entnommen, dass diese Etappe verhältnismäßig ruhig ablaufe. In der Messe, zu dieser frühen Stunde noch wenig besucht, riet ihm Friedbert Gluck, bei dessen Anblick Hartmut stets an die Alimente, die er zu zahlen hatte, und trockenes Brot denken musste: „Schlaf, solange du kannst, du bist noch jung, aber du wirst es brauchen! Wenn wir im Eis sind, ist es damit vorbei. Nicht das Malochen an Deck macht dich kirre, das ist anstrengend, ja, sondern – die Schlaflosigkeit.“
Die Anspielung auf seine Jugend gefiel Hartmut nicht. Er war zwar erst zweiunddreißig Jahre alt, aber er fühlte sich reif genug, den Anforderungen einer Forschungsreise zu entsprechen. „An wie vielen Expeditionen hast du denn teilgenommen?“
„Weiß ich nicht mehr“, murmelte Gluck.
Mit hin- und herweisender Hand begann er zu zählen: „Zweimal mit den Schweden, tolle Reisen in die Grönlandsee, dreimal auf der Fjodorow mit Russen. Die übrigen Trips auf deutschen Schiffen. An die zehn oder zwölf Kampagnen mögen es gewesen sein, im Norden und im Süden.“
„Das heißt, im Schnitt jedes Jahr einmal für längere Zeit im Polarmeer“, überlegte Hartmut.
Gluck nickte und strich sich das schüttere Haar zurück. „In manchen Jahren zweimal.“
„Und deine Freundin oder Partnerin? Ich stelle mir das schwierig vor.“
„Anfangs hat meine Frau geheult, wenn ich fort musste, dann hat sie geflucht. Also, meine zweite Frau, die ist am Theater, ich war schon mal geschieden. Mit der ich jetzt lebe, dritter Versuch, die nimmt es hin. Wie Gewitterregen im Sommer.“ Sein Gesicht verzog sich zu einem essigsüßen Lächeln. „Andres auch, interessiert sie wenig. Ich komm damit nich’ klar, aber das hat verschiedene Gründe.“
Natürlich, für jedes Verhalten gibt es mehrere Gründe, dachte Hartmut, und es schien ihm ratsam, nicht weiter in Friedbert Glucks Privatsphäre zu dringen. Das Theater im und ums Theater, dem er entflohen war, daran wollte er jetzt gar nicht denken.
Der erste Rundgang. Was für eine kalte Höhle, dieses Nasslabor. Es hat den Charme einer Montagehalle. Hartmut schaute zur Decke, wo die Katze eines Hängekrans ruhte, dessen Träger durch ein breites, jetzt geschlossenes Tor auf das Arbeitsdeck hinausreichte. Dem Tageslicht, das allein backbords durch einige Fenster ins Labor drang, verblieb kein großes Spiel. Es reichte gerade über die Arbeitstische und Wasserbecken an der Bordwand, jedoch nicht mit genügender Helligkeit zur Mitte des Raumes; Tag und Nacht glühten Neonleuchten. So war alles, was in dieser Abgeschiedenheit geschah, zwielichtig.
Constantin beugte sich über die kompakten Metallzylinder, die in den nächsten Wochen der Gegenstand ihrer Tätigkeit und Sorge sein sollten, jene Luftpulser oder, wie sie in der feiner klingenden englischen Art bezeichnet wurden: den Airguns, was auch nur „Luftkanone“ hieß, Schallmaschinen, deren Montage Hartmut im Hafenlager geübt hatte. Constantin suchte die Gerätenummern zu erkennen, die am unteren Rand eingeschlagen waren. Seine Glatze glänzte im Dämmerlicht wie eine reife Pomelo. Er las die Ziffern mit schneidend-lauter Fistelstimme ab, und Arrida, eine Kladde in der Hand, notierte sie.
Hartmut hatte vorerst nichts zu tun, lehnte an einem der Fenstertische und sann über die am Grad der Verschmutzung erkennbare Chronologie der Kleidernutzung. Constantins Latzhose, die er über einem frischen Fleischerhemd trug, war von Öl- und Rostflecken schmierigdunkel, während sein eigener Blaumann nur wenige Spuren vergangener Kontakte mit den unschönen Begleiterscheinungen der Technik aufwies. Arridas Overall hingegen strahlte in leuchtender Reinheit, kornblumenblau und von steifer Plustrigkeit, man konnte noch die Liegefalten sehen. Er war ihr zu groß, sie hatte Ärmel und Hosenbeine umgeschlagen.
Mit der Zahlenhuberei fertig, galt es, die schweren Zylinder auf die Regale zu verteilen. Das bedurfte kräftigen Zupackens. Arrida versuchte zwar auch einzugreifen, aber ohne jede erleichternde Wirkung, sodass es den Anschein hatte, als legte sie ihre Hände besänftigend auf das widerstrebende Metall. Einmal wollte sie schneller sein als Hartmut und mit Constantin die Airgun ins Regal heben. Der Stahlblock glitt zu Boden; sie sprang beiseite. Constantin winkte ab. Hartmut verzog keine Miene. Wer ist bloß auf die Idee gekommen, diese Ballerina, die vielleicht als Model eine gute Figur machen würde, der Seismik-Gruppe zuzuordnen? Die nach allgemeinem Urteil auch körperlich anstrengende Tätigkeiten zu verrichten hat? Nein, die Finnin konnte keine Hilfe sein.
Kurz vor zwei Uhr strömte die Wissenschaftler-Crew in den einzigen Versammlungsraum, der als solcher deklariert war, auch als Kino- und Vortragssaal. Er befand sich auf dem vierten Deck hinter der Pantry. Pünktlich trat Baltasar König ans Pult, schaltete den Beamer an und begann, die Expeditionsroute zu erklären, die zwar jeder aus einem vor Wochen verteilten Heftchen kannte, aber Details zu erfahren, das wollte sich keiner entgehen lassen.
Bei aller Freundlichkeit des Umgangs, vielleicht gerade deswegen, denn Sachkunde war vorausgesetzt und bekannt, galt König als die Autorität an Bord. Neben dem Kapitän namens Schippenkötter, versteht sich. König, ein Mann wie ein Bär mit schon gebeugtem Rücken. Auch sonst hatte seine Gestalt etwas Unverhältnismäßiges; der breite Brustkorb passte nicht recht auf die schmale Taille. Pausbäckig mit gutmütig dreinblickenden, braunen Augen, beeindruckte er durch eine burschikose Jungenhaftigkeit. Hartmut fand seinen obersten Chef sympathisch, weil man mit ihm ohne jede Vorsicht oder Vorbehalte reden konnte, ohne formale Mätzchen, wie sie oft im Gespräch mit Vorgesetzten geraten schienen.
Das Lichtbild eines Kartenausschnitts auf der Leinwand. Am unteren Rand Spitzbergen, links Grönland und die kanadischen Inseln. Rechts der Arktische Ozean, uferlos, in unterschiedlich starken Blautönen. Über diese Topografie zog sich eine schwarze Linie, die den Kurs der Alemania angab. „Den voraussichtlichen Kurs“, schränkte König ein, „so, wie wir ihn uns wünschen. Ob er einzuhalten ist, steht in den Sternen geschrieben, wenn ich die Wettersatelliten mal als solche bezeichnen darf.“
Hartmut sann der schwarzen Linie nach, folgte ihrem Verlauf über das bewegte Meer, das er sich hinzudachte, ein Fantasiemeer, aus dem Puzzle angelesener Bilder zusammengesetzt, und so stellte er sich den vorgesehenen Transekt als eine zwar schwankende, im Eis poltrige, widerständige, letztlich aber mehr oder weniger glatte Fahrt über ein Stück planetarer Oberfläche vor.
Doch Baltasar König hielt sich nicht lange an der Oberfläche auf. Ihn interessierten die Tiefen, der Meeresboden unter Hunderten und einigen Tausend Metern Wassersäule. König war Seismiker, und so hörten die Eleven, hörte Hartmut Wegler zum ersten Mal Namen, die er zwar schon gelesen hatte, die ihm aber nichts bedeuteten. Nachdem das Yermak-Plateau nordwestlich von Spitzbergen passiert sei, eine weiträumige Bodenerhebung im Polarmeer, „dessen geologische Zugehörigkeit wir noch nicht kennen“, ergänzte König, „kreuzen wir das Nansen-Becken“. Hartmut suchte die Tiefenlinien zu deuten, die der Schwarzstrich schnitt: 1500 Meter, 2000 Meter, 3500 Meter tiefes Wasser. Oder 3500 Meter hohes Wasser, wenn man die Sache von unten betrachtete und den winzigen Punkt auf dem Meeresspiegel, die Alemania, in deren Kinosaal sie so gemütlich beieinander saßen, gar nicht wahrhaben würde. Später sollte der Kurs über eine Gebirgskette, den Gakkelrücken, führen. 3800 Meter hoch vom Fuß bis zur höchsten Spitze. Was für Dimensionen! Die unserem Blick verborgen sind. Und ein gewaltiges Aufbrechen der Erdkruste dort unten am Meeresgrund. Eintausendachthundert Kilometer lang, scheitelbildend von einem Ende zum anderen, ein Riss in der Haut unseres Planeten, eine Wunde, die, „so wird vermutet, aber niemand weiß es“, sagte König, „noch Blut spuckt“. „Den Nordpol lassen wir rechts liegen, in einer Distanz von etwa hundert Kilometern, und wir begeben uns, aus europäischer Sicht, hinter den Nordpol. Wir stoßen zum Alpharücken vor.“ Das war das eigentliche Ziel.
„Es ist der erste Versuch, den Alpharücken zu erreichen“, betonte Baltasar König. „Noch nie ist ein Schiff in die hohen Breiten der kanadischen Arktis vorgedrungen. Nur einmal gelang es einer kanadischen Gruppe, sich auf einer Eisscholle über diese Region driften zu lassen. Wir haben dort Eismächtigkeiten von drei Metern, an Pressrücken bis zu zwölf Metern. Sie wissen, dass unsere Alemania auch mit den neuen Maschinen dieses dicke Eis nicht brechen kann. Also …, ob wir wirklich den Alpharücken streifen, ist ungewiss. Wir müssen uns Spalten und Waken suchen, um voranzukommen, und auf günstige Winde hoffen.“
Durch die Reihen der Zuhörer ging ein Murmeln und Räuspern. Am lautesten waren die Russen, die über irgendetwas in Streit gerieten. „Wird schon werden“, rief eine optimistische Stimme. Die meisten aber schwiegen. Jeder war mit seinen Gedanken weit voraus. Alle, wie sie da aufrecht oder zum Nachbarn gebeugt in den Stühlen saßen, gaben sich bestimmten Erwartungen hin, Erwartungen, die durchwirkt waren von unbezähmbaren Wünschen, denn jeder, der sich auf die Alemania begeben hatte, folgte nicht nur den hehren Leitlinien des ungewöhnlichen Unternehmens, sondern auch eigenen Ambitionen, die es einzuordnen galt ins große Ganze und die persönlichen Erfolg versprachen.
„Noch etwas“, setzte Baltasars gleichmäßiger Singsang von Neuem an, doch sein Ton wurde eindringlicher. Er trat einen Schritt vor und sah in die Gesichter der Gefährten. „Ich bitte Sie: Wir brauchen für die Expedition eine enthusiastische Überzeugung, nämlich die, dass unsere Arbeit sowohl nach ihrer Qualifikation wie in technischer Hinsicht eine Rekordleistung darstellt. Und das ist sie wirklich, wenn wir den Parcours schaffen. Wir – jeder einzelne – müssen uns in die Vorstellung hineindenken, hineinfühlen, dass die wissenschaftlichen Fragen, denen wir nachgehen, überhaupt die interessantesten Fragen sind, die es auf der Welt gibt. Nur wenn wir unsere Arbeit so übertrieben werten, sind wir zu ungewöhnlichen Leistungen befähigt. Das übrigens sind Gedanken des berühmten Polarforschers Alfred Wegener. Was wollen wir? Nicht nur einzelne Ergebnisse anhäufen, sodass der eine oder andere seine Doktorarbeit schreiben kann, und damit hat sich’s. Wir suchen nicht das rosarote Walross. Wir wollen uns ein Bild verschaffen von der Natur der Erde, wie sie hier oben aussieht. Wie sie in ihrer heutigen Form entstanden ist und in welchem, wohlgemerkt veränderlichen Zustand sie sich befindet. Ich wünsche euch und uns Glück und hoffe auf eine günstige Atmosphäre, auch hier auf dem Schiff.“
Noch Fragen? Friedbert Gluck meldete sich. „Warum dampfen wir nicht über den Nordpol, wenn wir schon nahe dran sind? So bald kommen wir nicht wieder in diese Gegend.“
Mit dem Treibstoff haushalten, sagte König. Der Abstecher zum Pol koste Sprit für zweihundert Kilometer.
Nein, das seien nicht hundert Kilometer hin und hundert zurück, erwiderte Friedbert. Schließlich fahren wir von einer gewissen Position aus diagonal.
„Okay, aber das dicke Eis verbraucht Energie, die nicht unserem Anliegen zugutekommt. Vor allem verlieren wir Zeit. Sie werden sehen, dass der Zeitfaktor letztlich der entscheidende ist. Wenn wir uns bis zum Alpharücken durchschlagen und die Passage sinnvoll nutzen, schreiben wir Polargeschichte.“
Aufbruch. In getrennten Gruppen versammelte sich die Crew unterm Schiebebalken für schwere Lasten, an den Seitenwinden, vor dem Kompressorraum, um mit dem Auspacken, Zueinanderfügen und Erproben der Geräte zu beginnen. Ein Gewusel, wie man es nur auf großen, vielbestimmten Forschungsexpeditionen erlebt. Hartmut war beeindruckt, wie alle hin und her liefen, als lenke eine unsichtbare Hand ihre Schritte. Das Arbeitsdeck glich einem Schlingenfeld. Schwarze, lose Kabelrollen bedeckten die Planken. Sie schienen miteinander verbunden, was freilich täuschte, denn von jeder dieser Rollen führten Stränge irgendwohin, ein Strippengewirr, das die jungen Leute in eine geheimnisvolle Ordnung zu bringen suchten, die vorerst nur in ihren Köpfen vorhanden war. Es lag ein Eifer in allem, der weder Rast noch Rede zuließ. Hatte Baltasar Königs Enthusiasmus sie angesteckt? Die Aussicht, als Pioniere an einem nie versuchten Abenteuer teilzuhaben?
In der Nähe des Hecks ruhte auf einem schulterhohen Gerüst eine unscheinbare Konstruktion aus Stahlrohren, fünf Meter lang, zweieinhalb breit. Das Herzstück der Sondierungen, das Constantin Flansch und Hartmut Wegler in den nächsten Wochen schlaflose Nächte bereiten sollte. Darauf saßen und am Boden zwischen den Streben hockten, in ständiger, wenngleich beengter Bewegung, die Männer und Frauen des Seismikteams. Ihr Tun an diesem Frühlingstag war eigentlich trivialer Natur. Wiederum nicht so trivial, dass alle Verrichtungen nicht mit größter Sorgfalt hätten ausgeführt werden müssen; von jedem Handgriff hing es ab, ob das Array, wie solch Trägergestell im globalisierten Deutsch genannt wurde, mit den an Ketten aufgehängten Luftkanonen alias Luftpulser oder Airguns zuverlässig arbeiten würde. Die stahlgrauen Ungetüme mussten mit Schläuchen verbunden werden, durch die später Druckluft in die Kammern geblasen wurde. Lebensadern der Schallmaschinen. Wie jedes Aderwerk verletzlich. Damit sie in der Schrappermühle des Eises keinen Schaden nehmen, wurden sie mit einem drahtverstärkten Gewebe umwickelt. Hartmut war angewiesen, die Endstücke auf die Airguns zu schrauben. Die meisten Gesichter, die wie von ungefähr an ihm vorbeihuschten, waren ihm fremd. Aber einige kannte er bereits. Der etwas kurz geratene, spitzzüngige Fritz Hacker war darunter, nunmehr mit Sechstagebart, der zum Abschied am Hafenkai den hochgesinnten Alois Ping des Flirts mit der Ministerin bezichtigt hatte, Ping selbst, er trug als Einziger einen Schutzhelm, die Asiatin, Miss Jamnong, die während der Ausfahrt so still geweint hatte. Sie kletterte über ihm von einem Querstreb zum anderen, reichte die Schlauchenden herunter und versah sie ebenfalls mit einem Schutzmantel.
Die auffallendste Person war eine junge Frau, die sich auf dem Array in geschmeidigen Bewegungen bog und beugte, dass es aussah, als wiege sie ihren Körper in einer Art Sitztanz. Dabei vermittelte nur die Flinkheit ihres Tuns diesen Eindruck. Ihre schlanke Gestalt hob sich vorteilhaft gegen den Himmel ab, das Antlitz, im Schatten einer milden Sonne gerade noch zu erkennen, hatte ausgeglichen schöne Züge, und wie um das Bild vollkommen zu machen, wehte der Wind das flachsblonde Haar seitab zu einem lichten Schweif. Hartmut war hingerissen von diesem Anblick, um sich gleich darauf zu sagen, solch ein von Natur begnadetes Weib müsse erhaben über allem Gewöhnlichen stehen, wobei er unter dem Gewöhnlichen „normale“, alltägliche, umgängliche Partnerbeziehungen verstand; vor so viel Schönheit haben Männer Angst. Sie gehörte zu den Praktikantinnen, erfuhr er, und dass sie einen adligen Namen habe, Elsbeth von Thadden, was nur sein hohes Urteil bestätigte.
Gegen Mittag hatte sich die Silhouette der norwegischen Küste vor den Horizont geschoben. Schroff und zerklüftet stiegen die Gipfel aus dem Dunst des Meeres, trutzburgenbraun, von einem violetten Schleier überzogen. Wo das Auge Einbuchtungen der Fjorde vermuten ließ, verstärkte sich das Violett. Davor die glatte See. Unversehens nahte auf dem Wasserspiegel ein Flecken dichter, zittriger Wellen. Wolkenhaft ein Fischschwarm. Weiter hinten war noch einer und noch einer, die unruhige Folge des Daseins in Neptuns Reich. Hartmut griff nach dem Fernglas, bemüht, in dem kräuseligen Chaos etwas zu erkennen. Doch die Urheber des Flimmerns blieben verborgen. Allein die Möwen hatten das Zeichen erkannt und machten fette Beute.
Die Bohrinsel Njord Alpha kam ins Blickfeld. Das Skelett einer Science-Fiction-Siedlung auf mächtigen Stelzen, mit auskragenden Kränen, flankiert von steil aufragenden Gebäuden, aus deren Mitte der Gittermast des Bohrturms ragte. Zur Seite ein anderer Mast mit flackernder Gasflamme, die nie erlöschen durfte – eine Lebensversicherung für den Fall einer Havarie, wenn große Mengen Gas blitzschnell abgefackelt werden müssen.
Wie aus einem Versteck katapultiert tauchte eine Korvette auf. Militärisch grau, kanonenbestückt. Sie begleitete die Alemania einige Meilen; die Staaten haben es nicht gern, wenn sich ein fremdes Schiff ihrer Ölplattform nähert. Ein Mariner fotografierte eifrig die Aufbauten der Alemania. Deren Kapitän, Schippenkötter, der viele Jahre auf Handelsschiffen gefahren war, ballte die Faust gegen das Fenster und fluchte. „So nahe dwars kommen verstößt gegen Seerecht.“ Er versuchte, Funkkontakt aufzunehmen, aber der bedrohliche Begleiter meldete sich nicht und drehte schließlich ab.
Die Episode wurde viel diskutiert, sowohl von den Offizieren als auch unter den mit den Gebräuchen der Seefahrt weniger vertrauten Wissenschaftlern. Keiner fand eine vernünftige Erklärung für den ungewöhnlichen Vorfall. Sollten allein die zahlreichen und nicht zum wenigsten sichtbaren Sensoren auf dem Gittermast den Verdacht der Spionage erwecken? Oder trieb die pure Neugier einer im Patrouillendienst abgestumpften Mannschaft das Kampfboot in die Nähe der Alemania? Einen aber, Hartmut Wegler, ließ der Anblick der Korvette völlig kalt. Er war fasziniert von Njord Alpha, diesem Wunderwerk der Technik. Er war aufs Peildeck gestiegen, das sich über dem Brückenhaus befand, nahm zwei Stufen auf einmal, um keinen Blick zu verpassen. Dort stand schon ein anderer mit Fotoapparat und Fernglas: der Chef der Biologen, Erik Reichhain. Etwas eigensinnig mit olivfarbener Rangerjacke und Schirmmütze bekleidet, schaute er in Richtung Bohrinsel. Er reichte Hartmut wortlos das Glas, der nun, vielleicht über Gebühr zu lange, er bediente sich ja eines nur geborgten Gegenstandes, in den Feldstecker starrte, die Scharfeinstellung korrigierte und seine Begeisterung in ein einziges Wort fasste: „Sagenhaft!“
„Wieso?“, fragte Reichhain, halb belustigte, halb abschätzige Züge im Gesicht.
Etwas verständnislos sah Hartmut in das faltige Antlitz des Biologen. Reichhain war der Älteste an Bord, und er gab die Würde seiner Jahre zu erkennen mittels eines stattlichen, von edlem Grau melierten Vollbartes, der Hartmut an eine Hermes-Statue erinnerte, die er im Musée du Bardo in Tunis gesehen hatte; sie beeindruckte ihn wegen der krausen Stirn und des breiten, rechteckigen Kinnbartes, die eine in sich ruhende Weisheit zu verkörpern schienen. Das war nicht der schöne Götterbote, wie er meistens von antiken Bildhauern dargestellt worden war. Das war der in zahllosen Kämpfen gequälte alte Hermes. Und genau so sah Erik Reichhain aus.
War es jugendlicher Übermut oder die Überzeugung, kraft seiner Studien, die er im Dachkämmerlein zu Oldenburg betrieben hatte, dass er glaubte, dem Opa etwas auf die Sprünge helfen zu müssen? Er war sich bewusst, dass er einem Professionellen wie Erik Reichhain nur mit wohl gesetzten Worten beikommen konnte, was ihm manchmal schwerfiel. „Solch eine Bleibe auf dem Meer“, setzte er an, „wo wir, ich meine, wo der Mensch keinen Grund unter sich hat, auch keine Möglichkeit zu existieren und trotzdem – baut er eine Lebensbasis – großartig. Das ist die Zukunft. Das Komplizierteste, das Beste, was die Zivilisation zurzeit kann. Aufregend wie Satelliten im All oder meinetwegen der Bau von Nanomotoren. Aber die kleinen Dinge liegen mir nicht.“
„Aha, aha“, unkte Reichhain und neigte den Kopf.
Hartmut hatte sich in der Campusbibliothek mit einigen Ingenieurproblemen befasst, der Verankerung, Fragen der Balance, und schwärmte: „Das wäre was für mich: Die Meere dienstbar machen. Irgendwann werden wir nicht mehr staunen über Ölplattformen, Wellenkraftwerke, Fabriken auf dem Wasser oder besser unten am Meeresboden, die Erz gewinnen. Wir werden uns daran gewöhnen. Es gibt ja heut schon Küstenstreifen, wo sich ein Bohrturm an den anderen reiht. Solche Plattformen“, Hartmut lächelte zufrieden, „Pfahlbauten der Moderne.“
„Soso, und damit wollen Sie die Menschheit beglücken?“ Der verkappte Hermes hatte sein Gesicht zu einer schmerzvollen Grimasse verzogen. „Na dann, nur zu, nur zu!“ Er wandte sich ab, in leicht wiegendem Gang entfernte er sich in Richtung Treppe, die hinunter auf die Ebene des Brückenhauses führte. Seine Gestalt verschwand Schritt für Schritt in der Tiefe.
Helle, gleitende Tage, die vorüberflogen mit dem Schrei des Basstölpels und auch sonst diesem herrlichen Vogel glichen. Die Schwingen steif, mit leichten, kaum merklichen Bewegungen den Körper ausbalancierend, den kräftigen, gelben Schnabel vorgestreckt, hielt er lange Strecken Kurs im Luv der Alemania. Dann stürzte er sich pfeilgerade ins Wasser, um mit einem Fisch emporzutauchen. Die Sonne schien, und die Winde hielten sich zurück.
Die Unruhe seiner Gefährten konnte Hartmut gut nachempfinden. Anders als er, der eher zum peripheren Personal gehörte, befand sich der Schwarm der Wissenschaftler in einer zweifelhaften Situation, in der Situation etwa eines Katapultflugzeugs: Die Motoren schon zu höchster Leistung angetrieben, hindern starke Bande die Maschine, durchzustarten. Hacker und Gluck, die Birlie, Reginald Sattler, alle, die etwas zu messen oder aufzusammeln hatten, träumten von Aufgaben, deren Lösung nicht nur über den Erfolg der Expedition entschied – daran glaubten sie mit der Vehemenz, die Baltasar König ihnen abverlangte –, an bestimmte Orte zu gelangen entschied auch über den persönlichen Erfolg. Schiffspositionen, für die marine Mannschaft nichts als Punkte auf der Weltkarte, geographische Länge, Breite. Für die strebsamen Datenjäger Positionen ihrer Biografie. Baltasar Königs bunt gemischte Gesellschaft fieberte dem Eis entgegen wie ein Trupp Süchtiger den Joints.
Es war in der fünften Morgenstunde, als ein Rumpeln und Poltern die Schläfer weckte und aufhorchen ließ. Die ersten Eisschollen prallten gegen die Bordwand. Der Kapitän hatte das Vorschiff freigegeben, das bei normaler See und erst recht an Sturmtagen für alle gesperrt war, sofern sie nicht vorn zu tun hatten. Nun standen die leidlich dünne Birlie neben der dicken Pitta am Schanzkleid, Friedbert Gluck neben einem Chinesen, der noch nie an Deck gesehen worden war, denn sein Reich als Wäscher und Bügler befand sich in einer fensterlosen Kammer des Unterdecks. Erik Reichhain erschien mit einer diesmal roten Schirmmütze und dem unvermeidlichen Fernglas in der Hoffnung, ein seltenes Lebewesen zu beobachten. Sie alle bewunderten die Pracht des Eises, lauschten dem Knirschen, dem hellen Klang, wenn die Growler gegen das Schiff schlugen, und es war ihnen wie Glockengeläut.
An diesem Tag begann etwas Neues. Ein von Meile zu Meile dichter werdender Schorf aus milchig weißen, blau-weißen, grau-weißen Platten bedeckte das Meer. Auch Hartmut stand am Bug. Wie oft hatte er sich in seiner Dachkammer am Oldenburger Hafen das Zerschrammen des Eises vorgestellt, in immer gewagteren Bildern; sie hielten in keiner Weise dem Chaos vor seinen Augen stand, den blassgrünen, azurblauen Lichtreflexen auf den Bruchstücken, die emporzischten und unter mächtigen Brocken wieder verschwanden. Dieses Kräftespiel der Elemente! Hartmut Wegler sonnte sich in einem Hochgefühl, das er vermisst hatte, als er vom Festland Abschied nahm. Erst jetzt, angesichts des gewaltigen Aufbruchs, wurde ihm bewusst, dass die Reise für ihn selbst ein Aufbruch sein könnte. Doch woraus? Wohin?
Die meisten Männer und Frauen sahen im Hautwandel des Meeres, in der allmählichen Verkrustung seiner Oberfläche den eigentlichen Beginn der Expedition. Nicht dass in den vergangenen Tagen nichts geschehen wäre. Oh, doch! Eine einschneidende, Hartmut Weglers Gewohnheiten betreffende Veränderung war von vertraulicher Natur.
In den Abendstunden, wenn die dringendsten Arbeiten erledigt waren, fand sich eine kleine Gesellschaft zumeist junger Leute im Salon neben der Messe ein. Alois Ping erschien meist in sauberem weißem Hemd, eine Zeitschrift unterm Arm und bestellte am Tresen, wo im Wochenwechsel eine der Stewardessen das Zepter führte, Apfelschorle und begann zu lesen. Dann kam Fritz Hacker hinzu, fast immer mit einem Fluch auf den Lippen, „das kann doch nicht wahr sein …, ich könnte ausrasten …“ Elsbeth von Thadden, die Schöne, erschien. Pitta Schwarzlocke verlangte einen Jägermeister, um zu verdauen, wie sie sagte. Pitta, die einen schwer aussprechbaren tschechischen Namen führte und deshalb wegen ihrer wilden, dunklen Haare „Schwarzlocke“ hieß. Je mehr sich in dem alles in allem recht anheimelnden Separee versammelten, desto angeregter und vielseitiger ergaben sich die Gespräche. Ein lockeres, gelegentlich witziges Palaver, in dessen Unverbindlichkeit sich die Gefährten von den Anstrengungen des Tages erholten. Hartmut genoss diese Zusammenkünfte, und sichtbar auch Arrida Gonzales, die aufmerksam zuhörte und manchmal den Körper streckte, sodass sich ihr Busen unter dem Pullover aufwölbte.
Einmal, als sich die Runde schon auflöste, fragte Erik Reichhain Hartmut, durchaus vorsichtig, in leisem Ton, deswegen nicht weniger bestimmt, ob er bei ihm einziehen könne. Sein Kabinenkumpel, ein Schwätzer, der ununterbrochen von Sternen rede und den Himmel mit der Politik verwechsle, das gehe ihm auf die Nerven. Ein seitliches Kopfnicken deutete an, wen er meinte. Es war Mechtgard Käsbrodt, ein biederes Polizeigesicht, pausbackig, mit Oberlippenbart. Er saß als Letzter noch in seinem Sessel, mit dem Verbleib andeutend, dass er die spinnerte, manchmal sinnige, auch hintersinnige Unterhaltung gerne fortgesetzt hätte.
Hartmut erinnerte sich der abschätzigen Reaktion Reichhains auf seine Begeisterung für Ölplattformen. Aber was konnte er dem Wunsch entgegenhalten? Nichts. So sehr er sich auf das Besinnliche verstand und selbst Einsamkeit ertragen, ja, genießen konnte, war er auch nicht abgeneigt, einen Partner an seiner Seite zu haben. Dass Erik vielleicht doch ein umgänglicher Patron war, zeigte die verbindliche Art, mit der er sein Zimmergenosse zu werden suchte. Er hätte die Angelegenheit mit dem Fahrtleiter klären und einfach sagen können: Ich ziehe morgen ein.
Etwas unsicher stellte Hartmut die Kojenfrage. Wenn er, Erik, im unteren Bett schlafen möchte, sozusagen altersgerecht – nichts für ungut, „ich zieh’ hoch“. Erik winkte ab, er habe ein halbes Leben auf See zugebracht, das sei ihm völlig egal, und begann, im oberen Kasten Laken und Bettzeug aufzuziehen – das musste jeder Fahrensmann, jede Fahrensfrau selbst tun. Schließlich stand er in der Mitte des Raumes, fixierte Hartmut mit freundlichem Blick, seine Hand deutete eine einladende Geste an, als sei er hier die aufnehmende Person. „Na dann, auf dass wir uns verstehen.“
Das andere nachhaltig wirkende Ereignis braute sich ganz allmählich zusammen. Bisher hatten sich die äußeren Umstände der Expedition günstig gestaltet. Die Alemania machte gute Fahrt. Die Nacht war keine Nacht mehr. Die Sonne ging nicht mehr unter; Hartmut schlief in diesen hellen Nächten schlecht. Trotz des Vorhangs, der unter dem oberen Bettkasten an einer Stahlschiene zugezogen werden konnte, aber dummerweise gelb gefärbt war, und trotz des knapp geschnittenen Stores am Kammerfenster drang immer etwas Licht in seine Schlafesgruft. Daran musste er sich noch gewöhnen. Aber sonst nahm alles seinen wunschgemäßen Lauf. Von Stürmen waren sie verschont geblieben.
Auf Höhe der Lofoten, die irgendwo hinter der Kimm lagen, zogen rasend schnelle Wolkenfelder heran. Dunkle Schwaden senkten sich tief und tiefer, bis sie die Antennen und Masten streiften. Manchmal, wenn die Wolkendecke für Sekunden aufriss, waren bauschige Cirren zu sehen, gar ein Fetzen des hohen blauen Firmaments, sodass sich Hartmut wunderte über solch gegenläufiges Treiben. Eine lang gezogene Dünung rollte gegen das Schiff. Der Rumpf begann zu stampfen. Der Bug gierte gen Himmel, nicht heftig auffahrend, sogar ziemlich langsam – um gleich darauf unter die Horizontlinie zu sinken. Der Meteorologe hatte Sturmwarnung gegeben. Kapitän Schippenkötter befahl, alles, was verrutschen oder kippen könnte, gründlich nachzulaschen.
Es dauerte nicht lange, bis einige Praktikanten und Doktoranden mit seltsam langsamen Schritten und abwesendem Blick über die Decks schlürften. Constantin Flansch, an seiner Seite Hartmut und Arrida, schlangen Seile um die Luftkanonen, damit sie nicht aneinanderschlagen. Arrida sah erbärmlich aus. Ihr Gesicht blass zu nennen, wäre geschmeichelt, es war bleich. Sie fühlte sich schwach, die Arme weich wie warmes Wachs. Umso fester versuchten ihre Hände, das Seil zu packen, sie schlang es um den nächstbesten Regalständer und zog den Knoten mit dem Gewicht ihres wahrlich nicht gewichtigen Körpers straff. Aber irgendwann war es so weit; wortlos stürzte sie davon und wähnte sich in ihrer Not froh, die Toilette zu erreichen. Das wiederholte sich, bis Constantin sagte: „Geh raus in den Wind, aber halte dich fest!“ und, nachdem sie die letzte Airgun festgezurrt hatten, an Hartmut gewandt: „Guck mal, wie’s ihr geht!“
Arrida fand er als ein Bündel Unglück über das Schanzkleid gebeugt. Ratlos, was er tun solle, legte er den Arm auf ihre Schulter. Ihr Körper zitterte. Zwischen tiefröhrenden Tönen flüsterte sie: „Oh Gott, ich schäme mich, ich schäme mich.“
