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Mellie erhält eine Einladung in eine höhere Akademie im Himalaya. 1000 Jahre nach dem großen Yogi Naropa wurde dort ein neues Ausbildungsprogramm für fortgeschrittene Bodhisattvas entwickelt. Es ist die größte Chance ihres Lebens, doch Mellie hat ein Problem: Die Akademie ist mit normalen Verkehrsmitteln nicht zu erreichen. Zugang nur über höhere Meditation. Was Mellie früher bei einer Reise zum heiligen Berg Kailash schon einmal geschafft hatte, bekommt sie nun nicht mehr hin. In ihrer Not fliegt sie in die nepalesische Hauptstadt Kathmandu. Wird man ihr im uralten Tempel der Vajrayogini helfen können? Dieses Buch ist die Fortsetzung des Romans "Kailash Akademie". Mellie ahnte früh, dass das Leben mehr bereithält als Arbeit, Heiraten und Eigenheim. Die Akademie eröffnet ihr die Sicht auf ein Universum, das in seinen Möglichkeiten alle menschliche Vorstellung übersteigt. Lesen Sie die berührende Geschichte einer modernen Level-7-Bodhisattvi und ihrer faszinierenden Lehrer.
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Seitenzahl: 268
Veröffentlichungsjahr: 2026
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1 Schlafen
2 Aufstehen
3 Nektar
4 Unermesslich
5 Lernen
6 Sich selbst erzeugen
7 Reinigen
8 Wirken
9 Mantra
10 An den Ufern des Unfassbaren
11 Alltag
Zum Buch
Super-einfache Übersicht der verwendeten Begriffe für Buddhismus-Anfänger
Kenner lesen bitte großmütig über die Vereinfachungen hinweg. Es ging mir darum, unvorbelastete Leser abzuholen.
Bardo: Zwischenzustand nach dem Sterben und vor der Wiedergeburt.
Bodhisattva: nach höchster Erkenntnis strebendes Wesen, das andere Praktizierende auf dem Weg zur Erleuchtung unterstützt.
Gompa: Meditationshalle
Mahasiddha: ein extrem hoch verwirklichter Yogi.
Nirmanakaya: unser menschlicher Körper aus Fleisch und Blut.
Sambhogakaya: unser Energiekörper.
Dharmakaya: der energetische Hintergrund, der Welten hervorbringen kann.
Samadhi: ein tiefer Meditationszustand.
Samsara: der ewige Kreislauf der Wiedergeburten.
Nirvana: Das Ende des Leidens.
Mahayana: eine Hauptrichtung des Buddhismus.
Vajrayana: eine Erweiterung des Mahayana um Methoden des Tantra.
Tantra: Nutzung aller Phänomene des Alltags, um auf dem spirituellen Weg voranzukommen. 98% des Tantra haben nichts mit Sex zu tun. Die letzten 2% können auch diesen Bereich menschlicher Erfahrung einschließen.
Sangha: die Gemeinschaft der Praktizierenden.
DIE SCHUBUMKEHR ZOG MICH in die Gurte. Vor dem Kabinenfenster rasten die Rollbahnen des International Airport von Kathmandu vorbei. Zwei Jahre waren seit meiner Reise zum heiligen Berg Kailash in Tibet vergangen. Nun war ich, Mellie Lindman, zurück im Himalaya.
Vor ein paar Wochen hatte mich eine Reihe von E-Mails erreicht.
Betreff: ‚Visit the Best of Tibet‘.
Auf den ersten Blick hatte ich an eine Spam-Mail geglaubt, denn seit meiner Tibet-Tour bekam ich öfter Werbung zum Thema. Doch als ich den Absender las, glitt ein Lächeln über mein Gesicht: Mr. Khung. Ich kannte einen Mann dieses Namens. Wir waren damals zusammen um den Manasarovar-See gepilgert, am Fuße des heiligen Berges Kailash. 'The Best of Tibet' war ein Wortspiel. Es bezog sich auf eine sagenumwobene Ausbildungsstätte für höheres Wissen im Transhimalaya.
»Erwarten dich in der Akademie. Sarva Mangalam - Khung-«
Der Stil war typisch für den Mann: kurze Mitteilung, kein überflüssiges Wort, der Inhalt klang banal. Doch wenn Khung so etwas äußerte, hatte das meist einen tieferen, geheimnisvollen Hintergrund.
Einerseits freute ich mich, von ihm zu hören. Doch in meinem Inneren meldete sich noch ein anderes, weniger angenehmes Gefühl. Beim Abschied hatte ich Khung ein Versprechen gegeben, das ich noch immer nicht eingelöst hatte.
Meine damalige Pilgerreise war abenteuerlicher verlaufen, als ich es mir vorgestellt hatte. Bei der Anfahrt zum Kailash wurden wir in einen Unfall verwickelt. Ich blieb zwar unverletzt, verlor aber Gepäck und Reisedokumente. Eine resolute Tibeterin namens Yara sammelte mich damals am Straßenrand auf, gab mir Essen und Unterkunft in einem Zelt. Zusammen mit ihrem Bekannten, ebendiesem Khung, pilgerten wir um den heiligen See Manasarovar.
Khung erwies sich als munterer älterer Herr, der sich gern über meine westlichen Ansichten und Gewohnheiten lustig machte. Damit konnte ich leben. Er war auch Buddhist, und das gab uns eine gemeinsame Basis. Nach zwei Tagen schwatzte er mir eine Meditation auf die Energien eines naheliegenden 7000er-Berges auf. Ich wusste nicht recht, was er damit meinte, aber Gurla Mandhata, so hieß der Berg, sah mit seiner Schneekuppe imposant aus. Unbedarft wie ein Kind stimmte ich der Sache zu. Was sollte schon groß schiefgehen? Ich irrte mich gewaltig. Die Meditation mit Khung brachte mich fast um den Verstand. Für Momente sah ich die Landschaft von oben, litt in einem Höhengewitter Todesängste und verausgabte alle meine Energien. Es dauerte Tage, bis ich mich von dem Erlebnis erholt hatte. Meine Überheblichkeit bezüglich meiner Fertigkeiten in der Meditation bekam einen ersten Dämpfer.
Nach der Umrundung des Manasarovar-Sees trennten sich unsere Wege. Khung und Yara gingen zurück in ihre Heimatdörfer, und ich wollte unbedingt weiter zum Kailash, der etwa 40 Kilometer nördlich lag. Durch die Begegnung mit den beiden Einheimischen und die erfolgreiche Seeumrundung war ich inzwischen verwegen genug geworden, mich bezüglich der verlorenen Reisedokumente nicht bei der Polizei zu melden, sondern direkt zum Kailash weiterzupilgern.
Doch schon bei der ersten Straßenkontrolle wurde ich festgenommen. In der Polizeistation begriff ich langsam den Ernst der Lage. An eine Umrundung des heiligen Berges war nicht mehr zu denken. Zum Glück erwirkte eine gute Seele meine Unterbringung in einem Hotel. Die Frau hieß Amrita, war Angestellte einer Reiseagentur und wir wurden uns schnell sympathisch. In einem Restaurant unterhielten wir uns über die Reise, meine Heimat und die Mysterien der Welt. Am nächsten Morgen um 4 Uhr klopfte sie unerwartet an meine Tür. Als ich verschlafen öffnete, stand sie in Wanderklamotten im Gang, um mit mir zur Kora um den Kailash aufbrechen. Das Ziel meiner Reise, die Umrundung des Berges, rückte wieder in Reichweite.
Auf halber Strecke tauchte überraschend Yara wieder auf. Was für ein Zufall, dachte ich. Als ich jedoch mitbekam, dass die beiden Frauen sich kannten, wurde mir die Sache unheimlich. Erst viel später begriff ich, dass sie längst die Führung meiner Reise übernommen hatten. Dabei modifizierten sie den Reiseverlauf in unvorhergesehener Weise. Die Sache gipfelte in einem anstrengenden Marsch zur Nordwand des Kailash, wo ich eine intensive Einweihung in das Mandala der buddhistischen Göttin Vajrayogini erhielt. Was bei der Initiation genau passierte, war mir auch Monate später noch nicht ganz klar. Ich hatte Szenen erlebt, die meine Vorstellungskraft überstiegen. Eine größere, mir bis dahin unbekannte Wirklichkeit hatte sich angedeutet.
Am Ende der Kora, als wir schon fast um den Berg herum waren, tauchte plötzlich auch Khung wieder auf. Er teilte mir mit, Vajrayogini hätte mich als Schülerin akzeptiert. Unter seiner Führung gelangte ich meditativ an einen Ort, der eine höchst erstaunliche Mischung aus Bewusstsein und Realität war. Khung nannte diesen Ort 'Kailash Akademie'. Bei unserem Abschied stellte er mir die Aufgabe, den Zugang dorthin immer wieder zu üben, bis ich den Ort auch ohne seine Hilfe erreichen würde. Das war mein Versprechen an ihn.
Die Reise hatte mir damals einen großen Schub auf dem Gebiet meditativer Praxis gegeben. Naiverweise hatte ich geglaubt, dies würde sich zu Hause weiter fortsetzen. Doch die Realität sah anders aus. Obwohl ich regelmäßig in meinem Zimmer bei Räucherstäbchen und gedämpftem Licht meditierte, kam ich nicht mehr in die Versenkungszustände hinein, die ich am Berg erreicht hatte. Das Ausbleiben von Erfolgen hatte einen deprimierenden Effekt. Weil ich zu dieser Zeit auch auf der Arbeit Stress hatte, meditierte ich seltener. Die Erinnerung an den Berg begann zu verblassen wie ein Traum nach dem Erwachen. Schließlich gab ich die Meditation ganz auf.
Und nun kam plötzlich diese E-Mail. »Erwarten dich in Kailash Akademie«. Wie hatte Khung das gemeint? War es eine nette Einladung oder die Aufforderung, endlich mein Versprechen einzulösen? Ich antwortete zunächst nicht, meditierte aber wieder, um mein Gewissen zu beruhigen. Leider kam ich auch diesmal nicht weiter. Ich fragte mich, ob ich Khung das Problem schildern sollte. Doch das wäre mir peinlich gewesen. Wieder verdrängte ich das Thema.
Zwei Wochen später kam die nächste E-Mail. »Erwarten dich in Kailash Akademie.« Diesmal war es nicht nur der Text, es gab noch einen Anhang – einen Scan von einem alten Brief. Er war handgeschrieben und für mich nicht einfach zu entziffern. Meine Mutter half mir beim Lesen. Eine alte Dame, deren Name uns nichts sagte, gratulierte ihrer Enkelin zu einem Anlass, der wohl eine Familienfeier gewesen war. Ich konnte mit dem Brief nichts anfangen. Der eigentliche Text der E-Mail hingegen hätte deutlicher nicht sein können. Khung erwartete mich in der Kailash Akademie. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich auf meinen Computer und fasste einen Entschluss: Ich musste noch einmal zu diesem Berg in Tibet reisen.
Nun war ich also bereits wieder in Kathmandu gelandet. Auf dem Vorfeld hüllte mich feuchtwarme Luft ein. Sie roch nach Kerosin. Meine Armbanduhr zeigte 6.10 Uhr morgens. Vor dem Passagierterminal winkte ich der goldenen Garuda-Statue zu, die Nepals Touristen willkommen hieß. Der Garuda war eine Art heiliger mystischer Nationalvogel des Landes.
Im Gegensatz zu den bevorstehenden Grenz-Formalitäten in China war die Einreise nach Nepal vergleichsweise einfach. Ich hatte zu Hause ein Online-Formular der Botschaft ausgefüllt und die Gebühr für das Visum bezahlt. Mit der ausgedruckten Bestätigung und meinem Reisepass in der Hand reihte ich mich in die Schlange der Wartenden ein. Es gab fast ein Dutzend Schalter, aber nur zwei davon waren geöffnet. Wie zu Hause im Supermarkt. Im Schneckentempo arbeiteten wir uns an den Immigrations-Schalter heran. Beim Warten kamen mir beunruhigende Gedanken. Ich hatte Khungs E-Mail mit einem konkreten Anreisetermin am Kailash beantwortet, aber bisher keine Bestätigung erhalten. 24 Stunden vor dem Abflug hatte ich mich entscheiden müssen: Reisen oder zu Hause bleiben. Ich fuhr zum Flugplatz in der Hoffnung, die Antwort würde jede Minute eintreffen. Nun war ich schon wieder gelandet, doch noch immer war keine Rückmeldung gekommen. Ich hatte nicht mal eine Adresse. Beim letzten Mal hatten Yara und Khung mich in Tibet am Straßenrand aufgesammelt. Sollte ich mich an dieser Stelle noch einmal vom Fahrer absetzen lassen? Was, wenn niemand käme? Der Schweiß trat mir auf die Stirn.
Als ich endlich den Schalter erreichte, warf der Beamte nur einen kurzen Blick auf das Formular. Er tippte etwas in seinen Computer und drückte mir ohne weitere Fragen den Stempel in den Reisepass. Ich war in Nepal. Eine Etage tiefer wartete ich auf mein Gepäck und tauschte noch etwas Geld für die nächsten Tage.
Mit dem Taxi fuhr ich ins Zentrum der Stadt. Große Teile der Strecke kamen wir nur langsam vorwärts. Der morgendliche Berufsverkehr war in vollem Gange. Die Polizisten auf den Kreuzungen bemühten sich, wenigstens eine grobe Ordnung in die hupenden, knatternden und diesel-rußenden Ströme von Fahrzeugen zu bringen. Ich wollte in den Stadtteil Thamel. Der galt zwar als Touristenhochburg mit überteuerten Preisen, doch ich liebte seine engen Gassen mit den kleinen Läden, Cafés und familienbetriebenen Hotels. Als ich aus dem Taxi stieg, hüllte mich die magische Atmosphäre von Kathmandu endgültig ein. Es duftete nach Weihrauch, Gewürzen und Backwaren. In den Gassen drängten sich Menschen, Motorräder und Lastenfahrräder. Die Straßen waren erfüllt von Hupen und Geklingel. Diesen Trubel gab es hier schon seit Jahrtausenden. Kathmandu war die große Zwischenstation für Reisende, die von Tibet über Himalayapfade heruntergestiegen kamen auf dem Weg nach Indien, oder aus Indien kommend ein letztes Mal die Vorräte auffüllten, bevor sie in die Höhen von Schnee und Eis hinaufstiegen.
Ich schlenderte an den Schaufenstern vorbei und bestaunte die Auslagen. Hier gab es Statuen von Hindugöttern und Buddhas, feine Holzschnitzereien und bunte Gebetsfähnchen. Aus den offenen Türen der Geschäfte quoll der ‚Om Mani Padme Hung‘-Song auf die Straßen – die heimliche Hymne Kathmandus.
Für die drei Tage, die meine Visumerteilung für Tibet dauern würde, bezog ich Quartier in einem kleinen Hotel. Es lag in der Z-Street. Die Straße hatte ihren Namen daher, dass ihr Verlauf auf dem Stadtplan an die Form des gleichnamigen Buchstabens erinnerte. Für Touristen wie mich war der Name überaus praktisch. Man konnte ihn einfach aussprechen. Nepalesische Straßennamen hingegen brachten Zungenspitze, Gaumen und Lippen in abenteuerliche Koordinationsschwierigkeiten.
Im Hotelzimmer machte ich mich frisch. Zu meinem Glück fehlte mir nur ein ordentliches Frühstück. Im Flieger hatten die Stewardessen zwar eine kleine Mahlzeit serviert, allerdings um 4.30 Uhr. Ich hatte nicht viel davon gegessen. Mittlerweile war es Viertel nach acht. Im Zentrum von Thamel zog es mich - wie die meisten deutschen Touristen - in eine kleine Bäckerei mit dem völlig un-asiatischen Namen ‚Pumpernickel‘. Ich suchte mir einen Tisch und ließ mich entspannt auf den Stuhl sinken. Vor mir lagen drei Tage zur freien Verfügung, während derer sich die Agentur um meine chinesischen Dokumente kümmern würde. Ich verband mein Smartphone mit einem örtlichen Mobilfunkanbieter und checkte meine Nachrichten. Khung hatte immer noch nicht geantwortet. Langsam machte ich mir Sorgen, immerhin war ich bereits in Kathmandu. Als Nächstes rief ich die Reiseagentur an, um mitzuteilen, dass ich in etwa zwei Stunden meinen Pass für das chinesische Visum vorbeibringen würde.
»Reisen ins westliche China werden bis auf Weiteres nicht genehmigt«, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung.
Schockiert starrte ich auf die gegenüberliegende Wand.
»Sicherheitsgründe«, erklärte der Angestellte nach einigen Sekunden der Stille. »Das Militär verlegt Einheiten an die chinesische Westgrenze.«
»Und nun?«, fragte ich mit dünner Stimme.
Der Mann sagte, so eine Einreisesperre könne mehrere Wochen dauern. Er riet mir, am nächsten Tag noch einmal anzurufen, die chinesischen Behörden würden tagesaktuell entscheiden.
Der Kellner brachte das Essen. Geistesabwesend nickte ich ihm zu. Erst keine Antwort von Khung und nun auch keine Einreiseerlaubnis nach China. Wie in Trance nippte ich am Kaffee. Er schmeckte bitter. Von dem Toast mit Marmelade mochte ich gar nicht abbeißen. Nach ein paar Minuten fruchtlosen Grübelns packte ich zusammen und schlich zurück ins Hotel. Mir war, als sei ich gegen eine unsichtbare Wand geprallt. Ich war tausende Kilometer angereist und hatte viel Geld ausgegeben. Was sollte ich jetzt tun? Auf diese Situation war ich nicht vorbereitet. Im Zimmer ließ ich mich aufs Bett fallen und sinnierte über die verfahrene Lage. Nach ein paar Minuten schlief ich ein. Die Nacht im Flieger war kurz gewesen.
Als die Strahlen der Mittagssonne mein Kopfkissen erreichten, erwachte ich wieder. Verschlafen angelte ich mein Smartphone aus der Jackentasche. Noch immer keine neuen Nachrichten. Ich überlegte, ob ich Khung mitteilen sollte, dass ich keine Einreisegenehmigung bekam. Doch ich entschied mich, noch das morgige Gespräch mit dem Reisebüro abzuwarten. Vielleicht passierte ja ein Wunder. Ich scrollte durch alte Mails und öffnete noch einmal den Anhang von Khungs zweiter Nachricht:
»Liebes Kind!
Du bist nun in eine vortreffiche Gemeinschaft aufgenommen worden. Dazu gratuliere ich dir von ganzem Herzen. Ich denke in letzter Zeit viel an dich. Zwischen uns liegt eine Entfernung, die schwer zu überbrücken ist. Dennoch bin ich dir nahe und wünsche mir, dich innig zu umarmen. Ich bin sicher, du wirst deinen Weg gehen. Finde heraus, was für dich und deine Zeit funktioniert. Liebe Grüße -Catherine Kashner -
15.03.1992 Kathmandu, E-Vihar.«
Ich kannte niemanden mit dem Namen Kashner. Der Brief stammte aus einer Zeit, als ich noch nicht geboren war. Zu Hause hatte ich im Internet nach Informationen gesucht, aber die Recherche hatte kaum brauchbare Hinweise ergeben. Lediglich zur Angabe ‚Kathmandu, E-Vihar‘ fand ich etwas. In einem Essay von Keith Dowman über 'Powerplaces im Kathmandu-Tal' tauchte der Name auf. E-Vihar war wohl ein alter Tempel auf einem Platz namens Durbar Square.
Bis zum nächsten Gespräch mit dem Reisebüro musste ich den Tag irgendwie herumbringen. Auf dem Navi tippte ich den Namen dieses Platzes ein und fand heraus, dass er wenige Kilometer südlich meines Hotels lag. Ich zog mich an und machte mich auf den Weg. Ernsthafte Hoffnung, dass dort jemand den seltsamen Brief zuordnen können würde, machte ich mir nicht. Immerhin konnte ich so Khung später erzählen, dass ich mir das Gelände angeschaut hatte. Auf direktem Weg wäre ich etwa eine Stunde unterwegs gewesen, aber ich ließ mir Zeit und bummelte durch allerlei Gassen, wo sich Geschäft an Geschäft reihte. Es war noch früh am Nachmittag. Die Straßen waren trotzdem voll von Menschen. Tagelöhner mit Körben kitschiger Andenken sprachen mich an. Wenn ich nicht energisch abwinkte, verfolgten sie mich ein Stück des Wegs und versuchten, mich zum Kauf zu überreden. Vor einem Hauseingang bettelte ein alter Mann die Touristen um Geld an. Seine Jacke war verschlissen und die Hose schmutzig. Schuhe und Strümpfe trug er keine. Er schien auch eine Verletzung an der Hand zu haben, sie hing verkrümmt am Unterarm. Ich gab dem Mann ein paar Rupees. Einerseits nervten solche Leute, und die örtliche Polizei vertrieb sie, wenn sie die Touristen zu sehr bedrängten. Andererseits taten sie mir leid, denn irgendwie war diese Anbiederei unwürdig. Am liebsten hätte ich jedem Händler etwas abgekauft, nur um zu helfen, ihre Familien durch den Monat zu bringen.
Nach einem fast zweistündigen Spaziergang erreichte ich schließlich besagten Durbar Square. Dem ersten Anschein nach handelte es sich um ein historisches Stadtzentrum, das als eine Art Freiluftmuseum betrieben wurde. Jedenfalls war das Gelände umzäunt und man musste Eintritt bezahlen. Die Verkäuferin in dem kleinen Tickethäuschen wollte sogar meinen Pass sehen. Obwohl sie den Pass vor sich hatte, fragte sie nach meinem Heimatland. Konnte sie nicht lesen? Ich antwortete mit 'Frankreich'. Daraufhin schrieb sie Vor- und Nachnamen auf das Ticket. Vermutlich wollte die Tourismusverwaltung damit verhindern, dass ich das Billett hinterher weiterverkaufe. Immerhin bekam ich eine fast postkartengroße, grafisch ansprechend gestaltete Eintrittskarte. Auf der Rückseite war ein kleiner Lageplan abgedruckt. Leider sagten mir die Namen nichts, denn sie waren in Nepali oder Newari geschrieben.
Auf dem Gelände wurde fleißig gebaut. Einige Jahre zuvor hatte ein starkes Erdbeben die Stadt verwüstet. Manche Tempel schienen bereits restauriert zu sein, andere waren noch eingerüstet. Einige Bauten waren völlig verfallen und über den Trümmern wucherte das Unkraut. Hinter dem Eingang zum Gelände fand ich eine große Tafel mit einem auf Englisch beschrifteten Lageplan. Damit konnte ich etwas anfangen. Ich zog mein Smartphone heraus und glich die Karte mit den Informationen ab, die ich im Internet über den E-Vihar gefunden hatte. Ich orientierte mich kurz und ging in Richtung der Stelle, von der ich meinte, dort müsste der Tempel zu finden sein. Leider sah das wirkliche Gelände irgendwie anders aus, als die Zeichnung auf dem Lageplan.
»Namaste, Miss! Möchten Sie eine Führung?«
Hinter mir stand ein Mann und lächelte.
Ich schüttelte den Kopf. Mir stand nicht der Sinn nach einer Führung.
»Nein, danke.«
»Ich kann Ihnen alle Gebäude und Plätze zeigen.«
»Das ist sehr nett, aber: Nein, danke.«
Der Mann war schlank und etwas größer als ich. Er trug einen grauen Anzug und mochte etwa 50 Jahre alt sein. Ich drehte mich weg.
»Sind Sie Französin?«
»Nein.«
»Ich habe sehr gute Kenntnisse über Geschichte. Woher kommen Sie?« Er folgte mir.
»Aus Deutschland.«
»Ah, aus dem Land von Paul Bauer. Kennen Sie Paul Bauer?«
Ich rollte mit den Augen. »Nein!«
»1929. Er leitete die deutsche Kangchendzönga-Expedition. Der dritthöchste Berg der Welt. Mögen Sie Trekking? Ich kann Ihnen zuverlässige Trekking-Unternehmen in Kathmandu empfehlen.«
Ich lief langsamer. Der Kerl ließ sich nicht abschütteln.
»Mich interessieren die Tempel hier.«
»Ah. Sehr gut. Durbar Square ist berühmt für seine Tempel. Ich kann Ihnen alles erklären. Dort hinten, in dem weißen Gebäude hatte das Königshaus eine Schule für seine Prinzessinnen. Kennen Sie die Geschichte des nepalesischen Königshauses? Der letzte König wurde vor ein paar Jahren erschossen.«
Ich schloss entnervt die Augen.
»Nein. Können Sie mir sagen, wo der E-Vihar ist?«
Die Frage schien ihn zu überraschen. Er brauchte ein paar Momente, bevor er antwortete.
»Sie haben schon einige Kenntnisse über die Geschichte Nepals. Wir werden uns gut verstehen. Sie werden niemanden finden, der besser Bescheid weiß.«
»Sicher!« Wahrscheinlich wollte er gleich Geld von mir.
»Ich bin geprüfter Fremdenführer.« Er kramte in der Jackentasche und zog eine Karte heraus. Sie war in Folie eingeschweißt und trug den Stempel irgendeiner Behörde. Die Schrift war Nepalesisch. Es hätte ebenso gut eine Gebrauchsanweisung sein können.
»Sagen Sie mir einfach, wo der E-Vihar ist!«
Er beugte sich zu mir herunter und erklärte, dass er Fremdenführer sei und nicht umsonst arbeiten könne. Aber sein Preis sei nicht zu hoch. Umgerechnet zwanzig Euro wollte er haben.
Ich winkte energisch ab und war kurz davor, wegzulaufen. Aber sein gerades offenes Lächeln ließ mich zögern. Er tat mir leid. Der Wind blies mir eine Haarsträhne ins Gesicht. Mir kam der Gedanke, eine Führung könnte mich vielleicht ein wenig aufmuntern. Wir handelten hin und her und einigten uns schließlich auf einen Preis.
»Also, wo ist dieser E-Vihar nun?«
»Er wurde abgerissen.«
Ich ließ die Schultern sinken. Na super, dachte ich.
»Schade. Das Erdbeben hat viel zerstört, was?«
»Der E-Vihar wurde vor tausend Jahren abgerissen.«
»Vor tausend Jahren?«
Ich muss wohl etwas verwirrt dreingeschaut haben, denn er machte eine beschwichtigende Handbewegung.
»Er wurde wieder aufgebaut, aber unter anderem Namen.«
»Unter welchem denn?«
»Der Tempel hatte viele Namen. Heute heißt er Maru Sattal. Aber viele nennen ihn auch Kastamandap. Ein Mandap ist ein Säulenpavillon, wie bei den alten Griechen. Ganz früher gab es den Vorgängerbau, den besagten E-Vihar. Die Tibeter nannten ihn Sang-rgyas gnyis-pa’i bzugs-khri, den Thron des zweiten Buddhas.« Er sah mich eindringlich an. »Ich brauche Ihnen nicht zu erklären, dass damit Padmasambhava gemeint ist?«
Ich nickte, denn ich wusste tatsächlich, wer das war.
»Wo befindet sich dieser Tempel heute?«
»Das Gebäude rechts von Ihnen.«
Ich blickte zur Seite. Zwanzig Meter neben uns erhob sich einer dieser Bauten, wie sie für Kathmandu typisch sind: mehrere Etagen, nach oben hin kleiner werdend, und jede von ihnen mit einem eigenen, über alle Gebühr auskragenden Dach. Ich atmete auf. So falsch war ich also nicht. Wir gingen näher an den Tempel heran. Leider konnte man ihn nicht betreten, denn er war abgeschlossen.
»Der Bau wurde x-Mal repariert, umgebaut und erweitert«, erklärte der Mann. »Am Ende hatte er so wie hier drei Geschosse. Unten war die Meditationshalle. Über eine lange Treppe kam man ins Obergeschoss. In der ersten Etage gab es eine Herberge für Wandermönche. Von der Bauweise her nennt man so was einen Sattal. Daher der heutige Name Maru Sattal.«
Bevor er sich tiefer in Architekturtheorien hineinarbeitete, unterbrach ich ihn.
»Mich interessiert eigentlich die Geschichte des E-Vihar.«
Er blickte ein bisschen verstimmt ob der Unterbrechung. Schließlich zuckte er mit den Schultern.
»Das ist sehr lang her. Alles, was wir darüber wissen, sind Legenden.«
»Erzählen Sie mir die Legenden!«
»Wie sie wollen. Padmasambhava verbrachte mehrere Monate im Kathmandu-Tal. Natürlich verkehrte er auch im E-Vihar. Auch Yeshe Tsogyal war hier mit Partner Sale.« An dieser Stelle grinste er. »Der war ein Sklave, den sie in Bhaktapur gekauft hatte. Außerdem waren hier Vimalamitra und Vasudhara. Und Goraknath, der Mahasiddha. Im Tempel gab es eine hübsche Statue von ihm, die ist aber beim Erdbeben kaputtgegangen. Was sie da hinten sehen, ist eine Nachbildung.«
Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, um die beschriebene Statue zu entdecken.
»Interessant.«
Er wackelte leicht mit dem Kopf. »Wenn Sie einen Sinn für Reliquien haben, kann ich Ihnen noch andere zeigen.« Er lief los und winkte mir, ihm zu folgen. Etwa 50 Meter weiter blieben wir vor einem kleinen gemauerten Schrein stehen. Er sah aus wie ein Pizzaofen. Auf dem Boden lag eine größere, rechteckig behauene Platte, auf deren Oberseite ein Bildhauer eine Art Lotusblüte mit zwei menschlichen Füßen darauf herausgearbeitet hatte.
»Was ist das?«, fragte ich.
»Die Füße von Goraknath.«
»Wirklich?« Ich hatte schon viele sogenannte Fußabdrücke von Heiligen gesehen. Bei den meisten war meines Erachtens der Wunsch der Vater des Abdrucks gewesen.
Er zuckte mit den Schultern und hielt seinen eigenen Fuß daneben. Ganz offensichtlich stimmte der Maßstab nicht.
»Lächerlich, nicht wahr?«, raunte er.
»Vielleicht war dieser Goraknath ein Riese.« Er schüttelte den Kopf.
»Unwahrscheinlich. Aber es gibt noch mehr Bauwerke aus dieser Zeit. Kala Bairav zum Beispiel, für Buddhisten der sechsarmige Mahakala. Kommen Sie mit, ich zeig' es Ihnen!«
Im Laufe der nächsten drei Stunden führte mich der Mann durch etliche Gebäude auf dem Durbar Square. Er wies mich auf Details hin, die kein normaler Mensch beachtet hätte. Zu fast jedem Winkel wusste er etwas zu erzählen. Seine Erklärungen brachten mir die erhoffte Ablenkung. Für ein paar Stunden versank ich in der langen Geschichte Kathmandus. Als wir durch die Gänge des Palastes liefen, bildete sich hinter uns gar eine Traube von fünf oder sechs Leuten. Ich hielt sie für Touristen, die sich das Geld für einen eigenen Führer sparen wollten. Doch dann stellte einer von ihnen eine Frage. Mein Fremdenführer bekam leuchtende Augen. Er holte tief Luft und dozierte lange darüber, welcher Herrscher welchen Minister wann ins Amt berufen oder entlassen hatte. Mittendrin, immer noch erzählend und gestikulierend, lief er los, um in einem anderen Zimmer etwas zu zeigen. Der Mann war in absoluter Hochform. Die Gruppe folgte ihm. Ich trottete hinterher wie ein Hund, der nicht allein zurückbleiben wollte. Als der Führer dann im nächsten Raum einige Leute mit Namen ansprach, begriff ich, dass sie keine Touristen waren. Sie waren Angestellte des Museums, und sie hörten ihn an, um dazuzulernen. Irgendwann erinnerte er sich dann doch wieder an mich. Er kam auf mich zu, legte mir vertraulich den Arm um die Schulter.
»Möchten Sie noch etwas wissen?«, fragte er.
Ich starrte ihn benommen an. Nach drei Stunden Geschichten, Zahlen und Namen war mein Gehirn nicht mehr aufnahmebereit. Bevor wir uns verabschiedeten, wollte ich aber wenigstens noch den Versuch machen, eine Spur zu dieser Frau aus dem E-Vihar zu bekommen.
»Weswegen ich eigentlich hier bin«, sagte ich, »ist eine Geschichte.«
»Eine Geschichte? Nur raus damit! Je komplizierter, desto motivierter bin ich.«
»Ich habe einen Brief von jemandem aus dem E-Vihar.«
»Sie hat einen Brief aus dem E-Vihar!«, rief er den Umstehenden zu. »Eine Sensation!«
Die Leute sahen mich staunend an.
Ich hielt ihm mein Smartphone vor das Gesicht.
»Visit the Best of Tibet«, las er vor. Dann fuhr er sich mit der Hand über die Augen. »Miss, das ist Werbung. Das ist Müll. Löschen Sie's.«
»Nein, warten Sie. Es geht um den Anhang!«
Der Mann warf einen spöttischen Blick darauf. Nach den ersten Zeilen verschwand der Spott aus seinem Gesicht. Er schien den Text tatsächlich zu lesen. Ich fragte mich, wie er das anstellte. Am Ende schob er meinen Arm zurück.
»Hören Sie! Darauf kann ich in einem Satz keine Antwort geben. Dazu müssten wir uns mehr Zeit nehmen.«
Ich sah ihn erstaunt an. Wenn er wirklich etwas zu dem Brief sagen konnte, würde ich sogar bis Mitternacht zuhören. Endlich eine Spur!
»Ich habe Zeit.«
»Ich weiß.«
»Woher wissen Sie, dass ich Zeit habe?«
»Wie? ... Ach, vergessen Sie’s.«
Er fasste mich am Oberarm und zog mich in ein Nachbarzimmer, als wolle er sicher gehen, dass uns niemand zuhörte.
»Hören Sie, Miss, wir können unmöglich hier darüber reden. Lassen Sie uns in ein Restaurant gehen. Wie finden Sie den Vorschlag?«
Ich hatte seit dem Frühstück nichts gegessen und konnte eine Stärkung gut gebrauchen. Also stimmte ich zu. Wir verließen Durbar Square und liefen die Yatka Road hinauf. Vor einem Café verzögerte ich meine Schritte.
»Nein, nein«, rief er, »eine gute Freundin hat ein Restaurant. Dort gehen wir hin.«
Es stellte sich heraus, dass es bis zu seiner Freundin doch eine längere Strecke war. Wir liefen über eine Stunde. Die Sonne brannte mir auf den Schädel und der Schweiß ran mir den Rücken herunter. Der Mann unterhielt mich derweil mit Stories über Kathmandus Drogencafés in den späten 1960-ern. Dann und wann brach er in ein jungenhaftes Lachen aus. Es waren wohl seine Jugendjahre gewesen. Ich lächelte höflich.
Die Touristengegend hatten wir längst hinter uns gelassen, als wir endlich beim Restaurant ankamen. Von außen deutete nichts auf eine Gaststätte hin und das Gebäude hatte auch optisch seine besten Zeiten längst hinter sich. Der Mann führte mich durch einen Gang in einen Innenhof und von dort in einen kleinen Gastraum. Es gab ein Dutzend Tische ohne Tischdecken, und die Speisekarten waren in Plastikfolie eingeschweißt. An den Wänden hingen Filmplakate mit Bollywood-Schauspielern. Das einzige Fenster war vergittert und ließ in einen Hinterhof schauen. Die Atmosphäre glich der vom Pausenraum der Straßenbauarbeiter. Eine dicke Köchin nahm unsere Bestellung auf: Zwei mal nepalesische Nudelsuppe.
»Hören Sie zu!«, begann mein Fremdenführer seine Erklärung. »Was ich Ihnen sage, klingt wie eine Legende, und wahrscheinlich ist es das auch. Ich meine das im wörtlichen Sinne. Die Legende ist das, was unter einer Landkarte im Schriftfeld steht. Sie erklärt die Zeichen, die in der Karte verwendet werden. Ein Symbol wie ein Turm bedeutet ein hohes Gebäude, ein Baum bedeutet Wald. Wissen Sie, was ich meine?«
»Metadaten für Geoinformationssysteme.«
»Wie? Sie sind vom Fach. Das ist gut. An dem Punkt können wir ansetzen. Also: Es gab eine Zeit, ich rede vom achten Jahrhundert, da war Tantra noch eine weitgehend unbekannte Form für Buddhas Lehre. Yogis hatten sie außerhalb der großen Klöster entwickelt, in Opposition zu ihnen. Die alteingesessenen Traditionen begegneten dem neumodischen Zeugs mit Argwohn und Ablehnung. Sie sahen ihre Deutungshoheit davonschwimmen und blickten herablassend auf die wilden Yogis. Ich denke, Sie wissen, warum.«
Ich nickte.
»Zu jener Zeit musste man Glück haben, einen Guru zu finden. Ich meine einen verwirklichten Guru. Nicht irgendwelche Angeber. In dieser Situation kam dem Kathmandu-Tal eine besondere Rolle zu: die exponierte Lage. Auf dem Weg von Tibet nach Indien und von Kaschmir nach Bengal kam hier alles durch. Alle machten hier Station. Der E-Vihar wurde ein zentraler Treffpunkt der buddhistischen Szene. Wenn man jemanden suchte, so fragte man dort nach ihm. Es gab ja noch kein Internet, damals.«
An dieser Stelle lachte er und pickte mit dem Finger auf der Tischplatte herum, als tippe er etwas in eine Tastatur. »Viele der großen Namen, die wir heute kennen, waren hier. Manche waren nur auf der Durchreise, andere verbrachten ein paar Monate in der Gegend. Einige blieben für immer. Sie ließen sich in den Tälern an fast unzugänglichen Orten nieder und praktizierten so lange, bis sie ernsthafte Resultate vorweisen konnten. Ich rede von Mahamudra oder Maha-Ati. Sie wissen, was das ist?«
Ich nickte.
»Gut. Nun, die Zeit ist nicht stehen geblieben seitdem. Die Machthaber wechselten und die Menschen haben sich anderen Religionen zugewandt. Der E-Vihar wurde abgerissen und Maru Sattal gebaut. In der Malla-Zeit hatte die Szene ihre Blütezeit bereits hinter sich. Aber im Untergrund existierte sie weiter und brachte bedeutende Persönlichkeiten hervor. Einige dieser Leute wurden Legenden. Wir sprachen eben über Legenden. Und darum geht es. Was Ihnen fehlt, was Sie im Inneren so beunruhigt, ist die Verbindung zur Karte.«
Er tippte mit dem Zeigefinger gegen meine Jacke, an der Stelle, wo das Smartphone steckte.
Ich glaubte, er redete vom Lageplan auf der Eintrittskarte, und zog das Papier heraus.
»Doch nicht diese Karte! Der Brief. Der Brief ist die Karte.«
Ich starrte ihn verständnislos an.
In diesem Moment brachte die Köchin die bestellten Nudelsuppen. Wir begannen zu essen. Angesichts des etwas heruntergekommenen Ambientes im Restaurant stellte ich mich auf den faden Geschmack einer Tütenmahlzeit ein. Doch ich wurde angenehm überrascht. Die Suppe schmeckte würzig und die kleinen Möhren und Brokkolistücke waren frisch. Mein Reiseführer kaute auf dem Gemüse herum und musterte mich nachdenklich. Nach einer Weile nahm er die Unterhaltung wieder auf.
»Also gut. Ich gebe Ihnen jetzt die Erklärung zum Brief, die Legende zur Karte sozusagen. Es handelt sich um etwas sehr Seltenes. Ich bin gespannt, wie es bei Ihnen ankommt.« Er beugte sich zu mir über den Tisch. »Wie auch immer Sie zu dieser Message gekommen sind, sie bedeutet, dass Sie jemanden kennen, der mit der Szene zu tun hat.«
Ich hob die Augenbrauen.
»Das habe ich mir schon selbst gedacht. Aber wer soll das sein? Ich war bisher in Kathmandu nur auf der Durchreise. Ich kenne hier niemanden.«
Hinter mir gab es ein metallisches Kreischen. Erschrocken drehte ich mich um. Die Köchin zog den Nachbartisch an den Beinen über den Fliesenboden. Dann setzte sie sich mit dem Hintern halb auf die Tischplatte, verschränkte die Arme und verfolgte ungeniert unser Gespräch.
»Ein Irrläufer ist natürlich nie ganz auszuschließen«, sagte der Mann. »Aber bevor Sie die Mitteilung löschen, denken Sie noch mal gründlich drüber nach. Im E-Vihar können Sie ja leider nicht mehr fragen. Der ist Geschichte. Aber recherchieren Sie im Internet nach Namen, Orten und Zeiten! Das ist heute alles viel einfacher als vor tausend Jahren.«
Ich winkte ab. »Das habe ich schon getan. Es hat nichts gebracht.«
»Sie geben zu schnell auf. Ich weiß nicht, ob Ihnen klar ist, worüber wir hier reden.«
»Gehen Sie davon aus, dass es mir nicht klar ist.«
»Wie alt sind Sie?«
»Was hat mein Alter damit zu tun?«
»Buddha war 29, als er die Erleuchtung erlangte. Sie sind 31.«
Der Schweiß trat mir auf die Stirn. Woher wusste der Mann das?
»Gar nicht schlecht geraten«, sagte ich.
»Nicht geraten. Die Ticketverkäuferin hat ihren Pass gesehen, als sie den Namen auf die Eintrittskarte schrieb.«
»Die Ticketverkäuferin hat ihnen mein Geburtsjahr verraten?«
»Ich habe ihr ein bisschen Geld gegeben.«
»Sie haben ihr Geld gegeben? Machen Sie das bei jedem Touristen?«
»Nein. Hören Sie zu! Der Brief könnte bedeuten, dass Sie an der Grenze stehen.«
»Was für eine Grenze?«
»An der Grenze zu ... ‚Für Immer‘.«
Bei der Antwort verschluckte ich mich. Ich zupfte ein Zellstofftuch aus dem Serviettenständer und hustete mir den Hals frei.
»Sorry«, krächzte ich.
Er nickte.
»Was ist das denn für eine komische Grenze? Davon habe ich noch nie gehört.«
»Die Legende berichtet, dass einige der großen Yogis noch heute hier sind. Unerkannt leben sie unter den Menschen.«
