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Johanna, Lehrerin, Mitte 30 möchte endlich schlank sein und sie startet ihr Body-Life-Balance Projekt, 10 Kilo in 100 Tagen. Zufällig gewinnt sie ein Coaching mit dem attraktiven Psychotherapeuten Tom Bode, der ihre BLB-Projektidee perfekt in sein Programm einbauen kann. Walk 'n Talk heißt eine seiner Lieblingsmethoden, bei der Johanna lernt, was Achtsamkeit bedeutet Am Ende schließt sie ihr Body-Life Balance Projekt erfolgreich ab. Dabei findet sie nicht nur die Körper-Balance in ihrem Leben, sondern auch die Liebe ihres Lebens.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2020
Für Josef
In Liebe
Kapitel 1: Die Krise, oder wie alles vor einem Jahr begann
Kapitel 2: Johanna und ihre inneren Stimmen
Kapitel 3: Janna, ihr inneres Kind
Kapitel 4: Hans Georg Maier, der Hüter des Bauchgefühls
Kapitel 5: Entscheide dich und fang an. Jetzt!
Kapitel 6: Die Gesundheitsbeauftragte: ein Job, den keiner will
Kapitel 7: Willi und Wendelin - live auf Sendung
Kapitel 8: Der Elternabend und die Folgen
Kapitel 9: Das Interview mit Tom Bode
Kapitel 10: Tom und sein Geheimnis
Kapitel 11: Hello, can you hear me?
Kapitel 12: Mach aus deinem Problem ein Projekt
Kapitel 13: Die Landkarte ist nicht das Gebiet
Kapitel 14: Wie du dein Projekt zum Laufen bringst
Kapitel 15: Wie du deinem inneren Selbst begegnen kannst
Kapitel 16: Schau dir deine Ziele genau an
Kapitel 17: Eine unbekannte Lieferung, die nicht bestellt wurde
Kapitel 18: Die neue Erkenntnis
Kapitel 19: Fragen – Fragen – Fragen
Kapitel 20: Der Hauptgewinn und wer kann dazu schon Nein sagen
Kapitel 21: Auf die Bühne, fertig, los
Kapitel 22: Du bekommst alles, was du brauchst
Kapitel 23: Coaching: Walk and Talk mit Achtsamkeit
Kapitel 24: Das Problem hat nichts mit der Lösung zu tun
Kapitel 25: Daran sind die Schoko Muffins schuld
Kapitel 26: Die beste Geheimwaffe gegen Schoko-Muffins-Monster
Kapitel 27: Hinter jedem Verhalten steckt eine positive Absicht
Kapitel 28: You never walk alone
Kapitel 29: Backe, backe Kuchen, der Streusel hat gerufen
Kapitel 30: So funktioniert Real-Life Coaching
Kapitel 31: Somatische Intelligenz: Über die Weisheit des Körpers
Kapitel 32: Eiweiß ist die Geheimwaffe
Kapitel 33: Toms hammergeile Hüttenkäsefrikadellen
Kapitel 34: Will ich das alles noch?
Kapitel 35: Eine Mandel kommt selten allein
Kapitel 36: Hast du die Torten gesehen?
Kapitel 37: Spitze, Seide und Dessous
Kapitel 38: Die wilde Hochzeit und ihre Folgen
Kapitel 39: Emotionen in der Halbzeit
Kapitel 40: Bud leistet erste Hilfe
Kapitel 41: Johanna und Walt Disney
Kapitel 42: Die lustigen drei: Johannas Mentoren
Kapitel 43: Neue Routinen – wir ernten, was wir säen
Kapitel 44: Die Veränderung ist sichtbar – zum ersten Mal
Kapitel 45: Vision und Ziel: was macht den Unterschied?
Kapitel 46: Geliebte Johanna
Johanna blickte auf die Wassertropfen, die an der Glaswand ihrer Duschkabine herunterliefen. Das heiße Wasser prasselte ihr hart auf Schultern und Nacken. Lange sah sie zu, wie es spiralförmig gurgelnd im Abfluss verschwand. Schaum tropfte aus ihren feuchten Haaren. Sie war in einem Zustand, den sie gerne weggeduscht hätte – was aber, weiß der Himmel warum, nicht gelang.
Es roch nach Vanille und Kokos. Das teure Lifestyle Duschgel, das sie sich letzte Woche gegönnt hatte, war eine Belohnung, ein Seelentröster. Doch die Wirkung war schnell verpufft. Da hatte die Menschheit so viel erfunden, die Handys, den Laptop, den kussechten Lippenstift. Man flog flugs zum Mond, aber es gab weder ein Glücklichfür-immer-Deo noch ein Zauber-mich-schlank-Shampoo. Warum hatte das noch niemand entwickelt? Sie war doch mit Sicherheit nicht die Einzige, die sich über diese Erfindung freuen würde.
„Ich habe überhaupt keinen Grund so unzufrieden zu sein“, schimpfte sie laut, „aber ich bin es trotzdem. Was ist nur mit mir los?!“
Sie musste endlich der nackten Wahrheit in die Augen sehen, etwas fehlte in ihrem Leben, das redete sie sich nicht nur ein.
Dabei war sie doch einfach nur auf der Suche nach mehr Lebensfreude und einem kleinen Quäntchen Glück. Sie trocknete sich ab, spritze die frische Bodylotion auf Bauch und Oberschenkel und versuchte mit schnellen Bewegungen ihre Unzufriedenheit wegzumassieren.
Johanna hatte einen großen Freundeskreis, aber seit Monaten keine richtige Beziehung mehr, dafür gab es genug Gründe: Überall zerbrachen die Beziehungen, Paare wohnten zwar im selben Haus, lebten aber meilenweit und unnahbar voneinander entfernt. Zärtlichkeiten Fehlanzeige. Sie dachte an ihre Freundin, mit den kleinen Kindern, süß die Zwerge, aber die hielten ihre Eltern auf Trab. Die hetzten atemlos vom Kindergeburtstag zur Musikschule und zum Babyschwimmen. Diese Partnerschaften waren liebestechnisch knapp auf Kante genäht.
Im Freundeskreis sprach man über Urlaub, Nudelsalat und die Sterbegeldzusatzversicherung. Aber nicht über zerplatzte Träume, aufgegebene Hoffnungen oder über heimliches Fremdgehen.
Sie wollte nicht aufgeben. Never. Ever. Sie wollte weiter daran glauben. An die alten Märchen. Dornröschen ohne Dornen. Schneewittchen ohne Schnee und an Aschenputtel ohne Asche. Sie träumte von einem happy end. Von ungestümer Leidenschaft ohne Leiden. Und von ihrem Prinzen. Sie wollte, nein, sie musste dringend was tun. Mit irgendwas beginnen. Vielleicht konnte sie ihn finden, wenn sie nur 10 Kilo leichter war?
Vielleicht ein Coaching? Oder ein Meditationsseminar? Partnerbörse oder Pilgern? Fasten? Da müsste sie halt mal 14 Tage auf Essen verzichten. So schwer konnte das doch nicht sein, oder?
„Und jetzt? Was mache ich jetzt?“, fragte sie frustriert in die Leere. Und die schwieg vornehm. Seufzend richtete Johanna sich auf. Das konnte doch nicht wahr sein
„Himmeldonnerwetter nochmal“, schimpfte sie.
Dieses Gefühl auf der Stelle zu treten und nichts ändern zu können breitete sich aus wie der Leave-in Conditioner, den sie für Glanz, Weichheit und weiß Gott noch was in die Haare schmierte.
„Wo soll ich bloß anfangen? Wenn mir das mal einer sagen könnte. Jeden Tag nehme ich mir vor, mein Leben zu ändern, aber es passiert nichts. Rein gar nichts.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Dabei habe ich immer so gute Ratschläge für andere. Nur bei mir selber, da klappt das nicht.“
Ihre Enttäuschung wuchs mit jedem Wort.
„Ich will nicht, dass es so weitergeht, ich muss was ändern“, murmelte sie entschlossen, „und zwar pronto!“
„Oh my god! Ich kann das nicht mehr hören, diese Platte läuft doch schon seit Jahren. Und nichts hast du bisher geändert“, hörte sie eine altbekannte Stimme.
René Ratió!
Diese Stimme tauchte immer auf, wenn sie etwas ändern oder was Neues ausprobieren wollte. Und da war er wieder: ihr innerer Kritiker, dieser Macho-Typ, der sie schon ein Leben lang begleitete. Der immer alles kritisierte. Nie etwas gut fand. Johanna wusste nicht, ob alle Menschen ihre inneren Stimmen hören konnten, aber bei ihr war das schon immer so gewesen.
René Ratió nahm nie ein Blatt vor den Mund. In ihrer Vorstellung war René ein alter, kleiner Mann. Glatze mit ein paar spärlichen Haaren. Altersflecken. Tiefe, gefurchte Falten. Mit Hornbrille, schiefen Zähnen und einer mausgrauen Strickjacke mit aufgenähten Lederflicken an den Ellbogen. So unsexy. Und so nervig.
Diese Stimme! Sie klang immer vorwurfsvoll. Steif und gepresst. Als ob er einen Stock verschluckt hätte: Humorlos. Und nichts konnte sie ihm recht machen. Nie. Ab und zu versuchte sie, dem, was er sagte etwas Positives abzugewinnen, aber das war so anstrengend, also ging sie ihm lieber aus dem Weg.
„Schau dich doch mal an“, meinte er, „du redest immer so schlau daher. Mit all diesen klugen Sprüchen. Lauter angelesenes Wissen aus deinen Büchern über Selbstverwirklichung. Wer meinst du, steht auf so was? Du bist so verstaubt wie deine Bücher in den Regalen. Mit denen könntest du locker eine Straße bis zum Mond pflastern. Und was hat es dir gebracht? Du vertrocknest! Deine Haare, deine Augen – da fehlt jeder Glanz. Vier Kilometer Joggen statt Stubenhocker-Lesen wäre vermutlich viel intelligenter, da wüsstest du wenigstens warum du schwitzest“, schob er noch hinterher.
„Das liegt an den Hormonen“, versuchte Johanna sich raus zu winden.
„Papperlapapp, mit den Hormonen hat das gar nichts zu tun. Das liegt an deiner Lustlosigkeit. Und an deiner Lebensweise. Steh auf. Lass deine Grübeleien und lass dich mal wieder auf ein richtiges Abenteuer ein. Etwas, was dir den Verstand raubt. Erhöh den Kitzel. Mach einen Kochkurs. Oder ein Seminar für Gelassenheit. Das täte dir wirklich gut.“
„Einen Kochkurs…?“
Johanna suchte nach Argumenten. René hatte sie an ihrer Ehre gepackt. Er hielt sie auf Trab.
„Für einen Kochkurs habe ich viel zu wenig Zeit, außerdem habe ich keinen Nerv für Seminare. Da gehen nur Typen hin, die Persönlichkeitsstörungen haben.“
„Ach, aber du kommst klar, ja?“
„Hör auf mit der Stänkerei, Ratió, ich halte das bald nicht mehr aus“, platzte Johanna der Kragen, „du bist so negativ, ein bisschen mehr Einfühlungsvermögen von deiner Seite wäre schon angebracht!“
„Dafür bin ich nicht zuständig, kapier das endlich. Mein Job ist es dich zu kritisieren. C’est tout!“
Dieser arrogante Kerl. Jetzt gab er auch noch mit seinen Französischkenntnissen an. Dabei war sie die Lehrerin! Wenn sie so mit ihren Schülern umgehen und sie ständig kritisieren würde, da wäre was los!
„Das ist alles?“, übersetzte sie, „erinnere mich das nächste Mal daran, wenn ich deinen Arbeitsvertrag verlängern soll!“
„Du brauchst gar nicht abzulenken, Johanna, das ist ein ganz billiger Trick. Aber um eine Ausrede warst du ja noch nie verlegen.“
René Ratió wusste, dass ihre Drohung ins Leere lief: er war unkündbar, innere Stimmen hatten einen Vertrag auf Lebenszeit.
„Hallo?“, empörte sich Johanna, „was geht dich das alles eigentlich an?“
„Als dein innerer Kritiker muss ich dir das sagen“, meinte er, beinahe überheblich. „Du bist nicht in der Lage, was zu ändern. Wo ist denn dein großer Plan? Na?“
Er wartete Johannas Antwort gar nicht ab.
„Sieh den Tatsachen ins Auge: Du bist eine Versagerin!“
„Hör auf Ratió, merkst du nicht, wie das nervt?“
Er unterbrach sie rüde.
„Johanna! Du lässt dich gehen. Du hast keinen Plan. Du bist dauernd abgelenkt und stehst dir selbst im Weg. Smartphone, Internet, Facebook. Ich sage es dir jetzt zum letzten Mal: Hör auf mit der Jammerei. Setz dich hin und mach dir ernsthaft Gedanken über dein Leben.“
Johanna seufzte. Seine Analyse war glasklar und leider hatte er recht. Dagegen kam sie nicht an. Kein Wunder blockierten einen die inneren Stimmen, wie sollte man sich da wehren? Und Humor hatte Ratió auch keinen.
„Ja und?“, gab sie zurück. „Was heißt das jetzt?“
„Keine Ahnung. Aber ich kann deine Frage weiterleiten. An die Abteilung für innere Sicherheit, die sollen sich darum kümmern.“
„Weißt du was? Auf so einen Kritiker wie dich kann ich echt verzichten. Wenigstens einen Lösungsansatz hätte ich erwartet, ist das zu viel verlangt?“
René Ratió schwieg verschnupft.
„War nicht so gemeint“, lenkte Johanna ein, wenn sie im Streit auseinander gingen, würde ihr das den ganzen Tag vermiesen.
„Ich meine es nur gut mit dir“, schimpfte er. „Und ich habe echt keinen Bock wieder deinen Frust abzukriegen. Immer suchst du die Schuld bei anderen.
Ich sage es dir jetzt zum allerletzten Mal: Werde endlich erwachsen. Und jetzt geh‘ ich. Soll sich gefälligst die Innere kümmern“, grummelte er.
Sichtlich genervt ging Johanna in die Küche und schenkte sich ein Glas Wasser ein. So ein Mistkerl. Sie trank in kleinen Schlucken und spürte wie die Frische ihr langsam den Kopf klärte. Sie hielt das kalte Glas an ihre Wange.
Eine halbe Stunde später saß sie in ihrem Wohnzimmer, der Raum wirkte gemütlich mit den Bistrostühlen und dem kleinen Marmortisch. Sie trug eine kurze, abgeschnittene Jeans, die war auch schon mal weiter gewesen. War die etwa im Trockner eingegangen? Gedankenverloren spielte sie an den ausgefransten Rändern und nippte lustlos sie an ihrem Wasser.
„Das T-Shirt spannt ja auch!“, entfuhr es ihr plötzlich. Es zwickte an den Schultern. An den Schultern? Unfassbar! Konnte man an den Schultern zunehmen?
Johannas Blick fiel auf ein Foto an der Pinnwand: dort war sie, 15 Jahre jünger, lächelnd, schlank. Selbstbewusst blickte sie in die Kamera. Volle, glänzende Lippen. Ein flacher, braungebrannter Bauch. Schlanke Beine. Ein T-Shirt hing locker über ihren Schultern und entblößte schlanke Arme.
„Ja“, murmelte sie resigniert, „man kann auch an den Schultern zunehmen.“
Damals hatte das ganze volle, pralle Leben vor ihr gelegen. Sie war so mutig. Ohne Angst. Natürlich, sie war jetzt keine zwanzig mehr, sie war im Leben angekommen. Endlich. Aber: sie wollte nicht damit aufhören. Nicht jetzt.
„Was ist bloß passiert?“, fragte sie ihr jüngeres Ich auf dem Foto, „warum habe ich das zugelassen?“
„Hör auf mit dem Jammern“, kam prompt die Antwort, „du hast schon immer mit deiner Figur gehadert.“
Die nächste Stimme. Etwas freundlicher. Weich. Hörte sich an wie flüssige Sahne. Johanna war überrascht und wütend zugleich. Meinte jetzt jeder, ihr gute Ratschläge geben zu müssen?
„Wer bist du? Und woher weißt du, welche Probleme ich schon immer gehabt habe?“
„Du kennst mich nicht mehr?“
Die Stimme unterdrückte ein Kichern und fuhr fort, „na ja, das kann schon mal passieren, dass man sein inneres Kind verliert. Und es dann plötzlich wiederfindet. Überraschung! Obwohl: Eigentlich war ich ja nie weg. Du hattest nur immer viel zu wenig Zeit für mich, Johanna. Mein Name ist übrigens Janna.“
„Oh, Janna?“, sagte Johanna und riss die Augen auf.
„Ganz genau. Ein Ooo und ein Haa“, widerholte Janna.
„Das sind die beiden Buchstaben, die du im Laufe des Lebens dazu bekommen hast. Aus Janna wurde Johanna“, erklärte sie.
Die Stimme erinnerte Johanna tatsächlich an ein kleines Mädchen mit blonden Zöpfen, barfuß, frech. Braungebrannte Schultern. Kleine Sommersprossen. Blaubeermund. Das in Pfützen springt und sich jauchzend in den Himmel schaukelt.
„Kommen da noch mehr dazu?“, fragte Johanna neugierig.
„Buchstaben? Nicht, dass ich wüsste, aber das könnte dein älteres Ich genauer wissen.“
„Es gibt also auch ein älteres Ich?“
„Ja klar“, sagte Hanna. „Alles da.“
Johanna legte den Kopf ein wenig schief. „Wie kommt es, dass du ausgerechnet heute mit mir sprichst?“
Janna lachte laut auf.
„Heute? Ich spreche schon immer mit dir, aber du wolltest oder konntest es nicht hören.“
„Ernsthaft? Ich kann mich irgendwie gar nicht daran erinnern.“
„Ist aber so! Ich rede schon viel mit dir. Zum Beispiel über deine Versprechen. Oder über meine Langeweile. Du arbeitest ja meistens bis zum Umfallen, aber ich hab‘ da nichts davon. Ach ja, und ich warne dich auch immer wieder vor diesen blöden Diäten.“
Janna, ihr kleines Mädchen, hatte wie Ratió eine Wahrheit ausgesprochen, die sie bisher nicht gehört hatte, vielleicht auch bewusst überhören wollte?
Johannas Ärger verflog. Die Worte von Janna klangen in ihr nach, anscheinend war doch mehr dran, als sie bisher gedacht hatte. Es war ja gerade hip, seinem inneren Kind zu begegnen, aber das war mehr so ein theoretisches Konstrukt. Dagegen fühlte sich das Gespräch mit Janna so echt an. Konnte sie von ihr vielleicht erfahren, warum sie sich so im Weg stand?
„Du warst das?“, fragte sie.
„Ja, erinnerst du dich? Letzte Woche zum Beispiel, da bist du diesem Typ begegnet. An der Kasse. Erinnerst du dich? Er hatte so einen Blick. Von oben bis unten hat der dich abgescannt. Der hat sich so richtig festgesaugt an dir. Du hast ihn komplett ignoriert! Und ihm ist fast die Weinflasche runtergefallen. Am liebsten hätte ich ihn für dich angequatscht. Du drehst dich ja nur im Kreis und denkst an Diäten und Abnehmen.“
„Ja“, erinnerte sich Johanna, „der ist mir tatsächlich aufgefallen. Ein cooler Typ. Muskulös und mit kräftigen Armen. Aber ein Abenteuer kann ich mir gerade nicht leisten. Und Zeit hab ich auch nicht dafür.“
„Muss es wirklich nur Pflichten in deinem Leben geben? Was ist mit der Kür? Mach doch endlich mal wieder was Verrücktes.“
Johanna blieb der Mund offenstehen. Mein Gott, die Kleine hatte ja Recht, ihr Leben war einseitig geworden und das Gewicht in der Waagschale der Must-haves drückte eindeutig nach unten. Zu wenig Nice-to-haves.
„Wo kann ich denn anfangen, Janna?“, fragte Johanna.
„Na ja, als jüngeres Selbst kann ich da nicht viel sagen. Vielleicht fragst du mal dein Zukunfts-Ich“, schlug Janna vor.
„Das geht?“
„Keine Ahnung, mach’s einfach, werde aktiv. Dann hört hoffentlich auch endlich die Jammerei auf“, meinte Janna sehr direkt.
Johanna wusste nicht so recht, was sie antworten sollte.
„Danke Janna, ich werde darüber nachdenken. Bleiben wir in Kontakt?“
„Klar doch, aber jetzt muss ich zum Spanischkurs. Du hast ja nicht zufällig gerade Zeit?“
Spanisch lernen! Johanna seufzte, wie oft hatte sie sich das schon vorgenommen?
„Ein anderes Mal, gerne“, antwortete sie bedauernd.
„Si claro. Ich melde mich, adios Johanna, bis bald.“
Johanna atmete tief durch. René Ratió und Janna - es war gut, dass sie sich mal die Zeit genommen und länger mit ihnen gequatscht hatte. Irgendwie ging so viel im Alltag unter.
Entschlossen stapfte sie in ihr Schlafzimmer und stellte sie sich vor den Spiegel am Kleiderschrank.
„Hör endlich auf, dir was in die Tasche zu lügen, hast du verstanden?“, sagte sie zu ihrem Spiegelbild und kniff sich dabei in die Wangen. Würde sie dieses Mal durchhalten und sich wirklich auf eine Veränderung einlassen?
„Ja“, sagte sie laut, „ich will es wenigstens probieren und noch ist es nicht zu spät. Es geht schließlich um mein Leben und vielleicht habe ich nur eins. Aufgeben kann ich immer noch.“
Sie streckte ihrem Spiegelbild die Zunge heraus und lachte.
„Jetzt ist es genug“, sagte sie entschieden. „Ich will raus aus der Opferrolle.“
Sie zeigte mit dem Zeigefinger auf ihr Spiegelbild.
„Hör gut zu Johanna. Ich will Spaß. Ich will mehr Freiheit und Abenteuer und noch mehr Lust und Leidenschaft in mein Leben holen. Statt fetten Schenkeln will ich ein fettes Leben. Es wird Zeit, dass sich was ändert.“
Dann schickte sie eine Kusshand hinterher.
„Das macht sich auch nicht von selbst“, murmelte Johanna.
Ungeduldig stand sie vor ihrer Waschmaschine und wartete auf das Ende des Schleudergangs. Ein kleiner Sonnenstrahl fiel durch das Fenster von der Seite auf ihr Gesicht, fast so als wollte er sagen: „Hey, das Leben ist schön!“
Warum war ihr bloß Wäsche waschen oder Fenster putzen nicht eingefallen, als Janna sie vorhin wegen ihrer „Pflichten“ angegriffen hatte? So sah er nun mal aus, der Alltag.
„Was ist denn hier los?“, meldete sich in diesem Moment eine weitere Stimme.
„Hallo?“, frage Johanna und versuchte, unbeteiligt zu klingen. War heute Tag der offenen Tür für innere Stimmen? Konnte da jeder kommen und gehen, wie es ihm gerade passte?
„Sparen wir uns die Begrüßungsfloskeln. Kommen wir doch gleich zum Thema. Du meinst also, dass du Probleme hast? Weißt du was? Da liegst du komplett verkehrt.“
„Wer bist du denn?“, fragte Johanna genervt, „der Botschafter der sprechenden Erkenntnis?“
Er lachte trocken.
„Ich bin Hans-Georg Maier, kurz HGM. Ich bin der Chef der Abteilung und ich bin für deine innere Sicherheit zuständig. René Ratió hat mich angefunkt.“
Johanna versuchte sich abzulenken und begann die Wäsche aufzuhängen.
HGM? Innere Sicherheit?
Ratió hatte also tatsächlich den Chef der Inneren Abteilung informiert! Unfassbar. So ein Verräter! Was bildete der sich eigentlich ein? Sie schnupperte an der frischen Wäsche, die nach Sommer und Sauberkeit roch. Wenigstens hier war alles in Ordnung.
„Es gibt nämlich außer dir Menschen auf dieser Welt, die wirkliche Probleme haben“, fuhr HGM unbeirrt fort. „Hungersnot, Altersarmut, Dürreperioden. Unfälle. Überschwemmungen. Kriege und Katastrophen. Pandemien. Oder schwere Krankheiten: Krebs, Multiple Sklerose, spinale Muskelatrophie, von Demenz ganz zu schweigen. Das ist bigger than life! Also, wenn du was ändern willst, was hält dich davon ab? Machs‘ einfach. Aber warum um Himmels Willen muss ich mich jetzt darum kümmern?“
Johanna hängte die T-Shirts ordentlich auf und klemmte auf jeden Socken eine Wäscheklammer. Sie blickte kaum noch durch bei diesem Stimmenwirrwarr. Das war alles nur ein mieser Traum.
„Nur nochmal, damit ich es kapiere“, begann sie deswegen, „dein Name ist Hans Georg Maier und du bist für meine innere Sicherheit zuständig? Du willst mir erklären, dass meine Probleme keine sind und dass eine Veränderung ganz leicht geht, wenn man sich nur anstrengt, richtig?“
„Genau“, sagte HGM.
„Ok, dann sage ich dir jetzt folgendes: so einfach ist das nicht. Veränderung braucht Zeit und bei mir steht einiges auf dem Spiel. Ich weiß, dass ich mir selbst im Weg stehe, aber ich will herausfinden, wer ich wirklich bin. Ich bin alles andere als entspannt. Und ich habe wirklich keine Ahnung, was ich tun soll.“
Sie beeilte sich weiter zu reden, bevor dieser HGM irgendwelche Einwände hervorbringen würde.
„Und dann kommst du und machst mir Vorwürfe. Super! Aber weißt du was: ich glaube, dass es vielen Menschen so geht. Sie kommen nicht raus aus ihrem Hamsterkäfig. Hauptsache es funktioniert. Und wenn irgendwas nicht stimmt, dann sind andere Schuld. Der Chef. Die Eltern. Die verkorkste Kindheit. Der Körper, der nicht perfekt ist; vielen ist das Weltklima wichtiger, als das eigene Körperklima. Oder der mentale Müll, negatives Denken hat wider Konjunktur. Das will ich ändern! “
HGM schwieg. Johanna sah ihre Chance, ihn mit weiteren Argumenten zu konfrontieren.
„Es geht mir nicht um ein falsches Mager-Modell-Schönheitsideal, verstehst du? Es geht mir darum, die Balance zu finden. Eine Balance zwischen Körper, Geist und Seele. Das ist mein Projekt.“
„Schon klar!“, HGM hatte offensichtlich wieder seine Sprache gefunden. „Aber ich bliebe bei meiner Meinung, du pflegst nur deine eigenen Eitelkeiten“, behauptete er.
Dieser HGM! So ein Schwätzer. Er erinnerte sie an einen sturen Esel. Er bewegte sich keinen Zentimeter. So ein Langweiler. Spießer.
„Du nimmst dich viel zu wichtig, Johanna. Im Vergleich mit den weltweiten Problemen ist das fast zynisch. Dein Thema ist kein richtiges Thema, verstehst du? Es ist nichts, nothing, nada.“
„Vielleicht für dich“, hielt Johanna dagegen, „aber ich sage dir, auch hinter den großen Weltproblemen kann man sich wunderbar verstecken, weil man da vielleicht gar nichts ändern muss, weil man ja gar nichts ändern kann.“
Johanna tippte sich energisch mit den Fingern gegen die Brust.
„Hier fängt es an, sonst ändert sich nämlich nie was, never, ever, niemals nicht.“
Sie schwiegen beide.
„Johanna, ich meine es doch nur gut mit dir.“
„Ach?“ Johanna zog die Augenbrauen hoch.
„Als Chef deiner inneren Sicherheit bin ich 24 Stunden im Einsatz. Ich versuche dich zu schützen und bewache immer alle Ein- und Ausgänge.“
„Und was genau bewachst du da?“, fragte Johanna und hängte eine Bluse auf.
„Alles“, sagte HGM nicht ohne Stolz „vor allem wenn dich jemand angreift oder bedroht.“
„Wie meinst du das?“, fragte Johanna.
„Ich bewache die Pforten zu deinem Unterbewusstsein, das innere Land, zu dem du mit rationalem Denken keinen Zugang hast.“
„Okay“, sagte Johanna, „und was ist da so bewachenswert?“
„In deinem inneren Land lebt deine Intuition.“
„So, so“, sinnierte Johanna, „meine Intuition.“
Was wusste HGM darüber? War er doch sensibler, als es den Anschein hatte? Er wurde ihr so langsam sympathisch.
„Die Frage ist, ob du wirklich daran glaubst.“
„An was?“
„Dass die intuitiven Entscheidungen immer die besten sind.“
„Mein Bauchgefühl?“ meinte Johanna nachdenklich, „ich weiß nicht, gibt es das wirklich?“
„Na, dann habe ich ja bisher einen guten Job gemacht“, meinte HGM selbstzufrieden, „ich bin nämlich der Hüter deines Bauchgefühls.“
„Kann ich denn direkt mit meinem Bauchgefühl Kontakt aufnehmen?“, fragte Johanna interessiert.
„Ja, aber du musst in friedlicher Absicht und mit offenem Herzen kommen“, sagte HGM mit ernster Stimme.
„Und das funktioniert konkret wie?“
„Folge einfach deinem inneren Ruf. Wenn du es schaffst, mehr auf deine Intuition zu vertrauen, dann findest du die Balance in deinem Leben.“
„Das ist alles?“, fragte Johanna.
„Oh“, sagte HGM, „wenn es dir ernst ist, dann mach dich auf den Weg, aber du kannst mir glauben, das ist kein Spaziergang. Da kann man auch scheitern oder Schiffbruch erleiden. Du musst schon bereit sein dafür zu kämpfen, Johanna.“
„Pff, wenn es weiter nichts ist“, winkte Johanna ab, „kämpfen kann ich.“
„Ja, aber vergiss nicht: Du kämpfst nicht gegen irgendeinen Gegner da draußen, am meisten kämpfst du gegen dich selbst. Gegen deine Gewohnheiten. Deine inneren Schweinehunde. Und gegen die Bequemlichkeit. Du bist dir selbst dein härtester Gegner.“
„Hat es denn überhaupt einen Sinn, gegen sich selbst zu kämpfen, logisch ist das ja nicht, oder?“
„Das machst du doch dauernd, Johanna.“
Sie setzte sich auf einen Hocker und schob den Wäschekorb zur Seite. Was HGM da gesagt hatte, machte sie nachdenklich. Er meinte es gut mit ihr, auch wenn er das nicht so deutlich gesagt hatte. Ihre Kämpfe gegen sich selbst, das kostete Kraft. Viel Kraft.
„Und was passiert, wenn ich nicht mehr gegen mich kämpfen will?“
„Mach dich auf den Weg und finde es heraus, Johanna, aber vergiss nicht, dafür brauchst du Lust und Leidenschaft. “
„Und Liebe?“, murmelte Johanna.
„Und Liebe!“, ergänzte HGM.
„Das schaffe ich nie allein.“
„Wer hat denn gesagt, dass du allein bist?“, fragte er, „wenn du uns brauchst, sind wir alle da.“
„Versprochen?“
„Versprochen!“
Und damit verschwand HGM so plötzlich, wie er gekommen war.
Jetzt war es aber auch genug. René Ratió, Janna und Hans-Georg Maier, alle an einem Tag. Sie brauchte wieder einen freien Kopf. Und einen offenen Blick. Bewegung.
„Ich muss was für meinen Körper tun.“
Entschlossen verließ Johanna ihr Schlafzimmer und ging in ihr kleines Yogazimmer, das vom Wohnzimmer abgetrennt war. Johanna war gerne hier. Eichenparkett, cremefarbene, weiße, Wände und ein Fenster, durch das die Sonne Licht in den Raum schickte.
Die Fensterbank hatte sie mit einer weißen Orchidee und Souvenirs dekoriert. Sie vermied es tunlichst, Arbeit mit in ihr Refugium zu nehmen. Hier wollte sie nichts anderes tun, meditieren, lesen oder einfach nur chillen.
Sie nahm Platz auf der lilafarbenen Yogamatte, stellte sich aufrecht hin und begann mit dem Sonnengruß. Langsam und konzentriert wiederholte sie ihn. Atmete. Beim zehnten Mal blieb sie stehen und ließ ihren Blick weich werden. Dann ging sie in den Krieger, wechselte in die Heldenstellung und genoss die Dehnung. Zurück über den Liegenden Hund zur Kuh-Katze-Stellung, dabei spürte sie jeden Wirbel und schickte ihren Atem in die Bewegung. Dann streckte sie die Zunge für den Löwen weit raus und riss die Augen auf.
Eine Kerze zum Abschluss. Genug für heute. Yoga tat gut. Sie nahm sich fest vor, wieder regelmäßig zu trainieren.
Ein kleines Hungergefühl begann sich in ihrer Magengegend auszubreiten. Was sollte sie denn jetzt eigentlich essen? Wie sah denn eine gute Ernährung überhaupt aus?
Jeden Tag wurde doch eine neue Diät-Sau durch das ernährungswissenschaftliche Dorf getrieben. Erst waren es die schlimmen Fette, dann die bösen Kohlenhydrate und zu viel Eiweiß war auch ungesund. Wer sollte da noch mitkommen? Frustriert nahm Johanna einen Joghurt und setzte sich an den kleinen Küchentisch.
„Bestandsaufnahme“, meinte sie entschlossen, „ich muss jetzt erst mal wissen, wo ich stehe.“
Suchend sah sie sich um. Ihr Smartphone steckte im Ladegerät auf dem Küchentresen, sie tippte geistesabwesend mit dem linken Zeigefinger BMI in das kleine Suchfeld ein. Eine kostenfreie App poppte auf und warb für die Ermittlung des Body Maß Index.
Ermitteln Sie Ihr Idealgewicht stand da in leuchtenden Buchstaben. Neugierig klickte sie auf ok und kaum war der Download abgeschlossen und die App geöffnet, gab Johanna halb gelangweilt, halb interessiert ihre Daten ein. Während das Ding rechnete, schob sie sich mehrere Löffel Joghurt in den Mund. So schlimm würde es wohl nicht werden, machte sie sich Mut.
Als das Ergebnis aufblinkte, fiel ihr der Löffel aus der Hand. Sie stöhnte auf. Da stand es schwarz auf weiß: Mit ihrem Body Maß Index gehörte sie zur Gruppe der Übergewichtigen.
„Bei übergewichtigen Menschen ist das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen doppelt so hoch wie bei normalgewichtigen Personen“, las sie halblaut murmelnd und schob das Handy trotzig von sich weg.
Es half nichts, sie brauchte mehr Fakten, als erstes beschloss sie ihre Waage wieder zum Einsatz zu bringen. Eine digitale Körperfett-Wasser-Muskelanteil-Waage. Die stand schon lange ungenutzt im Bad.
Statt Körpergewicht hatte sie ihren Koffer damit gewogen, denn: Übergepäck im Flugzeug war teuer. Jetzt war es an der Zeit sich mit ihrem eignen Übergewicht zu beschäftigen.
Die graue eckige Schachtel im Flur blickte Johanna vorwurfsvoll an. Sie war nach der Schule nach Hause gekommen und hatte das Paket achtlos auf den Boden plumpsen lassen, weil sie so müde gewesen war. Danach hatte sie es einfach vergessen.
Was hatte sie da eigentlich geliefert bekommen? Die Frage war noch nicht zu Ende gedacht, da fiel es ihr siedend heiß ein: Im Karton waren die Flyer, die dringend im Kollegium verteilt werden mussten. Das hatte sie total verdrängt. Mein Gott, warum ließ sie sich auch immer wieder solche Zusatzjobs ans Bein binden? Zeck war schuld. Ganz sicher.
Dr. Wolfram Zeck war ihr Schulleiter, der ergraute Frühfünfziger mit dem quadratischen Schädel, der immer diese weißen Hemden trug, die seine Gattin am Sonntagabend beim Tatort bügelte. Als Gegenleistung gab sie gegen die Langeweile sein Beamtengehalt im Feet & Nails aus, trank Vollmondwassser aus den Pyrenäen und versuchte angeblich mit einem jungen Golflehrer ihr Handicap auf dem Golfplatz zu verbessern.
Zeck hatte einen starken Hang zum Schwitzen und Johanna war sich sicher, dass sein Kugelbauch die Blutdruckwerte gefährlich nach oben trieb. Man sah es ihm an, sein Gesicht glänzte rot und seine Poren waren wie Ventile, durch die der Überdruck nur in Form von Schweißtropfen entweichen konnte.
Es musste so vor vierzehn Tagen gewesen sein. Kurz vor Ende der Pause hatte Zeck sie abgepasst. Das tat er meistens, wenn er die Absicht hatte, dass andere Menschen seine Probleme lösen sollten.
Seit vielen Jahren unterrichtete sie an ihrer Schule Deutsch und Französisch und mittlerweile konnte sie ihrem Chef ganz gut aus dem Weg gehen, aber es klappte nicht immer.
„Hallo Frau Lobit, haben Sie mal eine Minute für mich?“
Zecks Stimme hallte über den Flur, fing sie lassoartig ein und zwang sie zum Stehen bleiben. Sie drehte sich um und starrte ihn skeptisch an. Es ging bestimmt um eine lästige Aufgabe und er suchte nach einem Lückenbüßer, jemand, der das schnell für ihn erledigen sollte.
„Steht etwa ‚Hilfe, mir ist langweilig auf meiner Stirn?“, hatte sie leise vor sich hin gegrummelt, als er mit raschem Schritt auf sie zukam.
Sie war gerne Lehrerin, der Job war okay. Aber manchmal fragte sie sich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn sie Sozialpädagogik studiert hätte. Literatur des 20. Jahrhunderts, das war ihr Steckenpferd gewesen. Oder französische Lyrik, aber das konnte sie alles im Unterricht glatt vergessen.
Während sie ganz in Gedanken versunken war, hatte Zeck sie unentwegt angestarrt und zu getextet. Die letzten Sätze hatte sie nicht mehr ganz mitbekommen. Erst als der Ton schärfer wurde, wurde sie wieder aufmerksam.
„Sie wissen, dass es auch Aufgaben gibt, die über den Unterricht hinausgehen, Frau Lobit und wir haben entschieden, dass Sie am besten geeignet sind, die Aufgabe zu übernehmen.“
Johanna biss sich auf die Zunge. Nein, sie würde die Frage jetzt nicht stellen, wer das gemeinsam entschieden hatte, sie konnte es sich denken, Steve Poller, der stellvertretende Schulleiter, der hatte ihr das bestimmt eingebrockt. Der konnte sie einfach nicht leiden. Und sie ihn auch nicht.
Zeck schlug plötzlich einen versöhnlichen Ton an, wahrscheinlich fiel ihm ein, was er in der letzten Konferenz verkündet hatte: Führung heißt Menschen gewinnen.
„Führen Sie Teamgespräche mit den Eltern, reden Sie offen und ehrlich über ihre Befindlichkeiten, so kann man Konflikten vorbeugen“, belehrte er das Kollegium und las dabei seine Power Point Folien vor.
Johanna musste unwillkürlich lächeln, niemand im Kollegium hatte ihm das abgenommen, alle wussten, dass er sich nur den Ärger der Eltern vom Hals halten wollte.
„Sie sind meine letzte Rettung“, begann er jetzt. „Wissen Sie, ich muss heute noch dem Ministerium die neue Gesundheitsbeauftragte melden und Sie sind doch Expertin auf diesem Gebiet.“
„Ich? Seit wann?“
Er hatte nervös gehüstelt.
„Sind wir nicht alle irgendwie Experten?“, sagte er und schob genervt seine Brille hoch, die ihm auf der schweißnassen Nase heruntergerutscht war. Weil sie ihn mit hoch gezogenen Brauen ansah, hatte er sich aufs Betteln verlegt.
„Bitte, jetzt machen Sie es mir es doch nicht so schwer, Frau Lobit, es ist doch immer ein Geben und Nehmen.“
Vermeintlich zufällig war sein Blick zum Brett mit dem Stundenplan gewandert. Und da war ihr plötzlich wieder eingefallen, was man sich unter vorgehaltener Hand erzählte: „Stell dich bloß gut mit dem Zeck, sonst hast du immer freitags bis zur sechsten Stunde Unterricht.“
„Frau Lobit, Sie müssen doch nur die Inhalte zusammenfassen und das Kollegium auf den aktuellen Stand bringen, das ist alles. Sie mit ihrem sprachlichen Talent, das ist doch ein Klacks für Sie.“
Alle notwendigen Materialien würde das Ministerium zur Verfügung stellen, auch die Flyer. Und die standen jetzt in ihrem Flur.
„Wie genau lautet der erste Auftrag?“, fragte Johanna
„Salutogenese. Also Lehrergesundheit und darum, im Lehrerberuf möglichst lange arbeitsfähig zu bleiben, ich wusste, dass Ihnen das Thema gefallen würde“, sagte Zeck mit einem schiefen Grinsen.
„Wie wäre es, wenn man einfach mehr Lehrer einstellen würde?“. Diesen Kommentar hatte sie sich nicht verkneifen können, ihr Chef quittierte ihn mit einem frostigen Lächeln.
„Mir ist nicht zum Scherzen, Frau Lobit.“ Sein Blick war streng geworden. Zeck stand unter Druck, das war offensichtlich. Wahrscheinlich hatte er den Meldetermin versemmelt und war bereits vom Ministerium angemahnt worden.
„In Ordnung, ich mache es!“, hatte sie eingewilligt. Es nützte nichts mit ihm länger zu diskutieren und es ging ihr auch um die 6. Stunde am Freitag. Nur weg hier, bevor ihm noch irgendwas anderes einfallen würde.
„Wunderbar, Frau Lobit, schön, dass man sich so auf Sie verlassen kann.“ Übereifrig hatte er ihre Hand geschüttelt. „Das soll auch nicht Ihr Nachteil sein. Sie wissen ja, die nächste Beförderungsrunde steht bald wieder an…“, dabei zwinkerte er verschwörerisch.
Sie wusste, dass Zeck schon vielen Kollegen eine Beförderung in Aussicht gestellt hatte, unter anderem auch Marc, ihrem Teamkollegen. Der hatte Nein gesagt, als Zeck ihn gebeten hatte, die Lehrerbücherei zu verwalten, was ihn auf der Liste der Beförderung weit zurückwarf. Beförderungen bekam man nicht, weil man ein guter Pädagoge war, sondern weil man am besten bei Zecks Spielen mitspielte.
Er hatte schon die Türklinke zum Rektorat in der Hand, als sie von einer Idee blitzartig erfasst wurde.
„Herr Dr. Zeck …“, sagte sie mit einem inneren Vergnügen.
