Bohème in Kustenz - Eduard Reinacher - E-Book

Bohème in Kustenz E-Book

Eduard Reinacher

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Beschreibung

Eduard Reinachers »Bohème in Kustenz« ist ein humoristisch-satirischer Roman über die Konstanzer Literatur- und Kunstszene um 1920. Dass die damals noch fast mittelalterlich wirkende und provinziell verschlafene Seestadt eine Spielfläche für modernste Kunst war, hatte sie vor allem dem aus Dresden aufgrund der dortigen Hungersnot zugezogenen Dichter und Verleger Rudolf Adrian Dietrich zu verdanken. Er tritt im Roman als »Koloman« auf und ist die skandalumwitterte Hauptfigur der Handlung. Nach seinem 1918 erschienenen Gedichtband »Der Gotiker« wurde Dietrich, der sich selbst immer ohne Vornamen nannte, allgemein - und oft spöttisch - als »Dietrich der Gotiker« bezeichnet. Dietrich galt während seiner Konstanzer Jahre als »Rhapsode des neuen Geistes« (Paul Raabe), der eine »Mission« als Dichter, Verleger, Zeitschriftenherausgeber, Dramaturg, Tanz-Regisseur und Kritiker zu vollbringen hatte. Seine hitzige Art, die extravagante Kleidung und seine hochfliegenden Pläne machten ihn rasch zu einer öffentlichen Figur, die überwiegend Ablehnung und Spott in der Konstanzer Bevölkerung hervorrief. Ein vergnüglich zu lesender Roman über einen exzentrischen Künstler und die bürgerliche Konstanzer Gesellschaft jener Zeit. Sämtliche Orte und Personen von damals wurden vom Herausgeber Peter Salomon entschlüsselt.

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Seitenzahl: 298

Veröffentlichungsjahr: 2018

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INHALT

Erstes Buch

Er springt in den Ring

Er betritt seine Wohnung

Er geht auf Beute aus

Er lobt Gott

Er lobt weiterhin

Er lobt mit Helia

Er besteht die Polizei

Er besteht seinen Buchdrucker

Er besteht seinen Bankier

Er besteht seinen Hausherrn

Er besteht Herrn Myrioth

Er erscheint im Seehof

Er erzieht Amanda Räuber

Er besteht den Theaterdirektor

Zweites Buch

Er gewinnt Punkte

Er verachtet Kustenz

Er malt eine Landschaft

Er stellt aus

Er bewirtet Dolly

Er besucht den Generalintendanten

Er besteht seine Nachbarn

Er besteht den Astronomen Häberle

Er gründet den Astoria-Club

Er gründet weiterhin und unterwirft Amanda

Drittes Buch

Er triumphiert über seinen Niederschlag

Er besteht Skandal

Er fängt an zu rutschen

Er besteht Nanja

Er besteht Gymnasiastenlärm

Er triumphiert

A

NHANG

Nachwort

Fotos und Dokumente

Anmerkungen (»Entschlüsselungsliste«)

Literatur

Dank

Bildnachweise

Erstes Buch

Er springt in den Ring

Er betritt seine Wohnung

Zu der Zeit, als in Deutschland das Wort Valuta wichtig zu werden begann, lebte in Kustenz am See der Dichter und Maler Koloman, von den Literaturkundigen der Stadt der Gotiker genannt. Dieser Koloman bildete, ohne sich weiter dagegen zu wehren, den Spott der Kustenzer, die er seinerseits wieder verlachte, unterstützt von seiner Frau Helia; und da Koloman und Helia aus Sachsen stammten, so hatten sie gegen die derben Seeleute das innere Übergewicht des versteckteren, aber ganz unangemessenen Spottes. Davon wieder ahnten die Kustenzer doch etwas, und darum mehr als wegen der vielen Schulden, die er machte, trachteten sie leidenschaftlich, den Koloman aus ihrer Stadt, wohin er als d.u.-Neurotiker1 während des Krieges gekommen war und die »Kustenzer Hefte für Musik und Theater« begründet hatte, wieder hinauszudrängen. Er hingegen war entschlossen, von Kustenz nicht eher zu lassen, als bis er die letzten Schulden gemacht haben würde, die sich in Kustenz machen ließen. Dies abgesehen davon, daß ihm seine Mission als Gotiker unserer Tage in Kustenz stets bewußt war. So hatte er mehrfachen Halt in der seeischen Grenzstadt, die sich damals besonders ausschließend gebärdete und die Nichtvalutarier ungerne zuließ. Vergessen sei nicht, daß mehrere seiner Gläubiger ihn nur schweren Herzens hätten ziehen lassen; diese beseelte die lächerliche Hoffnung, daß er vielleicht eine Anleihe mit wer weiß wie vielen Nullen zustande bringen und sie davon befriedigen würde.

*

Der so besagte Koloman kam eines Nachts früher als sonst vom Theater nach Hause. Vor der Haustür löste er sich von Helias Armen und wand mit Bemühung den großen Schlüssel aus dem Schoße des Gehrocks heraus. Es gehörte weitere Bemühung dazu, im Dunkeln das Schlüsselloch zu finden. Schließlich knirschte dann das Schloß, die Falle rasselte, und die uralt gewichtige Tür drehte sich knarrend in ihren Angeln. Zu dem Schritt über die Schwelle fand sich das Ehepaar wieder Arm in Arm: um der Bedeutung des Schrittes willen. Dann schloß Koloman ab, und Helia ging auf das allerlangsamste voraus; nach vier Schritten war sie von ihm schon wieder eingeholt.

Im Treppenhause war Licht, und von oben kam verworrener Lärm. Die Höhlungen in den tief ausgetretenen Stufen der Treppe waren dunkel, und an manchen Stellen standen Lachen.

Koloman schritt darüber und dadurch hinweg, ohne darauf zu achten. Helia dagegen wurde stutzig. »Was sollen die Lachen? Was ist hier geschehen? Koloman?!«

»Was soll geschehen sein, Helia? Gewissermaßen, anscheinend, ein innerer Wolkenbruch.«

»Aber das Wasser muß doch irgendwo herkommen!«

»Gewiß, Helia.«

Sie begann die Stufen im Laufe zu nehmen. Er folgte ihrem Tempo, und während sie so aufwärtsliefen, öfters in Gefahr auszugleiten, wurde der Lärm von oben deutlicher: Männer und Frauen schimpften durcheinander, und ein Kind weinte. Helia erkannte das weinende Stimmchen.

Sie keuchte: »Es ist bei uns! Bubi weint!«

Nun rannte er voraus, so daß sie seine langen, dünnen Beine über sich verschwinden sah.

Koloman fand, anrasend im vierten Stockwerk, das zur Hälfte an ihn vermietet war, die Tür zum Wohnzimmer offen, so daß ein breiter Lichtstreifen auf dem triefenden Boden des Treppenabsatzes spiegelte. In dem erleuchteten Zimmer bewegte sich eine Anzahl von Menschen aufgeregt durcheinander, Koloman glaubte auf den ersten Blick, sämtliche erwachsenen Mitbewohner des Hauses zu erkennen.

Ihn selbst hatte man noch nicht bemerkt. Und er blieb stehen, denn die Versuchung war zu groß, die Szene zu belauschen.

Er hatte dazu fünf Sekunden Zeit, bis Helia ihn eingeholt haben würde. Was er während dieser fünf Sekunden beobachtete, war für die Kürze der Zeit bemerkenswert viel und vielerlei.

Mitten im Zimmer stand Frau Bollig, die magere Bewohnerin des zweiten Stockwerks, gab der finnengesichtigen Frau Halber vom Dritten schreiend Erklärungen über ein Kolomansches Waschgerät, das sie in der Hand hielt, und ließ das Geschirr im selben Augenblick fallen, so daß die Scherben am Boden auseinanderfuhren. Zwei andere Hausbewohnerinnen kamen zur inneren Tür, aus dem Schlafzimmer der Kolomans, woher das Weinen des kleinen Jungen drang, hereingeschossen. Die eine hielt ein zusammengelegtes Bettuch, das sie aus dem Schrank genommen haben mußte, in die Höhe und schrie, indem sie es schwenkte, es sei gestohlen. Im Hintergrunde stand Herr Bollig, städtischer Heizer, ein magerer Mensch mit eckiger Stirn und einem schmalen Kamm schwarzen Bürstenhaares, und starrte blaß und erbost an die Decke, als ob er dort etwas Verbrecherisches entdeckt hätte. Vor Kolomans Arbeitstisch schließlich war Herr Halber festgewurzelt. Sein Kopf hing dick und rot in einen Privatdruck hinein. Lausbübisches Vergnügen und pflichtschuldiger Abscheu verzerrten sein Gesicht zu einer abscheulich lächerlichen Maske, und dem triefenden Munde entspritzte das Wort: »Schmutzereien!«

Koloman hörte Helia keuchen. Mit zwei Schritten oder vielmehr Sprüngen war er im Zimmer. Die Gesellschaft erstarrte. Er trat links an den Ofen, so daß er alle vor sich und dadurch eine gewisse Rückendeckung für die kommende Szene hatte. Ehe er sprach, fuhr Helia herein und vorbei in das Schlafzimmer; zwei Weiber wurden von ihr aus dem Schlafzimmer herausgestoßen, ehe sie die Tür zuknallte und sich dem Kinde zuwandte, das in seinem offenbar mit Bosheit in Unordnung gebrachten Bettchen wimmerte. Nervöse Schauer gingen über Kolomans Gesicht; es war die Wollust der Zehntelsekunden vor dem Handgemenge.

Er fragte, indem er sich freute, daß seine Stimme fest und gleichgültig klang: »Meine Herrschaften, wie kommen Sie hier herein? Und was wollen Sie in meiner Wohnung?«

Die Antwort war ein Gemisch aus Gebärden, Brummen und Kreischen. Die Weiber erbosten sich über die Frechheit, sie zur Rede zu stellen. Herr Bollig streckte die Faust gegen den von Nässe triefenden Fußboden aus, wozu er dieselbe Miene machte, mit der er vorher die Decke angestarrt hatte, und Herr Halber schwenkte sein fest ergriffenes Privatum und brüllte: »Sie haben nichts zu fragen, Sie sind ein Schmutzfink! Verstehen Sie mich?«

Koloman erhob die Hand, und da ihm der Genuß wurde, daß auf diese gebieterische Gebärde Schweigen eintrat, sprach er gedämpft und streng: »Sie können nicht alle zugleich sprechen! Ich komme nie zu einem Verständnis Ihres Vorgehens, wenn Sie alle zugleich sprechen. Herr Bollig! Warum sind Sie in meine Wohnung eingedrungen? Was suchen Sie hier?«

Bollig gab zwischen Knurren und Kläffen dieses von sich: »Weil bei Herrn Halber das Wasser durch diese Decke heruntergekommen ist! Darum! Weil Sie die Weinflasche auf dem Ausguß stehen hatten, daß nichts ablaufen konnte! Wissen Sie noch nicht, daß Sie das Haus überschwemmt haben? Was? Das können Sie gar nicht zahlen, was Sie da angerichtet haben, Sie sauberer Herr von Schuldenbuckel! Seien Sie überhaupt froh, daß wir bei Ihnen ›eingedrungen‹ sind! Das Kind im Bette wäre Ihnen ja ersoffen, während Sie sich mit Ihrer Sauberen herumtrieben, wer weiß wo! Na, für Sie wäre es schließlich kein Unglück gewesen, und für das Wurm auch nicht! Aber ich verbitte mir, daß Sie mir die Wohnung zu Ihrem Vergnügen unter Wasser setzen! Verstehen Sie mich?!«

Ehe Koloman erwidern konnte, nahm Herr Halber das Motiv auf, wobei sich sein angegrauter, an den Spitzen gelber Schnurrbart in lauter einzelnen Härchen sträubte: »Ich wohne unter Ihnen! Ich verbitte mir Ihre Rücksichtslosigkeiten! Sie haben meine Räume nicht unter Wasser zu setzen! Sie haben sich das nicht zu erlauben, sonst erkläre ich Sie für einen Rüpel! Überhaupt haben Sie meine Zimmerdecken reparieren zu lassen! Und meine Möbel! Ich lasse mir auf Ihre Kosten den Tischler kommen. Mir entwischen Sie nicht! Zahlen müssen Sie mir, und wenn Sie sonst keinem Menschen in der Stadt zahlen! Diesmal haben Sie es mit mir zu tun! Das sollen Sie aber erleben, Sie – Warte du!«

Jetzt konnte sich Frau Beke, die auf dem gleichen Stockwerk wohnte und bei der das Wasser durch eine vernagelte Tür vom Schlafzimmer her eingedrungen war, nicht mehr halten. Die Nägel vor Kolomans Gesicht schüttelnd schrie sie Falsett: »Jungchen, du kannst dir ja gratulieren, daß mein Mann noch nicht daheim ist! Wenn der bloß da wäre – herum lägst du ja und blutetest!«

Koloman erhob wieder die Hand und erreichte wieder Stille.

»Danke für Ihre Erörterungen und Erläuterungen! Ich sehe jetzt, worum es sich handelt. Meine Unachtsamkeit gebe ich ohne weiteres zu; wenn mir das in einem anständigen Hause geschehen wäre, so wäre ich verlegen, wie ich mich entschuldigen sollte. In einem anständigen Hause hätte man nämlich ohne allen Lärm, sobald das Wasser bemerkt war, die Hauptleitung abgestellt und nach mir geschickt, dahin, wo ich um diese Stunde fast täglich zu treffen bin, ins Theater. Ich wäre schleunigst gekommen, und es wäre die Hälfte des Unheils vermieden worden. Ich hätte dann, wie gesagt, Grund gehabt, mich sehr zu entschuldigen. Ihre Aufführung aber, Herrschaften, gibt mir nur Anlaß zum Achselzucken. Was Sie etwa an Unannehmlichkeiten gehabt haben oder haben, ist durch den Genuß der Sensation, die Sie sich hier verschafft haben, mehr als aufgewogen. Ich entschuldige mich also bei Ihnen nicht, sondern erkläre Ihnen, daß Ihr Gebaren mich nicht erstaunt und im übrigen mich nicht verletzen kann.«

Er machte eine Gebärde nach der offenstehenden Tür: »Ich fordere Sie auf, meine Wohnung zu verlassen.«

»Was? Rausschmeißen? Rausschmeißen will er uns? Das ist ja die Höhe! Bildest denn du dir ein, daß ein Kerl wie Sie uns rausschmeißen kann? Du meinst wohl, du sprichst mit uns wie Hochstapler unter sich? Zahle erst deine Bankschulden, daß du nicht wegen Betrug sitzen mußt!«

Der Schluß dieser aus Chor und Solopartien gemischten Einlage war, daß Herr Halber die Tür zuknallte und donnerte: »So! Wir gehen hier raus, wann wir wollen!« Aus den verschiedenen Kehlen kamen Laute der Zustimmung. Jeder stellte sich gewissermaßen fester an seinen Platz, und in der Übereinstimmung der Sensation und des Hasses fanden ihre Blicke sich auf Kolomans Gestalt zusammen.

Koloman reckte sich, indem er sich zugleich leicht an die Wand lehnte. Ihn erfüllte eiskühle, hochmütige Begeisterung an sich selbst, an seiner Schlankheit diesen derben Alltagsgestalten gegenüber, an seiner allweltlichen Lebensfremdheit diesen vom Bann der kleinbürgerlichen Lebensbedingungen Besessenen gegenüber. Koloman wußte, daß keiner von der Gesellschaft wagen würde, sich tätlich an ihm zu vergreifen: und wenn man es auch versucht hätte, so wäre er gewisser Kunstgriffe der Abwehr kundig gewesen, die hier genügt hätten, um ihn als Ajax in der Hammelschlacht zu bewähren. Aber darum ging es ja nicht, sondern um eine Art moralischen Gerichtes, das seine Hausgenossen bei dieser erwünschten Gelegenheit über ihn abhielten; und ihn erfüllte der grausame Kitzel, diesem Gericht gegenüberzustehen und aus den Anklägern Angeklagte und Verurteilte zu machen. So gingen seine Augen boshaft messend von einem zum andern. Da kein neuer Angriff kommen wollte, bequemte er sich, zu reizen.

»Ich fordere Sie zum zweiten Male auf, meine Wohnung zu verlassen. Ich werde sogleich diese Aufforderung zum drittenmal an Sie richten. Folgen Sie dann nicht, so sind Sie hausfriedensbrüchig!«

Der Erfolg war diesmal kein Lärm aller. Herr Halber trat vor die Streitlinie, um einzeln zu kämpfen. Er hielt Koloman den Privatdruck, den er nicht aus den Händen gelassen hatte, offen entgegen. Die aufgeschlagene Seite enthielt in Radierung eine gewagte Szene.

»Ich frage Sie, Herr Koloman, ob dieses Buch Ihnen gehört?«

»Es gehört mir, Herr Halber. Was für Sie ein Grund gewesen wäre, es an seinem Platze liegen zu lassen. Was schnüffeln Sie unter meinen Büchern?«

»Erstens schnüffle ich überhaupt nicht! Zweitens scheint es sehr notwendig, daß unter Ihren sauberen Schriftlichkeiten einmal ganz gründlich geschnüffelt wird, junger Mann! Aber ganz gründlich! Sehn Sie mal das an, meine Herrschaften!«

Er wies das Buch im Kreise vor und fand das erwünschte Echo der Entrüstung.

Frau Beke grillte: »Ich habe es ja immer gesagt! Und da wohnen wir neben! Müssen wir uns denn das gefallen lassen?«

Herr Halber dröhnte: »Nein, gute Frau, das brauchen Sie nicht. Diesen Zuständen wird ein Ende gemacht, dafür lassen Sie mich sorgen! Noch sind wir hier kein öffentliches Haus. Ich beschlagnahme dieses Schmutzding hier und werde es morgen nebst Anzeige zur Polizei bringen. Dann wollen wir sehen, ob wir Sie nicht loswerden können, Sie schmutziger Bursche! Wieso Ihnen hier in der Stadt die Niederlassung gestattet wurde, ist ja wohl ein Parteigeheimnis. Aber hier im Hause werden in sittlicher Beziehung Vorkriegszustände hergestellt, dafür verbürge ich mich!«

Da Koloman sprechen wollte, brüllte er mit letzter Macht wie einst auf dem Kasernenhof: »Sie haben noch mehr solches Zeug herumliegen! Schweigen Sie! Sie handeln mit Schweinereien!«

Koloman nickte: »Allerdings habe ich diesen Privatdruck herstellen lassen, ich gebe Ihnen auch zu, daß in dem Buch Schmutzereien enthalten sind – in dem Fall nämlich, daß Sie und Ihresgleichen in das Buch hineinsehen. Darum ist das Buch aber nicht für Sie und Ihresgleichen bestimmt, sondern für saubere und kunstverständige Menschen, die auf diesen Blättern keine Schmutzereien finden, sondern dionysische Enthüllungen tiefster Lebensgeheimnisse. Sie können freilich das nicht versteh’n, was über Ihnen steht! Und schämen Sie sich, alle zusammen, des kindischen Radaus, den Sie angestellt haben! Neugier und reine Lust am Unfug hat Sie ja besessen! Frau Beke! Wie kamen Sie dazu, meiner Frau die Wäsche aus dem Schrank zu reißen? Antworten Sie nicht, ich will es nicht hören! Ich fordere Sie alle zum dritten Male auf, meine Wohnung zu verlassen.«

Er öffnete die Tür. Niemand aber rührte sich, zu gehen.

Frau Bollig wimmerte: »Ich bin eine ehrliche Bürgersfrau! Von einem Tagedieb brauche ich mich nicht vor die Tür weisen zu lassen!«

Koloman machte eine Handbewegung: »Meine Tür, Frau Bollig!«

Herr Bollig streckte den Hals vor. Die schwarzen Bürstenhaare richteten sich drohend über seinem eckig schmalen Scheitel auf. Ein neuer Sturm wollte ausbrechen.

In diesem Augenblick trat Helia aus dem Schlafzimmer heraus.

Sie hatte eine Schürze vor ihr Theaterkleid gebunden und trug Besen und Eimer. Ohne zu sprechen, begann sie die Scherben des zerbrochenen Waschgeschirrs aufzusammeln. Sie vollzog das in sanften und lautlosen Bewegungen: das leise Klirren der Scherben, die sie in den Eimer nicht warf, sondern legte, wirkte wie Musik auf die bösen Geister der Stockwerke. Herr Bollig trat zurück, um ihr Platz zu machen. Herr Halber maß die kniende Gestalt mit Blicken, die durch das Studium des Privatdruckes bereits geübt waren. Damit hing es zusammen, daß Frau Halber erklärte:

»Na, wenn hier einmal sauber gemacht werden soll, so brauchen wir das seltene Ereignis ja nicht weiter aufzuhalten. Laß das abscheuliche Buch hier, Max!« Sie ging, und ihr Gatte folgte, indem er das Buch in seinem Rockschoß verschwinden ließ. Auch die anderen folgten.

Koloman schloß die Tür mit dem Riegel, weil das Schloß durch das Aufbrechen beschädigt war. Dann küßte er Helia … Gemeinsam trugen sie zuerst die Bücherstapel, die rings an den Wänden standen, mit Ausnahme der unteren, durchweichten Lage auf den Tisch. Was nicht zu retten war, stapelte Koloman beim Ofen. Inzwischen reinigte Helia den Boden. Dann suchte er zwei Gläser unter den Geschäftsbriefen im offenen Sekretär hervor und entkorkte die Flasche, die das Unheil verschuldet hatte.

Während des Trinkens schlug Helia plötzlich die Arme um ihn und weinte auf.

Er streichelte ihr den Scheitel.

»Hast du dich aufgeregt?«

»Ich kann das nicht mehr ertragen! Die Menschen sind furchtbar! Dieses Haus ist eine Hölle!«

»Gewiß! Da wir aber Selige sind, was tut es, wenn wir auch eine Zeitlang die Hölle bewohnen?«

»Ich kann das alles nicht mehr sehn und hören!«

»Gut. Ich werde sehn, daß wir eine andere Wohnung finden. Aber sage, Helia, in welchem anderen Hause wäre uns heute abend ein Genuß bereitet worden, der diesem zu vergleichen wäre?«

Sie sah vor sich hin.

»Ein Genuß?«

»Nun ja!«

»War das für dich ein Genuß, Koloman?«

»Gewiß, war es nicht ein lebendes Bild – Ensor?«

»Ja.«

Sie saßen eine Zeitlang stumm zusammen; Helia fühlte sich an die Ströme des Lustreizes an, die ihn mit dem Abklang der tollen Szene durchflossen. Als auch sie davon erfüllt war, hob sie, nun aber lächelnd, die Arme nach ihm, und er kam ihr entgegen, indem er flüsterte: »Immer Dionysos!«

Er geht auf Beute aus

Rechtsanwalt Jakob lehnte sich im Sessel zurück. Sein langes, bräunliches und gut rasiertes Gesicht zeigte Ernst und Aufmerksamkeit. Die Stirn lag in den Falten der Bedenklichkeit, und mit diesen schienen die leichten Kräuselungen des schwarzen Haares übereinzustimmen: selbst die schmalen, bleichen Hände auf den Armlehnen nahmen am Ernste der Haltung teil. Jakob hörte dem Gotiker zu, der erzählte, was ihm in der Nacht zuvor zugestoßen war.

Koloman hatte in der Nacht eine Vision gehabt, indem er sich auf einem großen Pulte »vor der Welt« sah, das Ereignis des überschwemmten Mietshauses und den Zorn der Spießer singend und dafür Kassen voll Geld einnehmend. Die Vision hatte sich beim Erwachen in den Plan gewandelt, im Laufe des Tages geeignete Persönlichkeiten aufzusuchen und von diesen auf sein Wasserunglück hin Geld zu leihen. Jakob war einer der gutmütigsten Menschen in Kustenz, die Koloman kannte; darum fing er bei ihm an.

Sein Plan war noch nicht durchgebildet, als er eintrat. Er machte darum, nachdem das Tatsächliche berichtet war, einen Scheinangriff, indem er fragte, ob Jakob ihn in einem Beleidigungsprozeß gegen Herrn Halber vertreten würde. Und ob er mit einer Schadenersatzklage wegen der mutwillig zerstörten und beschmutzten Gegenstände gute Aussichten haben würde. Jakob riet eifrig ab, sowohl von der Beleidigungsklage wie von der auf Schadenersatz. Viel Ärger und endlose Feindseligkeiten der Rachsüchtigen seien sicher, irgendein Erfolg im Prozeß aber nicht. Es sei unklug, sich mit niedrigen Schichten in Händel einzulassen. Warum nicht das Ganze humoristisch nehmen, als Erinnerungsgut, Beute des Dichters! Mancher gäbe doch etwas darum, eine so tolle Szene erlebt zu haben, ja, daran beteiligt gewesen zu sein! Und war nicht der Sieg über die Philister, von dem Koloman immerhin berichten konnte, seine Rache über sie? Hatten sie nicht als die Überwundenen davonschleichen müssen? Warum also den größeren Sieg aufs Spiel setzen, um einen kleineren womöglich nicht zu erringen?

Koloman gab das zu.

»Daß ich die Szene humoristisch nehmen könnte, will ich nicht sagen. Wohl aber habe ich sie innerlich aufgesogen und bin im Begriffe, sie zu verarbeiten im Sinne meiner ekstatischen Kunstauffassung. Wenn ich im Tanze die erste Stufe der Kunst sehe, so sehe ich in solchen Szenen die Vorstufe des Tanzes. Was in meiner Wohnung gestern abend vorging, war die Ahnung eines Balletts. Stellen Sie sich vor: zuerst der hereinstürmende Haufe, dann mein kämpferisch kaltes Gegenübertreten, die Steigerung der Wut bis an den Rand der Tätlichkeiten, Gebärden von überquellender Wüstheit, und schließlich das sanfte Auftreten meiner Gattin, die den Wirbel auflöst, indem sie ihn übersieht!«

»Nun also …«

»Gewiß, so weit ist alles sehr schön. Ich gestehe, daß ich, solange der Auftritt andauerte, vorwiegend von ästhetischem Genuß erfüllt war. Aber, Herr Doktor Jakob, man ist nicht nur Künstler, nicht nur ekstatischer Gestalter, man ist auch ein bedauernswertes Menschenkind, das in dieser Welt der Tatsachen eine Frau und zwei Kinder durchbringen soll; und der Schaden, der gestern nacht in meiner Wohnung angerichtet wurde, ist für mich vernichtend. Sämtliches Geschirr ist zerschlagen worden, die meisten Wäschestücke von den übererregten Weibsbildern aus den Behältern gerissen und zerfetzt, buchstäblich zerfetzt! Sogar unsere paar Lebensmittel wurden aus dem Gestell gestürzt und mit Füßen in der schmutzigen Nässe des Fußbodens herumgestoßen! Meine sämtlichen Verlagsvorräte sind durch das Wasser wertlos gemacht, ich stehe vor dem Nichts! Glauben Sie, daß ich heute schon etwas gegessen habe?«

»Sie sagten vorhin, Sie kämen vom Frühstück …«

»Es war eine Höflichkeitslüge, Herr Doktor! Es ist mir recht, daß ich mich wider Willen verraten habe. Denn wozu die Wahrheit verheimlichen? Ich weiß mir wirklich nicht mehr zu helfen. Das Unglück, das ich mit den ›Kustenzer Heften für Theater und Musik‹ hatte, kennen Sie ja. Die Bank saugt mir monatlich dreihundert Mark Abzahlung aus dem Leibe: bleibe ich im Verzug, so werde ich wegen Betrug angezeigt! Betrug! – weil ich Kustenz eine anständige Wochenschrift schenken wollte! – Dazu das Unglück mit meinem Kleinsten, dem Siebenmonatskind. Er wird noch im Josefinum gepflegt, und ich muß monatlich hundertfünfzig Mark ohne Arztkosten erlegen. Und was bringe ich mit, um allen diesen Verpflichtungen nachkommen zu können? Eine ekstatische Dichterbegabung!«

Er gab das diskret verzweifelte Lachen von sich, das er nach Graden und Stufen beherrschte, wenn er von seinem Schicksal sprach; dann redete er und redete, entschlossen, nicht aufzuhören, ehe er sein Darlehen haben würde. Jakob kannte die Absicht, und Koloman wieder kannte dieses Wissen Jakobs.

Der Rechtsanwalt wußte auch, daß er nicht widerstehen würde und kannte die Summe, die er geben würde. Was er nicht kannte, war nur der Augenblick, in dem er zur Brieftasche greifen würde. Vorläufig ließ er Kolomans Redestrom über sich ergehen, von lässigem Wohlsein befangen. Im Hinflug einiger Gedanken rechnete er aus, wie sich bei ihm selbst, gemessen an Kolomans Betätigung, rednerische Mühe und klingender Erfolg zueinander verhielten. Dann versank er in Träumerei.

Kolomans gleichmäßige Rede täuschte ihm das Sprudeln von Bergbächen vor. Er befand sich im Hochgebirge, kräftiger Sonnenschein durchwärmte seine Haut … Vor sich sah er schöne, fallende Hänge; sie überzogen sich mit Schnee. Und er stand auf den Schneeschuhen – nicht allein, eine in bunter Wolle gekleidete, lachende Gestalt glänzte neben ihm. Sie grüßten sich mit den Stöcken: auf zum Wettlaufe! Und sie schossen los; im Flug, wirklich im Flug ging es über endlose Strecken, stets blieben sie nebeneinander, beide atmeten laut vor Glück, atmeten reine Musik! – Er lächelte, während die langen Lider seine Augen deckten.

Koloman sah das. Er merkte, daß Jakob ihm nicht zuhörte und wurde etwas verdrießlich. Machte es ihm etwa Vergnügen, hier zu sitzen und zu betteln? Es war unverfroren von Jakob, ihn in dieser Weise warten zu lassen, auf die Folter zu spannen! Und zudem – Koloman wußte, in welcher Höhe Jakobs Börse sich zu lösen pflegte. Für diesen Betrag hatte Jakob es wirklich nicht nötig, sich eine halbe Stunde lang (bereits!) die Ohren massieren zu lassen! Kolomans Stimme bekam einen gereizten Klang.

Das war ein Vorstoß gegen Jakobs musikalisches Ohr, der wirkte. Ganz unvermittelt wurde die Brieftasche gezogen.

»Im Sinne einer allgemeinen Versicherung auf Gegenseitigkeit, erlauben Sie mir, Herr Koloman, mit einer Kleinigkeit an Ihrer Wasserkatastrophe beteiligt zu sein!« Koloman gestattete es ohne Förmlichkeiten und empfahl sich. Er hatte noch einige Wege vor sich.

*

Bei Dr. Kajak trug Koloman sein Unglück lachend vor. Dr. Kajak war ein älterer Herr, Halbamerikaner, Kunstfreund und im übrigen fast unerschütterlich in dem Grundsatze, nichts zu verschenken. Koloman dachte nicht daran, ihn um ein Darlehen zu bitten; er bemühte sich vielmehr, ihn in gehobene Stimmung zu versetzen, um ihm dann ein radiertes Blatt zu verkaufen, das er selbst für einen einzelnen, unbekannten Goya hielt. Er hatte das Blatt kurz zuvor in einer alt gekauften, schlechten Ausgabe des Dekameron gefunden.

Dr. Kajak lachte auf das wünschenswerteste, während Koloman die Megären tanzen ließ und Herrn Halbers empörtes Entzücken an dem Privatdruck mimisch darstellte.

»Ja, Sie lachen, Herr Doktor, wie ich Ihnen das so erzähle! Aus der Erinnerung sind Megären wohl immer etwas komisch, wenn sie nicht gerade Blut vergossen haben. Aber glauben Sie, daß mich während der Szene selbst, als die Bande in meiner Wohnung raste, die reinste Heiterkeit erfüllt hat? Ich konnte mir nicht helfen, ich genoß das abenteuerliche Bild!«

Dr. Kajak lachte so, daß er sich schüttelte; schließlich saß er mit eingezogenen Schultern da und sog an seinem Schnurrbart, während seine Augen, die groß und flach waren, sich zu wölben und zu verengen schienen.

Koloman schmiedete das warme Eisen.

»Sie sind Kunstverständiger, Herr Doktor! Nun wohl, ich kann Ihnen das Vergnügen, das ich genoß, mit einem einzigen Wort erklären! Was sich in meinem Zimmer abspielte, das war – Goya!«

»Goya? Das könnte sein, Sie – wenn die elektrische Beleuchtung nicht wäre!«

»Trotzdem! Das war ein Goya trotz der elektrischen Beleuchtung! Wir brennen übrigens geringe Kerzenstärken, wie Sie sich denken können, unser Lampenlicht ist ausgesprochen rot im Tone. Wenn es aber auch anders wäre! Ich wenigstens empfinde zwischen der Übertriebenheit des elektrischen Lichts und den Übersteigerungen Goyas keinen Zwiespalt! Ich kann mir Goya bei tausend Kerzenstärken sehr gut denken; Licht und Schatten! Grellheit! Leiden! Ekstatik!«

Dr. Kajak lachte von neuem und wiederholte dazu den Ausdruck »Goya bei tausend Kerzenstärken« mit prustenden Lippen. Koloman unterbrach ihn: »Nun ja, Goya bei tausend Kerzenstärken! Ich kann mir Goya heute auf der Straße denken, im Auto, wenn Sie wollen! Er ist für mich modern, ein Expressionist, ein Heutiger! Mir ist kein Künstler wichtiger als er! Ihnen vielleicht?«

»Stellen Sie die Menschheit nicht so vor Ja oder Nein, Koloman! Das ist unhöflich! Übrigens, haben Sie die Goyadrucke schon gesehen, die ich besitze?«

»Gewiß. Aber den Goyadruck, den ich besitze, haben Sie noch nicht gesehen, Herr Doktor!«

»Sie, einen Goya? Ich dachte, Sie handeln nur mit Privatdrucken!«

»Ich besitze auch einiges, womit ich nicht handle. Dazu gehört dieser Druck.«

Er zog ein Buch aus der Tasche, dem er ein Oktavblatt angegilbten Papieres entnahm. Eine Besenreiterin, in der Luft schwebend, und eine andere, eben vom Boden abstoßend, waren darauf radiert. Ein Plattenrand war deutlich zu erkennen. Koloman reichte Kajak das Blatt hin.

»Hier, bitte! Bis heute ein gehütetes Heiligtum meiner Hütte. Wenn Ihre Andeutung von eben die Frage sein sollte, ob es mir verkäuflich sei, muß ich leider sagen ja. Die Wasserkatastrophe hat mich so weit gebracht. Wollen Sie es erwerben?«

»Nicht so eilig, Herr Koloman! Das Blatt ist ganz hübsch. Ob es allerdings ein Goya ist, wird wohl eine offene Frage sein.«

»Offene Frage? Ich bitte Sie, Herr Doktor, blamieren Sie mich nicht! Sie sind Doktor der Kunstgeschichte! Sie haben hier die Gelegenheit, eine wissenschaftliche Entdekkung zu machen, denn bisher war dieser Goya allerdings nicht bekannt. Aber daß diese Schöpfung von keinem anderen Meister aller Zeiten und Länder stammen kann als von ihm, das sahen Sie auf den ersten Blick, so gut wie ich es sah, als mir das Blatt vor Jahren in die Hände fiel. Warum verleugnen Sie Ihren Scharfblick? Um den Preis zu drükken? Das haben Sie nicht nötig! Sie können den Preis diktieren, da ich ja gezwungen bin, zu verkaufen – um meinem Kind endlich seine heutige Milch bieten zu können!«

Dr. Kajak mäkelte noch allerhand. Er behauptete, daß der Plattenrand nicht der ursprüngliche sei, der vielmehr weiter außen gesessen haben müsse und jedenfalls bei einer früheren Einrahmung weggeschnitten worden sei. Koloman führte dagegen alle Geheimnisse des goldenen Schnittes ins Feld, um zu beweisen, daß der Bildspiegel ideal im Fenster des sichtbaren Plattenrandes stünde, und unterschob Kajak lachend, diese Ausstellung gegen besseres Wissen gemacht zu haben, wieder um den Preis zu drücken.

»Aber ich sage Ihnen ja, das haben Sie nicht nötig, denn ich muß Ihnen das Blatt lassen! Sagen Sie also Ihren Preis!«

Kajak wollte noch einwenden, daß er doch gar nicht gesagt hatte, er wolle kaufen! Gegen diesen Einwand aber setzte Koloman jenen diskret verzweifelten Blick ein, dem auch Kajak nicht gewachsen war, wenn nicht gerade ein wirkliches Geschenk ohne Gegenleistung von ihm verlangt wurde. Er nannte den Preis, den man für die Radierung eines unbekannten Anfängers zahlte. So wurden sie handelseinig.

*

Worers Buch- und Kunstantiquariat war in einem schmalen alten Hause an der Hauptstraße gelegen. Worer betrieb das Geschäft seit zwei Monaten, unterstützt von seinem Freunde Lurk. Beide waren heimatflüchtige Elsässer und Dichter: Worer mittelgroß, breit und dunkel, ein solcher der Erde und ihrer Wirklichkeit, Lurk, lang, bebrillt, blond, ein solcher der Winde und Wolken. Beide waren beschäftigt, einen Waschkorb voll Bücher aus dem Lager in die verschiedenen Regale einzuteilen, als Koloman eintrat. Worer, dem Koloman im Café Göckel vorgestellt war, machte ihn mit Lurk bekannt und lud ihn ein, ebenfalls neben dem Waschkorb Platz zu nehmen. Koloman setzte sich. Seine Mappe, die Proben seiner Privatdrucke enthielt, stellte er neben sich auf den Boden.

Er begann damit, sich über den Stadtrat Melmann zu beklagen, der das Wohnungsamt leitete. Seiner Meinung nach sei Melmann gegenüber höheren Pensionierten, die irgendwoher nach Kustenz zuziehen wollten und Wohnung verlangten, von einer Gelenkigkeit der Umgangsformen, um nicht zu sagen Geschmeidigkeit des Rückgrats, die von den Wählern Melmanns jedenfalls nicht vorgesehen gewesen sei. Dagegen sein Benehmen gegenüber Arbeitern, Künstlern und ähnlichen Mitbürgern! Lurk lachte dazu: Ihm habe Melmann, ohne sich um die verbürgten Rechte der Flüchtlinge zu kümmern, nicht einmal die Möglichkeit zugestanden, ein Zimmer zu mieten.

»Herr Melmann scheint auf den Zuzug von nichtsbesitzenden Dichtern aus dem Elsaß wenig Wert zu legen. Wenn sie eine Buchhandlung besitzen wie der Worer hier, duldet er sie schon eher. Der kriegt zwar keine Wohnung, aber er darf immerhin möbliert vorhanden sein. Ich dagegen werde einfach hinausgehungert. Auch die Lebensmittelkarten hat er mir gesperrt.«

Das sei, meinte Koloman, immerhin ein offenes Vorgehen, gegen das Lurk den Flüchtlingsausschuß werde ins Feld führen können. Dagegen:

»Sehn Sie mich an! Ich bin ihm ausgeliefert! Ich habe, als ich zuzog, meine schöne Wohnung in Leipzig gegen ein Schandloch von zwei höhlenartigen Gelassen eingetauscht – bei dem Versprechen, daß ich im Lauf eines halben Jahres etwas Besseres erhalten würde. Ich habe von dem Besseren noch nichts gesehen, dagegen habe ich bereits dreimal einen Hinauswurf aus dem Amtszimmer des Herrn Melmann besehen. Nun, ich bin Dichter und gezwungen, für meine Familie zu sorgen: Ich bin Hinauswürfe deutlicher und minder deutlicher Art gewöhnt. Ich gehe auch nicht immer, wenn man mich zum Gehen veranlassen möchte. Ich kann ja sagen, daß ganz Kustenz bemüht ist, mich aus Kustenz hinauszuwerfen, seitdem ich hier wohne. Noch bin ich aber hier, und ich hoffe, daß es nicht gelingen wird, mich hinauszuwerfen, oder Sie? Denn wie ich Sie einschätze, wird sich Ihnen gegenüber baldigst dasselbe gemeinbürgerliche Bemühen auftun.«

»Hat sich schon«, lachte Worer, und Koloman, mitlachend, rief: »Also gründen wir die Bundesgenossenschaft der Hinauszuwerfenden mit dem Wahlspruch: Die Dichter bleiben in Kustenz!«

Nachdem der Vorschlag mit Gelächter angenommen war, glitt Koloman leise in das Gebiet des Ernsthaften hinüber. Er sprach von dem wahrhaft unauslöschlichen und manchmal satanisch ausbrechenden Haß der Gewöhnlichen gegen die Ausnahmsweisen und von den seltenen Umschlägen der Beziehungen, die manchmal stattfinden, indem die Normalen, wenn sie mit uns zusammenstoßen, ihre perversesten Tiefen nach oben stülpen, ohne es zu wollen, während wir als die verkörperte Ruhe und Musterhaftigkeit in solchen Stürmen dastehen können, gewappnet durch unsere dauernde Gewöhnung an das Ungewöhnliche.

»Stellen Sie sich vor, was mir letzte Nacht zugestoßen ist! Ich komme mit meiner Frau vom Theater nach Hause und stelle Feuchtigkeit im Hausflur und Lärm in den Obergeschossen fest …«

Koloman erzählte mit großem Ernst, stets den fanatischen Haß der Bürger hervorhebend, dazu auch die Lebensgefahr, in der sein Söhnlein unter den Händen der rasend gewordenen Weiber gewesen war. Trotzdem hielten sich Worer und Lurk die Bäuche vor Lachen. Koloman schwenkte dann schließlich ins Humoristische um, wozu ihm Herr Halber als Inspektor der privatgedruckten Bücher guten Anlaß gab. Ebenso eifrig, wie Herr Halber die verbotenen Bücher umgedreht und von allen Seiten beschnüffelt hatte, wurde er nun selbst gesprächsweise gedreht und gewendet, und immer neue Züge der Komik wurden an seinem Äußeren und in seinen Gebärden und Absichten entdeckt. Es wurde beschlossen, an einem der nächsten Tage gemeinsam das Stammlokal Halbers aufzusuchen, um durch das Studium feines körperlichen Selbst den erzählerisch gegebenen Eindruck zu vertiefen.

Übrigens ließ sich Koloman im Wege auf sein Ziel nicht aufhalten. Er gestand, daß er wirklich mit Privatdrucken handelte, die jedem, der über das Stoffliche nicht erhaben war, verboten vorkommen mußten. Ihm aber ginge es um die Kunst, und wenn er bei sich keine besondere Vorliebe für erotische Stofflichkeiten feststellen konnte, so sah er auch keinen Grund, sich mit seinem kleinen Verlagsunternehmen nicht auf die Vorliebe einer Mehrzahl von Kunstfreunden einzustellen.

»Was geht es mich an, warum der Schieber X. meine Drucke kauft! Sie sind Kunst, das ist für mich alles. Und wenn X. nur das Stoffliche, aber nicht die Kunst bemerkt und schätzt, so wird vielleicht X.s Sohn oder Enkel dazu reif sein.«

Er nahm seine Mappe auf und wies Worer seine Verlagswerke vor. Es waren kleine Romane, von ihm selbst verfaßt und von seinem Freund Ontoni, Jena, illustriert. Während Worer blätterte und auch das Papier und die Buchbinderarbeit prüfte, machte Koloman seinen großen Angriff mit einer eingehenden Schilderung seiner Armut und der Zerstörungen, die in der Nacht bei ihm angerichtet worden waren. Er ließ sein Söhnchen vor Hunger piepen und seine Frau vor Jammer verstummen und steigerte den Hasses-Lärm der Nachbarn zum Fortissimo. Wertvolle Manuskripte, die ihm in den nächsten Wochen reichliche Honorare einbringen sollten, waren zerstört, vom Wasser aufgelöst, und die Rechnungen für die Wiederherstellungen im Hause, die er würde tragen müssen, drohten in überwältigender Höhe. Er war ruiniert. Worer mußte begreifen, daß er den Wunsch hatte, die Reste seines Bücherlagers (denn auch davon war ja das meiste durch das Wasser beschädigt) im ganzen zu verkaufen, ehe Pfändung darüber verhängt werden würde.

»Ich sehe ein, daß Sie die Bestände vielleicht nicht ohne weiteres zu dem buchmäßigen Wert übernehmen können. Ich bin auch gern bereit, Ihnen einen angemessenen Rabatt zu geben. Ihnen und mir könnte bei der Gelegenheit ein Dienst geleistet werden. Denn im Absatz, ich leiste jede Bürgschaft dafür, sind die Werkchen ausgezeichnet.«

Worer gehörte zu denen, die schwer nein sagen können. Der Handel wurde abgeschlossen, Koloman ging und kam wieder mit einem Dienstmann, der seine Vorräte auf einem Wagen herbeifuhr. Er verabschiedete sich mit einer runden Summe in der Tasche.

Er lobt Gott

Auf dem Heimweg kaufte er zunächst fünf Tafeln Schweizer Milchschokolade und eine Flasche Maraschino. Vor der Haustür traf er Helia, die ihren Klausotto im Kinderwagen mitgenommen hatte, als sie den täglichen Gang nach dem Josefinum machte, wo das Siebenmonatskind noch gepäppelt wurde. Koloman sagte, daß er einige Besuche gemacht hätte und nickte bedeutend. Und um ihn zu erfreuen, ging ein rosiger Schimmer über das Gesicht der kleinen bleichen Frau.

Sie trugen den Kinderwagen, in dem Klausotto still und verwundert saß, gemeinsam die Treppe hinauf. Dann, während Helia den Abendbrei für Klausotto kochte, erzählte Koloman, und sie teilten dazu eine der Schokoladentafeln. Auch die Maraschinoflasche wurde entkorkt, und es fanden sich in der Schublade, die das Verlagsarchiv enthielt, zwei Gläschen zum Anstoßen.

Koloman nahm Klausotto selbst aus dem Kinderwagen und setzte ihn auf sein Stühlchen, nachdem er einige Turnübungen mit ihm gemacht hatte. Das Kind zeigte darüber großes Vergnügen und krähte mit seinem Vater im Takt und in derselben Tonart.

»Sieh, Helia, wie er sich freut!«

Er hielt dem Kleinen noch einmal den Zeigefinger hin, den Klausotto tapfer packte, um sich daran in die Höhe zu ziehen.

»Der Junge wird das, wozu ich ihn machen will, ein Akrobat. Er wird es im Leben leichter haben als sein Vater, und dazu wird er den anständigsten von allen Berufen haben, den einzigen Beruf, den es eigentlich gibt. Denn der Mensch ist zum Tanzen geboren!«

Helia nickte; sie merkte selbst nicht, daß sie dazu schmerzlich lächelte.

Während sie das Kind fütterte, machte sich Koloman für den abendlichen Ausgang, der zur Feier von gehabten Einnahmen notwendig und herkömmlich war, zurecht. Er wählte aus dem verworrenen Innern einer Pappschachtel die bunteste Krawatte aus und schlang sie um den höchsten Stehkragen, den er gebügelt fand. Auch bearbeitete er den Gehrock und die engen schwarzen Hosen ausdauernd-nachlässig mit der Bürste. Helia kleidete sich in ihr Lilaseidenes, und er legte Klausotto in das Bettchen und sang ihm die Internationale vor, bis er schlief.