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PRESSESTIMMEN: Esslinger Zeitung/Stuttgarter Zeitung/Nachrichten, Simone Weiß, 16.12.2024: Marianne Brugger schildert das Schicksal einer Bauernfamilie in den Wirren zweier Weltkriege… Mit Hilfe von Zeitzeugen, Recherchen im familiären Umfeld und viel Schreibtalent verfasste sie die Familiensaga "Böhmerwaldgeraune"... Geschickt lässt Marianne Brugger die großen Daten der Weltgeschichte fast wie beiläufig in den Plot einfließen ... Marianne Brugger schildert die bedeutsamen historischen Ereignisse in einer leicht verständlichen, eingängigen Sprache. Die Bauerntochter Viktoria, Jahrgang 1904, wächst mit ihren Geschwistern in einem böhmischen Dorf auf. Ihr Vater erzieht die Kinder mit harter Hand, was dazu führt, dass einer ihrer Brüder den Freitod wählt. Auch seiner Tochter Viktoria zwingt der Stepaner Bauer unbarmherzig seinen Willen auf. Wissend, dass sie bereits eine Liebschaft mit einem jungen Tschechen unterhält, verspricht er sie dem Nachbarssohn. Auch ihr weiteres Leben ist durch Schicksalsschläge geprägt. Doch Viktoria gibt nie auf… Ein autobiographisch geprägter Roman, der auch bäuerliches Leben und Brauchtum im damaligen Sudetenland aufzeigt. Eingewoben in Viktorias Lebensgeschichte sind geschichtliche Ereignisse wie die Zeit unter der NS-Herrschaft, Kriegsgeschehnisse, Vertreibung und der nachfolgende Neuanfang.
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Seitenzahl: 258
Veröffentlichungsjahr: 2023
Marianne Brugger
Böhmerwaldgeraune
Viktoria im Sturm der Zeiten
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Gesen 1913 - Abschied
Nach dem Heuen …
Auch Karl muss fort - 1914
Ein folgenreicher Brief
Der neue Knecht
Winter / Frühjahr 1916 – Überraschende Heimkehr
Eine Hypothek fürs Leben
Viktoria fühlt sich schuldig
Singstunden, Ohrringe … es geht aufwärts
Der junge Karl geht eigene Wege
Ein weiterer Verlust
Auf Freiersfüßen
Freud und Leid – Frühjahr 1920
Eine große Wende in Viktorias Leben
Viktoria, eine verheiratete Frau
1930 – Eduard und das Bürgermeisteramt
Alma bekommt Bauchweh
1938 – Andere Zeiten – Die leidige Verwandtschaft
1940 – Der Bruder
Das Ende wird offensichtlich – 1945
Beneš-Dekrete
Die Stepaner trifft es hart
Niederbayern ab 1947
Der Heimkehrer
Nach der Währungsreform
Maria
Die Wiederbelebung der Wirtschaft.
Und wieder ein Ortswechsel
Zwei Begegnungen
Neues Leben - 1954
Was noch zu sagen wäre
Hinweis:
Impressum neobooks
Viktoria hastete keuchend den Hügel hinauf. Die Stoppeln des abgeernteten Getreidefeldes malträtierten ihre nackten Fußsohlen. Doch das nahm das Mädchen genauso wenig wahr, wie das Gesumms der Wildbienen, die am angrenzenden Waldrand einen abgestorbenen Baum umschwirrten.
„Autsch!“ Abrupt blieb Viktoria stehen, winkelte ihren Fuß an und besah ihre Ferse, bevor ihre Augen den Boden absuchten. Dieser vermaledeite Stein! Hatte der ausgerechnet unter dem einzigen Strohbüschel liegen müssen, das nicht aufgelesen worden war. Und dann auch noch mit der scharfen Kante nach oben. Sie steckte ihren Finger in den Mund und befeuchtete die kleine Schramme, aus der ein winziges Rinnsal sickerte. Augenblicklich nahm ihre Fingerkuppe eine rötliche Färbung an. Ohne lange zu überlegen, beschloss sie, sich nicht darum zu scheren. Im Vergleich zu den harten Fäusten ihres Vaters, die auf sie niederprasseln würden, wenn sie es nicht rechtzeitig nach Hause schaffte, war diese kleine Blessur das weitaus geringere Übel.
Als ob es so einfach gewesen wäre, sich sofort auf den Heimweg zu machen, gleich nachdem sie Tante Mitzi Onkel Vaclavs Lohn ausgehändigt hatte. Tante Mitzi hatte ihr eine von den Buchteln versprochen, die aber leider noch im Rohr gewesen waren. Derweilen hatte ihr Milena ein Lied vorgesungen, das sie vor kurzem in der Schule gelernt hatte. Oh, ihre Cousine hatte es gut! Milena durfte sogar den Sommer über die Schule besuchen und wurde nicht wie sie – auch ihren Geschwistern erging es nicht anders – über Monate hinweg vom Unterricht befreit und währenddessen bei der Feldarbeit eingespannt. Dass Milenas Vater seinen spärlichen Taglöhnerlohn in der Wirtschaft versoff, wenn sie ihn nicht bei Tante Mitzi ablieferten, war gewiss schlimm. Aber waren sie denn so viel besser dran? Schließlich war auch bei ihnen auf dem Stepanerhof hin und wieder Schmalhans Küchenmeister. Und auch sonst bekamen sie oft genug von der Mutter zu hören:
„Der Vater braucht Kraft für die Arbeit, also langts ihr nicht gar so arg zu!“
Pah, wie wenn es stimmen würde, dass es nur daran lag, dass er so viele Mäuler zu stopfen hatte. Es wussten doch alle, dass er Stammgast beim Gesener Wirt war. Und wenn er gar zu heftig über den Durst getrunken hatte, gab er dort auch mal eine Runde nach der anderen aus. Spätestens im August, zu Kaiser Franz Josephs dreiundachtzigstem Geburtstag, würde er wieder alle freihalten. Auch beim letztjährigen Geburtstag des Kaisers war es so gewesen. Einen Monat später war sie acht Jahre alt geworden. Doch da hatte der Vater lediglich „Gratulier“ gemurmelt und ihr die leere Hand hingestreckt.
Nur ein bisserl verschnaufen. Keuchend blieb Viktoria stehen und stützte ihre Hände auf den Knien ab. Obwohl sie immer noch schwer atmete, richtete sie sich wieder auf und sah in die Richtung, aus der sie gekommen war. Ungeachtet der gebotenen Eile ließ sie ihre Blicke über die artenreiche Landschaft und das dichte Waldgebiet schweifen. Je nach Jahreszeit umschmeichelten sattes Grün, blau blühender Lein und goldgelbes Getreide die sanft geschwungenen Hügel des Böhmerwalds.
Von Seewiesen her drangen dumpfe Glockenschläge herüber. Viktoria erschrak: Schon so spät! Bei ihrer Seel‘, keine Sekunde durfte sie weiter fürs Rasten vergeuden!
Gleich war‘s geschafft! Hinter dem Hügelkamm tauchte das schindelgedeckte Walmdach des Stepanerhofs auf. Wenig später waren auch die hölzernen Stallungen zu sehen, die sich unterhalb des Bauernhauses befanden. Jetzt musste sie nur noch die hofeigene Wiese hinauf und sich, damit die Mutter nicht schimpfte, im klaren Bachwasser den Schmutz von den Füßen waschen!
Viktorias Mutter stand in der dunklen, rußgeschwärzten Küche und knetete mit ihren abgearbeiteten Händen den Brotteig. Ihr nach hinten geknotetes Kopftuch, das sie sommers wie winters trug, hatte sie weit hinter den Haaransatz geschoben. Der Bauch der Stepanerin wölbte sich unter der mehlbestäubten Schürze nun schon zum zehnten Mal. Leider hatten zwei ihrer Kinder die irdische Welt schon bald wieder verlassen müssen.
Als Viktoria neben sie trat, sah die hagere Frau kurz auf.
„Der Vater ist schon auf dem Feld. Hab‘ ihm gesagt, dass er dich nicht mitnehmen kann, weil ich dich fürs Backen brauch‘.“
Innerlich schlug Viktoria drei Kreuzeszeichen. Er hatte also gar nicht gemerkt, dass sie sich verspätet hatte. Hoffentlich hatte er seinen Unmut nicht an der Mutter ausgelassen. Schließlich kam es bei der Feldarbeit auf jede Hand an.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, trat Elisabeth Kollroß zur Seite und überließ ihrer Tochter die Arbeit am Trog. Viktorias Hände versanken fast bis zum Ellenbogen in der klebrigen Masse. Eifrig, sich die Müdigkeit vom schnellen Heimmarsch nicht anmerken lassend, knetete und walkte sie den Teig fast ebenso kraftvoll wie zuvor ihre Mutter. Viktorias Wangen röteten sich vor Anstrengung. Ohne ihre Arbeit auch nur eine Sekunde zu unterbrechen, blies sie sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht, die sich aus einem ihrer Zöpfe gelöst hatte.
Elisabeth Kollroß schabte Teigreste von ihren Fingern und ließ sie in die Blechwanne fallen. „Und wie geht’s drüben? Was hat meine Schwester zu erzählen gehabt?“
„Sind alle wohlauf! Halt immer das Gleiche, du weißt schon.“
Die Bäuerin nickte. Sie griff sich das große Holzbrett, das neben dem Küchenschrank an der Wand lehnte, und legte es an der Blechwanne an. Das Mädchen hörte auf zu kneten und übergab den runden Laib ihrer Mutter, die den Batzen mit wenigen Handgriffen nochmals in Form walkte. Schon oft hatten sie auf diese Weise zusammengearbeitet, sodass es nun keiner Worte bedurfte.
Viktoria fühlte sich wohl in der Nähe der Mutter, spürte instinktiv die Herzenswärme der vergrämt wirkenden Frau. Elisabeth Kollroß tauschte mit ihren Kindern keine Zärtlichkeiten aus. Alleiniger Ausdruck ihrer Zuneigung war, dass sie ihren Mädchen des Morgens sanft das Haar auskämmte, bevor sie es behutsam in Stränge aufteilte und ohne jedwedes Ziehen und Zerren zu Zöpfen flocht. Vor dem Kirchgang befeuchtete sie bisweilen Zeige- und Mittelfinger und zog mit spuckfeuchten Fingern die Scheitel ihrer Söhne nach. Anders als ihr zum Jähzorn neigender Mann drosch sie nie auf ihre Kinder ein.
Auch beim abendlichen Melken war von Viktorias Besuch „beim Tschechen“ – innerhalb der Familie wurde kaum jemals Vaclavs Vorname genannt – die Rede. Für die drei Schwestern war das Abendmelken die schönste Stunde am Tag. Meist füllten sie diese Zeit mit Singen aus oder erzählten sich, was tagsüber vorgefallen war. Mit ihrer hellen klaren Stimme trug Viktoria das Lied vor, das sie erst wenige Stunden zuvor von Milena gelernt hatte. Doch lediglich Marie stimmte in den Kehrvers mit ein. Johanna saß still auf dem zweibeinigen Melkschemel und zog mechanisch an den Zitzen einer dreckverkrusteten Kuh. Es war nicht ungewöhnlich, dass die älteste der Stepaner Töchter ihre Arbeit still und in sich gekehrt verrichtete. Doch dass sie jetzt bei dieser schwungvollen Melodie nicht einmal mitsummte, wunderte Viktoria dann doch.
„Johanna, was hast du denn?“, fragte sie und sah dabei weiter zu ihr hinüber.
„Ich muss fort. Schon übermorgen. Der Vater hat mich zum Onkel verdingt.“
„Zum Onkel nach Wien?“, fragte Viktoria, obwohl es ja gar nicht anders sein konnte.
Johanna nickte stumm. Dicke Tränen kullerten über ihre Jungmädchenbacken. Marie, in deren Gesicht Bedauern lag, stellte ihren verbeulten Melkeimer so schwungvoll auf dem Boden ab, dass etwas Milch überschwappte und lief zu ihrer Schwester. Mitfühlend legte sie ihre Arme um deren Schultern und schmiegte ihren Kopf an sie.
Viktorias Mitleid hielt sich jedoch in Grenzen. Insgeheim beneidete sie ihre Schwester. Wien! Wenn der Vater sie dorthin schicken würde, sie würde sich mit fliegenden Fahnen fügen. All die Prachtbauten und die Aussicht, auch einmal im Prater zu flanieren. Der Vater hatte erzählt, dass der Gaul seines Bruders den Weg zum Markt alleine fand. Während Onkel Joseph schlafend auf dem Kutschbock saß, zog sein Pferd das gemüsebeladene Fuhrwerk gen Innenstadt. Immer mehr verfielen Viktorias Gedanken ins „Was wäre, wenn?“. Oh, wenn es um sie ginge, sie würde in Wien wunderbar zurechtkommen! Wenn sie dem Onkel genug Honig um den Bart schmierte, dürfte sie bestimmt mit und wahrscheinlich auch am Marktstand verkaufen. Wie man die Stadtfrauen zu behandeln hatte, konnte sie sich beim Onkel abschaun. Sicher hatte er sich nur wegen des Marktgeschäfts diesen Wiener Charme, den der Vater spöttisch als „Schmäh“ abtat, angeeignet.
Am nächsten Tag durfte nur Viktoria die abreisende Schwester zum Bahnhof begleiten. Da es von Gesen bis nach Bayerisch Eisenstein eine beträchtliche Wegstrecke war, brachen sie kurz nach Sonnenaufgang auf. Nicht mal seinen Pappkoffer hatte der Vater hergeben wollen. Stattdessen trug Johanna ihre wenigen Habseligkeiten – in verblichenes Linnen gewickelt und zu einem Bündel geschnürt – auf dem Rücken.
Auch Viktoria war klamm ums Herz. Sie mochte sich nicht vorstellen, wie es ohne ihre Schwester sein würde. Seit sie denken konnte, waren sie fast immer beieinander gewesen, hatten auch gemeinsam in einem Bett geschlafen. Fast die halbe gestrige Nacht hatten sie sich vagen Hoffnungskeimen hingegeben. Hatten bei ihren Hirngespinsten sogar in Betracht gezogen, dass sich die Mutter doch einmal gegen den Vater auflehnen würde. Dass der Vater die Johanna aber auch so weit fortschickte! Zwar hatte der Franz vor drei Jahren auch gehen müssen, als er aus der Schule gekommen war. Doch er hatte sich in der nahe gelegenen Stadt Klattau als Lehrbub verdingen dürfen.
Der tannennadelübersäte Waldboden dämpfte die Schritte der beiden Mädchen. Nur ab und an durchbrach das Knacken eines zertretenen Zweiges die Stille oder ein Vogel warnte seine gefiederten Artgenossen vor den beiden Eindringlingen.
Lang vor dem Abfahrtstermin erreichten sie den Bahnhof. Normalerweise sprudelten die Worte nur so aus ihnen heraus. Doch nun geriet ihre Unterhaltung immer wieder ins Stocken. Während Johanna in den Gesprächspausen meist vor sich hinstierte, beobachtete Viktoria die Wartenden, die sich nach und nach am Bahnsteig einfanden. Um wie viel städtischer sie hier gekleidet waren! Keine der Umstehenden wirkte so trutschig wie sie und ihre Schwester. Und niemand außer ihnen trug derbe Bauernschuhe zum Kleid. Viktoria wandte sich wieder ihrer Schwester zu. Herrjemine, Johanna war ja jetzt noch elender beieinander. Nicht nur ihre tränenüberfluteten Augen, auch ihre zuckenden Mundwinkel verrieten, wie ihr zumute war. Wenn sie dem Unvermeidlichen doch nur ein klein wenig Gutes abgewinnen könnte!
„Johanna, ich hab‘ den Onkel bisher auch nur einmal gesehen. Aber da hab‘ ich gemerkt, dass er ganz anders ist als unser Vater. Er hat immer „Zwetschgerl“ zu mir gesagt, es aber nicht bös‘ gemeint. Und als die Kathi ihm statt der bestellten Limo ein Bier gebracht hat, hat er sie nicht ausgeschimpft, sondern nur einen Scherz darüber gemacht. Richtig lustig war er auf der Beerdigung vom Onkel Gustav.“
„Das sagt doch gar nichts. Bei Beerdigungen könnt‘ man doch oft meinen, man sei auf einer Tauf‘ oder auf einer Hochzeit.“
Doch Viktoria gab nicht so schnell auf.
„Paradeiser (Tomaten) und Erdäpfel (Kartoffeln) ernten ist eine schönere Arbeit als Stallausmisten. Und wenn ich ans Flachsraufen denk ... Und so, wie du ausschaust, nimmt dich Onkel Joseph bestimmt mit auf den Markt. Hübschen Mädchen kauft man doch viel lieber etwas ab als einem alten Mann wie ihm.“
„Und was hab‘ ich davon? Ist bestimmt kein Spaß, jeden Morgen so früh aufzustehn. Onkel Joseph spannt den Gaul doch schon lang vor Sonnenaufgang ein. Und aus der Stadt mach‘ ich mir sowieso nichts.“
In Viktoria brodelte es. Verflixt noch mal. Dass ausgerechnet die Johanna gehen musste, wo sie doch so gar nicht wollte. Niemand auf der Welt hatte das Recht, einen anderen in sein Unglück zu zwingen! Und dann brach es aus ihr heraus:
„Johanna, ich fahr‘ an deiner statt nach Wien!“
Erschrocken wehrte Johanna ab:
„Bist du narrisch, der Vater schlägt mich doch halb tot, wenn ich zurückkomm‘. Und dem Onkel wär’s sicher auch nicht recht. Der will doch keine, die noch zur Schule muss. Nein, das würd‘ sich für keine von uns gut ausgehn.“
„Ach was! Das wär‘ doch schon bald ausgestanden. Aber am End‘ wär‘s für eine jede von uns besser. Mir macht das frühe Aufstehen überhaupt nichts aus. Und auf die Stadt würd‘ ich mich auch freuen. Und wie! Bitte, bitte, bitte sag ja!“, bettelte Viktoria.
Doch Johanna kniff ihre Lippen zusammen und schüttelte entschlossen den Kopf. Viktoria ärgerte sich über sich selbst: Himmel aber auch, warum war ihr das nicht schon in der gestrigen Nacht eingefallen. Vielleicht hätte sie Johanna, die ja bei allem recht zögerlich war, da noch überreden können. Doch zum Überzeugen fehlte nun die Zeit. Ihr blieb nur noch sie zu übertölpeln. Nur wie und womit? Ihr musste so schnell wie möglich etwas einfallen. Wie spät war es jetzt? Viktoria spähte zur Bahnhofsuhr. Aus dem Augenwinkel heraus fiel ihr auf, dass vom Bahnhofsgebäude eine Frau zu ihnen herüberlugte, die vom Kopf bis zu den Knöcheln in Schwarz gehüllt war. Ihre gebeugte Haltung und das fransige Schultertuch verliehen ihr eine Ähnlichkeit mit einer Krähe. Viktoria fuhr der Schreck in die Glieder: die Kochl Resl! Wegen ihrer Tratschsucht war die unverheiratete Schwester ihres Nachbarn bei den Dorfbewohnern nur wenig gelitten. Hatte sie etwa mitbekommen, worüber sie gesprochen hatten? Wie falsch sie jetzt zu ihnen herübergrinste! Viktoria schwante, dass sie mehr gehört hatte als ihr lieb war. Aber gleich stand ihr Schlimmeres bevor. Jeden Moment würde der Zug einfahren. Und ihr war immer noch nicht eingefallen, wie sie Johannas Abreise verhindern konnte.
Zu spät! Das Pfeifen der Dampflok unterbrach Viktorias panisches Suchen nach einer Ausflucht.
„Spätestens, wenn ich genug Geld zusammenhab‘, komm‘ ich euch besuchen“, versprach Johanna nun tränenüberströmt. „Wir sehen uns bestimmt bald wieder.“ Schluchzend umarmte sie ihre jüngere Schwester.
Viktoria war diesbezüglich weniger zuversichtlich, murmelte aber, um ihrer Schwester den Abschied zu erleichtern: „Ja, ganz sicher!“ Stampfend und eine dicke Rauchschwade hinter sich herziehend, fuhr der Zug in den Bahnhof ein. Abrupt riss sich Johanna von ihrer Schwester los, die nun ebenfalls ungehalten schluchzte, und rief, bevor sie in der zischenden, Dampf ausstoßenden Bahn verschwand, nochmals, dem Schicksal zum Trotz: „Wir sehen uns ganz bestimmt bald wieder!“
Rezept Böhmische Buchteln:
500 g Mehl
1 Würfel Germ (Hefe)
80 g Zucker
¼ l Milch
80 g Butter
1 Prise Salz
3 Eigelbe
Marmelade oder andere Füllung
Das Mehl in die Schüssel (Backschüssel mit Deckel) geben und in der Mitte eine Mulde drücken. In diese die Hefe, 1 TL Zucker und 2 EL Milch geben und mit etwas Mehl vom Seitenrand bestäuben. Mit Deckel schließen und bei Zimmerwärme 15 Minuten gehen lassen.
Die Hälfte der Butter in der restl. Milch schmelzen und den restlichen Zucker, Salz und die Eigelbe zum Vorteig geben. Alles zu einem glatten Teig verarbeiten. Wieder schließen und 30 Minuten gehen lassen. Den gegangenen Teig auf einem bemehlten Brett zu einer Rolle formen und mit einem Messer in 12 Stücke teilen.
Die Stücke flachdrücken und auf eine jede entweder Marmelade (am besten Zwetschgen- oder Aprikosenmarmelade) oder Konfitüre geben. Die Ränder hochziehen und Buchteln verschließen.
Eine große Auflaufform oder Backblech einfetten und nicht zu dicht aneinandersetzen. (Verschlussstelle nach unten) Die Buchteln mit der restl. Butter bestreichen und mit einem Geschirrtuch bedecken und weitere 20 Minuten gehen lassen. Zwischenzeitlich den Backofen auf 200 Grad vorheizen und nach dem Gehen die Buchteln auf der untersten Schiene ca. 30 Minuten backen.
Dazu kann Vanillesoße gereicht werden.
Gleichmäßig glitt Karl Kollroß‘ Sense durchs taufeuchte Gras. Schon seit fünf Uhr in der Früh mähten sie die Angerwiese, die zum Wald hin steil abfiel. Verdammt, jetzt hatte er sich auf dem letzten Stück eine Scharte reingehauen. Der Bauer hielt inne und befahl seinen beiden Kindern, die, einige Meter hinter ihm versetzt, sensten:
„Mäht weiter, muss wetzen!“
Neben dem knorrigen Birnbaum, der nur noch an wenigen Ästen Blätter und entsprechend wenig Früchte trug, stellte er seine Sense auf dem Boden auf. Mit zitternden Händen holte er den Schleifstein aus dem Kumpf, der seitlich an seinem Hosenbund befestigt war, und zog den angefeuchteten Stein schwungvoll über das Sensenblatt. Dabei glitt sein Blick zu den Kindern hinüber. Viktoria nötigte ihm Respekt ab. Trotz ihrer kleinen Statur konnte sie mit dem älteren Frieder mithalten. Auch im Haus ging ihr die Arbeit schon fast genauso gut von der Hand wie ihrer Mutter. Wenn sie nur nicht so halsstarrig wäre. Wenn er sie für etwas bestrafte, kam es nicht selten vor, dass sie hernach trotzig ihr Kinn vorstreckte oder ihn mit zornigen Augen anblitzte. Oft genug trieb ihn dieses Verhalten derart zur Weißglut, dass er sich nicht mehr in der Gewalt hatte. Aber vielleicht war ihr dieser starke Wille schon in die Wiege gelegt worden. Schließlich hatte sie auch seine hohe Stirn und das blonde Kraushaar geerbt.
Ach, der Frieder. Selbst jetzt beim Mähen schaute der verträumt drein. Was auch immer ihm durch den Kopf ging. Heute Morgen hatte er gefragt, warum diese Wiese Angerwiese hieß, schließlich sei sie ja nicht im Dorf, sondern weit draußen.
Täuschte er sich oder steckte tatsächlich etwas in Viktorias Schürzentasche? Hatte sie sich etwa wieder etwas aus der Speisekammer stibitzt? Dieses elende Weibervolk! Mit denen gab’s aber auch nichts als Scherereien! Sein Weib war da nicht besser. Heute Morgen hatte Elisabeth über Bauchschmerzen geklagt. Wahrscheinlich war es wieder so weit. Es war schon ein Kreuz, wenn einem die Frau fast nach jedem Mal einen neuen Weiberrock aufzwang. Vor drei Jahren war eins zu früh auf die Welt gekommen und wegen seiner Schwächlichkeit schon bald von einer Krankheit hinweggerissen worden. Auch nach Johanna hatte seine Frau eins nicht lang genug austragen können, weshalb es die erste Nacht nicht überlebt hatte. Da beides Mädchen waren, hatte ihn das frühe Ableben der beiden nicht sonderlich angefochten. Der Arzt hatte ihm nach der letzten Geburt zur Enthaltsamkeit geraten. Doch nach einer Weile war es wieder über ihn gekommen. War auch das vom Herrgott bestimmt, dass die Frau zu schwächlich fürs Kindsaustragen war? Schon bei ihrem ersten, vor achtzehn Jahren, hatte es zuerst schlimm ausgesehen. Gott sei Dank hatte sich der Karl dann doch noch berappeln können.
Bestimmt war es besser, wenn sie sich mit dem Heimkommen Zeit ließen. Gott sei Dank hatte er diesmal fürs Neunerbrot (zweite Mahlzeit nach dem Aufstehen, wurde gewöhnlich um neun Uhr eingenommen) vorgesorgt. Er legte die Sense ab, ging hangabwärts und setzte sich ins gemähte Gras, bevor er seine beiden Kinder herzitierte. Als Viktoria sich niederließ, merkte er, dass er sich getäuscht hatte: Beim Hinsetzen verschwand die Ausbeulung in ihrer Schürzentasche. Mit seinen schwieligen Händen teilte er einen Kanten Brot in zwei Teile und reichte jeweils einen den Kindern. Während die beiden das trockene Brot kauten, verleibte er sich abwechselnd ein Stück Gesottenes und einen Brotriebel ein und steckte sich dann auch noch einige Dörrzwetschgen in den Mund. Erst als sein Appetit auf das Trockenobst gesättigt war, gab er seinen Kindern auch – aber jeweils nur ein Stück – von diesem Schmankerl ab.
Viktoria ahnte, weshalb ihr Vater die Ruhepause ungewöhnlich lange ausdehnte. Und sie meinte auch zu ahnen, dass es nichts Gutes verhieß, dass sie beim Heimkommen der Kochl Resl ansichtig wurden. Gemächlich trippelte sie von der Kohlroß’schen Eingangstüre Richtung Scheuer, tat so, als ob sie dort jemanden suchen würde, und schlurfte wieder zum Hauseingang zurück. Es war mehr als offensichtlich, dass sie etwas umtrieb. Als sie die Ankömmlinge bemerkte, stellte sie ihr Hin-und Hergehen ein und blieb abwartend – auf halbem Weg zwischen den Wirtschaftsgebäuden und dem Bauernhaus – stehen.
„Endlich seh‘ ich jemand von euch. Bevor Not aufkommt, wollt‘ ich euch sagen, dass ich ein paar Tag‘ in der Küch‘ aushelf‘. So lang, wie die Elisabeth im Wochenbett liegt.“
„Das braucht’s nicht, wir schaffen’s auch ohne dich!“, schlug Karl Kohlroß ihr Anbieten unwirsch aus.
„Nichts für ungut, ich wollt mich doch nur revanchieren, weil mir die Elisabeth doch manchmal ein Mädel rüberschickt, wenn mich mal wieder mein Rheuma plagt.“
„Schon recht, aber ‘s sind genug Weiber im Haus!“
„Ja mei, jetzt ist’s halt doch gut, dass die Viktoria nicht in Wien ist.“
„Was redest denn daher?“
Viktoria wurde heiß und kalt. Nun war es so weit. Die Kochl Resl würde sie auf übelste Art und Weise beim Vater anschmieren. Ausgerechnet heute, wo er doch schon den ganzen Morgen so seltsam gestimmt war. Womöglich würde sie auch etwas hinzudichten, was nicht stimmte. Sie war ja nicht umsonst als böses Weib verschrien. Doch das Mädchen hatte Glück. Anstatt die Antwort der Kochl Resl abzuwarten, die schon zu einem
„Weißt neulich, als ich meine Schwester …“ angesetzt hatte, wurde der Bauer ungehalten:
„Sei stad. Das Glockengeläut von euch Weibern interessiert mich nicht! Sag mir lieber, was mich drin erwartet. Du treibst dich doch nicht ohne Grund vor unserm Haus herum.“
„Diesmal wirst dich freuen, Bauer, 's ist ein Bub.“
Die Kochl Resl ließ sich ihre Enttäuschung, dass sie mit dem Anschwärzen nicht zum Zug gekommen war, ebenso wenig anmerken wie der Bauer seine Erleichterung, dieses Mal kein Mädchen bekommen zu haben. Über Karl Kollroß‘ Gesicht huschte nicht der geringste Ausdruck von Freude, stattdessen brummte er verdrossen:
„Hast nichts zu tun?“
Er ging an der alten Frau vorbei und räumte in der Scheuer alle Mäh-Utensilien an ihren angestammten Platz. Als er wenige Minuten später die knarzende Stiege hinaufstieg, folgte ihm nur Viktoria.
Um den letzten Rest des Blutgeruchs und der beißenden Waschlauge, die in penetranter Eintracht die Luft in der holzverzimmerten Kammer schwängerten, zu vertreiben, lüftete die Haselbäuerin auf Stoß. Schon seit vielen Jahren stand sie den Gebärenden in Gesen und Umgebung bei und war auch bereits der Stepanerbäuerin bei ihren vorangegangenen Geburten behilflich gewesen. Als der Bauer in die Schlafstube trat, zog sie energisch das Fenster zu.
„Geh, jetzt lass halt ‘s Fenster offen!“, grummelte Karl Kollroß.
„Nix da! Du willst doch nicht, dass sich deine Frau eine Lungenentzündung holt. Sie hat viel Blut verloren, da muss man auf der Hut sein!“,
widersetzte sich die stabil gebaute Frau seiner im Befehlston ausgesprochenen Anweisung. Anders als sonst ließ der Bauer die Sache auf sich beruhen. Schwerfällig trat er an das grob gezimmerte Bett und sah auf seine Frau. Elisabeths Gesicht war von der Anstrengung gezeichnet, über ihrer Stirn kringelten sich schweißverklebte Haarlocken. Obwohl sie augenscheinlich schwitzte, hatte sie das Federbett bis weit über die Brust gezogen. Für einen kurzen Moment ergriff den Bauer das Mitleid. Leichenblass lag sie da, seine Elisabeth. Ja, auch die Weiber machten was mit auf der Welt. Er nickte ihr stumm zu und wandte sich ab zur Wiege, die ans Bett angestellt war. Unter einer daunengefüllten Zudecke vergraben schlief der Neuankömmling. „Ein strammer Bursch ist’s!“, konstatierte Karl Kollroß, obwohl er aufgrund des aufgeplusterten Kissens nicht mehr als die obere Gesichtspartie zu sehen bekam.
„Ja, mit dem kannst z’frieden sein. Mehr als sieben Pfund hat der auf die Waage gebracht!“, stimmte die Haselbäuerin anerkennend zu. „Habts ihr eigentlich schon einen Namen?“
„Josef! Damit die arme Seel (gemeint war seine Frau, deren verstorbener Bruder auch diesen Namen trug) ihr‘ Ruh‘ hat! Dann schreiben wir ihn halt mit einem „f“, damit er sich wenigstens ein bisserl unterscheidet von all den andern Josephs.“
Nun wagte sich auch Viktoria ans Bett der Mutter, die mit eingefallenen Wangen und gesenkten Lidern vor ihr lag. Viktoria erschrak: Wie erschöpft die Mutter war! Richtig ausgezehrt sah sie aus. Nein, so viele Kinder wie sie wollte sie selbst nicht bekommen. Nie und nimmer! Es würde schon einen Weg geben, um dies zu verhindern.
Viktoria beschloss, eine Rast einzulegen, bevor sie den Wald verließ. Schon nach der nächsten Biegung würde sie wieder schutzlos der sengenden Sonne ausgesetzt sein. Sie setzte sich auf die große Wurzel, deren Ende sich im Bachbett verkrallt hatte. Beherzt streckte sie ihre Füße ins glucksende Wasser. Da der Forellenbach hinter Seewiesen entsprang und von dort eine längere Strecke durch den Wald floss, hatte sich das Wasser trotz der vorherrschenden Julihitze kaum erwärmt. Das glasklare Nass umspülte Viktorias Fußrücken, floss durch ihre abgespreizten Zehen und weckte durch seine Kühle wieder ihre Lebensgeister.
Gleich nach dem morgendlichen Melken hatte sie wegen weniger Kreuzer bis kurz vor Klattau laufen müssen. Und jetzt war sie auch noch von Tante Mitzi ausgeschimpft worden, weil sie ihr nicht Vaclavs vollen Lohn hatte aushändigen können. Wie wenn es ihre Schuld wäre, dass heute ein jeder mit dem Geld gegeizt hatte. Sogar die Haushälterin des Fabrikanten hatte ihr für die Hühner nicht den ausgemachten Betrag gegeben, weil sie angeblich nicht gut gerupft waren. Einen richtigen Aufstand hatte sie wegen der paar Federn gemacht. Ach, seit dem letzten Jahr war alles eine einzige Plage! Sie hatte zwar schon immer viel mithelfen müssen, aber seit Johanna in Wien war, nahm die Arbeit überhand. Wenn nur die Mutter etwas besser beisammen gewesen wär‘. Seit der letzten Niederkunft litt sie unter wiederkehrenden Schwächeanfällen. Viktoria schrieb das auch dem Verhalten ihres Vaters zu. Vier Tage nach Josefs Geburt hatte er die Wöchnerin angeherrscht: „Willst denn du gar nimmer mehr aufstehen?“ Überraschend hatte er dann eingestanden: „Wir schaffen’s nicht ohne dich!“ Was hatte er es auch so eilig gehabt, die Johanna wegzuschicken.
Von Johanna hatten sie bislang nur einen Brief und Grußkarten zu Ostern und Weihnachten erhalten. Mit wenigen Zeilen hatte sie mitgeteilt, dass sie in der Stube auf dem Kanapee schlief, tagsüber auf dem Feld arbeitete und bis zum Zubettgehen Würzkraut oder Suppengrün zu Büscheln band. Die Grußkarten waren eigentlich an Viktoria gerichtet gewesen, hatten aber auch nicht viel mehr als Höflichkeitsfloskeln enthalten. Mit keinem Wort hatte sie den Onkel oder die Tante erwähnt, hatte auch nicht geschrieben, wie es ihr in Wien erging. Wenn Viktoria abends allein im Bett lag, sehnte sie sich bisweilen immer noch nach der Schwester. Und wenn sie in solchen Momenten zu Marie und der kleinen Thekla hinüberschielte, die nach wie vor in einem Bett schliefen und meistens bis kurz vorm Einschlafen miteinander tuschelten, stahlen sich manchmal Tränen in ihre Augen.
War da jemand? Da hatte es doch irgendwo geknackt. Neugierig sah sich Viktoria um. Hinter ihr im Buchenhain stapfte eine Cousine ihrer Mutter durchs hohe Farngras. Jetzt bog Magda auf den Trampelpfad ab, den auch Viktoria schon als Abkürzung genommen hatte, und kam geradewegs auf sie zu. Die Magda brabbelte ja ganz leise vor sich hin. Viktoria spitzte die Ohren. Schimpfte sie etwa? Was hatte sie denn zu lamentieren? Als Haushälterin des Pfarrers ging es ihr doch viel besser als den anderen Frauen. Viktoria wartete mit dem Fragen, bis Magda so nah an sie herangekommen war, dass sie sich mit ihr unterhalten konnte, ohne dabei besonders ihre Stimme erheben zu müssen:
„Was ärgert dich denn so?“
Magda trat zu dem Mädchen, deren nackte Füße immer noch das Wasser durchzogen.
„Jo mei“, seufzte Magda und wischte sich mit der Hand über die Stirn. „Wenn man sich da nicht ärgern muss. Ich komm‘ grad‘ vom Wenzel, meinem Bruder. Obwohl sein Arm noch nicht gut ist, muss er in den Krieg. Dabei hat der Doktor g’sagt, dass er ihn schonen soll, weil er sonst zum Krüppel werden kann. Und mein jüngster Bruder muss auch gehen. Er ist doch die einzige Hilf‘, die mein Vater noch auf dem Hof hat.“
Erschrocken fragte Viktoria „Es gibt Krieg?“
„Ja, weißt du das denn nicht? Die Serben haben doch letzten Monat in Sarajevo unseren Thronfolger und seine Frau erschossen. Und jetzt kommt’s deswegen zum Krieg. In Tschachrau hat der damische Küster deswegen Sturm geläutet. Hättst sehen sollen, wie viel Mannsbilder da mitten am Tag vor der Kirch‘ g‘standen sind. Manche haben sich richtig aufgführt. Geredet haben’s, als wenn’s ein Glück wär‘, dass sie bald schießen dürfen. Denen wird schon noch das Lachen vergehen, wenn der Tod in die Häuser einzieht!“
„Der Tod?“
„Ja, was glaubst denn du? Da werden viele nicht mehr heimkommen. Und wir können schaun, wie wir mit allem fertigwerden. Aber sag, bei euch ist doch sicher auch einer dabei, der gehen muss. Wie viel seids jetzt bei euch daheim? Nach dir sind doch auch noch welche nachkommen?“
„Nur der Karl ist wahrscheinlich dabei und vielleicht auch der Franz. Aber der Franz wohnt nimmer daheim und die Johanna auch nicht. Und der Frieder ist erst dreizehn. Und dann komm ich, und die Marie ist grad erst acht und die Thekla noch ein bisschen jünger. Ja, und unser Josef ist bald ein Jahr alt.“
Als es zwei Tage später soweit war und auch der junge Karl mit dem Tornister auf dem Rücken vom Hof zog, tat er dies in bester Stimmung. Ja, fast schon ein bisschen euphorisch war er. Konnte er sich doch endlich dem strengen väterlichen Regiment entziehen. Und der eintönigen schweißtreibenden Bauernarbeit entkam er gewissermaßen auch. Ja, das meinte der Karl.
Elisabeth Kollroß stand derweil mit einer gewissen Vorahnung am Küchenfenster und sah ihrem Sohn bedrückt nach. Auch sie ahnte, dass ihren Ältesten weder die erhoffte Freiheit noch hehre Abenteuer erwarteten.
Die Bäuerin trocknete ihre feuchten Hände an einem Stofflappen ab, den sie aus einem alten Nachthemd ihres Mannes herausgetrennt hatte und der nun als Küchenlappen herhalten musste. Wie sollte das nur werden? Weil sie dem Vaclav nicht den vollen Lohn hatten ausbezahlen können, kam er nicht mehr zu ihnen herauf. Und nun fanden sie nicht einmal mehr Zeit für den sonntäglichen Kirchgang. Dabei galt dieser bei Katholiken als ehernes Gesetz. Sogar der Pfarrer war deswegen schon auf den Hof gekommen. Im Wissen, was folgen würde, hatte ihr Mann das „Gelobt sei Jesus Christus“, mit dem Hochwürden zu begrüßen war, schon mehr durch die Zähne gezischt als gesprochen. Die Ermahnung, dass er seiner Familie den Kirchgang nicht verwehren dürfe, war dann auch prompt erfolgt. Als der Pfarrer gar nimmermehr hatte aufhören wollen von der Christenpflicht und dem Versündigen zu reden, hatte die Stirnader ihres Mannes zu pulsieren begonnen. Ihr Mann hatte aber nichts gesagt, nur seine Lippen waren schmaler geworden. Danach war er in den Stall gegangen und hatte den Frieder mitgenommen. Dort hatte er den Buben mit dem Lederriemen fast besinnungslos geschlagen. Dabei hatte der arme Bub beim Abschied nur genickt und das Lächeln des Pfarrers erwidert. Der Karl würde ihr mit seiner Härte noch das Herz brechen. Seit er seine Wirtschaftsbesuche nicht mehr sein lassen konnte, wurde es von Tag zu Tag schlimmer mit ihm.
Die Ernte war eingebracht, die Scheune mit Heu und Stroh gefüllt und auch genug Holz im Schuppen, um einigermaßen warm über den Winter zu kommen. Und nun trieb schon seit Tagen ein heftiger Sturm sein Unwesen. Mit lautem Brausen und Getöse fegte er über den Böhmerwald und hatte mit seiner Kraft auch schon manchen Baum niedergestreckt. Auch bei den „Stepanern“ wirbelten bisweilen kräftige Böen Geäst des hausnah stehenden Hollers durch die Luft, das sich meist irgendwo zwischen Stall und Scheune verfing. Die Wetterverhältnisse waren derart widrig, dass nicht einmal der Vater jemanden hinauszwang.
