Bohumirs Töchter - Jörn Zacharias - E-Book

Bohumirs Töchter E-Book

Jörn Zacharias

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Beschreibung

Böhmen, Tschechisches Paradies. Ein Fluch im 20. Jahrhundert? Schwer lastet er jedenfalls auf Bohumir, der sich sicher ist: diesseits des Eisernen Vorhangs trifft ihn sein Schicksal; unmöglich, dort ein Leben zu führen. Also beschließt er, als Mitarbeiter der Staatssicherheit seinem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen, was ihn schlussendlich am 11. September 2001 nach New York führen wird. Dies ist die Geschichte Bohumirs, Sohn einer deutschen SS-Wachfrau, der nach Kriegsende in einem tschechischen Frauengefängnis aufwächst. Das Wirken des Fluchs treibt seine Tochter Gabriela in ein Künstlerleben und einen andauernden Versuch, der Vergangenheit zu entkommen. Seine zweite, ihm unbekannte Tochter ahnt nichts vom Wesen des Fluchs, den Bohumir so exzessiv bekämpft. Ebenso wenig wie der Fernfahrer, der 2002 eine merkwürdige Ausreißerin aufliest, die hochschwanger im Straßengraben hockt … Jörn Zacharias präsentiert seinen Debütroman als Rätselerzählung eines Erzählers, gefangen in den Mythen und Realien des 20. Jahrhunderts – dem Zeitalter des Verrats.

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Seitenzahl: 267

Veröffentlichungsjahr: 2022

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verlag duotincta

Prolog

Bamby Dick stand am längsten Straßenstrich Europas. Sie erwartete einen angekündigten Monstertruck mit einer Fleischlieferung. Bamby Dick hatte ein riesiges Muttermal an der Oberlippe und war noch dunkler als die Romamädchen. Aber sie kam aus Jamaika und war die Attraktion am tschechischen Straßenstrich. Einige sagten, ihr eigentlicher Name wäre Michaela. Sie sei ihrem Zuhälter in Marseille entwischt und unterrichtete nun die Romamädchen, die sich an den Straßenrand stellten, in den westlichen Standards der sexuellen Kundenbetreuung. Bamby Dick konnte lachen.

»Wir bedienen den Abschaum. Deswegen sollen wir aber unsere Würde nicht verlieren, denn wir allein wissen, was Abschaum ist. Das ist unsere Würde.«

Bamby Dick hatte nur noch einen Kunden. Bamby Dick war die Unternehmensberaterin, die das Hurengewerbe in das tschechische Paradies transferierte.

Kurt war mit seinem Truck die Strecken zwischen Stavanger und Istanbul dutzendmal gefahren, den Balkantrail mit brüllenden Kälbern, mit verdurstenden Schweinen. Die Tiere wurden hin- und herverkauft. Nach jedem Stempel in den Papieren gabs ein bisschen Subventionsgeld des jeweiligen Landes, dann wurden sie an die nächste Grenze geschafft, umdeklariert und wieder zurückgefahren. Die Verlusttiere wurden auf ganz spezielle Art entsorgt. Im Schlachthof von Bamby Dick hinter dem Straßenpuff hatte Kurt seine Geschäftspartner. Hier am Straßenstrich konnte Kurt duschen und ficken, während die Hurenkinder die Ladung wässerten und die Kadaver herauszerrten und ausweideten. In den nächsten Tagen würde es in den Restaurants und Hotels in Teplice und Liberec dieses sensationell billige Kalbsgeschnetzelte geben, von dem die deutschen Touristen so schwärmten. Manchmal brachte Kurt ein zusammengekratzes Reh vom Straßenrand oder ein zappelndes Wildschwein in die Schlachterei. Er war der zuverlässigste Lieferant. Bamby Dick und Kurt hatten ein Abkommen: Alles Fleisch von Kurt war für Bambi Dick. Alles Fleisch von Bambi Dick war für Kurt. Für Kurt gab es Erholung, duschen, Münder, Fotzen und Rosetten und ein ordentliches Frühstück sowie die besondere Aufmerksamkeit von Bamby Dick.

An der deutschen Grenze musste man mit Kontrollen rechnen. Gut für das Vieh sich hier noch kurz zu erholen. Gut für Kurt, dass er einen herausgefahrenen Tag in Sex und Fleisch verwandeln konnte.

Fleisch.

Kurt karrte Fleisch durch Europa und Bamby Dick war die beste jamaikanische Köchin im tschechischen Paradies. Sie glänzte so schwarz, als hätte sie Theaterschminke aufgetragen. Kurt vertraute Bamby Dick und Bamby Dick vertraute Kurt. In einer besseren Welt hätten sie das ultimative Unternehmerpaar abgegeben. Aber in dieser Welt war Kurt mit einer mürrischen nordbrandenburger Provinzschönheit verheiratet, die ihren langsam aus der Form gehenden Körper mit selbstgedrehten Zigaretten malträtierte und einen kleinen Handel mit gefälschter Markenware betrieb. Bambi Dick wartete zweiwöchentlich auf die Fleischfuhre. Kurt hatte sich an Bambi gewöhnt und Bambi Dick wartete auf ihren liebsten Kundenlieferanten. Zur Besiegelung ihrer Geschäftsbeziehung hatte sie Kurt die Figurine eines feixenden chinesischen Glücksgottes geschenkt, der Kurt seitdem vom Armaturenbrett her entgegengrinste.

In einem weiß gescheuerten Raum hinter dem Straßenpuff wurden die Kadaver zerlegt und portioniert. Von den Deckenbalken hing das Wildfleisch zum Reifen.

Kurt hatte erzählt von einem weißen Rehbock, der dem Monstertruck immer wieder entwischen konnte. Doch jetzt hatte es wohl geklappt. Ein weißer Rehbock hing jetzt über seiner Schulter.

»Bambiherz, was hast du mir zu bieten.«

»Ich habe nichts als mein schwarzes Fell zum Kratzen.«

»Dann kriegst du es jetzt weiß auf schwarz.«

Und jetzt schleppte er den weißen Rehbock in die Bretterbude und ließ ihn von den Schultern auf die Dielen krachen, dass die Romanutten auf die Barhocker flüchteten.

»Ein weißes Reh bringt Unglück seinem Todesschützen.«

»Aber nicht bei Bamby Dick, dem Niggerreh.«

Sie lachte tief und gurgelnd. Dann packte sie das Reh bei den Vorderläufen und schleifte es in die Fleischerstube. Die Mädchen und Kurt folgten ihr. Bamby Dick stemmte herausfordernd die Hände in die Hüften und begutachtete das Fabeltier. Sie hatte Voodoo und Rasta kennengelernt und praktiziert. Ihre magische Seele konnte so schnell nichts beeindrucken. Furchtlos schob sie ihre Füße unter den flaumigen Hals des Tieres, das erstaunlich gut erhalten war. Keine Spur von einem Zusammenstoß mit dem Monstertruck. Vielleicht hatte ein Luftwirbel es in den Straßengraben geweht, wo es einem Herzanfall erlegen war. Es sah völlig unversehrt aus. Nur die herausbaumelnde Zunge, von der ein dünner blutiger Schleimfaden langsam auf die Planken tropfte und die gebrochenen Augen verrieten, dass es seine Seele in den Tierhimmel hinaufgeblasen hatte. Auf den weiß gescheuerten Planken des Schlachtraumes wirkte es wie ein lächerlicher Einfall eines Werbegrafikers für Seifenwerbung. Weißes Reh auf weißem Grund.

»Neben dem Reh im Straßengraben hockte ein merkwürdiges Mädchen in einem Krankenhauskittel, eine Tramperin. Ich glaube, sie hatte sie nicht mehr alle. Ich wollte sie euch zum Aufpäppeln hierlassen, aber sie ist schon wieder abgehauen. Wahrscheinlich besser so. Wenn sie eine deutsche Ausreißerin war, hätte das nur Ärger bedeutet für uns.«

Die Romamädchen tauschten ängstliche Blicke und flüsterten aufgeregt in aufgefaltete Hände, als ob sie beten würden. Das Reh hat himmelblaue Augen. Das Fell ist flauschig, nicht so borstig wie bei seinen braunen Artgenossen.

»Gabriela soll zurückgekehrt sein.«

Sie drängelten sich furchtsam in eine Ecke des Raumes. Kurt, nach der langen Fahrt und den Erlebnissen mit dem weißen Rehbock und der verrückten Tramperin liebebedürftig und gereizt, weil sich nicht alle Aufmerksamkeit auf ihn richtete, wie es ihm zustand, fuhr zwischen sie wie ein Hühnerhabicht. Die Mädchen entwanden sich seinen grapschenden Händen und er fuchtelte schließlich ins Leere.

»Wer soll das sein, Gabriela? Ein neues Mädchen?«

Kurt schnaubte kurzatmig vor Übermüdung und taumelte neben Bamby, die seinen schweren Körper routiniert abstützt und ihre Hände über seinen Bauch spielen lässt, während sie ihn in sein angestammtes Bett geleitet. Kurt ist folgsam wie ein Rehkitz. Er beruhigt sich, er ist jetzt ihr einziger Kunde; ihr Kurt.

»Eine alte Geschichte, die sie von ihren Großmüttern gehört haben wollen. Gabriela heißt ein weiblicher Engel, eine Verkörperung vom Erzengel Gabriel. Sie verkündet Beginn und Ende der göttlichen Zeitalter. Eine Gabriela soll hier in der Nähe, im tschechischen Paradies, mit ihrem Vater, ihrer Großmutter und ihrer Stiefmutter eine Zeit lang gelebt haben. Sie reden von einem Fluch, der auf ihnen lastete, aber sie munkeln nur hin und her und genaues kann man aus ihnen nicht herausbekommen. Diese Gabriela jedenfalls ist wohl zurückgekehrt aus ihrem Exil, aus Amerika, und jetzt deuten sie die Zeichen – erst stürzen die Türme in Amerika, dann bringst du einen toten, weißen Rehbock. Einige glauben, dass der Fluch sich erfüllt und seine Wirkung aufgehoben wird. Die anderen sagen, die Umwertung der Werte hätte begonnen. Die Regierungszeit des Verräters hat begonnen. Jedenfalls wird es Krawall geben.«

Kurt ist fast schon eingeschlafen. Er lacht in sich hinein.

»Wenn jetzt das Zeitalter der Verräter kommt, in was für einem Zeitalter haben wir denn bisher gelebt? Dem Zeitalter der Harmlosigkeit?«

Aber er träumt wohl schon. Bamby Dick deckt ihn zu und schließt leise die Tür hinter ihm. Rechtzeitig zu seinem Erwachen wird sie ihm die Leber des weißen Rehbocks servieren. Sie überlegt, ob sie das Fell behalten oder seinen Kopf ausstopfen lassen soll als Trophäe. Sie muss lachen. Sie ist seit zehn Jahren hier und denkt manchmal die fremden Gedanken, als wären es ihre ureigenen.

»Wir werden sähänn.«

Wie immer läuft der Fernseher. Ohne die beruhigenden Stimmen der TV-Sprecher kann Kurt nicht mehr schlafen. Die Ankündigungen versprechen aufwühlende Reportagen: Nazis, Stasis, Psychos, die stürzenden Türme, Problemkinder, Krankheit, Tod und Schicksal. Die Lautstärke hat Bamby so geregelt, dass er schlafen kann ohne allzu viel träumen.

1.

Als das Kind so vor Gabriela lag, brauchte niemand ihr zu sagen, dass es ein Kind von Bohumirs Tochter war. Sie hörte das Kind an der Futterkrippe nahe beim Häuschen im tschechischen Paradies schreien, stellte die Koffer neben den toten Körper der Mutter, die ohne Zweifel Bohumirs Tochter war und ebenso ohne Zweifel ihre eigene Schwester. Mit der rechten Hand umklammerte die tote Schwester das Säckchen, in dem sich die kleine Figurine des Glücksgottes befinden musste. Die Rehe drängten sich um das blanke Kind. Das Kind schrie voller Wonne in den Märzmorgen, warmgehalten von den Körpern und Zungen der Rehe. Neben der Krippe kümmerte eine schwarze Gestalt. Gabrielas Großmutter Sophie hockte auf einem Baumstamm und wedelte mit einem Reis. Eben war Gabriela zurückgekehrt ins tschechische Paradies aus New York, stand mit ihrem Reisekoffer in der Hand vor dem dampfenden Häuschen mit den riesigen Holzmieten drumherum, dem Wildäckerchen, der Futterkrippe. Die junge Gestalt der toten Mutter ähnelte so aufs Haar der jungen Lenka, dass Gabriela zurückkatapultiert wurde in das Wirken des Fluches, der auf Bohumir lastete und vor dem er Gabriela bewahren wollte, vor dem sie geflüchtet war und der sie zurückgetrieben hatte in das tschechische Paradies. Das kleine Mädchen war abgenabelt worden von den Rehen, die Nachgeburt hatten sie aufgefressen. Es lag rosig und blank in der Futterkrippe. Aus seinem Mund stieg mit jedem Schrei ein Dampfwölkchen in den Märzmorgen. Es lag an der Stelle zwischen den Rehen in der Futterkrippe, an der Gabriela, als sie ein Mädchen war, ein Märchenbuch auf dem Kopf balancierend der schweigsamen Großmutter beim Arbeiten auf dem Wildäckerchen zugesehen hatte. Gabriela erinnerte sich zurück an die gemurmelten Märchen – die einzige Wortäußerung der Großmutter –, an das Märchen, in dem die Mutter gestorben war und die beiden Geschwisterkinder allein in der Welt zurückließ und das Brüderchen von der Quelle trank, verzaubert wurde und fortan in Rehgestalt seiner Schwester folgte, und das Schwesterchen einen grausamen Erstickungstod im Bad starb und nur nachts zurückkehrte, um sich um ihr eigenes Kind zu kümmern, während in ihrem Bette eine einäugige Hexe lag und sich für die rechtmäßige Königin ausgab.

Wie nur konnte es so weit kommen?

Mr Ryan Latell sitzt mit Bohumirs Tochter in einem Hotelfoyer in Prag. Weder weiß sie, dass sie Bohumirs Tochter und Gabrielas Schwester ist, noch ahnt sie den Fluch, der auf Bohumir und seinem Geschlecht lastet und dessen Erbe sie antreten wird.

Mr Ryan Latell löffelt sein Frühstücksei. Die Größenunterschiede sind obszön. Die Serviererin bringt freudestrahlend einen Rieseneisbecher für Bohumirs Tochter. Mr Ryan Latell grinst spöttisch.

»Jetzt gerade will dein Sperma wieder aus mir raus«, sagt die Erbin des Fluches.

Mr Ryan Latell verschluckt sich an seinem Orangensaft und krächzt wie ein riesiges, bösartiges Adlerküken. Die Kopfhaut färbt sich lila. Zwischen flaumartigen Haarbüscheln glänzen Schweißperlen. Die Kellnerin versucht Gesten und Laute der Beruhigung. Mr Ryan Latell fährt sie auf Russisch an und verlangt Champagner.

»Auf Russisch lässt sich am besten Respekt einfordern. Wenn ich russisch spreche, muss ich immer an meine Wutreserve. Russisch ist die ideale Herrschaftssprache.«

Mr Ryan Latell hat in Oxford studiert. Gentleman studies. Politik, Wirtschaft und Philosophie. Bis zum Ende seines Studiums habe er keine einzige Zahl gesehen und trotzdem nach dem Examen das Angebot einer ehrwürdigen Privatbank auf dem Tisch liegen gehabt, prahlt er regelmäßig gerne. 3000 Pfund monatlich, ein Büro in der Londoner Innenstadt, graue Anzüge, Maßschuhe, ein Sportwagen, nach zwölf Jahren sicher 15.000 Pfund monatlich. Er habe abgelehnt und sei nach Prag gegangen. Er berät die hiesigen »Businessmen« in geschäftlichen und Stilfragen. Es wurde hier so schnell so viel Geld verdient, dass das theoretische Niveau dem realen Kapitalismus weit hinterherhinkt, meint Mr Ryan Latell. So erwiesen sich amerikanische Fernsehserien der siebziger und achtziger Jahre als Hauptquell betriebswirtschaftlicher Erwägungen.

»Alle wollen sie sein wie J. R. Das Geschäftsleben hier ist wie ein absurdes Theaterstück. Es ist hochkomisch und tragisch und immer wieder verblüffend«, sagt Mr Ryan Latell. Er genießt dieses Leben. Er trainiert, motiviert und optimiert und berät sein Klientel in geschäftlichen, sexuellen, ehelichen und ethisch-moralischen Belangen wie zum Beispiel der Auswahl einer neuen Empfangssekretärin.

»Ein Pokal, aber kein Wanderpokal.«

Heute sitzt Mr Ryan Latell in privater Mission als Begleitperson und Aufpasser im Hotelrestaurant. Er leistet einen Freundschaftsdienst. Sein ferner amerikanischer Freund bezahlt für einen zweiwöchigen Urlaub, einen Eingriff und den anschließenden Klinikaufenthalt. Mr Ryan Latell nimmt kein Geld für diese Leistungen zum Wohl seines fernen Freundes, das Budget reicht nur, um notwendige Auslagen bestreiten zu können. Deshalb hat er in Oxford und nirgendwo anders studiert, spricht sämtliche europäische Sprachen und hat ferne Freunde in Übersee. Diese Werte vermittelt er hier.

»Die hiesigen Frauen haben keine Selbstachtung. Wollen wir wetten, dass ich die Kellnerin, obwohl sie wahrscheinlich verheiratet ist, heute Nacht in den Arsch ficke?«

Der ferne Freund in Übersee heißt Frank. Er hat ein Anwesen mit Swimmingpool, eine Frau mit drei Kindern und ein Verhältnis mit seinem deutschen Au-pair. Er sieht ein bisschen aus wie Bruce Willis. Mr Ryan Latell hasst Amerika, aber er liebt seinen Freund Frank. Leider ist das Au-pair zu schwanger für einen weiteren Aufenthalt in dessen unmittelbarer Nähe. Daraus leitet sich der Auftrag für Mr Ryan Latell ab.

Heute Abend jedoch geht Mr Ryan Latell in die Oper. Danach gibt er einen Empfang mit Business-Talk. Er liebt Wagner.

»Wagner ist großartig. Wer Wagner verpasst, hat im Business keine Chance.«

Mr Ryan Latell ist fast zwei Meter groß. Er hat rotes krauses, in Büscheln wachsendes Haar, sehr weiße Babyhaut, einen enormen Kinnbart, riesige, mit Sommersprossen übersäte Hände, die er beim Schlafen überkreuz auf der Brust ablegt. Am liebsten vögelt er zu Bruckners Symphonien. Er hat eine feste Abfolge von Handlungen, die er kreativ variiert. Er kategorisiert seine Bettbekanntschaften nach den Symphonien. Dazu braucht er »deutsche Mädels«. Die hiesigen Frauen sind nur ein notgedrungener Kompromiss.

»Dvořák statt Bruckner.«

Er hat Angst nach Deutschland zu reisen. Während seines Studiums in Oxford onanierte er zu Leni Riefenstahls Filmen. Wenn er jetzt nach Deutschland führe und stünde auf einer Opernpremiere einer weißhaarigen Walküre gegenüber, hätte er Angst, sein Traumbild mit der Wirklichkeit zu kompromittieren. Einmal hatte er während seiner Studienzeit ein Verhältnis mit einer deutschen Austauschstudentin. Sie studierte Kunstgeschichte und Anglistik. Natürlich versuchte er sie von der Unsinnigkeit des zweiten Teils ihrer Studien zu überzeugen. Zur Verlobung kamen die schwäbischen Eltern nach Oxford. Mr Ryan Latell hatte zur Feier des Tages hochfeines Heroin besorgt. Als die Mutter das Spritzbesteck im Badezimmerschrank entdeckte, reisten die Eltern umgehend und ohne ein weiteres Wort ab und hinterließen der Tochter einen Brief, der die Drohung aussprach, sämtliche finanzielle Unterstützung einzustellen, sollte die Verbindung zu Mr Ryan Latell weiter andauern. Nach Ablauf einer kurzen Schamfrist ergriff sie die Ausstiegsoption, gab das Studium auf und ging zurück nach Deutschland zu den Eltern. Von Liebeskummer und Reue übermannt reiste Mr Ryan Latell ihr hinterher in die schwäbische Kleinstadt. Atemlos sah er von einem Versteck aus zu, wie seine frühere Braut den Rinnstein vor dem elterlichen Haus mit einem Handstaubsauger säuberte. Sein Respekt vor allem Deutschen wuchs ins Unermessliche.

Er entdeckte Brahms. Er studierte fasziniert die Demagogie deutscher Komiker, die Schroffheit deutscher Maler, die Umständlichkeit deutscher Schriftsteller. Er wollte unbedingt eine deutsche Frau, obwohl er wusste, dass er seine Beweggründe niemals würde endgültig erklären können. Er empfand die Tragik dieser Situation als sehr deutsch und berauschte sich an dem einstellenden Gefühl.

Mr Ryan Latell versieht seit fast zwei Wochen seine Aufsichts- und Begleitpflichten und hat sie immer weiter ausgedehnt. Das Au-pair from GDR. Der Erfüllung seiner Träume so nah. Übermorgen steht der Termin in der Klinik an. Jetzt will Mr Ryan Latell ein Abendkleid kaufen, ein Paar Schuhe und für sich einen Seidenschal. Er hat ein tolles Kleid ausgesucht.

In der Oper laufen in veilchenfarbene Wämser gekleidete tschechische Statisten mit Spießen bewaffnet über die Bühne und gründen das deutsche Reich. Es dauert zwanzig Minuten. Der Hauptsänger trägt eine Rüstung. Die will er abtun und die Hauptsängerin umarmen. Aber die Verschlüsse haben sich verhakt und beide zerren ungeduldig daran herum, während sie weitersingen. Als es ihnen endlich gelingt, den Panzer abzustreifen, schleudert sie ihn krachend in die Kulissen. Das Bühnenbild besteht hauptsächlich aus einer schiefen Ebene. Mr Ryan Latell ist entzückt, als er sieht, wie die Hauptsängerin über die Bühne wankt und immer erst kurz vor dem Orchestergraben zum Halten kommt. Mr Ryan Latell hält sich beim Lachen Mund und Nase mit seinen riesigen weißen Händen zu. Der Hauptsänger lässt seinen Helm fallen. Dieser trudelt die schiefe Ebene hinab und schlägt krachend in den Orchestergraben ein. Mr Ryan Latell hyperventiliert durch seine Finger hindurch. Aus seinen Augenwinkeln und Ohren entweicht Luft. Sein Speichel schlägt schleimige Blasen. Sabbernd und keuchend vor Begeisterung torkelt Mr Ryan Latell durch die Zuschauerreihe hinaus ins Foyer. Er brüllt und jubelt.

Das verschissene britische Empire mit seinem vorgeblichen Sinn für Komik und Exzentrik würde in tausend Jahren nicht annähernd Geniales erschaffen. Die Deutschen wüssten mehr von der Welt. Sie könnten hinter die Dinge schauen. Andere Völker bestimmten Rechtsanwälte zu ihren Anführern, Bauern, Lehrer, Banditen oder Schauspieler. Die Briten sogar einmal einen Busfahrer. Die Deutschen hatten ihr Schicksal in die Hände eines durchgeknallten Postkartenmalers gelegt. Wissentlich. Von ihm ließen sie sich die Zukunft aufmalen wie den Prospekt bei einer Operninszenierung in einem ihrer Provinztheater. Sie seien immer noch alle Romantiker, die um die Zukunft wüssten und glaubten, diese für die Welt zu entwickeln und zu verwalten. Das hätte jedoch nichts von dem johlenden angelsächsischen Optimismus, sondern die Würde eines ererbten Auftrages. Während er dieses aus sich herausredet, säubert Mr Ryan Latell auf der Damentoilette des Opernhauses seine äußere Erscheinung. Die nächsten zwanzig Minuten hat er einvernehmlichen Sex.

»Wenn ich aus der Klinik rauskomm, will ich ein Intimpiercing.«

Mr Ryan Latell küsst ein Augenlid.

»Was macht mein Sperma?«, fragt er die Erbin des Fluches.

Die Businessman auf Mr Ryan Latells Empfang sehen aus wie eine Klasse Abendschulabiturienten. Zuerst trinken sie Champagner. Mr Ryan Latell redet über Visionen, Kräfte und Märkte. Sie trinken Cognac. Mr Ryan Latell beschwört Synergien und verteilt Zigarren. Sie wechseln in einen Nebenraum und richten einen Pokertisch ein. Es wird Wodka ausgeschenkt. Mr Ryan Latell referiert über nationalsozialistische Propaganda und zitiert aus Parteitagsreden. Er verliert gegen ein Full House und flucht auf Russisch. Er versucht es mit Trashtalk.

Als Mr Ryan Latell von Schottland aus zu seiner Gentlemen’s Journey nach Ägypten mit der Fähre aufgebrochen war, hat er auf dem Weg nach Portugal sein gesamtes Geld im Bordkasino verspielt. In Lissabon schlug er sich als Lehrer durch, lernte Portugiesisch und Spanisch. Er stieg ein ins Immobiliengeschäft und wechselte an die Costa Brava. Er verzockte das Geld seiner Klienten und verdrückte sich in die Schweiz. Er wurde der Liebhaber und Dealer einer heroinsüchtigen Hotelerbin. Er geleitete sie zu ihrem Kloster in Thailand, reiste von dort für eine Hilfsorganisation mit einer französischen Fotocrew auf die Philippinen, sah, wie sich engagierte Fotografen in hemmungslose Pädophile verwandelten. In Manaus begann er wieder zu spielen und gewann. Mr Ryan Latell reiste zurück nach Europa und eröffnete sein Geschäft in Prag. Jetzt verspielt er das Geld seines fernen amerikanischen Freundes für eine Abtreibung, einen Klinikaufenthalt, großzügige Spesen und schlussendlich sein gesamtes eigenes Geld. Mr Ryan Latell kehrt zurück auf die Straße.

Er hat das ganze Geld verspielt. Als er anfing, sie auf Russisch zu beschimpfen, haben sie ihn verprügelt und in ein Auto gesetzt. Mich haben sie nicht für voll genommen und bis zum nächsten Morgen in Ruhe gelassen. Als ich meine Sachen aus dem Hotel holen wollte, waren die Zimmer geräumt. Den ganzen Tag habe ich im Hotelrestaurant verbracht und gewartet, ob er wieder auftauchen würde. Das letzte Geld investiere ich in einen Rieseneisbecher. Mein Ausweis und die Koffer sind weg. Ich habe keine Ahnung, wo die Klinik ist. Ich habe keine Ahnung, ob er zurückkommt. Ich bin zum Heulen müde. Nur das Säckchen mit dem Glücksgott ist mir geblieben. Die Serviererin behandelt mich wie den letzten Dreck. Beim Kassieren vergisst sie den Rieseneisbecher.

Vater und Mutter waren weit und die Zukunft ist ein Muskel, der sich schwer trainieren lässt. Die Erbin des Fluches versteckt sich hinter einem Rieseneisbecher.

Zitternd vor Angst und Kälte kauert das Däumelinchen im Straßengraben.

In der Klinik sind die Spiegel abmontiert. Niemand sollte sprechen. Die Menschen wollen sich entwickeln. Sie wollen essen und schlafen und ihre Medikamente. Dann versuchen sie einige Worte und fürchten sich. Sie sind in ihre Spiegel umgezogen. Sie leben jetzt hinter dem alten Scherben.

Die Serviererin hatte freudig lächelnd einen weiteren Rieseneisbecher auf den Tisch gestellt. Als sie die sich vergrößernde Lache zwischen den Füßen erblickte, rupfte sie sich das Entsetzen mit den Fingern aus der Kehle. Der Eisbecher musste umfallen. Die Hände flatterten. Die Stimmen gurrten.

»Blut ist im Schoß.«

Weiß wie Schnee. Die Täubchen wie die Schwestern. Kein Wort sprechen und bei jedem Schritt stechende Schmerzen. Die Träume sind Beweis genug.

Du erzählst also von dir, indem du es dir vorsagst, so als wäre alles schon einmal aufgeschrieben worden von jemand anderem. Du liegst und staunst und erzählst dich selbst. Du bist aufmerksam mit dir. Du beobachtest dich genau, damit dir nichts entgeht. Wie jetzt zum Beispiel, als du aus dem Krankenhausbett aufstehst und weißt, dass du aus dem Krankenhaus nur entwischen kannst, indem du dich in eine Märchenfigur verwandelst. Mit märchenaltem Mut. Wenn du nicht vor lauter Aufregung und Panik umkippen willst, musst du dir jeden Schritt erzählen, den du gehst, jedes Wort richtest du an dich selbst, als würdest du dir Briefe mit kleinen Befehlen schreiben, denen du, mühsam zwar, aber verbissen, gehorchst. Du folgst deinen Worten wie eine Märchenfigur den ausgestreuten Brotkrumen. Denn es fühlt sich nicht richtig an, dass du dein Kind hier entbindest.

Zitternd vor Angst und Kälte kauert das Däumelinchen immer noch im Straßengraben. Wenn sich nicht bald eine Mitfahrgelegenheit auftut, werden sie es wieder einfangen und zurück in die Klinik bringen. Die Abfolge der Ereignisse bringt sie immer wieder durcheinander.

DÄUMELINCHENUNDDIEPRINZESSINAUFDERERBSE ODER DOCH DAS DÄUMELINCHEN

Die Klinikflure entlang tastete sich eine Frau, die Erbin eines Fluches, von zwölf oder 23 Jahren – weiß sie gerade nicht, weil sie träumt. Sie hat viel gelesen oder ferngesehen die letzten Wochen. Sie spricht nicht. Eine der Patientinnen hat ihr gesagt, sie hätten die Prinzessinnenkrankheit. Sie verstand die fremden Worte nicht. Sie erfand darin die Aufforderung, in den Wald zu laufen. Sie hat es wohl getan. Warum wäre sie sonst hier?

Jetzt träumt sie also:

Der Morgenwind fängt sich in den Vorhängen. Die Gardinen wölben sich rasselnd die … die anderen Morgengeräusche überdeckend und wieder freigebend, so dass nur fetzenweise Vogelgezwitscher, Verkehrsgeräusche und eilige Schritte auf dem blanken Pflaster in mein Zimmer dringen. Die Familie zelebriert das übliche morgendlich muntere Gerangel. Der Bruder muss gewaschen werden. Alle Geräusche kann ich zuordnen, jedes Türenklappen, jeder Schritt – geschlurft oder von einem morgendlichen Gähnen verzögert, schweigendes Aneinander bis zum Frühstück. Worte fehlen, dafür setzen die Geräusche um so kreischendere Marken. Was für ein schöner Morgen, was für ein herrlicher Morgen! – jemand bringt eine Kreissäge in Gang, und ich muss weit ausholen, um meinen Herzschlag wieder einzusammeln. Er lässt die Stäubchen rhythmisch erzittern, die in den Sonnenstrahlen aufglitzern, wenn der Wind die Vorhänge hochbläht. Er rüttelt an meinem Bettgestell und bricht sich in den Winkeln und Ecken meines Zimmers. Er lässt das Dimmerlicht am Lichtschalter flackern und zerhackt das gleichmäßige Summen der auf Stand-by geschalteten Anlage. Gleich soll ich geweckt und zum gemeinsamen Frühstück angehalten werden. Mir fehlt nichts. Wahrscheinlich werde ich ein frisch aufgebackenes Brötchen mit selbstgemachter Marmelade bestreichen, die Butter ist zu hart, einige mühsam gewonnene Flocken ragen wie tückische Eisberge aus der rotklebrigen Fruchtmasse. Ich reiße mich sehr zusammen und beiße ab, lege mit der Zunge den knotigen Brei an den Gaumen und schlucke ohne zu kauen. Es gibt Früchtetee, Saft, Milch und Kaffee. Eigelb schmilzt über die Lippen und es riecht nach Schwefel. Ein Besteck fällt zu Boden, kommentarreich wird ein Lappen geholt und über die Bodenfliesen gewischt, auch das Messer wird abgewischt. Ein paar Flusen bleiben in der Säge hängen und werden bald darauf in Brotaufstrich getunkt. Die Pflanzen haben wieder kein Wasser und schnell nebenbei werden sie gegossen unter einigem routiniertem Kopfschütteln. Fast ausgetrocknet in ihren Tontöpfen unter den buntbemalten Übertöpfen, eine spröde weiße Kruste will das Eindringen des Wassers verhindern. So wie es aussieht, haben die Wurzeln die engen Behältnisse fest ausgefüllt und wollen umgetopft werden. Hartnäckige Zeichen, unduldsam. Genügsame Forderung: Wasser, Licht, Wärme, Raum. Einfache Forderungen. Ein Haar fällt aus meinem Pony, ich schlage unwillkürlich mit den Lidern und es bleibt an meinen Wangenknochen kleben. Ich will es bei mir behalten, die Gesetze der Schwerkraft und der Biologie ausschalten und es an seinen alten Platz zurücklocken. Ganz vorsichtig schiebe ich den Kiefer vor, versuche es in der Horizontalen zu sichern und spreche einige Beschwörungsformeln. Ich muss hastiger blinzeln und schließlich fällt es doch zu Boden, trotzt allen meinen Bemühungen. Erschrocken und ein wenig blind von der Anstrengung. Hartnäckige Zeichen, einfache Forderungen. Mir fehlt nichts. Die Kreissäge kreischt erbärmlich. Wie leicht kann ein Körperteil in so eine Maschine geraten. Es reißt das Holz ohne Probleme mitten durch. Die Schreie würde man bis hier hören, meine Schreie … und Straßenbahnen, wie sie sich kantig um die Kurve schlagen, die Stahlräder dicht auf die Schienen gepresst, kein Atemzug, kein Haar bleibt dazwischen. Wo ist mein Haar? Manchmal ist es wie jeden Tag Weihnachten.

immer finden.

schön sagen,

schön aufsagen,

immer aufsagen,

immer aufsagen auffinden,

Gedicht aufsagen,

schön finden aufsagen,

immer sagen aufsagen,

schön finden,

Gedicht aufsagen schön finden sagen sollen immer sollen schön sagen auffinden

aufsagen schön sollen immer sagen

»JA!«

und denken,

schön finden Gedicht aufsagen sollen

und denken

»Jasagen«.

Wenn man ohne Träumen aufwacht, ist es vor den Augen undurchsichtig weiß – wie Milch. Reiben und scheuern mit den Handrücken die Augen. Träume sind schwarz und tief durchsichtig.

Mit meinen Handrücken an die Augen pressen. Viele kleine Lichtexplosionen. Aber immer nur wie explodierendes Schwarz, weil man sich sofort nicht mehr an die Farben erinnern kann und an die Formen und Gestalten. Ich habe einmal versucht, mir ein paar Figuren zu merken, aber sie lösten sich immer so schnell wieder auf, dass ich gar keine Zeit haben konnte, alles richtig zu erkennen. Und ich war mir auch schnell nicht mehr sicher, ob die Flecken nun einem Rehbock oder eher einem Sattelschlepper ähneln sollten.

Ich mag Tiere nicht. Tiere leben nicht. Sie können nicht reden, denken, und nicht richtig Spaß machen. Höchstens rumrennen oder springen. Nichts mit den Händen machen, außer die Affen. Schon die ganz Kleinen, wenn die da immer so süß an den Müttern anklammern. Aber ich mag Tiere trotzdem nicht. Einmal haben meine Freundin und ich uns Mäuse gekauft und Nagellack auf den Rücken geschmiert und im Klamottenladen angezündet. Die sind da total durch den Laden geflitzt und einer von den Klamottenständern hat auch richtig geil angefangen zu brennen. War auch’n Geschäft mit Prollsachen. Echt grüne Flammen. Ich kauf ja da auch nicht ein. Aber die haben mich trotzdem wiedererkannt und ich durfte hier zu Hause aber das Heulen spielen. Ich war ja immer das total brave Mädchen und dann das … Haben mich immerzu nur angeguckt und sind um mich rumgeschlichen. Sogar zur Schulpsychologin musste ich. Aber da haben mir die andern nur geraten, ich soll was von Druck erzählen und gleich mal eine kurze Theorie ablassen, warum die »Jugend so gewalttätig« ist, und dass ich mit meiner Aggressivität nicht klarkomme, dass ich manchmal mir vorstelle, meine Eltern wären tot und ich im Heim, was wohl besser wäre. Und vor lauter Manipulieren und Rumarschen weiß bald keiner mehr, worum es eigentlich geht, aber sie haben genug Zeug, um ihren Bericht zu schreiben, und hast sie schön verarscht und kommt nichts nach. Für manche ist das echt ein Spiel. Vorher sich irgendwelche Neurosen zulegen und geil erklären können und dann ein Ding nach dem andern drehen. Man kommt da fast immer mit durch, und am besten jedem was anderes erzählen, dass die andern dann nachher nicht mehr wissen, was noch stimmt.

War aber doch nicht so gut, war ziemlich ätzend. Die war ziemlich clever und hat immer dumme Fragen gestellt. Und dann habe ich mich geschämt, weil sie dann vielleicht noch mit meinen Eltern spricht und die lesen den ganzen Quatsch und glauben das dann irgendwie. Da kann ich zu Hause ja keinen Furz mehr lassen, ohne gleich analysiert zu werden. Eigentlich will ich nur in Ruhe gelassen werden. Ich hab mein Zimmer, meinen oberen Bereich, und da kann ich machen, was ich will. Das wäre geil.

Und nach dem Frühstück familien wir uns fein und gehen spazieren. »Was für ein schöner Morgen was für ein herrlicher Morgen!« Kampfbahnblau der Himmel nimmt ihn der Morgen in die Zange und auf den Wegen in den Parken werden sie jetzt zertreten, die armen Nacktschnecken und die kleinen Frösche, werden jetzt zerquetscht die Mücken vom Vater-Mutter-Kind-Monster. KRIEG splittern die kleinen Geschosse in das Unterholz, die kleinen Karabiner und Torpedos umgehängt die Kinder, und zielen und schießen, heulendes Gemetzel die Wipfel im Springkraut, Blut, grünes Blut, riecht es und klebt (unter den Fingernägeln/in Rillen der Fingerkuppen) mit einem Peitschenstock in das Geblätter und Knüppel an die Baumstämme, umknicken ein kleinen Baum vom Stiel abdrehen, bis die gelben Stränge einer nach dem andern reißen, das Zerfranste (Ende) in den Waldboden stopfen und gegen die großen Rindennarben an einem Baumstamm treten, bis die Rinde zermatscht/aufbricht, und spitze Steine aus Hüfte werfen ganz flach über den Boden scharf auf die Pilze, und große Steine über einen Busch rollen ganz flach drücken bis in die Mitte, würgen/drehen an einem kleinen Baum, dass die Wurzel schon zu sehen ist, und darauf herumtrampeln und die Pike dagegensetzen. KRIEG. mit den rauen Sohlen unter den Schuhen an der Rinde scheuern und es riecht wie Blut, wie grünes Blut, tritt aus den Schlitzen, Knicken, ausgefransten Enden, Blattstielen, Gelenken, Rissen, Spalten ein Astgabel bis auf den Boden aufgetrennt, in der Mitte das Mark, ein bisschen körnig, vielleicht das Gehirn, das krümelige Gedächtnis aufgedeckt, freigelegt, auskratzen, höhlen, weg wegschnellen lassen eine Baumkrone, klettern bis in die Spitze klettern und heruntersinken, dann wegschnellen lassen, wenn der Stamm schreit und ächzt und nicht ganz zurück will, wie steif und Rheuma, dumm – alte Bäume KRIEG Knorpel, wie die Blütenblätter vom Stempel rupfen – das Geräusch –, den Stempel zerquetschen und an den Händen das Löwenzahnblut, klebrig und braun, die Stiele auffächern verknoten – ein Blütenkranz? – flechten die lange Kette ganz eng die Blüten zusammen, dass nicht mehr Hindurchsehen geht, an einen Stock und wie mit einer Peitsche in den Sand, dass es staubt, die Blumen ganz staubig, bewerfen mit Sand aus der Pfütze und wie die Blätter sich biegen, wenn die Modder dran festklebt KRIEG mit der Pike den Rasen aufwühlen, die Hacken ins Moos und heulen und schreien und tanzen dazu »KRIEG!« eindreschen auf die Blätter TSAAA!! fangen an zu bluten, gründlich und dunkelgrün und die ganz matschig an den Stielen und welk TSAAA!! ein Loch in ein Blatt, und langsam an der Rippe entlang, Skelettblätter, vorsichtig, das Blattfleisch krallt sich an, an den Stiel, an die Rippen, mit zusammengedrückten Fingernägeln, blutgrün riecht es, ich rieche unter den Fingernägeln, so viele Blätter in den Bäumen, die Blätter am Baum, das würde aussehen, der ganze Baum mit Skelettblätter schon wenn sie wachsen, die andern Bäume würden sagen: »Du armer Baum!«, aber können nichts dagegen machen, weil ja jeden Tag kommen die Familien. »Nein, ich will nicht! Ich will mich nicht familien!«, schreit der Baum, »aber ich kann mich nicht wehren. Sie kommen zu mir und ich muss ganz still aushalten, wenn sie mich ziepen.«

Die Krebsbarbie von Verkäuferin hat voll den Horror geschmeckt. Und es war wie in meinem Traum. Erst die Mäuse mit Nagellack beschmiert, angezündet und im Laden laufen lassen. Ich hatte das mal geträumt. Ich mag Tiere nicht. Und die Krebsbarbie hat geheult. Immer die Schminke verwischt und das Gesicht total, hat sie ausgesehen wie Batman forever! Die eingeschnürten Titten immer gewackelt, und in ihrer glänzenden Hose rumgenässt, als wenn das lila Brennmäuschen ihre Muschi leckt. Plink, Plink, die Wimpern und hach! das Goldkettchen am Knöchel. Echt die totale Kalorienverschwendung. Überhaupt die Haare … wenn du da durchstreicheln willst, bleibst du bestimmt kleben, wie im Fliegenfänger, und wirst dann reingesogen. Der Lockentod! Qualvoll erstickt in einer Schafsfrisur. Kissengesicht! Und dann hat die geheult. Könnte sie echt mit in jeder Bindenwerbung auftreten. Vor allem die Frisur. Und alle natürlich gleich besorgt und so geil auf antatschen. Und so wollte sie das echt bloß. Na schönen Dank auch, so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Nur bisschen Spaß und dann weg. Und jetzt geht das hier immer weiter. Kissengesicht, die kann sich echt die Falten glattstreichen. Früher hätt’ ich das nicht gebracht, aber inzwischen bin ich ziemlich cool. Das kann man von den Jungs lernen, die haben das viel einfacher, cool zu sein.