Books & Coffee - An Wunder muss man glauben - Ella Lindberg - E-Book

Books & Coffee - An Wunder muss man glauben E-Book

Ella Lindberg

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Beschreibung

Manchmal muss ein Traum zerplatzen, damit man nach seinem wahren Glück greifen kann ... Ein warmherziger und hoffnungsvoller Wohlfühlroman um Neuanfänge und Freundschaft, Kaffeeduft und den Zauber, der zwischen zwei Buchdeckeln liegt! Mit 28 Jahren ist Emilia da, wo sie nie mehr sein wollte: zurück in ihrer Heimatstadt, im alten Kinderzimmer, mit geplatzten Schauspielträumen im Gepäck. Doch im gemütlichen Café Zuckerzeit eröffnet sich für sie eine unerwartete Chance. Zusammen mit ihrer ehemaligen Mitschülerin Lucy gründet sie einen Buchclub und entdeckt ihre Leidenschaft für Geschichten wieder. Als ihr Exfreund Markus auftaucht und ihre Vergangenheit sie einholt, steht ausgerechnet Florian, Lucys einst so nerviger kleiner Bruder, ihr zur Seite. Zwischen dampfenden Kaffeetassen und geflüsterten Geheimnissen lernt Emilia, dass auch im echten Leben ein Ende stets einen neuen Anfang mit sich bringt und die besten Geschichten möglicherweise dort beginnen, wo man es am wenigsten erwartet. Ein humorvoller Liebesroman für alle, die Bücher und Kuchen lieben! Ella Lindbergs neue Feelgood-Reihe wird die Leser*innen von Julie Caplin, Katharina Herzog und Manuela Inusa begeistern. Weitere Romane zum Wohlfühlen und Verlieben von Ella Lindberg: - Das Leben braucht mehr Schokoguss - Du bringst mein Chaos durcheinander - Books & Coffee – Das Beste liegt immer vor uns

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Seitenzahl: 291

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Ella Lindberg

Books & Coffee

An Wunder muss man glauben

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Vielleicht wartet dein wahres Glück genau hier …

 

Mit 28 Jahren ist Emilia da, wo sie nie mehr sein wollte: zurück in ihrer Heimatstadt, im alten Kinderzimmer, mit geplatzten Schauspielträumen im Gepäck. Doch im gemütlichen Café Zuckerzeit eröffnet sich für sie eine unerwartete Chance. Zusammen mit ihrer ehemaligen Mitschülerin Lucy gründet sie einen Buchclub und entdeckt ihre Leidenschaft für Geschichten wieder.

Als ihr Exfreund Markus auftaucht und ihre Vergangenheit sie einholt, steht ausgerechnet Florian, Lucys einst so nerviger kleiner Bruder, ihr zur Seite. Zwischen dampfenden Kaffeetassen und geflüsterten Geheimnissen lernt Emilia, dass auch im echten Leben ein Ende stets einen neuen Anfang mit sich bringt und die besten Geschichten möglicherweise dort beginnen, wo man es am wenigsten erwartet.

 

Ein Liebesroman voller Wärme und Humor für alle, die Bücher, Kuchen und ihre besten Freund*innen lieben!

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de

Inhaltsübersicht

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Weltbester Kürbiskuchen

Danksagung

Zitatnachweis

 

 

 

 

Ein Buch, das es nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden, ist es auch nicht wert, einmal gelesen zu werden.

 

<3 Für meine allerliebste Cousine Sigrun <3

Wir werden noch tausendmal zusammen Kaffee trinken und über Bücher reden. Deine M.

Kapitel 1

Emilia sah den Zug am Kölner Hauptbahnhof schon auf dem Gleis stehen und rannte die letzten Meter, wobei ihre große Reisetasche ihr schwer gegen die Beine schlug. Hektisch hämmerte sie gegen den Türöffnungsknopf, bis die Türen sich langsam und quietschend öffneten und sie doch noch einließen. Keuchend erklomm sie die drei Stufen und lehnte sich aufatmend gegen die Wand der Toilettenkabine. Sie hatte es geschafft! Sie lockerte den Griff ihrer rechten Hand und ließ die schwere Tasche auf den Boden gleiten. Dann wartete sie auf das Ruckeln des Zuges, der sich in Bewegung setzte, aber nichts geschah.

»Wir haben noch zehn Minuten«, sagte ein älterer Mann spöttisch, der gerade seelenruhig die Stufen hinaufstieg. »Die jungen Leute heutzutage haben es immer so eilig.«

»Oh«, sagte sie. »Tut mir leid.«

Er sah sie verständnislos an. Wofür denn, stand in seinem Blick. Emilia beschloss, dass jede weitere Antwort es nur schlimmer machen würde, und machte sich auf die Suche nach ihrem Platz.

Kaum hatte sie sich aus dem Mantel gepellt und ihr Handy ans Ladekabel gestöpselt, klopfte ihr jemand auf die Schulter. »Entschuldigung, das ist mein Platz.«

Der Spötter von vorhin.

»Das kann nicht sein, ich habe hier reserviert«, erklärte sie und zückte ihr Ticket.

»Das habe ich allerdings auch, junge Dame!« Gleiche Nummer, gleicher Wagen, gleiche Zeit.

Die Bahnbegleiterin wurde gerufen, sah kurz auf beide Tickets, runzelte die Stirn und erklärte dann ohne jeglichen Anflug eines Lächelns, dass es sich um einen Systemfehler handele. »Da müssen wir wohl improvisieren.«

Was bedeutete, dass der Mann bleiben durfte, während Emilia aufstehen und sich irgendwo hinsetzen musste, wo noch frei war.

Sie ließ sich in einen freien Sitz am Fenster fallen und schloss für einen Moment die Augen, als der Zug anfuhr.

»Fahren Sie auch bis Nürnberg?« Eine fröhliche Frauenstimme ließ sie zusammenzucken.

Emilia öffnete die Augen. Neben ihr stand eine Frau Mitte fünfzig mit energischem Kurzhaarschnitt, einem kunterbunten Schal und einer Thermoskanne in der Hand.

»Äh … ja«, sagte Emilia. Bitte nicht die Nächste, die mich verscheucht! Aber die Frau setzte sich nur direkt neben sie und klappte das Tischchen vor sich aus.

»Ach, wie schön. Ich bin die Renate. Ich fahr zu meiner Tochter. Die wohnt nämlich in Nürnberg, sie arbeitet da bei der Versicherung, hat’s ganz gut getroffen. Und Sie? Besuch bei der Familie?« Renate stellte ihre Thermoskanne auf den Tisch und schraubte den Deckel ab.

Emilia zwang sich zu einem Lächeln. »Ja, genau. Besuch bei den Eltern.«

»Ach, wie nett. Und was machen Sie so beruflich?« Sie goss den heißen Tee erstaunlich zügig ein.

Emilia schluckte. »Ich … äh … arbeite beim Fernsehen.« Der Plastikbecher war mittlerweile gefährlich voll.

»Beim Fernsehen! Das ist ja aufregend! Was machen Sie denn da? Regie, Kamera, oder sind Sie vor der Kamera?«

»Vor der Kamera«, sagte Emilia automatisch. »Ist der Becher nicht etwas zu voll?«

»Ach, Wahnsinn! In welcher Serie denn? Vielleicht kenn ich sie ja!« Bei jedem Ruckeln des Zuges schwappte der Tee gefährlich nah an den Rand.

Emilia spürte, wie ihr Magen sich verkrampfte. Verdammt.

»Das ist eher so ein Nischending. Läuft nur im Pay-TV.«

»Oh, Sie meinen Erotik? Na, das ist doch nichts Schlimmes mehr heutzutage. Wer kann, der kann, sag ich immer.«

Sie beugte sich vertraulich zu Emilia hinüber und flüsterte: »Wenn’s das zu meinen Zeiten schon gegeben hätte, hätte ich das auch gemacht. Ein bisschen chatten, ein bisschen was vor der Kamera zeigen, und schwuppdiwupp haben sich die jungen Mädels ein Einfamilienhaus verdient.«

»Nein, also so was mach ich gar nicht!«, sagte Emilia schockiert.

»Muss Ihnen nicht peinlich sein. Eine Frau sollte ihre wenigen guten Jahre ausnutzen und sie so gut wie möglich zu Geld machen.« Renate lächelte versonnen.

»Also, da haben Sie mich falsch verstanden. Ich bin eine richtige Schauspielerin.«

»Was heißt denn richtig? Meinen Sie etwa am Staatstheater?«

»Nein, das nicht, aber ich habe eine solide Schauspielausbildung gemacht und –«

»Und was haben Sie dann so gespielt? Ophelia, die Julia, Eurydike?«

»Nein. Kurzfilme, eine Nebenrolle in einer Serie …«

»Und da leisten Sie sich so einen Dünkel? Sich selbst eine richtige Schauspielerin nennen und auf andere Darstellerinnen heruntergucken, die auch nur ihren Job machen?«

»Nein, so meinte ich das nicht.«

»Ich weiß ja nicht. Was haben Sie denn vorzuweisen bisher in Ihrer Karriere?«

Emilia sah sie erschrocken an. Wieso stellte ihr eine wildfremde Frau diese schrecklichen Fragen?

»Ich habe die Bühnenreife gemacht, ich bin bei einer renommierten Agentur, ich habe, na ja, hatte, eine Rolle in Luxus und Lügen, aber die wurde letzte Woche abgesetzt …«

»Na, das ist ja noch nicht viel, wenn ich das so anmerken darf.«

Dürfen Sie nicht, schrie Emilia innerlich, aber sie war zu gut erzogen, um so etwas laut zu sagen. Außerdem nahm die Frau in diesem Moment einen Schluck aus ihrem Plastikbecher und spuckte ihn prustend zurück.

»Aua, das ist ja viel zu heiß!« Die Teetröpfchen landeten nicht nur in ihrem Becher, sondern auch auf dem Tischchen und Emilias Schoß. Emilia schloss die Augen. Bitte lass es schnell vorübergehen.

Aber sie hatte noch vier Stunden vor sich …

Na gut, wenigstens hatte sie ihr Buch – Moment! Nein. Natürlich nicht. Hektisch wühlte sie in ihrem Rucksack. Nichts. Weder Buch noch Kopfhörer. Das Buch musste in der Reisetasche sein, und die war eingeklemmt zwischen ihrer Sitzreihe und der dahinter. Unmöglich, an der Tee speienden Renate vorbeizukommen, um es herauszuholen.

»Und haben Sie auch einen Freund? Erzählen Sie doch mal.«

»Ähm, ja. Alles super.«

In Gedanken spielte sie die letzte Begegnung mit Gregor durch. Sie in weißer Spitzenunterwäsche auf seinem Sofa, auf dem Tisch Kerzen und sein Lieblingsessen vom Inder. Sie hatte sich Mühe gegeben. Absurd viel Mühe, wenn sie jetzt so darüber nachdachte. Wie eine peinlich verliebte Version ihrer selbst. Gregor war hastig hineingekommen, hatte sie kaum richtig angesehen und sie gebeten, sofort zu verschwinden.

»Wie bitte? Wo soll ich denn hin?« Sie zog sich eine dünne Wolldecke über die Beine.

»In deine WG, was weiß ich. Ines kommt jeden Augenblick.«

»Ines? Deine Ex-Frau?«

Er sah sie schwer atmend an.

»Formal betrachtet ist sie immer noch meine Ehefrau. Ich kann ihr den Zutritt zu dieser Wohnung nicht verwehren. Sie kommt heute von ihrer Reha zurück.«

Sie versuchte, seinen Gesichtsausdruck zu deuten. Da war nichts – kein Mitgefühl, keine Unsicherheit, nur blanke Hektik.

»Ich dachte, sie wäre ausgezogen?«

»Natürlich ist sie ausgezogen, aber jetzt will sie offenbar wieder einziehen, was soll ich denn machen?«

»Aber ich wohne hier. Wir wohnen hier zusammen, das sieht man doch.« Sie deutete auf das Sideboard, auf dem sich ihre Bücher, ihr Laptop und ihre Cremes stapelten.

»Da hast du recht, das ist ungünstig. Wie schnell kannst du das entfernen?«

In ihr kippte etwas. Als hätte jemand einen inneren Schalter umgelegt.

Sie stand auf und wickelte sich die Wolldecke wie ein Kleid um den Körper. Die Wut hielt sie warm. »Ich entferne hier gar nichts, verdammt. Ich bin hier eingezogen, weil du mich darum gebeten hast. Ich habe sogar Nebenkosten gezahlt. Es interessiert mich nicht, was für ein krankes Spiel deine Ex-Frau hier treibt.«

»Aber sie ist psychisch labil, sie verkraftet den Gedanken nicht, dass ich sie so schnell ersetzt habe, sagt ihr Psychologe. Der hat mich extra aus der Klinik angerufen.«

Gregor sah sie bekümmert an. Als verdiente er einen Preis für seine Empathie.

»Inwiefern bin ich für die psychische Gesundheit deiner Ex-Frau verantwortlich? Was ist mit meiner psychischen Gesundheit?«

Er zuckte nicht einmal mit der Wimper. Und sie begriff: Das hier war kein Unfall, kein unglückliches Missverständnis, sondern ein kalkulierter Rausschmiss.

Am Ende hatte sie resigniert, sich angezogen und ihre Sachen zusammengesucht. Mit jeder zusammengeknüllten Socke wurde ihr klarer, wie schäbig das alles war. Und wie dämlich sie selbst, dass sie so viel Hoffnung in diese Beziehung gesteckt hatte.

Als sie gerade ein Taxi rufen wollte, hielt Gregor sie auf.

»Warte, ihr Zug hat eine Stunde Verspätung, Gott sei Dank. Dann haben wir noch Zeit für ein klärendes Gespräch.«

Sie drehte sich um.

»Was für ein Gespräch willst du jetzt bitte noch führen?«

»Ich will einfach vernünftig mit dir reden.«

Sie lachte, hohl und zu laut. »Alles, was mit Vernunft zu tun hat, hast du offensichtlich weit hinter dir gelassen.«

»Komm schon, Emmi. Ein letztes klärendes Gespräch, das bin ich dir schuldig.«

»Weißt du was? Lass es einfach! Es interessiert mich nicht mehr.«

Das war natürlich eine Lüge, aber sie wollte ihm nicht die Genugtuung geben, vor ihm zu weinen.

 

»Hallo, Fräuleinchen!« Renate schnipste vor Emilias Gesicht mit den Fingern und riss sie aus ihren Gedanken.

»Ob Sie wohl mal kurz meinen Becher halten könnten, damit ich den Abort aufsuchen kann?«

Wenigstens hatte Renate inzwischen ein paar Schlucke abgetrunken. Verkrampft hielt Emilia den Becher fest und zählte die Sekunden, bis Renate zurückkam.

»Eine längere Geschichte, wissen Sie, seit meiner Operation–«

Emilia unterbrach sie, indem sie ihr demonstrativ den Becher entgegenstreckte. »Hier, bitte schön. Ist inzwischen auch abgekühlt.«

»Oh, das haben wir gleich!« Schwungvoll goss Renate heißen Tee nach, wieder bis zur Oberkante. »Eine Spezialmischung meiner Tante, die vertreibt Kummer und Sorgen.«

Emilia nickte und lächelte angestrengt.

»Meine Tante, die muss Sie nur einmal ansehen und weiß gleich, was Ihnen fehlt.«

Emilia presste die Lippen aufeinander. Ob die Tante auch gleich merken würde, was ihr fehlte – ein Job, ein Freund und zu allem Überfluss auch noch eine Wohnung? Sie musste an ihre allzu zahlreichen Tanten denken, denen sie morgen auf der Silberhochzeit begegnen würde. Ob die auch sofort merken würden, was mit ihr los war? Hoffentlich nicht.

Ihre Mitbewohner hatten gestern Abend zumindest nicht bemerkt, wie es ihr ging, als sie nach dem Rauswurf bei Gregor in die WG zurückgekehrt war.

Nachdem das Taxi sie abgesetzt hatte, während sie den Schlüssel aus ihrer Handtasche fummelte, waren ihr die Briefkastenschilder aufgefallen. Offenbar waren mehrere neue Mieter eingezogen, wie die zahlreichen Aufkleber mit winzigen Namenszügen zeigten. Nun gut, sie war längere Zeit nicht mehr hier gewesen, das musste sie zugeben.

Als sie mit ihrem Gepäck endlich in der Wohnung im zweiten Stock ankam, keuchte sie. Zum Glück war Licht in der Küche. Sie sehnte sich nach einem freundlichen Menschen. Mayo und Lisann saßen am Küchentisch und öffneten irgendwelche Briefe.

»Emilia. Gut, dass du kommst.« Na, das war ja mal eine nette Begrüßung. Es stand sogar ein Topf Suppe auf dem Herd, und in der Küche duftete es fantastisch.

»Ich freu mich auch, euch zu sehen!« Sie meinte es ernst. Klar, manchmal waren ihr ihre Mitbewohner mit ihrem Gekicher und ihrer demonstrativ zur Schau gestellten Pärcheneinheit auf den Keks gegangen, aber im Grunde waren es doch sehr liebe, freundliche Menschen.

»Ich komm sofort, ich stell nur kurz das Gepäck in mein Zimmer.«

»Äh, ja, warte mal. Was dein Zimmer betrifft …«

Emilia drückte gegen die Tür, aber die gab nicht nach. Sie hatte doch nicht abgeschlossen?

Mit aller Kraft drückte sie erneut dagegen, und dieses Mal ließ sich die Tür ein paar Zentimeter weit öffnen. Entschlossen drückte sie weiter, bis die Tür mit einem lauten Krachen nachgab. Offenbar war im Zimmer etwas umgefallen. Emilia schob sich durch den Türspalt und sah sich entgeistert um. Überall standen und lagen Briefe und Pakete.

»Was ist denn hier los? Was habt ihr mit meinem Zimmer gemacht?«

»Wir wussten doch nicht, dass du heute kommst!«, sagte Lisann. »Das ist unser neues Start-up.«

»Wollt ihr eine Postfiliale eröffnen?«

»Eigentlich sollte es nur ein Impressumsservice sein. Für Autoren, die ihre Adresse geheim halten wollen. Das ist ein super Geschäftsmodell, man muss nur ihre Post annehmen, sie einscannen und ihnen per Mail schicken. Dafür kriegt man zehn Euro pro Monat, da brauchen wir nur …«

»… zweihundert Kunden, und dann müssen wir nicht mehr arbeiten«, ergänzte Mayo glücklich.

»Und wie wollt ihr da den Überblick behalten?«, fragte Emilia.

Mayo sah sie verständnislos an.

»Wer macht die Buchhaltung?«

»Welche Buchhaltung? Ich scanne die Briefe ein, und Mayo verschickt die Mails. Guck mal, wir haben uns sogar eine eigene Website eingerichtet.« Lisann lotste Emilia zurück in die Küche zu ihrem aufgeklappten Laptop.

Seufzend ließ Emilia sich auf einen der Küchenstühle sinken. Die Website sah überraschend professionell aus, aber eigentlich interessierte sich Emilia mehr für ihren knurrenden Magen.

»Kann ich was von der Suppe haben?«, fragte sie.

»Oh, die ist schon leer. Wir erhitzen den Topf nur mit etwas Wasser, damit sich die Reste besser lösen.«

O Mann, ernsthaft? Emilia sah sich suchend in der Küche um. »Gibt es sonst noch irgendwas zu essen?«

»Du kannst den Rest vom Baguette haben«, sagte Lisann großzügig. Der Rest war ein eingetrockneter Knust, zu dem es nur abgelaufene Kräuterbutter gab. Die Geschäfte hatten leider schon geschlossen.

»Aber wo kommen die ganzen Pakete her?«

»Na ja, wir haben nicht explizit dazugeschrieben, dass es nur für Autoren gilt, das hätten wir vielleicht tun sollen. Jetzt haben ein paar Leute die Adresse benutzt, um sich, na ja, Sachen zuschicken zu lassen, die sie zu Hause nicht empfangen wollen.«

»Was denn für Sachen?«

»Hauptsächlich Sexspielzeug«, sagte Lisann leichthin. »Aber auch Kleidungsstücke, Hygieneartikel, Zeitschriften und Spielzeug. Und Cannabis, aber ganz legal von einer Apotheke.«

»Gestern kam ein Thermomix, originalverpackt. Wir hoffen, der wird bald abgeholt«, ergänzte Mayo. »Oder nie, damit wir ihn behalten können.«

»Moment mal, die Leute holen das alles persönlich ab?«

»Ja, nach und nach, wenn sie eben Zeit haben. Deshalb brauchen wir erst mal ein Lager.«

»Und dafür habt ihr mein Zimmer genommen?«

»Besser hätte ich es nicht zusammenfassen können«, sagte Mayo.

»Aber wo soll ich jetzt schlafen?«, fragte Emilia entrüstet. »Ihr müsst das sofort stoppen, das wird doch immer mehr!«

»Ja, mein Zimmer ist leider auch schon voll«, sagte Mayo bekümmert. »Bei Lisann ist noch Platz, da schlafen wir.«

»Ich werde nicht mit euch bei Lisann schlafen«, zischte Emilia.

»Nee, das wollen wir auch gar nicht!«, sagte Lisann.

»Wie wäre es mit der Badewanne?«, schlug Mayo vor.

»Na gut. Kannst du mir wenigstens mein Bettzeug aus dem Zimmer holen?«

»In weiser Voraussicht habe ich schon mal die wichtigsten Sachen aus deinem Zimmer gerettet.«

»Oh, und wo sind die?«

Lisann führte sie zu der Abstellkammer am Ende des Flurs. Auf dem mittleren Brett lagen ein Stapel leerer Notizbücher, ein Glas voller Muscheln und zwei Ladegeräte, die sie nicht zuordnen konnte.

»Das sind die wichtigsten Sachen? Was ist mit meinem Kopfkissen? Und wo sind meine Bücher?«

»Schwierig.« Mayo neigte sinnend seinen Kopf.

Emilia hätte ihn gern geschüttelt, aber ihr fehlte die Energie. »Und wann macht ihr mein Zimmer wieder frei?«

»Ja, darüber wollten wir eben mit dir reden. Wir müssen dir leider kündigen. Dein Zimmer bringt ohne dich viel mehr ein.«

»Aber ich habe einen Mietvertrag!«

»Stimmt, aber der geht nur noch bis Mitte Juni«, sagte Lisann. »Und wenn du bereit bist, früher auszuziehen, erlassen wir dir auch die Miete für den letzten Monat.«

»Wie jetzt, wenn ich hier nicht mehr wohne, muss ich auch nicht mehr dafür bezahlen? Wie überaus großzügig!«, schnaubte sie.

»Finden wir auch.« Lisann lächelte Emilia großmütig an.

»Aber ich brauche mein Zimmer! Ich bin nicht mehr … ich meine … ich kann nicht mehr bei Gregor wohnen.«

»Dann geh doch ins Hotel, du bist doch jetzt ein Filmstar!«, warf Mayo ein.

»Das kann ich mir nicht leisten. Die Rolle wurde rausgeschrieben.«

»Und wieso kannst du nicht mehr bei deinem ach so tollen Gregor wohnen?«, fragte Lisann.

Emilia schüttelte den Kopf. »Zu Ende, Gelände.« Sie blinzelte. Sie würde nicht wegen Gregor weinen, jedenfalls nicht vor ihren dämlichen Mitbewohnern. Dann fiel ihr etwas ein. »Ich muss an meinen Kleiderschrank! Morgen fahre ich zu meinen Eltern, zu einer Familienfeier … Ach, scheiße!«

Ohne darauf einzugehen, sagte Lisann: »Du kannst im Flur schlafen. Ich könnte dir meine Isomatte geben.«

Resigniert willigte Emilia ein, sie war viel zu müde, um noch weiter zu diskutieren. Zweimal an einem Tag hinausgeworfen zu werden, war eindeutig zu viel.

Nach einer mehr oder weniger schlaflosen Nacht hatte Emilia am nächsten Morgen ihre Sachen in den Koffer geworfen. An die hübschen Sommerkleider in ihrem Schrank war sie natürlich nicht herangekommen, aber unter ihren hastig bei Gregor zusammengerafften Sachen befand sich das Kostüm aus ihrer letzten Szene bei Luxus und Lügen. Das Kostüm, das sie in der Beerdigungsszene getragen hatte.

In der modernen Mafia-Gangsterboss-Glitzer-Trash-Serie hatte Emilia die Rolle einer Kellnerin bekommen. Zu Beginn der zweiten Staffel starb die Nichte der Hauptfigur, die blonde Laura, an vergiftetem Kaffee – in ihrem Lieblingscafé, das ihrem Onkel gehörte. Nach und nach wurde der Fall von verschiedenen Seiten beleuchtet, und Emilias Figur gehörte zu den Verdächtigen. Sie hatte darin einen Hinweis darauf gesehen, dass ihre Rolle ausgebaut wurde – ein möglicher Aufstieg in den Hauptcast. Doch dann hatte sie das Drehbuch für die neueste Folge erhalten. Auf Lauras Beerdigung sollte Emilia dem Mafiaboss einen zu schwachen Kaffee servieren, woraufhin der sie kurzerhand erschießen würde. Ende, aus, das war es gewesen mit ihrer Serienrolle und ihren Hoffnungen.

Nachdem sie die Szene vor vier Tagen abgedreht hatten, war Emilia einfach in dem Kostüm nach Hause gegangen und hatte es aus einem diffusen Rachegefühl heraus behalten. Es bestand aus einem schwarzen knappen Kleid mit Beinschlitz und einem Hut mit ebenfalls schwarzem Schleier – eher ein Halloweenkostüm für eine Vampirbraut, die zur Beerdigung zielsicher das Falsche trägt. Aber es war das einzige festliche Ensemble, an das sie rechtzeitig vor der Abfahrt ihres Zuges herangekommen war. Und im Prinzip war es ja einfach nur ein schwarzes Kleid, ohne Hut und Schleier sollte das doch gehen, oder? Sie hatte »Kleiderordnung Silberhochzeit« gegoogelt und herausgefunden, dass Weiß ebenso wie bei normalen Hochzeiten verboten war. Was soll’s, Hauptsache ein Kleid. Den Kunstblutfleck an der Leiste konnte sie verdecken, indem sie den Schleier als Gürtel trug. Die passenden schwarzen Stilettos waren ihr zu unbequem, stattdessen hatte sie sich ihre hellrosafarbenen Kitten Heels gegriffen, die glücklicherweise in der Garderobe standen. Schuhe waren Schuhe, und ihre zahlreichen Tanten hatten auch noch nie durch Modebewusstsein geglänzt, wenn sie so an die vergangenen Familienfeiern zurückdachte.

Keuchend, verschwitzt und zehn Minuten zu früh war sie am Kölner Bahnhof angekommen. Und jetzt war die Fahrt endlich vorbei, und sie hielten leicht verspätet in Nürnberg, ihrer verhassten Heimatstadt.

 

Irgendwie hatte sie gehofft, ihre Mutter würde sie auf dem Bahnsteig in die Arme schließen, aber ihr Vater hatte ihr wie immer pünktlich fünf Minuten vor der Ankunft geschrieben, sie solle sich zur Information begeben. Na gut. Das hatte er schon immer so gemacht. Er hielt nichts von stürmischen Begrüßungs- oder Abschiedsszenen auf dem Bahnsteig, er gab seine lauwarmen Emotionen nur wohldosiert zum Besten.

»Ah, Mullemäuschen, wie schön, hattest du eine gute Reise?« Wie immer klopfte ihr Vater ihr bei der Umarmung auf den Rücken, als müsse er alles Unpassende, was sie in ihrer Abwesenheit angestellt hatte, aus ihr herausklopfen. Für ihn war sie immer noch vierzehn, und es war im Prinzip nicht richtig, sie unbeaufsichtigt in einer fremden Stadt leben zu lassen.

»Mami wartet schon mit dem Essen. Du bist spät dran.«

Ach wirklich? Die Horrorfahrt hatte Verspätung gehabt, war ihr gar nicht aufgefallen.

Im Auto lief wie immer klassische Musik – Geigen und Panflöten – und Emilia hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten, aber das konnte ihr Vater nicht leiden.

Kaum hatte Emilia die schwere Haustür hinter sich ins Schloss fallen lassen, wusste sie wieder, warum sie das Elternhaus so selten besuchte. Es roch noch genauso wie früher – nach Möbelpolitur, Filterkaffee und etwas Undefinierbarem, das sie gleichzeitig mochte und verabscheute.

Früher hatte sie sich hier durchaus wohlgefühlt. Damals hatte Omi noch im Dachzimmer gewohnt. Wenn das Geschwätz der Mutter und die väterlichen Belehrungen unerträglich wurden, war das Emilias Zufluchtsort gewesen. Treppe hoch, drei knarzende Stufen, dann dieser schiefe Türrahmen, und dahinter eine kleine Welt, die nach Lavendel, altem Holz und Karamellbonbons roch. Oma hatte nie gefragt, warum Emilia plötzlich oben stand. Sie hatte nur auf die Bonbondose gezeigt und gesagt: »Na, einer geht noch.«

Jetzt stand das Zimmer leer. Die Tür war zu, ein bisschen Farbe blätterte vom Rahmen, und manchmal glaubte Emilia, noch das Knarren des alten Schaukelstuhls zu hören. Sie hatte sich nie getraut, das Zimmer wieder zu betreten, seit Oma gestorben war. Die Eltern hatten es so gelassen, als würde sie jederzeit zurückkommen. Vielleicht, weil sie selbst nicht wussten, was sie sonst damit anfangen sollten. Oder weil sie es nicht übers Herz brachten.

Emilia brachte es schon gar nicht übers Herz. Denn solange das Zimmer unangetastet blieb, konnte sie sich einreden, dass irgendwo noch ein Stück von diesem alten, warmen Zuhause existierte. Aber wenn sie ehrlich war, war der Ort ohne Oma nur noch ein Haus. Eines, in dem sie keinen richtigen Platz mehr hatte. Kein Dachzimmer, kein gemeinsames Kuchenbacken, keine Rückzugsmöglichkeit. Nur der Esstisch, die immer gleichen Gespräche und die unausgesprochene Erwartung, sich zusammenzureißen.

Sie stieg die Stufen zum Dachzimmer hinauf, blieb kurz stehen, legte die Hand an den Türrahmen und schloss die Augen. Für einen winzigen Moment war da der vertraute Duft, das Knarzen, das Rascheln von Seiten in einem Buch. Dann nur noch Stille.

»Sinnlos«, murmelte sie und stieg die Treppe wieder hinunter.

Bei ihren seltenen Besuchen in den letzten Jahren hatte ihr Vater stets die Themen Anreise, Wetter, was gibt es Neues im Job, was gibt es Neues an der Männerfront und ihre miesen Zukunftsaussichten abgehandelt und sich dann glücklicherweise über Mutters Beschwerden und seine Leistungen im Golfclub, in der Kanzlei und sein glänzendes Leben im Allgemeinen ausgelassen. Meist hatte sie es geschafft, sich irgendetwas halbwegs positiv Klingendes aus den Fingern zu saugen. Diesmal gelang es ihr nicht. Mit Mühe brachte sie beim Abendessen den Satz »Es gibt nichts zu erzählen« heraus, ohne loszuheulen.

»Es gibt immer etwas zu erzählen!«, widersprach ihr Vater energisch.

»Lass sie doch«, sagte ihre Mutter, und Emilia war ihr dankbar.

»Willst du noch Salat, Mäuschen?«

»Nein, danke.« Sie nahm sich zwei Kartoffeln aus der Schüssel.

»Nicht zu viele Kohlenhydrate«, mahnte ihre Mutter.

»Ich hab den ganzen Tag nur Müsliriegel gegessen!«

»Oh, die haben doch so viel Zucker.«

»Seit wann bist du meine Ernährungsbeauftragte?«

»Ich mache mir doch nur Sorgen um dich, Kind.«

Nicht ohne Grund, dachte Emilia, aber sie meinte damit nicht ihre Ernährung, sondern alles andere.

»Wir haben gestern deine Serie geschaut«, sagte ihre Mutter jetzt. »Wie gruselig, als deine Figur erschossen worden ist. Das hat dich hoffentlich nicht traumatisiert?«

»Wieso das denn? Das war doch alles nur gespielt.«

»Dein Kopf weiß das vielleicht, aber deine Seele weiß das nicht. Für die war das sicherlich ein Schock. Vielleicht mache ich dir einen Termin bei Ursula?«

»Nein, bitte nicht!«

Ursula war Mamas Freundin, die die Prüfung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie nicht bestanden hatte, weil die Sterne schlecht gestanden hatten oder so ähnlich. Vielleicht hatte sie auch einfach nur verschlafen. Anstatt die Prüfung zu wiederholen, hatte Ursula jedenfalls eine Praxis in ihrem Haus eingerichtet und war seitdem auf die Kundinnen angewiesen, die ihre Freundinnen ihr beschafften. Und die sie gegen eine freiwillige Spende behandelte. Eine Spende von ungefähr achtzig Euro, bitte möglichst passend. Für Lebensberatung brauchte man keine Qualifikation, das stimmte tatsächlich, obwohl es klang wie von einem schlechten Drehbuchautor erfunden.

»Ich gehe nicht zu Ursula!«, wiederholte Emilia.

Lieber würde sie zur bösen Meerhexe gehen und der ihre Stimme verkaufen, als sich noch einmal mit Engelskarten zudecken und mit Jasminspray einsprühen zu lassen. Gegen Regelschmerzen. Dafür hatte sie dann Kopfschmerzen bekommen.

»Hätten sie deine Figur nicht etwas schonender aus der Serie entfernen können? Dass sie wegzieht oder so ähnlich?«, fragte ihre Mutter bekümmert.

»Das knallt dann halt nicht so.«

»Muss es denn immer knallen? Könnte man die Geschichte nicht auch ganz anders erzählen, mit mehr Nächstenliebe?«

»Es ist eine Vorabendserie, Mama. In der es um Sex, Lügen, Kriminalität und Verrat geht.« Emilia unterdrückte ein Augenrollen.

»Wenn du dich für so was hergeben willst, Mäuschen.«

»Keine Sorge, es ist ja jetzt vorbei!«

»Gott sei Dank!«

»Nein, das ist total blöd für mich, jetzt hab ich von einem Tag auf den anderen keinen Job mehr.«

»Ich sage jetzt nicht, dass ich es dir gesagt habe, aber ich habe es dir ja gesagt«, sagte ihr Vater. Ja, danke.

»Es dauert eben, bis man sich etabliert«, erwiderte Emilia.

»Ja, aber wie lange versucht man es? Ich meine, wie viele Jahre willst du noch verschwenden?«, fragte er sachlich.

Emilia hätte gerne die Gabel auf den Teller geworfen und wäre aus dem Zimmer gestürmt, aber sie wusste, dass das nur noch mehr Ärger bringen würde. Ihr Vater hatte keinerlei Antennen für irgendetwas, das mit Gefühlen zusammenhing, und hatte sie schon während ihrer Wutanfälle mit drei Jahren sachlich über ihr unangemessenes Verhalten aufgeklärt. Und gewonnen, weil er immer ruhig geblieben war, bis ihr die Puste ausging und sie sich heulend auf dem Boden wälzte. Für eine Umarmung war sie ihm dann meistens zu schmutzig gewesen, und so hatte Emilia gelernt, ihre Gefühle leiser auszudrücken oder am besten, wenn sie alleine war. Und in Anwesenheit ihres Vaters zu lächeln oder aus dem Zimmer zu gehen. Leise, ohne Lärm zu machen.

»Ich hab keinen Hunger mehr, ich muss ins Bett, ich hab letzte Nacht nicht geschlafen.« Sie legte ihr Besteck leise hin und ging lautlos aus dem Esszimmer.

Manchmal kam es ihr so vor, als wäre es die Lebensaufgabe ihrer Eltern, von ihr enttäuscht zu sein.

Irgendwie endeten die Gespräche mit ihren Eltern meistens damit, dass sie an ihnen verzweifelte und aus dem Zimmer ging. Aber in den letzten Jahren hatte sie die Stunden bis zu ihrer Abreise mehr oder weniger an den Fingern abzählen können und sich damit getröstet, bald wieder weit weg zu sein. Nun hatte sie keine Ahnung, wie lange ihr Besuch in der Heimat andauern würde. Schließlich hatte sie ab nächster Woche keine Bleibe mehr in Köln. Und keinen Job. Wo außer zu ihren Eltern konnte sie hingehen? Dass ihr nichts anderes einfiel, war eine schreckliche Erkenntnis.

 

Emilia zuckte kurz zusammen, als ihre Mutter an die Tür des Kinderzimmers klopfte.

»Kann ich dich etwas fragen, ohne dass du es mir übel nimmst?«

Sie nickte. Vielleicht war Mama doch einfühlsamer, als sie dachte.

»Kann es sein, dass du zugenommen hast?« Ach so, wieder nur das.

Emilia zuckte mit den Schultern, während ihre Mutter sich auf den Bettrand setzte.

»Und ich vermute, du willst keine Abnehmtipps von mir, oder?«

»Nein, will ich nicht.«

»Findest du dich denn schön so? Ich will nur das Beste für dich, Liebes. Es geht mir nicht darum, wie du aussiehst, sondern nur um deine Gesundheit.«

Emilia atmete tief ein und aus. Sie vermied es, ihre Mutter anzusehen.

»Ich hab Kopfweh. Ich will einfach nur schlafen, okay?«

»Denk dran, mir deine Bluse für morgen rauszulegen, damit ich sie bügeln kann.«

»Das Kostüm kann man nicht bügeln!«

»Kein Grund, jemanden anzuschreien, Liebes.«

Jemanden. Liebes. Wieso brachte sie jedes Wort ihrer Mutter auf die Palme?

Es fühlte sich an, als wäre ihr Herz zu groß für ihre Brust. Es stieß an den Seiten an und war wund. Es wollte sich nicht kleinmachen und vornehm zurückhalten. Ihre Gefühle waren immer etwas zu groß. Zu wütend, zu traurig, zu enttäuscht. Nicht wohlerzogen und gesittet, wie ihre Eltern sich das gewünscht hätten. Oder Gregor, der ihr genau eine Minute Zeit zum Trauern eingeräumt hatte, bevor er sie hinausgeschmissen hatte. Nur bei ihrer Oma war das anders gewesen. Die hatte Emilias Gefühle immer verstanden und sie mit wenigen Worten wieder aufgerichtet. Ein Karamellbonbon, eine lustige Geschichte oder sie hatte sie einfach auf ihrem Schoß gewiegt. Nun ja, das war lange her, zu lange. Jetzt gab es nur noch ihre Eltern und sie, das Vorzeigeküken, mit dem man nicht mehr angeben konnte, weil es seit dem Abitur nur noch falsche Entscheidungen getroffen hatte. Nach der jüngsten Vollkatastrophe konnte Emilia das nicht einmal mehr abstreiten. Sie hatte nur einfach nicht damit gerechnet, dass ihr Leben so schnell in Trümmer zerfallen konnte.

Sie sah sich in ihrem Kinderzimmer um. Hier hatte sie sich schon als Kind zuweilen einsam gefühlt. Sie kramte ihr Buch hervor. Alle sind so ernst geworden. Na, danke. Als ob der Titel sie verhöhnen würde. Aber ein anderes hatte sie nicht dabei. In dem Regal neben ihrem Schreibtisch standen ihre Jugendbücher, aber nur die ungeliebten, die besten hatte sie beim Auszug natürlich mitgenommen. Keins davon lachte sie an. In den meisten ging es um Freundschaften, und Emilia hatte sich immer brennend gewünscht, auch nur eine halb so gute Freundin zu finden, wie sie in den Büchern beschrieben wurde. Aber das war nie passiert. Mit Aline aus der Schauspielschule traf sie sich zwar regelmäßig, aber dabei ging es mehr um Modetipps, Karrieretipps und Männer. Nicht um wirkliche Geheimnisse des Herzens. Trotzdem konnte sie ihr kurz schreiben, sagte sie sich.

Sie tippte in ihr Handy, dass sie gut angekommen war, woraufhin Aline ihr einen Daumen hoch gab. Als wäre gerade irgendetwas in Emilias Leben ein Anlass für einen erhobenen Daumen.

Kapitel 2

Als Emilia am nächsten Morgen aufwachte, hatte sie absolut keine Lust, zu einer Feier zu gehen, bei der es um die Liebe ging. Wenn man sie fragte, war fast alles, was je über die Liebe gesagt wurde, gelogen. Nicht jeder fand einfach so von selbst im Lauf des Lebens das passende Gegenstück, das ihn vervollkommnete. Nicht alle aufkommenden Probleme ließen sich einfach durch Liebe lösen, und Liebe allein garantierte auch nicht im Geringsten, dass eine Beziehung funktionierte.

Im Gegenteil, die wenigsten glühenden Leidenschaften mündeten in einer glücklichen Beziehung. Die meisten endeten früher oder später mit einem gebrochenen Herzen, einer Menge Tränen und Einsamkeit. Zumindest was Emilia betraf, da endet es immer so.

Sie war immer die mit dem Liebeskummer. Diejenige, die zu viel Energie und Begeisterung in jede neue Romanze steckt, die an die Liebe glaubte und jedes Mal auf die Fresse flog. Und wie sehr sie sich auch bemühte, klüger zu werden, frühere Fehler zu vermeiden und alte Muster zu durchbrechen, beim nächsten Mal scheiterte sie erneut. Als wäre sie falsch programmiert worden oder ganz altmodisch verflucht. Manchmal stellte Emilia sich vor, dass sich die dreizehnte Fee früher über ihre Wiege gebeugt und gemurmelt hatte: »Stets soll dieses Mädchen sich unglücklich verlieben, mit Tränen, Trauer und Einsamkeit sollen alle ihre romantischen Gefühle belohnt werden und sie wandle zielsicher auf dem Irrweg!«

Dabei war sie sonst gar nicht so arm dran. Im Gegenteil, sie war durch ihre hellblonden langen Haare und ihre ebenmäßigen Gesichtszüge schon als kleines Mädchen aufgefallen und oft bevorzugt worden. Nur hatte sie das Gefühl, dass sie ihre Macht über Männer nicht gezielt einsetzen konnte, nicht wenn es darauf ankam zumindest. Sie hatte vielleicht mal einen Polizisten überreden können, ihr den Strafzettel zu erlassen. Aber wehe, wenn sie sich verliebte. Dann war es mit ihrer Wirkung vorbei. Sicher, sie hatte einen gewissen Zauber, aber den versprühte sie offenbar wahllos, sodass diverse Männer sich genötigt fühlten, sie anzusprechen, nur der Heißbegehrte machte sich rar.

Geh, wohin dein Herz dich trägt, war kein guter Rat für sie gewesen. Emilias Herz hatte sie hierhergetragen, zurück ins Auto mit ihren Eltern auf der Fahrt zu einer der grässlichen Familienfeiern, die sie mit dem Umzug nach Köln für immer hinter sich gelassen zu haben glaubte. Ihr schwarzes Kostüm fühlte sich von der ersten Sekunde an unbequem an, und der Blick ihrer Eltern hatte es nicht gerade besser gemacht.

 

Die Silberhochzeit fand in einem alten Gutshof statt, der zu Hotel und Restaurant umgebaut worden war.

Als sie aus dem Auto stiegen, lief ihnen Tante Marion bereits entgegen.

»Huhu, hier sind wir!« Sie wedelte mit den Armen, fiel allen dreien um den Hals und wies Emilias Familie den Weg durch das breite Tor.

»Hier geht’s lang, das ist unser Saal!«, zwitscherte sie.

»Es ist der einzige Saal«, bemerkte ihr Vater.

»Wie schön, dass ihr es einrichten konntet. Herbert, du mit deiner Kanzlei, und dann die Emilli mit ihrer Pin-up-Karriere. Und du, Agnes, du hast ja immer so viel zu tun mit deinen … äh, Blumen!« Emilia presste die Lippen aufeinander und sagte nichts. »Hier, es gibt gleich einen kleinen Apero, damit die Leute schon mal in Stimmung kommen. Nichts ist schlimmer als eine Hochzeit, auf der nicht getanzt wird.«

Emilia überlegte, wie sie Tante Marion abschütteln konnte, und steuerte auf ihren Cousin Tom zu.

»Hallo, Tom!«

»Oh, welche Ehre, das Fräulein Galotti.« Tom trug sein Haar kinnlang, hatte die Augen mit Kajal umrandet und küsste ihr die Hand. »Um wen trauern wir?«, fragte er mit einem Blick auf ihr Kleid. Emilia atmete einmal tief ein und aus.

»Nix trauern, Silberhochzeit deiner Eltern, hast du das schon vergessen?«

»Meine schöne Cousine kommt extra aus Rheinland-Pfalz angereist, um mit uns die letzten fünfundzwanzig Jahre Ehestreit meiner Eltern zu zelebrieren? Ich glaube es ja nicht.«

»Nordrhein-Westfalen«, korrigierte Emilia. »Köln liegt in Nordrhein-Westfalen.«

»Ist doch Jacke wie Turnschuh«, brummte er. »Irgendwo im Weinanbaugebiet jedenfalls.« Es war sinnlos, daran irgendetwas richtigstellen zu wollen.

»Apropos Wein, kann ich auch ein Glas haben?«

»Natürlich, trink! Auf deine Jugend, deine Schönheit und die Vergänglichkeit der Liebe!« Er drückte Emilia sein Glas in die Hand und schnappte sich von einem vorbeilaufenden Kellner zwei neue.

»Wieso bist du so gut gelaunt?«

»Ich bin den Typen endlich los.«

»Deinen Ex-Freund?«

»Meinen Boss! Ich hab ihn so lange bei der Gewerkschaft angeschwärzt, bis sie ihn einer Prüfung unterzogen haben und er rausgeflogen ist.«

»Und weshalb?«

»Ich konnte ihn nicht leiden, er hat mir immer meinen Parkplatz weggenommen.«

»Ich meine, weshalb er rausgeflogen ist?«