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Mörderjagd auf Bornholm.
In einem alten Fischerhaus in Kellenhusen wird die Leiche des vor zehn Jahren verschwundenen Nils Holby entdeckt. Damals wurden auch der Besitzer des Hauses, der Hamburger Anwalt Joseph May, und dessen Familie grausam getötet. Ermittlerin Sarah Pirohl findet heraus, dass Holby Teil eines Rechercheteams war, das sich mit Wirtschaftskriminalität und Rechtsextremismus befasste. Und er ist nicht der Erste aus der Gruppe, der ermordet wurde. Wem ist Holby auf die Schliche gekommen?
Bestsellerspannung an der Ostseeküste: der sechste Fall für BKA-Beamtin Sarah Pirohl.
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Seitenzahl: 488
Veröffentlichungsjahr: 2026
Kellenhusen: Bei Sanierungsarbeiten an einem alten Fischerhaus wird die Leiche des Hamburger Studenten Nils Holby gefunden, der vor zehn Jahren spurlos verschwand. Alles deutet auf ein Gewaltverbrechen hin. Und das ist nicht erste Mal, dass in diesem Haus gemordet wurde: Es gehörte dem angesehenen Anwalt Joseph May, ebenfalls aus Hamburg. Er und seine Familie wurden etwa zum Zeitpunkt von Holbys Verschwinden grausam ermordet – am Vorabend von Mays fünfzigstem Geburtstag. Hängen die beiden Cold Cases zusammen?
Sarah Pirohls Nachforschungen ergeben, dass Holby Teil eines Rechercheteams war, dass sich mit Wirtschaftskriminalität und Rechtsextremismus befasste. Ein gefährliches Pflaster: Schon mehrere Mitglieder der Gruppe wurden ermordet. Auch über May sammelte Holby Informationen. Musste er deswegen sterben? Doch wer hat dann May und dessen Familie auf dem Gewissen?
Katharina Peters hat ein Studium in Germanistik und Kunstgeschichte abgeschlossen Sie begeistert sich für japanische Kampfkunst und lebt mit ihren Hunden in Schleswig-Holstein. An die Ostsee fährt sie, um zu recherchieren, zu schreiben – und gelegentlich auch zu entspannen.
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Katharina Peters
Bornholmer Spur
Kriminalroman
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Widmung
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Epilog
Impressum
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Für Bettina L. Danke.
Es war ein Pro-bono-Auftrag gewesen. Dieses Stichwort war gefallen. Ein unentgeltlicher Einsatz für einen Freund und Mitstreiter, der sich einen Bonus verdient hatte, so hieß es. Eine Hand wäscht die andere. Krølle hatte mit dem Ausdruck zunächst nichts anfangen können – 2010 hieß er noch Mirko Sehler, war Mitte dreißig und hatte in seiner Geburtsstadt Rostock gelebt und offiziell als Goldschmied und Schmuckdesigner gearbeitet. Inoffiziell hatte er viele Jahre zuvor seine Lebensaufgabe gefunden und war als Beschatter, Schnüffler und manchmal auch Killer für die Organisierte Kriminalität unterwegs, völlig eins mit seinem Tun. Und für Krølle – damals Mirko – spielte die Bezeichnung keine Rolle. Sein Auftrag war ganz einfach: Er sollte zwei Menschen, die es nicht besser verdient hatten, töten oder töten lassen, die Entscheidung lag bei ihm. Die Opfer waren ein knapp Neunzehnjähriger und dessen Vater. Die beiden sollten an einem festgelegten Wochenende im Juni ein vergleichsweise schnelles und überraschendes Ende finden. Keine Waffen oder Gift, auch kein Feuer, keinerlei Spuren. Es sollte privat wirken, auf keinen Fall professionell, und die Deadline musste unbedingt eingehalten werden. Später gehörten Pro-bono-Aufträge regelmäßig zu Krølles Geschäftsmodell – und zwar immer dann, wenn er sich Tierquäler vornahm.
Karsten und Florian Sander, Vater und Sohn, sollten in ihrem Ferienhaus in der Nähe von Grömitz sterben. Krølle hatte die beiden ein paar Tage im Blick behalten und den Gesamtablauf kleinteilig geplant, nur die Tat selbst war ihm noch nicht hundertprozentig klar. Ansonsten war alles gut vorbereitet, doch zwei Tage vorher musste Krølle kurzfristig umdisponieren – er hatte sich bei einem Sturz den rechten Unterarm gebrochen. Eine Verschiebung kam nicht infrage. Also nahm Krølle Kontakt zu einem Mitstreiter auf, mit dem er in den letzten Jahren hin und wieder gemeinsam aktiv geworden war. Der Mann, der in eingeweihten Kreisen nur unter dem Namen Ferry bekannt war, ließ sich nicht lange bitten – einzige Bedingung: »Ich will es auf meine Art erledigen, und du redest mir nicht rein.« Krølle zögerte nur einen Wimpernschlag. Sein Kompagnon arbeitete vorzugsweise mit dem Messer, das war bekannt, und dagegen ließ sich bei diesem Auftrag kaum etwas einwenden, außerdem blieb Krølle ohnehin keine Wahl. Er war nur noch Täter zweiter Klasse, und der Ausführende hatte das letzte Wort.
Am frühen Abend drangen sie gemeinsam ins Haus ein. Vater und Sohn waren noch unterwegs, beim Angeln, beim Schwimmen, wobei auch immer. Krølle durchsuchte das Haus, während Ferry im Wohnzimmer blieb und die Umgebung im Blick behielt. Den versteckten Laptop entdeckte Krølle nach kaum einer halben Stunde Suche – zwischen alten Dachbalken recht gut verborgen, aber nicht gut genug, und die Passwortsicherung war lächerlich einfach und schnell zu knacken. Krølle warf lediglich einen kurzen Blick auf einige Fotos und ein Video, um sofort zu begreifen, warum die beiden im Tod am besten aufgehoben waren. Maskierte Männer, die sich an einer Jugendlichen vergingen. Eigentlich wäre ein qualvolles Sterben angebracht gewesen. Doch abgesehen davon, dass Ferry in dem Punkt das letzte Wort hatte, durfte Krølle nicht einen Millimeter von der Auftragsbeschreibung abweichen – keinerlei Auffälligkeiten, niemand sollte von Beginn an auf die Idee kommen, dass der Täter aus der Organisierten Kriminalität stammte und einen Auftragsmord professionell erledigt hatte. Und falls die Annahme später doch eine Rolle spielte, würde die weitere Suche mangels Beweisen schnell eingestellt werden.
Krølle zerstörte später den Laptop und ließ ihn verschwinden – zuvor hatte er sich eine Kopie der Festplatte gesichert. Bei der Maßnahme hatte er auf seinen inneren Sensor gehört. Man konnte nie wissen, ob das Ganze nicht doch irgendwann ein Nachspiel haben würde und womöglich später noch zu wichtigen Erkenntnissen oder Verwicklungen führte. Mord verjährte nicht.
Sander und sein Sohn starben zwei Stunden später durch Ferrys Messer, kurz darauf waren Krølle und sein Mitstreiter im Schutz der Dunkelheit in verschiedene Richtungen verschwunden. Sie hörten nie wieder voneinander.
Dreizehn Jahre waren inzwischen vergangen. Mittlerweile lebte Krølle als Friedrich Locke am Rande eines kleinen Dorfes in der Nähe von Oldenburg in Holstein. In den letzten Monaten hatte er hauptsächlich in seinem neuen Domizil, einem berühmt-berüchtigten Haus mit Potential, gewerkelt und nebenbei ein paar kleinere Aufträge angenommen. Als es bereits Ende Mai so heiß wurde, dass selbst die Schleswig-Holsteiner in prächtige Sommerlaune gerieten – und die Menschen hier oben an der Küste neigten nicht zu Übertreibungen –, saß er mit seinem Laptop auf der schattigen Veranda wie in einer grünen Höhle. Er trank tiefschwarzen Kaffee und erledigte einige Bankgeschäfte auf einem wuchtigen Laptop, der aussah, als hätte er zwanzig Jahre auf dem Buckel und höchstens am Rande mal etwas vom Internet gehört. Das war jedoch ein gewaltiger Trugschluss. Das Gerät verfügte über Militärstandard und eine Sicherheitsstufe, die für Geheimdienstoperationen tauglich war.
Krølle loggte sich über mehrere Umwege ins Darknet ein und aktivierte seinen Account.
Eine neue Auftragsanfrage lag vor. Und sie bezog sich auf das Geschehen vor dreizehn Jahren. Krølle stutzte. Er hatte sich seinerzeit im Vorfeld ein einziges Mal auf einem einsam gelegenen Parkplatz mit seinem damaligen Auftraggeber getroffen, um einige Details abzusprechen, die an keiner Stelle schriftlich oder digital auftauchen sollten. Krølle hatte eine Maske getragen, seinen inneren Sensor Tuchfühlung aufnehmen lassen und seinem Auftraggeber nach kurzem Austausch schließlich einen Code genannt, mit dem er im Notfall eine Nachricht absetzen konnte.
Krølle hatte natürlich bereits in Erfahrung gebracht, wer der Mann war, der den Tötungsauftrag erteilt hatte: Stefan Berber, ein Anwalt aus Hamburg. Doch Krølle war nicht hundertprozentig sicher gewesen, ob der Jurist jemanden vertreten hatte, wie der erste nahe liegende Gedanke in solchen Fällen lautete, oder ob er ein eigenes Interesse verfolgte. Der Anwalt hatte sich an dem Punkt bedeckt gehalten, und Krølle war nicht so richtig schlau aus ihm geworden, was durchaus bemerkenswert war. Berber war es gelungen, ein tieferliegendes Motiv auch vor Krølles innerem Sensor zu verbergen. Er hatte überzeugend und offen auf ihn gewirkt, am Hintergrund des Auftrags gab es nichts zu deuteln, und das war der entscheidende Punkt gewesen. Die erneute Meldung nach so vielen Jahren bestärkte Krølle in der Ansicht, dass Berber eine persönliche Geschichte verfolgt hatte.
Ich weiß nicht, ob dieser Versuch einer Kontaktaufnahme funktioniert, schrieb Berber. Vielleicht gibt es dich gar nicht mehr, oder du hast deinen Geschäftszweck abgewandelt. Vielleicht änderst du deinen Code in regelmäßigen Abständen, so wie man ja inzwischen ständig aufgefordert wird, seine Passwörter zu ändern. Wie auch immer – falls es dich noch gibt und du nach wie vor der Mann bist, der Probleme auf besondere Art aus der Welt schaffen kann, dann hoffe ich, dass wir uns wiedersehen können. Am Treffpunkt wie vor dreizehn Jahren? Oder hast du einen anderen Vorschlag? Ich warte auf deine Nachricht.
Krølle hatte einen langen Spaziergang unternommen und war die alte Geschichte in sämtlichen Details noch einmal durchgegangen. Ferry lebte inzwischen nicht mehr, über den Einsatz seines Unterstützers hatte Krølle darüber hinaus seinerzeit kein Wort verloren. Doch so oder so konnte er nicht vorsichtig genug sein. Der Auftrag stammte aus alten bewegten Zeiten, in denen sich die Ereignisse eine Weile später überschlagen hatten. Es war allerdings keineswegs auszuschließen, dass Krølle aus der Deckung gelockt werden sollte – ein weiteres Mal. Kurzum: Die Anfrage Stefan Berbers konnte auch eine Falle sein. Oder jemand benutzte dessen Profil. Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Falls Berber sich vorschieben oder gut bezahlen ließ – wissentlich oder unbewusst –, würde er nicht mehr lange zu leben haben.
Hauptkommissarin Sarah Pirohl war am Tag zuvor auf die Insel zurückgekehrt – mitten im Auftakt zu einem prächtigen Frühsommer – und fuhr am Montagmorgen, nach einem ersten Rundgang am Strand, ins Kommissariat nach Rønne. Bornholm blühte unter einem tiefblauen Junihimmel auf, die ersten Sommerurlauber waren eingetroffen, in Kürze würden es noch deutlich mehr werden. Den Gesang der Wellen im Ohr dachte Sarah während der Fahrt an die letzten Tage zurück.
Sie hatte eine gute Woche in Berlin verbracht, wo es einiges zu feiern gab – den Geburtstag ihrer Mutter sowie Hannah Jakobs Abschiedsparty. Die Kriminalpsychologin vom BKA hatte sich entschieden, nach dem Tod ihrer Eltern in ihre Geburtsstadt Hamburg zurückzukehren und dort eine Stelle als Dozentin an der Polizeiakademie anzunehmen. Ihr Entschluss war mit Wehmut und Überraschung aufgenommen worden – Hannah hätte beim BKA durchaus eine Führungsposition erwarten können, hatte sich aber dagegen und für eine ruhigere Gangart entschieden. Und doch war es ein unbeschwertes Fest geworden – die letzten Gäste waren morgens um fünf gegangen. Darüber hinaus hatte Sarah alte Freunde und Kolleginnen besucht und Zeit mit Kathleen Bischoph verbracht.
Die Juristin leitete beim LKA Berlin ein Spezialressort, das bei kniffligen und ressortübergreifenden Ermittlungen tätig wurde. Bei den letzten Fällen, in denen Sarah als BKA-Verbindungsbeamtin für Dänemark zuständig war, hatten sie mehrfach zusammengearbeitet und waren sich nähergekommen – in jeder Hinsicht. Von einer Beziehung scheuten sich beide zu sprechen, eher von einer Affäre, die immer wieder für Unruhe sorgte, weil weder Sarah noch Kathleen so genau wussten, woran sie eigentlich waren und was sie voneinander wollten.
In der professionellen Zusammenarbeit galt es dann immer wieder, sowohl persönliche als auch berufliche Grenzen auszuloten und womöglich neu abzustecken. Was nicht immer ganz einfach war. Kathleen war durch und durch Karrierefrau und ergriff jede Möglichkeit, ihren Einfluss und Befugnisse auszubauen, den nächsten Schritt auf der Leiter nach oben ins Visier zu nehmen und sich notfalls auch mit dem Einsatz von Ellenbogen ihren Weg zu bahnen. Sarah hingegen blieb meist zu hundert Prozent auf die Lösung des jeweiligen Falles konzentriert und vergaß dabei oftmals, auf Zuständigkeiten Rücksicht zu nehmen und die jeweiligen Teams und ihre Vorgesetzten zeitnah einzubinden; sie war nicht unbedingt als Teamplayerin verschrien. Die Konflikte mit Mikkel Bentsen – Kommissariatsleiter in Rønne – hatten sich im letzten Jahr derart hochgeschaukelt, dass Sarah kurz vor dem Absprung gestanden hatte. Doch schließlich hatte Bentsen dann doch seinen Groll begraben und den ersten Schritt gemacht, und Sarah ihrerseits hatte fest zugesagt, an ihrer Teamfähigkeit zu arbeiten. Anfang des Jahres war der Entschluss für einen Neustart im Bornholmer Team erfolgt. Sarah hatte darüber hinaus mit den Kielern die zusätzliche Vereinbarung getroffen, bei länderübergreifenden Fällen zwischen Schleswig-Holstein und Dänemark zügig und direkt zum LKA-Ermittlungsteam dazuzustoßen; das galt auch für Cold Cases.
Sarah arbeitete am Vormittag einige Dutzend Mails ab und wollte gerade in die Cafeteria aufbrechen, als Mikkel Bentsen an ihrem Schreibtisch auftauchte. »Bevor ich es vergesse – haben sich die Kieler schon bei dir gemeldet?«
»Ich hatte Urlaub und …«
»Das hatte ich denen auch gesagt. Da wollten sie wohl nicht stören.« Bentsen tippte sich an die Stirn. »Ruf mal im LKA an. Die haben wohl was und brauchen Unterstützung.« Damit wandte er sich um und griff nach seinem hektisch klingelnden Smartphone.
Sarah war wenige Minuten später mit Kommissarin Julia Kern verbunden. Sie hatten Ende letzten Jahres gemeinsam den Mord an der Flensburger Pflegerin Monica Seffgen aufgeklärt – und waren dabei auf ungeahnte Verwicklungen im Zusammenhang mit Spionageaktivitäten gestoßen. Sarah ging davon aus, dass dieser Aspekt des Geschehens die Geheimdienste und andere Spezialisten nach wie vor beschäftigte. Und sie war froh, dass sie nichts mehr damit zu tun hatte.
»Moin, Kollegin«, begrüßte Sarah die Kieler LKA-Kommissarin. »Mein Chef meinte gerade, dass ich mich mal bei euch melden soll.«
»Und du lässt dich natürlich nicht lange bitten. Finde ich gut. Seit wann bist du wieder auf der Insel?«
»Seit gestern. Ich arbeite gerade Mails und anderen Kleinkram ab und bin für jede Ablenkung dankbar. Was habt ihr?«
»Einen Toten«, erwiderte Julia Kern in trockenem Ton. »Bei einer umfassenden Haussanierung in Kellenhusen sind Arbeiter letzte Woche auf eine Leiche gestoßen.«
»Ostholstein, nördlich von Grömitz, direkt an der Ostsee«, murmelte Sarah. »Schöne Gegend.«
»So ist das«, meinte Kern mit deutlich hörbarer Holsteiner Zunge.
Sie stammte aus Rendsburg, soweit Sarah sich an ein persönliches Gespräch erinnerte. Die Kollegin war Mitte dreißig und hatte meist die Ruhe weg. Sie war bei Ermittlungen an vorderster Linie dabei, übernahm aber auch Behördenaufgaben, klärte Zuständigkeiten und Abläufe und fungierte auf leise Art als Vertreterin für den Chef der LKA-Ermittlungsgruppe Lukas Schöffe.
»Und die lag da schon länger, vermute ich mal«, fuhr Sarah fort.
»Da vermutest du richtig. Tatsächlich hat ein Abgleich sofort einen Treffer in der Vermisstendatei gebracht. Es handelt sich um einen Hamburger Studenten, der vor knapp zehn Jahren, damals war er dreiundzwanzig, spurlos verschwand. Wir gehen von einem Gewaltverbrechen aus, auch wenn das rechtsmedizinische Gutachten noch nicht vorliegt. Der Leichnam wurde im Keller des Hauses vergraben.«
»Wie darf ich mir das vorstellen?«, fragte Sarah verblüfft.
»Es handelt sich um ein altes Fischerhaus – der Keller ist eher ein niedriger Lagerraum ohne festen Boden, in dem nur ein paar alte Gerätschaften herumstanden. Das Untergeschoss sollte ausgebaut und der Keller im Zuge der Sanierungsarbeiten abgedichtet und begradigt werden. Da genügten dann einige Spatenstiche in die Tiefe, und der Schrecken dürfte ziemlich groß gewesen sein.«
»Verstehe. Und warum ist das ein Fall für das LKA und mich?«
»Zum einen gibt es einen Bezug zu Bornholm. Die Kriminaltechniker haben in den Kleidungsresten einen Schlüssel mit Metallanhänger gefunden. Die Adressdaten waren nicht mehr gut zu lesen, doch einer unserer Profis konnte sie schließlich doch identifizieren. Es ist überaus wahrscheinlich, dass es sich um eine Ferienunterkunft auf deiner schönen Insel handelt. Ich schicke dir gleich noch die Einzelheiten dazu.«
»Dem gehe ich natürlich gerne nach. Wem gehört das Ferienhaus in Kellenhusen? Wisst ihr das schon?«
»Das ist eine gute Frage, die mich gleich zum nächsten Punkt führt – und zu einem Mordfall, der ursprünglich in einem Team mit der Hamburger Mordkommission untersucht wurde, bevor das LKA ihn als Cold Case archivierte. Sagt dir der Name Joseph May etwas? Ein Anwalt aus Hamburg. Er nutzte es als Ferien- und Wochenendhaus. May und seine Familie wurden Ende 2013 in dem Haus ermordet, und zwar ungefähr im zeitlichen Umfeld, als der Student verschwand. Nils Holby ist übrigens sein Name.«
Sarah stutzte. Da klingelte etwas, wenn auch sehr leise.
»Der Adoptivsohn hat die Familie entdeckt – er war später als die anderen angereist, um am nächsten Tag mit den Mays den fünfzigsten Geburtstag des Anwalts zu feiern. Er fand die Leichen.«
»Das klingt …«
»Es kommt noch gruseliger. Der Rechtsmediziner geht in einem zweiten Gutachten nach der ersten Einschätzung von unterschiedlichen Tatzeiten aus. Mays Frau und seine Kinder starben zuerst, der Anwalt danach.«
»Ein Szenario, bei dem der Familienvater zunächst zusehen musste?«, fragte Sarah in leisem Ton nach.
»Ich sagte, dass es gruselig wird. In der Tat. Ich schick dir zunächst die Akten und halte dich auf dem Laufenden. Wir tauschen uns später noch mal aus. Ich hoffe, dass die weiteren Untersuchungsergebnisse bald vorliegen.«
»So machen wir das.« Sarah beendete das Gespräch und wartete auf das Pling in ihrem Account. Doch das dauerte etliche Minuten. Was in Dänemark innerhalb von Sekunden klappte, dafür brauchte das Internet in Deutschland deutlich länger.
Schließlich lag die Datei vor. Sarah überflog die Bilder zu dem alten Fischerhaus und den Detailaufnahmen des Schlüssels. Die Adressdaten auf dem Anhänger verwiesen auf ein Hotel und eine Ferienanlage mit unterschiedlichen Unterkunftsmöglichkeiten im Norden von Bornholm. Von dort gelangte man schnell an die Steilküste oder zur Burgruine Hammershus, die Jahr für Jahr Touristenströme anzog. Es war noch nicht so lange her, dass genau dort die Leiche einer Berlinerin gefunden worden war und Sarah sich mit einem Mordgeschehen hatte beschäftigen müssen, dessen Ausgangspunkt nur auf den ersten Blick auf Bornholm gelegen hatte. Sarah war wenige Monate zuvor auf die Insel geflohen, um sich nach dem Desaster, das sie als leitende Ermittlerin auf ihrer ersten Stelle in Rostock erlitten hatte, zu verkriechen. Sie hatte nie wieder als Polizistin arbeiten wollen. Diesen Entschluss hatte sie nicht lange durchgehalten.
Sarah schob die Gedanken beiseite und konzentrierte sich wieder auf Nils Holby – ein Name, der ihr immer noch bekannt vorkam, doch die Profilfotos sagten ihr nichts. Der Student war ungefähr zwei Wochen vor dem Mord an Familie May als vermisst gemeldet worden. Er hatte in Hamburg Publizistik studiert und war Mitglied in einem Computerclub gewesen … Sarah stutzte und war plötzlich sicher, dass ihr Expartner, der dänische Journalist Frederik Thomsen, den Namen einmal erwähnt hatte.
Nils Holby hatte sich im erweiterten Umfeld der Recherche- und Hackergruppe engagiert, zu der auch Frederik gehörte. Im Mittelpunkt des Engagements hatte seinerzeit die Kanzlei von Sarahs Vater gestanden – eine Geschichte, die inzwischen endgültig ausgestanden war, zumindest was Bernd Pirohl und seine rechtsextremen Kameraden anging. Jahre vor Holbys Verschwinden war schon einmal ein Mitglied der Gruppe vermisst worden und später als Leiche wieder aufgetaucht: Florian Schütter, der als Praktikant bei Sarahs Vater Bernd Pirohl beschäftigt gewesen war. Recherchen im Bereich von Wirtschaftskriminalität, noch dazu in Verbindung mit rechtsextremen Netzwerken waren schon immer gefährlich, überlegte Sarah weiter. Allerdings war Nils Holby nicht im engen Kreis der Gruppe aktiv gewesen, wie Sarah sich weiter an Frederiks Schilderungen erinnerte – dann wäre sein Verschwinden wahrscheinlich schon eher aufgefallen und hätte womöglich auch eine Rolle gespielt; hinzu kam, dass der Zeitrahmen nicht passte. Florian Schütter war 2008 in Berlin vermisst worden, Holby fünf Jahre später. Das musste nichts heißen, sollte aber beachtet werden.
Falls die Kieler Kollegen die Ermittlung in der alten, bereits zu den Akten gelegten Vermisstensache, die sich nun als Mordfall entpuppt hatte, wieder aufnahmen, galt es, so viel Hintergrundwissen wie möglich zusammenzustellen. Und dazu gehörte auch ein Besuch in dem Hotel, auf das der Schlüssel verwies.
Sarah sagte Bentsen Bescheid und machte sich auf den Weg Richtung Sandvig. Sie ließ sich Zeit, genoss die Route entlang der bewaldeten Küste. Holby war seit zehn Jahren tot – es bestand kein Anlass zur Eile … Sarah runzelte die Stirn, dann wählte sie die Nummer von Julia Kern. Doch die Kollegin nahm den Anruf nicht entgegen, und Sarah hinterließ eine Sprachnachricht: »Könnt ihr schon was zum Todeszeitpunkt und der Liegezeit sagen? Holbys Verschwinden und der Mord an ihm müssen ja nicht zwingend zeitnah und in einem Zusammenhang mit dem Anwalt erfolgt sein. Wer weiß, wem er auf die Füße getreten ist und warum er in dem Haus gelandet ist.« Sie räusperte sich. »Der Gedanke ging mir gerade durch den Kopf und wird in Kiel wohl auch schon auf der Liste der Fragen stehen, mit denen wir uns beschäftigen müssen. Ich bin zurzeit auf dem Weg in das Hotel. Vielleicht erinnert sich noch jemand an Holby und den vermissten Schlüssel.«
Die Kollegin meldete sich Minuten später mit der kurzen Nachricht zurück, dass das detaillierte Obduktionsergebnis noch ausstand, aber eine Liegezeit von mehreren Jahren wahrscheinlich sei. Damit klärte sich erst mal nicht viel, dachte Sarah – Joseph May selbst konnte genauso der Mörder gewesen sein, oder der Täter hatte sowohl die Familie als auch den Studenten auf dem Gewissen, wobei sich die Frage stellte, warum es nötig gewesen war, ihn aufwendig zu vergraben. Solange sie dazu nichts Genaueres wussten, musste dieser Aspekt außen vor bleiben.
Sarah parkte wenig später hinter dem Hotel und sprach kurz darauf mit dem Besitzer, einem ungefähr sechzigjährigen Bornholmer mit dem hübschen Namen Per Knudsen, der sich glücklicherweise nicht lange damit aufhielt, überrascht auf die Frage nach einem Gast zu reagieren, der höchstwahrscheinlich vor mindestens zehn Jahren ein Zimmer gebucht hatte. »Dazu haben wir bestimmt noch Aufzeichnungen«, erwiderte er nach Sarahs einleitenden Worten. »Wollen wir uns auf Deutsch weiter unterhalten?«, fügte er einen Moment später hinzu.
Sarah seufzte erleichtert. »Ich bin schon eine Weile hier, aber mein Dänisch ist immer noch ziemlich schlecht.«
»So schlimm ist es gar nicht, doch natürlich hört man es. Aber ich übe mich ganz gerne in der deutschen Sprache, die Gäste freuen sich immer. Und besonders die Frauen finden meinen Akzent ganz reizend.« Er strahlte.
»Mein Glück.« Sarah lächelte. »Und es stimmt – er ist reizend.«
»Zeigen Sie mir die Bilder noch einmal?«
»Natürlich.«
Der Hotelier musterte das Profilfoto sowie die Aufnahme vom Schlüssel ein zweites Mal. »Das ist mit Sicherheit unser Schlüssel«, erklärte Knudsen dann und wandte sich zum Schreibtisch hinter dem Tresen um. »Mein Sohn hat mir vor einigen Monaten den Computer neu eingerichtet und die Buchhaltung sowie alle Belege nach Jahrgängen und Kostenarten sortiert. Das war sehr aufwendig, aber der Junge hat recht – nun findet man alles nach wenigen Klicks wieder. Mal sehen, ob das auch für diesen Fall gilt.«
Der Junge war garantiert mindestens dreißig, dachte Sarah amüsiert, aber ein Kind blieb wohl immer ein Kind – ob zehn Jahre alt oder vierzig.
»Nils Holby«, sagte Per Knudsen. »Hier ist er! Er hat im Sommer 2013 zehn Tage hier verbracht – in einem der kleinen Bungalows hinter dem Hotel, und tatsächlich ist vermerkt, dass er den Schlüssel nicht abgegeben hat. Dinge gibt’s.« Er schüttelte den Kopf.
»Wie kann das sein?«
Schulterzucken. »Das war hier damals alles eine Nummer kleiner und weniger modern – keine Steckkarten oder zig Sicherheitsmaßnahmen und so was. Vielleicht hatte er vor der Abreise noch was vergessen und hatte es danach sehr eilig. So was passiert. Wir haben es erst gar nicht bemerkt. Und kurz darauf wurde es unwichtig, weil die Bungalows modernisiert und ohnehin alle Schlösser ausgetauscht wurden.« Knudsen sah sie an. »Wie kommen Sie ausgerechnet jetzt auf ihn?«
»Nils Holby ist Opfer eines Gewaltverbrechens geworden. Er verschwand wohl Ende 2013, soweit wir bislang wissen. Seine Leiche ist zufällig vor Kurzem entdeckt worden, ebenso der Schlüssel, der mich nun zu Ihnen geführt hat.«
Per Knudsen schwieg einen Moment. »Ich möchte Ihren Job nicht machen«, sagte er dann.
»Kann ich sehr gut verstehen. Ich wollte ihn auch schon mal hinschmeißen.«
»Warum haben Sie sich dagegen entschieden?«
»Es gab viel zu klären, auch in meiner eigenen Familie, und ich bin tatsächlich ganz gut in dem, was ich tue – Täter aufspüren, Motive klären.«
Knudsen wirkte nicht überzeugt, aber schließlich nickte er. »Na ja, und irgendjemand muss das ja machen.«
»Unbedingt. Und falls es mir eines Tages reicht, suche ich mir etwas anderes.«
»Gute Einstellung.«
»Können Sie sich an Holby und seinen Aufenthalt genauer erinnern? Zehn Jahre sind eine lange Zeit, aber …«
»Manchmal bleibt was hängen.«
»Darauf wollte ich hinaus. Hatte er Besuch oder gab es mal Ärger, von dem etwas haften geblieben ist?«
»Ärger? Nein. Ich kann mich nur entsinnen, dass er viel mit seinem Handy beschäftigt war …« Der Gastwirt verdrehte die Augen. »Immerhin hat er sich mal ein Fahrrad geliehen und wollte runter nach Hasle fahren. Er war ziemlich begeistert, daran erinnere ich mich gut. Er hat sich für den Klippenweg entschieden. Ich kenne niemanden, der die Route nicht wunderbar findet – falls er es schafft, mit offenen Augen die Gegend wahrzunehmen und nicht aufs Smartphone zu starren. Seine Freude hatte jedenfalls etwas Ansteckendes, vielleicht erinnere ich mich deswegen so gut.«
Hasle, dachte Sarah. Dort hatte Frederik sein Häuschen gehabt – geerbt von seiner Mutter, die früh verstorben war. Ein versteckt gelegenes Holzhaus am Rande des Campingplatzes, in dem Sarah und Frederik viele gemeinsame Stunden verbracht hatten. Vor einem Jahr, nach Abschluss der finalen Ermittlungen um den Mord an ihrem Vater, war Frederik mit Hilfe des LKA und neuen Papieren untergetaucht, und seitdem hatte Sarah nichts mehr von ihm gehört. Er hatte sich längst neuen Partnern und Recherchegruppen angeschlossen, die ihre Nachforschungen mit Mitteln betrieben, von denen Sarah nichts wissen wollte – und durfte. Und selbstverständlich sollte Frederik nirgends auftauchen, wo er ins Blickfeld geraten und enttarnt werden könnte.
Ihre Beziehung war bereits einige Zeit zuvor an der Frage zerbrochen, wie weit sich Ermittlungen abseits der Legalität bewegen durften, wenn es darum ging, ebenso skrupellosen wie grausamen Straftätern mit großem Einfluss und noch größerem Machtstreben auf die Schliche zu kommen und sie möglicherweise mit durchaus fragwürdigen Mitteln zu stoppen, falls die legalen nicht ausreichten. Frederik war schon immer bereit gewesen, sehr viel weiter zu gehen, als Sarah mit ihrem Gewissen als BKA-Beamtin vereinbaren konnte, und schließlich hatte sie die Entscheidung getroffen, dass sich ihre Wege trennen mussten. Dennoch war ihr klar, dass Frederik und wahrscheinlich auch sie selbst ohne das beherzte und kompromisslose Eingreifen von Krølle nicht mehr leben würden – einem Beschatter und Auftragskiller, der einst für den rumänischen Geheimdienst und die Organisierte Kriminalität gearbeitet hatte und seit seiner Enttarnung vor etlichen Jahren in einer Gruppe mit Sonderaufgaben im zwielichtigen Umfeld von BKA, BND und MAD betraut war. Sarah wusste inzwischen einiges über den umtriebigen Agenten, auf den Frederik nichts kommen ließ, unabhängig davon, für wie viele Straftaten der Mann inzwischen verantwortlich zeichnete. Krølle und andere, die in dieser Grauzone tätig wurden, hatten grundsätzlich mit sensiblen Aufträgen zu tun; häufig verfolgten sie lediglich ein Ziel – unauffällig und endgültig Probleme zu lösen, die sie nicht zu hinterfragen hatten. Und ihr Vorgehen hatte höchstens am Rande mit den üblichen polizeilichen Maßnahmen zu tun und tauchte in keiner offiziellen Akte auf.
Sarah spürte plötzlich den fragenden Blick des Hoteliers und lächelte verlegen. Die Erinnerung an Frederik war nicht nur mit Anspannung, aufwühlenden und gefährlichen Ermittlungen sowie Konflikten verbunden; sie enthielt auch eine ordentliche Portion Wehmut an die Zeit mit einem hinreißenden und charmanten Partner. »Vielen Dank für Ihre Hinweise und Geduld«, erklärte sie schließlich und verabschiedete sich kurz darauf.
Die Fahrradtour in Richtung Hasle, die Holby unternommen hatte, musste nicht das Geringste bedeuten, doch die Vermutung, dass er sich mit Frederik im Ferienhaus seiner Mutter getroffen hatte – und dabei Dinge zur Sprache gekommen waren, die bedeutsam für den Mordhintergrund gewesen sein könnten –, war durchaus berechtigt. Reichte diese Annahme, um mit Frederik in Kontakt zu treten? Schwer zu sagen. Selbst wenn hundertprozentig feststehen würde, dass der Anlass für eine Mordermittlung gewichtig genug war, hieß das noch lange nicht, dass das LKA einem entsprechenden Gesuch stattgeben würde. Es war mühsam, teuer und aufwendig, eine neue Identität aufzubauen – ob es um Kronzeugen ging, die nur im Schutz eines neuen Lebens sicher genug waren, vor Gericht auszusagen, oder um Menschen, die sich in Gefahr begeben hatten, um die Aufklärung von Straftaten zu unterstützen, deren brisante Verwicklungen nicht in der Öffentlichkeit breitgetreten werden sollten. Jedes unnötige Risiko, in den Fokus zu geraten, jede auch nur zufällige Unachtsamkeit mussten vermieden werden. Frederik hatte sich über viele Jahre hinweg immer wieder mächtige Feinde gemacht, und einige von ihnen würden nicht lange zögern, ihn endgültig verschwinden zu lassen. Ob sich dieses Wagnis lohnte? Durchaus möglich, denn der Hintergrund zu den Morden auch an der Anwaltsfamilie war ein bedeutsamer Aspekt. Überzeugungsarbeit konnte an der Stelle allerdings nur Kathleen Bischoph leisten – sie hatte Kontakt zu den Beamten beim LKA Berlin, die über derlei Anfragen zu befinden hatten, und falls sie sich starkmachte und als Fürsprecherin auftrat, bestünde eine Möglichkeit, den alten Fall von allen Seiten zu beleuchten, zumindest inoffiziell.
Sarah fuhr ins Kommissariat, schrieb ein Memo für die Kieler Kollegen und leitete es, ergänzt um einige zusätzliche Erklärungen, schließlich auch an Kathleen weiter. Die Kollegin meldete sich, als Sarah wenige Stunden später auf der Terrasse saß und beim Essen den leuchtenden Abendhimmel genoss. »Dein Ex könnte tatsächlich mehr dazu wissen?«, fiel Kathleen sofort mit der Tür ins Haus. Ihr Ton klang verhalten und perplex zugleich.
Dass es sich ausgerechnet um Frederik handelt, gefällt Kathleen nicht, dachte Sarah, aber sie behielt den Gedanken für sich. Genau diese persönlichen Aspekte erschwerten eine objektive Zusammenarbeit, sobald man Beruf und Privatleben vermischte, doch womöglich interpretierte Sarah zu voreilig. »Ich bin mir sicher, dass der Name Nils Holby in einem unserer Gespräche seinerzeit einmal gefallen ist«, erwiderte sie rasch. »Und ich denke sehr wohl, dass Frederik einiges wissen könnte von dem, was ihn damals beschäftigte, auch wenn das alles schon lange zurückliegt. Immerhin ist kurz darauf eine gesamte Familie ausgelöscht worden. Und im Haus dieses grausigen Mordes wird zehn Jahre später die Leiche von Holby entdeckt. Da kommt man schon ins Grübeln.«
»Da stimme ich dir zu. Und ich habe mir die Akte mal genauer angesehen, die übrigens damals auch dem BKA vorlag …«
»Ach ja?«
»Ein derart grausames Gewaltverbrechen hat mehrere Dezernate auf den Plan gerufen, zumal die Ermittlungen zu keinem entscheidenden Hinweis oder Verdächtigen geführt hatten, und allein das machte die Behörden stutzig«, erklärte Kathleen.
»Die Überlegungen gingen in Richtung Auftragsmord?«, fragte Sarah weiter.
»Davon gehe ich aus. Eine Soko agierte eine ganze Weile – ohne wesentliche Erkenntnisse.«
»Musst du dich bedeckt halten?«
»Es ist eher so, dass ich nicht viel dazu beitragen kann. Ich war vor zehn Jahren in einem anderen Ressort. Was ich aus heutiger Sicht sagen kann, ist, dass die Akte im Hinblick auf Verdachtsmomente sehr dünn geblieben ist. Ich schätze es allerdings als wenig wahrscheinlich ein, dass diese Ermittlungen halbherzig betrieben wurden.«
»Möglicherweise wurde nicht alles offiziell erfasst?«
»Das halte ich eher für denkbar«, meinte Kathleen. »Als die mediale Aufmerksamkeit nachließ, stellte man wenig später zumindest offiziell ein, und es könnte verdeckt weitergegangen sein.«
Kurze Pause. »Gab es nie eine Vermutung, aus welcher Ecke der Wind geweht haben könnte?«, fragte Sarah.
»Ich lese aus einigen Andeutungen den Verdacht heraus, dass Joseph May nicht nur Mandanten aus dem Jugend- und Familienbereich vertreten hatte, sondern über besondere Kontakte verfügte, die ihm zum Verhängnis geworden sein könnten«, meinte Kathleen. »Wie gesagt: Das ist lediglich ein Verdacht, genährt von dem Umstand, dass die Tat zu monströs war, um mit einer persönlichen Rache im Zusammenhang mit einem juristischen Fall erklärt werden zu können. Das ist sicher, zumal es damals keinen Prozess gab, der besondere Aufmerksamkeit erregt hatte.«
»Doch es fanden sich keine überzeugenden Beweise für einen Kontakt in die kriminelle Szene Richtung OK?«
»So ist es.«
Sarah wartete einen Moment.
»Ja, ich weiß, das klingt oberflächlich, und es könnte sehr viel mehr dahinterstecken. Ich hake da noch mal nach«, fügte Kathleen hinzu. »Mal sehen, was mein Recherchemann noch so herausfindet. Sollten sich doch Punkte finden, die mich überzeugen, versuche ich, eine Genehmigung für den Kontakt zu Frederik zu bekommen. Aber das könnte ein paar Tage dauern, und rechne bitte durchaus damit, dass dieses Gesuch abgelehnt wird. An einer solchen Entscheidung gibt es dann wenig zu rütteln. Du solltest nicht versuchen, selbst aktiv zu werden. Genauer gesagt – ich rate dir dringend davon ab.«
»Alles klar. Und die Akte zu Joseph May …«
»Ist unterwegs zu dir, einschließlich erster Recherchetreffer, die ich gleich anfüge.«
»Danke.«
Sie plauderten noch ein, zwei Minuten, dann verabschiedete sich Kathleen mit dem Hinweis auf einen anderen Anrufer. Sarah legte das Handy beiseite. Sie ging ins Haus und klappte ihren Laptop auf. Joseph May und seine Familie. Ein angesehener Anwalt aus der Hansestadt, der seine Freizeit in einem alten Fischerhaus in Kellenhusen genossen hatte. Vier Tote, entdeckt vom achtzehnjährigen Adoptivsohn, dem ein Neustart in Mays Familie geschenkt worden war. Womöglich hatten ebenso schillernde wie gut versteckte Kontakte in eine alles andere als heile Welt existiert, die zur Auslöschung der Familie geführt hatten – diese späte Erkenntnis würde nach den Geschehnissen niemanden verwundern.
Und nun war eine fünfte Leiche entdeckt worden. Ein Student, den Frederik gekannt hatte. Ein Treffen auf Bornholm – davon ging Sarah aus –, und Nils Holby hatte vergessen, den Schlüssel zu seiner Unterkunft abzugeben. Wenige Monate später verschwand der Student, aber erst zehn Jahre später wurde seine Leiche zufällig entdeckt. Ein aufmerksamer Kriminaltechniker stieß in den Tiefen seiner Kleidung auf den Schlüssel und sah ihn sich genauer an. Ein weiterer bemerkenswerter Zufall. Es war schon erstaunlich, wie sich die Kreise manchmal schlossen.
Sarah vertiefte sich für den Rest des Abends in die Akten und ersten Rechercheergebnisse, und sie ging mit dem Gedanken ins Bett, dass Joseph May ein großmütiger, ein honoriger Mensch gewesen war. Die Leiche im Keller seines Ferienhauses passte allerdings nicht in das Bild, doch bislang sprach nichts dafür, dass der Anwalt und/oder sein Umfeld etwas mit dieser Tat zu tun gehabt hatten. Doch ein Zusammenhang konnte nicht von vornherein ausgeschlossen werden.
Vier Jahre vor seiner brutalen Ermordung hatte May einen Jungen vor Gericht vertreten, der auf der Straße lebte – Simon Roth, gerade vierzehn und damit strafmündig geworden. May und seine Frau hatten den Jungen wenig später adoptiert. Im ersten Ermittlungsansatz hatte Simon Roth sogar im Fokus der Beamten gestanden. Als alleiniger Erbe sowohl der Kanzlei als auch des Privatvermögens seiner Adoptivfamilie galt er zunächst routinemäßig als tatverdächtig. Die Spurenlage und seine Reisedaten konnten den Verdacht jedoch zügig ausräumen. Roth war inzwischen achtundzwanzig Jahre alt und ebenfalls Jurist. Er galt als hochbegabt, hatte zwei Schuljahre übersprungen und sein Studium in Rekordzeit sowie mit Bestnoten abgeschlossen.
Als Sarah Stunden später das Licht löschte, war es nach Mitternacht, und sie hatte den Eindruck, dass ihr Urlaub Wochen zurücklag.
Nils Holby war zuletzt an der Uni gesehen worden. Er hatte eine Klausur geschrieben, sich später mit seinem Professor und einigen Kommilitonen ausgetauscht und war schließlich nach Hause gefahren – davon waren seine Studienkollegen zumindest ausgegangen. Abends waren die Studierenden zum Feiern verabredet gewesen, und Holby war weder aufgetaucht noch zu erreichen gewesen. Seine Vermieter – ein älteres Ehepaar, in deren Dachgeschoss er zwei kleine Zimmer bewohnte – konnten sich nicht erinnern, ihn im Laufe des Tages oder abends noch einmal gesehen oder gehört zu haben, und am darauffolgenden Tag waren sie in aller Frühe verreist, ohne bemerkt zu haben, ob Holby zu Hause war. Somit hatte sich seine Spur direkt nach dem Verlassen der Universität verloren. Bis zur polizeilichen Vermisstenmeldung vergingen dann noch einmal etliche Tage. Sein Verschwinden warf durchaus Fragen auf, und daher hatte die Polizei routinemäßige Nachforschungen angestellt. Doch weder Überwachungskameras noch ein Aufruf in den Medien oder die Überprüfung seines Bewegungsprofils brachten zielführende Ergebnisse; aus dem Familien- und Freundeskreis konnte sich niemand erklären, was geschehen war. Auch in seinem Zimmer fanden sich keine Hinweise, und dass sein Laptop fehlte, verwunderte nicht. Er hatte ihn natürlich dabeigehabt. Holby hatte sich offenbar in Luft aufgelöst.
In der Vermisstenstelle ging man davon aus, dass der Student entweder untergetaucht oder Opfer eines Unfalls geworden war, der erfolgreich vertuscht worden war. Ein Verbrechen mit tieferliegenden Motiven war seinerzeit kein Thema. Holby war zwar als Hobbyhacker in einem Computerclub aktiv gewesen, aber nie mit besonderen Aktionen aufgefallen oder gar bedroht worden, das bestätigten auch seine damaligen Mitstreiter – sie hätten an ihren PCs herumgeschraubt, hin und wieder mal einen Account gehackt, einfach nur aus Jux und Dollerei, und ansonsten Spiele gezockt. Das dürfte im Wesentlichen den Tatsachen entsprechen, auch wenn womöglich ganz bewusst tiefgestapelt worden war und hier und da mehr dahintersteckte. Aufgefallen war die Gruppe jedenfalls zu keinem Zeitpunkt, und brisante heiße Eisen hatten sie seinerzeit nicht angefasst. Da Nils volljährig war und trotz weiterhin offener Fragen keinerlei Hinweise auf eine Straftat ersichtlich waren, wurde die aktive Suche nach ihm bald eingestellt.
Die Kieler Hauptkommissarin Julia Kern hatte den Bericht der Kollegen aus Hamburg mehrfach gelesen und inzwischen mit den wichtigsten Zeugen aus der Akte sowie dem seinerzeit leitenden Ermittler in der Vermisstenstelle gesprochen. Niemand konnte sich erklären, was Holby in Kellenhusen vorgehabt hatte. Weder der Ort noch der Name des Anwalts waren bei den Nachforschungen je gefallen. Womöglich würde sich bei einem weitergehenden Abgleich eine Verknüpfung feststellen lassen, dazu hatte sie auch mit dem Ermittlungsleiter der damaligen Soko May gesprochen – ohne Hinweise, die über die Aktenlage hinausgingen. Mittlerweile hatte sich der Rechtsmediziner mit einem Zwischenbericht zu Holby gemeldet. Der genaue Todeszeitpunkt konnte erwartungsgemäß nicht auf die Woche oder gar den Tag genau bestimmt werden, wie er betonte – so blieb es bei einer Liegezeit von zirka zehn Jahren und der Ungewissheit, ob die Mays vor oder nach ihm ermordet worden waren oder womöglich sämtliche Opfer in einem gemeinsamen Zeitfenster starben. Auch diese Möglichkeit bestand natürlich. Julia Kern seufzte leise.
»Tja, hätte er eine moderne Smartwatch getragen, die die Herztätigkeit und Aktivitäten aufzeichnet, sähe das vielleicht anders aus«, hatte der Mediziner noch in ironischem Tonfall hinzugefügt. »Meine Uhr sagt mir inzwischen sogar, wann ich aufstehen soll, um mein Stehziel zu erreichen. Ganz schön verrückt, oder? Doch bei einem derartigen Verbrechen wären wir jetzt wohl deutlich weiter. Man kann eben nicht alles haben.«
»Wie sieht es mit der Todesursache aus?«, fragte Julia Kern, ohne die Erläuterungen des Mediziners zu kommentieren. »Können Sie dazu konkretere Angaben machen?«
»Auch das ist nach zehn Jahren keineswegs einfach.«
Das war nicht die Frage, dachte Hauptkommissarin Kern und wartete ab.
»Ich würde sagen, man hat ihm den Hals umgedreht. Genickbruch durch massive Gewalteinwirkung. So viel kann ich Ihnen im Moment sagen.«
»Ist ein Unfall denkbar?«
»Denkbar ist alles Mögliche. Da der junge Mann allerdings fachmännisch verbuddelt wurde, käme ich glatt auf den Gedanken, dass sein Tod bewusst …«
»Schon gut, ich ahne, worauf Sie hinauswollen«, wandte Kern ein und beendete das Gespräch nach kurzem Abschiedsgruß.
Kein Handy, keine Uhr, kein Laptop, undurchsichtige Todesursache, überlegte sie weiter. Und nach so langer Zeit gab es natürlich auch keine Möglichkeit mehr, auf einen alten Account zuzugreifen beziehungsweise festzustellen, ob und wer sich im entscheidenden Zeitraum daran zu schaffen gemacht hatte. Die Vermieter hatten einige Zeit später Holbys Sachen zusammengepackt und die Eltern gebeten, seine Habseligkeiten abzuholen, damit sie die Zimmer neu vermieten konnten. Es war ziemlich unwahrscheinlich, dass sich rekonstruieren lassen würde, welche Unterlagen Holbys Eltern abgeholt hatten und ob ihnen etwas aufgefallen war. Ein Gespräch mit ihnen war bislang nicht möglich gewesen; das Ehepaar war zu erschüttert gewesen. Julia Kern nahm sich vor, in einigen Tagen einen zweiten Versuch zu wagen.
Die Frage, wie lange das Haus in Kellenhusen nach dem Mord leer gestanden hatte, ließ sich hoffentlich in Kürze beantworten. Julia Kern blickte auf die Uhr. Simon Roth, der Adoptivsohn der Familie May, hatte sich bereiterklärt, für eine telefonische Befragung zur Verfügung zu stehen. Pünktlich um elf Uhr klingelte ihr Diensttelefon.
Das Gespräch verlief knapp und sachlich. Simon Roth hatte den Namen Nils Holby noch nie gehört, doch was den Leerstand des Hauses anbetraf, so erinnerte er sich gut. »Nach Abschluss der polizeilichen Ermittlungen hat es etliche Monate leer gestanden«, erklärte er. »Ich hatte erst einmal anderes zu tun, als mich darum zu kümmern …«
»Das ist nachvollziehbar«, bemerkte Julia Kern. Roth war zusammengebrochen, wie sie nachgelesen hatte. Später hatte er sich mit einem Partner aus der Kanzlei um die weiteren nötigen Schritte gekümmert und schließlich sein Jurastudium fortgesetzt. Inzwischen leitete er die Kanzlei, in deren Mittelpunkt nach wie vor das Jugendstraf- und Familienrecht stand; zusätzlich hatte Simon Roth eine Abteilung für Wirtschaftsrecht aufgebaut. Dass er seinen Geburtsnamen wieder angenommen hatte, war durchaus bemerkenswert. Es war wohl nicht allzu weit hergeholt, darin einen Versuch zu sehen, sich von dem schrecklichen Geschehen zu distanzieren.
»Später habe ich das Haus renovieren lassen und als Ferienunterkunft vermietet«, fuhr er fort. »Ein Verkauf war immer wieder ein Thema, aber in der Gegend hätte sich niemand für das Objekt erwärmen können – ein Haus mit einer derartigen Geschichte schreckt ab.«
Auch das war verständlich.
»Inzwischen sind allerdings so viele Jahre vergangen, dass ich einen Versuch wagen wollte«, fügte Roth hinzu. »Dazu gehörte auch eine umfassende Sanierung.«
Und dabei wird eine weitere Leiche entdeckt, dachte Julia Kern. Was für ein Trauma! Wenig später war das Telefonat beendet, und die LKA-Kommissarin schickte ein Memo an die Bornholmer Kollegin, dann machte sie sich auf den Weg zu einer Besprechung. Sie war sicher, dass beide Cold Cases an erster Stelle auf der Tagungsordnung stehen würden – als womöglich einziger Punkt. Und sie sollte recht behalten. Als sie den Raum gut zwei Stunden später verließ, war nur eines klargeworden: Sie wussten weder über den einen noch über den anderen Fall auch nur annähernd genug. Und Julia Kern hatte das dumpfe Gefühl, dass es an einigen Stellen der damaligen Recherchen zum Vierfachmord an Familie May entweder an Sorgfalt gemangelt hatte oder aber weitere Erkenntnisse nicht mit sämtlichen Dienststellen geteilt worden waren – auf Weisung von wem und warum auch immer.
Die Kommissarin hatte sich längst abgewöhnt, mit derlei Gepflogenheiten zu hadern. Wenn sie tiefer in die Materie einsteigen wollte, um sämtlichen Details auf den Grund zu gehen, musste sie aufsteigen oder nach Absolvierung einiger zusätzlicher Qualifikationen ins BKA wechseln oder wie die Kollegin Sarah Pirohl ihre individuelle Ermittlungsstrategie mit besonderem Engagement verfolgen. Viel zu anstrengend und auch zu gefährlich, dachte Julia Kern. Ich muss keineswegs immer bis in jede Einzelheit wissen, wie die grausigsten Verbrechen abgelaufen waren und welche Konflikte in den Ermittlungsbehörden womöglich das Geschehen und die weitere Vorgehensweise mitbestimmten. Je mehr Kompetenz, Eigeninitiative und Verantwortung, desto größer das Risiko, die emotionale Belastung und der Arbeitsaufwand. Zudem war es der denkbar ungünstigste Zeitpunkt, ihr berufliches Engagement zu vertiefen und auszuweiten. Julia Kern lächelte. Sie wusste seit einigen Tagen, dass sie schwanger war – höchste Zeit mit Mitte dreißig. So würde ihre Mutter wohl reagieren. Kern lächelte noch breiter. Sie war glücklich, und daran würde auch ein blöder Kommentar von deren Seite nichts ändern.
Kathleen meldete sich zwei Tage später mit einer kurzen Nachricht, die den Link zu einem Chat beinhaltete. Hier kannst du Kontakt zu ihm aufnehmen. Er wird dann selbst entscheiden, wie es weitergeht. Benutze auf keinen Fall deinen Dienst‑PC!
Natürlich nicht, dachte Sarah kopfschüttelnd. Traute Kathleen ihr etwa einen derartigen Anfängerfehler zu? Sie schob den empörten Gedanken sofort wieder beiseite. Hier ging es um hochsensible Daten, die um jeden Preis geschützt werden mussten, und Kathleen selbst war womöglich ein Risiko eingegangen oder hatte sich weit aus dem Fenster gelehnt, um Sarah diese Kontaktaufnahme zu ermöglichen. Insofern war ihre Vorsicht nachvollziehbar.
Für Kommunikationsverläufe, die komplett unter dem Radar bleiben mussten, nutzte Sarah einen mehrfach abgesicherten Laptop – die Chefin der Bornholmer Kriminaltechnik Astrid Larsen hatte ihn ihr vor einigen Monaten mit aktueller Software der besonderen Art neu eingerichtet. Das Gerät war nicht zu orten, Nachrichten wurden übers Darknet weitergeleitet, wobei sie den Umweg mehrerer IP-Adressen nahmen, und um es zu entsperren, lief ein aufwendiger Authentifizierungsprozess ab. Das war nichts für ungeduldige Menschen oder eine eilige Kontaktaufnahme, dachte sie, als sie zu Hause eintraf und den Laptop startete – eher für Leute aus Geheimdienstkreisen geeignet.
Schließlich wurde sie in den Chat weitergeleitet. Sie überlegte nur einen Augenblick. Sagt dir der Name Nils Holby etwas?, kam sie direkt zum Punkt, verwies auf die Fälle in Kellenhusen und schloss mit einigen persönlichen Worten. Ich hoffe, es geht dir gut.
Frederiks Antwort traf eine Stunde später ein: Uhrzeit und Adresse in einem Café in Rønne – am nächsten Tag. Ja, mir geht es gut. Sarah atmete tief durch. Das konnte nur bedeuten, dass Frederik erstens in der Nähe war und zweitens Entscheidendes zu Nils Holby beitragen konnte. Ihr Puls beschleunigte und kam nur langsam zur Ruhe, als sie schlafen ging.
In dem kleinen Café waren sie sich damals zum ersten Mal über den Weg gelaufen und hatten dort später ihr erstes Date. Der gutaussehende dänische Brad-Pitt-Typ. Cappuccino und Heidelbeerkuchen, Herbst 2018, und wenig später waren sie beide in einen Fall mit weitreichenden Folgen verwickelt gewesen. Das lag beinahe fünf Jahre zurück, dachte Sarah, als sie am nächsten Tag das Kommissariat verließ und sich zu Fuß auf den Weg machte. Sie saß keine fünf Minuten an dem kleinen Ecktisch hinter dem Tresen, als sie den Blick hob und den Mann musterte, der das Café betrat. Er hatte sich verändert, aber sie erkannte ihn trotzdem auf Anhieb; ihr letztes Treffen lag ein Jahr zurück. Das kurze Haar war dunkel gefärbt, er war schmal und sehnig. Das Lächeln war und blieb unverkennbar, einschließlich dieses Grübchens.
Sarah nickte ihm zu, er trat näher und schob sich in die schmale Bank, so dass sie einander gegenübersaßen. Ihr Herz bebte leise und aufgeregt, und sie spürte, dass es ihm nicht anders ging.
»Hast du schon bestellt?«, fragte er in leisem Ton.
Sie schüttelte den Kopf.
»Wie wäre es mit Heidelbeerkuchen?«
Sie nickte.
Er drehte sich zur Kellnerin um und gab die Bestellung auf. Als er sich Sarah wieder zuwandte, wurde er ernst. »Nils Holby«, sagte er leise. »Meine Güte … Und ihr habt keine Ahnung, was da passiert ist?«
»Nicht den Hauch. Die Kollegen in Kiel haben bislang nichts entdeckt, das auf einen Zusammenhang mit dem Mord an der Anwaltsfamilie hinweist – bis auf das Zeitfenster und den Ort. Aber ich bin sicher, dass du den Namen erwähnt hast. Darum habe ich Kathleen gebeten, den Kontakt herzustellen.«
»Dein Gedächtnis ist hervorragend«, entgegnete Frederik und wartete, bis die Kellnerin Getränke und Kuchen serviert hatte. Dann griff er seine Gabel und suchte erneut Sarahs Blick. »Er gehörte nicht zum engeren Kreis der Berliner Hackergruppe, sondern hat in Hamburg sein eigenes Ding aufgezogen, mit anderen Leuten, aber durchaus ähnlichen Zielen. Wir standen in lockerem Austausch, haben uns gegenseitig unterstützt, wenn nötig, und es fanden hin und wieder Treffen statt, bei denen wir uns auf dem Laufenden hielten, wie mit anderen Gruppen auch.«
»Er ist mit seinen Aktivitäten nicht aufgefallen«, warf Sarah ein. »Es gab zumindest keinerlei Hinweise auf Konfliktstoff oder besondere Recherchen, als er vermisst wurde. Bekannt war nur, dass er in einem Computerclub aktiv war. Das klang harmlos, eher nach einem Freizeitspieler, der Tag und Nacht vor dem Bildschirm verbringt und ein Ballerspiel nach dem anderen ausprobiert und höchstens hin und wieder mal ein Konto hackt.«
»Nils verstand sich zu tarnen – besser und fantasievoller als manch anderer.«
»Und dann verschwand er von einem Tag auf den anderen.«
Frederik trank einen Schluck Kaffee. »Ich weiß. Ich habe mir keine Gedanken gemacht, als ich davon erfuhr. Ich dachte, dass er plötzlich verschwinden musste und es sicherer für ihn war, eine Weile unterzutauchen. Und die anderen aus unserem Kreis waren wohl der gleichen Ansicht.«
»Aber er kehrte nicht zurück, und niemand hat da großartig nachgeforscht – bis auf die übliche kurze Polizeimaßnahme ist nichts passiert.«
»Ich weiß – wie gesagt, wir standen in keinem engen Kontakt. Ich habe meine eigenen Nachforschungen angestellt und war auf meine Gruppe konzentriert.«
Sarah lehnte sich zurück. »Und was denkst du jetzt? Nachdem klar ist, dass er ermordet wurde?«
»Dass seine Tarnung wohl doch nicht perfekt war.«
Sarah beugte sich wieder vor. »Und der Name des Anwalts sagt dir etwas?«
»Der Name ist gefallen.« Frederik nickte. »Nils hat zu Joseph May recherchiert, davon hat er bei einem Treffen berichtet. Wie er auf ihn gekommen ist und worum es konkret ging, kann ich nicht sagen. Es existierten wohl Verdachtsmomente, dass die Jugend- und Familienrechtbranche lediglich ein Bereich in der Kanzlei war und May verdeckt Mandanten und Anwaltskollegen aus der OK beraten hat und über dementsprechend brisante Kontakte verfügte. Dem Verdacht wollte Nils zumindest mal nachgehen. Vielleicht war er zu dicht dran, hat seine Tarnung verloren und musste ebenfalls sterben.«
»Das klingt schlüssig, nur … warum die ganze Familie?«
»May hat sich mit Leuten eingelassen, die wohl nicht lange fackelten – Täter aus dem OK‑Bereich.«
»Er musste zusehen, wie seine Frau, Tochter und der Sohn ermordet wurden.«
Frederik hielt kurz die Luft an und atmete dann tief aus. »Wie …«
»Sie starben zu unterschiedlichen Zeitpunkten, das hat die rechtsmedizinische Untersuchung ergeben, und die Schlussfolgerung ist verstörend. Er wurde verhört. Als er alles preisgegeben hatte, war auch er dran. So könnte es gewesen sein.«
»Was für eine grausige Vorstellung!«
»Da kann ich dir nur zustimmen.«
Frederik hielt ihren Blick fest. »Aber das ist nicht alles, oder?«
»Ich will es genauer wissen. Es kann alles Mögliche dahinterstecken, für das sich mit der üblichen Recherche kein einziger Anhaltspunkt finden lässt. Was genau ist Joseph May und Nils Holby zum Verhängnis geworden? Warum starb er anders als Familie May? Wo sind die Überschneidungen? An welchen Punkten müssen wir suchen? Kannst du mehr dazu herausfinden?«
Er sah sie abwartend an. »Ich bin kein Polizist, meine Mitstreiter sind es auch nicht, und wenn wir recherchieren, überschreiten wir nach wie vor die Grenzen der Legalität«, erklärte er schließlich. »Daran hat sich nicht das Geringste geändert. Wenn wir nicht so vorgehen würden, kämen manche Nachrichten gar nicht ans Licht, das kann ich dir versichern.«
»Ich weiß.«
Er beugte sich vor, und sie konnte sein Eau de Toilette riechen; sein Mund war nah. »Wir haben uns getrennt, weil du nicht damit leben kannst, dass ich mich für diesen Weg entschieden habe. Und nun soll ich …«
»Ich weiß, das klingt widersprüchlich und inkonsequent«, warf Sarah ein.
»Es ist in keiner Weise konsequent.«
»Dem muss ich auch zustimmen, und ich kann so nicht leben, das haben wir oft genug diskutiert. Aber hin und wieder …«
Er lächelte ironisch. »Die berühmte Ausnahme von der Regel? Weil du Ungewissheit nicht akzeptieren willst?«
»Hin und wieder brauche ich deine Hilfe, wenn ich es genauer wissen muss, selbst wenn du dabei Grenzen überschreitest«, gab Sarah zu. »Und das wiederum darf natürlich niemand wissen, abgesehen von Kathleen Bischoph.«
»Das gibst du einfach so zu?«
»Ja. Außerdem geht es um jemanden, den du kanntest. Das ist ein schwerwiegendes Argument, oder?«
Frederik fuhr sich mit einer Hand über das kurzgeschorene Haar. Plötzlich lächelte er. »Na schön. Du weißt ohnehin, dass ich nicht nein sagen kann. Ich höre mich mal um, aber versprich dir nicht zu viel davon.«
Sie erwiderte das Lächeln, und ein Kribbeln lief ihren Rücken hinab. Dieser Tag würde anders enden als geplant.
»Was hast du heute noch so vor?«, flüsterte er einen Moment später.
»Ich denke, ich werde ein paar Vorbereitungen für eine Dienstreise nach Schleswig-Holstein treffen und früh schlafen gehen.«
Er griff über den Tisch nach ihren Händen und hielt sie mit festem Griff umschlossen. Die Wärme strömte durch ihren Körper. »Vorher ein Bad im Meer?«
»Das ist auch eine gute Idee«, erwiderte sie. Kathleen tauchte vor ihrem inneren Auge auf, allerdings nur für einen Moment. Das schlechte Gewissen hielt sich in Grenzen.
Sarah wachte auf, als die Tür klappte. Kurz danach hörte sie den Motor seines Wagens, die Scheinwerfer flammten auf und huschten über die Fensterscheibe, der Kies in der Auffahrt knirschte. Es war vier Uhr früh. Ihr Haar roch nach ihm, alles roch nach ihm, und sie war hellwach. In Kürze würde die Sonne aufgehen. Sie stand auf, kochte Kaffee und ging in der ersten Ahnung des Morgenlichts mit ihrem Thermosbecher zum Strand. Das Rauschen der Wellen war das einzige Geräusch, die Dämmerung schob sich über den Horizont, benetzte ihn mit erstem Rot. Sie trank ihren Kaffee und genoss das Schauspiel.
Vielleicht kann es immer so bleiben, dachte sie. Hin und wieder treffen wir zusammen, schenken uns Zeit und Aufmerksamkeit und einiges mehr und gehen anschließend zufrieden, ja, erfüllt auseinander – beide wieder mit sich und dem jeweiligen Leben, den Anforderungen und Grenzen des Alltags beschäftigt. Und falls die Sehnsucht mit ganzer Kraft erwachte und schmerzvoll zu zerren begann? Falls einer von ihnen diesen Zustand nicht mehr aushielt und mehr wollte, viel mehr, oder sich fest an jemand anderen band? Wenn das Risiko zu groß wurde? Immerhin war Frederik gar nicht mehr Frederik. Er lebte mit neuer Identität an mehreren Orten und durfte niemals auffallen. Er kam gut zurecht mit diesem Leben und der Gefahr, das Verstecken und Verheimlichen kannte er bereits seit fünfzehn Jahren. Was Sarah als Fluch empfinden würde, umhüllte ihn wie eine zweite Haut, die meistens gut passte. Er ging auf in dem, was er tat und wofür er stand, auch wenn es ein Kampf gegen Windmühlen war. Ein Journalist und Rechercheur mit Haut und Haar, und je schneller sich die Welt drehte und die absurdesten Kapriolen hervorbrachte, desto intensiver forschte er nach, deckte auf, verbreitete in allen möglichen Netzwerken, zu welchen Missetaten, Lügen, Schweinereien Menschen in der Lage waren, weil es immer nur um eins ging: Machtstreben, Geld, Einfluss, Gewalt, die Lust, andere zu beherrschen und herabzusetzen, um dadurch größer zu wirken. Extremisten jeder Spielart und Couleur hatten in diesen Zeiten bessere Chancen als je zuvor, weil Lügen Hochkonjunktur hatten. Der Gedanke, die Hoffnung, dass das Informationszeitalter den entscheidenden Vorsprung bringen würde, weil alle gleichberechtigt Zugang zu Wissen hatten und es nach Belieben vertiefen konnten, indem sie das Netz befragten und ebenso wahrhaftige wie faktenbasierte Antworten erhielten, hatte sich ad absurdum geführt. Wissen und Wahrheit, die auf Fakten basierte, bildeten kein Paar mehr. Weil es um Klicks ging und politische Einflussnahme. Um Hass und Hetze.
Schluss damit, dachte Sarah und blickte übers Wasser. Ich kann all das nicht ändern. Ich mache das, was ich gut kann – Motive entlarven, Hintergrundgeschehen analysieren, einen Täter ermitteln und nach Möglichkeit schnappen. Ohne Klicks. Und ich genieße jetzt diesen wunderbaren Sonnenaufgang auf meiner Lieblingsinsel.
Sarah reservierte einen Platz in der Mittagsmaschine nach Kopenhagen und flog von dort weiter nach Hamburg, wo ein Mietwagen bereitstand und ein erster Termin mit einem Kollegen aus der Mordkommission in der Hansestadt vereinbart war. Mikkel Bentsen hatte am Morgen nach einer kurzen Besprechung zum bisherigen Stand der Ermittlungen nichts dagegen eingewandt, dass sie direkt zum Team in Schleswig-Holstein stieß. Das war im Vorfeld für solche Fälle abgesprochen, aber sie wusste, dass er Wert darauf legte, persönlich einbezogen zu werden. Dass sie längst gepackt, die Reise geplant und Termine bereits festgelegt hatte, musste sie ihm ja nicht unter die Nase reiben.
Das Gespräch mit dem Kollegen der Hamburger Mordkommission dauerte kaum eine Viertelstunde und brachte keine Neuigkeiten. »Das LKA hat damals den Fall zügig übernommen«, erklärte der Beamte achselzuckend. »Wir hatten nichts dagegen. Und nun gehört die Holby-Akte wohl auch dazu. Falls Sie umfassende Akteneinsicht haben, kann ich Ihnen sehr wahrscheinlich weder zu dem einen noch zu dem anderen Fall etwas Neues sagen.«
Damit sollte der Kollege richtigliegen. Sarah hatte vor, zügig nach Kiel weiterzufahren. Als sie im Auto saß, entschied sie sich plötzlich anders und rief in der Kanzlei von Simon Roth an. Die Sekretärin erklärte ihr, dass der Anwalt im Gespräch sei, und das könne dauern.
»Vielleicht kann er mich zurückrufen, wenn es passt«, erwiderte Sarah und stellte sich kurz vor. »Ich bin gerade in Hamburg gelandet und auf dem Weg nach Kiel. Aber es wäre schön, wenn …«
»Ich notiere es«, warf die junge Frau ein. »Vielleicht haben Sie ja Glück, und er meldet sich zurück.«
»Das wäre hilfreich, vielen Dank.« Sarah unterbrach die Verbindung und fuhr langsam weiter.
Zehn Minuten später rief Simon Roth tatsächlich zurück – eine sonore sachliche Stimme, die verhalten und deutlich älter klang als die eines jungen Mannes von achtundzwanzig Jahren. »Ein Mandant hat abgesagt«, erklärte er. »Wir können also reden. Ich möchte allerdings erwähnen, dass ich bereits mit einer Kollegin von Ihnen aus Kiel gesprochen habe.«
»Ich weiß, aber mir fallen sicher noch weitere Fragen ein. Und die erste lautet: Hätten Sie auch Zeit für ein Treffen? Vielleicht sogar heute noch?«
Pause. Das ist kein Typ für spontane Entschlüsse, schon gar nicht, wenn eine wildfremde Kommissarin ihn quasi mit dem Vorschlag überfällt, dachte Sarah. »Telefonate reichen manchmal nicht aus«, fügte sie hinzu. »Ich würde Ihnen gerne gegenübersitzen.«
»Warum?«
»Ich will in diesen Fall eintauchen, und ein Telefongespräch hilft mir dabei wenig. Der vermisste Student war in dem Haus begraben, in dem der Mord an Ihrer Familie verübt wurde, ein bis heute unaufgeklärtes Verbrechen. Ich bin sicher, dass ein Zusammenhang besteht, und ich möchte mich auf Spurensuche begeben. Denn die gibt es, auch wenn beide Taten viele Jahre zurückliegen«, erklärte Sarah mit Nachdruck. »Als Angehöriger und direkt Betroffener wissen Sie mehr, als Ihnen bewusst ist.« Und dazu brauche ich Mimik und Gestik, die unterschwelligen Töne, Atmosphäre, scheinbar unwichtige Nebensächlichkeiten, führte sie im Stillen aus.
»Das klingt sehr engagiert und, ja, ziemlich forsch«, meinte Roth nach kurzem Überlegen.
»Beides gehört zu meinem Arbeitsstil. Und ich gebe zu, mancher Vorgesetzter hat seine Mühe damit. Allerdings ist meine Aufklärungsquote recht gut, wenn ich das noch in die Waagschale werfen darf.«
»Ich verstehe, worauf Sie hinauswollen«, erwiderte er. »Ich kann Ihnen allerdings versichern, dass ich …« Deutliches Zögern. »Ich bin nicht der Typ, mit dem man ein bisschen plaudert, und plötzlich stehen die Hinweise aus dem Unbewussten greifbar vor mir. Ich weiß, was ich weiß, und zwar seit Jahren. Ich habe mich lange mit dem Fall beschäftigt und allem, was dazugehört.«
»Geben Sie dem Gespräch mit mir eine Chance.«
Erneute Pause.
»Sie sind sehr hartnäckig«, erklärte Simon Roth schließlich. »Nun gut, wir könnten gemeinsam essen. Ich hatte vor zu kochen – koreanische Küche. Was halten Sie davon?«
Gar nichts, dachte Sarah. »Das klingt großartig«, erwiderte sie schnell und biss sich auf die Unterlippe. »Wenn es nicht ganz so scharf ist«, fügte sie dann hinzu.
»Bulgogi, koreanisches Feuerfleisch, das man auch mild würzen kann, und Kimchi, dazu süße knusprige Pilze.«
»Großartig. Ich freue mich.« Das war eine glatte Lüge. Sarah konnte scharfes Essen nicht ausstehen, und die asiatische Küche war ihr, ehrlich gesagt, nicht geheuer. Da muss ich jetzt wohl durch, dachte sie und gab wenig später die Privatadresse von Simon Roth in ihr Navi ein.
Der Anwalt wohnte in der HafenCity im Dachgeschoss eines Apartmenthauses. Sarah bewunderte einen Moment den grandiosen Ausblick über den Hafen. Wie gut verdient ein Jurist mit Ende zwanzig, dessen Kanzlei sich mit Jugend- und Familienrecht befasst, erweitert um einen zusätzlichen Bereich zu Wirtschaftsrecht, dass er sich diese Wohnung leisten kann?, fuhr es ihr durch den Kopf.
