Böse Bürde - Jörg Jennrich - E-Book

Böse Bürde E-Book

Jörg Jennrich

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Beschreibung

Es brauchte seine Zeit, aber zum Segen nachfolgender Generationen, rappelten sich die traumatisierten Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf. Durch den Schutzmechanismus der Verdrängung kam der Wunsch nach einem glücklichen Leben zu streben schnell wieder zurück. Dieser positiven Entwicklung verdanke nicht nur ich mein Leben, sondern auch Monika, die weit weg von meinem Geburtsort Hamburg, im fernen Krojanke, zwei Jahre später geboren wurde. Als kleines, blondes, zartes Mädchen erlebte sie die Nachkriegszeit im ehemaligen Westpreußen unter der Herrschaft von Russen und Polen. Durch eine glückliche Fügung begegneten wir uns als Teenies. Aus dieser Zufallsbekanntschaft wurde eine Liebesbeziehung, die zur Heirat führte. Diese Familiensaga schildert wie wir und unsere Vorfahren, am Rande der großen Weltpolitik, die täglichen Aufgaben zur notwendigen, persönlichen Existenzsicherung meisterten.

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Seitenzahl: 292

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Jörg Jennrich, Monika Jennrich

Böse Bürde

Krieg, Flucht, Armut und Hamburg

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Nie wieder Krieg

Drei Glücksfälle

Wer ist meine Familie?

Berlin

Verfluchter Volkssturm

Olgas Tod

Kriegsende

Schutt, Asche, Verwesungsgeruch

Flucht

Neues Leben

Deutsche Mark

Behelfsheim

Der Kalte Krieg

Fahrt durch die Ostzone

Naturfutterstelle

Schulfähig

Es geht aufwärts

Ein Opel Kapitän

Wettrüsten

Mitte der 1950iger Jahre

Besuch in Moskau

Heimat Bramfeld

Das Pack aus dem Osten

Das Dorf Bramfeld

Tschüss Bramfeld

Mauerbau

Monika

Finkenwerder

Zuhause in Krajenka

Stanislaw

Neue Heimat

Badewannenvergnügen

Die 1960iger Jahre

Wehrdienst

Hochzeit

Epilog

Danksagung

Das Carepaket wird 70 Jahre

Impressum neobooks

Prolog

Böse Bürde

Krieg, Flucht, Armut und Hamburg

Familiensaga

Jörg Jennrich

Impressum

Texte: © Copyright by Jörg JennrichUmschlag: © Copyright by Jörg JennrichVerlag: Jörg Jennrich

Estebrügger Str. 4a21614 Buxtehude [email protected]

Druck: epubli,

ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Printed in Germany

“Dawai, dawai gitlerowskaja Suka“,

los, los hitlerische Hündin

brüllten die Sowjetsoldaten.

Dann kam es zur Tragödie.

Kampftruppen der Roten Armee nahmen sich ihre Siegesbeute. Sie rächten sich für die angerichteten Gräueltaten der Nazis in Russland.

Deutsche Frauen und Mädchen wurden in den östlichen, besetzten Gebieten gnadenlos vergewaltigt, zum Teil verschleppt und ermordet.

Mord, Raub, Plünderung und Zerstörung waren nun die Kriegsziele der Bolschewisten.

Die Welt schien aus den Fugen geraten zu sein. Das Reich war vom Feind besetzt.

Die Deutschen waren der Gnade oder Ungnade der Sieger ausgeliefert.

Die Sorgen der Menschen galten dem alltäglichen Überlebenskampf und dem Wohlergehen nächster Angehöriger, zu denen die Verbindung häufig abgebrochen war. Die Besiegten hatten allen Grund düster in die Zukunft zu schauen.

Der von dem Reichspropagandaminister Joseph Goebbels proklamierte “Totale Krieg“ endete mit einer katastrophalen Niederlage.

Das Land war in Schutt und Asche gebombt. Die Städte lagen in Trümmern. Die Versorgung der Bevölkerung fand nicht mehr statt.

“Kein Unrecht, und mag es noch so groß gewesen sein, rechtfertigt anderes Unrecht. Verbrechen sind auch dann Verbrechen, wenn ihm andere Verbrechen vorausgegangen sind!“

Roman Herzog Ehemaliger Bundespräsident

So absurd es klingen mag, aber durch die von den sowjetischen Soldaten angerichteten Gewaltexzesse veränderten unsere Mütter ihre Lebenssituationen. Diese Entwicklung verdanke nicht nur ich mein Leben, sondern auch Monika. Es brauchte seine Zeit, aber zum Segen nachfolgender Generationen, rappelten sich die traumatisierten Menschen nach dem Krieg wieder auf. Durch den Schutzmechanismus der Verdrängung kam der Wunsch nach einem glücklichen Leben zu streben schnell wieder zurück. Im Sog dieser Euphorie schenkten mir meine Eltern 1946 in Hamburg das Leben. Weit weg von meinem Geburtsort, im fernen Krojanke, erblickte dann zwei Jahre später ein kleines, blondes, zartes Mädchen das Licht der Welt. Es erlebte als Kind die Nachkriegszeit im ehemaligen Westpreußen unter der Herrschaft von Russen und Polen. Durch eine glückliche Fügung begegneten wir uns als Teenies in einer Hamburger Disco. Aus dieser Zufallsbekanntschaft wurde eine Liebesbeziehung, die zur Heirat führte.

Diese Familiensaga schildert wie Monika und ich in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, sowie unsere Eltern und Großeltern in ihren Epochen, am Rande der großen Weltpolitik, die täglichen Aufgaben zur notwendigen, persönlichen Existenzsicherung meisterten.

Nie wieder Krieg

Monika und ich sind nun schon im 50 Jahr verheiratet. Wir hatten das Glück unser bisheriges Dasein in Frieden leben zu dürfen. Voller Sorge und Unverständnis schauen wir auf die aktuellen Kriegsschauplätze dieser Welt und wundern uns, dass die Menschheit offenbar aus der Geschichte nichts gelernt hat. Die Weltpolitik führt weiterhin Kriege. Es wird gebombt, massakriert und getötet, anstatt sich ernsthaft um die dringend benötigten Maßnahmen gegen den bedrohlichen Klimawandel zu kümmern. Als Folge sind wieder Millionen von Menschen auf der Flucht. Der Wahnsinn nimmt kein Ende! Nie wieder Krieg von und auf deutschem Boden war die Hoffnung und das Ziel der von den Folgen gebeutelten Menschen . Die Bevölkerung sehnte sich nach einem friedvollen, respektvollen Leben. Zum Glück ist dieser Wunsch in der Bundesrepublik Deutschland in Erfüllung gegangen. Aber leider sind unsere Soldaten bei internationalen Konflikten wieder involviert und unsere Rüstungsindustrie lässt kein mögliches Geschäft aus, ihre Waffen in Krisengebiete zu veräußern. Dieses deutsche Verhalten könnte böse Folgen haben, wie es unsere Nation durch die Umstände und den Folgen des Ersten Weltkrieges schmerzlich erfahren musste. Unsere Familien haben diesen Wahnsinn erlebt. Man hat uns davon erzählt und die Nachkriegsereignisse haben wir als Kinder und Jugendliche eindrucksvoll selbst erfahren. Diverse Kriegsgeschichten aus dieser Ära wurden global beschrieben, große wie schlechte Staatsmänner, Prominente, Helden und andere wichtige Menschen kamen in Wort und Bild vor. Sie wurden gewürdigt oder verdammt. Die vielen namenlosen Menschen blieben mit ihren Schicksalen häufig unerwähnt. Hatte doch gerade diese Bevölkerungsgruppe, das einfache Volk, unendliche Armut und Leid, Verlust und Trauer zu ertragen. Millionenfache Schicksale könnten erzählt werden. Jedes einzelne hat eine andere Biografie, aber alle haben die gleichen Begleitumstände gehabt, nämlich die kaiserliche Vorgeschichte, der Erste Weltkrieg und den dann von den Nazis angezettelten unsäglichen Zweiten Weltkrieg sowie die daraus resultierende Nachkriegsarmut. Vieles ist bereits in Vergessenheit geraten. Ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit entschlossen wir uns die Ereignisse aus unseren Familien bis in die 1960iger Jahre, wo sich ein positiver, politischer Wandel in der Bundesrepublik Deutschland bemerkbar machte, zu erzählen. Daten und Fakten, die sich uns besonders eingeprägt haben, sollen als Erinnerung und zur Mahnung für die nachfolgenden Generationen aus dieser Zeit der bösen Bürde, wie wir sie empfanden, offen und ohne Schamgefühl benannt werden.

… “Deutschland, Deutschland über alles,

ohne Butter, Brot und Speck,

selbst das bisschen Marmelade

frisst uns die Besatzung weg“…

Als wir Kinder mit diesem sarkastischen Text die deutsche Nationalhymne verunglimpften, waren die größten Hungersnöte nach dem Zweiten Weltkrieg zum Glück schon vorbei. Symbolisch war dieser Text aber für die entbehrlichen, vorangegangenen Jahre. Wobei die menschenunwürdige Nazizeit und dann die Nachkriegsarmut den betroffenen Menschen trotzdem noch lange in den Knochen steckte. Viel tiefer in der Seele waren aber die Kriegsnarben präsent, die den Menschen ein Leben lang an das scheußliche Erlebte erinnerten. So wie bei meinen älteren Geschwistern, die auf dem Schulweg von amerikanischen Jabo-Tieffliegern angegriffen wurden. Sie verkrochen sich in den Straßengraben und hatten sich vor Todesängsten die Hosen vollgeschissen und vollgepisst. Die Vernichtung der deutschen Zivilbevölkerung war das verheerende, tödliche Kriegsziel der Alliierten. Diese elende Zeit zum Ende des Zweiten Weltkrieges spitzte sich noch einmal zu, als die Sowjets kamen. Sie kamen nicht als Befreier vom Faschismus, wie es später von den Russen propagiert wurde, sondern als Revanchisten. Sie mordeten, raubten, plünderten und fielen ohne Gnade, wie Bestien, über hunderttausende Frauen, ob jung oder alt, her. Dieses traurige Schicksal mussten auch meine damals 15-jährige Schwester und meine Mutter ertragen. Sie wurden von den Sowjetsoldaten auf bestialische Weise vergewaltigt. Diese und andere grausamen Erlebnisse haben bei den überlebenden Betroffenen ein furchtbares, lang anhaltendes Trauma hinterlassen. Sie erlebten ihre Folter wie eine gewaltige Explosion mit einem riesigen Blitz und dann den Fall in ein nicht enden wollendes schwarzes Loch. Diese Familiensaga soll einfach erzählt dazu beitragen der heutigen, jungen, unbeschwerten Generation die Umstände der Nazizeit und deren Folgen von Krieg und Vernichtung in Erinnerung zu rufen und vor deren Folgen zu warnen. Nicht nur wir Kinder, auch viele Erwachsene mussten das Leben wieder leben lernen. Besonders die Menschen mit den Kriegserinnerungen standen in der Nachkriegszeit unter einer starken psychischen und physischen Belastung. Sie wachten praktisch auf verbrannter Erde wieder auf. Man konnte nicht einfach zum Arzt gehen, um sich von seinem “Burnout“ heilen zu lassen. Nein, jeder für sich musste ums Überleben kämpfen und diese Zeit als Herausforderung für ein zukünftiges, friedvolleres, besseres Leben annehmen. Aus solchen Familien sind auch Monika und ich entsprungen. Bedeutungslos, zwei unter Vielen.

Drei Glücksfälle

Mein Leben fängt allerdings mit drei Glücksfällen an. Der erste Glücksfall war, dass ich zwar, so bildete ich es mir immer ein, ungeliebt von meiner Familie, aber anders als meine Geschwister, nach dem Ende des Krieges geboren wurde. Der zweite Glücksfall war, dass ich als Baby gesund war und nicht erfroren und verhungert bin. Das Licht der Welt erblickte ich allerdings in einem zerstörten Land, dass auf der Konferenz von Jalta schon vor Kriegsende im Februar 1945 durch die Staatschefs von Russland, Amerika und England in vier Besatzungszonen mit einem Alliierten Kontrollrat aufgeteilt worden ist. Auf der Potsdamer Konferenz, nach der Kapitulation der deutschen Streitkräfte am 08. Mai 1945, wurde dann wiederum durch die Mächtigen aus Russland, Amerika und England in der Zeit vom 17. Juli bis zum 02. August 1945 die Neuordnung Deutschlands verabredet. Kernpunkte waren die Entnazifizierung, die Demokratisierung und die Entmilitarisierung sowie die Umgestaltung des gesamten gesellschaftlichen Lebens in Deutschland. Uneinigkeit herrschte über die Frage von Gebietsansprüchen Polens und der Massenaustreibung deutscher Bürger aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Nachdem von den Sowjets die geschaffenen Fakten über die deutschen Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie weiter zementiert wurden, zerbrach das Bündnis der Mächte, die gemeinsam das nationalsozialistische Deutschland niedergerungen hatten. Zu groß waren die Differenzen zwischen den Weltmächten, wenn es um die zukünftige ideologische Ausrichtung von Deutschland ging. Eine angestrebte Friedenskonferenz kam dadurch nach dem Krieg nicht mehr zustande. Zu der Zeit lebten wir auf einem Pulverfass im Würgegriff des Ost-West-Konfliktes. Die imperialistischen, alliierten Westmächte USA, England und Frankreich standen nun plötzlich der kommunistischen Sowjetunion feindlich gegenüber. Die Iran-Krise war dann der Ausgangspunkt des Kalten Krieges. Der Präsident der Vereinigten Staaten, Harry S. Truman, drohte im Frühjahr 1946 Stalin mit ernsthaften Konsequenzen bis hin zum Einsatz von Atomwaffen, wenn die Sowjetunion ihre Truppen nicht aus dem Iran abzöge. Die Deutschen waren jedoch kriegsmüde, arrangierten sich mit der Teilung ihres Vaterlandes in vier Besatzungszonen und schauten nach vorne. Die Amerikaner entwickelten für die europäischen Länder einschließlich Deutschlands den Marshallplan. Auslöser für die Wirtschaftshilfe war der beginnende Kalte Krieg und der damit befürchtete Einfluss der Sowjetunion und des Kommunismus bei der notleidenden und teilweise hungernden Bevölkerung in Europa.

Mein dritter Glücksfall war die Flucht meiner Familie aus dem sowjetisch besetzten Teil Ostberlins nach Hamburg-Bramfeld in den Bereich der britisch besetzten Zone. So wurde ich unter der Obhut der Briten in dieser hanseatischen Hafenstadt geboren, wo man bemüht war eine Demokratie zum Wohle der Bevölkerung aufzubauen. Zuversicht ließen die Demütigungen des erlebten Kriegs- und Nachkriegstraumas nach und nach schwinden. Diese Sehnsucht hatten auch die Deutschen, die im vormaligen Westpreußen die Nachkriegszeit unter polnischer und russischer Besatzung ertragen und erleiden mussten. Bei einigen dieser deutschen Aussiedlerfamilien brauchte es allerdings mehr als ein Jahrzehnt bis sie ihren Traum von Freiheit erfüllt bekamen. Aus so einer Familie stammt Monika, deren Nachkriegsgeschichte ebenso aufregend war wie meine. In meiner Familie und in unserem Umfeld löste sich in den fünfziger Jahren allmählich die Starre der Verbitterung. Man fing an die erlebten Grausamkeiten zu verarbeiten und den Blick nach vorne zu richten. In eine bessere Zukunft. Die Erinnerungen an Fliegeralarme, Bombennächte, Einmarsch, Todesangst, Vergewaltigung, Demütigungen, Flucht, Hunger, Elend, Tod und Trauer wurden langsam verdrängt von neuem Mut zu LebenswilleundLebensfreude. Durch den Verlust von allem Hab und Gut waren die täglichen Entbehrungen noch tiefgreifend im Alltag zu spüren. Es begann eine spannende Zeit des Wiederaufbaus. Millionen von Frauen im Alter von 15 bis 50 Jahre wurden als Trümmerfrauen zwangsverpflichtet. Diese Heldinnen schufteten sich durch die Berge von Bauschutt der zerbombten Gebäude, um Raum und Material für den Neubau von Wohnungen zu schaffen, das dringend benötigt wurde. Denn im Krieg waren etwa vier Millionen Wohnungen und zahlreiche Fabriken in Deutschland durch die alliierten Luftangriffe zerstört worden. Schätzungen zufolge gab es in Deutschland nach Kriegsende mehr als 400 Millionen Kubikmeter Schutt. Auf die primitivste Weise, kaum mit schwerer Technik, wurden die Trümmerteile mit Spitzhacken oder Hämmer soweit zerkleinert, dass die Ziegelsteine gesäubert für Reparaturen oder Neubauten wiederverwendet werden konnten. Mit dem neuen Mut der Verzweiflung und mit der Hilfe von den westlichen Alliierten wurden Strukturen geschaffen, um die bittere Not der Nachkriegsarmut zu bekämpfen. Ganz langsam fruchtete das Engagement der Deutschen. Der Wiederaufbau der zerstörten Städte begann. Teilweise nutzte man die Situation zu einem radikalen Neuanfang. Auch meine entwurzelte Familie aus Berlin bemühte sich in der neuen Heimat, ohne den Einheimischen zur Last zu fallen, ein neues Leben zu beginnen und man wagte auch schon einmal von etwas Schönem zu träumen.

Wer ist meine Familie?

Im Februar 1955, ich war 8 Jahre alt, beschäftigte mich eines Nachts ein heftiger Traum. Der triste Alltag war mir zu öde. Als kleiner Bruder wollte ich einmal ein spannendes Abenteuer erleben. Die mahnenden Gesichter meiner älteren Brüder kamen mir in Gedanken als hässliche Fratzen immer näher. Aus ihren Mündern sprudelte es nur so von Beschimpfungen und beleidigten Erniedrigungen. Sie machten mich nieder, der Traum wurde zum Alptraum. Schweißgebadet wurde ich wach. Allerdings lagen diese Motzköpfe, anders als ich es mir im Schlaf vorstellte, friedlich auf ihren klapprigen Eisenbetten in unserem Zimmer und schliefen. Bitterkalt und stockdunkel war es. Ich hörte nur das leise Atmen der Schlafenden. Ein heftiges Magengrummeln war der Grund meiner saublöden Panikattacke. Mir war unwohl. Zum Anlass der Geburtstagsfeier meiner Mutter aßen wir zur letzten Mittagsmahlzeit Berliner Küche. Gekochte Blut- und Leberwürste lagen auf dem Teller. Als Beilage gab es Sauerkraut und Quetschkartoffeln überzogen mit ausgelassenem Speck. Dieses Gericht schmeckte sehr lecker, war aber für meinen empfindlichen Magen- und Darmtrakt einfach zu fettig.

Das rächte sich nun. Der Durchfall kündigte sich mit heftigen Magenkrämpfen an. Ich musste noch einmal raus zum Klo. Raus im wahrsten Sinne des Wortes. Es war wohl schon Mitternacht vorbei. Vorsichtig kroch ich aus meinem Bett um bloß keinen Lärm zu machen. Ich durfte meine Brüder nicht wecken. Schließlich mussten alle morgens wieder früh aufstehen um entweder zur Arbeit oder zur Schule zu gehen. Leise schlich ich mich im Dunkeln aus dem Zimmer, zog mir in der Küche meine Gummistiefel an und verließ das Haus. Denn unser Plumpsklo, auch Donnerbalken genannt, befand sich weit hinter unserem Wohngebäude, abseits im Dunklen, des Nachts geheimnisvoll anmutenden Garten. Die zweistelligen Minustemperaturen sorgten in diesem fiesen, vereisten Winter dafür, dass sich schon seit längerer Zeit die Eisblumen an den Fensterscheiben unseres Behelfsheimes in ihrer schönsten kunstvollsten Pracht zeigten. Nur im Pyjama bekleidet, mit meinen Gummistiefeln an den Füßen, stampfte ich, widerwillig, frierend durch den hohen Schnee, der sich im Garten seit einiger Zeit immer mehr und höher auftürmte. Gespenstige Geräusche und gruselige Mondschatten prägten nachts, in der damaligen dünnbesiedelten Gegend am Rande des Dorfes Bramfeld die Szene. Hinter jeder Ecke vermutete ich eine böse, finstere, skrupellose Gestalt.

Mein Darm meldete sich mit ernsthaften Attacken. Es wurde höchste Zeit, dass ich alsbald das Örtchen der Glücksseligkeit erreichen würde, sonst wäre alles in die Hose gegangen. Als ich endlich am Schuppen angekommen war, öffnete ich mit großer Sorge, dass sich hoffentlich im Inneren niemand aufhält, der mir Gewalt antun könnte, die marode Tür. Knarrend und quietschend bewegte sie sich schwerfällig in den Raum hinein. Der starke Wind rüttelte heftig an den Holzwänden und aufgepeitschter Schnee drängte sich durch die Ritzen und den Spalten der Außenbretter. In dieser baufälligen Bretterbude waren neben Gartengeräten, Kohlen und anderem Krimskrams auch unsere Hühner und unser Klo untergebracht. Für mich war es hier im Dunkeln ein Horrorort. Nachdem es mir nach einigen Versuchen geglückt war mit einem Streichholz eine Kerze anzuzünden, um ein wenig Licht in der Dunkelheit dieser Hölle zu haben, sah ich, dass sich der Schnee inwendig als Teppich niedergelassen hatte. Auch die Sitzfläche vom Klo war weiß überzogen. Ein besorgter, vorsorglicher Blick, bei Kerzenschein, in die Tiefe des Kackeimers und drum herum war mir sehr wichtig und notwendig, um mich davon zu überzeugen, dass dort kein Vieh lauerte und etwa auf die Idee käme mich zu beißen, denn Ratten und anderes Ungeziefer suchten hier auch Schutz vor der Kälte. Besonders Marder schlichen sich immer wieder in unseren Stall, um die Hühner zu killen. Nachdem ich den Sicherheitscheck durchgeführt und den Schnee von der Sitzfläche der Klobretter entfernt hatte, saß ich nun zitternd, nicht nur vor Angst, sondern auch vor der scheußlichen Kälte, auf dem Klo. Der Darm wollte es so, dass ich einsam und allein dieser Situation ausgesetzt war. Kein Familienmitglied dachte daran, mich in der späten Stunde meiner Not zu begleiten und zu beschützen. Hätte ich Schwäche gezeigt, wäre ich obendrein noch als Angsthase verspottet worden. Gespenstiges, lautes Hundegeheul, als ob Wölfe jaulten, war aus der Ferne zu hören. Aus dem nahen Hühnerstall konnte man unruhiges Scharren vernehmen. Die Gummistiefel baumelten nun nervös unter den heruntergelassenen Pyjamahosenbeinen, während ich bemüht war mein Geschäft schnellstens zu erledigen. Jedoch der Durchfall brauchte seine Zeit. Hoffnungsvoll bald fertig zu sein, rieb ich ängstlich am Klopapier, wie damals üblich, ein Blatt einer in Stücke gerissenen alten Bildzeitung. Dieses Groschenblatt, wie es der Volksmund in der Zeit nannte, weil eine Zeitung 10 Pfennige kostete, bekam zum Schluss seiner Existenz noch eine bedeutende Aufgabe. Um mich von meinem Elend abzulenken, schaute ich mir im Kerzenschein das Stückchen Papier genauer an. Voller Begeisterung sah ich, als begnadeter Knabenfußballer, mit einer eigenen ansehnlichen Torquote, schemenhaft auf diesem Fetzen ein Bild mit Fußballern von meinem Hamburger Sport Verein. Für einen Moment waren meine fürchterlichen Ängste wie weggeblasen. Ich schwärmte kurz vom Fußball und träumte davon auch einmal meiner Lieblingself im Stadion zuschauen und zujubeln zu können. Für mich war klar, sollte ich es von hier wieder lebend ins Haus und bis in mein Bett schaffen, werde ich alles daran setzen, mir im kommenden Frühjahr ein Spiel vom Hamburger SV, im Stadion am Rothenbaum, mit meinem Idol, dem Jungstar und Mittelstürmer Uwe Seeler, anzusehen. Ich schaffte es auch diesmal wieder unversehrt, allerdings mit dem Abdruck des verschmierten Spielerbildes am Po, zurück in mein Bett. Diese in all den Jahren notwendigen, nächtlichen, voller Angst und Panik absolvierten Plumpsklobesuche, entwickelten in mir eine gewisse Entschlossenheit, Dinge anzupacken, die sich nicht jeder traute. Bewusst wurde mir dieser Mut aber erst später. Mit dem baldigen Besuch beim HSV war für mich das Unmögliche abgemacht.Allerdings ahnte ich schon, alleine ins Stadion zu fahren, würde mir nie und nimmer erlaubt werden. Da brauchte ich meine Eltern gar nicht erst zu fragen. Dass ein älterer Bruder oder mein Vater mich, den Hamburger Nachzügler, dahin begleiten würden, war genauso undenkbar. Ich wusste schon, welche Antwort ich bekommen hätte. “Du bist viel zu jung, hast eh keine Ahnung vom Fußball, schade um das teure Eintrittsgeld“.Ich musste das also alleine durchziehen. In der Enge, in der wir wohnten, war es allerdings schwer Geheimnisse zu verbergen. Not macht erfinderisch, es war mir tatsächlich gelungen meine Vorbereitungen zum Stadionbesuch, der Familie geschickt zu verheimlichen.Der Erwerb einer Eintrittskarte war für mich als Mittelloser eine teure Angelegenheit. Ich bekam ja kein Taschengeld. Wer bekam damals schon Taschengeld? Also musste ich mir etwas einfallen lassen.Als Lösung kam für mich Schrottsammeln in Betracht.Wochenlang habe ich dann täglich nach Altmetall gesucht. Bis ich genug ergattert hatte, wurde das kostbare Gut sorgsam von mir in einem Versteck gebunkert. Den Schrotthöker kannte ich von früheren Sammelaktionen mit meinen älteren Brüdern.Als ich annahm endlich genug gesammelt zu haben, konnte ich das Zeug dann dort verkaufen.Bei der Abgabe meiner kostbaren Fracht wurde ich mit Sicherheit von dem Schrottganoven übers Ohr gehauen, aber der Erlös reichte trotzdem. Gerade noch rechtzeitig zum letzten Heimspiel in der Oberligasaison 1954/55 am Sonntag, den 24. April 1955, konnte ich mir von dem verdienten Geld die ersehnte Eintrittskarte kaufen. Mein HSV war schon Meister und musste im letzten Heimspiel gegen die Elf von Göttingen 05 antreten. Dann war er da, mein großer, ersehnter Tag. Mein erster Besuch beim HSV stand an. Ich war sehr angespannt. Ich hatte ja keinen blassen Schimmer, was mich im Stadion am Rothenbaum so erwartet. Denn mein Wissen lag bei null. Im Frühjahr 1955 hatten wir natürlich auch noch keinen Fernseher. Meine Kenntnisse über den Oberligafußball holte ich mir Sonntagabends aus dem Radio. Dann hockte ich immer vor unserem Volksempfänger. Denn nach den 19.00 Uhr-Nachrichten auf NWDR und dem Aufruf an die Hafenarbeiter sich am nächsten Morgen in der Admiralitätstraße zu melden, weil soundso viel Arbeiter benötigt wurden, folgten dann die Sportmeldungen; meist zuerst aus Köln und dann aus Hamburg. Voller Spannung hörte ich mir dann die Spielergebnisse an und freute mich, wenn mein Verein gewonnen hatte. Es war ein Sonntag, ich verabschiedete mich von meiner Mutter mit der Notlüge, dass ich, wie häufiger am Sonntag, zum Bramfelder Sportplatz ginge, um mir ein Fußballspiel anzusehen. Hier in der Ersten Herren spielten Kuddl Dedecke als Mittelstürmer und Harry Kakutsch im Tor. Sie waren für uns Kinder auch schon Idole, zumal Harry uns häufig geholfen hat auch ohne zu bezahlen am Kassenhäuschen vorbei auf den Sportplatz am Diekstücken zu kommen. Aber die richtigen Fußballgrößen waren natürlich die Spieler vom Hamburger Sportverein. Von Bromfeld geiht de Strootenbohn. Diese Aussage hörte ich häufiger von den plattdeutsch sprechenden Alt- Bramfeldern. Ich dachte dann immer, sie meinten, wenn du die Welt kennenlernen möchtest, dann setz dich in die Straßenbahn und fahr los. Das habe ich dann auch gemacht, obwohl mir doch ganz schön mulmig zu Mute war, als ich zum ersten Mal alleine in der Straßenbahn der Linie 9 saß und in Richtung Hamburger Innenstadt fuhr. Das Abenteuer, zum Stadion zu fahren, musste ich jetzt durchziehen. Es war in mir eine Mischung aus Neugier, Vorfreude und schlechtem Gewissen. Nach einiger Zeit erreichten wir mit dem Rhabarber Express. So nannte man liebevoll unsere Linie 9, weil sie in Bramfeld an vielen Rhabarberfeldern vorbei fuhr, den Bereich der Hamburger Straße. Dort lagen noch bis 1953 große, hässliche Trümmerberge, der von den Alliierten Bombern im Zweiten Weltkrieg zerbombten Wohnblöcke. Immer wenn ich mit meiner Mutter mit der Straßenbahn dort vorbei kam, erzeugte der Anblick dieser Ruinen in mir Angstzustände und es lief mir ein kalter Schauder über den Rücken. Hier hatten die Alliierten 1943 mit der Operation Gomorrha beim dritten Großangriff einen verheerenden Bombenabwurf durchgeführt. Viele tausend Menschenopfer waren zu beklagen. Insgesamt sollen fast 37.000 Opfer, darunter viele Kinder, Frauen, alte Menschen, durch das Bombardement vom 24. Juli bis zum 03. August 1943 in Hamburg ums Leben gekommen sein. Die Perversion der Alliierten die Bombardierung durch eine Mischung von Luftminen, Spreng-, Phosphor- und Stabbrandbomben durchzuführen galt allein dem Ziel zur Vernichtung der Zivilbevölkerung. Denn deutsche Fabriken zu zerbomben, machte in britischen Kriegsüberlegungen keinen Sinn, weil diese vom Gegner einfach wieder aufgebaut würden. Tote Arbeiter könnten so schnell nicht ersetzt werden. Wenn dabei auch noch Frauen und Kinder krepierten, umso eher, dachten die Alliierten, wäre der Kriegswillen der deutschen Naziherrschaft und deren Volk gebrochen. Die restlichen, zertrümmerten Mauerreste, die dort auf dem freien Gelände noch viele Jahre lagen, erinnerten mich auch gleichzeitig immer an Berlin. Dort war ich nach dem Ende der Berliner Blockade zwischenzeitig häufiger zu Besuch bei meiner Oma Pauline, der Mutter meiner Mutter, im Westteil der Stadt. Sie wohnte in einem Mehrfamilienhaus, wobei die eine Hälfte des Hauses nur noch eine unbewohnbare, zerbombte Ruine war. Hier in Berlin waren noch viel, viel mehr Trümmer an den Straßenzügen als Relikt des Zweiten Weltkrieges zu sehen. Diese grausamen Ruinenbilder werde ich wohl zeitlebens nie vergessen. Schon damals als Kind war mir klar, in den Trümmern starben sehr, sehr viele Menschen und der Krieg ist grausam und kann nur von Wahnsinnigen gewollt sein. Die Bahn juckelte derweil weiter, an Mundsburg entlang, quälte sich durch die enge Straße Lange Reihe in Richtung Innenstadt zum Hauptbahnhof. Bimmelte sich durch die Mönckebergstraße, bevor sie den großen Platz am Rathaus überquerte. Sie fuhr dann weiter über den Jungfernstieg am Alsterhaus vorbei. Nachdem sie dann den Gänsemarkt passierte, erreichte sie den kaiserlichen Dammtorbahnhof. Weiter durch den Mittelweg rumpelte die Straßenbahn über Winterhude dann ihrem Endziel, dem Hamburger Flughafen, entgegen. Ich bin dann allerdings schon am Mittelweg, in Höhe der Hallerstraße, ausgestiegen. Hier konnte man schon den Rummel und das Drum und Dran der Fußballveranstaltung spüren. Meine Stimmung hellte sich auf. Voller Erwartungen machte ich mich auf den Fußweg ins Stadion am Rothenbaum. Auf diesem Sportplatz spielte mein HSV in dieser Zeit seine Heimspiele aus. Von weitem war die Arena schon sichtbar. Ein für mich imposantes, großes Etwas, eben ein Stadion mit Tribünen, Kassenhäuschen, Wurst- und Bierständen, wehenden Fahnen und einer Lautsprecheranlage, deren Durchsagen man bis weit nach außerhalb hörte. Als ich endlich am Eingang zum Stadion beim Kartenabreißer angekommen war, merkte ich, dass das Spiel schon angepfiffen war. Schnell bin ich über die Treppe zur Plattform der Stehplätze hochgestiegen. Doch was sah ich dann, kein Spielfeld und keine Spieler. Meine Enttäuschung war riesengroß, denn eine nicht endende, undurchdringbare Menschenwand baute sich vor mir auf. Erwachsene Männer, alle mit Hut und breiten Schultern standen dort grölend und beobachteten das Spiel von meinem HSV. Nur ich konnte nichts sehen. Nun stand ich als kleiner Steppke traurig dahinter. „Bin einfach zu spät angekommen. So ein Mist“, dachte ich. Es schien aussichtslos zu hoffen, dass irgendwer auf die Idee käme, Erbarmen mit mir zu haben, um mich durch diese Menschenmauer nach unten durchzulassen. Eine Lösung musste her. Vorerst blieb mir nur vorbehalten, die Zuschauer zu beobachten. Ich schaute mir das Geschehen sozusagen von hinten an und beobachtete die Männer, wie sie mit dem Spiel und ihren Spielern miteiferten, sie beklatschten und die gegnerischen Spieler ausbuhten. Dabei tranken viele Bier und im Laufe der Zeit merkte ich, dass die Menschenmauer brüchig wurde. Die Leute hatten wohl doch schon das eine oder andere Bier intus und mussten nun pinkeln gehen. Das Bollwerk der Menschenmasse wurde durchlässig. Das war meine Chance, so konnte ich mich durch die Massen drängeln, musste mir dabei allerhand blöder Sprüche anhören, wie: „Na Mittagsschlaf zu Ende und hast du frische Windeln an, du Grünschnabel!“ Ich schaffte es, trotz aller Demütigungen, bis nach unten und stand nun hinter dem Tor mit voller Sicht auf das Spielfeld. Mein Traum wurde wahr. Ich hatte es geschafft, konnte nun mein Idol Uwe Seeler sehen. Leider wurde er gerade gefoult. Mit schmerzverzerrtem Gesicht lag er am Boden. Die Zuschauer pfiffen den Gegner aus. Doch Uwe rappelte sich wieder auf und das Spiel ging weiter. Kurze Zeit später rächte sich ein robuster HSV-Abwehrspieler mit einer rüden Grätsche an dem fiesen, gegnerischen Rubber, der dann zu Fall kam und mit einem lauten Schrei den Rasen umpflügte. Das Stadion flippte vor hämischer Freude aus. Zum Spielschluss jubelten die Zuschauer begeistert. Sieg, Sieg, Sieg. Mein HSV gewann natürlich das Spiel sicher und gekonnt mit 4:0. Das war es, hautnah dabei, beim Oberligafußball, nahe meinem Idol. Welch ein schönes Gefühl. Ich genoss den Augenblick in vollen Zügen. Mein erträumtes Abenteuer ging gerade in Erfüllung. Davon hätte ich gerne mehr erlebt. Im Übrigen verlor der HSV sein letztes Punktspiel dieser Oberliga Nord Saison 1954/55 ausgerechnet gegen den Stadtrivalen Altona 93 mit 3:2. In dieser Mannschaft spielte zu der Zeit Uwes älterer Bruder Dieter. Als Tabellenerster schloss der HSV die Saison souverän mit 47:13 Punkten und 108:41 Toren vor der Elf von Bremerhaven 93, Altona 93 und Werder Bremen ab. Somit wurde die Mannschaft unter dem neuen Trainer Martin Wilke zum 17. Mal Norddeutscher Meister und erreichte die Endrunde zur Deutschen Meisterschaft. Der Trainer und der Jugendtrainer Günther Mahlmann schafften in der zurück liegenden Saison den Umbruch mit neuen Spielern, die in die Ligamannschaft geholt wurden. Neben Uwe Seeler kamen dazu auch die talentierten Nachwuchsspieler Klaus Stürmer und später Jürgen Werner und Gerd Krug. Uwe Seeler und Klaus Stürmer schossen sich gleich mit vielen Toren in die Herzen der Anhänger. Die Norddeutsche Torschützenkönigskrone musste sich allerdings Uwe Seeler mit dem damaligen, älteren Sturmpartner Günter Schlegel mit jeweils 28 erzielten Pflichtspieltoren teilen.

Deutscher Meister wurden sie damals leider nicht. In den Gruppenspielen belegte der HSV nur den zweiten Tabellenplatz, hinter der dem 1. FC Kaiserslautern. Rot-Weiß Essen holte sich, mit dem Nationaltorhüter Fritz Herkenrath und dem Weltmeister Torschützen von 1954, Helmut Rahn, diese Würde. Als Erster der Gruppe 2 besiegte die Mannschaft am 26. Juni den hohen Favoriten 1. FC Kaiserslautern im Endspiel im Niedersachsenstadion Hannover mit 4:3. Das war schon eine Sensation, gegen die „Walter Elf“ aus der Pfalz, die mit fünf Weltmeistern von 1954 antrat, zu gewinnen. Die von mir geliebte HSV-Mannschaft wurde erst in der Saison 1959/60 wieder Deutscher Meister. Sie gewann nach einem großen Kampfspiel mit 3:2. Mit seinem zweiten Treffer in der 87. Minute sicherte Uwe Seeler den Sieg gegen den 1. FC Köln. Den dritten Treffer für den HSV gelang Linksfuß Gert, genannt Charly, Dörfel, in der 79. Minute zum zwischenzeitlichen Spielstand von 2:1. Berauscht vor Glück machte ich mich nach dem Spiel auf die Socken, um nach Hause zu fahren. Nachdem ich mich in die Büsche verschlagen hatte um auch erst mal zu pinkeln, stieg ich an der U-Bahnhaltestelle Hallerstraße in die Hochbahn. Nach Spielschluss wollten natürlich alle Fans gleichzeitig den Heimweg antreten. Es herrschte ein riesiges Gedränge auf den Treppen zum Bahnhof und unten auf dem Bahnsteig. Zeitweilig hatte ich Angst, dass ich zerquetscht würde, mir blieb bei diesem Geschiebe die Luft weg. Aber irgendwie habe ich es geschafft in eine U-Bahn zu gelangen, die mich, mit einmal Umsteigen in der Kellinghusenstraße, nach Barmbek brachte. Hier musste ich noch einmal in die Straßenbahn umsteigen. Glücklich und zufrieden saß ich nun wieder in der Linie 9, die mich dann in unser Dorf zurück schaukelte. Ich hatte einen Sitzplatz und schaute mir aus dem Fenster die vorbeigleitende Gegend an. Es spiegelte sich mein Gesicht in der Scheibe und da sah ich mich stolz sitzen. Ich, der kleine Furz, hatte es geschafft, unbeschadet meinen ersten Stadionbesuch beim HSV am Rothenbaum zu erleben. Einige Szenen des Fußballspiels mit Uwe Seeler und Klaus Stürmer huschten in meinem Gedächtnis noch einmal vorbei. Uwes Kopfballspiel, Klaus Pässe, einfach genial. Ich stellte mir vor, auch einmal so ein guter Fußballballspieler zu sein, um dann in einer Mannschaft wie dem HSV oder Real Madrid, den „Königlichen“ spielen zu dürfen. Dort spielte damals der argentinische Alfredo Di Stefano als Mittelstürmer. Er galt als Ausnahmefußballer, wegen seiner Torgefährlichkeit. Seine überraschenden Vorstöße in den gegnerischen Strafraum stellten nahezu jede Abwehr vor größte Probleme. Gleich in seiner ersten Saison für den Klub 1953/54 erzielte er 27 Treffer. Von den Fans bekam er den Beinamen „Die Lanzenspitze“. Real feierte nach 21 Jahren wieder die spanische Meisterschaft. Meine freudige Fantasie überwältigte mich. Je näher ich allerdings nach Hause kam, umso mehr schwand meine Glückseligkeit. Wegen der Notlüge gegenüber meiner Mutter hatte ich ein ungutes Gefühl im Bauch und ein schlechtes Gewissen im Kopf. Ich machte mir schon Sorgen, ob mein Ausflug ein gutes Ende nehmen würde. Besonders nachdenklich wurde ich in dem Moment, als die rumpelige Straßenbahn auf dem Heimweg durch die Fabriciusstraße fuhr und an der Haltestelle Seehof quietschend anhielt.

Hier am schönen Bramfelder See führte die Seehofstraße durch ein Tor auf den Ohlsdorfer Friedhof. Als ich das riesige schmiedeeiserne Eingangstor erblickte, erinnerte ich mich an einen für mich prägenden, traurigen Besuch 1950 mit meiner Mutter, auf diesem großen Friedhof. Nach der Übersiedelung im November 1945 aus dem russischen Sektor von Ost-Berlin nach Hamburg in die Britische Besatzungszone, wohnte meine Familie in ärmlichen zwei Zimmern in einem bäuerlichen Nebengebäude im Dorf Bramfeld an der Teichstraße, direkt gegenüber vom Alten Teich. Der Ort gehörte seit 1867 zum Kreis Stormarn im preußischen Schleswig-Holstein. 1937, in der Nazizeit, kam der Bereich als Stadtteil im Zuge des Groß-Hamburg-Gesetzes zu Hamburg. Nach dem ersten Weltkrieg war hier das größte Gemüseanbaugebiet nach den Vier- und Marschlanden. Die Kohl- und Rhabarberfelder, die sich zu beiden Seiten der Bramfelder Chaussee von der Barmbeker Grenze bis zur Ortsmitte bei der Osterkirche erstreckten, waren für einige Jahrzehnte dessen Markenzeichen.

Von der Unterkunft, eines ziemlich runtergekommenen Reetdachhaus, war es für meine kurzen Beine schon ein weiter, beschwerlicher Wanderausflug bis zum Ohlsdorfer Friedhof. Wir wollten dort, so sagte es mir meine Mutter, meine Schwester Barbara besuchen.

Der Ohlsdorfer Friedhof wurde am 01. Juli 1877 eingeweiht und ist mit 391 Hektar der größte Parkfriedhof der Welt. Über das gesamte Areal verteilen sich 235.000 Grabstätten. An einem schönen Sommertag nahm mich also meine Mutter an die Hand, um mit mir dorthin einen Spaziergang zu machen. Entlang der Straßenbahngleise, der Linie 9, die ab 1948 von hier über Barmbek in die Hamburger Innenstadt führte, gelangten wir zum Friedhofseingang Seehof am Bramfelder See, an dessen Nordufer der Hauptfriedhof Ohlsdorf grenzt. Dieser See, ein Fleckchen Paradies, früher als “Neuer Teich“ bezeichnet, ist deutlich größer als der “Alte Teich“ . Durch den Bau einer Schleuse zur heutigen Seebek trug dieser See seinen Teil zur Bewässerung der örtlichen Gemüseanbauflächen bei.

Die Sonne strahlte durch die Blätter der großen Bäume, die am Rande der Allee standen.

Meine Schwester “wohnte“- so hatte man mir es als Kind erklärt - schon ziemlich weit weg auf dem Friedhof. Die Lust zum Laufen war bei mir aufgebraucht und ich wollte und konnte nicht mehr. Kantstein rauf, Kantstein runter hopste ich widerwillig die Straße entlang. Meine Mutter sang mit mir das Kinderlied Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein. Sie wollte mich ermutigen, den letzten Kilometer Fußweg auch noch zu schaffen. Der Friedhof sah für mich wie ein schöner Park aus. Die Eichhörnchen kletterten übermütig die Bäume rauf und runter. Sie waren putzig und lustig. Es sah alles so still und friedlich aus, aber für mich war es auch irgendwie unheimlich. Als wir dann die Hauptstraße verlassen hatten und über einen schmalen Weg zu einer Stelle kamen, wo ein einfaches Holzkreuz stand, hatte sich diese komische Stimmung in mir abrupt verstärkt. Ich wurde ganz still und nachdenklich. Hier wohnte sie, meine Schwester Barbara, im Grab. Sie war das fünfte Kind unserer Familie und wurde nicht einmal vier Jahre alt. Während der Flucht vor den Russen erkrankte die Arme an Diphtherie. Ohne Medikamente endete diese Infektionskrankheitfür sie am 14.12.1945, wenige Wochen nach der Ankunft in der neuen Heimat, tödlich. In Erinnerung an ihre Tochter fing meine Mutter hemmungslos an zu weinen. Ihre Trauer war mir vorher nie so bewusst gewesen. Ich stand geschockt neben ihr, denn ich konnte mit meinen drei Jahren ihre Gefühle nicht deuten. Nach einer Weile nahm sie mich in den Arm und wir trösteten uns gegenseitig. Meine Mutter blieb mit mir noch lange am Grab und erzählte mir von Barbara. Sie war unfassbar traurig, dass sie meiner Schwester nicht helfen konnte und erzählte mir von dem schrecklichen Krieg und versuchte mir zu erklären, warum hier auf dem Friedhof die toten Menschen vergraben werden müssen. Ich war bestimmt schon vorher mit meiner Mutter am Grabe meiner Schwester gewesen, aber dieser Besuch war für mich so intensiv, dass mir dieses Ereignis als erste Kindheitserinnerung auf Dauer geblieben ist und ausgerechnet heute nach dem Fußballspiel wieder hoch kam. So wie mir muss es vielen Menschen hier auf dem Friedhof ergangen sein. Denn es lagen hier tausende Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Zu ihnen zählen die deutschen Soldatengräber beider Weltkriege, die Gräber und Ehrenanlagen der verschiedenen Nationen, wie Britische, Niederländer, Polnische und Sowjetische, die Bombenopfergräber, die Gräber jüdischer Opfer und die der Widerstandskämpfer im Dritten Reich. Allein 36.918 Bombenopfer wurden in einem Sammelgrab und 2.282 in Einzelgrabanlagen beigesetzt. Der parkähnliche Friedhof war ein würdevoller Bestattungsort, konnte aber die Trauer und Sorgen der Hinterbliebenen nicht mindern.