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Für die 16-jährige Anna scheint das eigene Leben schon vorgegeben. Sie soll Abi machen, studieren und später einmal die Firma ihres Vaters übernehmen - ihre eigenen Wünsche spielen dabei keine Rolle. Da kommt ihr der Hotelurlaub an der friesischen Nordseeküste gerade recht. Drei Wochen abschalten - ohne Eltern, Pflichten, Stress! Aber wer stellt Anna plötzlich nach und was sind das für unheimliche Geräusche mitten in der Nacht? Als wäre all dies nicht schon aufregend genug, taucht plötzlich dieser sonderbare junge Mann auf, der ihr andauernd über den Weg läuft. Absicht oder Zufall? Seltsam nur, dass er irgendetwas zu verbergen scheint - ein dunkles Geheimnis, das auch Annas Leben komplett verändern wird...
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Seitenzahl: 343
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Für Papa ,
auch nach all den Jahren
fehlst du mir an
jedem Tag...
Prolog
Kapitel : „Das Hotel am Meer“
Kapitel : „Stimmen im Wind“
Kapitel : „Ein merkwürdiger Typ“
Kapitel : „Donner und Blitz“
Kapitel : „Der Bote“
Kapitel : „Die Aufgabe“
Kapitel : „Verwirrungen“
Kapitel : „Ich gebe nicht auf!“
Kapitel : „Weil ich dich mag...“
Kapitel : „Bande der Freundschaft“
Kapitel : „Das Geheimnis?“
Kapitel : „Herz an Herz“
Kapitel : „Verlorene Träume“
Kapitel : „Angst“
Kapitel : „Wahre Liebe“
Kapitel : „Unverhoffter Besuch“
Kapitel : „Das Leuchten deiner Augen“
Kapitel : „Weisse Rosen“
Kapitel : „Niemals vergessen“
Kapitel : „Spuren in meinem Herzen“
Epilog
Im Laufe eines Lebens begegnen dir viele unterschiedliche Menschen. Die meisten von ihnen kommen und gehen, doch manche hinterlassen ihre Spuren.
Ich hatte das Glück, einen solchen Menschen zu treffen. Er berührte mein Herz auf eine Art, die ich nur schwer begreifen oder gar beschreiben kann.
Die Erinnerung an ihn wird bleiben, denn die Spuren, die er hinterließ, sind tief...
„Annastasia?“
Ich spürte eine leichte Berührung an meiner Schulter, doch es dauerte einen Moment, ehe ich vollkommen erwachte.
„Was ist los? Sind wir schon da?“, fragte ich müde und streckte mich.
„Wir machen jetzt eine Pause. Du hast lange geschlafen. Wir dachten, du möchtest vielleicht etwas essen.“
Meine Mutter blickte mich vielsagend an. Stieg aus unserem Auto aus und ging an den Kofferraum, um unsere Kühltasche mit den Snacks zu holen.
„Hast du Hunger oder nicht?“
Nachdenklich zuckte ich mit den Schultern. Über diese Frage musste ich erst ein paar Sekunden nachdenken. Schlaftrunken kam mein Verstand nur langsam wieder in Gang.
Eben hatte ich einen Traum gehabt. Es war einer jener Träume gewesen, in denen man ganz genau weiß, dass man träumt und dennoch einfach nicht aufwachen kann. Doch jetzt, wo er vorbei war, konnte ich mich an kein einziges Detail erinnern. Zurück blieb nur so ein merkwürdiges, ungutes Gefühl in meinem Bauch.
„Ich weiß nicht“, entgegnete ich daher. Darum bemüht, den schweren Nebel aus meinem Hirn zu vertreiben.
"Du kannst es dir ja noch überlegen", meine Mutter blickte mich auffordernd an, "Du solltest wirklich mehr essen, Annastasia!"
"Ja, Mutter..."
Ich unterdrückte den Wunsch, mit den Augen zu rollen, da ich im Augenblick wirklich zu müde war, um einen Streit mit ihr anzuzetteln.
Ich war schlank, aber definitiv nicht zu schlank. Eigentlich aß ich genug. Bloß mochte ich das Essen meiner Mutter nicht so sehr. Umso mehr freute ich mich jetzt auf die kommenden drei Wochen und auf das – hoffentlich – leckere Essen des Hotelrestaurants.
„Wie bitte? Du verschmähst die Sandwiches deiner Mutter?!“ Mein Vater lachte und biss herzhaft in ein Leberwurstbrot mit kleinen Gurken- und Paprikastückchen. Ich massierte meine Schläfen und versuchte, die Erinnerung an diesen merkwürdigen Traum vollends abzuschütteln.
„OK, gib mir eins!“, seufzte ich ergeben.
Während wir aßen, studierte meine Mutter die Straßenkarte. „Ich glaube, wir brauchen nur noch eine Dreiviertelstunde, oder was meinst du?“
Mein Vater schaute ihr über die Schulter und nickte zustimmend. „Höchstens eine Stunde, falls der Verkehr dichter wird.“
Als ich dies hörte, meldete sich das Kribbeln in meinem Magen wieder und ich war froh, dass ich mein Brot bereits aufgegessen hatte.
Dies würde mein allererster Urlaub ohne Eltern werden. Drei Wochen am Meer, ohne Regeln oder Vorschriften und ohne das Gefühl bei allem, was ich tat, gemaßregelt zu werden. Wenn ich zum Beispiel mal wieder meine Zeit vergeudete, anstatt für die Schule zu lernen.
Trotzdem war ich aufgeregt, wenn ich daran dachte, dass ich dort niemanden kannte und völlig auf mich allein gestellt sein würde. Natürlich hätte ich das niemals zugegeben, doch ich hatte irgendwie auch ein kleines bisschen Angst davor.
Die Neugier und die Vorfreude allerdings wiegten schwerer und so versuchte ich, meine aufkeimende Nervosität zu verdrängen.
Meine Mutter hatte gerade damit begonnen, alles wieder einzupacken, als sich meine Blase meldete. Ich sah mich um und erschauderte, als ich etwa 20 Meter von uns entfernt, ein kleines Backsteinhäuschen entdeckte.
Ich hasste Raststätten-Klos! Aber blieb mir eine andere Wahl? - Natürlich nicht...
Kurz entschlossen griff ich mir eine Packung Papiertaschentücher und marschierte los.
Nichts Gutes ahnend öffnete ich die Tür, auf der in Großbuchstaben DAMEN-WC stand, und hielt erstickt den Atem an. Ein kaum zu ertragender Gestank nach abgestandenem Urin schlug mir entgegen.
"Igitt!"
Fast hätte ich auf dem Absatz kehrtgemacht und wäre zurück zu unserem Auto gelaufen! Doch ich ahnte, dass ich eine weitere Stunde nicht mehr aushalten würde.
Mit zügigen Schritten lief ich daher zu einer der Toilettentüren und nahm mir vor, in den kommenden Minuten möglichst wenig zu atmen - am besten hielt ich mir meine Nase gleich ganz zu!
Kopfschüttelnd wählte ich das WC aus, welches mir am saubersten erschien. Wobei sauber hier eindeutig die falsche Definition war!
Es gab keine Klobrille ohne Urinspritzer und auf der Toilette ganz rechts gab es nicht einmal eine Brille... Überall auf dem Boden fanden sich Reste von Toilettenpapier, aber nirgends gab es einen Abroller, der noch befüllt war. Hier hatte ich bereits vorgesorgt und vorausschauend die Taschentücher eingesteckt. Abschließen konnte man natürlich auch nicht mehr - super! Mir blieb nur, die Tür anzulehnen. Umständlich hockte ich mich über das WC und betete, dass jetzt niemand hereinkommen würde.
Ich hatte Glück...
Als ich mir im Anschluss die Hände waschen wollte, gab es nur eiskaltes Wasser, keine Handtücher (2:0 für das Papiertaschentuch!!) und nicht einmal eine winzige Menge an Seife.
Draußen atmete ich mehrere Male tief durch, ehe ich zurück zu unserem Auto ging. Eigentlich müsste man ja richtig Mitleid mit den armen Menschen haben, die für die Reinigung dieser Toiletten zuständig waren. Aber nach diesem Erlebnis stellte sich mir unweigerlich die brennende Frage, ob sie wohl überhaupt jemals geputzt wurden?!
Zurück am Auto spürte ich, wie sich meine Laune augenblicklich besserte. Die Sonne schaute hinter einer dichten Wolke hervor und ließ den Parkplatz hell erstrahlen. Ich freute mich. Heute regnete es bestimmt nicht mehr.
„Können wir jetzt endlich weiter?“, fragte meine Mutter ungeduldig, die inzwischen mit meinem Vater die Fahrerseite getauscht hatte.
„Klar“, entgegnete ich und setzte mich wieder nach hinten. Mein erster Urlaub allein - meine gute Laune konnte kaum besser sein.
Eine Stunde und 135 Kilometer weiter erreichten wir endlich unser Ziel.
Mit lautem Gepolter hopste unser armer Audi über das alte, rote Kopfsteinpflaster. Vorbei an verklinkerten kleineren und größeren Häusern, die beinahe ebenso alt schienen wie die zerschlissene Straße selbst. Ungeachtet dessen wirkte der kleine Ort direkt einladend und sehr gemütlich auf mich. Aufgeregt und voller Vorfreude verfolgte ich jeden Meter, den unser Wagen vorwärts stolperte.
„Sind das hier alles Ferienhäuser?“, fragte ich überrascht, meinen Blick dabei unentwegt aus dem Fenster gerichtet.
„Und Wohnungen“, korrigierte mich meine Mutter und nickte, „So, wie es in dem Prospekt gestanden hat, ist dieser Ort durch den Tourismus groß geworden. Von den Einheimischen wohnt hier inzwischen kaum noch jemand.“
„Inzwischen?“, neugierig wandte ich meinen Blick vom Fenster ab und schaute nach vorn zu meinen Eltern.
„Früher war das hier ein Fischerdorf“, erklärte mein Vater, „Aber das ist sicher schon über 100 Jahre her.“
Vor uns teilte sich der Weg. Die eigentliche Straße machte hier einen Bogen nach links, doch meine Mutter folgte einem breiten Kiesweg eine lange Auffahrt hinauf.
HOTEL STRANDGUT - stand in großen, schwarzen Lettern auf dem hölzernen Schild, das wir soeben passierten.
„Sieht aus, als wären wir da“, bemerkte mein Vater unnötigerweise. Wir parkten auf einem der gut 30 Parkplätze vor dem Hotel.
„Ja“, murmelte ich, während mein Blick voller Erwartung an dem hübschen, – wenn auch in die Jahre gekommenen - großen Haus mit dem hellen roten Klinker hängen blieb. Das braune Dach musste in den letzten Monaten irgendwann einmal neu gedeckt worden sein. Es glänzte leicht im Sonnenlicht.
Ich stieg aus und atmete tief die frische Luft ein, die mir den feinen Geruch nach Salz und Meer um die Nase wehte. Eine einzelne Möwe zog kreischend ihre Bahn über unsere Köpfe hinweg und landete elegant auf dem Dach des Hotels.
Nur wenige Meter hinter diesem Gelände erstreckte sich der grasbewachsene Deich, der sich schier endlos in beide Himmelsrichtungen fortzusetzen schien. Abermals atmete ich tief ein. Die Vorfreude in mir wuchs sekündlich. Am liebsten wäre ich zum Strand gelaufen und hinein in die Wellen.
Jetzt. Sofort!
Ich konnte es gar nicht abwarten, loszuziehen und die Gegend zu erkunden. Aus dem Augenwinkel heraus nahm ich wahr, wie meine Mutter prüfend ihren Blick schweifen ließ.
„Sieht ja hier recht gepflegt aus“, bemerkte sie leise.
Ihre Augen sagten jedoch etwas anderes. Mein Vater schwieg und öffnete indes den Kofferraum, um meine Sachen herauszuholen.
„Mutter! Wir sind hier an der Nordsee - es soll schön sein und nicht gepflegt. Es ist doch kein Luxusurlaub!“, ich verdrehte genervt die Augen. Meine Mutter hingegen seufzte.
„Es sollte aber auch kein drittklassiges Hotel sein! Ein bisschen haben wir schon darauf geachtet.“
Ich zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Solange kein Ungeziefer in meinem Bett herumkrabbelt, ist mir das vollkommen egal.“
Meine Mutter keuchte und setzte zu einer Antwort an, doch mein Vater kam ihr zuvor und beendete die Diskussion mit den Worten „Einigen wir uns darauf, dass das Hotel einen guten Eindruck macht, und gehen endlich hinein!“
Der Eingangsbereich war bräunlich-rot gefliest und überall an den weißen Wänden hingen blau-gerahmte Landschaftsgemälde. Wer immer diese Bilder gemalt hatte, verstand sein Handwerk ausgesprochen gut.
Während meine Eltern schnellen Schrittes durch das Foyer eilten, trat ich näher an eines der Gemälde heran. Es zeigte einen alten Kutter auf hoher See, der gerade seine Netze zum Fang auswarf. Auf dem Bug des Schiffes ließ sich in verschnörkelter Schrift der Name Inga entziffern. Unglaublich, wie echt dieses Gemälde wirkte! Fast erwartete ich, das Rauschen der Wellen zu hören.
In der rechten unteren Ecke des Rahmens stand ein Name abgedruckt. Henry Mühlenbach.
"Annastasia!", die ungeduldig tadelnde Stimme meiner Mutter hallte mir entgegen und riss mich aus meinen Gedanken. Ich stöhnte und setzte mich widerwillig in Bewegung.
Gemeinsam erreichten wir einen kleinen Tresen, an dem ein Mann, vielleicht Mitte 40, stand und uns freundlich anlächelte.
„Guten Tag! Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Wir haben für unsere Tochter ein Zimmer reserviert. Cramer“, antwortete mein Vater.
„Einen Moment bitte“, entgegnete der Portier höflich und tippte etwas in seinen Computer ein. „Ja, ich habe hier eine Reservierung für eine Frau Annastasia Cramer. 21 Tage ist das korrekt?“
„Hört sich gut an“, mein Vater nickte bestätigend und zückte seinen Geldbeutel, „Wir zahlen im Vorfeld, wie abgesprochen.“
„All inclusive, also mit Frühstück und Abendessen?“, der Portier blickte meinen Papa erneut fragend an, bis dieser abermals nickte und seine goldene Kreditkarte über den Tresen reichte.
Ich versuchte, einen Blick auf den Bildschirm am Empfang zu erhaschen, doch der Rücken meines Vaters versperrte mir die Sicht.
Was hätte ich dafür gegeben zu wissen, wie viel dieser ganze Urlaub hier wohl kosten mochte. Sicher war es nicht billig. Was meine Eltern aussuchten, war nie billig! Das war wohl einer jener Nebeneffekte, die der Beruf meines Vaters so mit sich führte. Er war ein ziemlich hohes Tier in der Metallverarbeitung und Chef seines eigenen mittelständischen Unternehmens. Wir lebten nicht im übertriebenen Luxus, obgleich meine Eltern sich das wohl ohne Probleme hätten leisten können. Aber wir hatten schon einige Annehmlichkeiten mehr, im Gegensatz zu vielen anderen Familien, die ich kannte.
Wenn wir essen gingen, dann stets in einem Restaurant mit mindestens drei Sternen. Fuhren wir in den Urlaub, so suchten meine Eltern immer eines der besseren und teureren Hotels vor Ort aus. Dass dieses - so wie jetzt - am Strand lag, war dabei selbstverständlich. Ein durchschnittlicher Urlaub, vielleicht in einer Ferienwohnung oder auf einem Campingplatz, wäre für sie undenkbar gewesen. Schade eigentlich...
Die Stimme meines Vaters riss mich zurück in die Wirklichkeit. „Sollen wir uns jetzt dein Zimmer ansehen?“
Ich nickte schnell und lächelte. Endlich auspacken!
Ein anderer Mann führte uns einen hellen Korridor entlang. Er war sicher nicht viel älter als ich, vielleicht Anfang 20. Gemeinsam gingen wir eine breite, gewundene Treppe empor, die mit rotem Teppich bezogen war. Hinauf in die dritte Etage.
„Von Ihrem Zimmer aus haben Sie einen traumhaften Blick auf den Strand und das Meer“, er strahlte mich an und nickte eifrig, „Außerdem können Sie abends die Sonne untergehen sehen!“
„Cool“, erwiderte ich und lächelte höflich zurück. Sonnenuntergänge hatten für mich schon immer einen besonderen Reiz. Ich freute mich auf die gemütlichen Abende auf diesem Balkon. Nur ich und mein E-Book-Reader...
Der Mann holte eine weiße Karte aus seiner Tasche hervor und zog diese durch den Schlitz eines kleinen Bedienfeldes, welches auf Kopfhöhe an der Tür angebracht war. Ein leiser, pfeifender Signalton erklang und die Zimmertür ließ sich öffnen. Ich ging zuerst hinein und blieb sogleich begeistert stehen.
Das Zimmer war relativ groß - vielleicht an die 35 qm. Ein Boxspringbett stand in der Mitte des Raumes. Es wirkte ziemlich bequem mit den vielen weichen Kissen und dem flauschigen Bezug. Rechts neben dem Bett stand ein großer eichener Kleiderschrank, welcher über und über mit Ornamenten verziert war. Links neben dem Bett stand ein kleines Nachtschränkchen mit einer wirklich hübschen, sehr alt wirkenden Lampe darauf. Gleich daneben erstreckte sich eine große offene Fensterfront, welche vom Boden bis zur Decke reichte und den ohnehin weitläufigen Raum mit Licht durchflutete. Inmitten der Fensterfront entdeckte ich eine Glastür, die auf den dahinterliegenden Balkon führte, welcher allerdings im Vergleich zu dem großzügigen Zimmer doch recht klein ausfiel. Eine Tatsache, die auch meiner Mutter selbstverständlich nicht entging.
„Oh, im Katalog sah der Balkon aber deutlich größer aus!“
Der Mann mit der schicken blau-weißen Uniform zögerte und lächelte unsicher. „Dies ist eines unserer größten Einzelzimmer.“
„Ich rede ja gar nicht von dem Zimmer, sondern von dem Balkon!“, entgegnete meine Mutter schnippisch.
Ich sah, wie der junge Mann schluckte. Sein Blick glitt unsicher zwischen uns hin und her und ich beschloss, ihm zu Hilfe zu eilen.
„Mutter, es ist nur ein Balkon!“
Wieso bloß machte sie bei jedem Urlaub immer so ein Drama aus jeder nicht perfekten Kleinigkeit?!
„Ja, aber bei dieser Aussicht-“
Entschieden schnitt ich meiner Mutter das Wort ab.
„Ich bin hier am Meer und da unten ist der Strand. Ich werde diesen Balkon wahrscheinlich überhaupt nicht betreten!", log ich und schaute meine Mutter durchdringend an, "Warum auch, wenn ich direkt an den Strand gehen kann?!“
Genervt warf ich meinem Vater einen Blick entgegen in der Hoffnung, dass er mir beipflichten würde. Doch ihm schien es momentan sicherer zu sein, unsere Diskussion zu ignorieren. Augenblicklich verschwand er im angrenzenden Badezimmer und unterzog die Sanitäranlagen einer viel zu übertrieben Musterung.
Typisch...
Ich seufzte und wandte mich wieder meiner Mutter zu. Dass sie immer alles so derart genau kontrollieren musste, war mir mehr als peinlich.
Wiedererwarten gab sie sich jedoch endlich geschlagen.
„Hauptsache dir gefällt es hier.“
Gleichgültig zuckte sie mit den Schultern und rang sich ein Lächeln ab.
Überrascht und dankbar zugleich lächelte ich zurück.
Der Page entspannte sich sichtlich. Ich grinste. Ja, meine Mutter konnte sehr bestimmend sein.
Mein Vater war inzwischen aus den Tiefen des 12 qm großen Badezimmers zurückgekehrt.
„Sieht doch alles recht passabel aus“, sagte er schlicht und nickte lächelnd.
Ich ging hinüber und warf ebenfalls einen Blick ins Bad.
Hier gab es eine große Dusche nebst Badewanne, Waschbecken und WC. Alles war in Weiß gehalten und schien fast wie frisch renoviert.
Die Handtücher waren allesamt blau-weiß gestreift. Der einzige Farbtupfer in diesem – für meinen Geschmack viel zu sterilen – Badezimmer.
Verblüffende Ähnlichkeit zu unserem Bad daheim... - dachte ich unweigerlich und musste schmunzeln.
„Ich hoffe, es ist alles zu Ihrer Zufriedenheit?“, der junge Mann rang sich erneut ein Lächeln ab, inzwischen nicht mehr so selbstsicher wie noch vor wenigen Minuten.
„Ja, natürlich. Sie können jetzt gehen“, antwortete mein Vater und steckte ihm einen Geldschein zu.
„Wie viel hast du ihm gegeben?“, fragte ich neugierig, als der Page verschwunden war.
„Spielt keine Rolle“, mein Vater winkte ab und wechselte prompt das Thema, „Wie gefällt dir denn nun dein kleines Reich?“
„Es ist genial!“, rief ich begeistert und drehte mich einmal schnell im Kreis, „Ich könnte für immer hierbleiben!“
Mein Vater lachte und selbst meine Mutter lächelte – nicht jedoch, ohne dabei mit dem Kopf zu schütteln.
„Na, eigentlich wollten wir dich in drei Wochen wieder mitnehmen.“
Sie zog ihre Stirn kraus, wie sie es immer tat, wenn sie nachdachte. "Du musst dich zu Hause noch auf die Schule vorbereiten, vergiss das nicht. Die jetzt kommenden Jahre sind essenziell für dein Abitur und dein danach folgendes Studium!“, mahnte sie.
Ich seufzte und unterdrückte nur mit Mühe den Drang, mit den Augen zu rollen. Dieses Thema schon wieder! Meine Mutter wusste wirklich, wie sie mir jeden Spaß verderben konnte. Immer wieder ging es um dieses Studium. Dabei freute ich mich sogar auf die Uni in ein paar Jahren. Allerdings nicht unter dem Gesichtspunkt, im Anschluss in der Firma meines Vaters anfangen zu müssen. Eine Arbeit, die ich nicht wollte und sie trotzdem eines Tages antreten würde – meiner Familie zuliebe... Ich schluckte gegen den Klos in meinem Hals an.
Diesmal war es mein Vater, der mir zu Hilfe kam und das Thema wechselte, um einen möglichen Streit zwischen meiner Mutter und mir abzuwenden.
„Am besten machen wir uns so langsam wieder auf den Weg, damit du endlich Zeit für dich hast“, er zwinkerte mir zu und ich lächelte dankbar.
„Aber wollen wir uns nicht noch den Rest des Hotels ansehen, ehe wir fahren?“
Meine Mutter wirkte unschlüssig.
Mist...
Ich warf meinem Vater einen fragenden Blick zu. Diesmal ignorierte er mich nicht. Sogleich winkte er ab.
„Nicht nötig. Unsere Tochter schafft das schon allein!“
Ich strahlte, meine Mutter jedoch wirkte noch immer nicht so recht überzeugt.
„Aber...“, setzte sie an und schaute zwischen meinem Vater und mir hin und her, da sie offensichtlich nicht wusste, was sie entgegnen sollte.
Mein Vater indes packte sie leicht, aber bestimmt am Arm und drehte sie in Richtung Zimmertür.
„Komm, wir fahren!“
„Ach Mutter, mir passiert schon nichts!“, lachte ich und versuchte, die Stimmung wieder aufzulockern.
Sie lächelte gequält. „Das weiß ich doch. Aber du... Nun ja... Es ist das erste Mal, dass du ohne uns Urlaub machst. Du wirst mir fehlen“, gab sie schließlich zu und nahm mich zu meiner Überraschung überschwänglich in ihre Arme.
Ich sog den Duft ihres schweren, blumigen Parfums tief ein. „Ihr werdet mir auch fehlen!“, flüsterte ich.
Ja, manchmal konnte meine Mutter auch ganz anders sein. Ich genoss diesen Moment und wünschte mir insgeheim, sie würde sich öfters von ihren Gefühlen anstelle ihrer Vernunft leiten lassen.
Nachdem mein Vater und ich uns ebenfalls kurz umarmt hatten, wandten die beiden sich endlich zum Gehen. Als die Tür ins Schloss fiel, atmete ich einmal tief durch. Geschafft!
Sicher würden mir meine Eltern fehlen, aber meine neu gewonnene Freiheit würde ich ebenfalls in vollen Zügen auskosten. Ich grinste voller Vorfreude und ließ den Blick durch mein gemütliches Zimmer schweifen. Er blieb an dem wuchtigen, altmodisch verzierten Schrank hängen und ich zog nachdenklich meine Stirn kraus.
"Hhmm... Ob da all meine Sachen wirklich reinpassen werden?"
Außer meinem E-Book-Reader, den ich vor einem halben Jahr zum Geburtstag von meinen Eltern bekommen hatte, befand sich ja nicht so viel in meinen Koffern - eigentlich.
Nur durfte man in diesem Fall besser keinen allzu tiefen Blick in den Trolley mit den Klamotten werfen. Ohne die tatkräftige Unterstützung meines Vaters, welcher sich mit voller Wucht auf meinen Koffer geworfen hatte, hätte ich ihn wohl gar nicht erst schließen können!
Ich kicherte bei dem Gedanken daran und öffnete die schweren Holztüren, die laut knarrend den Blick ins Innere des Schrankes freigaben.
Eine halbe Stunde später waren all meine Klamotten und der restliche Kram in dem alten Holzschrank untergebracht. Tatsächlich hatte alles gerade so hineingepasst.
Natürlich wusste ich, dass ich viel zu viele Kleidungsstücke mitgenommen hatte. Doch wie sollte ich mich im Vorfeld auch entscheiden, wenn ich nicht einmal wusste, wie das Wetter werden würde? Wenn man zu dieser Jahreszeit beispielsweise nach Spanien flog, so konnte man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass man keine Jacken oder Pullover mitnehmen musste. Aber hier? Woher sollte ich denn wissen, wie beständig das Wetter an der Nordsee sein würde?! Ich musste auf alles vorbereitet sein. Eine Marotte, die ich zweifelsfrei von meiner Mutter geerbt hatte.
Ich grinste bei dem Gedanken an das Gesicht meines Vaters, der sich vor Antritt jedes gemeinsamen Urlaubs über die Menge der Gepäckstücke beschwerte und darüber, dass selbst unser Kombi kaum genügend Raum für alles bot.
Sein Humor und seine ganz spezielle Art waren es, die mich stets zum Lachen und im entscheidenden Moment ins Wanken brachten, wenn es darum ging, dass meine Eltern wieder einmal ihre Ideen durchzusetzen versuchten und ich eigentlich anderer Meinung war. Gegen meine Mutter konnte ich mich zuweilen durchsetzen. Wir peitschten uns gegenseitig so hoch, bis es zum Streit kam und sie schließlich nachgab. Gegen meinen Vater und sein spezielles, dominantes Wesen konnte ich jedoch nur verlieren. Wenngleich er dieses Verhalten mir gegenüber nur selten zeigte, so wurde mir genau in solchen Momenten sehr deutlich bewusst, dass mein Vater es gewohnt war, andere Menschen zu manipulieren und zu lenken.
So auch bei dieser fixen Idee, dass ich in einigen Jahren in seine Firma einsteigen würde. Natürlich konnte ich seinen Wunsch verstehen, da es als Familienbetrieb begann und auch in Zukunft einer bleiben sollte. Aber in die Fußstapfen meines Vaters zu treten, obgleich ich nicht die geringste Lust auf diese Art der Arbeit hatte? Vielleicht sogar eines Tages die Leitung seiner Firma zu übernehmen? Allein bei dem Gedanken daran wurde mir flau. Dazu fehlte mir bei Weitem das nötige Selbstvertrauen.
Ich ging hinüber zur großen Fensterfront und schaute hinunter auf den Strand. Meine Gedanken kehrten allmählich ins Hier und Jetzt zurück. Ich nahm mir vor, nicht länger über meine Zukunft und die Pläne meiner Eltern nachzudenken, – zumindest für die kommenden Stunden. Jetzt wollte ich mich endlich entspannen und meinen Urlaub genießen.
Die Sonne stand schon etwas tiefer und die Strandkörbe warfen lange, breite Schatten über den Sand, der ungleich dunkler wirkte als die Strände am Mittelmeer.
Noch immer waren viele Besucher dort unten. Ganz langsam allerdings lichteten sich die ersten Abschnitte. Es war schon nach 18.00 Uhr und somit für die meisten Urlauber Zeit für das Abendessen. Bei diesem Gedanken spürte ich plötzlich, wie mein Magen energisch protestierte. Kein Wunder, hatte ich doch heute kaum etwas gegessen.
Höchste Zeit, die Restaurantküche einmal genauer unter die Lupe zu nehmen...
Das Restaurant befand sich im Erdgeschoss des Hotels. Die weiße, hohe Decke war mit Stuck verziert und verlieh dem großen Raum einen besonderen Flair. Die Dekoration war schlicht gehalten und passte mit den blau-weißen Farbtönen zum Rest des Hauses. An einer Wand entdeckte ich einen großen, gemauerten Kamin, über dem ein hölzernes Steuerrad hing. Vermutlich von einem alten Schiff.
Ich nahm an einem kleinen Zweiertisch am Ende des Raumes Platz. Von hier aus hatte ich alles gut im Blick und konnte mir in Ruhe den Rest der Dekoration anschauen. Alles wirkte so gemütlich und einladend hier, dass ich mich augenblicklich wohlfühlte. Mein erster Urlaub allein. Es konnte gar nicht perfekter sein!
Nach wenigen Minuten kam eine junge Frau zu mir und reichte mir eine Speisenkarte.
„Moin! Bist du ganz allein hier?“, fragte sie freundlich und lächelte.
„Ja“, sagte ich und erwiderte ihr Lächeln, „Ich mache drei Wochen Urlaub.“
„Das ist ja toll! Wann bist du angekommen?“, fragte die Frau interessiert.
„Heute“, antwortete ich und fügte hinzu, „Genau genommen gerade eben erst.“
„Drei Wochen können lang werden. Hut ab! Ich hätte mich das in deinem Alter bestimmt noch nicht getraut. Ich selbst bin erst vor einem Jahr zu Hause ausgezogen“, die Frau grinste, „Bist du das erste Mal ohne deine Eltern hier?“
„Ja“, ich lächelte verlegen, „Das erste Mal...“
„Dann solltest du deinen Urlaub so richtig auskosten!“, sie zwinkerte mir verschwörerisch zu und zog einen kleinen Notizblock aus ihrer Tasche, „Was darf ich dir denn bringen?“
„Ähm...“, kurzfristig hatte sie mich mit dem plötzlichen Themenwechsel überrumpelt.
„Wie wäre es mit einer Cola oder Apfelschorle?“, die blonde Frau grinste wieder, „Unser alkoholfreier Sekt schmeckt auch sehr gut.“
„Ich glaube, ich nehme eine Cola, bitte“, entgegnete ich und unterdrückte das Verlangen, ihr mitzuteilen, dass ich mit meinen 16 Jahren bereits richtigen Sekt trank. Vielleicht schätzte sie mich jünger ein. Ich grübelte noch darüber nach, als sie ihren Notizblock bereits weggesteckt hatte.
„Ich komme dann gleich noch einmal wegen der Bestellung deines Essens“, erklärte sie freundlich und ging.
Ich schaute der jungen Kellnerin nach, wie diese zu einem der anderen Tische hinübereilte. Sie war mir auf Anhieb sympathisch. Viel älter als ich konnte sie allerdings auch noch nicht sein.
Ich warf einen Blick in die Speisenkarte und wusste sofort, dass es sehr schwierig werden würde, mich zu entscheiden. Das meiste klang total lecker. Nur gut, dass ich jeden Abend hier essen konnte. So hatte ich genug Zeit, mich in Ruhe durch die gesamte Karte zu futtern...
Schließlich, nach vielleicht zehn Minuten, in denen ich mich wohl mindestens an die fünf Mal umentschieden hatte, wählte ich Rührei mit Krabben, Bratkartoffeln und einem gemischten Salat. Ich hatte noch nie Nordseekrabben gegessen. Bei uns zu Hause gab es eher diese großen Garnelenschwänze oder fertigen Krabbencocktail. Auch Hummer ab und an. Dieser war jedoch noch nie so ganz mein Fall gewesen. Garnelen hingegen mochte ich sehr. Ob die Nordseekrabben wohl ähnlich schmeckten?
Zwanzig Minuten später bekam ich mein Essen und staunte nicht schlecht.
Wie soll ich das denn alles schaffen?!
Ich begann zu essen und stellte schon beim ersten Bissen überrascht fest, dass die Krabben ganz anders schmeckten, als ich erwartet hatte. Sehr viel salziger als die Garnelen, aber echt lecker. Alles schmeckte wirklich gut und erst jetzt fiel mir auf, wie hungrig ich eigentlich war. Dennoch war die Portion für mich entschieden zu groß, sodass ich am Schluss kapitulieren musste. Mit Mühe aß ich die letzten Krabben auf und betrachtete bedauernd den Rest meiner Bratkartoffeln und das kleine Häufchen Rührei.
„War wohl etwas zu viel, was?“, fragte die nette Kellnerin, als sie wenig später abräumte.
„Das kann man wohl sagen“, gestand ich und rieb mir symbolisch den Bauch, „Aber es hat wirklich richtig gut geschmeckt!“, beeilte ich mich hinzuzufügen.
Sie grinste. „Das freut mich. Übrigens -“, sie deutete auf meinen Teller, „du kannst von jedem Essen auch immer eine kleinere Portion bestellen, weißt du.“
„Ach so“, daran hatte ich irgendwie gar nicht gedacht, „Gut zu wissen, danke.“
„Kein Problem. Möchtest du noch etwas trinken?“
„Nein, danke. Ich gehe auf mein Zimmer.“
„Dann wünsche ich dir noch einen schönen Abend!“
„Danke, gleichfalls.“
Pappsatt und zufrieden verließ ich kurz darauf das Restaurant. Ich wollte nur noch duschen und dann direkt ins Bett gehen. Langsam spürte ich die Müdigkeit durch die lange Autofahrt in mir. OK, ich war nicht selbst gefahren und hatte zudem unterwegs ein kurzes Nickerchen gemacht, aber dennoch hatte ich sehr früh aufstehen müssen. Außerdem war ich es nicht gewohnt, stundenlang im Auto herumzusitzen.
In meinem Zimmer angekommen schnappte ich mir meinen Schlafanzug und frische Unterwäsche und ging zielstrebig hinüber ins Bad.
Als das heiße Wasser meinen Rücken hinunterlief, spürte ich, wie sofort sämtliche Müdigkeit von mir abfiel. Gerade so, als könnte ich sie mit dem Wasser abwaschen. Ich schloss meine Augen, atmete tief durch und genoss die Ruhe um mich herum.
Schon seit Wochen hatte ich mich auf diese Reise gefreut. Jetzt war es endlich soweit und es fühlte sich großartig an! Der erste Urlaub, bei dem ich alles selbst entscheiden und endlich einmal so richtig faul sein konnte. Nichts tun zu müssen, was irgendwie sinnvoller erschien, wie zum Beispiel ein Museum oder eine besondere Gedenkstätte zu besuchen, sondern einfach einmal nur chillen...
Nach dem Duschen wickelte ich mich in meinen kuscheligen, blauen Bademantel und ging hinüber zu der großen Fensterfront. Der Strand war inzwischen menschenleer. Ich sah ein paar Möwen, die über den Sand wanderten und nach achtlos weggeworfenen Essensresten suchten. Morgen nach dem Frühstück würde ich direkt hinunter zum Strand gehen und mich dort in die Sonne legen. Das hatte ich mir bereits fest vorgenommen.
Gerade als ich mich abwenden wollte, fiel mein Blick auf einen Jungen, der schnellen Schrittes über den Sand eilte. Selbst von hier oben konnte ich erkennen, wie dünn und schlaksig der Typ wirkte. Seine schwarzen, mittellangen Haare bewegten sich leicht im Wind und er blickte scheinbar gedankenverloren hinaus aufs Meer. In der beginnenden Dämmerung wirkte sein Gesicht irgendwie blass.
„Wie kann man bei so viel Sonne nur so wenig Farbe haben? Geht der Typ nur abends raus?“, wunderte ich mich und beobachtete weiter, wie der Junge über den Sand lief, seinen Blick dabei unentwegt aufs Meer gerichtet, ohne auch nur eine Sekunde stehen zu bleiben. Er wirkte gehetzt. Ich sah ihm nach, bis er aus meinem Sichtfeld verschwunden war.
Seltsamer Typ. - dachte ich und schaute mir den beginnenden Sonnenuntergang an. Der Himmel leuchtete in wunderschönen Rot-, Orange- und Gelbtönen, die miteinander verschmolzen. Dort, wo sich Horizont und Meer zu berühren schienen, glitzerte das Wasser und malte das Bild des Himmels weiter.
Egal in welchem Land ich bereits gewesen war, in meinen Augen gab es kaum etwas Schöneres als den farbgewaltigen Übergang zwischen Tag und Nacht. Diese Momente, so kurz sie auch sein mochten, versprühten ihre ganz eigene Magie.
Ich unterdrückte das plötzliche Verlangen, mich wieder anzuziehen und einen kleinen Abendspaziergang zu unternehmen. Bis ich den Strand erreicht hätte, wäre dieses Farbenspiel schon längst vorüber und es wurde ohnehin bald dunkel. Lieber wollte ich noch ein wenig lesen und dann schlafen gehen.
Ich schnappte mir meinen E-Book-Reader und ließ mich auf das riesige Bett fallen. Schnell rief ich den Liebesroman auf, den ich mir in der vergangenen Woche heruntergeladen hatte, und begann zu lesen. Immer wieder musste ich gähnen und irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass das Bett von Minute zu Minute immer weicher und gemütlicher wurde.
Ich hatte nicht einmal die ersten zehn Seiten geschafft, als mir auch schon die Augen zufielen.
Wahrscheinlich hätte ich die ganze Nacht durchgeschlafen, wäre ich nicht gegen Mitternacht durch lautes Poltern geweckt worden.
Erschrocken fuhr ich hoch und verstand im ersten Moment gar nicht, was hier soeben vor sich ging. Hatte ich das laute Geräusch wirklich gehört oder vielleicht doch nur geträumt? Draußen war es stockdunkel. Ich legte den E-Book-Reader beiseite und stand langsam auf. Als ich an das große Fenster trat, um die Jalousie zu schließen, polterte es erneut!
Erschrocken wich ich einen Schritt zurück. Das Geräusch kam eindeutig von draußen.
Es klang, als hätte jemand irgendetwas umgestoßen.
Sollte ich nachschauen?
Entschlossen löschte ich das Licht, um besser nach draußen sehen zu können. Nachdem ich mir sicher sein konnte, dass sich kein Tier oder sonst jemand auf meinem Balkon herumtrieb, öffnete ich vorsichtig die Tür und schlich so lautlos wie möglich ins Freie.
Es war kühler geworden und eine leichte Brise wehte mir entgegen. Ich blieb stehen und lauschte in die Nacht hinein. Vor Aufregung vergaß ich beinahe zu atmen. Ein paar Minuten blieb ich vollkommen bewegungslos stehen, doch nichts geschah. Nicht ein Laut war zu hören.
„Seltsam“, dachte ich und wandte mich schließlich um. Ich wollte wieder hineingehen, denn langsam wurde mir kalt.
Bestimmt habe ich mir das nur eingebildet... - überlegte ich und grinste über meine eigene Ängstlichkeit.
Als ich jedoch meinen ersten Fuß über die Schwelle setzte, erstarrte ich mitten in der Bewegung!
Ein warmer Lufthauch streifte meinen Nacken! Sofort bekam ich eine Gänsehaut. Es fühlte sich an, als würde jemand ganz dicht hinter mir stehen! Panisch fuhr ich herum.
Mein Herz raste.
Mit meinen Augen suchte ich hastig den gesamten Balkon ab, aber niemand war dort.
Wie war das möglich?!
Rückwärts wich ich zurück in mein Zimmer und verriegelte eilig die Glastür.
Mein Herzschlag beruhigte sich nur sehr langsam. Unentwegt wanderte mein Blick nach draußen. Nach wie vor war niemand zu sehen. Aber es musste doch jemand dort gewesen sein! Mein Nacken prickelte unangenehm an der Stelle, an der ich den warmen Atem gespürt hatte. Das konnte ich mir nicht eingebildet haben! Es hatte sich furchtbar echt angefühlt... Andererseits, wenn jemand dort gewesen wäre, hätte er doch unmöglich derart schnell verschwinden können und vor allem - wohin?! Zögernd ließ ich die Jalousien hinunter.
Nachdem eine halbe Stunde lang nichts ungewöhnliches mehr geschehen war, ging ich schließlich ins Bett. Noch immer hatte ich ein ungutes Gefühl in meinem Bauch. Ich zwang mich, ruhig zu bleiben.
Wenigstens konnte durch die Jalousie niemand hineinkommen.
Dieser Gedanke war vermutlich der einzige Grund, weshalb ich nach diesem unheimlichen Ereignis überhaupt irgendwann einschlafen konnte.
Am folgenden Morgen erwachte ich gegen 08.00 Uhr. Durch die wenigen dünnen Schlitze meiner Jalousie drangen die ersten matten Sonnenstrahlen und ließen feine Staubkörnchen überall in der Luft tanzen. Noch halb im Schlaf lag ich in meinem Bett und spürte die leichte Wärme der Lichtstrahlen auf meiner Haut. Es dauerte einige Minuten, ehe ich mich an das unheimliche Ereignis der gestrigen Nacht erinnerte. Jetzt bei Tageslicht schien es gar keinen Grund mehr zu geben, sich Sorgen zu machen. Ich musste über meine eigene Dummheit grinsen. Nur weil ich einen warmen Lufthauch gespürt hatte, musste das doch noch lange nicht heißen, dass jemand dort gewesen war. Wie hätte diese Person denn so plötzlich hinter mir auftauchen und kaum einen Augenblick später schon wieder verschwinden können und das, ohne auch nur eine winzige Spur zu hinterlassen? Völlig unmöglich!
Ich rekelte mich genüsslich in meinem weichen Bett und gab mich noch einen Moment der wohligen Wärme hin. Ich hatte die restliche Nacht überraschend gut und vollkommen traumlos geschlafen. Wahrscheinlich eine Folge der langen Anreise. Mühsam rappelte ich mich auf und ging, leicht schwankend, den kurzen Weg hinüber ins Bad. Nachdem ich mich gewaschen hatte, fühlte ich mich wie neugeboren. Ich zog mir luftige Sachen an, öffnete die Balkontür und trat ins Freie. Die salzige Meeresbrise schlug mir entgegen und ich sah drei Möwen, die kreischend ihre Bahn am Himmel zogen, offensichtlich auf der Suche nach ihrem Frühstück. Das Meer war vollkommen verschwunden und gab den Blick auf das nasse, schwarz-graue Watt frei. Die frische Luft war überwältigend und ich fühlte mich gleich besser. Für den Moment waren die unheimlichen Ereignisse der letzten Nacht vergessen.
Mein erster Urlaub. Mein erster Urlaub ganz allein. Ich fühlte mich gut - ich fühlte mich frei!
Auf dem Weg hinunter in den großen Speisesaal summte ich fröhlich vor mich hin.
„Guten Morgen!“, grüßte plötzlich eine freundliche Männerstimme neben mir.
Erschrocken zuckte ich zusammen und starrte überrascht in das lächelnde Gesicht eines jungen Kellners. Einen Moment lang blickte ich ihn entgeistert an.
Hatte er mich etwa gehört? Hoffentlich nicht...
Das Grinsen des jungen Mannes wurde noch eine Spur breiter. Ich wäre am liebsten auf der Stelle im Erdboden versunken.
„Möchten Sie frühstücken?“, fragte er höflich.
„Ähm... ja, gerne“, stammelte ich und spürte zu meinem Ärger, wie ich rot wurde.
„Folgen Sie mir bitte.“ Der Kellner ging mit zügigen Schritten quer durch den unteren Korridor und hinüber in einen weiteren Speisesaal. Ich lief ihm hinterher und versuchte, meine Fassung wiederzufinden. Er führte mich zu einem kleinen Zweiertisch am hinteren Ende des Raumes. Dieser war bereits eingedeckt und ich setzte mich.
„Danke“, sagte ich schnell.
Der Kellner lächelte erneut. „Was möchten Sie trinken? Kaffee, Milch, Tee oder vielleicht einen Saft?“
Seit neuestem hatte ich Kaffee für mich entdeckt und so bestellte ich mir eine Tasse. Der Kellner klärte mich zudem darüber auf, dass ich mir mein Frühstück am Buffet in der Mitte des großen Saals jeden Tag selbst zusammenstellen konnte. Nur die Getränke wurden vom Personal gebracht. Als der Kellner verschwunden war, um meinen Kaffee zu holen, schaute ich mich interessiert um.
Im Gegensatz zum Restaurant war dieser Speisesaal deutlich wärmer gestaltet. Die helle Decke zierte ein riesiges Gemälde, welches eine unglaublich echt wirkende Meereslandschaft darstellte. Dadurch schien diese zwar optisch niedriger zu sein, aber durch die verschiedenen Blau- und Türkis-Töne fühlte man sich fast wie im Meer. Blau-weiße Kerzen und schöne, große Muscheln füllten die schmalen Fensterbänke ringsherum. Die Tische und Stühle bestanden aus hellblau lackiertem Holz und waren mit weißen, dünnen Tischdecken bestückt. Auf jedem der insgesamt 25 Tische stand eine Vase mit wunderbar frischen und herrlich duftenden Wildblumen. Zudem fanden sich auf allen Tischen kleine Salz- und Pfefferstreuer in Form von blau-weißen Leuchttürmchen. Hier gefiel es mir sogar noch eine Spur besser als drüben im Restaurant-Bereich. Beide Räume waren wirklich schön und einladend gestaltet. Während das Restaurant jedoch eher schick und gemütlich wirkte, verbreitete der Speisesaal eine frische und leichte Fröhlichkeit, die man schon nach wenigen Augenblicken deutlich spüren konnte. Der ideale Ort für einen beginnenden Urlaubstag!
Der Kellner kam mit meinem Kaffee zurück und riss mich damit aus meinen Gedanken. Er verwies abermals auf das bereitgestellte Frühstücksbuffet.
„Danke“, sagte ich erneut, nahm einen ersten vorsichtigen Schluck von meinem Kaffee und verbrannte mir direkt den Mund.
Ich warf einen kritischen Blick auf meine dampfende Tasse.
Vielleicht doch erst einmal etwas zu Essen holen?! - überlegte ich und stand auf.
Das Buffet machte seinem Namen wirklich alle Ehre. Es gab alles, was das Herz begehrte. Verschiedene Müslis, frische Milch vom Bauern und Joghurt, viele verschiedene Brötchen-Sorten, allerlei Wurst und Käse, Marmelade und Honig, gekochte Eier und Rühreier, sowie frischen, gebratenen Speck, geräucherten Lachs, Krabben und jede Menge Obst.
Unschlüssig ließ ich meinen Blick über die riesige Auswahl schweifen. Eigentlich war ich kein besonders großer Frühstücksfan, doch bei diesem Angebot bekam selbst ich Appetit. Die Stimme in meinem Kopf mahnte mich zudem, dass ich erst gegen Abend wieder umsonst hier essen konnte. Daher war es wohl besonders für meinen Geldbeutel besser, reichlich zu frühstücken.
Nach dem Frühstück ging ich kurz hinauf in mein Zimmer, um meine Handtasche zu holen. Im Anschluss wollte ich direkt hinüber an den Strand. Als ich das Hotel verließ, fiel mir auf, dass die meisten Urlauber erst jetzt in den Speisesaal drängten.
„Alles Langschläfer!“ Ich musste grinsen, als ich mich selbst daran erinnerte, dass ich zu Hause auch am liebsten bis mittags liegen blieb. Vorausgesetzt natürlich, meine Eltern ließen mich in Ruhe. Hier im Urlaub wollte ich lieber früh aufstehen und den Tag voll ausnutzen.
Draußen lief ich die wenigen Meter bis an den Deich heran und ging die Stufen ganz nach oben hinauf. Hier gab es in regelmäßigen Abständen allerlei Sitzbänke, von denen man direkt auf das Meer – oder halt eben das Watt – blicken konnte.
Einen Moment lang stand ich still da und atmete tief die frische Luft ein, die mir entgegenschlug. Binnen weniger Sekunden war meine Frisur durch den Wind komplett zerstört. Ich fluchte leise. Aller Versuche zum Trotz ließen sich meine Haare letztendlich nur mit einem Haargummi bändigen.
Was solls. Ich bin im Urlaub. - dachte ich und widerstand der Versuchung, mein Handy als Spiegel zu missbrauchen.
Wenige Meter, bevor der Strand begann, zog ich meine Sandalen aus und lief barfuß über das kurze Gras, das hier dicht an dicht wuchs. Trotz der warmen, sommerlichen Temperaturen war es noch feucht und kalt.
Auch der Sand war noch kühl. Schon nach den ersten Schritten spürte ich die kleinen Steinchen und spitzen Muschelstückchen unter meinen Füßen. Irgendwie hatte ich mir den Sand nicht so grobkörnig vorgestellt. So vollkommen anders als am Mittelmeer. Aber anders musste ja nicht zwangsläufig schlechter sein.
Ich blieb stehen und ließ meinen Blick in die Ferne schweifen. Unwichtig, wie sich der Nordseesand unter meinen Füßen anfühlte, denn bei dieser Aussicht war mir alles andere sowieso komplett egal. Das Watt erschien mir beinahe grenzenlos. Weit in der Ferne erkannte ich einen schmalen, glitzernden Streifen am Horizont. Das Meer kam langsam zurück. Leicht rechts verlief ein länglicher, grüner Landfetzen. Vermutlich eine der kleineren Inseln. Leider wusste ich nicht, welche. Etwas weiter rechts sah ich einen rot-weißen Leuchtturm, der direkt aus dem Watt hinauszuragen schien.
Es war wirklich schön hier. Ich genoss meinen ersten Vormittag in vollen Zügen. Die Sonne schien, es war warm und laut meiner App waren in den kommenden Tagen keinerlei Regenwolken in Sicht. Der Start in meinen Urlaub hätte perfekter kaum sein können. Ich lächelte und schloss für einen Moment die Augen.
„Anna...“
Überrascht schaute ich auf und drehte mich ruckartig um. Wer hatte da eben meinen Namen gesagt? Niemand der anderen Urlauber nahm Notiz von mir. Sie unterhielten sich miteinander oder lasen. Ein paar Jugendliche, ungefähr in meinem Alter, spielten an einem Beachvolleyball-Netz und drei kleine Kinder, in unmittelbarer Nähe hatten sich eine Sandburg gebaut.
Mein Herz begann ein wenig schneller zu schlagen, denn augenblicklich musste ich an die Ereignisse der vergangenen Nacht zurückdenken. Unaufhörlich ließ ich meinen Blick über den Strand schweifen. Niemand schaute mich an. Niemand war mir nahe genug, um es gewesen zu sein. Die Stimme, die ich eben gehört hatte, hatte nur ganz leise gesprochen. Ein Flüstern - viel zu nah...
„Annaaaaa....“ - Da war sie wieder!
Der Schreck jagte durch meinen Körper, wie ein elektrischer Schlag. Irgendetwas stimmte hier nicht. Ich konnte die fremden Blicke deutlich auf mir spüren.
Aber niemand schaute mich an!
Eine Gänsehaut jagte meinen Rücken hinab.
