Box Hill - Adam Mars-Jones - E-Book

Box Hill E-Book

Adam Mars-Jones

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Beschreibung

Surrey County in England, im Jahr 1975: An seinem 18. Geburtstag beobachtet Colin am Box Hill, einem Biker-Treffpunkt südlich von London, neugierig die starken Kerle im Motorrad-Outfit. Noch weiß er nicht, dass dieser Tag sein Leben für immer verändern wird. Bis er wortwörtlich über einen der starken Kerle stolpert: Ray. Die natürliche Autorität des deutlich älteren Mannes mit der Lederkluft übt vom ersten Moment an eine unbezwingbare Anziehungskraft auf Colin aus. Die Folgen sind seine erste sexuelle Erfahrung, seine erste Fahrt auf einer Norton Commando und seine erste Beziehung. Noch am selben Tag zieht er bei Ray ein – der Beginn einer sechs Jahre andauernden, streng reglementierten Zweisamkeit, in der sich die Grenzen zwischen Unterwerfung und Geborgenheit auflösen. Adam Mars-Jones verbindet in "Box Hill" die Geschichte einer SM-Beziehung mit einem großen Panorama der Widersprüchlichkeiten menschlichen Verhaltens. Indem er den Ich-Erzähler Colin die Geschichte mit einem zeitlichen Abstand von knapp zwanzig Jahren erzählen lässt, schreibt er dem Text beiläufig eine Nostalgie ein, die auch den Abgründen des Geschehens eine gewisse Zärtlichkeit zubilligt. Und indem er Ray gleichermaßen als Unterdrücker und als Ikone zeichnet, macht er die Ambivalenz von Colins Gefühlen nachvollziehbar. Das ist sexy und anrührend, traurig und komisch, und entlarvt nicht zuletzt mit einer charmanten Portion britischen Humors das Männerwelt-Idyll der ungebremsten Motorrad-Rennfahrten, drakonischen Machtspielchen und versauten Poker-Runden als Mythos von gestern.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 190

Veröffentlichungsjahr: 2024

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BOX HILL

VERLAGSINFORMATION

Surrey County in England, im Jahr 1975: An seinem achtzehnten Geburtstag macht Colin einen Ausflug zum Biker-Treffpunkt Box Hill. Dort stolpert er buchstäblich über Ray, einen deutlich älteren, charismatischen Kerl in Ledermontur, dessen natürliche Autorität ihn vom ersten Moment an fasz-iniert. Die Folgen sind seine erste sexuelle Erfahrung, seine erste Fahrt auf einer Norton Commando und seine erste Beziehung. Noch am selben Tag zieht er bei Ray ein – der Beginn einer sechs Jahre währenden, streng reglementierten Zweisamkeit, in der sich die Grenzen zwischen Unterwerfung und Geborgenheit auflösen.

Adam Mars-Jones verbindet in Box Hill die Geschichte einer problematischen SM-Beziehung mit einem Panorama der Widersprüchlichkeiten menschlichen Verhaltens. Indem er den Ich-Erzähler Colin die Geschichte mit einem zeitlichen Abstand von knapp zwanzig Jahren erzählen lässt, schreibt er dem Text beiläufig eine Nostalgie ein, die auch den Abgründen des Geschehens eine gewisse Zärtlichkeit zubilligt. Und indem er Ray gleichermaßen als Unterdrücker und als Ikone zeichnet, macht er die Ambivalenz von Colins Gefühlen nachvollziehbar. Das ist sexy und anrührend, traurig und komisch – und entlarvt mit einer charmanten Portion britischen Humors das Männerwelt-Idyll der ungebremsten Motorrad-Rennen, perfiden Machtspielchen und versauten Poker- Runden als Mythos von gestern.

Adam Mars-Jones, geb. 1954, ist Professor für Creative Writing an der Goldsmiths University in London. Er ist Autor mehrerer Romane, u. a. Pilcrow, Cedilla und Batlava Lake. Als Literaturkritiker schreibt er regelmäßig für die London Review of Books. Seit 2007 ist er Mitglied der Royal Society of Literature. Für Box Hill erhielt er 2019 den Fitzcarraldo Editions Novel Prize.

Gregor Runge, geb. 1981, studierte u. a. am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er lebt und arbeitet als Übersetzer in Berlin. Zu den von ihm übersetzten Autoren und Autorinnen gehören E. M. Forster, Christopher Isherwood und Hilary Leichter.

ADAM MARS-JONES

BOX HILL

ROMAN

Aus dem Englischen von Gregor Runge

Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel

Box Hill bei Fitzcarraldo Editions, London.

© Adam Mars-Jones, 2020

Der Übersetzer dankt dem Deutschen Übersetzerfonds für die Unterstützung seiner Arbeit.

1. Auflage

© 2024 Albino Verlag, Berlin

Salzgeber Buchverlage GmbH

Prinzessinnenstraße 29, 10969 Berlin

[email protected]

Umschlaggestaltung: Johann Peter Werth

unter Verwendung eines Fotos von Andreas Fux

Satz: Robert Schulze

Printed in the Czech Republic

ISBN 978-3-86300-376-0

Mehr über unsere Bücher und Autor*innen:

www.albino-verlag.de

INHALT

Kapitel 1

Box Hill, wo sich sonntags die Biker treffen. Box Hill in der Nähe von Leatherhead, Surrey. Das Juwel der North Downs, das den Fluss namens Mole um rund 120 Meter überragt. Wegen des starken Gefälles wachsen hier nur Buchsbäume und Eiben. Box Hill könnte also genauso gut Yew Hill heißen, aber Buchsbäume sind sehr viel seltener und daher die besseren Namensgeber.

Buchsbaumholz ist die schwerste europäische Holzart. Im Wasser geht es unter. Aus den Wurzeln hat man früher Messergriffe hergestellt. Buchsbäume sind giftig, so wie Eiben. Nur Kamele fressen ihre Blätter, aber nicht, weil sie immun wären, sondern weil sie dumm sind und nicht wissen, was sie tun. Buchsbäume eignen sich besonders gut für Irrgärten, weil ihr Laub so dicht ist und weil man sie so ziehen kann, dass die Blätter bis zum Boden reichen. Wozu ein Irrgarten, wenn man sich einfach auf den Bauch legen und rausrobben kann, weil man sieht, wo man ist.

Buchsbaumblätter wachsen gegenständig, sind ovoid, ganzrandig, glatt, dick, ledrig und dunkelgrün. Das habe ich nachgeschlagen. Klingt wie ein Gedicht, das man nur halb versteht.

Box Hill liegt umgeben von hügeligem Weideland. Schafe. Artenreiche Kreideflora. Wer weiß, wie Orchideen aussehen, kann hier welche finden. Einmal pro Woche fallen die Biker ein. Mit ihren prächtigen Maschinen. Mit ihren Motorrädern, die aufheulen und aufjaulen.

1975, mein achtzehnter Geburtstag, ein Sonntag. Ich wollte mir die Motorräder ansehen. Weil Mum im Krankenhaus, Dad deswegen ziemlich durcheinander und die Stimmung zu Hause im Keller war. Weil ich mir bald selbst ein Motorrad kaufen wollte. Weil mich die Biker interessierten. Weil ich Geburtstag hatte. Aber eigentlich brauchte ich keinen Grund.

Von einem eigenen Motorrad war ich denkbar weit entfernt. Bisher war ich nur von Isleworth nach London gepilgert und hatte mir in der Great Portland Street in der Nähe von Oxford Circus den Katalog von Lewis Leathers geholt. Nicht gerade um die Ecke. Dem Katalog war ein Merkblatt beigelegt, auf dem erklärt wurde, wie man für eine einteilige Lederkombi Maß nimmt. Der Umriss eines Körpers, mit Pfeilen, von der Schulter zum Handgelenk und auf der Innenseite der Beine.

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das mit dem Einteiler funktioniert. Die Silhouette sah mir nicht gerade ähnlich. Wahrscheinlich war eine Jacke von der Stange die bessere Wahl, allerdings musste ich mir auch die erst mal leisten können. Aber wenigstens würde ich reinpassen, obwohl, sicher war ich mir da auch nicht. Wenn die Jacke groß genug war, so dass ich den Reißverschluss über dem Bauch zubekam, waren garantiert die Ärmel zu lang und die Schultern zu luftig.

Ich bin auf die Schnauze geflogen. Ich bin gestolpert und vor ihm auf die Schnauze geflogen. Jedes Mal, wenn er später jemandem davon erzählte, wie wir uns kennengelernt hatten, sagte Ray: Colin ist nicht auf mich geflogen, Colin ist auf die Schnauze geflogen. Danach sagte er immer etwas, was mir peinlich war. Er sagte: Ich hab ihn angeguckt und wusste sofort, was er wollte.

Dabei hatte ich keine Ahnung, was ich wollte, und weiß bis heute nicht, warum er sich damals ausgerechnet mich ausgesucht hat. Ich war nie ein Hingucker. Ich war nie schlank. Aber Ray war zum Niederknien, wobei das damals niemand so gesagt hätte. So was sagte einfach keiner. Deswegen dachte ich auch nicht, der Typ ist zum Niederknien. Damals las ich noch Jugendzeitschriften, und das Wort, das mir in den Sinn kam, war das Wort, das junge Leute damals eben sagten, ich fand ihn scharf.

Ich bin vor ihm auf die Schnauze gefallen, genauso wie er gesagt hat. Die eine Seite von Box Hill, die beim Aussichtspunkt, wo das Gras kurz und gepflegt ist, nenne ich die zurechtgestutzte Seite, aber begegnet sind wir uns auf der anderen, wo das Gras weniger geleckt und fast ein bisschen struppig aussieht. Er saß an einen Baum gelehnt, die Augen geschlossen, die großen Füße über Kreuz. Das hört sich so an, als hätte ich ihn sofort bemerkt, habe ich aber nicht. Ich bin nur über seine Füße gestolpert.

Wahrscheinlich schlief er sich nach einer langen Nacht aus, mit einem üppigen Frühstück im Magen, aus dem Café am Fuß des Hügels, wo alle Leder trugen, aber keiner so wie er. Ray war so daran gewöhnt, angeglotzt zu werden, dass es ihm überhaupt nicht mehr auffiel. Hätte ihm ähnlichgesehen, nach dem Essen dazusitzen und ein Buch zu lesen. Militärgeschichte. Irgendwas über die Tiere der Weltmeere. Ich habe außer ihm nie jemanden gesehen, der mit Lederhandschuhen problemlos umblättern konnte.

Er konnte sogar Karten mischen und ausgeben, ohne seine Handschuhe auszuziehen, da blieb einem die Spucke weg. War zwar nur ein Partytrick, eine Wette mit seinen Pokerkumpels, aber was spielt das schon für eine Rolle. Geschmeidige Abendhandschuhe, keine Motorradhandschuhe. Nachdem er von seiner Maschine abgestiegen war, zog er die steifen Motorradhandschuhe immer aus und legte sie sorgfältig in seinen Helm, um dann die dünnen Abendhandschuhe aus seiner Jackentasche zu holen. Maßanfertigung aus Mayfair, da bin ich mir ziemlich sicher, saßen wie angegossen, bis zu den Fingerspitzen.

Zwischendurch, wenn er für einen Augenblick keine Handschuhe trug, strich er sich die dicken blonden Haare aus der Stirn, mit einer kurzen schnellen Bewegung, viel zu energisch, als dass es eitel gewirkt hätte. Niemand wäre dabei auf die Idee gekommen, dass es ihm um seine Frisur gehen oder dass er ein Lackaffe sein könnte. Seine Haare waren auch nie strähnig, unordentlich oder vorne lang genug, um als Tolle durchzugehen.

Leute, die ihn anstarrten, ignorierte er einfach, aber dass man ihn nicht beachtete, war er nicht gewöhnt. Natürlich hat mich unsere unverhoffte Begegnung stärker in Mitleidenschaft gezogen als ihn, ich bin der Länge nach hingefallen und habe mir die Knie aufgeschlagen, während er nichts weiter davontrug als einen Kratzer im Leder seines Motorradstiefels. Der war allerdings schwerwiegend genug, seinem finsteren Blick nach zu urteilen. Während ich mich abklopfte und aufsetzte, blitzte er mich an und knurrte: «Verfickt noch mal, hast du keine Augen im Kopf, oder was?»

Das Wort «verfickt» könnte auch an anderer Stelle gefallen sein. Vielleicht hat er gesagt: «Hast du keine Augen im Kopf, oder was? Verfickt noch mal.» Schwer zu sagen nach so langer Zeit, aber er hat auf jeden Fall «verfickt» gesagt. Ich war es nicht gewöhnt, so angegangen zu werden, und bin zusammengezuckt, das weiß ich noch. Ich hatte Schiss, aber weggerannt bin ich nicht – nicht, dass Rennen je meine Stärke gewesen wäre. Wenn ich es versuche, hinkt ein Bein immer hinterher.

Jedenfalls konnte ich die Augen nicht von ihm lassen, so viel steht fest, aber wer hätte das an meiner Stelle schon gekonnt? Er erinnerte mich an die Hochglanzabbildungen aus dem Katalog von Lewis Leathers, dagegen muss ich ausgesehen haben wie die öde Schaufensterdekoration von Burton’s, dem Herrenausstatter, die auch nach zahllosen Umgestaltungs- und Ausleuchtungsexperimenten noch immer niemanden dazu bringt, irgendetwas zu kaufen. Der Schlag meiner Hosen war mutlos – ja, so was gibt es tatsächlich, mutlose Schlaghosen. Die abgerundeten Aufschläge meiner braunen Lederjacke waren viel zu groß, der Reißverschluss war nicht aus Metall, sondern aus Plastik und verlief schnurgerade mittig und nicht so sexy schräg wie bei den Bikerjacken. Ray war 1,95 m groß und ich kaum 1,70 m, woran sich bis heute nichts geändert hat. Aber selbst, wenn ich größer gewesen wäre, hätte ich bei diesem Blickduell von oben herab nicht mithalten können.

Wobei Ray immer behauptete, sein grimmiger Blick hätte mich überhaupt nicht interessiert. Dabei war ich ziemlich baff, als er sagte: «Verstehe, darum geht’s dir also.» Seine Stimme klang jetzt anders als vorher, noch immer bedrohlich, aber auf eine andere Art. Bedrohlich, aber verheißungsvoll. Träge und zornig, beides zugleich. Mir war gar nicht aufgefallen, dass ich ihm nicht ins Gesicht gesehen hatte. Nicht, dass es kein schönes, perfekt geschnittenes, markantes Gesicht war. Ich achtete nur nicht darauf.

Er war mir immer eine Stufe voraus. Manchmal einen ganzen Treppenabsatz. Blickte ausdruckslos von oben auf mich herab und wartete, ob ich den Mut haben würde, ihm zu folgen. Manchmal verschwand er so schnell um die Ecke, dass ich rennen musste, um ihn einzuholen, strauchelnd und atemlos vor Angst, ihn nie wiederzusehen, sollte ich ihn aus den Augen verlieren.

Er trug eine einteilige Lederkombi, griff sich jetzt an den Hals, wo ein Riemen mit Druckknopf den Reißverschluss verdeckte, schnippte ihn mit einem Finger auf und klappte ihn um. Ohne zu begreifen, was passierte, sah ich ihm dabei zu, wie er langsam den Reißverschluss öffnete, komplett, bis zum Anschlag.

Wenn Ray 1,95 m groß war, dürfte der Reißverschluss, der von seinem Hals bis zwischen seine Beine reichte, fast einen Meter lang gewesen sein. Mehr als halb so lang wie ich. Er gab eine Art Brummen von sich. Ein schnurrendes Brummen. Ray kannte einen Trick, der dafür sorgte, dass seine Reißverschlüsse leichtgängig blieben, was ich damals natürlich noch nicht wusste. Einmal pro Woche behandelte er alle Reißverschlüsse seiner Lederklamotten mit einem Kerzenstumpf. Öl funktioniert nicht so gut. Es muss Wachs sein. Öl trocknet aus, Wachs hält vor.

Die Reibung, die entstand, wenn der Schlitten die Zähne entweder ineinander verhakte oder voneinander löste, verflüssigte das Wachs und ließ einen Gleitfilm entstehen. Rays Reißverschlüsse schnurrten ausnahmslos, wenn er sie, ohne dabei viel Kraft ausüben zu müssen, auf- und zuzog.

Als der Schlitten des Reißverschlusses über Rays Schlüsselbein glitt, dachte ich erst, dort wäre Schluss und dass er gleich irgendetwas hervorholen würde, dass er mir etwas zeigen wollte, ich wusste nur nicht, was, ein Kruzifix vielleicht, oder ein Medaillon mit einem Bild von seiner Frau. Als der Schlitten dann immer weiter über den Wachsfilm glitt und sich dem Bauchnabel näherte, dachte ich nur noch, Ray würde ein Messer zücken und mich, der ich ergeben vor ihm hocken blieb, aufschlitzen. Inzwischen hatte der Reißverschluss zwei schmale Streifen schweißnasser Haare entblößt, auf der Brust und unterm Nabel.

Auch ich schwitzte, vor Angst und weil es ein warmer Tag war, aber mein Schweiß war nichts weiter als ein Abfallprodukt. Seiner dagegen war das schimmernde Tüpfelchen auf dem i seiner Schönheit. Eine Art Zauberelixier.

Als der Reißverschluss ganz offen war, musste ich mir eingestehen, dass Ray jetzt nur noch seinen Schwanz und seine Eier zutage fördern konnte. Er holte also seine Eier hervor, mit größter Vorsicht, arrangierte sie wie exotische Früchte in einer Obstschale, eine Skulptur im Schaufenster einer Galerie. Wahrscheinlich sollte ich das schiere Ausmaß seines Hodensacks zur Kenntnis nehmen, auf dem, wie auf einem prallen Kissen, sein träger, halbschlaffer Schwanz lag, der sich noch nicht die Mühe gemacht hatte, richtig steif zu werden, lümmelnd und abwartend, bis sich irgendetwas seine Aufmerksamkeit verdient hätte.

Mir fiel auf, dass Rays Einteiler anders war als das Modell aus dem Katalog von Lewis Leathers, wo der Reißverschluss weiter oben aufhörte und nicht, wie bei Ray, direkt an die Naht anschloss, die sich mittig über den Schritt zog, was diese unverblümte Darbietung erst möglich machte. Eines der ersten Dinge, die ich von Ray lernte, war also die Tatsache, dass man Motorradbekleidung auch anderswo kaufen konnte als bei Lewis Leathers in der Great Portland Street nahe Oxford Circus.

Hätte ich besser aufgepasst, wäre mir noch etwas anderes aufgefallen. Rays Einteiler war mit einem Doppelreißverschluss ausgestattet, er hätte mir sein Gemächt also genauso gut präsentieren können, indem er den Reißverschluss von unten nach oben zieht und nicht von oben nach unten. Auch auf Polarexpeditionen hatte man solche Reißverschlüsse, damit man unter extremen Bedingungen, bei Minusgraden und in Schneestürmen, pinkeln konnte, ohne allzu viel Haut entblößen zu müssen.

Während ich lechzend vor ihm kniete, wäre mir nicht in den Sinn gekommen, dass die Sache mit dem Reißverschluss etwas Ritualisiertes und Theatralisches an sich hatte. Und dass er keine Unterwäsche trug, war nicht nur ein Zeichen dafür, dass er in seinem Element war, sondern dafür, dass er über einen atemberaubenden Erfahrungsschatz verfügte. Er war mehr als erfahren, er war routiniert.

Ich kam mir wie betäubt vor, als wäre ich ohne Polarkleidung einem Schneesturm ausgesetzt und festgefroren. Ich konnte mich nicht mehr rühren. Das Rauschen der Landschaft und das Knattern der Motorräder nahm ich nur noch undeutlich wahr, meinen Atem dafür umso stärker. Ich wusste, was jetzt von mir erwartet wurde, und ich wusste auch, dass ich es wollte, aber ich war unfähig, den ersten Schritt zu tun. Ich konnte einfach nicht. Nicht ohne Hilfe.

Ray hatte Erbarmen mit mir. Er bedeckte seinen Schwanz mit einer Hand, so dass seine Eier noch besser zur Geltung kamen, schnipste mit der anderen und nickte, einmal. Kein lautes Schnipsen übrigens, wegen der Handschuhe klang es gedämpft, aber gerade deshalb duldete es keinen Widerspruch.

Er hat es mir leicht gemacht, indem er mir eine Aufgabe gab, an der nicht einmal ein blutiger Anfänger scheitern konnte. Nachdem ich mich seinen Eiern gewidmet hatte, ließ er seinen Schwanz nach vorne schnellen und schnipste noch einmal. Das zweite Schnipsen war nicht dort zu hören, wo wir uns befanden, sondern in meinem Kopf. Es war, als hätte Ray im tiefsten Winkel meines Bewusstseins mit dem Finger geschnipst und in meinem Gehirn etwas ausgelöst, das dem ähnelte, was einem Krampfanfall vorausgeht. Bei Menschen, die zu Krampfanfällen neigen.

Er hatte viel Geduld mit mir. Jedes Mal, wenn ich würgen musste, durfte ich mich kurz ausruhen, mit seiner behandschuhten Hand im Nacken, dann zog er mich wieder an sich. Hätte ich je zuvor in meinem Leben einen Pornofilm gesehen, wäre mir vielleicht in den Sinn gekommen, dass das, was ich da erlebte, Pornodarstellern vorbehalten war. Aber hatte ich nicht, also passierte mir das alles wirklich.

Ich verschwendete keinen Gedanken daran, dass man uns auf unserer kleinen verwilderten Lichtung überraschen könnte. Vielleicht war Ray genauso abgelenkt wie ich, genauso in Anspruch genommen von seinen Empfindungen, vielleicht biss er sich auf die Lippen und so weiter, damit er nicht aufstöhnte, aber ich will mich nicht selbst loben. Er stöhnte nie auf vor Lust. Nur ganz selten, das schon, platzte ein heiserer Schrei aus ihm heraus, etwas in der Art jedenfalls, aber das ist was anderes.

Der Ray, den ich erst noch kennenlernen sollte, konnte noch so sehr auf Touren sein, er wusste ganz genau, ob sich jemand näherte. Er hatte auch keine Skrupel, die Augen so lange geschlossen zu halten, bis uns jemand so nah gekommen war, dass kein Zweifel mehr darüber bestehen konnte, was genau wir da trieben, sie dann zu öffnen und mit betörend blauen Augen sein Gegenüber anzusehen und zu grummeln: «Ich muss doch sehr bitten! Wir sind beschäftigt, sehen Sie das nicht?» Dann leiser: «Manche Leute haben einfach keine Manieren.»

Als er fertig war und den Reißverschluss zuzog, legte er dabei den Daumen unter den Schieber, um sich keine Haare einzuklemmen. Er machte das in aller Seelenruhe, allerdings musste auch einiges passieren, bis Ray unruhig wurde. Vielleicht hatte er jemanden kommen hören und wollte mir den beschämenden Moment des Erwischtwerdens, der ihn selbst kaltgelassen hätte, ersparen. Manchmal schien er beinah erwischt werden zu wollen, um zeigen zu können, wie wenig es ihm ausmachte.

Ich wusste nicht, was los war. Fragte mich, ob die Tatsache, dass er aufhörte, bedeutete, dass ich irgendeine Prüfung bestanden hatte. Oder durchgefallen war. Ich fragte mich auch, ob es unhöflich war, die Haare von meiner Zunge zu sammeln. Seit ich über ihn gestolpert war, hockte ich vor ihm, und auch wenn ich meine schmerzenden Knie noch spüren konnte, war ich nicht sicher, ob meine Beine mich noch tragen würden. Ich war völlig benommen. Von dem, was gerade passiert war, von Ray. Vielleicht wäre ich nie wieder aufgestanden, wenn er mich nicht unter den Armen gepackt und hochgezogen hätte, so dass meine Beine daran erinnert wurden, wofür sie da waren. Ich war erstaunt, wie leicht ihm das fiel, schließlich bin ich nie ein Fliegengewicht gewesen. Ich wusste damals noch nicht, wie stark er war, wie trainiert, abgesehen davon, dass es ihm anzusehen war. Dass er Ringer war und Kampfsportler, wusste ich auch nicht.

«Ich bin Ray», sagte er, die Hände auf meinen Schultern, und mir kam gerade mal ein atemloses «Colin» über die Lippen. Er war so viel größer als ich, dass es mir vorkam, als hätte ich vom allerersten Moment an zu ihm aufsehen müssen, selbst dann noch, als ich seinen zornigen Schwanz im Mund gehabt hatte. Selbst in diesem Moment, als ich versuchte, ihn zu verwöhnen, verstrickt in ein Gefühl nervösen Begehrens, richtete ich meinen Blick nach oben, in die Dunkelheit seiner Schamhaare, weil ich ihm in die Augen sehen wollte.

Ich war noch wackelig auf den Beinen, und er war so stark, dass es sich anfühlte, als würden mich die Hände auf meinen Schultern zurück auf den Boden drücken. Meine Knie gaben wieder nach, so dass wir das Manöver von vorher lächerlicherweise wiederholen mussten – sofort griff er mir unter die Arme, um mich zu stützen. Hoch, runter. Ich hatte die Verantwortung abgegeben.

Zum ersten Mal schien er fast zu lächeln, auch wenn es ein kaltes Lächeln war und er mich kopfschüttelnd fragte: «Was soll ich bloß mit dir machen?»

Auf manche Fragen erwartet man keine Antwort, das weiß ich, aber diese durfte nicht unerwidert bleiben: «Was du willst.» Ich war nicht sicher, ob ich es wirklich über mich gebracht hatte, diese Worte laut auszusprechen, also wiederholte ich sie, für den Fall, dass es beim ersten Mal nur Einbildung gewesen war. Denn das hier war meine Gelegenheit. Er sollte hören, was ich zu sagen hatte: «Was auch immer du willst.»

«Musst du irgendwen anrufen?», fragte er. Anders als in den Seifenopern ließ er keine bedeutungsschwangere Pause entstehen, um deutlich zu machen, dass es sich hier um einen wichtigen Moment handelte. Er sagte es geradeheraus. Ohne Umschweife. Ich verstehe bis heute nicht, wie man so konsequent sein kann. Ray traf einfach eine Entscheidung, in diesem Moment, genau dort.

Ich wusste nicht, was er von mir wollte. «Was? Jetzt?» Ich stellte mich nicht dumm. Ich weiß nicht mal, wie das geht. Es dauerte nur einen kurzen Moment, bis der Groschen fiel, wie immer bei mir.

«Damit du Bescheid sagen kannst, dass niemand auf dich warten soll.» Mir fiel erst jetzt auf, dass er zusätzlich zu seiner einteiligen Kombi noch eine Lederjacke dabeihatte. Sie lag zusammengerollt am Baum, ein richtiges Männerkissen. Er hob sie auf und warf sie über die Schulter, wobei er seinen Daumen als Haken benutzte.

Erwartet wurde ich zu Hause in Isleworth. Meine Mum lag im Krankenhaus. Wir wussten noch nicht, was mit ihr los war. Dad war ziemlich geknickt deswegen, aber mir war nicht ganz klar, ob es einen medizinischen Grund dafür gab. Frauenleiden schienen ihn peinlich zu berühren, was verrückt ist, wenn man bedenkt, dass er Apotheker war, aber er war auch elf Jahre älter als meine Mum und ein Mann seiner Generation. Es lag in seiner Natur. Apotheker sind keine Ärzte, sie müssen nur die Handschrift der Ärzte lesen können. Sie haben nur indirekt mit dem menschlichen Körper zu tun, und wenn sie nun mal schüchtern und zurückhaltend sind, warum sollten sie das nicht bleiben?

Mum war erst wenige Tage im Krankenhaus, aber seitdem war es nicht auszuhalten mit Dad. Normalerweise schmiss sie den Laden, stand an der Kasse und kümmerte sich fast um alles, abgesehen von der Herstellung der Rezepturen. Aber dass er sich allein um den Laden kümmern musste, war nicht, was ihn störte.

Volljährigkeit bedeutete damals nicht dasselbe wie heute. Zum Beispiel war es nicht so, dass das, was ich mit Ray getrieben hatte, legal war oder legal gewesen wäre, wenn wir es drinnen und nicht auf der verwahrlosten Seite von Box Hill getan hätten. Es bedeutete, dass ich wählen durfte, sobald es wieder was zu wählen gab, und weil ich jetzt volljährig war, ein erwachsener Bürger, schien es mir nur angemessen, dass ich selbst entschied, wie ich den Rest dieses besonderen Tages verbringen würde. Aber ich konnte nicht einfach wegbleiben, ohne mich abzumelden. Ich sagte Ray, dass ich Ted Bescheid geben würde. Um ihn zu finden, machten wir uns auf den Weg nach Box Hill. Also ins Dorf, wo das Pub war. Weil ich verschwitzt war, zog ich meine Jacke aus und versuchte, sie an meinem Daumen hängend über die Schulter zu werfen, so wie Ray, aber entweder die Jacke oder der Daumen war ungeeignet, deswegen rutschte sie ständig runter. Bis ich sie mir peinlich berührt unter den Arm stopfte.

Ted hatte mich auf seinem Motorrad mit nach Box Hill genommen. Joyce, die jüngere meiner beiden Schwestern, hatte ihm den Laufpass gegeben, aber es war meiner Familie noch nicht gelungen, ihn loszuwerden. Er stand zu den merkwürdigsten Zeiten vor der Tür, und meine Mutter tischte ihm immer irgendetwas auf, während Joyce so tat, als würde sie ihn nicht einmal sehen, und auch dann nicht von ihrer Zeitschrift aufblickte, wenn er aufstand und sich wieder verabschiedete.