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Müssen wir ständig so viel fühlen? Ein Sachbuch über Ängste, Depressionen und unser Gehirn für Jugendliche ab 13 Jahren Im Laufe eines Tages erleben wir Hunderte von verschiedenen Gefühlen. Teils sind sie ganz alltäglich – etwa wenn wir uns ärgern, weil der Bus zu spät kommt. Andere Gefühle sind manchmal überwältigend, zum Beispiel Liebe und Verzweiflung. Das Leben könnte so viel einfacher sein, wenn wir diese Gefühle nicht hätten – zumindest nicht die anstrengenden. Denn wer will schon deprimiert sein oder von Angst wie gelähmt? Oder auch nur nervös, weil einem etwas Unangenehmes bevorsteht? Können wir nicht einfach immer glücklich sein? Leider können wir das nicht. Diese Gefühle sind nämlich ganz normal und stammen aus einer Zeit vor vielen tausend Jahren, als das Leben ganz anders und viel gefährlicher war als heute. Mit negativen Gefühlen versucht dein Gehirn, dich vor Bedrohungen zu schützen, damit dir nichts passiert. Du bist nicht dafür gemacht, immer glücklich zu sein! Der Psychologe Anders Hansen erzählt fesselnd von Gefühlen, warum es sie gibt und wie du gut mit ihnen umgehen und sie sogar beeinflussen kannst. - Erklärt leicht verständlich die evolutionären und psychologischen Prozesse hinter Depressionen und Angststörungen - Ein Buch, das Jugendliche aufklärt und stärkt: Mit dir ist nichts falsch, wenn du negative Gefühle hast - Von Schwedens prominentestem Hirnforscher und Psychologen Anders Hansen
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Seitenzahl: 109
Veröffentlichungsjahr: 2026
Müssen wir ständig so viel fühlen?
Kapitel 1: Die Überlebenden und du
Kapitel 2: Die Sache mit den Gefühlen
Kapitel 3: Positive Gefühle … und die anderen
Kapitel 4: Die Welt ist anders, als du glaubst
Kapitel 5: Eingebildete und echte Bedrohungen
Kapitel 6: Mit dem Körper das Gehirn beeinflussen
Kapitel 7: Teil der Herde
Kapitel 8: Genetik und Umwelt
Kapitel 9: Pfeif aufs Glück – froh wirst du anders
Ja, wir müssen ständig so viel fühlen
Im Lauf eines Tages erleben wir Tausende von verschiedenen Gefühlen. Teils sind sie flüchtig und alltäglich – etwa wenn wir uns ärgern, weil der Bus zu spät kommt, oder wenn wir erleichtert sind, dass wir nach längerem Kramen den Schlüssel in der Tasche gefunden haben. Andere Gefühle sind mächtig und überwältigend, zum Beispiel Liebe und Verzweiflung.
Es kommt einem manchmal so vor, als könnte das Leben so viel einfacher sein, wenn wir diese Gefühle nicht hätten – zumindest nicht die anstrengenden. Denn wer will schon deprimiert sein oder vor Angst wie gelähmt? Oder auch nur nervös, weil einem etwas Unangenehmes bevorsteht? Können wir nicht einfach dauerhaft glücklich sein?
Nein. Denn wenn wir nur positive, angenehme Gefühle hätten, wäre die Menschheit längst ausgestorben. Und dann wärst du gar nicht auf der Welt.
Dein Gehirn hat genau eine Aufgabe, die wichtiger ist als jede andere: dich am Leben zu erhalten. Es ist nicht dazu da, dass du den ganzen Tag Spaß hast, Fußballweltmeisterin oder Chemie-Nobelpreisträger wirst. Es will einfach nur, dass du überlebst – und zwar um jeden Preis. Und genau hier kommen deine Gefühle ins Spiel: Sie sind der Hebel, um dich dazu zu bringen, exakt das zu tun, was dein Gehirn von dir will.
Wenn dein Gehirn der Ansicht ist, dass du dich ausruhen solltest, verspürst du ein Gefühl der Erschöpfung. Wenn du Energie benötigst, verspürst du Hunger. Es gibt aber auch subtilere Gefühle, etwa Verlegenheit, wenn du befürchtest, du könntest dich blamieren. Oder dein Gehirn deutet eine Situation als gefährlich, dann gerätst du in Stress oder bekommst Angst.
Dein Gehirn hat genau eine Aufgabe dich am Leben zu erhalten
Wenn wir nur positive Gefühle hätten, wäre die Menschheit längst ausgestorben.
An dieser Stelle schießt unser Gehirn heutzutage hin und wieder übers Ziel hinaus, weil es sich unter Lebensbedingungen entwickelt hat, die ganz anders aussahen, als wir sie heute kennen. Dein Gehirn zwingt dich, auf Bedrohungen und Gefahren zu reagieren, als wärst du immer noch Jäger oder Sammlerin in der Savanne – weil der Mensch nun mal fast die komplette Menschheitsgeschichte lang so gelebt hat. Und unser Gehirn glaubt, das wäre weiterhin der Fall.
Dieses Buch handelt von Gefühlen – warum es sie gibt und was sie auslösen können. Es geht aber auch darum, was du alles tun kannst, um deinem Gehirn zu einem etwas entspannteren Alltag zu verhelfen. Denn Gefühle an sich sind nicht gefährlich, auch wenn sie gelegentlich irre belastend sind. Doch sobald du sie dir erklären kannst, bist du sogar imstande, sie zu beeinflussen – oder dich zumindest weniger von ihnen einschüchtern lassen.
Ob dich das am Ende glücklicher macht? Das können wir dir nicht versprechen. Und natürlich hängt das auch davon ab, was genau mit «glücklich» gemeint ist.
Was wir dir jedoch versprechen können: Du wirst dich selbst und deine Gefühle besser verstehen lernen. Und das ist für ein Buch doch schon mal gar nicht schlecht!
Kapitel 1: Die Überlebenden und du. Was in den letzten 300 Generationen alles hätte schiefgehen können
Hast du schon mal darüber nachgedacht, was für ein unfassbarer Zufall es ist, dass es dich überhaupt gibt? Bis du auf die Welt kamst, hätte unendlich viel schiefgehen können. Wenn der künftige Vater deines Opas einst den Zug verpasst hätte, in dem die künftige Mutter deines Opas saß, hätten die zwei sich nie kennengelernt – und du wärst nie geboren worden.
Es ist allerdings nicht nur reiner Zufall, dass du auf der Welt bist. All deine Vorfahren hatten nämlich eine Eigenschaft gemeinsam: Sie waren Überlebende. Vor allem haben sie lange genug überlebt, um Nachwuchs zu bekommen. Als Kinder sind sie an keiner Krankheit gestorben und als Jugendliche nicht tödlich verunglückt, ganz im Gegenteil, sie sind erwachsen geworden und haben ihrerseits Kinder bekommen – und zwar eine Generation nach der anderen.
Irgendwas müssen sie also richtig gemacht haben, oder? Und irgendwas in ihren Genen muss ihnen diesen klitzekleinen Vorteil im Überlebenskampf verschafft haben.
Natürlich war hier und da auch eine Prise Glück im Spiel. Vielleicht kam einer deiner Vorfahren nur deshalb mit dem Leben davon, weil er gerade im Wald Beeren sammeln war, als sein Dorf von einem verfeindeten Stamm überfallen wurde. Aber rein statistisch, in Bezug auf die Spezies an sich (die Menschheit), haben bestimmte Erbanlagen die Überlebenswahrscheinlichkeit des Einzelnen erhöht. Und für eine Spezies ist auf lange Sicht nun mal Überleben das Einzige, was zählt.
Wenn bestimmte Erbanlagen die Überlebenswahrscheinlichkeit erhöhen, müssten am Ende nicht alle Menschen die gleichen Gene haben? Die anderen müssten dann doch aussortiert worden sein? Aber nein, so ist es nicht, und dafür gibt es mehrere Gründe.
Einer davon ist, dass unsere Gene – auch die jedes Tieres, jeder Pflanze – ständig zufälligen Veränderungen, sogenannten Mutationen, unterworfen sind: wenn nämlich Teile unserer individuellen DNA bei der Fortpflanzung nicht zu einhundert Prozent exakt kopiert werden. In den allermeisten Fällen sind diese Ungenauigkeiten so winzig, dass sie keine Rolle spielen. Größere Mutationen sind oft ein Nachteil. Aber in manchen Fällen verschafft uns eine spezielle Mutation auch einen kleinen Vorteil gegenüber Individuen, die genau diese Mutation nicht haben. Bei solchen vorteilhaften Mutationen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich auf nachfolgende Generationen vererben. So entwickeln sich innerhalb einer Gruppe nach und nach unterschiedliche Stärken, was für die gesamte Gruppe von Vorteil ist.
Es ist kein Zufall, dass du auf der Welt bist.
Unsere Spezies ist nämlich darauf angelegt, als sogenannte Jäger und Sammler in Gruppen von etwa 100 bis 150 Individuen zusammenzuleben. Über Jahrtausende haben alle Menschen genau so gelebt – und vermutlich hatten diese Gruppen bessere Chancen zu überleben, wenn die einzelnen Mitglieder unterschiedliche Eigenschaften hatten.
Dabei geht es nicht allein um körperliche Eigenschaften, sprich: wie stark oder wie clever wir sind (denn auch unser Gehirn ist «nur» ein Körperteil, aber darauf kommen wir später zu sprechen). Mindestens genauso sehr geht es darum, wie wir uns verhalten, und um unsere Persönlichkeit.
Besagte Gruppen brauchten Mitglieder, die eher draufgängerisch waren, aber sie brauchten auch solche, die vorsichtiger und bedächtiger waren. Bestenfalls gerieten sie untereinander auch nicht in Streit, also mussten einige Mitglieder gute Schlichter sein und die übrige Gruppe dazu bringen, an einem Strang zu ziehen. Und so weiter.
Dass die Menschen so verschieden waren, sorgte auch dafür, dass die ganze Gruppe sich besser an äußere Lebensumstände anpassen konnte: Es gab immer einige, die für neue Herausforderungen gut gerüstet waren, was für die gesamte Gemeinschaft von Vorteil war.
Der Mensch als Spezies hat sich seit dieser Zeit nicht wesentlich verändert, auch wenn unsere Welt heutzutage vollkommen anders aussieht. Aber eine Sache ist nach wie vor gleich: Jeder Typ Mensch, jede spezielle Ausprägung wird benötigt. Auch deine.
Stell dir eine junge Frau in der Savanne vor vielen Jahrtausenden vor. Nennen wir sie Eva. Wir lernen sie kennen, als sie bereits tagelang nichts mehr gegessen hat. Plötzlich entdeckt sie eine reife Frucht hoch oben in einem Baum. Ihr läuft das Wasser im Munde zusammen, und sie geht auf den Baum zu. Erst jetzt sieht sie, dass die Äste ziemlich dünn und instabil sind – und die Frucht hängt viel höher als ursprünglich gedacht.
Eva muss jetzt den Nutzen gegen die Risiken abwägen: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Frucht erreicht und endlich etwas essen kann? Und wie groß die Gefahr, dass sie stattdessen vom Baum fällt und sich das Genick oder sonst was bricht? Letzteres könnte bedeuten, dass sie stirbt und keine Kinder mehr in die Welt setzen kann.
Ihre Entscheidung hängt von drei Faktoren ab. Erstens: Wie verzweifelt ist sie? Wenn sie nicht auf den Baum klettert und deshalb verhungert, kann sie es ebenso gut riskieren. Der zweite Faktor sind ihre Erfahrungen und Fähigkeiten. Ist sie schon mal auf einen ähnlichen Baum geklettert oder noch nie? Und der dritte Faktor ist ihre Persönlichkeit: Ist sie eher ängstlich oder unerschrocken?
Zwei dieser drei Faktoren hängen zumindest teilweise von Evas Erbanlagen ab. Wenn sie sich neue Fähigkeiten schnell aneignen und sie in einer ungewohnten Situation in die Tat umsetzen kann, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie die richtige Entscheidung trifft und überlebt. Ein eher ängstlicher Mensch bleibt eher passiv und wird verhungern; ein übermäßig waghalsiger Mensch geht unnötige Risiken ein und wird vermutlich auch nicht sehr alt …
Solchen Entscheidungen hat Eva sich garantiert oft stellen müssen, bevor sie ihr erstes Kind bekam. Und jedes Mal stand nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das all ihrer Nachfahren auf dem Spiel.
Zu behaupten, dass ein Leben als Jäger und Sammler hart war, wäre noch untertrieben. Die Hälfte aller Menschen starb noch vor der Pubertät, die meisten entweder schon bei der Geburt oder im Kindesalter. Und für all diejenigen, die es bis ins Erwachsenenalter schafften, ging es nicht weniger gefährlich weiter. Ständig drohten den Menschen Krankheiten, Hungersnöte, Wassermangel, Angriffe durch Raubtiere, Unfälle und tödliche Übergriffe.
Genau so hat die Menschheit in 99,9 Prozent der Menschheitsgeschichte gelebt. Lies das gleich noch mal, denn diese Zahl ist entscheidend: In 99,9 Prozent unserer Geschichte ist die Hälfte aller Menschen noch vor Erreichen der Pubertät gestorben – und zwar überwiegend infolge von Infektionen, Unterernährung, Wassermangel, schweren Verletzungen, Mord und Totschlag. Kein Wunder, dass unser Gehirn darauf ausgelegt ist, auf genau solche Gefahren zu reagieren. Bis zum heutigen Tag meiden wir den Kontakt mit Kranken, um nicht selbst krank zu werden. Wann immer möglich, essen wir so viel energiereiche Nahrung, wie wir nur können. Und wir zucken beim leisesten Rascheln im Gebüsch oder im Gras zusammen – dort könnte schließlich ein Raubtier lauern. Vor allem scheuen wir die Einsamkeit und tun alles dafür, unseren Platz innerhalb einer Gemeinschaft zu behaupten, denn die Gemeinschaft – die Gruppe, die Herde – war in der Savanne der beste Schutz. Ein vereinzelter Mensch war quasi zum Tode verurteilt.
Es klingt vielleicht komisch, aber im Grunde sind wir immer noch Jäger und Sammler, auch wenn unsere Lebensbedingungen heute vollkommen anders aussehen. Deshalb verfügen wir auch immer noch nicht über instinktive Schutzmechanismen gegen die Gefahren der Gegenwart, etwa Zigarettenrauch, Straßenverkehr oder Nicht-vom-Sofa-Hochkommen. All das gab es nun mal nicht in jener Welt, in der sich die Menschheit entwickelt hat.
Spricht man von Evolution (d. h. dass sich Arten entwickeln, indem sich die Eigenschaften derer weitervererben, die alt genug werden, um Nachkommen zu zeugen), taucht oft der Ausdruck survival of the fittest auf. Dieser Ausdruck wurde vor allem früher gern mit «Überleben des Stärkeren» übersetzt. Allerdings kann das Wort fit im Englischen unterschiedliche Bedeutungen haben: Es kann einerseits «stark» und «leistungsfähig» heißen (wie etwa im Wort «Fitness»), aber auch, dass etwas «passt» oder «gut geeignet» ist (so wie im Satz These trousers fit me.). Und exakt so ist es hier auch gemeint – es geht um das «Überleben der am besten Geeigneten».
Wer immer die besten Voraussetzungen für ein Leben unter speziellen Bedingungen mitbringt, hat auch bessere Chancen, zu überleben und seine Gene weiterzuvererben. Und das ist nicht immer derjenige mit den größten Muskeln.
Gefühle sind das Handwerkszeug des Gehirns, das dich am Leben erhalten will.
Unser Körper – und damit auch unser Gehirn – ist darauf ausgelegt, dass wir überleben und Kinder bekommen. Er ist nicht darauf ausgelegt, dass es uns gut geht und wir glücklich sind. Das wäre an sich ziemlich nett, aber das Überleben geht nun mal jederzeit vor. Wenn man stirbt, spielt alles andere keine Rolle mehr. So setzt das Gehirn seine Prioritäten.
Entsprechend versucht das Gehirn, uns von Gefahren fernzuhalten. Es will uns beschützen und für unsere Unversehrtheit sorgen. Und wie? Tja. Mithilfe von Gefühlen. Und wie du dir wahrscheinlich denken kannst, sind es oft nicht die angenehmen, die guten Gefühle, die hier zum Tragen kommen – sondern Gefühle wie Sorgen und Ängste.
Wenn du dich einem steilen Abgrund näherst, verspürst du vermutlich zunächst eine leichte Nervosität, dann ein immer stärkeres mulmiges Gefühl, bis schließlich die blanke Angst überhandnimmt – sofern alles so funktioniert, wie es sollte! Denn genau so arbeitet das Gehirn, damit du die richtige Entscheidung triffst – nämlich vom Abgrund zurückzutreten. Sobald das geschehen ist, wirst du mit einem Gefühl der Erleichterung belohnt: Puh, mal wieder überlebt!
Gefühle sind also das Handwerkszeug deines Gehirns, das dich am Leben erhalten will. Zum Glück erzeugt es dafür nicht ausschließlich negative Gefühle. Du kannst auch positive Gefühle entwickeln, nämlich wenn du etwas tust, was dein Überleben gewährleistet: indem du dich freust, wenn du eine Freundin triffst (das fühlt sich gut an, du gehörst weiter zur Herde), oder indem du Appetit bekommst, wenn du dein Lieblingsgericht riechst.
Kapitel 2: Die Sache mit den Gefühlen. Auf welch ungewöhnliche Weise das Gehirn uns steuert
