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Ritualmorde mit langer Vergangenheit Als Saana Havas ihren Job als Journalistin verliert, kommt sie bei ihrer Tante auf dem Land unter. Dort stößt sie auf einen alten Fall aus dem Jahr 1989: Die 15-jährige Helena wurde tot in den Stromschnellen des Flusses aufgefunden, man ging von einem Unfall oder Selbstmord aus. Saana beginnt, Nachforschungen anzustellen, da wird ein Mann aus dem Ort ermordet und mit einem Brandmal in Form einer Dornenkrone gezeichnet. Kommissar Jan Leino aus Helsinki schaltet sich ein, denn in der Hauptstadt wurde kurz zuvor eine Leiche mit einer eingebrannten Dornenkrone gefunden. Und beide Opfer kannten Helena. Die Saana-Havas-Reihe: Band 1: Brandmal Band 2: Dunkelstrom Alle Bände sind in sich abgeschlossene Fälle und können unabhängig voneinander gelesen werden.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
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Aus dem Finnischen von Alena Vogel
Die Übersetzung wurde von FILI, Finnisch Literature Exchange, gefördert. Wir bedanken uns herzlich.
© Elina Backman, 2020
Titel der finnischen Originalausgabe: »Kun kuningas kuolee«, Otava, Helsinki 2020
© Piper Verlag GmbH, München 2023
Published by agreement with Elina Backman and Elina Ahlback Literary Agency, Helsinki, Finland.
Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)
Covergestaltung: www.buerosued.de, München
Covermotiv: www.buerosued.de
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Cover & Impressum
Zitat
DIE TÖCHTER DER STROMSCHNELLE
Hartola 1989
HARTOLA
September 1989
TEIL I
Helsinki, Mittwoch, 12. Juni 2019
Helsinki, Mittwoch, 26. Juni
Helsinki, Donnerstag, 27. Juni
Hartola, Donnerstag, 27. Juni
Ich
Suomenlinna, Donnerstag, 27. Juni
Helsinki, Donnerstag, 27. Juni
Hartola, Donnerstag, 27. Juni
HARTOLA
Sommer 1989
TEIL II
Helsinki, Donnerstag, 27. Juni
Helsinki, Freitag, 28. Juni
Hartola, Freitag, 28. Juni
Helsinki, Samstag, 29. Juni
Hartola, Sonntag, 30. Juni
HARTOLA
Sommer 1989
Helsinki, Sonntag, 30. Juni
Helsinki, Sonntag, 30. Juni
Hartola, Dienstag, 2. Juli
HARTOLA
Sommer 1989
TEIL III
Helsinki, Montag, 1. Juli
Hartola, Mittwoch, 3. Juli
Hartola, Donnerstag, 4. Juli
HARTOLA
Sommer 1989
Helsinki, Dienstag, 2. Juli
Helsinki, Mittwoch, 3. Juli
Ich
Hartola, Donnerstag, 4. Juli
Helsinki, Donnerstag, 4. Juli
Hartola, Freitag, 5. Juli
Helsinki, Freitag, 5. Juli
Hartola, Freitag, 5. Juli
HARTOLA
Sommer 1989
Helsinki, Samstag, 6. Juli
Hartola, Sonntag, 7. Juli
HARTOLA
Sommer 1989
Hartola, Montag, 8. Juli
HARTOLA
Sommer 1989
Hartola, Sonntag, 7. Juli
Hartola, Montag, 8. Juli
Hartola, Dienstag, 9. Juli
Hartola, Dienstag, 9. Juli
Helsinki, Mittwoch, 10. Juli
Helsinki, Donnerstag, 11. Juli
TEIL IV
Ich
Hartola, Donnerstag, 11. Juli
Helsinki, Donnerstag, 11. Juli
Hartola, Freitag, 12. Juli
Helsinki, Freitag, 12. Juli
HARTOLA
Sommer 1989
Helsinki, Samstag, 13. Juli
Hartola, Samstag, 13. Juli
DIE TÖCHTER DER STROMSCHNELLE
Hartola 1989
Hartola, Samstag, 13. Juli
HARTOLA
Sommer 1989
Hartola, Samstag, 13. Juli
Hartola, Sonntag, 14. Juli
Hartola, Sonntag, 14. Juli
HARTOLA
Sommer 1989
Hartola, Montag, 15. Juli
HARTOLA
Sommer 1989
Hartola, Montag, 15. Juli
Hartola, Montag, 15. Juli
HARTOLA
Sommer 1989
Hartola, Montag, 15. Juli
Hartola, Dienstag, 16. Juli
Hartola, Dienstag, 16. Juli
HARTOLA
Sommer 1989
Hartola, Mittwoch, 17. Juli
HARTOLA
Sommer 1989
Hartola, Mittwoch, 17. Juli
Hartola, Donnerstag, 18. Juli
Hartola, Donnerstag, 18. Juli
HARTOLA
Sommer 1989
Hartola, Donnerstag, 18. Juli
TEIL V
DIE TÖCHTER DER STROMSCHNELLE
Hartola, Donnerstag, 18. Juli
Ich
Hartola, Freitag, 19. Juli
Helsinki, Freitag, 19. Juli
Helsinki, Samstag, 20. Juli
Hartola, Samstag, 20. Juli
HARTOLA
Sommer 1989
Helsinki, Samstag, 20. Juli
Hartola, Sonntag, 21. Juli
HARTOLA
Sommer 1989. Der letzte Abend.
Hartola, Sonntag, 21. Juli
Berlin, Montag, 22. Juli
HARTOLA
Sommer 1989. Der letzte Abend.
Berlin, Dienstag, 23. Juli
Hartola, Dienstag, 23. Juli
Hartola, Mittwoch, 24. Juli
Hartola, Donnerstag, 25. Juli
Hartola, 1.9.1989
Hartola, Freitag, 26. Juli
Helsinki, Freitag, 26. Juli
Helsinki, Samstag, 27. Juli
Hartola, Samstag, 27. Juli
Helsinki, Samstag, 27. Juli
Hartola, Samstag, 27. Juli
HARTOLA
Sommer 1989. Der letzte Abend.
Hartola, Samstag, 27. Juli
Helsinki, Samstag, 27. Juli
Hartola, Samstag, 27. Juli
Hartola 1989
Helsinki, Samstag, 27. Juli
Ich
Helsinki, Samstag, 27. Juli
Ich
EPILOG
Helsinki, Samstag, 10. August
Lissabon, Montag, 19. August
Lissabon, Dienstag, 20. August
HARTOLA
Sommer 1989. Der letzte Abend.
NACHWORT DER AUTORIN
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
»So schön ist die Erde
So hoch der Himmel
Das Lied der Vögel klingt
über blühende Hügel
Und schattige Wasser
So schattige Wasser«
TEXT UND MUSIK: KARI RYDMAN
»I could never climb those mountains, I could never be
sleeping safely under the same stars as Timothy
Into the wilderness, away from the loneliness
You walked with the foxes dancing ’round your feet
they followed you to the last sleep
You walked with the foxes dancing ’round your feet
they followed you into your dreams
and they followed you …
Into the wilderness, away from the loneliness«
BURNING HEARTS »INTO THE WILDERNESS«
TEXT: JESSIKA NEUMAN, MUSIK: HENRY NEUMAN
»Ein stummer Troll jagt uns mehr Furcht ein als einer, der kreischt und tobt.«
ALEKSIS KIVI
Sie sind die Töchter der Stromschnelle. Im Morgengrauen, wenn die Amseln singen und die Erde noch feucht und locker ist, schleichen sie sich zum Fluss. Dichter Nebel hängt über dem dunklen Wasser und lässt alles magisch aussehen.
Sie bekommen Gänsehaut, ziehen sich aus und waten in die Mitte des Flusses. Dort bleiben sie regungslos stehen, damit das Wasser von ihnen Besitz ergreift. Erst das Wasser, dann der Nebel. Sie trinken einen Zaubertrank aus Birkenrindenschalen, immer auf demselben Stein, immer die gleiche Menge. Anschließend machen sie der Stromschnelle ein Geschenk. Der Fluss fordert seinen Anteil, etwas, was er in seine Tiefen ziehen kann. Ihre Seele, ihre Reinheit, ihre unausgesprochenen Geheimnisse. Wenn das Opfer dargebracht ist, tanzen sie und warten. Sie warten darauf, dass das Tosen zunimmt, dass die Strudel stärker werden. Sie warten auf die sanfte Kühle des Nebels auf der Haut, auf Schönheit, die man nicht sehen oder hören, sondern nur spüren kann. Sie trinken aus dem rauschenden Fluss, lauschen den Klängen der Natur, atmen tiefer als jemals auf trockenem Boden. Sie spüren, wie sie gereinigt werden, und sie kichern, weil dies ihr Geheimnis ist. Sie warten, obwohl ihr Warten vergebens ist. Sie hoffen, da die Hoffnung nie stirbt. Erst als die Nacht endgültig vorüber ist, als die Dämmerung zu einem hellen Morgen wird, gehen sie. Dann haben sie das Gefühl, ganz zu sein.
Sie sind die Töchter der Stromschnelle.
Harri Valkama war an diesem Tag der erste Kunde im Supermarkt. Wie gewohnt holte er sich ein Roggenbrot aus dem Brotregal, eine Vollmilch aus dem Kühlregal und an der Fleischtheke ein paar Hundert Gramm Schinken. Alles lief wie immer. Er hatte seinen Angelproviant, und vor ihm lag ein früher Morgen voller Vorfreude. An der Kasse überflog er die neuesten Zeitungsüberschriften und legte dann seine Einkäufe auf das Band.
»Zum Angeln?«, fragte die Kassiererin.
»Na klar«, antwortete Harri und packte mit routinierten Handgriffen die Einkäufe in die Kühltasche.
»Kassenzettel?«
»Nur wenn Ihre Telefonnummer draufsteht«, sagte Harri zwinkernd. Das Scherzen mit der Kassiererin war zur festen Gewohnheit geworden und versüßte ihm stets den Tag. Im Supermarkt verwandelte sich Harri im Handumdrehen in einen lockeren Charmeur.
Es war 07:10 Uhr, als Harri sein Auto startete und Richtung Tainionvirta-Fluss fuhr. Der dämmernde Morgen war mild, aber später würde es heiß werden. Harri ließ sein Auto am Straßenrand stehen und ging den restlichen Weg zu Fuß. Proviant und Klappstuhl in der einen Hand, Angelrute und -kasten in der anderen. An seinem Stammplatz blieb er stehen und atmete tief durch. Er stellte den Stuhl auf, die Kühltasche daneben und öffnete den Angelkasten. In entspannter Manier suchte er sich einen seiner Lieblingsköder heraus, was sofort große Vorfreude auf den Fang in ihm auslöste. Die Uhr zeigte halb acht, als er den Köder das erste Mal ins Wasser warf. Das Licht des beginnenden Herbstes schimmerte schon hell zwischen den Bäumen hervor. Laut Fischkalender war heute ein günstiger Tag zum Angeln.
Die Luft roch nach Erde und nach dem Ende der Wachstumsperiode. Die Nachtigallen, die im Frühsommer noch ganz aus dem Häuschen gewesen waren, waren lange verstummt. Obwohl der Tag sommerlich warm werden würde, hatte er bereits eine herbstliche Grundnote. Harri liebte den Morgen, weil die Natur zusammen mit ihm zu einem neuen Tag erwachte. Weil er dann richtig allein sein konnte.
Entgegen seinen Erwartungen biss jedoch kein Fisch an. Harri blickte nachdenklich auf das strudelnde Wasser der Stromschnelle, als etwas Ungewöhnliches in sein Sichtfeld geriet. Weiter entfernt am Ufer trieb etwas auf der Wasseroberfläche, es hing im Treibholz fest. War das etwa ein Rehkadaver oder ein anderes großes Tier? Harris Neugier erwachte und wurde immer größer, je länger er auf das Wasser blickte. Er lehnte die Angel an eine Birke und schritt zögerlich am Ufer entlang, um eine bessere Sicht zu bekommen.
Als er näher herangekommen war, blieb er stehen. Jetzt konnte er genauer sehen, was seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Schockiert starrte er auf das Bündel. Weiße Gliedmaßen, ein schwarzes Kleid, dessen dünner Rock auf der Wasseroberfläche trieb. Ein Mensch. Als Harris Gehirn endlich registrierte, was es war, fiel er auf die Knie. Vor ihm lag eine erstarrte Leiche im Wasser. Die Wurzeln der Böschung hatten sie aufgehalten, und der Fluss hatte sie nicht mehr weitertragen können. Die leichte Strömung ließ den toten Körper sanft auf und ab schaukeln. Ein Mädchen oder eine Frau. Sie lag auf dem Bauch, dem dunklen Wasser zugewandt. Zum Glück konnte er das Gesicht nicht sehen. Widerstrebend nahm er Einzelheiten wahr: schwarz lackierte Nägel, ein Metallgürtel, ein schwarzes Kleid, nackte Füße. Haare wie wallende Algen.
Das Leben ist ungerecht, war der erste Gedanke, der ihm durch den Kopf schoss. Er schloss die Augen, aber der Anblick hatte sich bereits in seine Netzhaut eingebrannt. Harri hatte im Laufe der Jahre sämtliche Kraftausdrücke aus seinem Wortschatz verbannt, aber jetzt kehrten sie zurück wie wütende Ameisen. Wie ungerecht, dass ein junges Leben so abrupt zu Ende gegangen war. Verdammte Scheiße noch mal, was für ein Anblick. Als er bei der Gemeinde seine Angelerlaubnis bezahlt hatte, hatte er nicht vorgehabt, Leichen aus dem Fluss zu fischen. Plötzlich fühlte sich Harri von der Natur betrogen. Der Gedanke rückte langsam in sein Bewusstsein. Auf einmal erkannte er, dass die ihn umgebende Schönheit des Frühherbstes nur Schein gewesen war, ein Trugbild. Ohne es zu wollen, stand er nun inmitten eines hässlichen, unnatürlichen Schauspiels. Eines Schauspiels, dessen Kulisse überraschend eingestürzt war und etwas Böses zum Vorschein gebracht hatte: den grausamen Tod. Strauchelnd kam Harri auf die Beine und war schon außer Atem, bevor er zu seinem Auto rannte. Er musste irgendwo telefonieren. So schnell wie möglich.
Als Saana die Augen zum ersten Mal öffnet, schwankt und dreht sich das Zimmer. Sofort schließt sie sie wieder und fällt schnell zurück in einen unruhigen Schlaf. Zwei Stunden später schreckt sie verschwitzt hoch. Die Uhr zeigt jetzt halb elf. Sie steht auf, trinkt ein Glas Orangensaft und geht auf die Toilette, entscheidet sich dann aber, wieder ins Bett zu gehen. Als sie endlich vollständig aufwacht, ist es drei Uhr. Das Zimmer dreht sich nicht mehr so stark wie am Vormittag. Ihr Magen knurrt. Zuletzt hat sie vor dreizehn Stunden etwas gegessen und auch da nur die gesalzenen Nüsse von der Bar.
Im Moment spielt Zeit für Saana keine Rolle. Niemand erwartet sie irgendwo, niemand braucht sie. Aber der Hunger spielt durchaus eine Rolle. Und so bestellt sie sich an ihrem ersten Tag ohne Arbeit Essen über den Lieferservice.
Als die Pizza ankommt, öffnet sie mühsam im zerknitterten T-Shirt die Tür und schämt sich für ihren Zustand. Der Lieferant, ein Typ mit schwarzen Haaren und dunklen Augen, drückt ihr eilig eine Eineinhalb-Liter-Flasche Cola und einen unten noch heißen Pizzakarton in die Hand.
Den Rest des Tages wandert Saanas Blick zwischen Pizzakarton und Laptop hin und her, während sie sowohl Serien als auch die Trost spendende Pizza Margherita verschlingt. Gerade läuft The Killing, Staffel 2, Folge 3. Etwas düster, aber großartig. Süchtig machend. Sie sieht sich eine Folge nach der anderen an und freut sich, dass sie die Serie erst jetzt entdeckt hat. So erwarten sie noch fast zwei Staffeln perfekte Krimiunterhaltung. Linden und Holder. Lindens Wollpullover, ihr scharfer Verstand und das regnerische Seattle. Schon immer hat Saana Polizeiserien geliebt, obwohl sie auch etwas Verstörendes haben. Sie regen die Fantasie zu sehr an. Außerdem ist sie süchtig nach True-Crime-Podcasts, wenngleich sie ihr manchmal aufs Gemüt schlagen. Ihr Dauerfavorit ist darum Hercule Poirot, der sichere Zufluchtsort des Mordgenres und ein leichterer Klassiker. Eine Serie, die in eine ganz andere Welt entführt. Wie entspannend es doch ist, in das alte England einzutauchen und dem Leben der feinen Leute zu folgen, die sich für Banketts herausputzen und sich die Zeit in Hotels und Gutshäusern mit Dinieren, Jagen und Spaziergängen im Garten vertreiben. Was die Stimmung angeht, ist Poirot das Fröhlichste, was Saana erträgt. Morde passieren häufig, aber Poirot löst sie alle. Der Zuschauer kann einfach die Szenerie und die Landhausstimmung genießen und so gut wie möglich versuchen, die Hinweise auf den jeweiligen Mörder zu sammeln. Leider hat sie alle Poirots bereits viele Male gesehen. Entweder errät sie, wer der Täter ist, oder sie erinnert sich daran. The Killing ist viel fesselnder. Etwas Neues und auf einem ganz anderen Niveau.
Saana drückt auf Pause, um auf die Toilette zu gehen. Auf dem Weg zurück späht sie verstohlen durch die Wohnzimmervorhänge. Draußen scheint es warm und sonnig zu sein. Die Birken sind schon dicht belaubt und grün. Auch dieses Jahr hat es Saana überrascht, wie unmerklich sich das üppige Grün ausbreitet. Den ganzen Frühling über hat sie in der Redaktion gesessen und hastig unterhaltsame Online-Artikel in den Computer getippt. Im Laufe der Jahre haben David Bowies Tod, das Zikavirus sowie jede Menge kleine, bedeutungslose Klatschartikel ihren Arbeitstag gefüllt.
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Saana muss grinsen. Den ganzen Frühling über hat sie einfache Kochrezepte zusammengestellt, aber nach dem Fotografieren keines davon ausprobiert. Auch was die Planks angeht, blieb es bei der einen Testwoche. Eigentlich hat sie das ganze Frühjahr über nur gearbeitet. Sie hat Zeichen und Wörter gezählt, sich wegen Abgabeterminen gestresst, vor dem Rechner gesessen, manchmal bis spät in die Nacht. Nach der Arbeit war sie dann immer so kaputt gewesen, dass sie nur noch im Bett liegen und Netflix oder HBO Nordic schauen konnte. Unvorstellbar, nach solchen Arbeitstagen noch Rechnungen zu bezahlen, Staub zu saugen oder zu kochen. Graue Staubflusen schweben über den Holzboden, und durch den Briefkastenschlitz flattern regelmäßig Mahnungen herein. Ist das normal?, fragt sich Saana und stopft sich mehr Pizza in den Mund. Für all ihre Bekannten scheint es das zu sein. Alle arbeiten viel und haben es ständig eilig. Aber wohin und weswegen? Ihr scheint, als würden auch ihre Freunde Stress für etwas besonders Tolles halten. Alle arbeiten unter Hochdruck und schaffen es trotzdem noch ins Fitnessstudio. Keiner ist jemals niedergeschlagen oder erschöpft. Abends, wenn das Licht nur noch in einem Teil des Büros brennt, hat Saana an ihrem stillen Schreibtisch manchmal Symptome von Burn-out gegoogelt und nichts gefunden, was nicht auf sie zugetroffen hätte: »starke Müdigkeit, Zynismus und Minderung des beruflichen Selbstwertgefühls«. Das ganze Frühjahr über hat sie ihren Blick so selten vom Bildschirm abgewandt, dass sie nicht einmal bemerkte, wie sehr sich die Natur schon in Richtung Sommer entwickelte. Erst nur die Erde, die unter dem Schnee zum Vorschein kam, ein paar vereinzelte Zugvögel und Krokusse. Dann plötzlich alles auf einmal: der Frühsommer. Grüne Birken, Nachtigallen und Menschen in T-Shirts. Licht.
Sie steht auf und geht zurück zum Fenster. Welcher Tag ist heute? Mittwoch. Sie war gestern also tatsächlich bis in die Puppen unterwegs. Eine Abschiedsfeier mit nur wenigen Leuten, aber dafür umso mehr Getränken.
Der kräftige Gesang der Amsel auf dem Baum vor dem Haus ist bis ins Zimmer zu hören. Saana muss das Fenster schließen, damit der fröhliche Vogelgesang ihr nicht die dumpfe, graue Katerstimmung vermiest. The Killing, das regnerische Seattle, Pizza, Müdigkeit und Übelkeit. Ihre Komfortzone. Eigentlich idiotisch, sich im verkaterten Zustand etwas so Nervenaufreibendes anzusehen, bei dem ständig Mörder und Leichen auftauchen. Trotzdem muss es sein. Die Serie gibt ihr ein Gefühl der Geborgenheit und vertreibt die Einsamkeit. Ihre bedrückenden Gedanken werden auf angenehme Weise von der spannenden Handlung begraben.
Sie beißt in das letzte Stück Pizza. Wahrscheinlich hat sie bereits 1500 Kalorien intus. Die fettige Pizza macht durstig, aber wenigstens dreht sich das Zimmer nicht mehr vor ihren Augen. Während sie mit vollem Bauch auf dem Sofa liegt, denkt sie, dass doch eigentlich alles in Ordnung ist. Auch wenn die Frühjahrsmüdigkeit zuerst von Entlassungsgerüchten auf der Arbeit und schließlich von den schlechten Nachrichten abgelöst wurde, ist das Leben doch ganz okay. Alles wird gut werden.
Saana wirft einen Blick auf ihre gepackten Taschen im Flur und wechselt für den Rest des Abends in eine totale Liegeposition. Morgen wird sie die Stadt für den Sommer verlassen. Keine Katerstimmung mehr, sondern Sport und Meditation, frische Luft und grüne Smoothies. Alles, was Menschen an ganz normalen Tagen so tun. Aber noch nicht heute. Unter der Fleecedecke und mit dem Kopf auf dem Kissen sieht sie zufrieden zu, wie Netflix eine weitere Folge startet. Erst morgen wird auch in ihrem Leben ein neuer Abschnitt beginnen.
Am nächsten Morgen deuten nur noch ein leichtes Zittern ihrer Hände und etwas Sodbrennen darauf hin, dass sie einen Kater hatte. Der Regenerationsprozess dauert normalerweise ein bis zwei Tage. Tag eins: Schlaf nachholen, die Alkoholvergiftung aus dem Organismus führen und das Gift durch Pizza und Süßigkeiten ersetzen. Tag zwei: Fett, Salz und die Überdosis Zucker aus dem Körper leiten, Blähungen und vorübergehender Stimmungsabfall. Reue. Störung des Schlafrhythmus wegen des verschlafenen Katertages. Sinnestäuschungen und Albträume aufgrund von Schlafmangel. Schließlich Wut: nie wieder einen solchen Kater. Und dann: Tag drei. Alles vergeben, alles vergessen. Ein neues Leben, neue Versprechen, Demut und Regeneration. Die Illusion, dass man nie wieder Lust auf Wein haben wird. Tag sieben: Durst.
Saana steht mit der Kaffeetasse in der Hand in der Küche und sieht aus dem Fenster. Heute kann sie das Sonnenlicht und den Gesang der Vögel wieder ertragen. Sie nimmt ihr iPad vom Küchentisch, googelt »Hartola« und öffnet die Website der Gemeinde. »Hartola – die einzige Königsgemeinde Finnlands«, steht dort. Sie muss lachen, aber es ist kein Witz. Hartola bezeichnet sich selbst als Königsgemeinde, und auf YouTube gibt es ein Werbevideo namens »Hartola, das Königreich«. Sie klickt auf Play. In dem für kommunales Marketing typischen trockenen Stil präsentiert der Clip die Vorteile des Lebens in Hartola. Eine glückliche neue Einwohnerin berichtet, wie sie sich damals beim Umzug fragte, ob sie in den hiesigen Läden wohl Ziegenkäse bekäme. Anscheinend ja? Darüber schweigt sich das Video aus. Saana muss sich eingestehen, dass auch sie sich darüber Gedanken machen würde, ob sie im Sommer Rucola und Pecorino kaufen könnte. Schließlich sucht sie auf Google Maps noch nach der genauen Entfernung. Die schnellste Route vom Helsinkier Stadtteil Vallila nach Hartola beträgt hundertneunundsiebzig Kilometer. So weit wird sie vor ihren festgefahrenen Routinen fliehen können. So weit kann sie das stressige Frühjahr, den Burn-out und die Ungewissheit hinter sich lassen. An den Herbst versucht sie nicht zu denken. Sie wird hundertneunundsiebzig Kilometer weit vor sich selbst fliehen und sich bis auf Weiteres in eine Übergangsphase begeben. Das Ende des befristeten Vertrags wird sie zur Ruhe kommen lassen, an einem Ort, an dem sie sich immer wohlgefühlt hat.
Sie schaltet das iPad aus und steckt es in die Innentasche des Rucksacks. Die Freiheit beginnt jetzt. Sie macht alle Lichter aus, überprüft, ob die Kaffeemaschine ausgeschaltet, der Waschmaschinenhahn zugedreht, die Fenster geschlossen, der Kühlschrank leer und alles für eine zweimonatige Abwesenheit bereit ist. Die Zimmerpflanzen sind sowieso schon durch zu seltenes Gießen eingegangen. Dafür kann sie niemand anderem die Schuld geben, weil sie allein wohnt. Sie zerrt die zwei großen Koffer ins Treppenhaus und schließt die Wohnungstür hinter sich. Im Treppenhaus riecht es nach dem Leben fremder Menschen. Im Moment verrät der Geruch, dass nebenan jemand zum Mittagessen Hackfleisch brät. Saana hievt die unhandlichen Koffer in den kleinen Aufzug und beobachtet ungeduldig den Wechsel der Etagen. Kurz darauf stoppt der Aufzug rumpelnd im Erdgeschoss, und mit routinierten Handgriffen zieht sie das schwergängige und quietschende Gitter auf, um die Aufzugtür zu öffnen. Es ist erst 11:20 Uhr. Sie wird den Zwölf-Uhr-Bus gut erreichen.
Mit tiefer und schleppender Stimme heißt der Busfahrer die Passagiere auf der Fahrt nach Jyväskylä über Lahti und Heinola willkommen. Saana hat Busfahrten schon immer gemocht. Wenn man nicht selbst fahren muss, kann man einfach schlafen, lesen oder die wechselnde Landschaft betrachten, allein mit seinen eigenen Gedanken sein. Tschüss, Helsinki, du wirst mir nicht fehlen.
Auf der Höhe von Lahti kramt sie ihr kleines Notizheft aus der Tasche und schreibt sich selbst eine Liste.
Sommer in Hartola, Hauptpunkte:
genießenentspannenkeine Zigaretten (oder nur mal kurz ziehen, nach einem Glas Wein oder Bier)kein Bier (nutzloses Getränk, bläht auf)kein Nägelkauen mehrRad fahren & joggenWalderdbeeren und Blaubeeren auf einen Halm fädeln (zumindest einmal)die kleinen Dinge genießen (wie sonst nur im Ausland)jugendliche Begeisterung wiederfinden (eigentlich bin ich immer noch verdammt jung, aber ein Enthusiasmus wie mit zwanzig wäre gut) schaukeln in der Gartenschaukel und draußen tagträumenZeitschriften und Krimis lesenStress loswerden, Ruhe und EntspannungParfüm wie als Kind selber machen (Flieder- oder Rosenblüten in ein Schraubglas)alte Schlager hörenschreiben
Letzteres ist ihr größter Traum. Sie würde gern etwas Eigenes schreiben, einen erfolgreichen Krimi zum Beispiel. Während ihre Freunde das Klatschmagazin Seiska lesen, ist ihr geheimes Laster schon lange die Krimizeitschrift Alibi.
Als die Fahrt nach dem Halt in Heinola weitergeht, blickt Saana immer noch auf ihre Liste. Dort steht weder »neue Liebe« noch »Männer«. Ein »Sommer ohne Männer« kommt ihr entspannend und dunkel bekannt vor. Sie erinnert sich an den gleichnamigen Roman von Siri Hustvedt, den sie vor ein paar Jahren gelesen hat.
Zischend kommt der Bus an der Haltestelle zum Stehen. Der Busbahnhof von Hartola ist nur ein kleines, von der Hauptstraße zurückgesetztes Haus. Saana steigt aus und wartet, bis der Fahrer den Gepäckraum öffnet. Lächelnd bedankt sie sich für die Fahrt, nimmt ihre Koffer in Empfang und hält Ausschau nach einem vertrauten Gesicht. Eine Frau im Sommerkleid mit einer hellen, über den Boden streifenden Wolljacke winkt Saana vom Bahnhofsgebäude aus begeistert zu. Ihre Tante Inkeri. Der beste Mensch, den es gibt. Saana winkt zurück.
»Du bist genau wie deine Mutter«, ruft ihre Tante lachend, als sie Saanas umfangreiches Gepäck sieht. »Du kannst nirgendwo hinfahren, ohne dein halbes Zuhause dabeizuhaben.«
Saana verspürt eine flüchtige Sehnsucht, aber der Gedanke ist schnell wieder verschwunden. Ob sie in manchen Dingen tatsächlich wie ihre Mutter ist? Einen kleinen Teil von ihr wird sie immer in sich tragen, auch wenn keine Vergleichsmöglichkeit mehr besteht. Mit viel Schwung wirft Tante Inkeri die Taschen auf den Rücksitz ihres alten Käfers und bedeutet Saana, sich neben sie auf den Beifahrersitz zu setzen. Saana kommt nicht einmal dazu, ihre Tante zu warnen, dass im Rucksack der Laptop, das iPad und andere zerbrechliche Dinge sind. Vielleicht wäre es sowieso das Beste, wenn die Geräte kaputtgingen. Dann könnte sie sich endlich absolute Ruhe gönnen.
Der Käfer klappert über die sandige Landstraße, und Helsinki kommt ihr schon sehr weit weg vor. Die Häuser und Felder aus ihrer Kindheit fliegen vorbei. Saana kurbelt das Fenster herunter und streckt ihren Kopf hinaus. Sofort schlägt ihr staubiger Wind ins Gesicht. Die Luft riecht nach Sommer und gedüngten Feldern. Die Schottersteine scheppern gegen den Unterboden des Autos und werden von den Reifen an den Straßenrand geschleudert. Sie zieht ihren Kopf zurück. In Hartola angekommen, fühlt sich der Gedanke, den Sommer bei Inkeri zu verbringen, genauso gut an wie zu Hause, wenn nicht sogar besser. Kalter Weißwein auf den Stufen vor der Scheune, alte Frauenzeitschriften, Tratschen mit der Tante und natürlich deren leckeres Essen. Bereits jetzt im Auto glaubt sie den Rauch der angeheizten Holzsauna zu riechen. Weg von zu Hause wird alles einfacher sein. In Hartola wird sich die Arbeitslosigkeit wie Urlaub anfühlen, wie Freiheit. Bei Inkeri muss sie keine sinnlosen Dinge tun wie den Kleiderschrank aufräumen, Klamotten für den Flohmarkt sammeln, den Kellerschrank putzen, das Gewürzregal sortieren, Türklinken säubern, Kissen und Decken ausklopfen oder nach Arbeit suchen. Bei ihrer Tante gibt es keine Nörgelei. Saana wird sich einfach nur erholen. Sie wird den ganzen Stress und die Hektik wegschlafen, die ihr die Arbeit das Frühjahr über eingeimpft hat. Dann, nach und nach, wird sie sich wieder aufbauen.
Jenna geht die Neitsytpolku entlang und blickt auf ihr Handy. Sie ist sich nicht sicher, ob die Entscheidung richtig war. Heute sollte sie eigentlich trainieren, aber jetzt ist sie auf dem Weg zum Feiern, direkt nach der Arbeit. Sie sieht auf die Uhr. Es ist erst Viertel nach vier.
Jenna geht an schönen Altbauhäusern vorbei, und langsam wird vor ihr das blau schimmernde Meer sichtbar. »Komm am besten gleich, es kommen noch mehr«, hatte Elias gesagt, und sie hatte sich entschieden hinzugehen. Es dauert nicht lange, bis sie vor sich dumpfes Gelächter hört. Es kommt aus ihr bekannten Mündern: Auf der Terrasse der Bar Mattolaituri direkt am Meeresufer sitzen die Firmenpartner – und Elias, der Möchtegern-Partner, der Einzige, den Jenna im ganzen Büro kennt. Sie bleibt kurz vor dem Tisch stehen und setzt ein strahlendes Lächeln auf. Die Männer unterbrechen ihre Unterhaltung nicht. Nur Lars dreht sich um, und Jenna merkt, wie er ihren Körper von Kopf bis Fuß begutachtet. Unter seinem Blick fühlen sich ihr Shirt zu dünn und ihr Rock zu kurz an, aber sie ist trotzdem froh, dass sie noch ihre Party-Klamotten angezogen hat. Der Chef soll nichts an ihrem Äußeren auszusetzen haben. Sommerabende sind unvorhersehbar, darum hat sie auf der Arbeit immer sowohl Trainingsklamotten als auch ein Party-Top dabei.
»Einen Moment, die Dame«, sagt Elias und holt Jenna einen Stuhl vom Nachbartisch. Sie sieht zu, wie der Chef sein Glas leert.
»Das ging ja runter wie Wasser«, lacht Lars und schenkt sofort wieder alle Gläser voll.
»Was gibt’s Neues?«, fragt Elias und setzt sich. Er drängt auch Jenna, sich zu setzen. Sie überlegt, was sie tun soll. Am Tisch sitzen nur Männer. Entgegen dem, was Elias ihr zu verstehen gegeben hatte, sind nicht »mehr« gekommen. Nur sie und die Männer.
»Apropos Neues!«, ruft Lars mit einem grunzenden Lachen.
Elias nickt und wirft eine Streichholzschachtel auf den Tisch. »Fire – Ideen, die anstecken« steht darauf. Jenna nimmt einen Schluck Champagner und beobachtet verstohlen, wie Lars prüft, ob die Schachtel Koks enthält. Ja. Auch diesmal wurden die Streichhölzer weggeworfen und stattdessen weißes Aufputschmittel eingefüllt. Lars hebt sein Glas und nickt. Elias beantwortet das Nicken entsprechend unauffällig. Ware abgeliefert, Ware entgegengenommen. Jenna rückt unruhig hin und her. Am liebsten würde sie eine Ausrede erfinden, um zu gehen, so sehr fühlt sie sich als Außenseiterin. Wo zur Hölle sind die anderen aus der Firma?
Die Männer handeln in ein paar Sätzen die Verkaufsprognose für das zweite Quartal ab und gehen dann zu wichtigeren Themen über: Sie werden in ihrem Stammlokal Klippan, das auf einer Insel im Helsinkier Hafen liegt, zu Abend essen. Mit schönem Meerblick und widerlichen Gesprächen über die letzten Saufabende. Nach drei Flaschen Champagner und ein paar Bier unterhalten sich die Männer irgendwann fast schreiend. Zum Glück trägt der starke Wind, der vom Meer herüberweht, das Schlimmste davon.
Jenna sieht sich um. Die warme Nachmittagssonne hat viele nach draußen gelockt, und am Strand gehen ganz normale nüchterne Leute mit ihren Hunden spazieren. Sie sieht wieder zum Tisch und muss sich ein Lachen verkneifen. Lars’ Stirn glüht mittlerweile feuerrot. Lars Sundin ist ein Mann mit verbranntem Gesicht, der das mittlere Alter deutlich überschritten hat, aber wenig überzeugend die Surfer-Frisur eines Mittzwanzigers trägt. Jenna leert ihr erstes Glas. Die Nachbartische füllen sich langsam, doch egal, wie schnell die anderen Gäste trinken würden, es ist so gut wie unmöglich, den Vorsprung ihrer Begleiter noch aufzuholen.
Das Mattolaituri ist ein Ort, an dem man sich zur Schau stellt. Im Vorübergehen prüfen die Hundeausführer und Jogger aus dem Stadtteil Eira unauffällig, wer heute alles auf der Terrasse sitzt und ob sie jemanden kennen. Ab und zu grüßen die Männer jemanden. Jenna fühlt sich wie am VIP-Tisch. Die Männer klopfen sich gegenseitig auf die Schulter und tun, als ob nichts wäre. Sie sind daran gewöhnt, dass ihr Tisch auffällt, im Guten wie im Schlechten. Vor der Terrasse mit ihren feierfreudigen Besuchern ziehen still vereinzelte Segelboote vorbei. Jenna betrachtet sie. Die besten Monate zum Segeln stehen noch bevor. Als sie noch zu Hause wohnte, verbrachte sie mit ihren Eltern viel Zeit auf dem Wasser. Für einen flüchtigen Augenblick spürt sie eine unbestimmte Wehmut und Sehnsucht nach dem Meer.
Am Nachbartisch stoßen drei aufgestylte Frauen mit klirrenden Gläsern an. Jenna erkennt eine von ihnen – eine bekannte Bloggerin. Für einen Moment wünscht sie sich, genauso sorglos, schön und beliebt zu sein. Lars stellt sich etwas abseits, um zu rauchen. Auch er scheint ein ziemlich sorgenfreies Leben zu führen. Jenna kennt nicht viele, denen alles so zufliegt. Sie erinnert sich an die Namen all der Frauen, von denen sie weiß, dass Lars sie in den letzten Jahren gedatet hat. Es waren auch intelligente dabei … Mit seinem Aussehen überzeugt er zwar nicht, aber vielleicht ist er unterhaltsam? Auf jeden Fall ist er verdammt reich. Sie lässt Elias nachschenken und sieht zu, wie Lars auf das Meer starrt. Für einen kurzen Moment wirkt er irgendwie echter und kleiner. Auch der war mal ein Kind, denkt Jenna und schlürft vergnügt an ihrem Champagner.
»Ziehen wir weiter«, sagt Lars, als er wieder an den Tisch kommt.
Die ganze Tischgesellschaft verstummt. Offensichtlich widerspricht man Lars nicht. Der Abend ist auf die Minute genau durchgeplant. Zuerst Champagner auf der Terrasse des Mattolaituri, dann Essen im Klippan und für den Rest des Abends zur VIP-Privatparty ins Teatteri. Lars hat anscheinend einige Namen auf die Gästeliste setzen lassen. Auch Jenna wird reinkommen, hat Elias versprochen.
Gegen sechs kommen die Männer mit großen, selbstgefälligen Schritten an dem Steg an, von dem das Boot zum Klippan ablegt. Jenna bemüht sich, in ihren High Heels hinterherzukommen. Der Alkohol ist ihr zu Kopf gestiegen. Sie fühlt sich unbesiegbar, gleichzeitig irgendwie seltsam schwach. Die Silja-Fähre nach Stockholm hat gerade den Hafen verlassen. Lars zieht den Signalwimpel an einem Pfosten nach oben, um anzuzeigen, dass sie übersetzen wollen. Der Bootsführer auf der Insel bemerkt es und gibt ihnen durch Handbewegungen zu verstehen, dass sie gleich ablegen können. Die Männer stehen herum und warten. Jenna hat Lust zu rauchen. In dem Moment klingelt Elias’ Handy.
»Okay, wir sind schon da«, sagt er und beendet das Telefonat. Fünf Minuten später kommt ein Taxi angefahren, und zwei Mädchen steigen aus. Eine Rothaarige und eine Brünette. Elias empfängt die beiden galant und stellt sie Lars vor. Er umarmt beide lange und bietet ihnen einen Schluck von dem Flachmann aus seiner Brusttasche an. Die Mädchen ziehen die Brauen hoch, greifen dann aber eifrig zu. Endlich sind die Firmenpartner für einen Moment still. Sie sehen zu, wie zwei zierliche Mädchen verdutzt und kichernd zu starken Schnaps direkt aus der Flasche trinken. Jenna starrt mit offenem Mund auf die überraschende Wendung und verkneift sich den Kommentar, der ihr als Erstes einfällt: Die Mädchen sind jung, aber kein Jailbait.
Als das Boot kommt, hilft Lars zuerst den Frauen hinein. Zögerlich betrachtet Jenna die neuen Gesichter. Die Mädchen sind hübsch und stark geschminkt. Die Luft ist erfüllt von Gekicher, als die beiden nacheinander unsicher in das Boot steigen. Die Miniröcke und Stilettos erschweren den Prozess. Jenna folgt ihnen. Auch sie strauchelt in ihren High Heels und stützt sich auf Lars’ Arm. Dieser weist die beiden Mädchen an, sich neben ihn zu setzen, und fragt freundlich nach nicht vorhandenen Neuigkeiten. Jenna setzt sich und bemerkt die hungrigen Blicke der Männer. Sie kann nicht anders, als über ihre eigene Rolle nachzudenken. Warum ist sie dabei? Zumindest arbeitet sie in der Firma. Fragend sieht sie Elias an: Was soll der Scheiß? Und Elias gibt ihr beinahe wütend zu verstehen: Stell keine Fragen.
Als sie die Treppen zum Restaurant hinaufgehen, lässt Jenna ihren Blick über die Uferlinie und den klaren Himmel schweifen. Helsinki. Nachdem die anderen hineingegangen sind, sieht sie, dass Elias und Lars draußen geblieben sind. Sie stehen mit dem Rücken zur Holzvilla. Jenna öffnet die Eingangstür, bleibt aber davor stehen, um zu lauschen.
»Unsere Praktikantin ist mit dabei. Was soll das, verdammt noch mal?«, fragt Lars und sieht Elias herausfordernd an.
»Es gab Probleme, eine Absage«, murmelt Elias. »Sie ist der Ersatz. Du weißt doch, dass ich drei besorge, wenn wir drei ausgemacht haben.«
Jenna glaubt, Unsicherheit in seiner Stimme zu hören. Lars akzeptiert die Antwort und nickt stumm. Schnell schlüpft sie zur Tür hinein. Hat man sie etwa zu Vergnügungszwecken eingeplant? Das fühlt sich ziemlich scheiße an. Andererseits war der Abend bisher ganz lustig. Wenn nötig, könnte sie sich auf jeden Fall gegen die Männer behaupten.
Drei Stunden später diskutieren Jenna und Lars am Tisch über den aktuellen Kundenstamm und darüber, dass aus Sicht der Firma die Kunden selbst das größte Hindernis kreativer Entwürfe sind. Heutzutage traut sich niemand mehr, konventionelle Werbung zu kaufen. Alle wünschen sich etwas Individuelles und Cleveres, liebäugeln mit mutigen Ideen, aber letzten Endes wird so lange herumeditiert, bis alles doch wieder langweiliger Einheitsbrei ist.
»Mit langweiliger Arbeit gewinnt man keine Preise. Und alle wollen doch Preise. Die Marketingchefs wie die Agenturen«, sagt Lars, und Jenna sieht, wie er ihr dabei in den tiefen Ausschnitt späht.
»Da hast du unrecht«, antwortet sie und sieht Lars herausfordernd an. »Kunden wollen heutzutage vor allem ein überzeugendes Ergebnis. Man kann ihnen nicht mehr einfach alles, was irgendwie kreativ wirkt, vorsetzen. Man braucht Kapitalrendite«, wiederholt sie und merkt, dass sie etwas Aufputschendes braucht. Vielleicht eine Linie Koks.
»Lassen wir das Gerede über die Arbeit und gönnen uns endlich den Feierabend«, sagt Lars, als hätte er ihre Gedanken gelesen. Sie verfolgt, wie er unverhohlen weißes Pulver auf dem Tischtuch verteilt. Als er ihren zweifelnden Blick sieht, lacht er auf. »Keine Sorge. Wir sind die einzigen Gäste hier.«
Jenna hebt die Brauen und beugt sich über den Tisch. Als sie sich wieder aufrichtet und genussvoll zurücklehnt, spürt sie Lars’ Blick auf sich ruhen.
»Du wirkst reif für dein Alter«, stellt er fest, und Jenna lächelt. Vielleicht hat er recht. Zumindest ist sie resoluter als die anderen zwei Mädchen.
»Sieh mal an«, sagt Lars und zeigt auf Elias und die Rothaarige, die gerade vom Rauchen zurückkommen. »Wenn du genau hinschaust, siehst du, dass Elias das Hemd nicht mehr richtig in der Hose und den Scheitel auf der anderen Seite hat.« Lars schüttelt den Kopf. »Wo bleibt die verdammte Selbstbeherrschung? Diese jungen Tinder-Leute wissen richtiges Umwerben nicht mehr zu schätzen. Subtile Jagd.«
Jenna schmunzelt. Sie hat beschlossen, sich selbst noch ein paar Linien zu erjagen. Danach wird sie abhauen.
Gegen Mitternacht fahren sie aufs Festland zurück. Ein schwarzes Taxi wartet bereits auf dem Parkplatz neben dem Anlegesteg auf sie. Lars steht schwankend da und starrt aufs Meer hinaus. Der Wind peitscht Jenna die Haare ins Gesicht.
Eine halbe Stunde später betritt die Gruppe betrunken und äußerst durstig das Teatteri. Ein in Schwarz gekleideter Bodybuilder-Typ nickt Lars kaum merklich zu und öffnet ihnen das Seil vor der VIP-Treppe.
»Willkommen.«
Lars nickt, drückt dem Mann einen orangen Euroschein in die Hand und führt die Gruppe an einen Tisch auf der Terrasse. Wortlos lässt er die anderen Platz nehmen und geht zur Bar, um zu bestellen. Als er mit Wodka-Cranberry-Shots und zwei Flaschen Schampus zurückkommt, merkt Jenna, dass sie langsam Spaß hat. Lars scheint doch kein so übler Typ zu sein.
»Das ist hoffentlich Champagner und nicht irgendein billiger Schaumwein?« Jenna greift nach der Flasche und kontrolliert sorgfältig, aber eindeutig schon betrunken das Etikett. Lars’ Nicken stößt allseits auf zufriedenes Gemurmel. Niemand ist jemals Zeuge davon geworden, wie Lars im Teatteri etwas anderes als echten Champagner bestellt hätte.
Jenna liegt bäuchlings auf dem Bett und blinzelt. Das Zimmer um sie herum sieht fremd aus. Wo ist sie? Ohne sich zu rühren, inspiziert sie den Raum. Groß und hell mit dunklem Parkettboden. Sie liegt niedrig, wahrscheinlich auf einem Futon. Die von draußen hereinkommenden Lichtstrahlen erleuchten einen Teil des Bodens und der hellen Wand. Auf ihrer Bettseite sieht sie eine lange Reihe Fenster und dahinter den leuchtend blauen Himmel. Keine Vorhänge. Auf einem Stapel Einrichtungsmagazine steht eine Tageslichtlampe, deren rote Ziffern 04:39 Uhr anzeigen. Es ist also erst früh am Morgen, und sie ist bei irgendjemandem gestrandet. Im selben Moment hört sie neben sich ein leises Knipsgeräusch. Für einen Augenblick ist sie wie erstarrt. Sie fühlt sich unwohl. Ihre Augen brennen. Was war das bloß? Schon wieder hat sie zu viel getrunken und Kokslinien gezogen. Die geben ihr immer ein kurzzeitiges Gefühl der Unbesiegbarkeit. Jetzt aber fühlt sie sich komplett hilflos. Wie lange liegt sie schon hier? Ängstlich späht sie nach links. Wer sitzt da neben ihr?
Fuck. Der Chef. Mit minimalen Bewegungen zieht sich Jenna die Decke über den Kopf und beißt die Zähne zusammen. Sie hat keinen blassen Schimmer, was in den letzten Stunden passiert ist. Was sie getan oder nicht getan haben. Sie weiß nicht mal mehr, wie sie in Lars Sundins Wohnung gekommen sind. Wahrscheinlich mit dem Taxi. Keine Ahnung, wann. Abgesehen davon ist sie immer noch betrunken. Aus irgendeinem Grund blitzt ein Boot in ihrem Kopf auf. Die letzten Stunden erscheinen ihr komplett verworren. Elias und seine Bitten. Das Teatteri. Das Koks und der Champagner. Bilder von Bar-Mitarbeiterinnen, die sich zu ihr herüberbeugen und ihr den freundlichen Tipp geben, sich doch besser mit Gleichaltrigen abzugeben. Sie selbst, die, von den Drogen ermutigt, mit Beyoncé-Attitüde kontert: Mind your own business. Sie kann niemand anderem Vorwürfe machen als sich selbst.
Jenna spürt, wie der Chef aufsteht. Vorsichtig lugt sie unter der Decke hervor und wartet, bis sein Rücken ins angrenzende Zimmer verschwunden ist, bevor sie sich aufsetzt. Was jetzt?, denkt sie, wickelt die Decke um sich und steht auf. Es ist noch zu früh. Um fünf Uhr morgens ist es schwierig, nach Hause zu kommen. Erst mal muss sie aber aufs Klo. Während sie durch das Zimmer tapst, schimpft sie innerlich mit sich selbst. Lars Sundin. Bestimmt ihr ältester Fick überhaupt. Der reiche, arrogante Chef von Fire. Immer, wenn Lars in der Firma an ihrem Platz vorbeigekommen war, hatte sie ihm Blicke zugeworfen. Aber nur ein bisschen und nur aus Höflichkeit. Als Elias sie am Freitagnachmittag überraschend angerufen und gefragt hatte, ob sie Lust auf Champagner hätte, hatte sie zugesagt, ohne zu zögern. Man kann nie wissen, welche Kontakte später einmal nützlich sein können. Aber jetzt hat sie aus Versehen mit dem alten Werbechef gevögelt und ist sich nicht mal sicher, was sie alles getan haben. Sie kommt sich billig und gescheitert vor.
Nach dem dritten Versuch findet sie die Toilette. Sie geht pinkeln und trocknet sich die Hände an einem dicken, weichen Luxushandtuch ab. Wie im Hotel. Das Handtuch riecht leicht nach Aftershave. Jenna entwirrt ihre vom Haarlack struppigen Haare und wickelt sie zu einem Dutt auf. Dann betrachtet sie sich im Spiegel. Sie hat schon mal besser ausgesehen, aber unter diesen Umständen, ohne Make-up und Entfernerlotion, lässt sie lieber die alte, verschmierte Schminke drauf. Nachdem sie eine Zeit lang ihr Spiegelbild betrachtet hat, öffnet sie die Türen des Spiegelschranks und untersucht den Inhalt. Ein paar Medikamente, Armani-Parfüm und Deos. Am Waschbeckenrand steht eine einzelne elektrische Zahnbürste von Braun. Keine Wechselklingen, keine Kosmetik oder Wattepads. Wasserhahn und Waschbecken glänzen vor Sauberkeit. Mit Sicherheit hat Lars eine Putzkraft. In der riesigen Wohnung scheint außer ihm niemand zu wohnen. Keine Ehefrau, keine Freundin. Gerüchten zufolge hat er ständig wechselnde Frauen. Bevor sie das Bad verlässt, prüft Jenna noch die Medikamentenpackungen. Wogegen nimmt der werte Herr wohl Tabletten? Nicht gegen etwas Ansteckendes, keine Aids-Medikamente. Das Erste ist Melatonin, das Zweite ein Dreifachwirkstoff gegen Migräne. Die dritte, schon fast leere Blisterpackung enthält Viagra. Jenna wird übel. Lars ist womöglich noch älter, als sie aufgrund seines Äußeren angenommen hat. Sie schließt den Arzneischrank und starrt ins Leere. Der gestrige Abend versetzt sie langsam wieder in einen schläfrigen Zustand. Dann macht sich die Katerübelkeit bemerkbar, und sie rafft sich auf.
Als sie aus der Toilette kommt, hört sie gedämpft, dass in einem der anderen Zimmer gesprochen wird. Sie erschrickt und ist kurz davor, in Panik zu geraten. Scheiße. Sie ist immer noch in Lars’ Wohnung, es ist früh am Morgen, und sie weiß nicht, was sie sagen soll, wenn sie ihm gleich begegnen wird. Und mit wem zur Hölle redet er da eigentlich um diese Uhrzeit?
»Was willst du?«, hört sie ihn sagen.
Jenna geht zurück ins Bett. Sie zieht die Decke fest um sich und blickt beunruhigt auf ihren Klamottenhaufen auf dem Boden. Das knappe schwarze Party-Top und der Paillettenrock kommen ihr am helllichten Morgen und angesichts des bevorstehenden Heimwegs viel zu billig und schmuddelig vor. Ohne Vorhänge an den großen Fenstern fühlt sie sich wie im Aquarium. Inzwischen scheint die Junisonne hell herein. Sie steht wieder auf und tritt ans Fenster, betrachtet für einen Moment die friedliche Umgebung. In der Ferne zwischen den Häusern glitzert das Meer.
Das gedämpfte Reden bricht ab. Vermutlich hat Lars telefoniert. Sie bleibt noch etwas am Fenster stehen und nimmt all ihren Mut für die Begegnung mit ihm zusammen. Draußen stehen ein paar Häuser und ein sattgrün belaubter Baum. Sie kramt ihr Handy unter dem Kleiderhaufen hervor und stellt sich wieder ans Fenster, um ein absichtlich schlechtes Selfie zu machen. Note to self: Nie mehr so was! Im Hintergrund das Fenster, der Garten und sommerliches Morgenlicht. Gequält grinst sie in die Kamera. Dieses Bild wird nicht auf Social Media geteilt. Dann schaut sie wieder hinaus. Unter dem großen Baum bewegt sich etwas. Es wirkt fast so, als würde da eine dunkle Gestalt am Stamm lehnen und direkt zum Haus blicken. Jenna kneift die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Das tiefe Morgenlicht blendet. Die verklebten künstlichen Wimpern trüben ihr die Sicht, außerdem sind die Äste des Baums im Weg. Sie fährt zusammen. Sie hat es sich nicht eingebildet. Da steht tatsächlich jemand. Schnell tritt sie einen Schritt zurück. Schließlich ist sie immer noch praktisch nackt. Hoffentlich hat die Person draußen nichts gesehen.
Jenna zieht ihre Klamotten an, aber im selben Moment wird ihr plötzlich wieder übel, und das Stehen fühlt sich gar nicht gut an. Sie setzt sich auf den Futon. Flashback, einige Stunden zuvor: ein paar schneeweiße Linien und ein Zungenkuss. Du wirkst reif für dein Alter. Bei Tageslicht betrachtet wirken Lars’ Komplimente widerlich und kalkuliert. Das Zimmer beginnt, sich zu drehen, und die Übelkeit zwingt sie, sich wieder hinzulegen. Aus der Ferne ertönt ein leises Klicken. War das die Wohnungstür? Sie schafft es nicht zu reagieren. Ihr verkatertes Herz hämmert gegen ihre Rippen, und sie hat keine Kraft, sich zu bewegen. Sie sieht auf die Uhr. In die Arbeit kann sie so auf keinen Fall, also schickt sie eine kurze E-Mail an ihren Vorgesetzten: »Ich habe Magen-Darm-Grippe. Kann heute nicht kommen.« Dann rollt sie sich unter der Decke in Embryonalstellung zusammen und schläft fast auf der Stelle wieder ein.
Sie schreckt aus einem unruhigen Katertraum hoch und stellt fest, dass sie fünf Stunden geschlafen hat. Verdammt! Viel zu lange. Aber wenigstens fühlt sie sich etwas besser als am Morgen. Sie sammelt Tasche und Schuhe vom Boden auf, zieht ihre knappen Klamotten zurecht und schleicht dann leicht verunsichert zur Tür. Zeit, Lars zu begegnen. Sie geht an der Toilette vorbei und weiter durch den Flur in einen weitläufigen, loftartigen Raum. Eine leere Espressotasse steht einsam auf der Marmorplatte der Kücheninsel.
»Hallo?«, ruft Jenna. Ihre Stimme bricht, und ihr Mund fühlt sich trocken und pelzig an. Überall herrscht absolute Stille. Der Kühlschrank surrt leise. Wenn sie die Wahl hätte, würde sie Lars lieber nicht mehr treffen. Am liebsten würde sie einfach nur gehen und hoffen, dass die bruchstückhaften Bilder von seinen alten Händen auf ihrem Körper sich möglichst schnell verflüchtigen. Sie weiß schon, wie sie sich verhalten muss: kühl und distanziert, als ob nichts passiert wäre. Kein Aufhebens machen, keine Geschichten im Büro verbreiten. Sonst werden sie nur irgendwann gegen einen verwendet. Trotzdem wäre es gut, die Sache in Würde abzuschließen, Lars zu begegnen und dann erst nach Hause zu verschwinden, um in Selbstmitleid zu baden. »Lars?«, versucht sie es noch einmal, aber niemand antwortet. Sie hat Lust auf einen Kaffee, weiß aber nicht, wie man die komplizierte Espressomaschine bedient. Sie klettert auf einen der Barhocker. Die Metallteile fühlen sich kalt an ihren nackten Oberschenkeln an. Sie überkreuzt die Beine und wartet. Trotz des Katers dürfte sie noch gut aussehen, schätzt sie. Zumindest jung. Wenn auch mit nicht mehr akkuratem Make-up. Während sie darauf wartet, dass Lars in die Küche kommt, öffnet sie ihre Haare und beginnt, die Knoten mit den Fingern zu lösen.
Sie wüsste gern, was sie in der Nacht getan haben, würde sich aber nie trauen zu fragen. Sie kramt ihr Handy hervor. Wenn sie Lars anriefe, könnte sie den Prozess beschleunigen. Auf der Website von Fire sucht sie nach seiner Nummer und wählt. Beim Anblick der Seite läuft ihr ein seltsamer Schauer über den Rücken. Als ihr Cousin Elias ihr das Praktikum in der begehrten Firma anbot, war sie begeistert gewesen, aber ihr ist unbegreiflich, warum sie die Einladung gestern Abend nicht ausgeschlagen hat. Vielleicht, weil Elias ihr gesagt hatte, dass es helfen würde, einen Fuß in die Tür zu bekommen? Zuerst hatte sie geglaubt, sie wäre den anderen beiden Mädchen überlegen, da sie nicht als Begleitung dabei war, sondern um Kontakte zu knüpfen. Aber dann hatte man ihnen Koks angeboten. Während das Rauschmittel von ihren Schleimhäuten absorbiert wurde, beschloss sie, die Situation neu zu bewerten. Am Ende hatte sie sogar Spaß. Jetzt erinnert sie sich wieder. So war es.
Sie zuckt zusammen, als ein Handy, das wohl Lars gehören muss, zu vibrieren beginnt und dabei über die Marmorplatte des Küchentresens hüpft. Sie bricht den Anruf ab. Das Vibrieren hört auf. Wo auch immer Lars ist, er hat sein Telefon nicht dabei. Sie ruft noch einmal nach ihm, und als keine Antwort kommt, schleicht sie zu seinem Handy. Ihre Nummer ist als entgangener Anruf auf dem Display zu sehen. Lars verwendet auf seinem iPhone offenbar keinen PIN-Code, wahrscheinlich, weil er so alt ist. Jennas Blick fällt auf das Nachrichten-Symbol. Soll sie? Ein bisschen aus Rache entscheidet sie sich dafür, die Nachrichten zu lesen. Es sind nur wenige. Sie blickt sich prüfend in der Wohnung um. Lars ist immer noch weg, und so riskiert sie es, etwas zu stöbern. Am 26.06.2019 um 18:09 Uhr hat er von einer unbekannten Nummer ein Bild geschickt bekommen. Sie betrachtet es, versteht aber nicht so recht, was da eigentlich zu sehen ist. Knochen? Eine Krone? Sie schließt die Nachrichten und öffnet die Bildergalerie, schreckt zusammen. Die ersten Bilder zeigen sie selbst, wie sie nackt im Bett liegt. Scheiße, was für ein Typ. Jenna wird speiübel. Der in der Nacht getrunkene Champagner, die Wodka-Cranberrys, die Gin Tonics und Mojitos beginnen langsam, in ihrem Bauch zu rumoren. In einzelnen Bildern blitzen Erinnerungen auf. Lars’ runzlige Hände und die Krähenfüße um seine Augen, die halb leere Viagrapackung im Arzneischrank. Dann noch die heimlich gemachten Fotos von ihr. Sie legt das Telefon auf den Tisch, rennt zum Waschbecken und versucht, sich zu übergeben, aber es kommt nichts. Sie würgt nur Spucke und zähflüssigen, klaren Schleim hervor. Sich zu erbrechen würde ihr Erleichterung verschaffen, aber sie hat sich noch nie den Finger in den Hals stecken können.
Sie muss sich zusammenreißen. Sie geht zum Handy zurück, um zu überprüfen, ob die Fotos verschickt wurden. Wurden sie nicht. Schnell löscht sie sie alle und spürt, wie neben dem Brechreiz Hass in ihr aufsteigt.
»Arschloch«, sagt Jenna in die leere Wohnung.
Vielleicht ist Abhauen seine Art, ihr zu zeigen, wo sie steht. Ganz unten. In seinen Augen ist sie billig, eine absolute Null. Keine Verabschiedung wert.
»Fuck you, Lars Sundin«, sagt sie und geht zur Tür.
Vor dem Haus stellt sie fest, dass sie sich auf der Insel Suomenlinna befindet. Sie öffnet Google Maps, um den kürzesten Weg zum Anlegeplatz der Fähre zu finden. Auf wackligen Beinen folgt sie der vorgeschlagenen Route. Ihre Fußballen schmerzen, und die High Heels scheuern fürchterlich an ihren Fersen. Der Schotterweg knirscht unangenehm unter den Pfennigabsätzen. Gleich danach kommt auch noch Kopfsteinpflaster. Trotz des Windes ist die Luft warm. Jenna beschließt, die Schuhe in die Hand zu nehmen und barfuß zur Fähre zu laufen. Noch einmal dreht sie sich zum Haus um. Die Straße ist menschenleer. Wohin auch immer Lars verschwunden ist, ohne sein Handy ist es wohl kaum das Büro. Jenna schaudert bei dem Gedanken an Lars und dessen Körper dicht an ihrem. Spätestens die Nacktfotos, die er heimlich von ihr gemacht hat, machen alles eklig, schmutzig und gruselig. Hoffentlich verschwindet dieses Gefühl mit der Zeit. Sie zittert fast vor Wut. Ob sie sich irgendwie an Lars rächen kann? Wenn er doch einfach gar nicht existieren würde! In diesem Moment, als sie verkatert in Richtung Ufer schwankt, ahnt Jenna nicht, dass sich ihr Wunsch bald erfüllen wird. Sie wird Lars Sundin nie wiedersehen.
Saana liegt auf dem Bett und tut nichts. Sie hat keine Energie für irgendetwas und ärgert sich darüber. Auf dem Tisch steht eine Tasse kalt gewordener Kaffee. Nicht einmal den hat sie geschafft zu trinken. Sie entsperrt das Handydisplay und geht auf Twitter. Nur ganz kurz, weil sie eigentlich gerade eine Social-Media-Pause macht. Aber seit dem Frühjahr folgt sie spaßeshalber der Polizei auf Twitter. Neben ihrer insgeheimen Jagd nach journalistischem Material und Storys sucht sie auch nach etwas Interessantem für sich selbst. Etwas, wo man ansetzen kann und was die Fantasie anregt. Bis jetzt hat allerdings noch nichts so richtig ihre Begeisterung geweckt. Zugegebenermaßen hat sie auch noch gar nicht richtig gesucht.
Polizeimeldungen @Polizeimeldungen 20.06.2019
Zerknautschtes Blech in Mittelfinnland
Zerknautschtes Blech? Eine ziemlich direkte Wortwahl für die Polizei, denkt Saana staunend und trinkt endlich einen Schluck Kaffee. Igitt. Total kalt. Trotzdem nimmt sie einen zweiten Schluck. So einfach erfährt man also von den Unfällen anderer Leute, denkt sie und stellt die Tasse auf den Tisch zurück.
Im Laufe der Woche hat sich herausgestellt, dass Hartola tatsächlich nichts zu bieten hat. Aber das hatte sie schließlich gewollt – einen Ort, an dem sie sich einfach ausruhen und entspannen, herumhängen und nachdenken kann. Aber jetzt, da sie wirklich Zeit zum Nachdenken hätte, fühlt sie sich elend, faul und enttäuscht. Sie legt sich auf das achtzig Zentimeter breite Bett im Gästezimmer ihrer Tante und starrt an die Decke. Langsam, wie aus Versehen, sinkt sie in einen ruhigen Schlaf.
»Aufwachen, Saana!«, flüstert Tante Inkeri und rüttelt sie energisch wach. »Du hast deinen Kater und wer weiß, was noch, lange genug ausgeschlafen. Eine Woche, um genau zu sein. Heute holen wir die Räder aus dem Schuppen und machen eine offizielle Tour durch Hartola«, sagt sie und lacht beim Anblick von Saanas Gesichtsausdruck. Es ist drei Uhr nachmittags. Ihre Tante meint also, es sei Zeit, dass Saana den Ort für sich entdeckt, sich an ihre Kindheitssommer erinnert, herumstreift und sich zur Abwechslung mal körperlich betätigt. Jeder wird depressiv, wenn er sich nicht bewegt. Inkeri ist sich sicher, dass Saana sich insgeheim nach Aktivität sehnt, auch wenn sie es nicht zugibt. Also nimmt sie die Zügel in die Hand und zwingt Saana aufzustehen. Immerhin ist Sommer, da kann man nicht drinnen herumliegen.
»Setzen wir uns vielleicht erst einmal auf die Gartenschaukel«, schlägt Inkeri vor und legt Saana, die langsam munter wird, eine Hand auf die Schulter. »Trinken wir einen Sommerwein?«
»Ja, gern«, sagt Saana lächelnd, und die Tante holt Gläser aus dem Haus. Sie weiß genau, wie sie Saana kriegen kann. Während sie Wein in zwei Saara-Hopea-Gläser mit grünem Stiel einschenkt, streichelt sie Saanas Wange.
»So schön, dass du gekommen bist«, sagt sie.
»Schön, hier zu sein.« Die Hand ihrer Tante fühlt sich kühl und beruhigend an.
»Wie geht es dir?«, fragt Inkeri.
»Ganz gut, glaube ich. Dass ich nicht mehr weiterarbeiten durfte, kam überraschend, aber es war vielleicht gut so. Jetzt kann ich innehalten. Die letzten zwei Jahre habe ich einfach nur wie verrückt gearbeitet. Und die Freizeit habe ich, na ja, zum Feiern genutzt«, bekennt Saana und nimmt einen Schluck Weißwein. Er ist genauso kalt und trocken, wie er sein muss.
»Hast du zurzeit jemanden?«, fragt Tante Inkeri neugierig und blickt sie verstohlen an.
»Nein. Ich bin in jeder Hinsicht ein komplizierter Fall.« Grinsend erhebt Saana das Glas auf ihre eigene Kompliziertheit.
»Na, man kann es auch so sehen: Es braucht mehr Mut, allein zu sein, als mit jemandem zusammen zu sein, nur um des Zusammenseins willen«, sagt Inkeri und schenkt ihnen noch etwas nach. »Aber wenn ich in meinem Leben eins gelernt habe, dann, dass man nicht lange nachdenken muss, wenn der richtige Typ auftaucht. Dann ist alles plötzlich seltsam klar.« Von der Schaukel aus blicken sie auf den saftig grünen Garten. »Vielleicht hast du einfach noch niemanden getroffen, der gut genug zu dir passt.«
Saana gefällt der Gedanke, und sie stößt mit dem Fuß leicht die Schaukel an. Die Johannisrosen blühen schon. Rosa pimpinellifolia. Sie könnte den restlichen Tag einfach hier sitzen und die Rosen betrachten.
»Hast du schon mal jemanden gehabt, mit dem es seltsam klar war?«, fragt Saana und sieht ihre Tante spitzbübisch an.
Inkeri lässt den Blick über den Garten schweifen, bevor sie wieder auf das Weinglas in ihrer Hand blickt. Dann, zu Saanas Überraschung, antwortet sie doch noch: »Es gab sogar ein paar, aber am Ende ist nichts weiter daraus geworden.«
Gegen Abend fahren Saana und Tante Inkeri leicht beschwipst mit dem Rad über die Feldwege von Hartola. Saana sitzt auf dem jahrzehntealten Fahrrad ihrer Tante, während diese ein neues Crescent fährt. Saana kennt Hartola aus den Sommern ihrer Kindheit, und Inkeri meint, nun sei der richtige Moment, um hier wieder neue Wurzeln zu schlagen. Alles mit den Augen einer Erwachsenen zu betrachten und sich noch einmal in die Landschaft ihrer Kindheit zurückzuversetzen.
»Die da hast du dir als Kind gern angeschaut«, ruft Inkeri und zeigt auf die in der Ferne emporragende rote Windmühle. »Und dort ist der Kunstsalon der Schriftstellerin Maila Talvio, eine offizielle Sehenswürdigkeit in Hartola«, fügt sie lächelnd hinzu.
Saana sieht sich um. Die wenigen Male, die sie als Erwachsene in Hartola war, hatte sie es immer so eilig, dass sie eigentlich nichts gesehen hat. Immer hat sie nur ihren Stress und ihre Sorgen im Gästezimmer ausgeschlafen und gedacht, dass es in Hartola nichts zu sehen gäbe. Damals stimmte das auch.
»Bei der nächsten biegen wir ab. Schauen wir mal, ob wir in den Garten der Villa kommen. Da ist um die Zeit bestimmt niemand mehr«, ruft Inkeri und fährt schneller. Saana muss über die Abenteuerlust ihrer Tante lachen und tritt in die Pedale. In diesem Augenblick gibt es nur die Radtour, die Feldwege durch das sommerliche Hartola, die alte rote Windmühle, das schöne Villenambiente und den Geruch von frisch gemähtem Gras.
Sie schieben die Fahrräder über den Hof der Villa. Dort wachsen schöne, hohe Fichten. Saana hat noch nie so große gesehen. Der Rasen ist gemäht, und alles wirkt äußerst gepflegt.
»Das ist die Villa Koskipää. Bestimmt erinnerst du dich an sie«, sagt Inkeri. Tatsächlich liegt etwas Vertrautes in der Umgebung, aber gleichzeitig wirkt auch alles fremd. Vielleicht war sie als Kind mit ihrer Mutter hier. »Das grüne Hauptgebäude dort wurde in den 1820ern gebaut, als der Familie Tandefelt die Villa gehörte. In den 1850ern ging sie an die Familie von Gerdten über«, erklärt ihre Tante.
Saana betrachtet das hübsche grüne Herrenhaus mit seinen massiven Säulen und die roten Nebengebäude. Dichte Farne, Apfelbäume und das Haus des Museumswärters. Das verblichene, abgeblätterte Grün der Tür. Saana hat schon immer alte Türen gemocht.
»In den Siebzigerjahren zog ein Mann, den sie nur den Baron nannten, in das Gebäude namens Vanha Koskipää dort drüben ein«, sagt Inkeri und zeigt auf die gelbe Villa nahe am Fluss. »Der letzte der Familie von Reichmann. Das Interieur des Hauptgebäudes spiegelt die Lebensbedingungen der adligen Gesellschaft in der Region Ost-Häme im 19. Jahrhundert wider«, fährt sie fort. »Das war jetzt direkt von der Internetseite des Ost-Häme-Museums. Ich wäre eine ziemlich gute Fremdenführerin, oder?«, sagt sie kichernd, und Saana nickt anerkennend. Tante Inkeri ist der allerbeste Tourguide.
»Hier gibt es übrigens wirklich sehr gute Führungen«, sagt sie. »Die solltest du dir unbedingt anschauen.«
Saana blickt sich neugierig um. Alte Herrenhäuser mit ihren großen Grundstücken erzeugen in ihr immer ein unerklärbares Gefühl von Freiheit. Wie toll wäre es, einmal den Sommer in so einem schönen Gutshaus zu verbringen, mit Sonnenhut auf dem Kopf und ohne Sorgen durch den Garten zu schlendern. Vielleicht würde sie in diesem Provinzdorf doch noch den Glanz finden, den sie als Kind mit Hartola verbunden hat.
Sie lassen die Fahrräder auf dem Grundstück stehen und gehen langsam hinunter zur gemächlich dahinplätschernden Stromschnelle. Silberweiden hängen über dem Wasser, und am Ufer befinden sich Hütten und Stege. Weiter weg sieht Saana eine Hängebrücke, eingerahmt von zwei Steinpfeilern. Ob sie früher vielleicht manchmal darübergerannt war? Seerosen und andere Wasserpflanzen besiedeln das Ufer. Sie beschließen hinüberzugehen. Die Brücke quietscht und knarzt unter Saanas Schritten.
»Horch mal«, sagt Tante Inkeri. Sie bleiben für einen Moment mitten auf der Brücke stehen und rühren sich nicht. Überall ist es still. Erst nach und nach sind einige kaum hörbare Geräusche auszumachen. Der Ruf eines Kuckucks in der Ferne. Das sanfte Gurgeln des Wassers. Amselgesang. Das Summen einer Stechmücke dicht am Ohr. Ab und an ein Auto auf der Hauptstraße. Saana lehnt sich ans Geländer und betrachtet die Villa zwischen den Bäumen. Ein Hauch von Dämmerung lässt sich am Himmel erahnen. Kühler Nebel schwebt über der Wasseroberfläche, und die Luft riecht nach feuchtem Gras und nassem Holz. Es ist herrlich. Sie stehen ganz still. Auf dem Wasser blühen hier und da ein paar Seerosen. Etwas weiter weg, am Unterlauf des Flusses, leuchtet eine einsame weiße Blume.
»Siehst du die?«, fragt Saana und zeigt auf die Blume, die sich wunderschön vom hereinbrechenden Dunkel abhebt. »Ist das auch eine Seerose?«
»Das ist eine Calla«, antwortet ihre Tante leise. »Die wachsen hier nicht.«
Saana sieht ihre Tante fragend an. »Warum ist sie dann dort?«
»Immer mal wieder taucht einfach eine Calla an der Stromschnelle auf.«
»Sie taucht auf?«, fragt Saana und starrt auf die weiße Blüte.
»Ich nehme an, sie soll an eine verstorbene Seele erinnern.«
Jetzt sieht Saana, dass die Pflanze gar nicht natürlich dort wächst. Sie lehnt an einem Uferstein.
»Die ist bestimmt für Helena«, sagt Inkeri und blickt auf das unruhige, dunkle Wasser.
»Helena?« Saana wird hellhörig und sieht ihre Tante interessiert an.
»Ja. Sie wurde damals tot in dieser Stromschnelle gefunden.«
Am Ende der Tour entscheiden sich Saana und Inkeri, in der örtlichen Kneipe noch etwas trinken zu gehen. Es ist der Donnerstag vor Mittsommer, in der Bar herrscht wenig Betrieb.
»Was ist das denn für ein heruntergekommener Schuppen!«, ist Saanas erster Kommentar, als sie hineingehen.
»Der gehört so«, antwortet der Barkeeper, und Saana wird rot. Der Kommentar war eigentlich an ihre Tante gerichtet.
Sie bestellen Lonkeros auf Eis und verziehen sich zu einem vom Alter gezeichneten Ledersofa im hinteren Teil der Bar.
»Ein Lonkero ist der beste Sommerdrink!«, stellt Saana fest, und sie erheben die Gläser.
»Du sagst es«, bestätigt Inkeri lachend und nimmt einen Schluck.
