Polarnacht - Elina Backman - E-Book

Polarnacht E-Book

Elina Backman

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Beschreibung

Ein Cold Case im winterlichen Lappland Die Journalistin Saana Havas bekommt einen neuen Auftrag: Vor Jahren wurde in einem kleinen Dorf in Lappland ein Mädchen ermordet, der Fall konnte nie gelöst werden. Nun wird Saana von der Schwester der Verstorbenen gebeten, in ihrem Podcast über den Mord zu berichten, in der Hoffnung auf neue Hinweise. So reist sie in das winterliche Lappland und stellt mithilfe eines alten Tagebuchs Nachforschungen an. Doch dann geschieht erneut ein Mord: Es ist wieder ein junges Mädchen, und die Tat weist erschreckende Ähnlichkeiten zu damals auf. Könnte es sich tatsächlich um denselben Täter handeln?

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Aus dem Finnischen von Alena Vogel

Diese Übersetzung wurde gefördert durch FILI – Finnish Literature Exchange. Wir bedanken uns herzlich!

© Elina Backman 2022

Titel der finnischen Originalausgabe: »Ennen kuin tulee pimeää«, Otava, Helsinki 2022

© Piper Verlag GmbH, München 2024

Published in agreement with Elina Backman and Elina Ahlback Literary Agency, Helsinki, Finland.

Redaktion: Susann Harring

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: www.buerosued.de, München

Covermotiv: mauritius images/Torsten Rathjen Photo; Getty Images/TorriPhoto; www.buerosued.de

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Widmung

Zitat

PROLOG

Inari, Samstag, 11.7.1998

TEIL I

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

Inari 1998

TEIL II

1

2

Inari 2019

3

4

5

6

7

8

9

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11

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13

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15

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17

18

19

Inari 1998

TEIL III

1

2

3

4

5

6

7

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9

10

11

12

13

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19

20

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28

29

30

TEIL IV

1

2

3

4

5

6

EPILOG

1

Der Sommer Lapplands, Inari, 1998

2

DANKSAGUNG

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Widmung

Dieses Buch ist

meiner geliebten Mutter gewidmet.

Danke, Mama, dass du mir die Liebe

zu Sprache und Geschichten

beigebracht hast.

Du kannst dies nicht mehr lesen,

aber ich wollte es dir trotzdem sagen.

Zitat

»Ich bin das Licht, das dich ins Dunkel führt.«

PENTTI SAARIKOSKI, DIE TÄNZE DES DUNKLEN

PROLOG

Inari, Samstag, 11.7.1998

Knochenschüttlers verheißungsvolles Knattern ertönt. Kurz darauf folgt ein Klopfen. Inga rennt zur Tür und wirft einen Blick auf ihre Mutter, die gerade Kartoffeln wäscht. Diese ist schon so an Ingas Kommen und Gehen gewöhnt, dass sie am Abend gar nicht mehr mit ihrer Gesellschaft rechnet.

»Mama, wir gehen jetzt!«, ruft Inga.

»Ja«, sagt ihre Mutter und lächelt Anet zu, die im Türrahmen erschienen ist. »Kommt zum Saunieren zurück, wenn ihr genug um die Häuser gezogen seid. Ich habe heute Morgen schon die Rauchsauna angeheizt«, fügt sie sanft hinzu. Einen flüchtigen Augenblick lang verspürt Inga Wehmut. Wenn sie doch noch ein kleines Kind wäre und einfach mit ihrer Mutter saunieren würde, anstatt aufgestylt auszugehen, zu rauchen und in einem verboten kleinen Top mit Anet in der Disco herumzutanzen. Die Entscheidung fällt ihr trotzdem leicht, schließlich ist sie schon siebzehn.

»Lass uns morgen früh gehen, Mama, wenn die Steine dann noch Wärme abgeben«, sagt sie und wirft ihrer Mutter einen Luftkuss zu.

Knochenschüttler rast die Angelintie entlang, hüpft durch die Schlaglöcher, wirbelt auf der vom heißen Sommer trockenen Straße Staub und Schmutz auf. Inga öffnet trotzdem das Fenster, und die Mädchen lachen, als ihnen die Rentiere verdutzt nachstarren.

»Mach das Fenster zu, bevor wir bei lebendigem Leibe gefressen werden«, bittet Anet und zündet sich eine Zigarette an. Inga legt die Füße auf das Armaturenbrett, ein unbestimmtes, starkes Gefühl von Freiheit kitzelt sie im Bauch. Samstagabend und Sommer. Eine nachtlose Nacht. Wahrscheinlich werden sie nichts Nennenswertes erleben, aber am Wochenende erscheint ihnen jedes Mal alles möglich.

In jenem Sommer herrschte in Lappland eine Hitzewelle. Der Nachmittag war ungewöhnlich heiß. Doch bald schon vergaßen die Leute die Anzeige auf dem Thermometer, denn als Inga nur wenige Tage später als vermisst gemeldet wurde, sollte das Schicksal des Mädchens noch weit länger in den Köpfen der Bewohner von Inari verweilen als die drückende, quälende Hitze.

TEIL I

1

Saana starrt auf den Karton an der Wand. Er ist zu hoch, um ihn unter dem Bett zu verstauen, aber sie wollte ihn auch nicht öffnen und den Inhalt auspacken. Er stammt aus Hartola. Darin ist alles, was von ihrer Mutter übrig geblieben ist – neben den Erinnerungen, den Möbeln und den Fotos. Tante Inkeri hat die Sachen aufbewahrt, vielleicht genau für diesen Moment. Den Moment, in dem Saana Neugier verspürt und bereit ist, die Andenken an ihre Mutter zu erkunden. Wenn die Trauer nachgelassen hat und allmählich in leise Melancholie übergegangen ist. Wenn Saana das Gefühl hat, die Wut und die Bitterkeit über das, was ihre Mutter getan hat, überwunden zu haben, und endlich versuchen möchte zu verstehen, wie ihre Mutter vor Saanas Geburt war. Hoffentlich wird sie sich trotz allem hauptsächlich an die guten Seiten ihrer Mutter erinnern. Gerade deshalb wollte sie den Karton noch nicht öffnen. Sie weiß nicht, was darin zum Vorschein kommen wird.

Träge stupst sie die Kiste mit dem Fuß an, wie um zu testen, ob sie dadurch zum Leben erwacht. Genau in dem Augenblick ruft Inkeri an.

»Wie geht’s meiner Lieblingsnichte?«, fragt sie, und auf Saanas Gesicht macht sich ein Lächeln breit.

»Ich bin deine einzige Nichte«, entgegnet Saana und setzt sich neben den Karton auf den Boden. Draußen ist es bereits so kühl geworden, dass sie die Heizung anmachen musste. Sie wärmt ihr angenehm den Rücken.

»Wie ist es dir ergangen?«, fragt Inkeri. Was auch immer sie antwortet – Saana weiß, dass Inkeri es heraushören würde, wenn sie versuchte, ihr etwas vorzumachen. Im vergangenen Jahr – eigentlich auch schon davor – hat Inkeri sie in ihren hilflosesten Momenten erlebt. Ihre Tante ist vielleicht der einzige Mensch in ihrem Leben, dem sie all ihre Seiten zeigen kann. Auch die schwächsten. Und sie ist die Einzige, der Saana gestanden hat, dass sie nicht mehr kann, und die sie um Hilfe gebeten hat. Vielleicht wird sie in Zukunft auch mit Jan öfter den Mut zu einem offenen Gespräch haben.

»Ganz gut, danke«, antwortet Saana. »Vieles läuft wirklich gut. Aber ich habe trotzdem das Gefühl, dass ich kein vollständiges Bild bekomme, solange ich nicht …«

»Solange du nicht was?«, fragt Inkeri.

»Solange ich Mama nicht kennengelernt habe«, murmelt Saana. »Ich habe den Karton zwar mitgenommen, mich aber noch nicht getraut, ihn aufzumachen. Ich konnte den Deckel zur Vergangenheit nicht anheben, obwohl ich dachte, ich wäre so weit. Außerdem ist es schwierig, sich im Nachhinein ein Bild von Mama zu machen.«

»Stimmt, sie hat keine Tagebücher hinterlassen. Aber vielleicht ist das gut. Du kannst sie in deinem Geist genau so erschaffen, wie du willst. Das könnte die Vergangenheit vielleicht sogar erträglicher machen.«

»Ich kenne deine Erinnerungen an sie, an die Zeit, als ihr noch klein wart und so, aber eben nur aus deiner Perspektive. Mama hatte so gut wie keine Freunde, und Oma und Opa sind tot. Ich komme nicht wirklich weiter.«

»Du hast dich also noch nicht mit ihm unterhalten?«, fragt Inkeri vorsichtig.

»Mit wem?«, entgegnet Saana verwirrt.

»Na, mit deinem Vater natürlich«, versetzt Inkeri, und Saana wird hellhörig. Ein Gespräch mit ihrem Vater ist eine so selbstverständliche Idee, dass sie gar nicht darauf gekommen ist. Vielleicht, weil sie sich so selten sehen, und wenn sie sich sehen, dann sagt er so gut wie nichts.

»Ich weiß, dass er kein Mann vieler Worte ist. Aber wenn er eines für dich tun kann, dann dir zumindest von seinen Erinnerungen erzählen.«

»Ja«, murmelt Saana und starrt auf die Kiste. Das Mindeste, was ihr Vater tun könnte, wäre, ein Gespräch über ihre Mutter zuzulassen. Saana hat noch nie seine Sicht der Dinge gehört. Wie es dazu kam, dass sie mit ihrer Mutter in Helsinki blieb und er in seine alte Heimat im Norden floh.

»Manchmal denke ich, dass es ein ziemlich feiger Akt war«, gesteht sie und spürt Wut in sich aufsteigen. »Dass Papa in der Lage war, so etwas zu tun: wegzugehen und mich mit meiner kranken Mutter allein zurückzulassen.«

»Nur wenige Dinge sind klar oder einfach. Zwischen den beiden lief es damals nicht besonders gut, so wie ich es verstanden habe. Dein Vater fühlte sich in Helsinki nicht wohl. Aber da war deine Mutter noch gesund«, erwidert Inkeri. »Ich kann dir nur raten: Ruf ihn an, besuch ihn vielleicht sogar. Es wäre gut, wenn ihr über diese Dinge reden könntet.«

»Wann hast du zuletzt mit Papa gesprochen?«, fragt Saana. Wenn Inkeri wüsste, wie schweigsam er ist, würde sie wohl kaum ein Gespräch vorschlagen.

»Letzte Woche.«

Saana erstarrt für einen Moment. Ihre Hand, die auf dem Kartondeckel herumgetippt hat, hält inne, und die Finger bleiben kurz in der Luft stehen.

»Was?«, fragt sie überrascht.

»Wir telefonieren einmal im Monat«, gibt Inkeri zu. »Er war mir eine Stütze, als deine Mutter …«

»Warum hast du mir das nicht erzählt?«, fragt Saana.

»Weil es nichts zu erzählen gibt. Im Grunde genommen ist er ein guter Kerl. Ich weiß, du bist wütend auf ihn, aber er ist trotz allem einer von den Guten, vergiss das nicht.«

Während Inkeri spricht, öffnet Saana den Deckel des Kartons einen Spaltbreit und sieht eine Schallplatte hervorspitzen.

»Hier im Karton ist eine Schallplatte«, sagt sie und zieht sie mitsamt ihrer Papphülle heraus.

»Natürlich«, sagt Inkeri schmunzelnd. »Deine Mutter hat Musik und ihre Platten geliebt. Hier sind noch viel mehr davon. Diese eine im Karton war ihre Lieblingsplatte – eine Single, die ich ihr aus Portugal mitgebracht habe.«

Saana betrachtet das Plattencover, auf dem die stark geschminkte Debbie Harry in blauer Jeansjacke ins Mikrofon singt. Ihr toupiertes blondes Haar glänzt hell im Bühnenlicht. Blondie – Heart of Glass.

»Heart of Glass, deine Mutter hat es geliebt, manchmal hat sie es Dutzende Male hintereinander angehört«, erzählt Inkeri mit sanfter Stimme. Saana lächelt Debbie Harry zu. Auch Mama hatte blondes Haar. Sie schließt die Augen und stellt sich vor, wie ihre Mutter diese Platte in den Händen hielt. Was empfand sie wohl dabei? War sie glücklich?

»Ich habe keinen Plattenspieler«, sagt Saana enttäuscht, beschließt aber, die Platte trotzdem aufzuheben.

2

Jan geht über den Büroflur. Das Training von gestern Abend macht sich in Form von steifen Oberschenkelmuskeln bemerkbar. Dehnübungen würden vielleicht helfen, aber wenn er eines schon immer gehasst hat, dann das.

»Hast du schon die Neuigkeiten gehört?«, ruft die Chefin, als er an ihrem Büro vorbeigeht. Durch einen Spalt in der Jalousie schimmert etwas Grünes. Dieses Büro ist viel heller als die anderen. Vielleicht hat sie sich schon für die dunkle Jahreszeit gewappnet und sich mehr Pflanzenlampen zugelegt.

»Was hast du gesagt?«, fragt Jan, bleibt in der halb offenen Tür stehen und lehnt sich in den Rahmen. Johanna Nieminen, seine Vorgesetzte und Abteilungsleiterin, genannt Jone, steht an ihrem Schreibtisch und besprüht gerade die große, üppige Monstera auf dem Boden mit Wasser. Dann hält sie inne und bedeutet Jan, näher zu kommen.

»Ich habe nur gefragt, ob du schon die Neuigkeiten gehört hast. Dass man Heidi dazu ermutigt hat, sich für den neuen Posten zu bewerben. Es ist geplant, sie zu einer Art innovativen mittleren Führungskraft zu machen. Das wäre eine Stelle, die auch dir gehören könnte. Weißt du noch? Ich habe es vor ein paar Wochen erwähnt.«

»Heidi? Sprechen wir von Heidi Nurmi?«, wiederholt Jan, und zu seiner Überraschung nickt Jone. »Also von der Heidi, die Außeneinsätze liebt und Bürokratie hasst?«

»Darüber weiß ich nichts«, sagt Jone. »Ich habe dir nur erzählt, was ich gehört habe. Der Bewerbungsprozess hat anscheinend gerade erst begonnen. Er wird noch etwas dauern. Ich sage dir das auch deshalb, weil ich unser Gespräch nicht vergessen habe. Darüber, dass Heidi auf unserer Liste sofort an erster Stelle stehen würde, wenn wir die Möglichkeit hätten zu rekrutieren. Das können wir wohl vergessen, wenn sie nach Höherem strebt.«

»Aber ob Heidi so einen Posten wirklich will?« Jan merkt, dass er sich ärgert. Heidi und er kennen sich bereits seit der Polizeischule, und sie hat kein Wort darüber verloren, dass sie nach den Herausforderungen einer Führungsposition streben würde. Sein Ärger hat nichts mit Neid zu tun. Er gönnt Heidi alles, egal, was sie sich in den Kopf setzt. Er hat keinen Zweifel daran, dass sie alle Herausforderungen meistern könnte, denen sie sich stellt, aber er ist zutiefst enttäuscht, dass sie ihm nichts davon erzählt hat. Sogar eine Empfehlung hätte er ihr schreiben können – wenn sie ihn denn darum gebeten hätte.

Jan ist sich seiner Enttäuschung bewusst. Nachdem sie in diesem Jahr zwei komplizierte Mordfälle zusammen gelöst haben und ihm die Zusammenarbeit mit Heidi gefiel, hat er gehofft, sie bekämen in Zukunft noch weitere Gelegenheiten dazu. Aber wenn Heidi in die Führungsebene aufsteigt, kann er sich direkt von der Idee gemeinsamer Ermittlungen verabschieden. Außerdem würde er Heidis klugen Kopf vermissen. Wenn es nach ihm ginge, würde er sagen, dass man Heidis Kopf nicht für Papierkram und Verwaltungsaufgaben vergeuden sollte. Sie funktioniert am besten unter Druck, gerade im Außeneinsatz.

Die Gespräche mit ihr sind offen geblieben, aber einmal hat er sie schon ermutigt: »Komm zu uns. Hör bei der Helsinkier Polizei auf und wechsle zum zentralen Kriminalamt.«

Jone geht zu einer anderen Pflanze und fährt mit dem Besprühen fort. Jan ist sich sicher, dass sie zu den Menschen gehört, die ihren Pflanzen gut zureden, wenn sie mit ihnen allein sind. Nachdenklich sieht er seine Chefin an.

»Muss man sich dafür nicht richtig bewerben? Es wird doch niemand einfach so ernannt, ohne sich offiziell beworben zu haben?«, vergewissert er sich und ist enttäuscht, als Jone erneut nickt.

Heidi hat hinter seinem Rücken gehandelt. Er weiß nicht, was er davon halten soll.

»Ziemlich grün hier«, sagt er dann, um das Thema zu wechseln. Er sollte Heidi anrufen und sich ihre Erklärung anhören. Erst dann wird er mit der Sache abschließen können.

»Ja, nicht?«, sagt Jone schmunzelnd und blickt sich stolz in ihrem kleinen Büro um, das größtenteils von Pflanzen eingenommen wird. Eine steht auf dem Tisch, mehrere auf dem Aktenschrank, und die größten stehen auf Untersetzern auf dem Boden. Der ins Licht der Pflanzenlampen getauchte Raum sieht aus wie ein kleiner Dschungel.

3

Saana legt sich auf den hellblauen, gepolsterten Stuhl und kneift die Augen zusammen. Das grelle Kunstlicht blendet trotz der Sonnenbrille, die ihr die Zahnarzthelferin gegeben hat. Es ist ein sportliches Modell. Saana fühlt sich wie der schmuddelige Oktober. Sie weiß, dass das direkt auf ihr Gesicht gerichtete Scheinwerferlicht die kleinen Fussel auf ihrer schwarzen Kleidung und die Schönheitsfehler in ihrem Gesicht entblößt. Sie öffnet den Mund, und die Dentalhygienikerin beginnt ohne Umschweife, den Zahnstein abzukratzen. Das Geräusch ist grässlich. Schon blutet das Zahnfleisch. Die Zahnpflegerin nimmt einen Schlauch in die Hand und gibt etwas Wasser zum Spülen in Saanas Mund. Ab und zu spritzen Saana kleine Tropfen ins Gesicht, und sie weiß nicht, ob es Blut oder Wasser ist. Die Dentalhygienikerin wechselt den Schlauch. Jetzt saugt sie Speichel aus Saanas Mund, währenddessen saugt sich der Schlauch wie ein Blutegel an ihrer Zunge fest. Saana ist unsicher, ob sie schon schlucken darf. Trotz des Spülens schmeckt sie das Blut, und sie haben noch nicht einmal mit der Zahnfüllung begonnen.

Zahnarztbesuche sind für Saana das Schlimmste. Kurz vor dem Termin sind die Angst und die Beklemmung immer am stärksten. Wenn man erst mal im Wartezimmer sitzt, gibt es kein Zurück mehr. Saana spürt, wie die zu breite Sonnenbrille ihr tiefer ins Gesicht rutscht und ihr auf den Nasenrücken drückt. Die Zahnpflegerin bemerkt es und steckt einen Wattetupfer zwischen Nase und Brille. Saana schwört sich, künftig öfter zum Zahnarzt zu gehen – oder zumindest die Zwischenräume regelmäßig mit Zahnseide zu reinigen. Im Hintergrund läuft leise das Radio. Saana schließt die Augen. Ein Krimi kommt ihr in den Sinn, Hercule Poirot und Das Geheimnis der Schnallenschuhe, der sich um eine Zahnarztpraxis dreht. Inmitten des Geflechts an Geheimnissen befindet sich Fräulein Mabelle Sainsbury Seale. Saana verändert leicht ihre Position. Laut Agatha Christie geht Poirot sogar zweimal im Jahr zum Zahnarzt. Andererseits ist er eine fiktive Figur. Saana schmunzelt innerlich. Sie weiß nicht genau, wie lange ihr letzter Zahnarztbesuch schon zurückliegt. Dann öffnet sie die Augen wieder und starrt auf die Deckenfliesen und deren Zwischenräume.

Als die Behandlung vorbei ist, bedankt sie sich bei der netten Zahnarzthelferin und dem Zahnarzt, die es geschafft haben, die Situation trotz allem erträglich zu gestalten, und kehrt zurück zur Arbeit, die eine Hälfte ihres Mundes noch betäubt vom Narkosemittel.

Gerade als Saana ihren Computer eingeschaltet hat, tritt jemand an ihren Schreibtisch.

»Saana, kommst du mal bitte? Es gäbe da etwas zu besprechen«, sagt ihre Chefin, woraufhin Saana ihr verwundert in deren Büro folgt. Im Gehen versucht sie, die betäubte Stelle wiederzubeleben. Sie bereut es, dass sie brav zur Arbeit gegangen ist statt nach Hause, um sich zu erholen.

Die Chefin öffnet die Glastür ihres Büros, lässt Saana hindurchtreten und schließt sie hinter ihnen wieder. Mit zügigen Schritten geht sie zu ihrem Schreibtisch, und beide nehmen Platz.

»Wie gefällt es dir bisher bei uns?« Der Blick, mit dem die Geschäftsführerin Saana mustert, ist freundlich.

»Danke, gut«, antwortet Saana unsicher. Das ist wohl die Antwort, die von ihr erwartet wird?

»Gut«, sagt die Chefin. »Mein Anliegen hat eigentlich nicht direkt mit der Arbeit zu tun. Ich habe erfahren, dass du Podcasts über Kriminalfälle machst.« Saana wird hellhörig.

»Ja, ich habe zwei Podcast-Reihen gemacht, einer war eine geskriptete Story über mysteriöse Morde in Hartola, und beim anderen habe ich in Echtzeit einen Vermisstenfall auf Lammassaari begleitet«, erzählt sie. Die Worte kommen nicht so selbstsicher aus ihrem Mund, wie sie sollten. Über ihr Interesse an Morden und Verbrechen zu sprechen, ist ihr immer schon schwergefallen, vor allem, weil es ihr in der sauberen, unaufgeregten Bürowelt wie eine Kuriosität erscheint.

»Ich habe diese Woche einen Zeitungsartikel über deine Podcasts gelesen. Beeindruckend. Habe ich das richtig verstanden, dass du mit deinem Podcast ›Spuren‹ letztendlich sogar bei der Aufklärung des Falls geholfen hast?«

Saana nickt verlegen.

»Worüber ich sprechen wollte, hat genau damit zu tun. Also, ich habe eine Bekannte«, sagt ihre Chefin und schlägt die Beine übereinander. »Sie war früher als Juristin für uns tätig, hat hin und wieder bei Verträgen geholfen und so weiter, und wir haben uns angefreundet. In ihrer Familie hat sich ein Mord ereignet, schon vor einiger Zeit, aber ich fürchte, der Fall wird sie niemals in Ruhe lassen. Heta, so heißt sie, hat alles getan, damit der Tod ihrer kleinen Schwester aufgeklärt wird, aber die Ermittlungen kamen nicht voran.«

»Oh, das tut mir leid«, sagt Saana teilnahmsvoll. »Ungeklärte Fälle sind für die Angehörigen extrem belastend. Ich kann mir nur vorstellen, wie schwer es sein muss, seine Schwester auf diese Art zu verlieren.« Beiläufig betastet Saana ihre Wange. Der rechte Mundwinkel hängt unkontrolliert herunter, und sie muss mehrmals schlucken, um zu verhindern, dass ihr die Spucke herausläuft. »Als Angehörige wird sie doch sicher ab und zu von der Polizei über den Fortschritt der Ermittlungen auf dem Laufenden gehalten.«

»Dazu kann ich nicht viel sagen, aber angeblich unternimmt die Polizei nichts mehr. Seit der Tat ist zu viel Zeit vergangen, über zwanzig Jahre, und es gibt keine Hinweise. Dringliche Angelegenheiten gehen vor.«

»Mhm«, brummt Saana.

»Ich habe Mitleid mit Heta. Immer wenn wir uns treffen, spüre ich die Trauer, die in ihr wühlt. Heta tut so, als wäre alles in Ordnung, aber ich weiß, dass es nicht so ist. Sie hat mir erzählt, dass sie vor einigen Jahren einen Privatdetektiv engagiert hat, aber auch das hat zu nichts geführt. Als ich sie heute gesehen habe, hatte ich plötzlich einen Geistesblitz. Ehrlich gesagt frage ich mich, was jemand wie du in Erfahrung bringen könnte. Ob du dabei helfen könntest, dass Hetas größte Angst sich nicht bewahrheitet.«

»Wovor hat sie Angst?«, fragt Saana und wischt sich möglichst unauffällig die Spucke vom Mundwinkel.

»Dass man die Sache auf sich beruhen lässt. Dass der Fall in Vergessenheit gerät. Immerhin warst du schon an der Lösung anderer Fälle beteiligt.« Ihre Chefin wirft ihr einen entschlossenen Blick zu.

»Na ja, irgendwie habe ich schon eine ganz gute Spur gefunden, aber letztlich war es die Polizei, die die Dinge geregelt hat, also, ich meine …«, stammelt Saana.

»Wie auch immer, darf ich ihr deine Handynummer geben? Dann kannst du dir selbst anhören, worum es geht, und dann tun, was du für das Beste hältst.«

»Ja, in Ordnung«, antwortet Saana perplex. Dass nicht sie sich den Fall aussucht, sondern der Fall sie, ist ihr noch nie passiert.

»Ich habe ihr aber keine Versprechungen gemacht. Hoffentlich bist du mir nicht böse, dass ich dich ihr gegenüber erwähnt habe, aber Heta steckt so sehr in ihrer Vergangenheit fest. Du kannst dem Zeitungsartikel von dieser Woche die Schuld geben. Durch ihn bin ich erst auf die Idee gekommen. Ich selbst bin Heta keine Hilfe, aber was ich tun kann, ist, euch beide zusammenzubringen.« Ihre Chefin wirft einen Blick auf ihre Armbanduhr. Saana interpretiert die Geste so, dass gleich das nächste Meeting ansteht.

»Wenn du dich dafür begeistern kannst, können wir natürlich über unbezahlten Urlaub reden. Für mich wäre es zwar ein Verlust, aber ich will Heta helfen. Ihr geht es nicht gut«, fährt ihre Chefin fort und spricht etwas schneller. Saana merkt, dass sie es eilig hat, und steht auf.

»Okay, dann danke für das Vertrauen«, bringt sie an der Tür noch hervor.

Ihre Chefin nickt, während sie bereits einen Anruf auf dem Handy entgegennimmt, das auf dem Tisch vibriert hat. Als Saana zurück zu ihrem Schreibtisch geht, fühlt sie sich etwas verlegen. Die Wahrheit ist: Wenn sie mit dem Aufnehmen von Podcasts genug Geld verdienen könnte, würde sie vielleicht nicht so viel Zeit im Büro verbringen, sondern ungelöste Mordfälle durchforsten und darüber schreiben. Mit den Fingerspitzen betastet sie ihre kribbelnde Unterlippe. Die Betäubung lässt langsam nach. Vielleicht kann sie es riskieren und sich schon einen Kaffee holen.

Mit der Tasse in der Hand kehrt Saana an ihren Schreibtisch zurück und kommt endlich dazu, ihr E-Mail-Postfach zu öffnen. Es ist schon zu viel Arbeitszeit verstrichen, und in ihrem Hinterkopf schwirrt eine riesige Menge an Erledigungen herum, die heute noch anstehen. Beim Überfliegen der Nachrichten ihrer Kollegen und der dringenden Überarbeitungsanfragen für Pressemitteilungen vergisst sie das Gespräch mit der Chefin bald wieder. Als sie zwei Tage später einen Anruf von einer unbekannten Nummer erhält, ist sie daher aufrichtig überrascht.

4

Als das Handy klingelt, ist es erst halb neun. Saana rollt sich zur Bettkante und tastet auf dem Boden herum, bis sie das Gerät findet. Sie muss den Alarm so schnell wie möglich ausschalten. Erst beim Blick auf das Display stellt sie fest, dass es sich um einen Anruf handelt. Eine unbekannte Nummer. Sie späht zu Jan hinüber, der immer noch regungslos auf seiner Betthälfte liegt. Es ist Samstag, und sie haben beide frei. Jan dreht sich auf die Seite und verkriecht sich noch tiefer unter der kuscheligen Decke. Seine Bewegungen erzeugen ein sanftes Rascheln. Schnell stellt Saana den Ton aus und schleicht sich mit dem Handy an der Brust ins Wohnzimmer.

»Hallo?«, flüstert sie.

»Ist da Saana Havas?«, fragt die Anruferin. Saana wappnet sich innerlich. »Ich habe deine Kontaktdaten von einer Bekannten bekommen«, fährt die Frau fort.

»Guten Morgen«, antwortet Saana und wirft einen Blick aus dem Fenster. Es ist noch fast dunkel, die Morgendämmerung hat noch nicht einmal richtig eingesetzt, und es nieselt leicht. Die letzten Birkenblätter klammern sich an den Baum und glänzen feucht im Licht der Straßenlaterne.

»Mein Name ist Heta Weckman. Ich bräuchte Hilfe in einer alten Angelegenheit«, fährt die Frau fort, und erst jetzt stellt Saanas Gehirn den Zusammenhang zu dem Gespräch mit ihrer Chefin vor zwei Tagen her. Die Bekannte. Heta. Die ihre Schwester verloren hat. Und die angeblich bereit ist, es mit allem zu versuchen, sogar mit Saanas Hilfe, um endlich Klarheit zu erlangen. Schnell überlegt sie, wie sie die Anfrage möglichst freundlich ablehnen könnte. Sie kann nicht als Privatermittlerin auftreten, auch wenn sie von Natur aus neugierig ist und es spannend findet, Rätsel zu lösen. Trotzdem kann sie nicht einer trauernden Angehörigen Hoffnung machen, indem sie sich darauf einlässt, irgendwelche Auftragsrecherchen zu betreiben. Irgendwo muss man eine Grenze ziehen.

Saana streckt sich, um richtig wach zu werden, und schaltet die Lampe am Dunstabzug ein. Das bringt etwas Licht in die schummrige Küche.

»Ich habe … ich wollte …«, setzt Heta Weckman nach einem Moment des Schweigens an und scheint um Worte zu ringen. »Auf die Empfehlung deiner Chefin Mia hin habe ich mir deinen Podcast über den Vermisstenfall von Lammassaari angehört. Darum rufe ich an. Ich wollte dich fragen, ob du dir vorstellen könntest, für mich Nachforschungen zu einem alten Mord anzustellen. Mir dabei zu helfen, dass der Fall nicht in Vergessenheit gerät.«

Saanas Herz schlägt schneller. Mit so einer direkten Frage hat sie nicht gerechnet.

»Ich glaube eigentlich nicht, dass ich helfen kann, aber kannst du mir ein bisschen genauer erzählen, worum es geht?«, fragt sie und lehnt sich an die Tischplatte.

»Ich brauche jemanden, dem ich vertrauen kann. Jemanden, der die Geschichte meiner Schwester aufschreibt.«

»Mhm«, brummt Saana. Sie weiß nicht, was sie sagen soll, also beschließt sie, einfach zuzuhören. Die Stimme der Frau klingt nervös. Ihr Kummer und ihr Frust strömen durch das Telefon direkt in Saanas Brust und Jans dämmrige Küche.

»Mir hat die Art und Weise gefallen, wie du im Podcast ermittelt hast. Du bringst die Leute zum Reden. Als Juristin habe ich schon alle möglichen Vorgehensweisen erlebt. Ich habe anderen bei ihren Problemen geholfen, nun stecke ich selbst in einer Sackgasse. Vor über zwanzig Jahren hat sich in Inari ein Mord ereignet, aber die Polizei unternimmt nichts mehr. Ich habe das Gefühl, man will den Fall vergessen«, sagt Heta leise.

»Mhm. Was genau ist denn in Inari passiert?«

»Das Mordopfer – sie ist meine kleine Schwester«, sagt Heta, und der förmliche Ton verschwindet aus ihrer Stimme. »Man hat sie tot in der Wildnis gefunden, in Angeli, in der Nähe des Sees Pyhäjärvi. Vor Jahren habe ich selbst versucht zu recherchieren, aber ich bin nicht weitergekommen, und sie reden auch nicht mit mir, diese verfluchten … Wie schon gesagt, die Polizei hat alle Hände voll zu tun, sie interessieren sich nicht für so alte Fälle. Ich … ich weiß nicht, ob ich das jemals überwinden werde«, sagt sie und fügt dann hinzu: »Ich will wissen, wer es getan hat.«

Saana verlagert das Gewicht von einem Bein auf das andere und räuspert sich. Ihr Blick verharrt auf Jans Kühlschranktür. Dort hängt, mit Magneten befestigt, ein Zettel mit seinem Dienstplan. Auf ihren Wunsch hin hat er seine Arbeitszeiten vorab markiert. Erst jetzt entdeckt Saana, dass er auf die leere Stelle beim heutigen Tag ein Herz gemalt hat.

»Danke für dein Vertrauen und mein herzliches Beileid zu deinem Verlust«, bringt sie dann hervor und versucht, möglichst viel Mitgefühl in ihre Stimme zu legen. »Aber die Polizei tut bestimmt ihr Bestes.« Innerlich beglückwünscht sie sich dazu, dass sie es geschafft hat auszusprechen, was sie sagen wollte. Sie wäre im Augenblick nicht die richtige Person, um diesen Fall zu untersuchen.

»Ich weiß, wie merkwürdig sich das anhört, weil du weder Polizistin noch Detektivin bist«, sagt Heta, als würde sie dort ansetzen, wo Saana in Gedanken stehen geblieben ist. »Ich gehe natürlich nicht davon aus, dass du den Fall löst. Das wäre zu viel verlangt. Aber vielleicht könntest du Informationen sammeln. Meine Schwester wurde 1998 ermordet. Nach einem aktiven Start haben die Ermittlungen stagniert. Dann habe ich selbst begonnen, Daten zu sammeln. Aber es half nichts. Du müsstest nicht bei null anfangen und die Sache auch nicht allein zu Ende führen – so etwas kann ich von niemandem erwarten. Aber vielleicht würdest du als Außenstehende trotzdem etwas sehen, was ich mir nicht einmal angeschaut habe. Außerdem bin ich mir sicher, dass man mir nicht alle Informationen mitgeteilt hat. Dort im Norden kennen sich alle, und niemand redet – vor allem nicht mit mir. Als ich deinen Podcast angehört habe, habe ich den Eindruck bekommen, dass du sehr nahbar bist. Du wirst vielleicht nicht als Bedrohung wahrgenommen, weil du keine Polizistin bist. Es braucht auch niemand zu wissen, dass ich dich gebeten habe, dich mit der Geschichte meiner Schwester zu beschäftigen. Du könntest es als zweiwöchige Recherchereise betrachten, bei der du ein bisschen herumfragst, arbeitest wie bisher und anfängst, einen Bericht über Ingas Leben zu schreiben.«

Saana stellt fest, dass ihre Neugier langsam wächst. Sie will Heta keine Hoffnungen machen, gleichzeitig will sie nun doch mehr wissen. Eigentlich sollte sie die nächste Frage nicht stellen.

Sie tut es trotzdem.

»Gehen wir noch einmal ganz an den Anfang zurück. Was ist vor einundzwanzig Jahren genau passiert?«

Als Saana das Gespräch beendet, weiß sie bereits, dass sie nicht mehr schlafen können wird. Trotzdem beschließt sie, noch einmal ins Bett zu kriechen. Gemütliche Vormittage zusammen mit Jan sind eine Seltenheit. Sie stellt das Handy stumm und schleicht sich zurück ins Schlafzimmer. Seine Atmung ist ruhig und tief. Sie hebt die Decke an, rückt ganz nah an den warmen Jan heran und schließt die Augen.

»Was war das?«, murmelt er im Halbschlaf, dreht sich um und zieht Saana an sich.

Zufrieden kuschelt sie sich noch enger an ihn.

»Eigenartige Sache, ich erzähle es dir später«, flüstert sie und streichelt über seinen Rücken. Jan schweigt und schläft sofort wieder ein.

Es ist erst kurz nach neun. Normalerweise könnte Saana um diese Zeit noch schlafen, aber jetzt ist sie zu aufgeregt. Auch wenn sie es noch so sehr leugnet – der Anruf hat ihre Neugier geweckt.

5

Zwei Tage später blickt Saana sich unauffällig in der schummrigen, stilvollen Bar des Luxushotels Kämp um. Immerhin hat Heta keine fragwürdige, entlegene Absteige als Treffpunkt gewählt. Saana atmet tief durch. Dass ihre Chefin Heta kennt, mindert ihre Unsicherheit etwas. Sie späht zu den Tischen hinüber. Es ist schon kurz nach fünf, aber Heta scheint nicht da zu sein. Nur zwei Tische sind besetzt. An einem davon studiert ein Touristenpärchen gerade den Stadtplan von Helsinki, am anderen sitzt ein gut gekleideter Mann allein vor einer Espressotasse und telefoniert. Saana hat Mitleid mit den Touristen – im Oktober ist Helsinki nass und dunkel. Als sie zurück zum Eingangsbereich gehen will, um dort zu warten, bemerkt sie, dass draußen eine elegante Frau im Kostüm ihren Regenschirm ausschüttelt, ihn schon fast gewaltsam schließt und dann hereinkommt. Ohne zu zögern, winkt sie Saana zu und lächelt.

»Ich bin Heta. Danke, dass du dem Treffen zugestimmt hast«, sagt sie. Ihre Hand ist kalt und feucht.

»Saana.«

»Entschuldige, draußen regnet es waagrecht«, fährt Heta fort und schaut Saana an, die ihre feuchte Hand am Hosenbein abwischt.

»Das macht nichts«, sagt diese lächelnd.

Heta holt ihre Visitenkarte aus der Tasche und reicht sie ihr. Heta Weckman, Lindroos & son.

»Damit du siehst, dass ich auch die Richtige bin«, sagt Heta lachend, und Saana lächelt zurück. Gleichzeitig begutachtet sie Hetas gepflegtes Äußeres. Teuer aussehende Uhr, schwarzes Kostüm, blondes, zu einem strengen Pferdeschwanz gebundenes Haar, blasses, ungeschminktes Gesicht. Sie muss zugeben, dass Heta förmlicher aussieht, als sie erwartet hat.

»Du kannst unbesorgt meine Vergangenheit überprüfen. Ich würde das wahrscheinlich auch tun, wenn ich du wäre«, fährt Heta fort und geht zum Tresen. Saana folgt ihr. Die an anspruchsvolle Kunden gewöhnten Kellner grüßen sie mit affektierter Höflichkeit und lassen sie in Ruhe nach einem passenden Tisch suchen.

»Erst ist Inga verschwunden, und man hat sie im ganzen Gemeindegebiet von Inari gesucht«, beginnt Heta zu erzählen, nachdem sie sich gesetzt haben. »Ein paar Tage später hat man sie in Angeli, am Ufer des Pyhäjärvi, ermordet aufgefunden. Sie war gerade siebzehn geworden.«

Saana nickt.

Als der Kellner kommt, um ihre Bestellungen aufzunehmen, schweigt Heta einen Moment. Saana bemerkt, dass Hetas Hände leicht zittern. Sie bestellen zwei Cappuccino, Heta ordert zusätzlich ein Glas Weißwein.

»Möchtest du auch einen?«, fragt sie, auch wenn es den Anschein macht, als wäre sie überhaupt nicht an Saanas Antwort interessiert.

Es ist ein ganz normaler Montag. Die Leute haben es durch den ersten Arbeitstag der Woche geschafft. Saana schüttelt den Kopf.

Heta wendet sich ihr zu und sieht sie an.

»The owls are not what they seem. Die Lieblingssendung meiner Schwester war Twin Peaks. Die Kiefern bei uns im Norden haben einen krummeren Wuchs als in der Serie, und in Inari gibt es auch kein solches Casino, wenn man von den dubiosen Geschäften für die Touristen absieht. Aber genau wie bei Twin Peaks ist auch mir meine Schwester einmal im Traum erschienen und hat mir den Namen des Mörders ins Ohr geflüstert. Als ich am Morgen aufwachte, wusste ich allerdings nicht mehr, was sie geflüstert hatte. Ich kehre gedanklich immer wieder zu diesem Traum zurück, aber in meiner Erinnerung ist er stumm. Andererseits war es nur ein Traum. Mein Unterbewusstsein weiß wohl kaum, wer der Mörder ist«, sagt Heta und trommelt mit den Fingern auf den Tisch.

Saana betrachtet sie stumm. Hundert Fragen gehen ihr durch den Kopf. Die Geschichte ist einerseits traurig, andererseits aber auch interessant. Dennoch fühlt sie sich unwohl, wenn sie Heta so gegenübersitzt, denn tief in ihrem Inneren weiß sie, dass sie ihr nicht wirklich helfen kann. Mit der Zusage zu diesem Treffen ist sie schon zu weit gegangen.

»Weißt du, was deine Schwester kurz vor ihrem Verschwinden getan hat?«, fragt sie trotzdem. »Ist an den Tagen davor irgendetwas Besonderes passiert, irgendetwas, was dir aufgefallen ist?«

Heta wirft Saana einen scharfen Blick zu.

»Ich habe versucht, es herauszufinden. Meine Schwester ist Samstagnacht verschwunden, aber wir haben sie nicht einmal sofort vermisst. Sie hatte unserer Mutter gesagt, sie würde bei ihrer Freundin Anet übernachten. Die wohnte in Ivalo. Aber dort ist Inga nie angekommen. Zuletzt gesehen wurde sie am Samstagabend gegen neun in einem Club namens Vaskooli.«

»Vaskooli?«, wiederholt Saana.

Heta nickt. »Das bedeutet ›Goldwaschpfanne‹. Der Name ist ein Überbleibsel aus der Zeit des Goldrausches. Früher wurde in der Gegend von Ivalo Gold gewaschen und im Akkord danach gegraben. Das Vaskooli war in den Neunzigern der einzige Nachtclub in der Gegend und ist es immer noch. Es gehört auch ein Hotel dazu.«

»Mhm«, macht Saana. Der Kellner bringt ihre Bestellungen an den Tisch. »War sie lange verschwunden, bevor sie gefunden wurde?«

»Am Samstag, dem 11. Juli 1998, wurde Inga im Vaskooli gesehen. Gefunden wurde sie ein paar Tage später, am Dienstag, dem 14.«

Saana nimmt einen Schluck Kaffee und prägt sich die Details ein. Sie kann nicht anders. Die Geschichte zieht sie in ihren Bann. Ein verschwundenes junges Mädchen hoch oben im Norden. Ein ungelöster Mord. Ein Fall, der all die Jahre nicht angerührt wurde.

»Mit wem hat Inga vor ihrem Verschwinden Zeit verbracht?«, fragt Saana. »Wer gehörte zu ihrem engen Umfeld?«

»Wir sind, oder waren, zu dritt in der Familie, unsere Mutter, Inga und ich. Meine Mutter ist dement und wohnt in einem Pflegeheim in Ivalo. Unsere Eltern haben sich getrennt, als ich noch ein Kind war, und unser Vater ist zwei Jahre vor Inga gestorben. Zwischen Inga und mir liegen zehn Jahre Altersunterschied. Und dann gibt es noch Onkel Erik, seine Frau Eivor und unseren Cousin Johan. Sie wohnen ganz in der Nähe. Inga hatte nicht viele enge Freunde, aber Anet war ihre beste Freundin. Sie waren immer zusammen. Auch an dem Abend, als Inga verschwand.«

Saana nickt. Sie würde sich gern Notizen machen, will aber nicht den Eindruck erwecken, als würde sie schon anbeißen.

»Jetzt habe ich dir auch schon fast alles erzählt, was ich weiß, auch wenn es nur wenig ist«, sagt Heta und beginnt, in ihrer Tasche herumzukramen. »Meine weiteren Gedanken dazu findest du auf diesen Seiten.« Sie legt einen dicken, gepolsterten braunen Umschlag auf den Tisch.

Saana wirft einen neugierigen Blick darauf.

»Als etwas Zeit vergangen war und die Trauer etwas nachgelassen hatte, bin ich in meine Heimat zurückgekehrt und habe angefangen, den Fall selbst zu untersuchen. Das war 2006. Im Laufe der letzten Jahre habe ich meine Notizen ins Reine geschrieben. Letzten Endes habe ich das wohl zu meinem eigenen Trost getan. Darin steht alles, was ich über den Fall weiß. Also, was sagst du? Kannst du dir vorstellen, mir zu helfen?«, fragt Heta mit einem Hauch Hoffnung in der Stimme. »Du verstehst sicher, dass es für mich eigentlich nichts zu verlieren gibt. Mich interessiert, ob ein öffentlicher Podcast die Polizei unter Druck setzen würde, die Ermittlungen abzuschließen.« Heta zieht ihr Weinglas zu sich heran und nimmt einen großen Schluck. Dann schiebt sie den dicken Umschlag in Saanas Richtung. »Ich sehe, dass du zögerst. Hier, nimm ihn, so oder so«, sagt sie etwas sanfter und sieht Saana zaghaft an. Sie wartet, bis Saana den Umschlag genommen hat. Erst dann entspannt sie sich.

»Na gut, ich nehme die Seiten mit, danke«, sagt Saana verlegen. Dann schürft sie mit dem Löffel etwas Hafermilchschaum von ihrem Kaffee und weiß nicht, was sie als Nächstes sagen soll. Es ist Anfang Oktober. Die Chefin hat versprochen, sie auf Wunsch freizustellen. Theoretisch wäre es möglich, doch einen Blick auf den Fall zu werfen.

»Die Texte haben keine sinnvolle Reihenfolge«, fügt Heta noch schnell hinzu. »Ich beschreibe darin meine eigene Reise nach Angeli inmitten der Trauer. Eine Zusammenfassung voller Angst, könnte man wohl sagen. Ich dachte, wenn ich all meine Erfahrungen aufschreibe, würde meine Schwester nie vergessen werden, aber der Text hat sich irgendwann eher wie eine Last angefühlt. Ich will, dass du mir den Stapel abnimmst, so oder so. Mach damit, was du willst.«

»Aber …« Saana zögert. Kann sie nach diesem Gespräch überhaupt noch Nein sagen? Heta sieht ihr mit bohrendem Blick direkt in die Augen und wartet. »Es ist jetzt auch nicht ausgeschlossen, dass ich mich ein bisschen damit beschäftigen könnte«, hört Saana sich sagen.

»Dann lies dich ein bisschen ein und ruf mich anschließend an, du hast ja meine Nummer.« Heta leert den Rest ihres Weinglases. »Ich will dich nicht unter Druck setzen. Überleg es dir, und gib mir dann Bescheid, wie du dich entschieden hast. Wenn du Ja sagst, würde ich dich bitten, in meine Heimat zu fahren und dort mindestens ein oder zwei Wochen zu verbringen. Du könntest dir die verschiedenen Orte genauer anschauen und dich mit den Leuten unterhalten. Wahrscheinlich würdest du auch mit der Polizei sprechen können. Dort oben nimmt man es nicht so genau. Ich besorge dir eine Unterkunft, und über die Reisekosten können wir auch eine Vereinbarung treffen. Ich hatte jetzt an kein großes Honorar gedacht, aber natürlich bin ich bereit, dir eine kleine Summe zu zahlen. Zumindest sollst du keine Ausgaben haben. Und es versteht sich von selbst, dass ich dir überaus dankbar wäre.«

Saana lächelt Heta unsicher an und kontrolliert dann die Uhrzeit auf ihrem Handy.

»Ich muss jetzt los. Danke für das Treffen und …« Sie überlegt, welche Formulierung sie wählen soll. Am besten geht sie, bevor sie sich noch ohne weitere Überlegung bereit erklärt, der Frau zu helfen. »Ich habe Interesse, aber das ist kein einfacher Fall«, sagt sie dann.

»Bei deinen Interviews habe ich den Eindruck bekommen, dass leichte Fälle dich nie gereizt haben«, erwidert Heta und steht dann auf. Ihr Halstuch hängt nur noch über eine Schulter, und sie hält inne, um es wieder zu richten.

Saana quittiert Hetas clevere Bemerkung mit einem Grinsen. Wenn sie eines langweilig findet, dann selbstverständliche, einfache und vorhersagbare Dinge. Wie zum Beispiel Arbeitstage, die jeden Tag genau gleich ablaufen.

Nachdem sie die Bar verlassen hat, ruft sie sofort Jan an. Das Besetztzeichen ertönt, also steckt sie das Handy wieder in die Tasche und überquert die Straße. Die weißen Zebrastreifen schimmern im dämmrigen Abendlicht. Saana weicht den Pfützen aus und bereut, dass sie am Morgen ohne Regenschirm aus dem Haus gegangen ist. Es regnet schon den ganzen Tag. Wenn sie Jan erreicht, will sie ihn um einen Gefallen bitten. Sie hätte gern, dass er sicherheitshalber Hetas Hintergrund prüft und ihr Bescheid gibt, sollte er etwas Alarmierendes finden. Wenn er ihr bestätigen könnte, dass die Vergangenheit der Frau unauffällig ist, hätte sie wieder einen Grund weniger, das Angebot nicht anzunehmen. Saana ist schon jetzt genervt, denn es steht zu befürchten, dass er sich weigern könnte, ihr irgendetwas zu verraten. Jan respektiert die mit seinem Beruf verbundene Schweigepflicht mehr als alles andere, und Saana respektiert, dass er sich an die Regeln hält, aber das heißt nicht, dass seine Striktheit sie nicht ab und zu auch nerven würde.

Sie steigt in die Straßenbahn und sucht sich den hintersten Platz aus. Eine auf den ersten Blick gepflegt aussehende Frau steigt ein, setzt sich, zieht eine Bierdose aus der Innentasche ihrer Jacke und trinkt einen Schluck. Bei genauerem Hinsehen erkennt Saana, dass ihre Hose zu groß ist und an ihr herunterhängt und sich in der Plastiktüte keine Einkäufe, sondern ihr halber Besitz befindet. Das Rot auf ihren Wangen ist kein Make-up, sondern stammt vom eisigen, peitschenden Wind. Saana denkt über die fließende Grenze nach, darüber, wie man unbemerkt die Kontrolle über sein Leben verlieren kann. Unwillkürlich muss sie an ihre Mutter denken, eine Frau, die auf den ersten Blick gesund aussah, der aber nach und nach die Zügel aus der Hand geglitten waren. Zuerst konnte sie sich auf nichts mehr konzentrieren, dann konnte sie nicht mehr schlafen. Bald folgten kurze psychoseartige Episoden, und die Realität in ihrem kranken Geist begann sich stark von der im Außen zu unterscheiden.

Saana betrachtet die Bier trinkende Frau. Auch in deren Leben ging es wahrscheinlich nicht über Nacht bergab. Eine flüchtige Überlegung, die sie schon einmal hatte, huscht Saana durch den Kopf: Was müsste passieren, damit es ihr selbst so ergehen würde? Damit die Gläser Wein, die sie sich hin und wieder gönnt, zuerst zu täglichen Gläsern und schließlich zu Flaschen würden? Oder ihr der Bezug zur Realität abhandenkäme? Sie bemerkt, dass sie in Melancholie versinkt. Besser, sie kommt schnell auf andere Gedanken. Sie muss einfach kurz einen Blick in Hetas Umschlag werfen und nachsehen, um was für einen Text es sich handelt. Es kommt ihr vor, als würde Heta all ihre Hoffnung in sie setzen. Ihre Erwartungen lassen Saana schon jetzt einen leichten Druck in der Brust verspüren. Kann sie nach all dem, was sie gehört hat, noch ablehnen und Heta mit der Sache alleinlassen?

Sie zieht die beiden obersten Blätter aus dem Umschlag. Das Deckblatt und die erste Seite.

MEINE SCHWESTER IST NICHT MEHR HIER

Heta Weckmans persönliche Aufzeichnungen

Liebe Leserin, lieber Leser, ich habe alles aufgeschrieben, woran ich mich erinnere und wie ich mich daran erinnere. Dies ist eine Erzählung aus meinem Leben, in dem die Distanzen zwischen den Städten, den Dörfern, den Häusern und den Menschen groß sind. Vor allem ist dies eine Geschichte über die Distanz zwischen meiner Schwester und mir. Alles begann damit, dass meine Schwester gefunden wurde.

Ich nahm den Briefumschlag vom Tisch, erkannte die Handschrift darauf. Er stammte von meinem Cousin. Ich nahm den silbernen Brieföffner aus der Schreibtischschublade. Das Messer schlitzte den Brief sauber und mit Leichtigkeit auf. Ich zog eine gewöhnliche Seite Druckerpapier aus dem Umschlag und entfaltete es. Eine kleine grüne Feder fiel heraus. Sie stammte von Johans Lieblingspapagei Kapitän. Dieses exotische Geschöpf passte so gar nicht zu den kargen nordischen Bedingungen, aber mein Cousin hatte ihn sehr gern. Mein Herz setzte einen Schlag aus, und mich beschlich eine böse Vorahnung. Mit einer Feder wollte er normalerweise etwas sagen. Gegensätze haben ihm schon immer gefallen. Eine leichte Feder, eine schwerwiegende Sache. Langsam las ich das Wort, das er mit sorgfältiger Schrift auf das Papier geschrieben hatte. »Schwindler«, stand dort. Worauf wollte er nur hinaus? Ich ließ den Brief sinken, hielt aber die kleine Feder weiterhin zwischen meinen zitternden Fingern. Ein grüner Flaum tanzte im Luftstrom, während ich mit der Feder in der Hand auf den Wäscheschrank aus den Fünfzigern zuging. Ich drehte den alten Schlüssel im Schloss um und öffnete die Schranktür. Eine Flasche Wodka stand auf einem Silbertablett, umringt von dickwandigen Gläsern. Ich legte die Feder auf das Tablett, griff nach der Flasche und schenkte mir einen Schluck ein. Mit dem Glas in der Hand ging ich zum Fenster hinter meinem Schreibtisch. Meine festen Absatzschuhe klapperten auf dem harten Parkett. Das Geräusch ließ den Raum groß und kalt erscheinen und erinnerte mich daran, wie weit ich von zu Hause entfernt war. Ich starrte hinaus, ohne etwas zu sehen. Mutter hatte ein paar Tage zuvor angerufen und gesagt, Inga sei verschwunden. Ich hatte versucht, sie zu trösten, Inga sei eben Inga, sie habe bestimmt nur eine kleine Spritztour ans Eismeer gemacht oder sei in den Fjells wandern gegangen. Aber auch mich hatte eine böse Vorahnung beschlichen. Vielleicht war die Nachricht Johans Art zu sagen: »Komm nach Hause.« Als ahnte er, dass ich jeden Tag an den Norden dachte. Als wüsste er, dass ich mit meinem Versuch, eine erfolgreiche und glückliche Juristin in Helsinki zu sein, gescheitert war. Ich leerte das Glas in einem Zug und trat an den Schreibtisch. In diesem Moment klingelte mein Handy. Es war meine Mutter. Eine schreckliche Befürchtung ließ meine Hände erzittern, als ich auf den grünen Hörer drückte.

Saana liest den Anfang gleich noch einmal. Dann blättert sie weiter durch den Papierstapel, um etwas zu finden, wo sie ansetzen könnte. Die tagebuchartigen Einträge enthalten keine Datumsangaben, auch Jahreszahlen sind nur ab und an zu finden. Was hatte Heta noch gleich erzählt? Ihre Schwester war im Sommer 1998 verschwunden und kurze Zeit später tot aufgefunden worden. Heta hatte die Nachricht erhalten, als sie bereits in Helsinki wohnte.

Die Beerdigung

Wie ferngesteuert packte ich alles, was ich in meinem Schrank fand, in einen Koffer. Amüsiert betrachtete ich die teuren und stilvollen Kostüme, die ich mir von meinem wenigen Geld gekauft hatte, um meine Glaubwürdigkeit zu unterstreichen. Jetzt machte ich mir nichts mehr aus meinem äußerlichen Status. Dort, wo ich hinging, brauchte man keine Stöckelschuhe, also stopfte ich nur praktische Kleidung in den großen Rimowa-Koffer: Gore-Tex-Klamotten, Funktionsunterwäsche, einen Wollpullover sowie T-Shirts. Auch für die hatte ich über hundert Euro pro Stück bezahlt. Ich lachte resigniert. Mein Praktikumsgehalt und all meine Ersparnisse waren in Textilien geflossen. Im Norden durfte ich niemandem die Preise verraten, die ich für die Klamotten gezahlt hatte.

Ich hievte den schweren Koffer ins Auto, startete den Motor und fuhr langsam durch die Stadt in Richtung Autobahn. An diesem Freitag im Juli präsentierte sich die Stadt von ihrer unbeschwerten Seite. Meine Trauer stand im krassen Widerspruch zur Umgebung. Meine Schwester war gestorben. In Gedanken schwelgte ich in der gemeinsamen Vergangenheit mit ihr. Ich erinnerte mich an gemeinsames Lachen, das Freiheitsgefühl, als ich meinen Führerschein bekam und uns die ganze Welt offenstand. Wir machten Ausflüge ans Eismeer. Mein Herz zog sich zusammen, als mir klar wurde, dass wir uns in einer Sache unterschieden: Ich hatte das intrinsische Bedürfnis, wegzukommen, zu reisen und die Welt zu sehen – meine Schwester war überall zu Hause. Sie hatte nie das brennende Verlangen gehabt, Inari zu verlassen. Oder etwa doch? Wusste ich überhaupt, wovon sie in ihren letzten Jahren geträumt hatte?

Im Auto hatte Inga immer ihre nackten Zehen auf das Armaturenbrett gelegt und neugierig die endlose Landschaft beobachtet. Ich weiß noch, dass ich dachte, sie würde es in ihrem Leben einmal leichter haben. Sie hatte keine frühen Erinnerungen an einen missmutigen Vater, der einen nie umarmte. Sie erinnerte sich nicht daran, wie es war, als Papa einfach gegangen war. Sie erinnerte sich nicht daran, wie schwach und weinerlich Mama gewesen war. In den Augen meiner Schwester war sie ein praktischer Mensch, jemand, der vielleicht nicht viel Zärtlichkeit zeigte, einen aber trotzdem in den Arm nahm, einem ein Pflaster aufs Knie klebte, eine Gutenachtgeschichte vorlas oder über den Kopf strich und Essen kochte. Ich dachte an die dunklen, pfefferfarbenen Haare meiner Schwester im Vergleich zu meiner eigenen farblosen Erscheinung. Wir waren aus völlig unterschiedlichem Holz geschnitzt, oder wie Eivor auf Samisch immer sagte: »Seamma mearra, eará gáddi.« Selbes Meer, anderer Strand.

Von meinen Erinnerungen begleitet, fuhr ich Richtung Norden und dachte daran, wie Inga vor Freude gekreischt hatte, wenn ich auf das Gaspedal trat und wir unter der ewigen Sonne in hohem Tempo auf die Grenze zurasten. Die Ausflüge hatten geendet, als ich mich voll und ganz auf die Aufnahmeprüfung für das Jurastudium konzentrieren musste und reserviert und langweilig wurde. Meine Schwester war nicht so. Sie war mutig und wild. Sie strahlte etwas Einzigartiges aus. Inga war wie Licht, das Insekten anzieht. Ihr Leben war von Anfang an ganz anders als meines gewesen. Von klein auf hatte sie Verehrer gehabt.

Auf der Höhe von Sodankylä fühlte ich mich noch klar bei Verstand. Die Bedrohung, die im Norden lauerte, war mir noch nicht unter die Haut gegangen. Noch wusste ich nicht, welch starke Auswirkungen das alles auf mich haben würde. Der freundliche Betriebsarzt hatte mit mir übereingestimmt, dass ich auf der Schwelle des Zusammenbruchs stand. Er hatte etwas in den Computer getippt, was ich nicht lesen durfte, aber ich hatte auch nicht die Kraft gehabt, mich dafür zu interessieren. Endlich war ich auf dem richtigen Weg. Ich hatte aufgehört davonzulaufen. Je weiter ich mich dem Norden näherte, desto ruhiger wurde mein Herzschlag. Trotz der Trauer spürte ich, dass ich auf dem Weg nach Hause war.

Ivalo, die sich schlängelnden Kurven der Staatsstraße 4 und der Inarisee – auf einmal lagen all die vertrauten Orte vor mir. Über alledem schien die Mitternachtssonne. Ich fragte mich, ob es ein Zufall war, dass ich gleichzeitig mit dem Licht unterwegs war. Ich hoffte, dass es die dunklen Ecken ausleuchten, die nicht ausgesprochenen Worte zum Vorschein bringen würde. Enthüllen würde, wer diese Person war, die Inga ermordet hatte.

In der Ortsmitte von Inari hielt ich an, um mir vor dem letzten Streckenabschnitt zu meinem Elternhaus noch etwas die Beine zu vertreten. Ich lief hinunter zum Ufer und starrte auf den See. Dann ging ich in den Supermarkt, um alles zu kaufen, von dem ich glaubte, dass meine Mutter und ich es brauchen würden. Da passierte es zum ersten Mal: In jeder Frau, die mir entgegenkam, sah ich das Gesicht meiner Schwester. Sie lugte aus den Augen der Kassiererin. Ihre Haare flogen über die Schulter der Frau vor dem Milchregal. Ihre Stimme erklang aus dem Mund einer Passantin. Überall schaute mich ihr lächelndes Gesicht an. Markierte meine Schwester die Menschen, die es wussten? Ich dachte an Geschichten über Sinnestäuschungen. Daran, wie Leute andere Menschen als Trugbilder sahen, als Vorboten für etwas. Was hatte es zu bedeuten, dass ich meine Schwester sah? Stand es für meine Trauer, meine Schuldgefühle, meine Sehnsucht oder meinen Schmerz? Oder wollte es mir sagen, dass ihr Schicksal auch mir blühen würde? Dass ich als Nächstes sterben würde? Mit weißen Knöcheln umklammerte ich den schwarzen Einkaufskorb und versuchte, die Sinnestäuschungen zu vertreiben. Sei auf der Hut!, sagte die Halluzination. Ich hatte sie nicht herbeigewünscht, und tief in meinem Inneren ahnte ich, dass es besonders schlimm sein musste, wenn man ein Trugbild sah, ohne es eingeladen zu haben. Bist du ein Bote des Todes?, fragte ich es flüsternd, als es mir auf dem Parkplatz vor meinem Auto noch ein letztes Mal erschien, aber es antwortete nicht.

Als die Straßenbahn quietschend um eine Kurve fährt, schreckt Saana hoch. Bei der nächsten Haltestelle muss sie schon raus. Sie steckt die Seiten zurück in den Umschlag und verspürt eine diffuse Ungeduld. Sie steigt aus und schreitet die Straße entlang. Jan ist heute Abend länger in der Arbeit, und so schrecklich das auch ist – sie muss sich eingestehen, dass sie sich auf einen Abend allein freut. Beim Supermarkt macht sie halt und kauft einen Liter Hafermilch. Auch eine Tüte Lakritze muss mit. Da der Supermarkt im Erdgeschoss ihres Hauses liegt, hat Saana von dort den kürzesten Heimweg der Welt.

Als sie ihre Wohnungstür aufschließt, schlägt ihr ein modriger Geruch entgegen. Sie war das ganze Wochenende bei Jan und hat am Freitag vor dem Gehen vergessen, den Biomüll rauszubringen. Ohne die Schuhe auszuziehen, geht Saana in die Küche, um das Fenster aufzumachen. Dann zieht sie den Mülleimer mitsamt der stinkenden Biomülltüte unter der Spüle hervor und bringt sie nach draußen.

Als sie zurück in die Wohnung kommt, fühlt sie sich überraschend leer. Niemand wartet auf sie, und die Wohnung erscheint ihr trostlos. Jan und sie haben sich noch nicht entschieden zusammenzuziehen, aber nach und nach hat sie immer mehr von ihren Sachen zu ihm gebracht. Ihre eigene Wohnung kommt ihr nur noch wie ein vorübergehender Rastplatz vor. Wie ein Boxenstopp, den sie ab und zu nutzt, um etwas Energie zu tanken und einen neuen Schwung saubere Klamotten in ihren Koffer zu packen. Auch einen eigenen Schlüssel hat er ihr bereits gegeben.

Die Idee einer gemeinsamen Wohnung war bereits im Gespräch, aber irgendetwas hält Saana zurück. Zwar spricht sie den Gedanken nicht laut aus, aber er ist trotzdem da: Was, wenn sie jetzt ihre Wohnung aufgibt und sie sich eines Tages trennen? Würde sie es dann bereuen, dass sie sich im Rausch der Verliebtheit von ihrem schönen Zuhause verabschiedet hat?

Saana nimmt die Lakritztüte und das Manuskript und lässt sich auf das Sofa plumpsen. Eigentlich müsste sie etwas aufräumen und putzen, aber Hetas Text ist jetzt viel interessanter. Sie zieht den dicken Papierstapel aus dem Umschlag und geht den Anfang des Textes noch einmal durch, um zu verstehen, wie die Dinge abgelaufen sind. Heta war zur Beerdigung nach Inari gefahren, eine Zeit lang dort geblieben, dann aber wieder in den Süden zu ihrer Arbeit zurückgekehrt.

Juli 1998/Angeli

Die Luft war vor lauter Stechmücken schwarz und flimmerte. Ich kümmerte mich anstelle meiner Mutter um alles, bereitete das Begräbnis vor, auf das wir wie auf eine Erlösung warteten, als würden die lähmende Trauer und der Schrecken uns in Frieden lassen, wenn wir nur endlich die Beerdigungserlaubnis bekämen. Die Polizisten sprachen mit meiner Mutter, einer von ihnen warf einen Blick in Ingas Zimmer. Vielleicht befragten sie auch die Dorfbewohner, ich weiß es nicht. Alle außer Eivor, die Frau von Mutters Bruder, und mein Cousin Johan mieden uns. Es kam mir vor, als wollte selbst die Polizei nicht für längere Zeit in Angeli bleiben, dem Ort des Todes und der Trauer.

Beim Trauerkaffee hatte niemand viel zu sagen. Durch den Tränenschleier hindurch beobachtete ich die Leute, die sich dunkles Roggenbrot in ihre feuchten Münder steckten. Ich sah mahlende Kiefer, trauernde Augen, Hände, die sich in gewohnter Manier eine Tasse Kaffee nahmen. Dann war meine Sicht durch die Tränen getrübt, und ich sah nur noch unscharfe, dunkle Gestalten, die sich brav anstellten, immer eine Tischgesellschaft auf einmal, um sich am Büfett Nachtisch zu holen.

Man ließ mich Inga nicht mehr sehen. Ihr Tod wäre in gewisser Weise realer gewesen, wenn ich sie leblos daliegen gesehen hätte, aber laut der Polizei war sie ein »nicht sehr angenehmer Anblick«. Ich dachte darüber nach, was das für ein Weg gewesen war, vom vor Leben strotzenden, wunderbaren Mädchen bis zum »nicht sehr angenehmen Anblick«. Bestimmt qualvoll und düster. Als Todesursache wurde Strangulation festgestellt. Beim schieren Gedanken daran bekam ich einen Kloß im Hals. Meine Schwester war zu Tode gewürgt worden.

Ich stapfte durch den Wald und brach Zweige ab. Als ich das vertraute Rentier im Schatten vor Eivors Haus liegen sah, fing ich an zu weinen. Es gehörte Inga. Sein Name war Godjat, und es war komplett weiß. Es faulenzte in der Hitze und wusste nicht, dass Inga fort war. Abends lag ich in meinem alten Bett und starrte an die Decke. Ich konnte keinen Fuß in das Zimmer nebenan setzen. Das Zimmer meiner Schwester. Tagsüber leistete ich meiner Mutter Gesellschaft. Wir sahen fern und tranken Kaffee. Die Stunden, Minuten und Sekunden vergingen sehr langsam und fühlten sich schwer an. Ich überlegte, ob ich mir vielleicht noch ein paar Tage mehr von der Arbeit freinehmen und vor Ort warten sollte, bis die Polizei den Täter gefunden hätte. Wenn ich den Schuldigen kannte, würde ich meinen Hass auf den Richtigen lenken können.

Im Laufe der Tage fielen mir Dinge auf: dass mein Cousin Johan dicker und älter geworden war. Dass die zum Dutt aufgewickelten Haare meiner Mutter dünner und grauer geworden waren. Dass sie bei Personen- und Ortsnamen ins Stammeln geriet. Eivor war die Einzige, in deren Gesellschaft ich es aushielt. Wenn ich Eivor nach Mutters Zustand fragte, sagte sie, dass es schon vor der Trauerzeit Gedächtnislücken gegeben hätte. Die Trauer meiner Mutter war so tief, dass sie den Appetit verloren hatte. Die Trauer meines Cousins war so tief, dass er beinahe stumm geworden war.

Ich mied die Menschen, denn die Gegend wimmelte von jenen, die ich vergessen wollte. Mein Herz raste wie verrückt. Nur mit Medikamenten konnte ich schlafen. »Inga ist nicht mehr da«, sagte ich mir immer wieder vor und vermisste sie. Ich bereute jeden einzelnen Tag und jede Stunde, die wir vor ihrem Tod getrennt gewesen waren – ich bereute die verlorene Zeit, die ich nie wieder zurückbekommen würde.

»Ein Mensch ergibt circa vier Liter Asche, inklusive Sarg«, wiederholte Johan noch viele Tage nach der Beerdigung immer wieder und brachte mich an den Rand der Weißglut. Ich wollte nicht an meine eingeäscherte Schwester denken. Ich wollte gar nicht denken. Meine Trauer war irgendwo tief in mir, und ich konnte sie nicht greifen.

Inga, meine kleine Schwester, zum Glück bist du im Sommer gegangen, sodass du zuletzt nicht die ewige Dunkelheit, sondern die nachtlose Nacht gesehen hast, ihren hell erleuchteten Horizont.

Saana legt die Seiten auf ihren Schoß. Ingas Tod wurde zum Tötungsdelikt deklariert, aber der Fall ist immer noch ungelöst, man tappt im Dunkeln. Je weiter Saana liest, desto mehr Fragen kommen ihr in den Sinn. Was hat dazu geführt, dass der Täter nicht gefasst wurde? Der Mord hat sich im Juli 1998 ereignet, und seither wurden die Ermittlungen nicht abgeschlossen. Jetzt, im Oktober 2019, sind schon über einundzwanzig Jahre vergangen. Ob die Polizisten, die damals die Ermittlungen aufnahmen, wohl noch in Inari wohnen?

Saana googelt »Inari Polizei«. Die Suche liefert ihr schnell Ergebnisse, und alle führen zu ein und derselben Adresse. Ivalontie 10. Die einzige Polizeiwache der gesamten Gegend befindet sich also in Ivalo. Die Polizei Lapplands hat ein sehr weitläufiges Revier, stellt Saana fest, während sie die Karte und die kleinen Straßen betrachtet, die sich an Seen, Flüssen und Fjells entlangschlängeln.

Da fallen ihr Hetas müdes Gesicht und ihr abgrundtief trauriger Blick wieder ein. Wie gut es Heta wohl gelungen war, nach einem so großen Verlust weiterzuleben? Sofort überträgt Saana die Frage auf sich selbst. Kann sie von sich behaupten, über den Tod ihrer eigenen Mutter hinweg zu sein? Es gibt Abende, an denen die Trauer sich immer noch so tief anfühlt, dass der bloße Gedanke an ihre Mutter sie melancholisch werden lässt und sogar zum Weinen bringt. Nein, sie kann immer noch nicht sagen, dass die Trauer vollständig weg ist, auch nicht nach über zehn Jahren.

Wie zum Trost steckt sie sich drei Stücke Lakritze in den Mund und blättert um. Sie muss ihre Mutter aus ihrem Kopf verbannen und sich auf die Familie Weckman konzentrieren.

Da gibt es also die Mutter Anna-Liisa Weckman, die Tante namens Eivor und den Cousin namens Johan, die 1998 alle in Angeli lebten, nicht weit voneinander entfernt. Und dann hat Heta noch Ingas Freundin erwähnt. Andere nahe Angehörige wurden vorerst nicht genannt. Saana notiert sich die Namen und geht in Gedanken noch einmal die Ereignisse durch. Inga war verschwunden und wenig später tot in Angeli aufgefunden worden. Nach dem Tod ihrer Schwester war Heta zur Beerdigung gefahren, aber schnell wieder nach Helsinki in die Anwaltskanzlei zurückgekehrt, in der sie auch jetzt noch arbeitet. Saana überprüft noch den Namen auf Hetas Visitenkarte. Lindroos & son.

Sie steckt sich zwei weitere Lakritzstücke in den Mund, macht dann aber die Tüte zu und wirft sie so weit wie möglich von sich weg in den Flur, damit sie nichts Süßes mehr essen kann. Dann steht sie auf, um sich ein Glas Wasser zu holen und kehrt zum Text zurück.