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Stille Wasser sind gefährlich ... Auf einer kleinen Insel vor Helsinki drehen drei junge Männer einen Dokumentarfilm. Kurz darauf ist einer von ihnen verschwunden, ein anderer wird tot im nahe gelegenen Naturschutzgebiet gefunden. Auf seiner Brust liegt eine Pflanze, die in dieser Gegend gar nicht wächst: ein Fingerhut. Außerdem findet die Polizei unter Leitung von Kommissar Jan Leino am Tatort eine Kette mit dem Unendlichkeitszeichen. Die Journalistin Saana Havas unterstützt die Ermittlungen, indem sie einen True-Crime-Podcast ins Leben ruft, um mithilfe der Öffentlichkeit nach dem verschwundenen jungen Mann zu suchen. Sie sind noch nicht sehr weit gekommen, da taucht eine zweite Leiche auf … Die Saana-Havas-Reihe: Band 1: Brandmal Band 2: Dunkelstrom Alle Bände sind in sich abgeschlossene Fälle und können unabhängig voneinander gelesen werden.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
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Aus dem Finnischen von Alena Vogel
Die Übersetzung wurde von FILI, Finnish Literature Exchange, gefördert. Wir bedanken uns herzlich.
© Elina Backman 2021
Titel der finnischen Originalausgabe: »Kun jäljet katoavat«, Otava, Helsinki 2021
© Piper Verlag GmbH, München 2023
Published by agreement with Elina Backman and Elina Ahlback Literary Agency, Helsinki, Finland.
Redaktion: Susann Harring
Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)
Covergestaltung: www.buerosued.de, München
Covermotiv: www.buerosued.de
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Cover & Impressum
Zitate
PROLOG
Freitag, 23. August
TEIL I
Sonntag, 25. August
HEIDI
SAANA
Montag, 26. August
JAN
Sitzung Nr. I
JAN
SAANA
Dienstag, 27. August
JAN
SAANA
HEIDI
Mittwoch, 28. August
SAANA
JAN
HEIDI
Donnerstag, 29. August
SAANA
Sitzung Nr. II
JAN
JEREMIAS
Freitag, 30. August
JAN
SAANA
HEIDI
SAANA
Samstag, 31. August
JAN
HEIDI
Montag, 2. September
SAANA
Sitzung Nr. III
Dienstag, 3. September
SAANA
VIERZEHN WOCHEN VOR DEM VERSCHWINDEN
TEIL II
Mittwoch, 4. September
AILA
JAN
SAANA
JAN
DREIZEHN WOCHEN VOR DEM VERSCHWINDEN
SAANA
Sitzung Nr. IV
JAN
Donnerstag, 5. September
JAN
HEIDI
ZWÖLF WOCHEN VOR DEM VERSCHWINDEN
Freitag, 6. September
HEIDI
SAANA
Samstag, 7. September
SAANA
AILA
SAANA
ELF WOCHEN VOR DEM VERSCHWINDEN
Sonntag, 8. September
JAN
Montag, 9. September
JAN
Sitzung Nr. V
SAANA
HEIDI
JAN
AILA
Dienstag, 10. September
SAANA
ZEHN WOCHEN VOR DEM VERSCHWINDEN
Sitzung Nr. VI
JAN
HEIDI
Mittwoch, 11. September
SAANA
NEUN WOCHEN VOR DEM VERSCHWINDEN
SAANA
Donnerstag, 12. September
SAANA
TEIL III
Sitzung Nr. VII
HEIDI
SAANA
ACHT WOCHEN VOR DEM VERSCHWINDEN
HEIDI
Freitag, 13. September
SAANA
JAN
SIEBEN WOCHEN VOR DEM VERSCHWINDEN
Samstag, 14. September
SAANA
HEIDI
JAN
Sonntag, 15. September
SAANA
JAN
Montag, 16. September
SAANA
SECHS WOCHEN VOR DEM VERSCHWINDEN
Sitzung Nr. VIII
Dienstag, 17. September
SAANA
Mittwoch, 18. September
HEIDI
JAN
FÜNF WOCHEN VOR DEM VERSCHWINDEN
HEIDI
JAN
SAANA
Sitzung Nr. IX
Donnerstag, 19. September
JAN
TEIL IV
QUEEN BEE
Sitzung Nr. X
Freitag, 20. September
JAN
SAANA
HEIDI
KAJ
Samstag, 21. September
SAANA
EINE WOCHE VOR DEM VERSCHWINDEN
JAN
QUEEN BEE
HEIDI
SECHS TAGE VOR DEM VERSCHWINDEN
QUEEN BEE
JAN
Sonntag, 22. September
SAANA
FÜNF STUNDEN VOR DEM VERSCHWINDEN
EPILOG
HEIDI
SUVI
JEREMIAS
SAANA
NACHWORT DER AUTORIN
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
»Wir waren die beiden
Denen es niemand zugetraut hat
Du warst Der Stille Junge
Ich Das Sonntagskind«
TEXT UND MUSIK: OLAVI UUSIVIRTA
»Was war, ist im Schlund des Wolfes,
von jetzt an aber soll ein anderes Gesetz herrschen.«
ALEKSIS KIVI
Ich stehe am Waldrand und höre hoch oben die Krähen krächzen. Ich sehe hinauf, der Himmel wölbt sich über mir wie eine Kuppel. Die Äste der Bäume reiben aneinander, und ihr Knarzen begleitet meinen eigenen schnellen Atem. Ansonsten ist es ganz still. Ich richte meinen Blick auf den Boden. Er sieht aus wie ein großer schwarzer Schlund. Was hat er wohl schon alles verschlungen?
Noch ein letzter Blick, dann lege ich die kalten Gliedmaßen aufeinander, platziere die Blumen unter den Händen. Stelle sicher, dass alles genau richtig aussieht.
Dann gehe ich. Ich schiebe die Zweige aus dem Weg. Die spitzen Nadeln der starren Fichtenzweige piksen, aber ich kümmere mich nicht darum und gehe weiter. Nähere mich entschlossenen Schrittes dem Schatten der Bäume und verschwinde.
Saana betrachtet die Gassen von Alfama, die kleinen Außentische und die gemütlichen Restaurants, von denen jedes einzelne auf Holzkohle gegrillte Sardinen im Angebot hat. Jan hat schon ein paar Anrufe von der Arbeit bekommen. Mitten im Urlaub. Sie denken noch nicht einmal an den Rückflug, und schon hat der Alltag sie wieder eingeholt. Saana fällt ein, wie kurz davor sie schon war zu sagen: Ich liebe dich, oder: Ich habe mich in dich verliebt. Aber der erste Anruf hatte die Stimmung kaputt gemacht, und in den Tagen darauf hatte Jan immer wieder gedankenverloren ins Leere gestarrt. Im Moment würde er solche großen Worte bestimmt nicht mal richtig mitbekommen. Abgesehen davon kennen sie sich erst seit kurzer Zeit. Ist es überhaupt möglich, dass sie ihn schon liebt? Sie sieht zu, wie er auf seinem Handy herumtippt und nicht mehr bemerkt, wie sanft das Licht von den Wandfliesen reflektiert wird oder wie schön die alten, abgenutzten Türen aussehen. Das glatt geschliffene Kopfsteinpflaster fühlt sich rutschig unter ihren Sandalen an.
»Kaufen wir uns ein Eis?«, fragt Jan und sieht endlich vom Handydisplay auf. Saana nimmt die Sonnenbrille ab, um ihn ohne den dunklen Filter sehen zu können. Im hellen Sonnenlicht muss sie die Augen zusammenkneifen und verzieht dann den Mund zu einem vorsichtigen Lächeln. Zu Eis hat sie noch nie Nein gesagt.
»Ist alles in Ordnung?«, fragt sie und streift Jan am Oberarm. Er hält seine Arbeitsangelegenheiten meistens geheim, aber sie versucht trotzdem, ihm wenigstens einen kleinen Hinweis darauf zu entlocken, ob in Finnland etwas Ungewöhnliches passiert ist.
»Wenn du den Anruf meinst, das war nur die neue Chefin, die sich vorgestellt hat«, sagt er und streckt die Hand nach Saana aus. Tut so, als sei er anwesender, als er es wirklich ist.
»Obwohl sie weiß, dass du diese Woche noch im Urlaub bist?«, hakt Saana nach. Sie ergreift Jans Hand und lässt zu, dass er sie an sich zieht. Die portugiesische Hitze sorgt dafür, dass die ineinanderliegenden Hände schnell schwitzig werden. In Jans Armen hebt Saana den Blick zur brennend heißen Sonne. Peinlich berührt stellt sie fest, dass ihre Oberlippe schon wieder von Schweiß benetzt ist. Sie schaut Jan an, der sein Handy endlich in die Jeanstasche steckt. Wer hätte gedacht, dass sie einmal einen romantischen Urlaub mit einem Ermittler des zentralen Kriminalamts KRP verbringen würde. Mit einem Mann, der nicht einmal bei einer solchen Hitze Shorts trägt. Sie grinst in sich hinein und mustert seine dunkle Jeans und die Bikerstiefel. Dann beugt sie sich zu ihm, um ihm einen Kuss zu geben. Seine Bartstoppeln kitzeln.
Hand in Hand halten sie vor einem kleinen Eiscafé an, und Jan löst sich von ihr. Schweigend schauen sie auf die verlockenden Eisberge in verschiedenen Farben. Vor ihnen liegt die größte Herausforderung dieses Urlaubstages: die Wahl der Eissorten. Saana blickt zwischen Jan und dem Eis hin und her. Sie weiß, dass es nichts bringt, nachzufragen, wie es ihm geht. Seine Mutter ist diesen Sommer gestorben, und ein Grund für sein Schweigen ist sicherlich die Trauer. Wahrscheinlich ist seine Ernsthaftigkeit aber auch Teil seines Charakters. Sie kennen sich erst so kurz, dass Saana noch nicht einmal sagen kann, wie sein Grundzustand aussieht, der normale Jan. In seiner Rolle als Kriminalbeamter ist er sehr besonnen und sachlich. Und allein aus Sicherheitsgründen behält er alles, was die Arbeit angeht, für sich. Selbst wenn in Finnland etwas passiert sein sollte, dürfte er ihr als Ermittler des KRP nichts sagen. Mordermittlungen und Todesfälle gehen normale Bürger nichts an, und Polizisten erzählen zu Hause keine Einzelheiten über ihre Arbeit. Das wissen sogar die Verbrecher, und gerade das schützt die Angehörigen. So hatte Jan es formuliert. Dennoch ist es eindeutig, dass er seit dem Telefonat schweigsamer und etwas ruhelos geworden ist. Es scheint, als würde er sich nach der Arbeit sehnen.
Jan blickt sich nach einer Papierserviette um, als ihm sein Pistazieneis über die Hand läuft. Auf einmal überkommt Saana ein starkes Gefühl der Zuneigung. Sie beobachtet ihn – den Jan, der jeden Tag hartnäckig sein Eis in der Waffel bestellt, das dann jeden Tag in der Sonne blitzschnell dahinschmilzt. Sie betrachtet seine starke, gebräunte Hand und von dort aus den Mann, mit dem sie schon seit vielen Tagen jede Minute verbringt, von Kopf bis Fuß. Es gibt eine Zeitrechnung vor Jan und eine mit ihm. Eine chaotische, seltsame und wunderbare Zeit, die mit ihrem ersten Treffen begann. Sie lernten sich kennen, als Jan gerade mit komplizierten Mordermittlungen beschäftigt war. Wenn Saana daran denkt, was im Sommer alles passiert ist, läuft ihr noch immer ein kalter Schauer über den Rücken. Vielleicht kommt die plötzliche Kälte aber auch vom Eis. Sie beobachtet, wie Jan die freundliche Bedienung, die ihm einen Stapel Papierservietten reicht, dankbar anlächelt. Er sieht wirklich gut aus, auf eine raue Art und Weise. Genau die Art, die Saana immer anziehend fand. Entschlossenes Auftreten, gleichzeitig aber auch ein Hauch von etwas Unbestimmtem. Etwas, was man nicht sofort einordnen kann und was einen in den Bann zieht. Seine geheimnisvolle Seite hält Saana genau im richtigen Maß auf Trab. Natürlich könnte all das Mysteriöse an ihm auch nur ihrer Einbildung entspringen. Im schlimmsten Fall könnte es passieren, dass sie sich dadurch eine eigene Version von Jan erschafft und sich dann blind in ihre Illusionen verliebt.
Nein. Diesmal mache ich nicht denselben Fehler, schwört sie sich und führt den winzigen Eislöffel mit der weich gewordenen Eismasse zum Mund. Amarena. Ihre Lieblingssorte, eine Mischung aus Joghurt und süßen Kirschen. Diesmal erlaube ich es mir nicht, mir ein falsches Bild von jemandem zu machen, sondern bleibe offen und lerne ihn in aller Ruhe kennen. Ich speichere nur die Dinge ab, die er selbst von sich zeigt, verspricht sie sich.
Während das Eis im Becher immer weniger wird, beginnt auch die unbeschwerte, romantische Stimmung zwischen ihnen zu verschwinden. Am Anfang der Woche waren sie noch eine Einheit, aber heute sind sie auf einmal wieder zwei einzelne Menschen, die aus einem wunderschönen Traum erwachen.
Noora hört nur noch ihren eigenen Atem. Sie läuft so schnell, dass sie an ihre Grenzen kommt, trotzdem hat sie alles unter Kontrolle. Sie kennt ihren Körper sehr gut, kennt seine Ausdauer. Sie wird durchhalten. Instinktiv scannt sie das Gelände. Ab und zu muss sie ihren Blick auf die Wurzeln richten, damit sie nicht stolpert, aber meistens schaut sie in die Ferne, konzentriert sich nur auf ihren Atem und den Wald. Je länger sie läuft, desto mehr erweitern sich ihre Sinne und desto stärker spürt sie, wie offen sie ist, ganz sie selbst. Momentan muss sie mit dem Auto fahren, um richtig in den Wald zu gelangen, durchzuatmen und außer Atem zu kommen. Das ist schon ein hartes Schicksal … Es ist ziemlich früh am Morgen, vor einer Stunde schwebte noch der Morgennebel über dem Wasser. Bisher ist sie niemandem begegnet. So früh am Morgen hat man noch alles für sich allein. Noora weiß, dass sie tiefer in den Wald vordringt als die meisten Menschen, die hierherkommen. Am liebsten läuft sie ihre eigenen Wege – ausgetretene Pfade haben sie noch nie gereizt.
Beim Laufen achtet sie nicht besonders auf Details, sondern genießt die frische Luft und das allgegenwärtige saftige Grün, den Wald an sich. Die grüne, moosige Erde voller Zweige, hier und da alte, morsche Bäume. Das Sonnenlicht, das durch die Äste dringt, lässt alles beinahe magisch aussehen. Der Wald befindet sich in seinem natürlichen Gleichgewicht: Er gedeiht und vergeht zugleich.
Nachdem Noora über eineinhalb Stunden gelaufen ist, hält sie beim Vogelbeobachtungsturm Keinumäki an und prüft ihren Puls. Er ist ziemlich gleichmäßig geblieben. Dass sie schon den ganzen Sommer über joggen geht, zeigt langsam Wirkung. Jetzt, da sie stehen geblieben ist, muss sie allerdings immer dringender pinkeln. Sie sieht sich um. Immer noch niemand zu sehen. Am besten hockt sie sich einfach schnell in die dichte Vegetation. Sie versucht, ihre Atmung zu beruhigen, und wird ganz still, um zu lauschen. Was, wenn doch jemand in der Nähe ist? Sind da irgendwo Schritte? Der Wind rauscht durch die Blätter, die Bäume knarzen, während die Äste aneinanderreiben, ansonsten ist es ganz ruhig. Irgendwo ist ein kleines Knacken zu hören. War das ein Tier? Noora kommt es oft so vor, als wäre der Wald selbst lebendig. Als würde er jeden ihrer Schritte mit angehaltenem Atem verfolgen. Wenn sie in hohem Tempo über die Pfade rennt, stellt sie sich manchmal vor, wie sich die Geschöpfe des Waldes in ihr Versteck zurückziehen, sobald sie sie hören, und wie sie sich wieder hervorwagen, sobald sie weg ist.
Irgendwo in der Nähe hört man das Krächzen von Krähen. Den Geräuschen nach zu urteilen, sind es mehrere. Noora hat Krähen, Raben und Dohlen noch nie gemocht. Etwas an ihrem Verhalten ist zu selbstbewusst und frech, auch ihr Krächzen klingt unangenehm. Ihr bläulich schwarzes Gefieder strahlt eine Düsternis aus, etwas, woran sie – besonders allein im Wald – nicht denken will. Noora nähert sich einer Ansammlung von Fichten. Die starken Äste der hohen Bäume ragen in den Weg hinein, und sie schiebt sie vorsichtig zur Seite, um sich nicht von den Nadeln piksen zu lassen. Nachdem sie sich vergewissert hat, dass auch wirklich niemand sie sehen kann, geht sie schnell in die Hocke und lässt die Hose herunter. Dann bemerkt sie es. Von hier unten ist plötzlich gut zu erkennen, was die Vegetation bisher vor ihr verborgen hat. Die Krähen haben sich um den Wurzelballen eines umgefallenen Baumes versammelt, es wimmelt nur so von ihnen. Während Nooras Blase sich leert, füllt sich ihr Geist mit fürchterlichen Gedanken. Warum schwirren die Vögel genau dort herum? Es sieht aus, als würden sie auf etwas herumpicken. Das will ich gar nicht wissen, denkt sie zuerst, obwohl ihr Interesse bereits geweckt ist. Etwas widerstrebend, aber voller Neugier steht sie auf und geht auf den steil in die Luft ragenden, dunklen Wurzelballen zu, der sich aus der lockeren Erde erhebt und Richtung Himmel zeigt. Eine mächtige Fichte ist umgestürzt, der Wurzelballen hat ein riesiges Loch in den Boden gerissen. Dieser Baum muss beim Sturz ein ordentliches Rumpeln verursacht haben, und niemand war hier, um es zu hören, denkt Noora, während sie immer näher herangeht.
Die Krähen krächzen und machen ihr Platz, indem sie zur Seite hüpfen, aber sie fliehen nicht. Ihr neugieriger Blick bleibt an Noora haften, während sie sich nähert und zaghaft in das Loch späht. Erst als Nooras hysterisches Kreischen die Luft erfüllt, ergreifen sie die Flucht.
Heidi kramt die Autoschlüssel aus ihrer Jeanstasche und drückt auf den Entriegelungsknopf. Ihr schwarzes Auto hat sich in der Morgensonne bereits unerträglich stark aufgeheizt. Sie lässt sich auf den Sitz plumpsen und merkt, dass sie schon jetzt verschwitzt ist. Schweigend sitzt sie in diesem heißen Ofen und wartet – darauf, dass die Klimaanlage das Auto herunterkühlt, vor allem aber darauf, dass sie selbst endlich in Schwung kommt. Die sommerliche Unbeschwertheit verschwindet ebenso schnell wie die Flüssigkeit aus ihrem Körper. Die Schweißtropfen, die Heidi übers Gesicht laufen, zeugen aber auch von der Umstellung, vom Alarm am Sonntag, von der Rückkehr vom Urlaub zur Arbeit. Wenn es um Morde geht, gibt es keine Feiertage. Und heute, einen Tag früher als geplant, zieht sie sich wieder den schweren, obligatorischen Harnisch an. Zurück zur Kompanie der Toten. Als Ermittlerin beginnen ihre Arbeitstage immer mit einer Leiche.
Kühle Luft strömt ins Auto und füllt langsam den Innenraum, verdrängt die Hitze. Auch ihr im Urlaub erlangtes, manchmal geradezu schwindelerregendes Freiheitsgefühl wird mit der Zeit verschwinden und von etwas anderem abgelöst werden: von dem unfassbar starken Wunsch, den neuen Fall zu lösen. Vielleicht auch von Furcht – davor, wie der neue Fall erneut ihre Gedanken vereinnahmen und sie von innen auffressen wird, bis nur noch die harte Schale übrig bleibt, der Harnisch, der sie gerade noch so zusammenhält. Und dennoch, all der bevorstehenden Schlaflosigkeit und der Drohbilder zum Trotz, stellt Heidi fest, dass sie langsam einen gewissen Tatendrang entwickelt. Die Katerstimmung, die nach den letzten Ermittlungen im Sommer zurückgeblieben war, beginnt zu verschwinden. Eine unidentifizierte Leiche mitten im Wald? Während ihr Gehirn diesen neuen Input verarbeitet, fühlt sie sich wieder lebendiger. Die Leiche lag beim Fund angeblich unter dem Wurzelballen eines umgestürzten Baumes. Während die Klimaanlage auf Hochtouren läuft, setzt Heidi das Auto zurück und spürt überall auf der Haut einen herrlich eisigen Luftstrom. Es wird nicht mehr lange dauern, bis die Kälte sie komplett umgibt.
Die Hauptstadtregion ist ländlicher, als man oft glaubt, denkt sie, während sie an den roten Backsteingebäuden bei der donnernden Altstadtstromschnelle vorbeifährt. Auf den Feldern im Stadtteil Viikki sieht man Kühe. Vielleicht ist sie schon zu weit gefahren. Sie bremst, stellt den Blinker an und hält kurz am Straßenrand. Von wo aus erreicht man die Stelle wohl am besten zu Fuß? Sie wendet und fährt die Viikintie zurück. Auf der einen Seite sieht man Neubaugebiete und auf der anderen Seite weite, offene Felder. In der Ferne zeichnet sich der Waldrand ab. Heidi fährt am Auktionshaus Helander vorbei und weiter in Richtung Feld. Rechter Hand stehen Industriegebäude, linker Hand blaue Baracken und ein paar Dixi-Klos, und neben dem breiten Bach vor ihr verläuft ein Wander- und Radweg. Heidi hält erneut an und googelt nach der Karte der Altstadtbucht, um herauszufinden, wie groß das Areal ist. Zum Naturschutzgebiet gehören unter anderem das Schilf von Säynäslahti, ein Streifen des westlichen Schilfs in der Nähe der Insel Lammassaari sowie das offene Wasser auf der Südseite, der Schwarzerlenwald von Pornaistenniemi und der Mölylä-Wald. Ob der Fundort im Naturschutzgebiet liegt? Heidi ist sich nicht sicher. Die Altstadtbucht umfasst weit mehr als nur die geschützten Bereiche. Die Strände der landwirtschaftlichen Lehr- und Versuchsanstalten von Viikki wurden als Erstes unter Naturschutz gestellt, bereits im Jahr 1959, liest sie und betrachtet dann durch die Windschutzscheibe die idyllische Landschaft: den Strand und die in der Ferne herumschwimmenden Wasservögel. Die sich im Wind wiegenden Baumwipfel und die am Himmel kreisenden Dohlen. Den alten Wald. Heidi geht noch einmal die Informationen auf ihrem Handy durch. Säynäslahti, dort liegt der Fundort. Sie löst die Handbremse und fährt auf dem Feldweg in Richtung Nordosten.
Schnell trifft sie auf die ersten verblüfften, sogar wütenden Passanten. Ein Auto auf dem Feldweg! Sie stellt sich vor, was die Wanderer ihr mit ihren finsteren Blicken wohl sagen wollen. Runter von unserem Weg, du dreiste Autofahrerin! Sie beschließt, Erbarmen mit den selbst ernannten Gesetzeshütern zu haben, die sofort böse schauen, sobald jemand eine Regel verletzt, öffnet das Fenster und befestigt das Polizeilicht auf dem Dach ihres Privatautos. »Aus dem Weg, ihr kleinen Quälgeister«, murmelt sie und gibt etwas mehr Gas. Die Seitenstreifen sind voller Blumen, dahinter erstreckt sich gelbes, im Wind wogendes Schilfgras. Es grenzt an einen undurchdringlichen Wald, dessen Dunkelheit eine imposante Wirkung hat. Am Straßenrand steht ein Holzschild: »Universität Helsinki, Arboretum«. Schnell geht die offene, weite Landschaft in den dichten Fichtenhain über. Heidi fährt langsamer.
Das Naturschutzgebiet ist über dreihundert Hektar groß. Unglaublich, dass sich so nah am Zentrum von Helsinki ein so weitläufiges, üppiges, abwechslungsreiches Naturschutzgebiet befindet. An einer Wegkreuzung stehen grüne Holzunterstände, die bebilderte Informationen über die hiesige Natur bieten. Das Bild wird allerdings von einem Rettungswagen gestört, daneben zwei Polizeibusse, die den Weg versperren. Ein Polizeiband hält zufällig vorbeikommende Spaziergänger fern. Heidi steigt aus ihrem kühlen Auto und ist überrascht, wie heiß die Sonne herunterbrennt. Der Feldweg knirscht unter ihren Schuhen. Die Wanderschuhe fühlen sich gut an und lassen Heidi die Wege vermissen, auf denen sie ihr bereits gute Dienste erwiesen haben: auf den Lofoten, in Lappland und im Frühjahr beim Trekking in Bad Gastein. Auch in Finnland gibt es natürlich schöne Landschaften, aber verglichen mit Norwegen oder den Alpen sind sie eher moderat. Nachdenklich starrt Heidi auf den Pfad, der zum Vogelbeobachtungsturm führt. Entschlossen macht sie sich auf den Weg in die Dunkelheit des Waldes.
Die Anweisungen, die sie bekommen hat, waren klar: Vom Hauptwegweiser aus zuerst knapp dreißig Meter dem Pfad folgen, dann sei auf der rechten Seite ein weißes Zeltdach zu sehen. Schnellen Schrittes nähert sie sich dem beschriebenen Ort und dem unfreiwilligen Treffen mit einem Toten.
Sie spürt, wie ihr Mund trocken wird. Die erstarrte Leiche, ein junger Mann, liegt mit dem Gesicht Richtung Himmel in einem Erdloch. Menschen laufen hin und her, um Einzelheiten zu dokumentieren. Fotos werden gemacht, Proben werden genommen. Lautlos zeichnet eine Drohne den Ort von oben auf. Irgendwo weit in der Ferne brummt der Verkehr, während Heidi schweigend die Leiche betrachtet. Ein junger Mann, noch nicht identifiziert. Die Hände über dem Brustkorb gefaltet. Heidi sieht sich die Hände an, die Fingernägel sind sauber, die Haut unversehrt. Er trägt einen schwarzen Kapuzenpulli, eine graue Cargohose und schwarze Vans-Schuhe. Neben ihm liegt ein Anglerhut, den Heidi sofort ins Visier nimmt: ebenfalls sauber. Als Nächstes untersucht sie den Kopf des Toten: keine Schläge, kein Blut. Auf seiner Brust, unter seinen Händen, liegt irgendeine verwelkte Pflanze. Heidi beugt sich tiefer hinunter, kann sie aber nicht bestimmen. Für einen Unfall gibt es keine erkennbaren Anzeichen, und für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall ist das Opfer zu jung, auch die Inszenierung spricht dagegen. Was bleibt also übrig? Heidi lässt ihren Blick über die Baumstämme, die dichten Zweige und den mit Nadeln bedeckten Boden schweifen. Sofort überkommt sie ein ungutes Gefühl. Die Position, in der die Leiche daliegt. Der Fundort. Die ruhige Atmosphäre, die hier herrscht. Das hier ist nicht irgendein zufälliger Todesfall.
Saana drückt ihre Stirn gegen die eiskalte Fensterscheibe des Flugzeugs. Draußen dämmert es schon. Wenn man abends nach Finnland zurückkehrt, ist die Stimmung irgendwie erträglicher. Im Halbdunkel kann man noch eine Zeit lang so tun, als wäre man irgendwo anders hin unterwegs. Die Maschine überquert die schummrige Landschaft, hier und da zeichnen sich die Lichter einzelner Inseln und das dunkle, wogende Meer ab. Saana stellt sich vor, wie es wäre, jetzt in einer neuen Stadt zu landen. In Berlin, Nizza oder New York. Aber nein. Leider warten vor ihr unvermeidlich der Flughafen Helsinki-Vantaa, das Taxi, ihre Straße, die Sturenkatu.
Sie denkt darüber nach, was die neue Woche für sie bereithält. Zuerst muss sie ihre Sachen bei Tante Inkeri abholen. Bei ihr in Hartola hatte sie den ganzen Sommer verbracht und ein Mordmysterium recherchiert, das Jahrzehnte zurücklag. Saanas Gedanken wandern zurück zum Frühsommer, als sie nach Hartola kam, um sich bei ihrer Tante von der grenzenlosen Erschöpfung aufgrund der Arbeit zu erholen. Im Laufe des Sommers hat sie ihre Kräfte wiedererlangt und angefangen, Nachforschungen zu einem alten, ungelösten Todesfall anzustellen, der sich vor langer Zeit in Hartola ereignet hatte. Das hatte sie mitten hinein in komplizierte und gefährliche Ermittlungen geführt, die ihr im Nachhinein beinahe unwirklich vorkommen. Das viele Recherchematerial, das sie zusammengetragen hat, und die berührende Geschichte, auf die sie dabei stieß, warten im Gästezimmer ihrer Tante in einer Kommodenschublade auf sie. Lose Zettel und alte Fotos, Interviews und ausgedruckte Zeitungsausschnitte. Kurze Stimmungseindrücke, die sie bereits schriftlich fixiert hat. Jetzt wäre es an der Zeit, alle Ereignisse des Sommers in die Form eines Skripts zu bringen. Auch wenn Lissabon sie von den Morden abgelenkt und auf neue Gedanken gebracht hat, waren ihr auf der Reise immer wieder wie von selbst Ideen für den Text eingefallen. Aus den Geheimnissen des Königreichs Hartola ließe sich auch ein interessanter Podcast machen. Gleichzeitig sollte sie anfangen, sich einen neuen Job zu suchen.
Saana streichelt Jans raue, stoppelige Wange. Er ist schon zu Beginn des Flugs eingeschlafen und lehnt mit dem Kopf an ihrer Schulter. Der Sinkflug kann jeden Moment beginnen, aber sie bringt es nicht übers Herz, ihn zu wecken. Lächelnd sieht sie aus dem Fenster. Nach und nach kommt unter dem bläulichen Abendhimmel immer mehr von Finnland zum Vorschein. Wasser, hier und da Inseln. Reichlich dichter und dunkler Wald, aus dem die sanften, stecknadelgroßen Lichter der Stadt hervorschimmern. Saana schafft es gerade noch, an der Küstenlinie ein paar vertraute Details auszumachen, als das Flugzeug schon über der Nachbarstadt Espoo kreist und sie die Orientierung verliert. Jan schreckt hoch.
Finnland ist ein dünn besiedeltes Land. Das begreift man erst so richtig, wenn man aus dem dicht bevölkerten Mitteleuropa zurückkehrt, aus Städten, deren Lichter sich während des Sinkflugs bis zum Horizont erstrecken. Wenn man in Helsinki ankommt, ist die Beleuchtung hingegen eher spärlich. Die erhellten Straßen sehen von oben aus wie dünne Leuchtkabel. Abseits der Straßen ist es dunkel. Selbst in der Hauptstadtregion sieht man Felder. Selbst der gut organisierte, ruhige Flughafen ist von Wald umgeben. Heute kehren sie wieder in dieses stille Land zurück, in dem es sauberes Leitungswasser und viele Regeln gibt. In das Land, das für seine Zähigkeit und seine gute Bildung bekannt ist. Saanas geliebtes Heimatland, dessen Schönheit sie immer erst zu schätzen weiß, wenn sie eine Weile weg war. Hier gibt es viel Platz und saubere Luft, aber auch mürrische Menschen, die nur durch Schnauben kommunizieren.
Das Flugzeug fährt rumpelnd sein Fahrwerk aus, und alle Passagiere halten den Atem an, bis sie den finnischen Boden unter sich spüren.
Jan hat kaum geschlafen. Aufgrund der Müdigkeit haben sich Saana und er im Taxi etwas distanziert voneinander verabschiedet, dann ist jeder zum Schlafen zu sich nach Hause gegangen. Sobald er im Bett lag, hat er befürchtet, vielleicht kein Auge zuzubekommen. Und so ist es natürlich auch gekommen. Erst am frühen Morgen ist er kurz davor gewesen einzuschlafen, aber zu dem Zeitpunkt hätte es nichts mehr gebracht, denn sein Handywecker war auf 6:15 Uhr gestellt. Entsprechend gerädert rührt er etwas braunen Zucker in seinen starken Espresso und reibt sich die Schläfen. Ein neuer Tag, seit Langem mal wieder allein und in seiner eigenen Wohnung, und sofort geht es wieder los zur Arbeit. Nachdem er den Kaffee heruntergekippt hat, läuft er von einem Raum zum anderen und versucht, sich zu erinnern, wo er vor der Reise seine Fahrradsachen hingelegt hat.
Die durch den Schlafmangel hervorgerufene trübe Sicht verfliegt erst, nachdem er mit dem Fahrrad die ersten Kilometer an der frischen Luft zurückgelegt hat. Er inhaliert die saubere finnische Luft tief in seine Lunge und stellt fest, dass sie schon leicht nach September riecht. Er spürt die Ankunft des Herbstes, obwohl es dafür noch kaum Anzeichen gibt. Vielmehr ist die Luft überraschend warm. Im Büro ersetzt er sein Sportshirt durch ein Jeanshemd, ohne zu duschen. Zerstreut wirft er seine Fahrradsachen auf das abgewetzte Sofa in der Ecke und geht in die Küche. Der Zeitunterschied zwischen Portugal und Finnland beträgt nur zwei Stunden, aber das heißt, dass er heute sogar länger als sonst durchhalten muss. Außerdem erwarten ihn ein paar Veränderungen. Nicht nur die Rückkehr vom Urlaub in den Alltag, sondern auch eine neue Vorgesetzte. Er hat es gerade geschafft, seine Kaffeetasse auf dem Schreibtisch abzustellen und sich hinzusetzen, als sich in seinem Sichtfeld etwas bewegt. Jemand kommt entschlossen auf ihn zu, und ohne hinzusehen, weiß er bereits, dass es die neue Chefin ist.
Johanna Nieminen nickt ihm zu und setzt sich auf die Ecke seines Schreibtischs, ohne ihm die Hand zu geben.
»Johanna Nieminen«, sagt sie.
»Jan Leino«, stellt er sich vor.
»Jetzt, da wir die Förmlichkeiten hinter uns haben, kann ich ja verraten, dass ich es gewohnt bin, Jone genannt zu werden.«
»Alles klar«, antwortet Jan. »Und ich werde immer nur Jan genannt«, sagt er lächelnd und hebt seine Hand zum Gruß. Johanna Nieminen, Jone. Der Spitzname hat sich schon in sein Gedächtnis eingebrannt, als Johanna ihn rücksichtslos mitten im Urlaub anrief.
»Leider haben wir keine Zeit, das noch weiter zu bequatschen. Unsere Tagesplanung mussten wir schon jetzt über Bord werfen. Hier in Helsinki ist etwas passiert, wofür man möglicherweise unsere Einschätzung braucht«, sagt Jone. »Der erste Fall in meiner Amtszeit. Ich höre schon, wie alle den Atem anhalten und darauf warten, dass ich es vermassle.« Sie lacht auf, und Jan ist sich nicht sicher, ob sie ihre Worte ernst meint oder nicht.
Er sieht seine neue Vorgesetzte an, eine schlagfertige Antwort will ihm einfach nicht einfallen. Weder ist er derselben noch anderer Meinung. Wenn er mit seinem ersten Eindruck richtigliegt, dann will sie mit ihren Worten nur provozieren, aber wenn er nach dem Köder schnappen und ihre Aussage bestätigen würde, dann würde sich vielleicht herausstellen, dass es doch kein Sarkasmus war, was ihn in eine unangenehme Lage bringen würde. Vielleicht.
»Ziehen wir nicht alle am selben Strang?«, antwortet er daher und kommt sich vor wie ein Politiker. Jone lächelt und scheint seine Vorsicht zu schätzen.
»Ich habe gehört, dass du einer unserer besten Ermittler bist. Für eine Führungskraft bist du bei zu vielen Einsätzen dabei, aber die Fälle, in denen du Ermittlungsleiter warst, hast du mit Bravour gemeistert. Den Berichten zufolge hast du eine sehr gute Aufklärungsrate«, sagt sie und wippt beim Sprechen mit ihrem rechten Fuß, der in einer Reitstiefelette aus Leder steckt. »Ich verstehe dich. Auch ich hasse Bürokratie – und, wenn ich das sagen darf, euren Kaffee genauso.« Sie deutet auf die Tasse in ihrer Hand.
Jan muss schmunzeln, als er sieht, dass sie sich die Simpsons-Tasse aus dem Schrank genommen hat. Er spürt, dass die neue Chefin ihn genau beobachtet, auch wenn sie sich um einen lockeren, ja sogar sorglosen Eindruck bemüht.
»Hundert«, sagt er und schaut ihr direkt in die Augen. Er weiß, dass die Aufklärungsrate in den von ihm geleiteten Ermittlungen bei hundert Prozent liegt.
»Also, Herr Hundert, gerade hat sich möglicherweise ein neues Tötungsdelikt ereignet«, sagt Jone und steht auf. Sie beginnt, unruhig vor seinem Schreibtisch hin- und herzulaufen. »Im Naturschutzgebiet in der Altstadtbucht wurde gestern eine Leiche gefunden, ein junger Mann.« Sie bleibt stehen.
»Die Trailläuferin, die die Leiche gefunden hat, hat sich vorläufig verpflichtet, der Öffentlichkeit keine Informationen preiszugeben. Nur die Behörden wissen davon. Das Areal wurde unverzüglich nach dem Leichenfund abgesperrt.«
Jan nickt.
»Die Helsinkier Mordkommission bearbeitet den Fall. Die üblichen Voruntersuchungen wurden eingeleitet, aber die dortige Ermittlungsleiterin hat, kurz bevor du kamst, Kontakt zu mir aufgenommen und gefragt, ob du dir das Ganze einmal ansehen und deine Einschätzung dazu abgeben könntest.«
»Warum?« Jan muss einfach nachhaken. Die Helsinkier Polizei wird doch bestimmt einen hervorragenden Job machen.
»Weiß ich nicht. Aber das werden wir bald herausfinden. Die Anruferin war eine gewisse Nurmi.«
»Heidi Nurmi?«, vergewissert er sich. Heidi ist die fähigste Ermittlerin, die er kennt. Was kann sie im Wald vorgefunden haben, das sie veranlasste zu glauben, die Unterstützung des KRP zu brauchen, und auch noch freiwillig um Hilfe zu bitten? Vielleicht hat sie ihn nur vermisst, denkt er belustigt.
»Genau die«, antwortet Jone. »Ich hätte gern, dass du zum Fundort fährst und dir einen Eindruck von der Lage machst. Ein ungeklärter Todesfall im Wald und ein junges Opfer, das hört sich nicht besonders gut an. In diesem Fall gibt es ein paar versteckte Alarmsignale, auf die ich mittlerweile schon ganz automatisch reagiere.«
Jan nickt. Ihm gefällt Jones Art, Tacheles zu reden. Erst jetzt betrachtet er seine neue Chefin genauer. Sie sieht fit aus. Braune Haare und hübsche Gesichtszüge, dezentes Make-up und kluge Augen. Am linken Ringfinger ein Doppelring, auf einem davon eine Reihe schlichter Diamanten. Zwischen vierzig und fünfzig, schätzt er, will sich aber auf keine genaue Zahl festlegen.
»Ich habe dir alle nötigen Infos schicken lassen, die wir bis jetzt haben. Mach dich gleich mit dem Fall vertraut«, sagt Jone, und Jan weckt seinen Computer mit einer Bewegung der Maus aus dem Stand-by auf.
»Seit dem Fund ist weniger als ein Tag vergangen. Der Tote wurde gestern am späten Abend in die Leichenhalle gebracht, aber die Spurensicherung untersucht den Fundort immer noch. Wir wissen bisher nur, dass es sich um eine männliche Leiche handelt, womöglich Opfer eines Gewaltverbrechens. Und das basiert hauptsächlich auf meinem Bauchgefühl. Der Leichnam hat höchstens ein paar Tage im Wald gelegen. Wir warten noch auf genauere Angaben.«
»Es besteht doch bestimmt Grund zur Annahme, dass jemand ihn mittlerweile vermisst«, kommentiert Jan.
»Die Daten der vermissten Personen werden bereits mit der DNA des Fundes verglichen.«
»Gut«, sagt er und sieht auf die Uhr. Sollte es sich um jemanden handeln, der erst kürzlich als vermisst gemeldet wurde, würden sie die Identität des Toten innerhalb weniger Stunden herausfinden. Er nimmt einen Schluck von dem bitteren Kaffee. Bitter wie der Gedanke an Mord. Das ist das Schlimmste, was finnischen Naturliebhabern passieren kann, denkt er. Ein junger Mensch wird tot in einem beliebten Erholungsgebiet gefunden. Was die Statistik anbelangt, handelt es sich bei jungen Männern in vier von fünf Fällen entweder um Selbstmord oder um einen Unfall aufgrund von Alkoholisierung.
»Wenn sich der Verdacht auf Mord erhärtet oder du auf etwas Ungewöhnliches stößt, werde ich Gespräche darüber führen, ob der Fall möglicherweise komplett an uns geht. Normalerweise werfen wir nicht nur kurz einen Blick drauf«, sagt Jone. »Wie ich erfahren habe, gab es auch schon im vorherigen Fall eine gelungene Zusammenarbeit mit der Helsinkier Polizei. Kannst du mir etwas mehr darüber erzählen?«
Jan sieht sie überrascht an. Nicht nur ist die neue Chefin direkt und redet Klartext ohne komplizierte Werturteile, sondern sie ist außerdem über den Erfolg seiner vorherigen Ermittlungen informiert.
»Zur Möglichkeit, wieder mit Nurmi von der Helsinkier Mordkommission zusammenzuarbeiten, sage ich nicht Nein«, antwortet er. »Mein Kollege Saki ist allerdings unersetzlich, und ich scheue mich nicht, um Hilfe zu bitten, wenn es möglich ist, weitere Ressourcen zu bekommen«, fährt er fort und wartet darauf, gelyncht zu werden. Es kommt aber nichts.
»Alles klar«, sagt die neue Chefin und sieht ihn an. »Ich habe keinerlei Bedürfnis, gut funktionierende Abläufe zu ändern. Das bleibt bitte unter uns, aber normalerweise ist es leichter, sich hinterher bei mir zu entschuldigen, als im Voraus meine Erlaubnis zu bekommen. Aber wenn die Sache nicht funktioniert oder ich das Gefühl habe, dass die Ressourcen falsch eingesetzt werden – ungeachtet meines Vertrauens –, bin ich ziemlich schnell bereit, alles über den Haufen zu werfen.« Ihr Lächeln entblößt ihre weißen Zähne.
»Ich verstehe«, sagt Jan und plant gedanklich bereits sein Vorgehen. Er muss sich mit dem neuen Fall und der Situation vertraut machen, sodass während der Voruntersuchung bei Bedarf zusammengearbeitet werden kann. Da das Helsinkier Dezernat für Gewaltverbrechen bereits mit den Ermittlungen begonnen hat, wird Jan sehr schnell Zutritt zum Tatort erhalten. Allerdings missfällt es ihm, sich einen unklaren Fall anzuschauen, bevor er überhaupt Ermittlungsleiter ist. Es bräuchte mindestens ein Indiz für eine vorsätzliche Tötung.
»Also, das mit dem Gewaltverbrechen«, sagt Jan, um zum Thema zurückzukehren, obwohl Jone das Gespräch bereits beendet hat. »Welche Anhaltspunkte haben wir, dass die tote Person Opfer einer Gewalttat wurde?«
Jone bleibt auf dem Weg zur Tür stehen und dreht sich auf dem Absatz um.
»Jeder Mensch, dessen Leben unerwartet beendet wurde, ist gewissermaßen einem schlimmen Schicksal zum Opfer gefallen«, erwidert Jone. »Aber in diesem Fall gibt es Dinge, die Verdacht erregen. Der Tote wurde mitten im Wald gefunden, und nirgendwo lagen Gegenstände, die ihm gehörten. Kein Rucksack, kein Zelt oder etwas anderes in der Art. Nichts, woraus man auf seine Identität hätte schließen können. Gesundheitliche Ursachen oder ein Selbstmord können noch nicht komplett ausgeschlossen werden, aber zum Zeitpunkt des Fundes lag die Leiche in einer sehr friedlichen Haltung auf dem Boden, weshalb ein Unfall nicht infrage kommt. Keine Schusswunden oder Messerstiche. Keine Würgemale oder sichtbare Spuren von Schlägen. Nichts.«
»Wirklich nichts?«, fragt Jan, um sicherzugehen.
»Momentan haben wir nichts – und genau das ist verdächtig.«
Kaj blickt auf seinen Terminkalender. Heute wird er in seiner Privatpraxis im Stadtteil Töölö drei Klienten empfangen, bevor am Ende noch eine Stunde Supervision auf dem Programm steht. Er leert sein Wasserglas und schaut aus dem Fenster seines Arbeitszimmers auf die schönen Häuserfassaden gegenüber und einen Ahornbaum. Das gedämpfte Rauschen des Verkehrslärms dringt herein. Wie oft ich diesen Ahorn schon angestarrt habe, denkt Kaj, steht auf und bringt sein Wasserglas in die Gemeinschaftsküche.
Während der letzten paar Jahre hat er seine Zeit zwischen der Praxis und gelegentlichen Hilfseinsätzen aufgeteilt. Die Profile, die er für das KRP erstellt hat, waren interessant, aber letztendlich ziemlich weit entfernt von dem, was er am liebsten tut: Menschen helfen. Für manche bedeuten die Termine bei ihm, am Leben zu bleiben, anderen verhelfen sie zu einem tieferen Leben. Kaj freut sich, wenn er konkrete Fortschritte sehen kann. Im besten Fall kann man sogar schon nach einer einzigen Sitzung eine Veränderung wahrnehmen, eine gewisse Erleichterung, wenn die Person ihre Gedanken teilen durfte und mit einem offeneren Geist wieder geht. Ein langfristiges seelisches Gleichgewicht kann allerdings jahrelange Arbeit erfordern.
Kaj sieht auf die Uhr, es ist zwei Minuten vor. Die nächste Klientin kommt gleich. Schon seit Jahren sagt man nicht mehr Patienten, sondern Klienten. Kaj geht zurück ins Sprechzimmer und hört, wie das Parkett knarzt.
Die junge Frau ist eingetreten, ohne zu klopfen.
»Die Tür war offen«, sagt sie schüchtern, und Kaj lächelt.
»Willkommen«, sagt er und schafft Raum für ein Gespräch. Die schwarzhaarige Frau mit schwarzer Lederjacke, schwarzer Jeans und weißem Strickpullover sieht nicht vom Boden auf, sondern geht schweigend auf die Sitzgruppe in der Mitte des Zimmers zu, auf die er weist, und trifft eine schnelle Entscheidung: Statt den Sessel zu nehmen, lässt sie sich auf das Sofa fallen und legt sich hin. Kaj wirft einen Blick auf das Notizheft in seinem Schoß. Eine neue Begegnung, eine leere Seite, die erste Sitzung.
»Was bringt Sie hierher?«, fragt er und streicht mit der Hand über das noch unberührte weiße Papier.
»Ich weiß nicht mal, ob ich hier richtig bin«, stammelt sie. »Aber ich kann nicht schlafen.« Dann schließt sie ihre schwarz umrandeten Augen und faltet die Hände im Schoß.
Kaj beobachtet, wie sie sich auf dem Sofa ausstreckt. In letzter Zeit hat er in seiner Praxis vor allem Essstörungen und Depressionen, diffuse Angstzustände und Fälle von Burn-out behandelt. Neugierig sieht er die neue Klientin an. Der menschliche Geist ist wie ein Eisberg, von dem an der Oberfläche nur sehr wenig zu sehen ist. Aber um tiefer in die Seelenlandschaft des anderen eintauchen zu können, braucht es Zeit und großes Vertrauen. Menschen sind besser darin, sich selbst zu schützen, als darin, sich zu öffnen.
Kaj schaut zum Tisch, auf den er eine Taschentuch-Box und zwei Wassergläser gestellt hat. Hier in der Praxis, in diesen vier Wänden, gelten nicht dieselben Höflichkeitsregeln wie außerhalb. Hier begegnet ihm jeder Klient als er selbst, ohne jegliche Schutzwälle oder Statussymbole. Wenn sonst nichts, bietet die Sitzung zumindest fünfundvierzig Minuten lang einen sicheren Raum, in dem man seine Gefühle ausdrücken und thematisieren kann, ohne dafür verurteilt zu werden. Hier darf man einfach nur man selbst sein.
»Hält die Schlaflosigkeit schon lange an?«, fragt Kaj und notiert sich: Klientin leidet an Schlaflosigkeit.
»Es wäre gut, wenn Sie zu Beginn etwas beschreiben würden, was Schlaflosigkeit für Sie konkret bedeutet«, präzisiert er. »Ein paar Stunden Schlaf, gelegentliches Aufwachen? Erheblicher Schlafmangel?«
»Es gibt Nächte, in denen ich gar nicht schlafe, und Nächte, in denen es ein paar Stunden sind, aber dann wache ich frühmorgens auf und kann nicht mehr einschlafen«, erzählt die Frau. »Ich schrecke immer wieder hoch.«
»Wie lange geht das schon so?«, fragt Kaj. Ihre Haut ist blass, aber ansonsten hat sich die Müdigkeit noch nicht auf ihr äußeres Erscheinungsbild ausgewirkt. Selten sieht man einem Menschen seine inneren Kämpfe an. Die meisten sind gut darin, all die Dinge, für die sie sich besonders schämen oder die an ihnen nagen, zu verstecken. Im Zimmer ist es still. Kaj nimmt an, dass die Frau nachdenkt, aber als sich die Stille ausdehnt, wird ihm klar, dass sie in eine Art Entspannungszustand verfallen ist.
»Wie lange hält die Schlaflosigkeit schon an?«, wiederholt er seine Frage.
Sie zieht sich ein Sofakissen unter den Kopf, rollt sich in Embryonalstellung zusammen und lässt ihren Blick durch den Raum schweifen.
»Mehrere Jahre, mindestens vier«, sagt sie leise.
Kaj beschleicht ein eigenartiges Gefühl. Es ist eine Ahnung, die noch jeglicher Grundlage entbehrt. Aber ihm kommt es vor, als wäre die sie umgebende Welt auf irgendeine Art und Weise zu viel für die junge Frau, als wäre sie zu ihm gekommen, an diesen sicheren Ort, um sich wenigstens für einen kleinen Augenblick ausruhen zu können. Kaj schüttelt den Kopf, versucht, die vorschnellen Interpretationen seines Gehirns beiseitezuschieben. Als Therapeut besteht seine einzige Aufgabe darin, offen zu bleiben, und nicht darin, voreilige Schlüsse zu ziehen.
»Ist in Ihrem Leben in letzter Zeit etwas passiert, was damit zu tun haben könnte?«, fragt er und gibt ihr den Raum und die Zeit, um in Ruhe und in ihrem eigenen Tempo zu antworten.
Träge setzt sie sich auf.
»Laut meiner Mutter date ich einen gefährlichen Mann«, sagt sie. Kaj zuckt beinahe zusammen, als ihre schöne weiche Stimme die Stille durchbricht. Große Rehaugen dominieren ihr schmales Gesicht.
»Und Ihrer eigenen Meinung nach?«, fragt er und sieht sie so freundlich wie möglich an. Er will sie nicht unter Druck setzen oder erschrecken. Sie soll selbst den Rhythmus des Gesprächs bestimmen.
Sie zuckt mit den Schultern und zieht die Ärmelbündchen ihres dünnen Wollpullovers aus der Lederjacke heraus. Mit den Handflächen tief in den Ärmeln hebt sie ihren rechten Arm und streicht sich eine schwarze Haarsträhne zurück hinter die Ohren. Dann zuckt sie erneut mit den Schultern.
»Am liebsten würde ich zuerst von ihm erzählen«, sagt sie, und Kaj sieht sie nachdenklich an. Die Klientin verstummt wieder, und er wirft heimlich einen Blick auf die Uhr. Sie stehen erst am Anfang, aber die Sitzung nähert sich schon dem Ende.
»Das hier ist Ihre Zeit«, versucht es Kaj noch einmal, stellt aber sofort fest, dass er gegen eine Wand läuft. »Sie dürfen natürlich gern alles erzählen, was Sie möchten, aber denken Sie daran, dass wir uns hier auf Sie konzentrieren.«
Die junge Frau geht nicht auf seine Worte ein, sondern starrt gedankenverloren auf das Muster von Kajs marokkanischem Teppich. Sie hat noch so gut wie nichts gesagt. Eine ruhige Kennenlernsitzung ist trotzdem ein erster Schritt, um gegenseitiges Vertrauen aufzubauen.
»Unsere Zeit ist jetzt leider zu Ende«, sagt Kaj.
»Na dann schaffe ich es nicht mehr, mit meiner Geschichte anzufangen«, sagt sie und untersucht ihre langen, schwarz lackierten Nägel. Ihre Augen sind jetzt zu Schlitzen verengt.
»Geschichte?«, fragt Kaj und versucht, ihren scheuen Blick aufzufangen. »Ich bin hier für Sie. Das nächste Mal, wenn wir uns sehen, versprechen Sie mir eins: Sagen Sie immer die Wahrheit. Hier brauchen Sie keine Geschichten zu erzählen oder sich zu verstellen. Ich bin an Dingen interessiert, die wahr sind«, sagt er sanft.
Ohne etwas zu erwidern, nickt die Frau, steht zaghaft auf und geht zur Tür. Dort hält sie allerdings inne.
»Ich mache bald einen neuen Termin aus«, sagt sie mit der Hand auf der Türklinke. »Aber … wenn ich wirklich die Wahrheit erzählen würde, würden Sie mir vielleicht nicht glauben.« Damit geht sie hinaus.
Ein guter Anfang, denkt Jan, während er locker die Treppe des Bürogebäudes hinunterjoggt. Sein erster Eindruck von der neuen Chefin ist neutral, fast schon positiv. Und er vertraut immer auf seine ersten Eindrücke.
Eine knappe Stunde später rinnt ihm der Schweiß in Strömen unter dem Radhelm hervor. Unermüdlich wischt er sich mit dem Ärmel das Gesicht ab. Nicht nur sind manche Kollegen der Meinung, er verbringe zu viel Zeit mit Außeneinsätzen, sondern ihm ist auch bewusst, dass es den ein oder anderen stört, wenn er während der Arbeitszeit Rad fährt. Das Wetter ist schön, und es fährt sich jetzt angenehmer als am Morgen. In einer geschotterten Bucht am Straßenrand bleibt er stehen und schaut sich auf seinem Navi die verbleibende Strecke und den genauen Zielpunkt an. Strahlend weiße Wattewolken bedecken den hellblauen Himmel. Auf dem Feld nebenan wurde schon mit dem Dreschen begonnen. Die Stoppeln leuchten goldgelb, aber am Straßenrand ist hier und da immer noch ein sattes Grün zu sehen. Jan lässt sein Santa Cruz langsam wieder anrollen und denkt darüber nach, was ihn am Ziel erwartet.
Im Stadtteil Viikki angekommen, nimmt er seine Trinkflasche mit dem Honig-Fitnessdrink aus der Halterung und leert sie komplett. Aufgrund des Schlafmangels ist sein Körper immer noch sehr behäbig. Nicht einmal die Energiezufuhr scheint ihn zu beleben. Mit dem Schwitzen ist es aber zum Glück gleich vorbei, sobald er in die kühle Luft des Waldes eintaucht. Jan schließt sein Fahrrad mit zwei Schlössern an einen robusten hölzernen Fahrradständer und wirft einen Blick auf den Baumstumpf neben den Wegweisern, in den Eulen und kleine Vögel geschnitzt sind. Dann schließt er für einen Moment die Augen und lauscht. Der Wind rauscht in den Bäumen, ansonsten ist es ganz still. Die Vogelkonzerte des Frühsommers sind vorbei. Bald wird der Blues des Vogelzugs beginnen, und der Himmel wird sich wieder mit Schwärmen füllen, die hoch oben Richtung Süden fliegen. Jan betrachtet die saftig grüne Natur. Auf dem Feldweg sind Reifenspuren zu sehen. Hier waren offensichtlich schon größere Gerätschaften im Einsatz. Aktuell parken noch zwei dunkle Fahrzeuge auf dem Weg. Eins davon erkennt er sofort: Heidis Pkw. Bereits nach gut zwanzig Metern erreicht er die Stelle, an der die Leiche gefunden wurde. Massive Bäume ragen hoch in den Himmel, und die Ecke des weißen Zeltes, das von der Spurensicherung aufgestellt wurde, spitzt zwischen den Bäumen hervor. Was hat diesen vorerst noch unidentifizierten Mann in den Wald der Altstadtbucht geführt? Und was hat ihn umgebracht?
In der Ferne bewegt sich etwas. Jan späht zum Zelt hinüber. Zwei Leute in Schutzanzügen durchsuchen die Umgebung des Fundortes immer noch nach möglichen Spuren. Während er auf die am Boden hockenden Techniker zugeht, denkt er über sein zwanghaftes Bedürfnis nach, am Ort des Geschehens sein zu müssen, im Einsatz. Es ist keine Entscheidung, sondern eine Berufung. Die einzige Art, wie er es schafft, einer Sache auf die Spur zu kommen. Den Gründen hinter der Grausamkeit. Nur wenige Dinge sind in der Praxis so, wie sie auf dem Papier scheinen. Die Landkarte ist nicht das Gelände. Jan ahnt bereits, wie die Einzelheiten des Falls bald in seinem Unterbewusstsein kreisen werden. Zu Beginn tauchen sie wahrscheinlich sogar in seinen Träumen auf. Sie prägen sich in sein Gedächtnis ein, und schon bald wird jedes noch so kleine Detail ein Eigenleben in seinem Kopf führen. Nach und nach werden sich die Informationsbruchstücke zu logischen Ketten zusammensetzen, die seine Gedanken schließlich zur Lösung führen. Die unerklärliche Informationsverarbeitung seines Gehirns funktioniert ohne bewusste Steuerung. Jan muss nur zuhören und auf seinen Instinkt vertrauen. Dieser erwacht nicht, wenn Jan nur im Büro sitzt und Berichte liest, sondern ist auf alle verfügbaren Reize angewiesen, auf Gerüche, Geschmäcker, Düfte und Farben. Die Atmosphäre am Tatort. Die kleinen Dinge, die man am Anfang kaum wahrnimmt.
Jan zieht sich einen weißen Schutzanzug über und schaut sich neugierig um. Sein stilles Inspizieren des Tatorts veranlasst die beiden Techniker in ihren ebenfalls weißen Schutzanzügen dazu, ihre Tätigkeit kurz zu unterbrechen. Er grüßt sie, dann setzen sie ihre Arbeit fort. Jan hebt das Absperrband und betritt gespannt den abgegrenzten Untersuchungsbereich. Jetzt sieht er den Fundort der Leiche aus nächster Nähe. Das tiefe Erdloch, das die Wurzeln hinterlassen haben. Ringsherum stehen zahlreiche Bäume, die den Boden mit ihren Nadeln bedeckt haben. Jan denkt darüber nach, dass er oft als rätselhaft abgestempelt wird. Er ist der Unglücksbote des KRP, dessen Ankunft oft das Schlimmste bedeutet: einen gewaltsamen Mord und den Beginn einer Hetzjagd.
Am Boden, ungefähr einen Meter vom Fundort entfernt, befindet sich ein Schuhabdruck, das Profil einer Sohle ist erkennbar. Die Stelle wurde markiert. Jan macht ein Foto davon. Er kauert immer noch auf dem Boden, als er eine Hand auf seiner Schulter spürt.
»Howdy.«
»Heidi«, antwortet er bereits, bevor er sich umdreht, um sie zu begrüßen. »Hast du angerufen, weil du mich vermisst hast?« Er grinst.
Heidi ist nicht nur die beste Ermittlerin, die er kennt, sondern sie ist auch wahnsinnig fit. Bestimmt trainiert sie doppelt so viel wie er. Er würde es niemals zugeben, aber vermutlich würde sie ihn schon allein beim Wettlaufen schlagen, wenn man sie gegeneinander antreten ließe. Aber das tut nichts zur Sache, denn bei Teamwork braucht man sich nicht miteinander zu messen.
Nachdem sie den Fundort und die Umgebung eine Weile gemeinsam unter die Lupe genommen haben, verlassen sie den abgegrenzten Bereich und schälen sich aus ihren Schutzanzügen.
»Hast du dich in der Sportart vertan?« Heidi deutet mit dem Kinn auf Jans Fahrradshirt, das unter dem Anzug zum Vorschein kommt. »Das hier ist nicht die Tour de France. Bestenfalls eine Mordstour, aber wir liegen schon in der ersten Etappe ziemlich zurück.«
»Ein Scheißwitz«, gibt Jan zurück. In seiner Stimme liegt all die Wärme, die er Heidi gegenüber im Laufe der Jahre angesammelt hat.
Und so stehen sie da, inmitten des wunderschönen Naturschutzgebiets, mit dem Wissen über dieses schrecklich unnatürliche Ereignis. Das Leben eines jungen Menschen wurde beendet. Irgendwo in der Umgebung läuft womöglich ein Mörder herum. Jemand, über den noch niemand etwas weiß. Jemand, der den Mann umgebracht hat, dann verschwunden ist und jetzt sie beide auf den Fersen haben wird. Beim Anblick von Heidis entschlossenem Gesichtsausdruck weiß Jan schon jetzt, dass sie erst ruhen werden, wenn dieser Fall gelöst ist. Es wird nicht mehr lange dauern, und sie werden auf demselben Wissensstand sein. Im Moment liegt dieser aber noch fast bei null. Nach wie vor sind die wesentlichen Fragen: Wer ist der Tote? Und was ist mit ihm passiert?
Sie verlassen den Fundort, und Heidi bleibt mitten auf dem Feldweg stehen.
»Dort drüben ist ein Vogelbeobachtungsturm. Steigen wir hinauf?«, fragt sie, und Jan nickt. Das ist eine gute Idee. Schweigend erreichen sie den Turm und erklimmen die steile Holztreppe.
»Wie ist es dir ergangen?«, fragt Heidi, als sie oben an der Brüstung lehnen und ihren Blick auf der malerischen Landschaft vor ihnen ruhen lassen. »Mit der Trauerarbeit und auch ansonsten«, fügt sie hinzu.
Jan denkt an seine Mutter, die er im Sommer verloren hat, und spürt sofort, wie eine Welle des Schmerzes über ihn hinwegrollt. Trotz allem ist es erleichternd, dass das Gewicht der Trauer ihn nicht mehr komplett hinunterdrückt. Hin und wieder bekommt er schon wieder richtig Luft.
»Ganz gut eigentlich«, sagt er. »Besser«, ergänzt er noch und geht davon aus, dass Heidi den Bezug auf die Zeit während der letzten Ermittlungen versteht. Auf den Hochsommer, als es am schlimmsten war. Nach wie vor trägt er einen grenzenlosen Schmerz in sich, Mutters Tod ist noch nicht besonders lange her. Es gibt Tage, an denen er seinen Verlust kurz vergisst, aber auch Tage, an denen er die Sehnsucht als harten Stich im Herzen und als lähmendes Gewicht im ganzen Körper spürt.
»Trauer braucht Zeit«, sagt Heidi und lächelt ihn aufmunternd an.
Sie betrachten weiter das weitläufige Schilfgebiet. Die Sonne funkelt auf der Wasseroberfläche, über ihnen ziehen Vögel ihre Kreise.
»Da sind wir wieder«, sagt Heidi und klopft nervös mit den Fingern auf die Brüstung.
»Da sind wir«, antwortet Jan.
»Dieser Fall ist irgendwie anders«, sagt Heidi halb zu sich selbst, halb zu Jan. »Da ist etwas, was ich noch nicht greifen kann, so als ob es viele mögliche Richtungen gäbe und trotzdem überhaupt nichts, wo man ansetzen kann. Wir können uns nicht einmal sicher sein, dass es sich um Mord handelt. Und trotzdem musste ich dich einfach kontaktieren. Diese Sache jagt mir irgendwie einen kalten Schauer über den Rücken. Was hier passiert ist, war definitiv kein Versehen.«
»Ich weiß, was du meinst«, erwidert Jan. »Darum wolltest du, dass ich herkomme, stimmt’s? Weil du vermutest, dass wir gerade das Werk eines Mörders entdeckt haben, der mit Kalkül vorgeht.« Er richtet sich auf und sieht Heidi erwartungsvoll an.
»Wenn der Mann ermordet wurde, können wir uns dann überhaupt sicher sein, dass er das erste Opfer ist?«, überlegt Heidi laut. »Ich weiß nicht. Deine neue Chefin scheint wachsam zu sein. Ich bin sehr gespannt, was die Obduktion ergeben wird.«
»Jone wirkte so, als wolle sie den Fall haben, wenn es auch nur den geringsten Anlass dazu gibt. In ein paar Tagen sind wir schlauer«, sagt Jan.
»Irgendwie macht mich dieser Wald nachdenklich. Die Natur und das Schutzgebiet. Hat der Ort irgendeine Bedeutung? Als ich hier entlanggegangen bin und der Spurensicherung bei ihrer Arbeit zugesehen habe, hat mich ein ziemlich starkes Gefühl überkommen. Inmitten all der Stille hat jemand eine Leiche hinterlassen. Außerdem gibt es noch eine Sache, die ziemlich merkwürdig ist.«
»Was denn?«, fragt Jan so schnell, dass er sie fast unterbricht.
»Es waren schon Tiere hier, aber laut den vorläufigen Informationen haben sie die Leiche überraschend unversehrt gelassen. Alle Körperteile sind noch intakt. Normalerweise nähern sich die Tiere einem Aas schnell, selbst so nah an Siedlungen. Manchmal tragen sie auch Teile der Leiche als Beute davon. Die Finderin hat erzählt, dass viele Krähen da waren, aber auch die haben nicht an dem Toten herumgepickt. Es ist, als ob …« Heidi verstummt und wendet sich Jan zu.
»Als ob was?«, fragt er.
»Es ist, als ob der Wald die Leiche in Besitz genommen und beschützt hat, anstatt sie zu zersetzen«, sagt sie, und Jan spürt, wie er trotz der Wärme Gänsehaut bekommt.
Saana führt die Gabel zum Mund. In der Küche ihrer Tante Inkeri duftet es himmlisch nach Melanzane. Saana nimmt noch einen Bissen, dann einen Schluck Rotwein und lächelt. Gleichzeitig überkommt sie ein Gefühl der Melancholie. Sie weiß nicht, wann sie nach diesem Besuch das nächste Mal hier sein wird.
»Schön, dass du noch mal gekommen bist«, sagt Inkeri kauend. An diese fürchterliche Angewohnheit hat Saana sich bereits gewöhnt.
»Du weißt doch, dass das mein liebster Ort auf der ganzen Welt geworden ist«, erwidert Saana lachend.
»Hast du schon entschieden, was du mit dem ganzen Material machst?«, fragt Inkeri und schiebt ihren leeren Teller beiseite. Mit einem warmherzigen Blick sieht sie Saana über den Tisch hinweg an.
»Ich habe auf der Fahrt hierher eine Entscheidung getroffen«, erzählt Saana und merkt, wie sofort die Begeisterung in ihr erwacht. »Ich will einen genau geskripteten Podcast aus dem Fall machen. Über die Morde im Königreich Hartola wurde mittlerweile so viel in den Zeitungen berichtet, dass ich aus den Artikeln zusätzlich zu meinen eigenen Erfahrungen viel Material für das Skript bekomme. Ich habe auch schon einen Namen für den Podcast. Er soll ›Brandmal‹ heißen.«
Ihre Tante nickt anerkennend.
»Weißt du noch, als ich im Sommer gesagt habe, dass du noch deine Geschichte finden wirst? Das hier hört sich stark danach an.«
Sie nehmen die Weingläser mit nach draußen und setzen sich in die Gartenschaukel. Saana schaut erst in den Himmel und dann zu ihrer Tante. Kleine, zarte Insekten fliegen herum, und über dem Rasen steigt langsam Nebel auf. Die Abendsonne spitzt hinter der Hausecke hervor und taucht alles in Gold. Inkeri stößt die Schaukel an.
»Ich denke, ich bleibe bis Samstag hier und schreibe das Skript für die ersten Folgen fertig. Nächste Woche teste ich dann im Studio die Aufnahme«, sagt Saana und nimmt einen Schluck von dem vollmundigen Wein. Er ist pflaumig und weich, und man spürt nicht, wie sonst so oft, die Trockenheit der Tannine an Zahnfleisch oder Gaumen.
»Ich will mich auch nach einem neuen Job umsehen.«
»Du wirst mir fehlen«, sagt Inkeri und spricht Saana damit aus dem Herzen. Im Laufe des Sommers haben sie sich wirklich aneinander gewöhnt.
»Du hast mittlerweile ja noch jemanden, der dir Gesellschaft leisten kann«, sagt Saana grinsend und deutet auf den Holzspalter und die Kreissäge, die während ihres Urlaubs vor der ockerroten Scheune aufgetaucht sind.
»Ach, Harri ist einfach nur Harri. In meinem Alter lasse ich mich von niemandem mehr in meiner Ruhe stören«, sagt Inkeri und spielt die Taffe, aber Saana bemerkt in ihrem Blick sofort eine neuartige Sanftheit. Harri ist im Spätsommer auf der Bildfläche erschienen und scheint schon jetzt einen Eindruck in dem strikt abgesteckten Einsiedlerrevier ihrer Tante hinterlassen zu haben. Auf der Treppe vor dem Haus liegen ein paar achtlos hingeworfene Arbeitshandschuhe neben ein paar riesigen Gummistiefeln.
»Essen wir noch Nachtisch?«, schlägt Saana vor. Sie hat pasteis de nata dabei. Sie stammen allerdings nicht aus Portugal, sondern aus dem Lidl im Einkaufszentrum Kamppi.
»Nein danke, aber iss du ruhig. Harri und ich verzichten seit Kurzem auf Süßes«, sagt Tante Inkeri, bevor ihr selbst klar wird, was sie da gerade gesagt hat. Saana lacht schelmisch. Scheinbar hat es die unabhängige Inkeri total erwischt.
Als Saana endlich aufhören kann zu lachen, gehen sie hinein und holen sich noch ein Glas Wein.
»Todesursache?«, fragt Jan an der Wand lehnend. Die weiß gestrichene Betonmauer fühlt sich selbst durch das T-Shirt hindurch kühl an. Joki beugt sich über die leblose Gestalt, ohne den Blick auf Jan zu richten. Heidi steht in der Mitte des Raums und beobachtet Joki gespannt.
»Es gibt vieles, was wir noch nicht wissen«, setzt Joki an. Die Neonröhre beleuchtet den bleichen Gerichtsmediziner. Seine Haut sieht aus wie eine dünne Membran, unter der sich die Blutgefäße wie bläuliche Würmer entlangwinden. Ari Joki ist der beste Gerichtsmediziner, den sie kennen. »Das stille Wasser«, wie er unter den Ermittlern schon seit Jahren genannt wird. Ein Mann mit trockenem Humor, der sich nicht scheut, tief zu graben.
»Keine Anzeichen von äußerer Gewalt«, sagt er. Jan nickt, und Heidi nähert sich zögerlich dem Obduktionstisch mit der Leiche.
»Auf Schädel und Knochen sind keine Spuren von Messerstichen oder anderen scharfen Gegenständen. Im Weichgewebe gibt es winzige blaue Flecke, aber nichts deutet beispielsweise auf Schläge hin. Wenn der Tote an einem Anfall gestorben wäre, dann würde ich annehmen, dass er sich verkrampft hätte und nicht in einer so friedlichen Position dagelegen hätte«, fährt Joki fort, und Heidi und Jan registrieren jede noch so kleine Nuance in seinen Aussagen. »Es wirkt fast so, als hätte er sich mit den Händen auf der Brust schlafen gelegt. Oder jemand hat ihn anschließend in diese Körperhaltung gebracht.«
Jan hört Joki zu und muss daran denken, wie viele Fälle sie schon gemeinsam analysiert haben. Trotzdem behandelt Joki jeden Fall, als wäre es der erste – systematisch und sorgfältig.
»Was ist deine aktuelle Schätzung, wann das Opfer gestorben ist?«, fragt Jan und blickt auf den Leichnam, der ihm nicht mehr wirklich menschlich vorkommt. Er gibt sein Bestes, um ihn als eine Art Filmrequisite zu betrachten und nicht als übel riechenden Toten.
»Es ist unmöglich, das auf die Stunde genau festzulegen, aber ich würde sagen, dass er am Freitag, dem 23. August, am späten Abend oder in der Nacht gestorben ist, möglicherweise war es also schon Samstag. Zwischen dem Todeszeitpunkt und dem Fund liegen knapp zwei Tage. Das Wetter war warm, es gab etwas Nieselregen und so gut wie keine Insekten«, sagt Joki. Während er spricht, hüpft sein Adamsapfel auf und ab. Jan findet, dass Joki schon immer etwas Vogelartiges an sich hatte. Er ist ganz offensichtlich ein Geier. Glatze, Hakennase, dünner langer Hals.
»Ein gesunder Mann, schätzungsweise erst zwanzig«, sagt Joki und reicht Jan mit seinen Gummihandschuhhänden eine Plastiktüte. Alles, was der Tote bei sich trug. Jan sieht sich den Inhalt an. Nur ein kleiner, trüb gewordener Silberanhänger an einem Lederband. Kein Handy, kein Geldbeutel oder Schlüssel.
»Er wurde nie operiert und hat auch keine Metall- oder anderweitigen Implantate. Nichts, woraus man mittels Patientenakte auf seine Identität schließen könnte. Seinen Zahnabdruck und seine DNA haben wir bereits genommen. Wir gleichen sie gerade mit den Daten einer Person ab, die am Sonntag als vermisst gemeldet wurde.«
»Alles klar«, sagt Jan knapp. Er will, dass Joki das Gespräch leitet.
»Eine der essenziellsten Fragen ist sicherlich, was den jungen Mann dazu bewogen hat, seine letzte Ruhestätte im Schutz der Bäume zu suchen. Am Fundort gab es keine Schleif- oder Transportspuren. Die Leiche ist intakt, unverletzt. Die Nägel sind sauber. Es wurden keine Quetschungen, Wunden oder signifikante Kratzer gefunden, die sie vor oder nach dem Tod bekommen hat. Die Spuren geben also keinen Grund zur Annahme, dass der Tote über den Boden geschleift wurde.«
»Stimmt«, sagt Jan. Bis jetzt wurde laut Spurensicherung nichts Außergewöhnliches im Wald gefunden, aber die Umgebung wird noch immer durchkämmt.
