BRATWURST ON MARS - Matthias Bieder - E-Book

BRATWURST ON MARS E-Book

Matthias Bieder

0,0
5,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Berlin in einer alternativen Realität. Nach einer Pandemie liegt Deutschland wirtschaftlich am Boden. Jonny, ein Punk und syrischer Flüchtling, lebt mit seinem Hund Bratwurst ziellos in einer Bauwagensiedlung. Doch sein Leben nimmt eine unerwartete Wendung, als eines Morgens die sprechende Ratte 385 versucht, Jonnys Käsebrot zu klauen. 385 stammt aus einem geheimen Labor und ist auf der Suche nach Professor Grisinsky, seinem Schöpfer. Denn 385 ist Teil eines perfiden Plans der Weltregierungen, den Mars zu besiedeln - mit genmanipulierten Ratten! Doch das Experiment geriet außer Kontrolle und die Ratten sinnen auf Rache. Sie schicken das Virus, mit dem die Menschen sie nach getaner Arbeit töten wollten, zurück auf die Erde...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



MATTHIAS BIEDER

BRATWURST ON MARS

Roman

Signum-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Das Buch

BRATWURST ON MARS

Die Ratte

Jonny

Der Professor

Meuterei

Ray-Ban

Infinity

Die Kugel

Alte Freunde

Search & Destroy

Schröder

Blut

Schlager und Gekrakel

Malibu

Abflug

Bimmelbahn

Geschenk für Mama

Ein nettes Fischrestaurant

Impressum

Copyright © 2025 by Matthias Bieder/Signum-Verlag.

Lektorat: Dr. Birgit Rehberg

Umschlag: Copyright © by Christian Dörge.

Verlag:

Signum-Verlag

Winthirstraße 11

80639 München

www.signum-literatur.com

[email protected]

Das Buch

Berlin in einer alternativen Realität. Nach einer Pandemie liegt Deutschland wirtschaftlich am Boden. Jonny, ein Punk und syrischer Flüchtling, lebt mit seinem Hund Bratwurst ziellos in einer Bauwagensiedlung. Doch sein Leben nimmt eine unerwartete Wendung, als eines Morgens die sprechende Ratte 385 versucht, Jonnys Käsebrot zu klauen.

385 stammt aus einem geheimen Labor und ist auf der Suche nach Professor Grisinsky, seinem Schöpfer. Denn 385 ist Teil eines perfiden Plans der Weltregierungen, den Mars zu besiedeln - mit genmanipulierten Ratten! Doch das Experiment geriet außer Kontrolle und die Ratten sinnen auf Rache. Sie schicken das Virus, mit dem die Menschen sie nach getaner Arbeit töten wollten, zurück auf die Erde...

BRATWURST ON MARS

Für Paulina und Julius

  Die Ratte

Mit einem unbarmherzigen Gleißen ging die Sonne über dem Dorf aus Bretterbuden, bunt bemalten Überseecontainern und Zeltverschlägen am Berliner Spreeufer auf, als Jonny ein Rinnsal Kotze aus dem Mundwinkel lief.

Von der gegenüberliegenden Seite des Flusses wummerten die Bässe aus dem Heinz und Erika herüber, einem der neuen halblegalen Elektroclubs in der Gegend – seit dem großen Niedergang war das Verlangen nach Hedonismus und Realitätsflucht gestiegen und in Ruinen und leerstehenden Lagerhallen hatte eine neue Kultur der Ausgelassenheit ihren Platz gefunden. Wie schon so oft in der Geschichte der deutschen Hauptstadt. Auf dem Wrack eines Schleppkahns, der als Chill-out-Area diente, versuchte ein derangiertes Hipster-Pärchen, unter dem Einfluss irgendeiner neuen Designerdroge Geschlechtsverkehr auszuüben.

Plötzlich tippelte etwas durch den mit Sperrmüll und selbstgezimmerten Möbeln eingerichteten Container, kroch durch die Berge von dreckiger Wäsche und leeren Konservendosen, kletterte aufs Bett und kitzelte die schnarchende Schnapsleiche kurz an der Nase.

»Bratwurst, bist du das?«, murmelte Jonny und fuchtelte schlaftrunken mit der Hand blind im Halbdunkel herum. »Lass mich pennen Bratwurst, wir waren doch grad erst draußen.«

Die Nacht war kurz gewesen, die Party am Lagerfeuer mit den anderen Punks, Obdachlosen und Aussteigern hatte wie immer kein Ende gefunden und es waren reichlich Bier und billiger Schnaps geflossen.

Doch jetzt saß irgendetwas auf seinem Gesicht und Jonny wusste, dass es nicht Bratwurst sein konnte. Sein Kopf fühlte sich an wie in einer Schraubzwinge und seine Zunge war so trocken wie ein toter Leguan, der in der Mittagshitze auf einem texanischen Highway von einem Lastwagen überfahren wurde. Mit größter Überwindung gelang es ihm schließlich, das rechte Augenlid zu heben.Das, was auf ihm saß, war ganz eindeutig nicht Bratwurst, sondern eine Ratte und sie knabberte genüsslich an einem Stück Käsebrot, das sie in ihren kleinen Pfoten hielt. Jonnys Frühstück, by the way.

Wie vom Blitz getroffen sprang der Punk auf und jetzt war auch Bratwurst wach. Mit grimmigem Bellen jagte der zerzauste Straßenköter die Ratte durch den Container, Bücher fielen aus dem Regal, Gläser gingen zu Bruch, aber der Nager war schneller. Mittendrin Jonny, in Unterhose, Sneakers und dem zerfetzten Rest eines Black-Flag-T-Shirts, der versuchte das Chaos zu überblicken. »Verdammt, Bratwurst, jag das Vieh aus der Bude und lass uns weiterpennen!«, schrie er. Die Ratte war inzwischen unter das aus Paletten zusammengezimmerte Bett geflüchtet und Bratwurst zog knurrend mit der Schnauze die Decke weg.

»Sag Deinem Köter, er soll mich in Ruhe lassen«, quiekte plötzlich eine Stimme unter den Brettern hervor.

Jonny starrte verdutzt auf das Bett. Entweder litt er durch die jahrelange Sauferei plötzlich an Halluzinationen oder die Ratte hatte gerade tatsächlich mit ihm gesprochen. Er atmete tief durch und guckte auf die geklaute Smartwatch an seinem Handgelenk. Es war der 8. August, Jonnys 29. Geburtstag, was ihm aber völlig egal war. Soweit schien also alles mit seinem Hirn zu stimmen. Bis auf die Tatsache, dass er jetzt anscheinend Ratten reden hörte. Der Hund sprang auf das Bett und schob seine sabbernde Schnauze unter die Matratze.

»Ich hab gesagt, pfeif den Kläffer zurück!«, quiekte es noch einmal, diesmal deutlich lauter. Jetzt guckte auch Bratwurst verwirrt und zog winselnd den Schwanz ein.

Weiß Gott, Jonny hatte schon viel erlebt in diesem Ghetto voller kaputter, verstörter und verlorener Seelen in der ohnehin schon völlig irre gewordenen deutschen Hauptstadt – und was war schon irre in Berlin? Die letzte schwere Welle der Vogelgrippe-Pandemie mit einer besonders aggressiven Variante des auf den Menschen übergesprungenen Virus, mehrere seit Jahren andauernde Kriege in Ost-Europa und Asien und die aus all dem resultierende explodierende Inflation hatten zu einer Wirtschaftskrise nie gekannten Ausmaßes geführt, so dass auch das soziale Netz des Staates irgendwann nicht mehr hielt.

Von den unzähligen Verlierern und Gefallenen waren einige auch auf das Brachgelände gespült worden, auf dem ursprünglich einmal ein neues Einkaufszentrum geplant war. Mehr als ein paar Betonpfeiler waren nicht errichtet worden, dann war die totale Pleite gekommen. Nun baumelte zwischen den grauen Blöcken eine Hängematte, in der ein ehemaliger Bankmanager schlief. Nachdem alles den Bach runtergegangen war, wollte er sich seinen Kindheitstraum vom Indianerleben erfüllen, hatte sein Tipi im Camp aufgeschlagen und lief nur noch mit Lendenschurz und Kriegsbemalung im Gesicht herum. Und einmal war ein pleitegegangener Vegan-Koch und Ex-Afghanistan-Soldat für ein paar Wochen bei Jonny untergekommen, der an einem schweren Kriegstrauma litt und jedem flüsternd erzählte, er habe in einer Höhle im Hindukusch von einem kleinen grauen Alien den Auftrag erhalten, die Menschheit zu retten. Aber einer sprechenden Ratte war Jonny noch nie begegnet, obwohl es in der Hüttensiedlung eine Menge Ratten gab. Schien ein interessanter Tag zu werden.

Bratwurst hatte sich inzwischen wieder gefangen und saß nun in Wachhund-Manier vor dem Bett, während Jonny sich fragte, ob der selbstgebrannte Schnaps von Igor, dem Ukrainer aus dem Zelt nebenan, nicht doch etwas mit seinem Verstand angerichtet hatte.

 »Äh, hallo. Bist du eine Ratte, oder was?«, rief Jonny vorsichtig in Richtung Matratze.

»Sag mal, wie besoffen bist du eigentlich«, zeterte die Ratte diesmal deutlich aggressiver aus ihrem Versteck zurück. »Seh ich vielleicht aus wie 'ne beschissene Katze, oder was? Und selbst wenn, hast du schon mal 'ne sprechende Katze gesehen?«

Jonny überlegte kurz, verkniff sich dann aber eine Antwort. »Okay, okay. Ich sag Bratwurst, dass er dich in Ruhe lassen soll, und dann kannst du rauskommen und wir können über alles reden.«

»Ich will gar nicht mit Dir reden, du Penner«, fauchte die Ratte. »Ich wollte nur Dein Käsebrot. Und wie kann man überhaupt seinen Hund Bratwurst nennen?«

Jetzt wurde es Jonny zu bunt. Mit einem Ruck riss er die Matratze vom Bett und schob die Paletten beiseite. Die Ratte flitzte hervor, sprang auf einen Stuhl, reckte sich und stellte sich wie ein Boxer auf die Hinterpfoten, die Krallen zu kleinen Fäusten erhoben. »Passt mal auf! Wenn Ihr Ärger wollt, könnt ihr den haben.« Bratwurst zog wieder winselnd den Schwanz ein.

»Du bist mir ja ein schöner Feigling«, schimpfte Jonny. »Lässt dich von so einem Rattenvieh einschüchtern.«

Inzwischen war wieder Leben in das Lager eingekehrt, draußen klapperte Geschirr und jemand sammelte die leeren Flaschen vom Vorabend ein, um sie am nächsten Supermarktautomaten gegen Lebensmittelgutscheine einzutauschen. Jonny spähte vorsichtig durch die Fensterluke und klemmte schließlich ein Handtuch davor. Er hatte keine Lust, seinen Nachbarn zu erklären, warum er sich hier mit einer Ratte unterhielt.

»Hör mal zu, ich will Dir doch nichts tun. Ich hab ja schon allerhand seltsames Zeug gesehen. Aber noch nie 'ne sprechende Ratte. Ich bin übrigens Jonny. Hast du auch einen Namen?«

Die Ratte drehte ihren Kopf zur Seite. »Ich heiße 385, wie man ja wohl unschwer erkennen kann.« Und tatsächlich, auf einer kleinen Blechplakette, die sie am linken Ohr trug, stand eine Identifikationsnummer – 385.

»Kommst du aus ´nem Labor, oder was?«, bohrte Jonny weiter nach und begann seine Bücher wieder ins Regal zu räumen, ohne seinen seltsamen Besucher dabei aus den Augen zu verlieren.

»So kann man das auch sehen«, zischte der Nager und strich sich dabei über die Barthaare. »Aber so genau willst du das gar nicht wissen, ist besser für dich und Deinen Hund.«

Jonny lehnte sich mit gespielter Gelassenheit an das Regal. »Und was hast du überhaupt bei uns gesucht?«

Er begann wieder weiter zu kramen, um etwas Ordnung in das Chaos zu bringen.

»Ich hatte Hunger«, rechtfertigte sich 385. »War die ganze Nacht unterwegs und hab seit Tagen nichts Richtiges zwischen die Zähne bekommen. Die Konkurrenz in dieser Stadt scheint ziemlich groß zu sein, wenn es um die Verwertung von weggeworfenem Essen geht. Tut mir leid wegen des Käsebrots. Ich muss jetzt auch wieder los, hab noch nen weiten Weg vor mir. Und die Zeit läuft mir davon. War nett mit euch.«

Sprachs und flitzte auf seinen kurzen, flinken Rattenbeinchen aus der angelehnten Tür des Wohncontainers.

Acht Jahre zuvor, Sierra Leone, Westafrika.Ein schwarzer Hubschrauber vom Typ Sikorsky »Black Hawk« taucht am Horizont auf, und noch bevor man ihn sieht, hört man schon von weitem das Knattern seiner Rotorblätter. Wie eine mächtige Libelle schwebt der Militär-Helikopter über der Landschaft, als suche er etwas. Schließlich dreht die Maschine ab und landet in einem ausgetrockneten Flussbett, unweit eines abgelegenen Dorfes. Als die Rotoren verstummen und der Staub sich legt, kommen neugierige Kinder herbeigelaufen. Die Türen des Hubschraubers öffnen sich und zwei Männer in schwarzen Overalls springen heraus. Schnellen Schrittes laufen sie auf das Dorf zu, die Kinderschar im Schlepptau. Am Dorfrand werden die Besucher schon von einem alten Mann erwartet, er hält etwas in der Hand. Es ist ein kleiner Käfig.

Der tiefe, karmesinrote Teppich aus feinster kasachischer Schurwolle dämpfte das Knarzen der schwarzen John Lobb-Broques, die Boris Gruschenko, seines Zeichens Erster Kommissar im Informationsministerium der Neuen Russischen Republik, an diesem Sonntagvormittag trug. Die Maßschuhe waren nagelneu, Gruschenko hatte sie gerade erst persönlich in London abgeholt und dementsprechend schmerzhaft war jeder seiner schnellen Schritte. Nicht gerade die passende Gelegenheit, um die 5000 Pfund teuren Treter einzulaufen, dachte sich Gruschenko. Denn eigentlich hatte er die Schuhe für eine Klassik-Matinee mit seiner Geliebten bereitgestellt. Doch die hatte er nun absagen müssen.

Der Apparatschik näherte sich seinem Ziel, einer riesigen, mit barocken Ornamenten verzierten Flügeltür, die von zwei Wachen in Galauniformen flankiert wurde. Die Schweißperlen auf seiner Stirn wurden immer größer, und Gruschenko umklammerte die Akte in seiner rechten Hand so fest, dass seine ebenfalls feuchten Finger Abdrücke darauf hinterließen. Als er schließlich die Tür erreicht und sich gegenüber den Wachen ausgewiesen hatte, schloss Boris Gruschenko für einen kurzen Augenblick die Augen und sagte sich selbst noch einmal die Worte vor, mit denen er das bevorstehende Gespräch beginnen wollte.

Dann wandte er seinen Kopf nach links, warf einen Blick durch das Fenster neben sich hinaus auf den sonnendurchfluteten Roten Platz und klopfte dreimal kurz.

  Jonny

»Ist das gerade wirklich passiert?« Jonny blickte nochmal verwirrt aus dem Fenster und streichelte seinem Hund Bratwurst über den Kopf, der nur leise winselte.Wie in Trance schaltete er den Wasserkocher für den Kaffee an, tastete nach dem alten analogen Radio auf seinem Fensterbrett, das permanent leise vor sich hin dudelte und drehte es lauter. Es liefen gerade die Nachrichten, offenbar irgendeine Sondermeldung:

»...Feuerwehr, Polizei und Rettungskräfte sind seit der Nacht im Großeinsatz. Glücklicherweise wurden bisher keine Verletzten gemeldet. Die Explosion ereignete sich kurz nach ein Uhr morgens und zerstörte große Teile des Hauptgebäudes. Das Ausmaß des Schadens ist noch unklar. Aus Ermittlerkreisen verlautete, dass es kurz zuvor eine telefonische Warnung gegeben habe und der Flughafen rechtzeitig evakuiert werden konnte. Bei verschiedenen Medien gingen Bekennerschreiben einer bisher unbekannten Terrororganisation namens Chaos contraVirus-Control ein. Der BER war 2020 nach jahrelangen Bauverzögerungen eröffnet worden. In den vergangenen Monaten war der Flugbetrieb wegen der wieder aufflammenden Pandemie erneut stark eingeschränkt worden, ob und wann er nach dem heutigen Anschlag wieder aufgenommen werden kann, ist noch völlig unklar.«

Jonny drehte das Radio wieder ab. Er hatte gar nicht richtig zugehört. Ihm ging das seltsame Erlebnis mit der sprechenden Ratte nicht aus dem Kopf.

»Das kann es jetzt aber auch nicht gewesen sein«, dachte er sich. 385 war auf dem sandigen Zufahrtsweg zum Aussteigerdorf schon ein gutes Stück vorangekommen, als Jonny hinter ihm wankend und winkend auftauchte und umständlich seine eilig übergeworfene Stoffhose zuknöpfte. »Hey, warte mal!«

Irgendwie mochte er den kleinen Kerl, der irgendeinen Plan zu verfolgen schien und dabei ziemlich verloren wirkte – und Jonny daran erinnerte, wie verloren er selbst manchmal war. Außerdem wollte er unbedingt mehr darüber erfahren, warum ein Tier plötzlich wie ein Mensch sprechen konnte.

»Ich weiß ja nicht, wo du hinwillst. Aber vielleicht kann ich Dir ja helfen. Auf Deinen kurzen Pfoten kommst du doch kaum voran.«

385 hielt kurz inne und drehte sich um. »Nee danke. Ich halte nicht viel von Euch Menschen. Und wie willst du mir überhaupt helfen? du kannst dich doch kaum selbst auf den Beinen halten, so besoffen wie du immer noch bist.«

Jonny bemerkte erst jetzt, dass ihm noch Kotze am Kinn klebte und wischte sie hastig mit der Hand weg. Bratwurst beäugte vom Bauwagen aus misstrauisch, wie sein Herrchen weiter auf das seltsame Vieh einredete.

»Hör mal«, sagte Jonny. »Berlin ist ein heißes Pflaster. Ich habe heute sowieso nichts zu tun.«

Eigentlich hatte Jonny nie irgendetwas zu tun. Aber aus einem unerfindlichen Grund fühlte er sich für seinen neuen Bekannten verantwortlich. Sein großes Herz und seine Hilfsbereitschaft, die ihm in der Vergangenheit schon eine Menge Schwierigkeiten eingebracht hatten, kamen wieder zum Vorschein.

»Wo willst du denn überhaupt hin?«, bohrte er stolpernd weiter.

»An einen Ort namens Adlershof«, antwortete die Ratte trotzig und hatte schon fast das Eingangstor des Geländes erreicht. »Zum Wissenschaftszentrum. Ich muss da jemanden treffen.«

»Bingo«, dachte Jonny und schimpfte innerlich mit sich selbst. »Das ist ja am Arsch der Welt.« Er blieb stehen und überlegte kurz, ob er sich wieder hinlegen sollte.

»Da brauchst du ja ewig hin in Deinem Tempo«, rief der Punk schließlich und schrieb die Rückkehr in sein bequemes Bett endgültig ab. »Ich habe 'ne bessere Idee.«

Die Ratte drehte sich um und hob neugierig den Kopf. »Und die wäre?«

»Wir fahren mit der Bahn!«

385 zögerte einen Moment, rannte dann aber plötzlich auf Jonny zu, sprang auf sein Hosenbein, kletterte an ihm hoch und setzte sich schließlich auf seine Schulter.

»Du hast keine Ahnung, worauf du dich da einlässt«, flüsterte ihm das Tier ins Ohr. In diesem Moment beschlich Jonny das ungute Gefühl, dass die Ratte womöglich Recht hatte – und er sich und anderen noch eine Menge Ärger einhandeln würde. Aber jetzt war es wohl zu spät.

Jonny war als Mitglied einer christlichen Minderheit in einem kleinen Dorf in der Nähe von Aleppo, Syrien aufgewachsen. Der Junge, der eigentlich Jamil hieß, nach seinem Großvater, hatte eine regelrechte Anziehungskraft auf Chaos und Unglück und zeigte schon früh ein Talent dafür, seiner Familie Kummer und Sorgen zu bereiten. Als hätten sie mit vier Mädchen und nur einem Jungen nicht schon genug davon, klagte seine Mutter damals gerne.

Mit sechs Jahren hatte Jamil den Hühnerstall der Nachbarn abgefackelt, mit acht ein paar Ziegen geklaut und bald darauf dem Sohn des Dorfvorstehers bei einer Schlägerei die Nase gebrochen. All diese Vorfälle wurden unter den betroffenen Familien mit Hilfe des Dorfältesten geregelt, verbunden mit einer Geldzahlung, die den jeweiligen Schaden wiedergutmachen sollte.

Aber bei den anderen Kindern des Dorfes war er auch als loyaler und hilfsbereiter Freund beliebt. Als ein älterer Junge ein Porträt des Machthabers Assad mit Schmähsprüchen und obszönen Kritzeleien beschmierte und dafür wegen eines bereits aktenkundigen Vergehens ins Gefängnis gekommen und wahrscheinlich gefoltert worden wäre, nahm Jamil die Schuld auf sich und erhielt, weil er noch viel jünger war, nur eine Verwarnung.

Doch nach einigen weiteren Vorfällen landete auch er schließlich vor einem Richter, der den Jungen in eine Erziehungsanstalt schickte, und sein Vater, der eine kleine Schlosserei betrieb, verabschiedete sich endgültig von dem Gedanken, dass sein einziger Sohn einmal das Geschäft übernehmen würde. Die Jahre in der staatlichen Einrichtung, weit weg von zu Hause, waren hart. Jamil erlebte Repressionen, Diskriminierung und Gewalt durch Erzieher und Mitschüler und litt unter Einsamkeit und Heimweh. Der Junge lernte zwar Disziplin und Selbstständigkeit und erhielt eine umfassende Schulbildung, die ihm bisher verwehrt geblieben war – sein Freiheitswille aber blieb ungebrochen.

Schließlich brach der Bürgerkrieg aus, und Jamil wusste, dass er lieber desertieren würde, als sich zur Armee zu melden. Denn dort hätte er gegen Freunde, vielleicht sogar gegen Familienmitglieder kämpfen müssen – in seinem Dorf hatten sich viele der Opposition angeschlossen. So packte er eines Nachts ein paar Habseligkeiten in den alten Wanderrucksack seines Großvaters, kletterte aus dem Fenster des Schlafsaals und machte sich auf den Weg zu seiner Familie. Tagelang war er unterwegs, musste sich in Wäldern und Ställen vor der Polizei verstecken, bis er seine Mutter nach Jahren der Trennung endlich wieder in die Arme schließen konnte.

Den Eltern war klar, dass ihr Sohn in der Heimat keine Zukunft mehr hatte, immer stärker wurden die radikalen Islamisten. Tränen liefen dem Vater über das Gesicht, als er seinen Sohn ein letztes Mal umarmte und ihm die Ersparnisse der Familie in die Hand drückte. Dann kletterte Jamil in den Kofferraum eines alten Mercedes, der ihn im Ruckeltempo an die türkische Grenze brachte, wo der junge Syrer einen Schlepper traf – der ihm das ganze Geld wieder abnahm. Wie Millionen seiner Landsleute machte sich Jamil auf eine Reise ins Ungewisse. Und tatsächlich: Nach Nächten voller Angst, entdeckt zu werden, nach einer gefährlichen Fahrt über das Mittelmeer, zusammengepfercht mit anderen Flüchtlingen in einem kleinen Fischerboot, und nach einer wochenlangen Odyssee durch Mitteleuropa erreichte Jamil endlich den Ort, der seine neue Heimat werden sollte.

Berlin, der Moloch, in dem man so schnell verloren gehen konnte, wenn einem nichts und niemand Halt gab.

In der Flüchtlingsunterkunft, einem riesigen Hallenkomplex auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof, hielt es Jamil jedoch nicht lange aus: zu viele Menschen auf zu engem Raum, zu viele Sprachen, die er nicht verstand.

Und so machte sich der Junge aus dem Dorf bei Aleppo auf die Suche nach dem freien, unbeschwerten Leben im Westen, das ihm der alte Röhrenfernseher im elterlichen Wohnzimmer immer vorgegaukelt hatte. Auf seinen nächtlichen Streifzügen durch die riesige Stadt entdeckte er schließlich ein baufälliges aber bunt bemaltes Haus, in dem Menschen lebten, die sich wie er nicht an starre Regeln halten wollten, die die Freiheit liebten und die ihn mit offenen Armen bei sich aufnahmen. Hier gab es eine ganze Menge anderer Flüchtlinge, auch wenn sie nicht vor Krieg oder einer Diktatur davongelaufen waren. Sie hatten den beengten Verhältnissen in ihren Dörfern und Kleinstädten oder der Intoleranz und dem Unverständnis ihrer Familien den Rücken gekehrt.

Der junge Mann aus dem fernen Land fand neue Freunde und wurde schnell in die Retro-Punk-Szene aufgenommen. Die harte, kompromisslose Musik gefiel ihm, und irgendwann nannte man ihn nicht mehr Jamil, sondern Jonny. Wie Johnny Ramone, nur dass das h verloren ging, als er sich zum ersten Mal mit seinem neuen Namen auf der veganen Lederjacke eines Mitbewohners verewigte.

Doch nach einigen Jahren war es auch mit dem lockeren, anarchistischen WG-Leben in dem kunterbunten Haus vorbei. Die Razzien der Hygienepolizei häuften sich, und immer wieder flogen Steine und Brandsätze gegen die Hauswand und durch die Fenster, weil militante Verschwörungstheoretiker glaubten, die Pandemie sei von einigen der Bewohner eingeschleppt worden.

Schließlich landete Jonny also mit seinem treuen Hund, den er als Welpen gegen einen Kasten Bier eingetauscht und auf den Namen Bratwurst getauft hatte – als sich herausstellte, dass er kein Fleisch mochte – in einem alten Schiffscontainer am Spreeufer.

Der öffentliche Nahverkehr in Berlin hat seine eigenen Regeln. Während man in vielen anderen Städten der Welt nach dem Kauf einer Fahrkarte eine Schranke passieren muss, um auf den Bahnsteig zu gelangen, halten die Verkehrsbetriebe in der deutschen Hauptstadt unbeirrt an ihrem traditionellen, aber antiquierten System fest: Es gibt keine Sperren beim Betreten des Bahnhofs. Man vertraut blind darauf, dass die Fahrgäste brav eine Fahrkarte kaufen, die zudem von Jahr zu Jahr teurer wird. Doch dieses Vertrauen ist schnell verflogen. Sobald die Passagiere im Zug sind, werden sie von oft zwielichtigen und aggressiven Kontrolleuren herausgefischt und mit einer Geldstrafe abgezockt, falls sie es drauf angelegt und doch kein Ticket gelöst haben. Was viele angesichts der grassierenden Armut und Arbeitslosigkeit zwangsläufig taten.

Doch jedes System ließ sich mit ein paar Tricks umgehen, erst recht für Menschen wie Jonny, die am Rande der Gesellschaft lebten und jeden Tag irgendwie über die Runden kommen mussten. An vielen Berliner Bahnhöfen standen Obdachlose oder andere Verirrte und bettelten die ankommenden Passagiere um ihre noch gültigen Fahrkarten an, die sie entweder weiterverkauften oder in elektronischer Form für sich nutzten.

So lungerte Jonny mit der Ratte auf der Schulter und Bratwurst an seiner Seite vor dem S-Bahnhof Warschauer Straße im ehemaligen Ostteil der Stadt herum und quatschte freundlich grinsend die paar Leute an, die an diesem Sonntagmorgen mit der Bahn fuhren. Wohlhabende Touristen, übernächtigtes Partyvolk, Rentner auf dem Weg ins Grüne.

»Äh, halllooooo, brauchst du zufällig Dein Ticket noch? Kannste mir auch als Screenshot aufs Handy schicken...« Das Spiel war immer das gleiche. In der Regel bekam Jonny erstmal die üblichen Standartantworten: »Wurde mir geklaut«, »Such Dir nen Job«, »Hab selbst keins.« Da aber vor allem Fremde oft Tickets kauften, die ohnehin länger galten als benötigt, hatte er meist schnell Glück. Und weil junge Berlin-Besucher in der Gegend frühstücken gingen oder in den nächsten Club weiterzogen, kam das Glück diesmal besonders schnell.

Zwei dunkelhaarige Mädchen in Hotpants und ziemlich knappen, bauchfreien T-Shirts hopsten wie zwei aufgekratzte Elfen die Treppe vom Bahnsteig hinunter auf den Vorplatz. Und quatschten als erstes Jonny an. »Entchuldigung.« Offensichtlich Spanierinnen. »Wo ist Berghain?«

»Ick aklär Euch, wos Berghain is, wenn Ihr mia Eua Ticket jebt«, nuschelte Jonny noch immer leicht angetrunken. Jonny wusste, welche Rolle er zu spielen hatte. Touristen wollten echte Berliner treffen, die richtig berlinerten und keine anderen Touristen, die in der Stadt hängen geblieben waren. Den Berliner Slang hatte er sich schnell von seinen einheimischen Hausbesetzer-Kumpels angeeignet und sein dunkler Teint fiel in der Multi-Kulti-Hauptstadt nicht weiter auf.

»Aba Ihr seid eindeutig nich schwul jenuch um da rinzukommen«, ergänzte der Punk, doch die Mädels glotzten ihn nur verständnislos an. Was er ihnen verschwieg: Der Kult-Club war längst pleite und zu einer Notunterkunft für obdachlos gewordene Pandemieopfer umfunktioniert worden. Da die beiden Elfen offensichtlich in ihrem Lonely Planet vom Ticketbrauch gelesen hatten – und dass man doch bitte die armen Einheimischen und Freigeister in Berlin unterstützen solle – drückten sie Jonny ihre noch gültigen Papiertickets in die Hand, als wären diese eine Opfergabe, mit der sie ihre durch Sex und Drogen hoffnungslos verdorbenen Seelen an diesem von Oma und Opa finanzierten Easyjet-Wochenende in Berlin wieder reinwaschen könnten.

Das war das Schöne an dieser Stadt, bei all dem Dreck, der Hektik und dem täglichen Kampf ums Überleben. Irgendwie kam man hier immer klar und machte damit manchmal sogar noch jemanden glücklich. Und so saßen Jonny, Bratwurst und 385, die sprechende Ratte, an diesem Sonntagmorgen in der Berliner S-Bahn auf dem Weg an den Rand der Hauptstadt und in ein unbekanntes Abenteuer.

  Der Professor

Etwa zur gleichen Zeit, rund 397 Millionen Kilometer entfernt, rollte ein kleiner Forschungsroboter im Schritttempo über den rotbraunen, felsigen Boden der Valles Marineris, eines gigantischen Grabenbruchsystems entlang des Mars-Äquators. Die Solarzellen in Richtung Sonne ausgerichtet, die Parabol-Antenne auf den Satelliten im Orbit des Planeten.

Mühsam kämpfte sich das kleine Raupen-Fahrzeug auf seinem vorprogrammierten Weg voran, als vor ihm plötzlich eine silbrig schimmernde Halbkugel von der Größe eines Kleinwagens auftauchte. Automatisch fokussierten die Kameras des Rovers und begannen, die Umgebung und das Hindernis aufzunehmen.

25 Minuten später erreichten die Bilder per Funk das Kontrollzentrum in Pasadena bei Los Angeles. Und lösten dort ein mittelschweres Erdbeben aus.

»So, jetzt rede mal Tacheles mit mir«, raunte Jonny, während die S-Bahn durch Berlin rumpelte, vorbei an heruntergekommenen Plattenbauten und leerstehenden Industrieruinen. Es musste ja nicht jeder im Zug mitbekommen, dass er sich mit der Ratte unterhielt, die auf seiner Schulter saß. Obwohl, ehrlich gesagt, es hätte wahrscheinlich auch niemanden interessiert. »Was willst du draußen in Adlershof und warum zum Teufel kannst du überhaupt sprechen?« Die Ratte kniff die kleinen Äuglein zusammen.

»Willst du das wirklich wissen? Denn wenn ich es Dir jetzt erzähle, kommst du aus der Sache nicht mehr raus.«

»Nun red schon«, drängte Jonny, ohne sich auch nur im Entferntesten vorstellen zu können, worauf er sich da einließ. Bratwurst, der die ganze Zeit neben seinen Füßen gedöst hatte, hob müde ein Augenlid, spitzte die Ohren und guckte sein Herrchen ängstlich an.

»Na dann, dann hör mal gut zu...« wisperte 385 in Jonnys Ohr.

Die Geschichte, die 385 seinem menschlichen Begleiter auf der Bahnfahrt erzählte, begann an dem Tag, als der Militär-Hubschrauber vor dem Dorf in Sierra Leone landete. Der Inhalt des Käfigs, den der alte Mann bei sich trug, war der Grund, warum die Männer in den Overalls eine sehr weite Reise auf sich genommen hatten. Es war eine Ratte.

»Mein Großvater! Er stammte aus der Zucht eines afrikanischen Gauklers, der besonders gelehrige Ratten dressierte und ihnen Kunststücke beibrachte. Mein Opa war ein Ausnahmetalent, trainiert auf das Lösen von mathematischen Aufgaben. Er konnte mehrere Zahlenreihen addieren, subtrahieren und multiplizieren und das richtige Ergebnis anzeigen, indem er mit Ziffern bemalte Holzwürfel zusammenschob. Mit der Nummer traten sie auf Märkten und vor Touristen auf.«

Die S-Bahn hielt in einem menschenleeren Bahnhof. Nur ein dürrer Mann in einem hautengen schwarzen Latexanzug stieg ein, in der Nase trug er einen riesigen Metallring, an dem eine Kette hing. Das andere Ende der Kette baumelte wiederum an einem Haken, der in Höhe des Bauchnabels am Anzug befestigt war. Außerdem hatte er eine Art Atemmaske vor dem Mund, die offenbar eher als Fetischaccessoire, denn als Schutz vor Krankheitserregern diente.

»Tach zusamm«, grüßte der Gummi-Typ in das Abteil hinein und setzte sich schließlich ein Stückchen weiter auf eine Bank. Jonny fiel auf, dass seine Füße in rosa Plüschsandalen mit Flamingoköpfen steckten.

Plötzlich klingelte ein Handy, das der Gummimann umständlich aus seinem engen Outfit friemelte und in das er schließlich hineinbrüllte: «Ja,Mutta! Ja,hier is Gerd...Nee ick kann nicht jetze kommen, ick fah in den Streichelzoo. Ja, STREICHELZOO! Nee, nich mit Tieren. Dit is son Sextreff. Da is Frühschoppen heute. Warum du mich so schlecht vastehst? Ick hab 'ne Maske uff! Ick komm dann am Nachmittach zum Kuchn vorbei. Also tschüüüüs!«

Jonny hatte sich kurz von dem Spektakel ablenken lassen, aber jetzt wandte er sich wieder 385 zu. »Du bist also so 'ne Art Zirkusratte?«

»Nee, nee«, konterte der Nager leicht genervt. »Wenn es hier nur um Zirkus ginge, dann hätte ich mich nicht auf den weiten Weg zu Grisinsky gemacht.«

---ENDE DER LESEPROBE---