Braunschweig via Paris - Ida Bauer - E-Book

Braunschweig via Paris E-Book

Ida Bauer

0,0
3,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Geht es Dir auch wie Ann-Kathrin? Gehst Du jeden morgen lustlos zur schnöden Arbeit, bist erschreckenderweise immer noch Single und sehnst Dich nach einem charismatischen Kerl an Deiner Seite? Nach einer Zeit mit viel Spaß, Alkohol, Partys und Freunden kommt wider Erwarten plötzlich Mr. Right aus einer ganz anderen Richtung angeritten wie vermutet. Doch Aschenputtel trampelt lebhaft von einem Fettnapf in den nächsten und kann nicht glauben, dass sie vom Himmel mit solch einem Mann beschenkt werden soll.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 330

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Ida Bauer

Braunschweig via Paris

Ida Bauer

Braunschweig via Paris

Aschenputtel und der Franzose

Impressum

Text: © 2021 Copyright by Ida Bauer

Umschlag: © 2021 Copyright by Ida Bauer

Verlag und Druck:

Tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN Taschenbuch: 978-3-347-39534-3ISBN e-Book: 978-3-347-39536-7

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.dnb.de abrufbar.

Dieses Buch widme ich allen Frauen, die nicht richtig an die Liebe oder an sich selbst glauben wollen. Wenn Ihr es zulasst, hält das Leben viele Überraschungen für Euch parat. Des Weiteren dürfen es selbstverständlich auch humorvolle Männer lesen, die über sich selbst lachen können und etwas über das für sie unverständliche Denken des weiblichen Wesens erfahren möchten.

Ich bedanke mich von ganzem Herzen bei all meinen Freunden, die mich zum Schreiben ermutigt, unbewusst inspiriert und mir viele Steilvorlagen auf einem Silbertablett serviert haben. Ein großer Dank geht an die Männer, die mich eine Zeitlang in meinem Leben begleitet haben und an denen ich wachsen durfte…Ihr seht, ich habe es mit Humor getan

Der Buchinhalt ist etwas aus dem Leben gegriffen, etwas hinzu geschummelt, teilweise auch etwas übertrieben. Jedoch lässt sich ein roter Faden nichtleugnen

Braunschweig via Paris

1

Januar 2011

Dies war mal wieder einer „dieser“ Tage…Meine Laune war nicht grade ekstatisch und dann habe ich mich auch noch bei Tine zum Haare machen verabredet. Manchmal kotzt mich dieses ganze „ich-muss-wie-eine-Frau-ausse-hen“ bis aufs Äußerste an. Wer sagt eigentlich, dass Frauen ständig frisch gecremt, gepeelt, rasiert, top gestylt und gut frisiert rumlaufen müssen? Hat das irgendjemand mal im Deutschen Gesetzbuch niedergeschrieben? Warum dürfen nur Männer den ganzen Tag in Wohlfühl- oder Arbeitsklamotten rumlaufen? Und dabei zum Teil auch noch so was von rattenscharf aussehen? Warum, warum, warum bin ich eigentlich kein Stehpinkler???

Eins weiß ich auf jeden Fall – im nächsten Leben werde ich ein Mann! Ich werde einen Penis mit fünf (in unseren Kreisen „funf“ ausgesprochen) cm Durchmesser haben, aussehen wie eine Mischung aus George Clooney, Brad Pitt und dem, der in der Serie „The Mentalist“ spielt (Herrgott nochmal, mir fällt der Name nicht ein, na Ihr wisst schon, der messerscharfe blonde Typ, der Gedankentraining macht). Des Weiteren besitze ich von Geburt an ein betonhartes Bindegewebe, bin mit spätestens 16 sterilisiert, habe die tolle Bundeswehrzeit durchlaufen mit allem was dazu gehört und dann auf die Menschheit zugelassen worden. Und flugs gelingt es mir alles wegzuballern, was mir als Mann so übern Weg läuft…Ich werde meinen Samen überall verstreuen, ohne auf Alimente verklagt werden zu können, endlich wissen wie sich ein männlicher Orgasmus anfühlt und auch noch als Held dastehen. Verdammte Seuche… wird das ein gigantisches Leben.

Aber es ist halt erst das Nächste – jetzt bin ich noch Ann-Kathrin Lander, weiblich, 42 Jahre alt, Single, Raucherin, im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, Hunde- und Katzenbesitzerin mit einer Vorliebe für Süßes in Schokoladenform. Zu meinem Leidwesen muss ich gestehen, da sich die „Sex-Handles“ in Hüfthöhe schon zu einem etwas größeren Rettungsring formatieren und die Festigkeit der Haut mehr an ein ausgeleiertes Schlüppa-Gummi erinnern. Ich habe wirklich schon mal probiert, mir bei einer Tiefenhypnose die Lust auf Naschereien weghypnotisieren zu lassen…da würde ein Mann niiiiiiiemals draufkommen.

Der würde sich allenfalls auf ein Bierchen mit dem besten Kumpel treffen, das Problem eventuell, wenn überhaupt, kurz anschneiden und dann weiter machen wie bisher. OHNE ständig die Angst zu haben, dass er einfach zu Scheiße und fett aussieht, um noch ne Tussi zu ergattern. Ich glaube insgeheim, dass die Männer schon im Mutterleib ein Gen mitbekommen, der uns Frauen einfach verwehrt wird. Wie dem auch sei…heute ist heute und ich bin immer noch ne Frau.

Also mache ich mich nach dem Gassi gehen fertig und fahre zu Tine. Ohne ersichtlichen Grund komme ich schon ein winzig angepisst dort an. Tine begrüßt mich wie immer ein wenig unterkühlt. Nicht weil sie mich nicht mag, sondern weil sie einfach so ist. Manchmal hätte ich gerne eine Achtel Portion ihrer Contenance Erscheinung…nur um auch bedarfsmäßig bei den Kerlen enorm Eindruck zu schinden und über meine burschikose Art hinweg zu trösten.

<<Guten Morgen meine Liebe<<, begrüßt sie mich an Tür.

<<Guten Morgen>>, erwiderte ich und ging durch in den Flur, <<Ist Janka schon da>>, frage ich. Nur kurz zum Verständnis: Janka ist meine Kollegin, kommt aus Polen, hat dort das Studium der Friseurlehre abgeschlossen und schneidet Haare nur noch zum Nebenverdienst. Weil sie Möpse hat wie zwei spanische Galonen wird sie auch liebevoll Titti gerufen. Und sie ist auch diejenige, die statt fünf halt funf sagt…Polin halt. Somit hat sich dieser Begriff für einen in unseren Augen adäquaten Schwanzdurchmesser ergeben.

Ich war noch nicht ganz in der Küche angelangt, da klingelte es auch schon an der Tür. Titti kam wie immer vollgepackt und auf Stöckelschuhen rein geschlittert.

<<Guten Morgen allerseits>>, begrüßte sie uns beide und stellte dabei schon ihre Taschen ab. Nachdem sie uns bebusselt hatte, machte ich Druck, damit sie mir die blöde Farbe aufs Haupt auftrug, denn Tine hatte noch zwei Damen zur Hair-Session eingeladen und meine streichholzkurzen blondierten Haare brauchten immer besonders lange, um die Farbe anzunehmen. Außerdem wollte ich nicht den ganzen Tag damit verplempern, mich schön zu machen für nichts und wieder nichts. Also, ich meine damit nicht, dass ich es nicht auch für mich tue, aber es ist zu Hause niemand, der sagt <<Mensch, siehst du wieder geil aus heute! Komm her, du kleines Luder, ich nehme dich gleich im Flur.>>

Somit fing Titti endlich an, die Blondierung aufzutragen, währenddessen sich Tine mit den beiden Nachkömmlingen unterhielt. Ich war heilfroh, als ich endlich die Scheiße aufm Kopp hatte und anfing „schön“ zu werden. Der Nachteil daran war – nun war mir totenlangweilig. Tine bot mir an, so lange an ihren Laptop zu gehen und ich war erleichtert, die Zeit im Internet tot schlagen zu können. Das Ding fuhr grade hoch, als Tine plötzlich ausrief: <<Ich muss Dir unbedingt was zeigen…Hab mich bei einer Singlebörse angemeldet und ich log Dich da mal mit meinen Daten ein…Dann kannste ein bisschen rum schnökern.>>

Gesagt, getan und dann kam auch diese übliche Begrüßungsmaske. Was suche ich, wen suche ich, wie alt suche ich, welche Penisgröße suche ich (nein Quatsch, obwohl es schön wäre, wenn die Frage gleich mit beantwortet werden würde, dann kauft man nicht die Katze im Sack) bla bla bla. Naja, ich gebe zu, die Penisgröße stand nicht da, aber grade die wäre ja wohl relevant gewesen.

Was interessiert es mich, ob der Typ gerne Rad fährt, jedoch andererseits impotent ist oder einen Schwanz wie ein Ohrstäbchen besitzt? Okay, okay, Schwamm drüber. Ich gab also ein – suche Mann, zwischen 38 und 45 in der Nähe von Braunschweig und ZONG, ratterte das Ding los. 99 Prozent davon waren sogar mit Bild! Nun heißt es – aufgepasst Ann-Kathrin.

Setz dich ruhig hin und schau Dir die einsamen Singlemännerherzen genau an! Vielleicht ist doch das Traumprinzchen dabei und nicht nur Weicheier, Luschen und Lappen. Interessiert scrolle ich mit der Maus schön langsam von oben nach unten und dann auf die nächste Seite. Bei Seite 5 werde ich schon ein bisserl ungeduldig, weil die Kerle entweder aussehen wie ne Karre Mist oder Anforderungen haben, das Germanys Next Topmodell ein Scheiß dagegen ist. Was denken die eigentlich wer sie sind??? Markus Schenkenberg oder Tom Cruise? Haben die keine Freunde, die auch mal sagen – Mensch Junge, guck doch in den Spiegel. Du kannst keine Pamela Andersson erwarten!

Ach Scheiße, denk ich mir. Was soll`s, du wolltest dir ja sowieso nur die Zeit vertreiben, also erwarte nichts. Tja und dann kam Seite 7…der Typ war erst so gar nicht mein Ding, ich muss jedoch straffrei gestehen, dass ich zweimal zurück klickte. Beim zweiten Mal las ich mir sein Statement durch und da regte sich doch tatsächlich was in meiner Herzgegend.

 

Er schrieb folgendes:

Ich suche eine gefühlvolle, herzliche, hübsche Frau um gemeinsam ohne Altlasten neu durch zu starten und mit der ich meine grenzenlose Liebe teilen kann.

Ich sage es gleich im Vornhinein – scherzhafte Zuschriften haben keine Chance bei mir.

Und nun an alle diejenigen, die es ernst meinen…

Ich bin ein Typ mit kesser Lippe und viel Humor…

mein Lebenssinn besteht darin, nicht alles zu schwer zu nehmen,

sondern heiter und locker den Alltag zu meistern, ohne den Ernst der Lage zu ignorieren.

Meine Hobby`s sind Tanzen gehen, Spaziergänge, Urlaub in fremden Ländern, lesen, Freunde treffen und Spaß haben. Des Weiteren bin ich sehr tierlieb und sehe zu, immer vorurteilslos meinen Mitmenschen gegenüber zu treten. Was ich aus tiefsten Herzen verabscheue ist Intoleranz, Ungerechtigkeit, Zickerei um ans Ziel zu gelangen, unkonstruktive Streitereien und Lügen.

Ich bin ein Freund der ehrlichen Worte, gebe bereitwillig, mag Liebkosungen, die von Herzen kommen und küsse für mein Leben gerne. Doch nach was ich mich aus tiefstem Herzen sehne, ist die weibliche Wärme, die von Innen kommt und die Zuneigung, die man jemandem entgegenbringt, den man aufrichtig liebt. Ich wünsche mir nach langer Zeit wieder mal liebenswürdig zu Hause empfangen zu werden und meine seelischen Empfindungen teilen zu dürfen.

Vieles, was ich hier aufgezählt habe, macht logischerweise allein keinen Spaß oder ist rein ergonomisch nicht möglich.

Wenn Du dich von mir und meinem Statement angesprochen fühlst und der Meinung bist, wir könnten das angestrebte Ziel gemeinsam erreichen, dann melde Dich doch bei mir.

Bis dahin verbleibe ich mit den herzlichsten Grüßen

Marcel

Wie der schrieb…WOW, da ging jeder Muschi der Schlitz auf. Das kann der doch nicht allein zustande gebracht haben. Soviel Gefühl und Ehrlichkeit besitzt doch kein Schwanzträger! Ich meine, also was ich sagen will…Puh, es war wirklich, wirklich nicht von dieser Welt. Und wenn ich das schon sage, das soll was heißen.

Was mache ich mir denn für`n Kopp, ich dusslige Kuh. Der hat bestimmt nen schwulen Kumpel oder eine beste Kumpeline, mit der er das in einer 48stündigen Marathonsitzung ausklamüsert hat. Mein Innerstes weigert sich strikt dagegen, zu glauben, dass sowas aus einer testosterongeschwängerten Hand kommen kann.

<<Huch>>, quietschte plötzlich Tine neben mir, <<der schreibt totaaaal schön nä? Ich hab sein Statement auch gelesen und er sprach mich total an damit.>>

Erschrocken und auch ein wenig ertappt, schaute ich sie an.

<<Den hier? Du hast mit dem geschrieben?>> und zeige mehr wie erstaunt mit dem Finger auf sein Bild.

<<Ja habe ich, jedoch nicht viel. Der war irgendwie komisch, als ich ihn um ein Treffen bat und danach habe ich nie wieder was von ihm gehört.>>

Wie jetzt??? Hab ich zu viel Blondierung auf der heißen Schädeldecke oder wat is hier los?

<<Du wolltest Dich mit dem hier treffen und das hat nicht geklappt>>, frage ich unglaubwürdig. Ich hätte nie, nie, niemals gedacht, dass ich und Tine den gleichen Geschmack bei Männern gehabt hätten.

<<Ja, ich wollte mit ihm auf den Weihnachtsmarkt, aber er meldete sich nicht mehr darauf hin. Der Kontakt ist total abgerissen.>>, antwortete Tine mir.

Hm, ist ja auch etwas komisch, das er erst schreibt und wenn es ans Eingemachte geht, zieht er den Schwanz ein, denke ich mir so. Egal, wie dem auch sei, ich klicke dann doch einfach weiter und schaue mir weiter die angebotene männliche Ware an.

Was Besonderes haut mich hier nicht aus den Schuhen, man gut, dass ich nichts erwartet hatte, dann wird man nämlich auch nicht enttäuscht (manchmal bin ich für eine Blondine aber auch sehr klug und weise).

<<Ann-Kathriiiin, Haare ausspülen>>, schrie mir Titti aus der Küche herüber.

<<Jaaa, mache ich>>, rief ich zurück, loggte Tine wieder aus ihrem Account, fuhr den Hobel runter und begab mich auf dem Weg ins Bad. Die anderen Tussi`s waren soweit durch, also konnte ich gleich Platz nehmen zum Schneiden. Wir unterhielten uns währenddessen nicht viel, weil ich es immer so unheimlich abkonnte, wenn jemand an mir rum puhlt. Egal ob es die Friseurin ist oder der Masseur, sobald irgendwer sich meiner Haut oder Haare widmete, halte ich die Fresse. Mir würde es auch keineswegs passieren, dass ich beim Rücken kraulen einschlafen würde. Ich meine – wenn es schon mal einer macht, dann genieße ich es und zwar solange, bis derjenige freiwillig aufgibt. Was würde ich bloß für schöne Gänsepellen verpassen, wenn ich dabei einschlafe? Nee nee nee, das gibt’s bei mir nicht.

Zurück in der Küche, hingen meine Gedanken doch ab und zu bei dem Statement von…äääh…wie hieß der doch gleich? Verdammter Mist, jetzt lese ich einmal sowas hammerscharfes und ich frischblondierte Pissnelke vergesse den Namen. Ich krame gedanklich in den letzten Ecken meines kleinen weibischen Hirns rum und werde fündig – der Benutzername war „bengel66“ und unterschrieben war mit Marcel. Ich erwische mich dabei, über seinen Nachnamen rum zu fantasieren. Das mache ich nämlich immer sehr gerne um zu schauen, ob mein Vorname dazu passt, gegebenenfalls man würde mal heiraten. Also im Prinzip nur weise Voraussicht, ich meine, Ann-Kathrin Loch würde sich zum Beispiel in meinen Augen nicht so gigantös anhören.

Nur der Gedanke daran, ich werde irgendwo ausgerufen: „Frau Loch, bitte dringend an der Information melden“. Ich würde im dem selbigen Nächstbesten versinken, aber bestimmt nicht zur Information gehen, pah…um nichts Geld in der Welt tue ich mir so eine Blamage an.

Wie wäre es denn mit Wagner? Das hört sich so schrecklich schön gediegen an. Oder Ambrosia? Klingt so schön exotisch. Es geht gar nicht anders, ich muss definitiv bis zum meinem Tode heiraten, um nicht als Ann-Kathrin Lander zu sterben. Hört sich immer etwas bäuerlich dieser Nachname, allein schon, wenn man das „R“ hinten weglässt und ein „I“ hin packt, hat man ein „Landei“.

So`ne ganz-winzig-kleine Zelle in meinem Hinterhaupt meldet sich per Fingerzeig zu Wort und meint, das ich ihn doch anschreiben könnte.

Waaas, ich soll ihn kontaktieren??? Sofort verweise ich diesen ekelhaften kleinen Gedanken des Hirns. Ich mach mich doch nicht zum Horst bei einer dieser beschissenen Singlebörsen. Schon allein deshalb nicht, weil alle meine Freunde wissen, dass ich von solchen Dating Portalen nichts halte. Es gibt doch nichts Schöneres, als das persönliche Kennenlernen mit allem Drum und Dran.

Wenn man aufgeregt ist wegen dem ersten Satz, weil man eh nichts Gescheites rausbekommt, mit dem angenehmen Bauchgefühl, wenn er dich länger als 3 Sekunden anschaut und beim dritten Mal hin gucken auch noch grinst. Als besonderer Bonus läuft dir ungewollt der Schweiß an der Kimme entlang und unter den Achseln zeichnen sich unschöne kreisrunde Flecken ab, währenddessen man verbissen versucht, unauffällig die Schweißperlen von der Oberlippe zu lutschen und nicht daran denkt, dass man just in diesem Moment aussieht, wie ein frisch gepökeltes Schweinchen.

Ach Mädels, sind wir alle mal grundehrlich zu uns selbst - es ist doch das was wir haben wollen. Wir möchten erobert werden, und zwar auf eine bezaubernde, lustige, stilvolle Art und Weise, quasi mit charismatischem Niveau und zwar so, wie wir es uns nur in den schönsten Träumen vorstellen können. Oder wie Richard Gere in Pretty Woman…ich meine, welcher Gentleman erobert heutzutage noch eine Hure??? Die Kerle kriegen es ja noch nicht mal bei uns „Normalos“ geschissen. Die sind alle unglaublich unlocker und wenn wir sie ansprechen, ist bei den meisten das Höschen nass. Ach, was waren das noch für geile Zeiten, als ein Mann noch ein Mann war. So`n Cowboy zum Beispiel…der ritt wochenlang mit na Fluppe im Mundwinkel durch die Prärie, ohne sich die Eier wund zu reiben, dann fing er nebenbei noch ein paar wilde Mustangs mit dem Lasso ein, brachte noch ne Bande Banditen um, die seine Familie belästigte und vögelte zu guter Letzt noch sein Weib durch. DAS waren noch MÄNNER!!!

Zwischenzeitlich war Titti fertig mit der Schneiderei an meinem frisch blondierten Haupt. Tine und ich rauchten noch eine letzte Fluppe zusammen und dann machte ich mich auf den Heimweg. In meiner Birne kreisten die Gedanken um Marcel, Marcel, Marcel…er hat echt schöngeschrieben, denke ich mir so. Und dein Foto hat mir auch gut gefallen.

Was tue ich denn nun? Schreiben oder nicht schreiben? Melden oder nicht melden? Weiter Single bleiben und es unversucht lassen oder risikoreich eventuell ne Abfuhr kassieren? Fragen über Fragen. Als ich daheim ankam, begrüßte mich mein Hund Filou schwanzwedelnd (wenigstens einer, der es tut) und forderte auch gleich seinen Spaziergang ein. Wir zwei machten uns auf den Weg und auch auf dem Feld dachte ich immer wieder drüber nach, ob und was ich als Nächstes tun würde. Pah, was hatte ich eigentlich zu verlieren? Das irgendein Pimmelchen sagte: “Nee, Ann-Kathrin, du bist nicht mein Ding“? Damit könnte ich leben. Doch wenn er sagen würde – Herr Gott noch mal, hast du nen dicken Arsch…DANN hätte ich starkes schwerwiegendes Problem…und zwar mit meinem Ego und meinem Arsch. Ich will nicht selbstverliebt wirken, dennoch bin ich weder die Hässlichste noch die Schönste. Ich bin einfach ich und auf meine Art wunderschön…basta!

2

Mit diesen Argumenten im Kopp ging ich frohen Schrittes nach Hause und fuhr auch gleich den Computer hoch. Wie war der Name dieser verkackten Single-Date-Seite? Scheiße, Scheiße, Scheiße…ich will deswegen nicht Tine anrufen und fragen. Die denkt wahrscheinlich wieder nur, dass ich chronisch untervögelt bin. Ich meine, bin ich ja auch. Da gibt’s nichts dran zu rütteln. Wann war nochmal der letzte gute vollzogene befriedigende Geschlechtsverkehr?

Auch da muss ich wieder in meinen letzten Hirnzellen rumkramen und die Spinnweben von der Schublade „SEX“ entfernen. Im Hinterköpfchen stellt sich ein Lied aus den 80`zigern ein…BAP – verdammt lang her, verdammt lang. Gibt’s doch gar nicht, das so`ne scharfe Schnecke wie ich es bin, monatelang nicht richtig durchgebumst wird. Also ein gutes halbes Jahr ist es mit Sicherheit schon her und das war mit meinem Ex (der es mir besser besorgen konnte, als ich selbst…jaja, Mädels, sowas lebt auch auf diesem Planeten). Apropos selbstmachen…da hab ich auch kein Bock mehr drauf. So ein Dildo ist recht schön und ich hab auch vier zur Auswahl, aber so oder so fehlt da was. Niemand, der dir vorher sinnlich die Zunge in den Rachen hängt und an deinen Brustwarzen saugt, knabbert und zutscht. Niemand, der dich streichelt als wärst du die einzige, wunderschönste, begehrenswerteste Frau auf diesem Planeten Erde. Niemand, der wenn`s zur Sache geht, zu dir sagt – dreh dich um, ich ficke dich jetzt von hinten richtig durch. Niemand, keiner, nada, niente…

Ein Dildo kann nicht reden, er hat keine Hände und keinen Mund, um dir dreckige Sachen ins Ohr zu flüstern. Deshalb werde ich auch nie verstehen, warum manche Männer so einen „toten“ Schwanz als Konkurrenz ansehen. Man kann ihn doch als Pärchen einwandfrei mit ins Liebesspiel mit einbeziehen. Ich meine, da kriegt „Mann“ doch auch einen ganz anderen Blickwinkel zwischen den Schenkel der Frau, wenn er das Ding in der Hand hat.

Naja, wie dem auch sei. Der Name der Homepage fiel mir immer noch nicht ein…also erst eine paffen. Ich geh raus auf die Terrasse und nehme zwei herrlich intensive Züge von der Kippe, die genauso qualmt wie mein Hirn. Irgendwas mit kiss…aber was? Kiss the frog war es nicht. Kiss the lips auch nicht. Menschenskino, hab ich Alzheimer oder was? Streng dich an und konzentrier dich. Nachdem in meinen kleinen Zellen einen Tritt in den Arsch gegeben und gebetet habe, war sie da…die Antwort auf mein Gebet – DANKE lieber Gott. Kippe aus und ran an den PC. Bedächtig tippte ich auf meiner Tastatur www.kiss-mr-right ein und wartete auf den Seitenaufbau. Juppie, alles richtig gemacht Frau Lander. Rigoros gehe ich auf die Suchfunktion und gebe „bengel66“ein und ZACK – da issa, grins.

Ich kanns nicht sein lassen und lese mir alles nochmal durch. Weil`s sooo schön ist. Wo hat der bloß das Schreiben gelernt? Die Worte gehen runter wie Öl und wieder verspüre ich dieses Gefühl, das er meine Gedanken kennt und aufgeschrieben hat.

Mitten ins Herz…plopp…und ohne kitschig zu wirken.

Ich meine, da können sich die restlichen 99,9999% aller Männer nen Scheibchen, ach was sage ich, ne ganze Scheibe von abschneiden.

Egal jetzt, ich suche den Button, damit ich ihm eine Nachricht zukommen lassen kann. Ah ja, da unten und so schön in Grün gehalten. Auch für Blonde nicht zu übersehen. Aber vorher soll ich noch ein Profil erstellen, sonst kann ich ihm nicht schreiben. Grrr, wie ich das hasse!!! Also gut. Ich füge mich äußerst widerwillig, fülle nur das Nötigste aus und ein Foto stelle ich auch nicht rein. Will selbst hier nicht angebaggert werden, sondern nur diesen einem Typen etwas schicken. Okay fertig! Nun den grünen Button suchen und dann geht’s ab. Ich klicke drauf und zack steht schon vorgeschrieben da: Lieber bengel66…

Na, dann mal nichts wie los. Hm, was schreibe ich denn mal? Hallo Unbekannter? Hi Frauenversteher? Moin, Du Herr der Poesie? Hallöchen Popöchen? Ach Scheiße…wieso fällt mir denn nichts Abgefahrenes ein, was mich meilenweit von den anderen Tussis abhebt? Etwas, was ihn gleich ausm Schlüppi kloppt. Etwas, das seine Reaktion beim Lesen gleich ins unermesslich-positive-unwiderstehliche-Ann-Kathrin-Universum befördert. Etwas, was ihn gleich wissen lässt…DIESE Frau will ich haben. Meine Gedanken drehen sich im Kreis und mir wird schon selbst schwindelig davon. Das kann doch nicht so schwer sein, einem Dreibein ein paar nette Worte zukommen zu lassen. Also los jetzt Miss Notgeil, reiß dich zusammen und lass deiner Fantasie freien Lauf, ermuntere ich mich selbst. Gehen wir mal ganz klassisch vor, so wie der schreibt, wird er draufstehen.

Also…“Lieber Marcel…ich habe vorhin durch Zufall dein Statement gelesen und mir lief es gleich lauwarm am Bein runter…“ Fucking Bullshit, das muss er ja nicht gleich wissen. Ich streiche den letzten Teil des Satzes widerwillig. Nochmal…“Lieber Marcel…ich habe vorhin durch Zufall dein Statement gelesen und war ganz bekleistert“. Nee, bekleistert ist auch Shit. Stattdessen schreibe ich „begeistert“. Ja, ditte hört sich jut an. Also weiter so Ann-Kathrin. „Du hast meine Gefühle in Worte gefasst, auf Papier gebracht und ich war total gerührt“. Ist das nicht zu dick aufgetragen? Ich lass das erst mal so, wer weiß, was ihn so antörnt. Außerdem beschließe ich, vorerst die anständige Schiene weiter zu fahren…macht sich immer „Schwiegertochter-Like“. „Vielleicht hast Du ja Lust, mich kennen zu lernen. Herzliche Grüße Ann-Kathrin“. Jo, das reicht fürs Erste, nun ist er am Zug. Lese das ganze selbstverständlich nochmal auf Rechtschreibfehler durch (die ja megapeinlich wären, getreu nach dem Motto –blond und blöd) und klicke selbstbewusst auf Senden…und wech isse. Die Sendebestätigung war eine Sekunde später da und meine Zweifel auch. Wie dämlich bin ich eigentlich???? Nun bin ich schon so dermaßen chronisch untervögelt und so verzweifelt, das ich auf einer von mir verhassten Singleseite mich nem Dreibein anbiete, tz tz tz tz. WIE tief kann man sinken, wie tief??? Ich widme mich schnell Filou, um die Sache in meinem Kopp mit Nichtachtung zu bestrafen. Es ist eh zu spät, mein Kumpel Ingolf würde sagen – der Lachs ist gebuttert, der Rasen ist gemäht, der Drops ist gelutscht.

Dementsprechend handelnd gebe ich mich hingebungsvoll einem Raufspiel mit Filou hin und springe danach unter die Dusche, um meinem wöchentlichen „ich-pflege-mich-auch-ohne-Mann“ Ritual hinzugeben. Es wird gepeelt, rasiert und gecremt inklusive Mani- und Pediküre. Ich fühle mich danach wieder unwiderstehlich sexy, extrem geil riechend, aber leider immer noch ungevögelt. Mit großem Bedauern stelle ich fest, dass mein Leben so interessant ist, wie das einer kolumbianischen Nacktschnecke. Aufregend wie das einer amerikanischen Sumpfschildkröte. Erlebnisreich wie das einer Dreifinger-Faultiers im Regenwald. Mir ist langweilig und ich will sexeln…mit Liebe natürlich. Anständig ausgedrückt – ich wünsche mir eine Beziehung inklusive befriedigenden Geschlechtsverkehr mit einem 5cm - Durchmesser -Dreibein, der in mich genauso verknallt ist, wie ich in ihn. Das Ganze selbstverständlich in großer Harmonie lebend, mit viel Humor und abwechslungsreich.

Ach, wenn es doch endlich mal passieren tun täte…Den Samstagabend verlebe ich wie so häufig abseits des erquickenden Lebens allein auf meiner Couch. Ist schon echt deprimierend, wenn alle um einen herum liiert sind und selten Zeit für ne scharfe Braut wie mich haben. Außer mein anderer Kumpel Sören, der ist auch Single und alleinerziehender Vater. Deshalb kann er nur alle zwei Wochen auf die Piste gehen. Fällt also auch flach. Im Schlafanzug, Puschelbademantel und immer noch von einem betörenden Duft umgeben, ziehe ich mich mit Filou aufs Sofa zurück und zappe durchs Fernsehprogramm. Wie immer läuft nichts, was mich aus den Socken haut. Erst zu späterer Stunde zappe ich durch Zufall auf diesen Handpuppenmann. Ich konnte sonst nicht über sowas lachen, aber dieser Typ hat das so geil gemacht, dass selbst ich lachen musste. Leider ging die Stunde viel zu schnell vorbei und ich ging die letzte Fluppe auf der Terrasse rauchen, während Filou ein letztes Mal seine Blase im Garten entleeren durfte. Zähne putzen und ab in Bett. An Schlaf war noch nicht zu denken, mein Hirn verselbstständigte sich abermals wegen „bengel66“. Das übliche Spielchen – was wäre, wenn… Ich glaube, dieses Gen haben auch nur wir Frauen. Sämtliche Variationen spielte ich unbewusst ab. Was ist, wenn er der Hammer ist? Was ist, wenn er der Looser ist? Was ist, wenn er nen Buckel hat? Was ist, wenn sein Schwanz nur nen Durchmesser von 2,5 hat? Was ist, wenn er ausm Mund riecht? Oder unter den Achseln? Was ist, wenn er weiße Socken zu schwarzen Schuhen trägt? Was ist, wenn seine Hose Hochwasser hat? Was ist, wenn…über so viel „wenn`s“ schlief ich schließlich erschöpft ein und träumte einen meiner wildesten Träume. Näheres will ich hier momentan weglassen, da die Geschichte sonst nymphomanische Züge annehmen würde und ich mich in ein völlig falsches Licht rücken würde.

3

Am nächsten Tag wachte ich völlig vernudelt von diesen irren Träumen auf. Ich fühlte mich, als wenn ich der Rasen auf einem Panzertruppenübungsplatz gewesen wäre. Filou war das natürlich völlig egal, der wollte Gassi und die Katze wollte fressen. Also rappelte ich mich widerstrebend hoch, fütterte Cleo, tätigte eine kleine Morgentoilette und zog mich danach an. Ich war noch nicht ganz auf dem Feldweg angekommen, da ging mir Marcel schon wieder durch den Kopp. Das darf doch wohl nicht wahr sein, dass der Typ jetzt schon mehr Zeit in meinem Kopp verbrachte wie ich selbst. Resolut versuchte ich, meine Gedankengänge in andere Richtungen zu steuern. Was sich als sehr schwierig rausstellte, aber nicht als unmöglich. So schlurfte ich also tot müde und körperlich sehr unentspannt übers Feld und beneidete wie so oft Filou, der mit seiner täglichen guten Laune sich an allem erfreute, was die Natur so hergibt. Es sei denn, wir treffen einer seiner „besten“ Freunde, dann ist Polen offen. Aus dem einstmals so freundlichen, liebenswerten und ach so süßen Hund wird eine zähnefletschende beißgierige Mutantenbestie. Ich bin immer wieder erstaunt, wie in so einem kleinen Hundekörper zwei so unterschiedliche riesige Seelen wohnen können. Sollten doch Ähnlichkeiten zum Frauchen bestehen? Er ist wie ich Zwilling vom Sternzeichen her. Nee, ich bin nicht so unausgeglichen und kann den Menschen doch sehr tolerant begegnen. Noch darüber nachdenkend kam ich daheim an, gab Filou sein wohlverdientes Fressen und machte mir ein kleines Frühstück – also Kippe und nen Glas Cola.

Muss damit auch unbedingt aufhören, weil die Hosen zum Verrücktwerden kneifen und nur vom Jammern wird ja bekanntlich nicht dünner. Morgen…Morgen trinke ich bestimmt statt Cola einen Tee und die Fluppe lass ich weg.

Voller Enthusiasmus fuhr ich den Laptop hoch und loggte mich bei kissmrright ein. Wo sind denn hier die verschissenen Posteingänge? Ach ja, hier habe ich ihn und zack – NICHTS… Hä??? Dem schreibe ich gestern sowas Nettes, überwinde all meine Ängste und dann…NICHTS? Arschloch, Wichser, Flachzange. Der weiß wohl nicht zu schätzen, wenn er angenehme Post bekommt! Beruhige dich Ann-Kathrin, es ist früh am Morgen, der hat das bestimmt noch nicht mal gelesen. Sanft fahre ich meinen Atem wieder runter, normalisiere meinen Blutdruck und versuche an was Schönes zu denken…was Schönes…was ist denn gegenwärtig schön? Sex? Kann nicht sein, hab ja keinen. Viel Geld? Geht nicht, hab ja keins. Job? Der ist Bullshit. Verdammt nochmal, es wird doch wohl was Schönes in meinem Leben geben, an was ich jetzt denken kann. Etwas Feuchtes legt sich auf meinen Schenkel und ich schaue runter in Filous wunderschöne rehbraune Augen, der das mit sofortigem Schwanzwedeln begrüßt. Okay, da habe ich was Schönes und brauche nichts mehr suchen. Ich logge mich also wieder aus und verbringe die nächsten Stunden damit, Papiere zu sortieren und das zweite Mal Gassi zu gehen. Es ist nun später Nachmittag…eigentlich könnte ich nochmal gucken, ob er geantwortet hat. Eigentlich! Noch nicht zu Ende gedacht und schon ran ans Läppi, eingeloggt und Posteingang und…

Jaaa, er hat geantwortet, freu freu freu… krieg fast nen Milcheinschuss vor Glückseligkeit. Was schreibt er denn so? Ah ja, hier stehts ja…

“Liebe Ann-Kathrin…ich freue mich sehr, dass Dir mein Statement gefallen hat. Ich habe sehr lange dafür gebraucht, um das in Worte zu fassen, was ich fühle. Doch nun zu Dir – magst Du mir nicht ein Foto schicken? Du hast leider keins auf deinem Profil und mich interessiert es schon sehr, wie die Frau aussieht, die den Mut hatte, mir zu schreiben. Bis dahin liebe Grüße Marcel“.

DAS kann ER mal ganz gepflegt abfurzen. Ich schicke dem doch kein Foto zu, wer weiß, was der damit macht. Wenn der mich hässlich findet, dann lacht er sich mit seinen Kumpels bestimmt bei einem Männerabend über mich dusslige Kuh tot und setzt mich danach bei YouTube mit dem Motto – „blond, alt, verzweifelt sucht“ rein.

Andererseits – ich würd`s nicht anders machen, muss ich zu meinem Leidwesen gestehen. Hm, nun gut nachgedacht Superwoman, wie mache ich es am besten, ohne zu viel von mir zu offenbaren? Ich habs…vor langer Zeit habe ich mit meiner Freundin Nina aus Berlin ein Fotoshooting gemacht und da waren ein paar etwas andere Bilder dabei…naja, wie soll man sagen? Witzfotos? Ulknudeln? Unzurechnungsfähige Tussibilder?

Anders kann man wohl schlecht erklären, wie Fotos im Bademantel, verschmierten Lippenstift und Kajal, Kippe im Hals, geknotetem Kopftuch mit integriertem Kochlöffel und Gummistiefel zustande kommen. Wenn er Spaß versteht, dann nimmt er mir so eins nicht krumm und ich bleibe noch etwas inkognito.

Muss ich mal fix die Festplatte dran klemmen und eins raussuchen. Gesagt, getan. Ich wählte eins vorm Herd stehend und im Kochpott rührend, mit verschmierten nuttenroten Lippenstift, König der Löwen Bademantel, Kopftuch und die vermeintliche Fluppe James Dean mäßig im Mundwinkel hängend. „Jo Baby jo, ditte isses“ würde Nina aus Berlin sagen. Nun muss ich mir nur noch überlegen, was ich dazu schreibe. Ich betätige schon mal den Antwort-Button und stelle pikiert fest, dass man dort gar keine Datei anhängen kann. Mist, Mist, Mist.

Denk nach Blondi und zwar intensiv…nach einigem hin und her grübeln, beschloss ich folgendes zu schreiben: „Hi Marcel, ich kann deine Bitte verstehen und würde Dir gerne ein Foto schicken. Das ist hier aber nicht möglich, da man nur eins ins Profil stellen kann. Ich würde mich freuen, wenn ich es an deine private E-Mail Adresse senden kann. Ich habe mich hier nur wegen Dir eingeloggt und möchte so schnell wie möglich wieder raus. Vielleicht könnten wir uns ja weiter über unsere E-Mail-Addis kontaktieren? LG Ann-Kathrin“

Das hört sich very good an, denke ich mir so und schicke es ab. Da ich so schnell nicht mit einer Antwort rechne, begebe ich mich in die Küche und bereite mir eins lecker Fresserchen zu. Als die Pizza fertig war, fläze ich mich schön damit aufs Sofa und schaue mir den Hundeprofi an. Ich liebe den Martin Rütter. Der Seelenklempner aller Schwanzwedler. Der Mann, der Frauchen und Herrchen therapiert und die Sprache des Hundes versteht. Der deutsche Cesär Millan und Hundepsychologe vor dem Herrn so zu sagen.

Leider geht die Stunde mit ihm viel zu schnell rum und die Pizza war auch zu schnell alle. Dafür waren die Fettzellen am Rettungsring wieder für mindestens vier Wochen versorgt worden. Jetzt auch scheiß egal, weil ich eh nicht in einem „Beziehungsstatus“ lebe und beim Sex somit auch nicht den Bauch einziehen muss. Insofern schleppe ich meine vollgefressene Plauze raus zum Paffen und inhaliere herzhaft den ekligen Tabakgeschmack. Danach wälze ich mich wieder vor`s Läppi, um nach Antwort zu schauen. Und siehe da…der Herr aller Wörter hat geantwortet. Neugierig öffne ich die Post und lese – „Hi Ann-Kathrin, das können wir gerne so machen. Hier meine E-Mail-Addi, damit Du auch das Foto senden kannst- [email protected] LG Marcel“.

Kiecke mal, kiecke mal…da ist aber jemand neugierig. Sofort öffne ich mein Mail Programm und fange an zu tippen - bei Betreff schreibe ich ganz locker rein: “ Ich hoffe, Du hast Humor. Lieber Marcel, hier nun wie versprochen das Foto…ich hoffe, Du nimmst es mir nicht übel. LG Ann-Kathrin“.

Auf Senden und wech damit. Ganz souverän versuche ich dann, die Zeit tot zu schlagen und meine Ungeduld im Zaum zu halten, weil ich ja überhaupt nicht auf eine Antwort warte. Nein, tue ich nicht. Dass ich es dann unbewusst doch tue, zeigt mir Outlook nach dem achten Mal aktualisieren mit der Passwortsperre. Fuck… jetzt muss ich den Hobel ganz runterfahren, um das Ding neu zu öffnen. Atmen Ann-Kathrin, atmen nicht vergessen. Klick, runterfahren, warten, neu starten, Passwort, warten bis alles da ist, Outlook öffnen und warten…Habe ich nebenbei schon erwähnt, dass mich das Wort „warten“ wahnsinnig macht?

Ungeduld ist leider eine meiner Haupteigenschaften. Nichts auf dieser Welt geht schnell genug für mich. Aber ich arbeite an mir, weil ich schon selbst gemerkt habe, dass es mich eines Tages entweder in die Klapse bringt oder ich bei passender Gelegenheit deswegen zur Massenmörderin werde. Endlich ist es soweit und das Glück ist mir hold – Antwort von Marcel. Draufklicken und öffnen mit zittrigen Fingern ist gar nicht so einfach wie es sich anhört, aber es hat geklappt.

„Liebe Ann-Kathrin, wie ich sehe, hast du Humor. Ich würde mir dieses Outfit gerne zu unserem Kennenlern-Date wünschen. Ist das möglich? LG Marcel“.

Wie geil, wie geil. Er versteht Spaß, eins der wichtigsten Kriterien bei der Männer-Erbsen-Zählerei. Ich schreibe zurück, dass das an sich überhaupt gar kein Problem ist, da ich immer so aussehe hihi. Mutig füge ich meine Telefonnummer hinzu und ob wir nicht mal zusammen spazieren gehen wollen, weil erst mal per Schreiberei viel zu viel missverstanden werden kann und dann finde ich, dass die Stimme desjenigen auch wichtig ist. Sie sollte männlich sein und nicht klingen, wie die eines kastrierten Erdmännchens. Eine Fluppe später wieder Antwort von „Mr.-er-reizt-mich-immer-mehr“. Und die lässt mich fast ausm Stuhl fallen.

„Hi Ann-Kathrin, das geht mir dann doch alles etwas zu schnell und ich muss darüber nachdenken. Bitte drängele mich nicht. Wir hören uns. LG Marcel“.

Hä??? Was? Irritiert lese ich es mehrmals durch, ob ich irgendwas übersehen habe, aber ich bin mir keiner Schuld bewusst. Über WAS will er nachdenken? Ob er mich anruft? Vielleicht hätte ich ihm schreiben sollen, wie es geht – man nehme den Hörer, wähle die Nummer, wartet aufs Freizeichen und wenn jemand abnimmt, unterhält man sich. Ich habe doch nicht kundgetan, dass ich in einer Stunde von ihm geheiratet werden will. Dann könnte ich diese Reaktion verstehen, aber so? Die Sendung Galileo hat Recht…Männer haben ein paar Gehirnwindungen weniger und die Vorhandenen funktionieren nicht immer nach Plan. Und was heißt hier drängeln??? Muss ich erst buchweise E- Mails austauschen, damit es zu einem persönlichen Treffen kommt? Ich beschließe, dass Marcel mich ganz gepflegt mal kreuzweise am Arsch lecken kann. Soll er doch nachdenken, bis er wieder jungfräulich in die Kiste springt. Ich werde währenddessen dafür sorgen, dass mein Leben bis dahin unbeschwert, erfolgreich und voller Liebe ist, basta. Ich verspüre eine klitzekleine Nuance von Ärger in mir aufkeimen, ersticke sie aber im Keim. Es ist wie es ist und ich will niemanden ändern. Andererseits schrieb er, dass wir uns hören. Ja, was denn nun? Ich beschließe, diese Sache rigoros aus meinem Kopp zu streichen. Ein Versuch war es schließlich wert und ich bin wahnsinnig stolz auf mich, dass ich überhaupt den Arsch in der Hose hatte, ihn anzuschreiben. Ich bin eine klasse Frau…ich - Ann-Kathrin Lander, bin der personifizierte Traum aller Männer. Und ich glaube ganz fest daran, wenn ich mir das immer wieder einrede, dass ich irgendwann davon selbst überzeugt bin und es auch ausstrahle. Natürlich ohne Arroganz und Überheblichkeit. Einfach nur dieses „Strahlen“ von innen heraus, wo sich alle nach umdrehen. Im Augenblick ist es wohl mehr ein kleines Glimmen am fernen Horizont. Naja, ich übe gegenwärtig noch, aber egal. Strebsam kann ich auch sein. Wenn`s sein muss oder zu meinem Vorteil ist.

Die nächsten Tage vergingen eigentlich wie im Flug. Im Job hatten sich wieder Überstunden angekündigt und die Woche war schneller rum, wie ich gucken konnte. Am Samstagnachmittag saß ich am PC und bespaßte mich selbst, indem ich Videos bei YouTube anschaute. Ich nahm grad einen Schluck Tee und just in diesem Moment klingelte das Telefon. Ohne aufs Display zu schauen, nahm ich rasch ab.

<<Hallo, hier ist Marcel.>>

Ich verschluckte mich zuerst mal gepflegt an meinem Tee und röchelte asthmaähnlich ins Telefon. Mit allem hatte ich gerechnet, aber nicht damit. Nachdem ich wieder atmen konnte, meldete ich mich mit meinem Namen und einem freundlich reingehauchten: <<Hallo Marcel>>

<<Wie geht es Dir?>> fragte er.

<<Mir scheint die Sonne ausm Arsch…Es ist Wochenende und die Maloche ist vorbei>>, antwortete ich unüberlegt.

<<Aha, die Sonne ausm Arsch? Sowas hab ich noch nicht gehört, aber es scheint Dir gut zu gehen. Erzähl mal, wie es dazu kam, dass Du mich durch „Zufall“ dort gefunden hast.>>

Bereitwillig erzählte ich ihm die Wahrheit, wie es dazu gekommen ist. Wir telefonierten zwei Stunden lang und er hatte eine wirklich, wirklich angenehme sonore, manchmal auch etwas erotische Stimme. Er verabschiedete sich zum Schluss mit den Worten, das wir wieder voneinander hören würden. Da kann er seinen kleinen Arsch drauf verwetten, sag ich mir. Klingt ja sehr reizvoll, jedoch scheint er ein bisschen außergewöhnlich zu sein. Ich kann`s noch schlecht beschreiben und denke intensiv darüber nach, was ihn so anders macht. Leider kriege ich es nicht zu fassen in meinem Kopp, aber das Gefühl blieb bestehen.

Ich versuchte danach, das Gespräch Revue passieren zu lassen, um alle Einzelheiten bis aufs Detail auseinander zu nehmen und zu analysieren. Aber ich war während des Telefonats teilweise so aufgeregt, dass ich mich an manche Sachen einfach nicht mehr erinnern konnte. Alzheimer, gepaart mit einer gehörigen Portion Demenz sag ich nur. Drauf geschissen, beruhige ich mich. So wichtige Dinge können beim ersten Gespräch nun auch nicht dabei gewesen sein. Alles weitere werde ich mir einfach beim Telefonieren nebenbei aufschreiben, dann habe ich es immer parat. Denn im Gegensatz zu mir scheint er leider ein Elefantengedächtnis zu besitzen. Der konnte am Ende des Telefonats noch genau einen Satz vom Anfang wiederholen, den er gesagt hat. Absolut nicht gut für eventuelle spätere Beziehungsauseinandersetzungen, weil ich da immer den Kürzeren ziehen werde.

Abwarten und Tee trinken, sagt mein Papa immer. Und so fuhr ich Blutdruck und Kreislauf wieder in den Normalzustand zurück und beschäftigte mich mit meinem Haushalt. Beim Putzen kann man immer so schön Nachdenken und ratzifatzi ist man fertig. Noch besser ist es, wenn man wütend putzt. Dann geht nicht nur die Zeit schnell um, sondern man beseitigt auch Flecke, an denen man sonst verzweifelt hätte. Ich schwinge immer sehr gerne nach einem Streit den Lappen, vorausgesetzt die Versöhnung hat noch nicht stattgefunden. Wenn man sich schon wieder vertragen hat, putzt man nur noch mit halber Kraft und braucht doppelt so lange. Außerdem landet man doch eher im Bett,