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»Bravo Bar« ist die Geschichte von drei Seelenverwandten, die vor unverschämten Herausforderungen stehen. Der schreibende Arztsohn Timo möchte sich der erfolgreichen Straßenrapperin Rachelle Engel zu Füßen werfen. Die allerdings läuft gerade auf wackeligen Beinen durch die Berliner Parks – denn sie kann ihren Brustkrebs im Frühstadium nur noch mit einer Chemotherapie heilen und fühlt sich wie auf einem Drogentrip, der ihre Schutzmauern schwinden lässt. Sie denkt alle Gedanken, die es gibt, und denkt doch gar nichts mehr. Und da ist noch jemand: Wie gut mal wieder für die Menschheit bzw. diese beiden, dass es Greta gibt! Eine Aktivistin, und zufällig beste Freundin von Timo, die mit der magisch guten Laune, die immer einen (Aus-)Weg weiß, auch wenn dieser durch ihre eigenen Begehrenshöhen und -tiefen führt. Zu einem Soundtrack aus Deutschrap erlebt das Trio infernale einen endlosen Sommer, in dem sich die Gefühle rasend überhitzen. Einzige Konstante: die legendäre Bravo Bar in der Berliner Torstraße. Rachelle und Greta verbindet zudem das Geheimnis einer gewaltvollen Nacht vor vielen Jahren in Hamburg … »Bravo Bar« ist ein Pop-, Gesellschafts-, Gegenwarts-, HipHop- und Episoden-Roman. Jede Figur wird in ihrem eigenen Stil und ihrer eigenen Stimmung erzählt. Ein Rap in vielen Geschmacksrichtungen, der virtuos mit den Zeichen, Zärtlichkeiten und identitätspolitischen Zumutungen der Generationen X bis Z spielt.
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Seitenzahl: 451
Veröffentlichungsjahr: 2024
KERSTY GRETHER
ROMAN
Die Musik im Ernstfall
1. Auflage Oktober 2024
© Ventil Verlag UG (haftungsbeschränkt) & Co. KG, Mainz 2024. Alle Rechte vorbehalten.
ISBN print 978-3-95575-219-4
ISBN epub 978-3-95575-640-6
Covergestaltung: Oliver Schmitt, unter Verwendung eines Fotos von Johannes Finke
Ventil Verlag, Boppstraße 25, 55118 Mainz
www.ventil-verlag.de
»Das Proletariat ist nach erfolgreicher Selbstoptimierungweggepudert, wegfrisiert, abgewaschen, überwunden.
Wenn ich mich einmal zusammengerissen habe, wo versteckt sich das vormals Un-Zusammengerissene?«
(Luise Meier: MRX-Maschine)
»Und wir stehen mittendrin, singen, wütend wie wir sind, über Glitzer, Rebellion und Straßenwind.«
(FaulenzA)
Aber Baby, bitte, du musst mir verzeih’n,in meinem Kopf war’n wieder diese Melodien.
(Capital Bra feat. Juju)
Lass die andern sich verändern und bleib so wie du bist.
So wie du bist, so wie du bist.
(Mo Trip feat. Lary)
Komm, wir gehen, komm, wir gehen zusammen den Bach runter.
Komm, komm, wir gehen.
(Alligatoah)
Wir beide sind doch wie Sonne und Mond,wir können nie zur selben Zeit scheinen.
(Aus Timos Tagebuch)
Ich gehe ins Café wie andere Leute zur Arbeit. Dort kriege ich mein Leben auf die Reihe, dort schreibe ich Tagebuch. Um das ganze viele gemeinsame Leben erst mal zu fühlen. Wir können es noch nicht leben, wir müssen es erst mal fühlen.
Timo stockte kurz, als würde er über irgendetwas stolpern; vielleicht über das für ihn ungewohnte Ausmaß an Gefühligkeit? Dann machte er seinen Rücken gerade und las sich noch einmal durch, was er da zu Papier gebracht hatte. Es dauerte etwa fünf Sekunden, bis die Tinte getrocknet war. Timo liebte die Lebendigkeit dieses Vorgangs. Er konnte förmlich dabei zusehen, wie seine Worte diesen samtblauen Ton annahmen, der von dem Füller-Hersteller zurecht als »königsblau« bezeichnet wurde. Nebenbei nahm er einen Schluck Kaffee aus seiner kleinen, handlichen Tasse, als ob auch er ein Momentchen bräuchte, um zu sich zu kommen. Trinken und Schlucken beruhigte, es war beinahe egal, was man trank: »Schlucken wirkt auf das parasympathische Nervensystem«, hatte Greta ihm neulich erklärt. Und wenn sie das sagte, dann musste das stimmen. Seine beste Freundin für immer war schließlich Sängerin und kannte sich aus mit Entspannungsmethoden. Und wenn es sowieso nur um den Schluckvorgang an sich ging, dann musste man ja gar nicht so viel Alkohol trinken wie seine auf Hochprozentiges spezialisierten Freundinnen und Freunde, die er täglich zwischen moonlight und dawn in den Bars dieser Stadt traf. War es nicht viel angenehmer, eine Stunde oder mehr zu einer Tasse Cappuccino zu meditieren?
Er fühlte sich richtig gut, wenn er die Kaffeetasse gaaaanz laaaaaangsam zum Mund führte und schluckte, und die Tasse wieder zum Mund führte und schluckte, und dabei notierte, was ihm so durch den Kopf geschossen kam. Dabei befand er sich in einem Zustand, den er in seinem Diary als manische Fokussiertheit beschrieben hatte – eine Melange aus tiefenentspannt und hypernervös, ein Gefühl, für das seine Freunde noch kiffen mussten. Timo war in Trance und kriegte herumalbernd gute Laune, wenn er während des Schreibens an etwas Schönes dachte, an die zwei Dutzend hübscher, bunter DIN-A-5-Heftchen zum Beispiel, die er in diesem Sommer schon vollgeschrieben hatte. Und wenn die Zahl der Notizbücher, die einer vollschreibt, ein Barometer dafür ist, wie weit er es in der fiesen Welt da draußen bringen würde, dann konnte Timo sich auf eine Beförderung einstellen – fragte sich nur, wohin; es gab eigentlich keinen Chefsessel, den er begehrte.
Vielleicht im Paradies der Frauenversteher, dachte er, mit leichter Selbstverachtung, denn das war es, was er wollte: Die als Frauen gelesenen Personen besser verstehen und auch die eigene Männlichkeit neu erfinden, far away von allem, was er je gekannt hatte. Er hatte sich Slogans der Berliner Autorin Luise Meier notiert und las sie immer wieder: »Der Gegensatz von feminin und maskulin durchwirkt alle Bereiche der bürgerlichen Gesellschaft.« Männer würden für Frauen zu Arbeit und Frauen für Männer zu Waren. An dieser Hierarchie der Geschlechter wollte er nicht mehr teilnehmen. Er fühlte sich schon als Teil einer imaginären MRX-Maschine-Bewegung und rekapitulierte voller Faszination: »Potenz, Penetration und Ejakulation sind in Warenform gegossener Sex, der zur besseren Abrechenbarkeit verdinglicht wird. Was ausgebeutet, was bearbeitet wird, ist die Angst vor Abweichung, die Angst davor abzufucken.« Zur gleichen Zeit sagte ihm sein Körper, dass die Abweichung den besseren Sex bringen würde.
Timo kaufte sich jede Woche ein neues Notizbüchlein und schrieb es in kürzester Zeit voll. So hatte er den Sommer nicht nur aufs Äußerste genossen, sondern ihn auch noch blau auf weiß festgehalten. Auf Timos aktuellem Tagebuch war ein kleiner fetter Vogel abgebildet, ein Spatz oder ein Zaunkönig. Der Vogel hatte ein quietschgelbes Körperchen, aber blaues Gefieder und saß auf einem Ast voll geschwungener weißgrüner Blüten. Schaute recht mürrisch drein, das Kerlchen. Timo fragte sich, ob es sich um einen real existierenden Vogel handelte, oder ob das ein Fantasievogel war, den sich ein bekiffter Illustrator ausgedacht hatte. Er nahm seinen geliebten Füller wieder in die Hand und notierte: Gibt es Spatzen/Zaunkönige, die gelb und blau sind? Und der Musikjournalist in ihm fügte noch, völlig sinnfrei, ein Zitat von The Velvet Underground hinzu: »One is black and one ist blue, don’t know just what to do. All right.«
Er wusste manchmal wirklich nicht mehr, was er noch machen sollte. Ihm war, als ob er sich selbst nicht mehr richtig schützen könne. Das Leben war so gefährlich und zugleich anschmiegsamer, putziger geworden; ein Ding der Unmöglichkeit, ein Schweben, ein Stolpern und zum Umarmen schön. Ist das schon der freie Fall?, hatte er sich in letzter Zeit mehr als einmal gefragt. Oder rührten diese seltsamen Stimmungsschwankungen, die halben und dreiviertel Nervenzusammenbrüche, vielmehr von der ständigen Tagebuchschreiberei? Panikattacken wechselten sich ab mit Jubelgefühlen, wenn er nachts um die Häuser zog, und seine Gestalt sich in den modernen Glasbauten der Clubs im Regierungsviertel spiegelte. Greta sprach von sogenannten »seelischen Wunden«, die bei ihm wohl aufgebrochen seien. Eins stand jedenfalls fest: Nicht nur der Schnaps, auch die Liebe hatte ein Delirium im Schlepptau, in das er stürzte, gestürzt worden war, in dieser Nacht aller Nächte, in der er Rachelle Engel kennengelernt hatte.
SIE hatte ihr haselnussbraunes Haar über die Schulter geworfen und einen Lachanfall bekommen, als er verkündete, dass er doch »auf der Seite der Frauen« sei und auf jeden Fall für ein Sexkaufverbot. Keine Ahnung, wie sie gleich in den ersten fünf Minuten bei dem Thema gelandet waren. »Freierbestrafung bedeutet ja nicht, dass man die Prostitution komplett verbieten muss«, hatte er nachgelegt, denn er war augenblicklich von ihr elektrisiert gewesen und ahnte schon, dass sie bestimmt keine Gegnerin der Prostitution war. SIE nahm einen Zug von seinem Joint, kicherte weiter herum und hielt die Zunge rausgestreckt – so sexy und so verächtlich, als ob SIE durchaus bereit wäre, ihm einen zu blasen, wenn er es denn unbedingt gewollt hätte …
Das Schicksal hatte seine Hände im Spiel gehabt, davon war er überzeugt. Es konnte doch kein Zufall sein, dass sie sich genau um Mitternacht kennengelernt hatten. SIE hatte ihm völlig überraschend in den Nacken gefasst und er fühlte noch Monate später den sanften Druck ihrer Hände, als ob sie seinen Körper mit etwas Wundervollem, wie etwa Vanillesoße und ziemlich heißen Beeren, eingecremt hätte. Und was noch viel wichtiger war: Sein Nacken und seine Schulterblätter hatten scheinbar einen direkten Kontakt zu seinem Schwanz.
Während der DJ »She Blinded Me with Science« spielte, in einer Trap-Version voller Echos, hatte sie ihn mit Liebe tätowiert, genau genommen aber nur seinen oberen Rücken massiert.
Er schaute kein Fernsehen mehr, seit seine Männlichkeit von einer Straßenrapperin zu Fall gebracht worden war, um kurz darauf fröhlich wieder aufzuerstehen. Er schaltete auch das Radio nicht mehr ein, fieberte nicht mehr mit, bei einem neuen Musikstück oder einer schillernden Moderation, obwohl er das früher immer so geliebt hatte: Kiss FM, Radio Fritz, radioeins, FluxFM, einfach alle Sender, die unverfälschte Musik spielten. Sein niedliches Transistorradio hatte er in den Monaten vor Rachelle ständig von einem Zimmer ins andere getragen wie einen kleinen, kranken Hund. Jetzt stand es neben der Palme in seinem Wohnzimmer und machte keinen Mucks mehr. Selbstverständlich räumte er auch die Wohnung nicht mehr auf, viel wichtiger war es, in seinem Kopf für Ordnung zu sorgen, was immer seltener gelang. Timo hatte sich selbst ein wenig in ein Radio verwandelt, er redete ununterbrochen, vor sich hin oder mit anderen, wenn er nicht gerade Tagebuch schrieb. Am liebsten quatschte er Greta voll, es war so praktisch, dass sie neuerdings bei ihm im Haus wohnte. Bei so viel Dampf im Kessel konnte er sich keinesfalls dazu durchringen, wenigstens mal eine der Serien anzuschauen, die ihm Greta und die anderen Freundinnen am laufenden Band ans Herz legten, weil sie so tolle Rollenbilder enthielten: Völlig normal, dass die Frauen in diesen Serien dick waren oder Schwarz und lesbisch. Aber er hatte ja noch nicht mal Netflix auf seinem Computer und er las auch keine Bücher mehr; weder dicke, Schwarze, lesbische noch dünne, weiße, heterosexuelle. Hielt sich, wenn überhaupt, nur noch zum Schlafen in seiner Wohnung auf. Und rannte jeden Morgen noch ausgebrannter, noch süchtiger nach dem lungenweitenden Sauerstoff, aus seinem Schlafzimmer im vierten Stock auf die Straße runter, in ein neues Leben, das oft abrupt im Café mit dem Tagebuch voller zukünftiger Short Storys endete. Alles wollte durchdacht und durchgekaut werden, als hätte man in den USA gerade erst den Kaugummi erfunden. Denn diese eine Nacht, ungefähr einmal im Monat, in der er Rachelle traf: die brauchte eben ihre Zeit. Die Auszeiten trieben geheimnisvolle Blüten voran, die jemand, ein höheres Wesen vielleicht, verstreut hatte.
Timos Blick streifte die Kaktuspflanze, die vor ihm auf dem hellroten Holztischchen stand. Er musste sich zusammenreißen, denn er stand kurz vor einer Erektion, weil er sich gerade vorgestellt hatte, wie Rachelle ihm die stacheligen Spitzen des Kaktus über den Rücken ziehen würde: Na, du kleine Sau, was glaubst du, wer du bist? Hier bekommst du, was du verdienst. Ja, das wäre gut: SIE höchstpersönlich würde ihm mit rotlackierten Fingernägeln den Rücken blutig kratzen. Timo zitterte beim bloßen Gedanken an Rachelles Krallen auf seinem schutzlosen Körper, dabei hatte das, was er schrieb, selten einen pornographischen Inhalt. Die Notizheftchen waren pure Lebensbewältigung, um von einem Tag zum nächsten zu gelangen, ohne zwischendurch die Wände hoch oder jemandem an die Gurgel zu gehen; nun, gut das war Pornographie auch, überlegte er, aber meine Worte halten mich zusammen, wenn der Boden unter mir zerfällt, verdammte Klischee-Formulierung, aber wahr. Man musste seine Sichtweisen nicht immer sexy as hell hochkochen. Timo, der seine Brötchen mit Musikjournalismus verdiente, konnte beim Tagebuchschreiben richtig durchatmen. Seine Wortwahl musste nicht originell sein, sie durfte auch wie ein Song von Clueso klingen, mainstreambescheuert oder nach Bruce Springsteen aus den siebziger Jahren, scheißegal, las eh niemand. Außerdem war Timo, trotz seiner neuerwachten Leidenschaft für Hip-Hop und Deutschrap, immer noch Fan von Alternative Rock, Punk, Metal usw. Daran würde sich in diesem Leben auch nichts mehr ändern, nicht mal, wenn er und Rachelle verheiratet wären, worauf es ja wohl hinauslief … Also, warum nicht mal was vom Boden faseln, der unter einem einzubrechen droht, wie es schon Milliarden Mal vorgebracht worden ist, wenn Rockmusiker ihr Dasein in einem Song beschreiben, der wiederum nach einem stillosen Tagebucheintrag klingt.
Timo biss sich spielerisch auf die Lippen, es fühlte sich so gut an, so gut, das Gefühl, endlich zu wissen, mit welchem Menschen er zusammengehörte; es war niemand Geringeres als die schönste und wichtigste und beste und wunderbarste Straßenrapperin des Landes. Alle mal weghören, bitte, es war Rachelle Engel! Und die berühmteste noch dazu!
Seine Tagebücher stärkten ihm das Rückgrat, das Rachelle ihm täglich zu brechen drohte. Sie standen jetzt auf seinem Schreibtisch in dem Schuhkarton, den er sich beim Kauf neuer Turnschuhe vergangene Woche hatte mitgeben lassen. (Adidas, natürlich, Rachelles »Hausmarke«, alles andere wäre jetzt nicht richtig.) Und vielleicht war ja schon Halbzeit, es konnte doch gar nicht anders sein: Halbzeit zur Hochzeit, wie in dem düster-romantischen Track des satirischen Rappers Alligatoah: »Du brauchst jetzt nix sagen / Ich wollt dich fragen: Wollen wir den nächsten Schritt wagen? / Willst du mit mir Drogen nehmen? / Dann wird es rote Rosen regnen / Ich habe es in einer Soap gesehen / Willst du mit mir Drogen nehmen? Komm, wir gehen, komm, wir gehen zusammen den Bach runter / Komm, komm, wir gehen …«
Er war felsenfest davon überzeugt, dass er nur noch ein Dutzend weiterer Heftchen vollschreiben müsste, und dann würde SIE, vom telepathischen Blütenstaub eines hoffnungslosen Romantikers geleitet, auf herzchenförmigen High Heels vor seiner Haustür auf ihn warten, oder sturmklingeln und gleich mit der Tür ins Haus fallen, und um eine Beziehung batteln. Schnell, fast and furious. SIE war ja flink. SIE redete nicht gerne um den heißen Brei herum. SIE war seine Herrin. SIE würde natürlich die Lederhandschuhe tragen, die das Rückcover ihres Debütalbums Rache ist süß zierten.
Er sah die Herrin da stehen, in High Heels und einem Flatterkleidchen, das ihre dünnen Waden betonte: weiße Punkte auf dunkelblauem Stoff, eine versaute Minnie Mouse fürs Gangsterproletariat, die Brustwarzen ihres wunderschönen, handgroßen Busens zeichneten sich unter dem leichten Stoff ab. Oder noch besser: Rachelle würde sich überhaupt nicht trauen, Sturm zu klingeln! Bibbernd vor Sehnsucht stünde sie neben dem Mostapfelbaum im Vorgarten herum, er konnte durch das Fenster oben erkennen, wie ein Lächeln ihre Lippen umspielte, die voll, aber echt waren, während sie andererseits total sad wirkte, weil sie ihn erst noch um Verzeihung bitten musste. Er würde ihr alles verzeihen, sofort, warum auch nicht? Sie hatte sich doch genau genommen gar nichts zuschulden kommen lassen, sie hatten sich ja beide GLEICH verhalten, nur umgekehrt gleich. Da war er sich aber sicher, während er hier im Spätsommer in einem Café herumsaß, das absichtlich auf Tapete verzichtete und mit dem Rohbau glänzte: Da wird eine Zukunft draus! Er notierte ein Zitat ihrer Kollegin Lady Bitch Ray in das Büchlein, das von einem Zaunkönig bewacht wurde: Wann haben Sie wieder einen Termin frei? Ich mach mich gern für Sie unten frei!
Schreiben im Café war wie Aufsatzschreiben in der Schule: Man musste nur weiterschreiben, wenn alle anderen schon aufgegeben hatten. Timo saß mit weit hinabgebeugtem Kopf an seinem Platz am Fenster und schrieb in Doubletime: Er schrieb so schnell und so mühelos, er war ein Tintenfisch im Wasser. Aus den Lautsprecherboxen des winzigen Cafés klopften wärmende Soulnummern den Takt zu seinen Gedankenspielereien, die Beats klangen allesamt wie Applaus in seinen Ohren. Die Atmosphäre im Café war aufmunternd, es vibrierte vor Energie, weil es wusste, dass es anders war als die anderen Cafés in diesem Viertel. Er konnte gar nicht so schnell schreiben, wie seine Gedanken rasten, aber er fing sie immer wieder ein, wie einen Schwarm seltener Vögel, die viel zu lange allein durch die Lüfte geschwebt waren. Doubletime, voll easy! Dabei genoss er das Privileg, mitten am Tag, während die anderen Menschen arbeiteten, scheinbar nutzloses Zeug zu Papier zu bringen; wie schön es doch war, mal bei sich zu sein und keinen verdammten hochkriechenden Artikel fürs Feuilleton oder die Musikpresse verfassen zu müssen. Wenn er in diesem Leben noch mit seinem Baby mithalten wollte, musste er sich sowieso mal eine Stufe weiter oben positionieren, sich etwas Größeres einfallen lassen. Vielleicht Schriftsteller werden und den ersten Roman für richtig viel Kohle verdealen? Noch war sie tief beeindruckt von seiner Tätigkeit als Musikjournalist, noch wusste sie ja gar nicht, wie wenig Geld er damit verdiente. Oder es wenigstens mal beim Radio als Moderator probieren, überlegte er versonnen. Er hatte Kontakte in diese Richtung geknüpft. Die Artikel für Zeitungen und Zeitschriften waren lächerlich schlecht bezahlt, und es fühlte sich erbärmlich an, auf die Vierzig zuzugehen und immer noch auf Papa angewiesen zu sein, der im Ernstfall die Miete zahlte. Not to mention, die stolzen Heizkosten. »So eine Altbauwohnung muss man auch erst mal warm kriegen«, pflegte er am Telefon zu seinem Dad zu sagen, der sowieso nie richtig zuhörte und nur sein immerschonenttäuschtes »Ja, ja, und wie geht es sonst so?« in seinen nicht vorhandenen Bart murmelte. Genügend eigenes Geld! Das war das Ziel, Timo müsste mehr verdienen, aber wie sollte er das bewerkstelligen, wenn er seinen Beruf heimlich verachtete, weil er sich doch sowieso für einen Musiker oder einen Schriftsteller hielt und sich auch noch vorwarf, dass er nicht Arzt oder Rechtsanwalt geworden war, was aber in Wahrheit nie zur Debatte gestanden hatte? Aber in absurden Selbstvorwürfen war Timo eben auch richtig gut. Im Moment hatte er nur drei mittelmäßig bezahlte Aufträge an der Backe und die schob er seit dreizehn Sternstunden vor sich her.
Er liebte den Sommer zu sehr, um ihn jetzt schon aufzugeben, auch wenn schon wieder September war; mit dem letzten Rest des Sommers im Nacken und seinen Siebensachen im Gepäck war er direkt nach dem Aufstehen übereilt aus seiner mit alten Möbeln und undefinierbarem Gedöns vollgestellten Wohnung gestürzt, wie einer, der Angst hat, draußen etwas ganz Großes zu verpassen: ein Naturschauspiel, das es nur alle hundert Jahre mal gibt, oder ein Feuerwerk aus Wasserfarbklecksen, einen roten Blutmond, the love of a lifetime. Ich lebe von Tag zu Tag und nur für sie, ja ich weiß ja, dass sie nicht für mich lebt, aber das kommt schon noch. Ich weiß zufällig, dass sie mich genauso liebt wie ich sie. Sie hat es mir doch gezeigt. Nur leben kann sie es noch nicht. Noch nicht!
Oh, wie hektisch er gerade heute seine Sachen zusammengesucht hatte: Rucksack, Füller, Handy. Wo war nur wieder das verdammte Notizbuch, der Kamm? Das Fläschchen mit Haargel, der Geldbeutel? Wobei er wild um sich blickte, als ob jemand hinter ihm her wäre – vielleicht Rachelles Schutztruppe, die in seiner Fantasie aus lauter finster dreinblickenden Muskelprotzen bestand? Halb im Scherz dachte er darüber nach, ob wohl schon die Hells Angels auf sie aufmerksam geworden waren; denn immerhin nannte sie sich doch Rachelle Engel? Die waren doch neuerdings auch in der Hip-Hop-Szene als Rücken aktiv. Viel wahrscheinlicher aber, dass wieder nur die Ersatz-Engel hinter ihm her waren, Rachelles weibliche Leibgarde, sie sollten ihn mit Worten testen, und gegebenenfalls zur Hölle schicken, vielleicht auch in der Hölle ficken.
Einmal, nachdem Rachelle und er sich in der verkifft-verrauchten Atmosphäre der BRAVO BAR geküsst hatten (der schönste Kuss seines Lebens!), war ihm tatsächlich eine Gruppe junger Frauen in neongrünen Skianzügen (Skianzüge – im Hochsommer!) über die Torstraße in den aufdämmernden Morgen gefolgt und hatte sich über ihn lustig gemacht. Sie hatten ihn, Timo musste schwer schlucken, wenn er daran dachte, als »whack« und »dünn« und »Hipster« verspottet. Er hatte gemacht, dass er wegkommt, und die Torstraße überquert, ohne nach links und nach rechts zu blicken, nur um dann, demonstrativ lässig, zum nächsten Verkehrsknotenpunkt am »Rosi«, wie er den Rosenthaler Platz nannte, zu schlendern. Er liebte das Wort »Rosi«, vergötterte es regelrecht. Andererseits: »Hipster« – so fucking scheiße what – war doch im Grunde auch ein Kompliment und »dünn« nun auch nicht das größte Schimpfwort für einen Mann, der auf die Vierzig zuging. Auf die Vierzig und auf den Rosi!
Oder hatte er sich das damals nur eingebildet, und er war nur zufällig in den Schwarm zischelnder Frauen geraten, der sich eigentlich über einen anderen schwachen Hipster lustig gemacht hatte? Timo war ja gar nicht mehr so dünn wie noch zu Beginn des Jahrzehnts. Er hatte in den letzten fünf Jahren ein bisschen an Fett zugelegt, Bauchspeck, der Klassiker. Nun gut, er war immer noch schlank, aber lange nicht mehr so dünn wie der junge Peter Doherty. Dafür nahm er auch, ehrlich gesagt, zu wenig Drogen. Aber darauf stand Rachelle doch. Sie wollte ja gar keinen Kerl, der unkontrolliert Drogen pumpte und die Frauen nur ausnahm, da war er sich sicher. Neulich hatte sie den TLC-Hit »No Scrubs« gesampelt, und das bedeutete ja wohl was. »I don't want no scrub / A scrub is a guy that can't get no love from me / Hangin' on the passenger side of his best friend's ride / Trying to holla at me.« Sie hatte einen eigenen Text darauf gemacht, nicht gerade menschenfreundlich, aber hey, gar nicht so übel: »Ich will keinen Bloodsucker / Auf meinem Ack-Ack-Acker / What the fuck, Fakelover / Trinkt meinen letzten Absacker / Denkt er wär Supermacker / Schon Cholesterin im Bloodzucker / Ist ein Alki und ein Junkie / Benutzt ein altes Wort wie ›funky‹.«
Musste man, wenn man von Rachelle Engel geliebt werden wollte, etwa auf Alkohol verzichten? Durfte man »funky« nicht mehr sagen? Timo nahm sich sofort vor, keinen Alkohol mehr zu trinken. Er liebte die Idee, dass er vielleicht aus einer perversen Nüchternheit heraus, von Café zu Café ziehend, die Stufen zu ihrem Herz erklimmen könnte … Strafe musste schließlich sein!
Dabei hatten sie zusammen gesoffen wie die Löcher, in diesen Nächten, in diesem Sommer, der der größte aller Zeiten war. Einer der heißesten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen auf jeden Fall. Was für eine Scheiße, dass die Lage sich seitdem wieder abgekühlt hatte. Gut für den Planeten natürlich, und auch nicht ganz sein Ernst, aber schlecht für ihn. Er vermisste diese Tage so sehr, in denen alles nach Blüten und Samen und Erde roch, und überhaupt: nach einem Leben ohne Warteschleifen. Sexuell aufgeladen wie die Bondage-Pornos, die er ständig glotzte, seitdem er sich eingestanden hatte, dass nichts über ein gutes Spanking ging. Er fühlte sich frei, wenn die Peitschenhiebe auf seinen Arsch trafen und schmerzten wie Sau. Er hatte diese Praktiken früher schon manchmal beim Sex ausgelebt, aber eher spielerisch. Er hatte es nicht als seine Bestimmung empfunden. Und jetzt hatte er sich sogar eine eigene Peitsche gekauft, übers Internet, of course, weil er wissen wollte, wie das Spielzeug aus den Filmchen in echt aussah. Jetzt brauchte er nur noch jemanden, dessen Kink es ebenfalls war, der die Peitsche über ihm schwang, jetzt brauchte er nur noch Rachelle Engel. Seine Peitsche sah aus wie ein Besen, siebzig Zentimeter lang, mit lila Lederfransen, dem gut gearbeiteten Griff: Sie würde geradeso ihre Hand darum spannen können, ohne sich selbst zu verletzen. Er wünschte sich, sie würde mit der Peitsche natürlich auch softer seinen Schwanz bearbeiten, nicht nur auf den Hintern eindreschen. Er bekam ja schon eine Erektion, wenn er den »Flogger« – den »Purple Mini Suede Flogger«, wie das Ding laut Verpackung hieß – nur anschaute, oder die Lederborsten durch die Finger gleiten ließ. Weil sie gerade im Angebot gewesen waren, hatte er auch noch ein paar Duftkerzen zum Auf-die-Haut-träufeln dazu bestellt, mit extra heißem Vanille-Wachs, obwohl er ja nun gerade kein Vanilla-Guy mehr war, und, ehrlich gesagt, auch nie gewesen war. Die Leute, die auf SM-Sex standen, grenzten sich schließlich ab von den Vanillas und wie dumm, dass er 39 Jahre alt werden musste, um zu begreifen: Er war schon immer einer von denen. Das zu akzeptieren fiel ihm allerdings leichter, seitdem er die Paketlieferung bekommen hatte. Der Erotickram sah so spießbürgerlich-hübsch aus wie zur Jugendzeit seiner Eltern. Das Wachs kam in einem schwarzroten Döschen mit Erdbeermotiv, das an die illustrierten Kaffee-Blechdosen seiner Mutter erinnerte, und die Herzchen, mit denen man die Augen verbinden konnte, waren aus qualitativ hochwertigem Kunstleder.
Und seit dem Hype um Fifty Shades of Grey war es ohnehin keine Schande mehr, auf SM zu stehen. Blöd war nur, ein bisschen blöd jedenfalls, wenn man als Mann der Maso, der Devote, der »Depp« war, der so unfassbar gerne »meine Heldin, machmichfertig« stammelte. Da biss die Maus keinen Faden ab. Er war vielleicht kein Scrub, aber er war ein Sub, fast so etwas wie ein Nobody, und das war in Anbetracht des dominanten Männerideals eben doch ganz schön schwer zu taken. Denn eigentlich müsste er doch der Dom sein! Aber selbst das wäre ihm jetzt noch scheißegal gewesen, wenn sie sich doch nur endlich wieder melden würde! Wusste sie es denn gar nicht zu schätzen, dass er sich für sie hinknien oder als Hund vor ihrem Bett campen wollte? Es musste doch für sie, als Frau im Rapgeschäft, das voller Machos war, unfassbar schwer sein, einen zu finden, der genauso brutal auf die devote Rolle stand wie sie auf die dominante? (Hallo, da war er sich aber sicher!) Ja, war er für sie denn nicht wie sechs Richtige im Lotto? Noch dazu so gepflegt, mit guten Manieren, ein Arztsohn und Musikjournalist, kein winselnder Junkie.
Sehr zu seinem Leidwesen – denn Liebeskummer gehörte zu der Sorte Leid, die ihm keine Freude bereitete, auch wenn er Schmerz als sexuelle Vorliebe noch so hart zelebrierte – hatte er seit Wochen nichts mehr von seiner großen Liebe gehört. Davon ließ er sich aber nicht aus dem Takt bringen. Aus dem Takt, in den er mühsam wieder hineingefunden hatte, nachdem sie ihn monatelang in eine maßlose Unruhe versetzt hatte! Ihn, der doch ohnehin schon so rastlos war.
Eine Hochspannung, die im Grunde mit den neuen Luxus-Fenstern begonnen hatte. Die gut isolierenden Fenster waren ein Geschenk des Vermieters gewesen, der wiederum von der Bank dazu angehalten worden war, eine Investition zu tätigen. Mit seinem Schriftsteller-Verstand, der bei den praktischen Dingen des Alltags gerne mal den Geist aufgab, was natürlich auch ein Klischee war, hatte Timo vor allem eins begriffen: Die Mieterhöhung beträgt nur vierzig Euro im Monat, die neuen Fenster sind sehr schön. Eine Win-win-win-Situation für alle Beteiligten, wenn man noch die Kreditgeber dazuzählte. Schade nur, dass der Sommer von nun an seine heißen Finger bei sich lassen und draußen bleiben musste. Die herrschaftlichen Wunderfenster, die aus Timos Altbauwohnung ein noch erhabeneres Domizil gemacht hatten, verbannten Hitze und Schweiß aus ihrem Einzugsgebiet, und damit auch dieses essenzielle Gefühl, eins mit der Wärme und der Welt zu sein, all die rosige, dösige Aufgelöstheit der Körper, die sich an und für sich schon anfühlte, wie gefickt zu werden. Aber auch der Winter fand ohne ihn statt. Er sparte zwar einiges an Heizkosten, wurde aber um den sadomasochistischen Genuss gebracht, sich in einer heftigen Ausnahmesituation zu befinden. Die unvermeidbare Dosis Außentemperatur, Hitze oder Kälte als physisches Erlebnis, blieb aus, kein besonderer Geschmack des Hier und Jetzt mehr in seiner 60-Quadratmeter-Wohnung. Die Wohnung war ein Biotop für Vanilla-Spießer. Timo nahm das alles nicht bewusst wahr, sonst hätte er einfach nur die Fenster aufreißen und die Höllenhitze ein Stück weit hineinlassen müssen. Stattdessen reagierte er instinktiv, ohne sein Handeln auf die Wirkung der neuen Fenster zurückzuführen: Stürmte morgens immer früher aus der Wohnung, um die Sonne auf seiner Haut zu spüren, und – das wunderte ihn selbst am meisten – verwandelte sich schließlich von einem Drinnie in einen Draußie. Wie verliebt konnte man sein, in eine karminrot glühende Sonne, die mit jedem Tag schneller den Berg herunterrollte? In einen weißgoldenen Sommer, der sogar in der Innenstadt in so übergeschnappter smaragdgrüner Blüte stand, dass Timo manchmal in Panik geriet: so viele Farben, so duftende Pracht. Oh, bitte, lieber Gott, lass jede Stunde in ZEITLUPE vergehen. Sag dem Sommer, er soll sich nicht so verschwenden!
War ihm das früher nie aufgefallen? Welche Lebensleichtigkeit möglich war, in diesen Monaten von Juni bis Oktober? Ah, die Gier, das alles zu sehen, die größten Mädchen, in den heißesten Höschen, die ihre schwarz getuschten Wimpern hinter den lichtscheuesten Sonnenbrillen versteckten, sodass sie aussahen wie nassforsche Rehe. Timo trieb sich mit Rast, aber ohne Ruhe in der Stadt herum, wechselte von Café zu See, über Freibad und Park in den Nachtclub. Wie ein Kind freute er sich darüber, dass Rachelle ebenfalls unterwegs war in dieser Stadt: Vielleicht sogar in denselben Straßen wie er, mit ihren Straßenrap-Freunden! Er vermutete sie in der Gegend um die Oranienburger Straße. Sein Baby hatte sich mit der Musik und den drei eigenen Labels (ein Musik-, ein Mode- und ein Albtraumpuppen-Label) zwar in eine Kategorie von Reichtum gebeamt, die selbst einen Arztsohn wie ihn das Fürchten lehrte, aber es zog sie noch immer in die Nähe von Stripclubs und Straßenstrich. In einem Interview mit rap.de hatte sie zu Protokoll gegeben, dass sie, die die Grenze zur ersten Million schon seit Jahren überschritten hatte, immer noch mit ihren Girlz cornerte, einfach, weil sie es liebte, vorbeilaufende Passanten zu beobachten. Timo hatte das als weiteren Beweis für ihre Geistesverwandtschaft gelesen. Denn auch er war besessen davon, die Menschen um ihn herum zu beobachten und mit wenigen Strichen in seinen Diaries festzuhalten.
SIE hatte ihre ganze Kindheit und Jugend »auf der Straße verbracht«. Seine Herrin war gefeierte Breakdancerin gewesen, ehe sie auf Rap und Modedesign umgesattelt war. Manchmal hatte er das Gefühl, dass er sich in das Geschöpf verwandeln musste, das Rachelle einst gewesen war, um endlich ganz ER SELBST zu werden. Eine Art mimetische Mutation, wie er dies in seinem Tagebuch nannte. Es war beinahe eine Einstellung, die einem Psychopathen zur Ehre gereicht hätte. Timo wurde das Gefühl nicht los, dass sich tief in seinem Inneren etwas reckte und streckte, was man gut und gerne als seine »verlorene Seele« bezeichnen könnte. Etwas, das sich wie ein Breaker auf den Kopf stellte, um herauszufinden, ob die Welt auch aus der umgekehrten Perspektive auszuhalten war. So kurz vor seinem vierzigsten Lebensjahr war er doch noch ein Körper geworden, der es mit allen Gefahren aufnehmen und sich in eine andere Umlaufbahn beamen konnte. Allein, dass er wieder zweihundert Kniebeugen und fünfzig Liegestütze am Tag schaffte, wie mit Anfang zwanzig. Rachelle war ja in den Pariser Banlieues aufgewachsen. Er hatte tausend Fantasien über diesen Aspekt ihres Lebens, und auch er kam ja aus einer Familie, in der es einen französischen Teil gab. Sie war in Armut aufgewachsen, er in Reichtum. Zwei Seelen, die einander suchten – er sie im Dreck, sie ihn im Luxus –, und auf dem Weg die Rollen getauscht hatten wie in einem dieser erwachsen gewordenen Rap-Chansons von Sido, die nicht mehr wussten, wo »oben« und wo »unten« war, oder um es mit seinem Lieblingsschriftsteller Rainald Goetz zu sagen: »Und wie es geht, das Scheißleben.« Oh, er konnte stundenlang im Park liegen, unter diesem himmlischen Himmel, der so ozeanblau war, als ob auch das Meer es von ganz unten nach ganz oben geschafft hätte, und über die mysteriösen Wege ihrer Liebe nachdenken, den heißen Kopf auf einer Baumwolldecke von Ikea gebettet.
Es machte ihm Angst und es machte ihm Mut, und es ergab alles einen Sinn: Dass er zum Beispiel nie so gelebt hatte, wie seine Eltern es von ihm erwartet hatten, die Nabelschnur zum bürgerlichen Leben, ratzfatz, einfach abgetrennt. In seinen U-Bahn-Momenten hörte er immer die queerfeministische Rapperin und Transaktivistin FaulenzA, weil ihm dann Feinstaub und Fäulnis-Gullys vorkamen wie reine Luxus-Geschenke des Metropolenlebens, die er in eine Armada aus Festival-Bändchen gewickelt hatte: »Vorstadtrosen, liebevoll gehegt / Die Luft ist rein, alles wirkt gepflegt / Hier lebt mensch gern in dieser heilen Welt / Solange mensch sich an ihre Grenzen hält.« FaulenzA verspottete das Vorstadtleben mit glühenden Worten. Hatte er sich vom Vorstadtleben verabschiedet, weil die Luft für ihn dort gar nicht so rein gewesen war? Weil es in der bürgerlichen Welt für ihn nichts zu lieben gab? Nichts und NIEMANDEN. Eine Laune des Schicksals hatte ihn und Rachelle zu Fans der Hip-Hop-Kultur gemacht. Warum? Damit sie beide denselben Stern hatten und ihr Schicksal auch seines war? Er hörte Zeckenrap und sie Gangster-Rap, aber egal, es war doch beides Rap, auch wenn die Gangster viel zu oft die umgekehrten Werte vertraten.
Seine beste Freundin Greta, sie kannte sich aus mit esoterischem Kram, hatte einmal etwas sehr Weises zu diesem Thema gesagt: »Du und Rachelle, ihr seid Teil einer Seelensippe, wenn auch nicht derselben Seelenfamilie.« Das war ziemlich genial. Er hatte sich, aus der porzellanweißen Vorortsiedlung von München kommend, in eine Zecke verwandelt, und sie, die aus der Armut kam, in einen Diamond-Gangster mit eigenem Lambo, der mächtig viel Para machte. Wenn das nicht dieselbe Seelensippe war, was dann? Was kompliziert klang, leuchtete ihm als soziologische Grundkonstellation dieser Liebe völlig ein. Er spürte ganz deutlich, wie seine königliche Hoheit sich durch die Straßen Berlins bewegte, auch wenn sie sich vorerst noch in ihren lila Lustgärten voreinander versteckten wie Kinder beim Fangspiel. Dabei atmeten sie dieselbe dirty old Luft der Hauptstadt ein, die aber, wenn man neueren Messungen glaubte, gar nicht so mehr so schmutzig wie früher war.
Timo war in Rachelle verliebt und er war verliebt in diese Liebe, logisch, dass sie so weh tat, wie ein frisches, in die Haut geritztes Tattoo. Ob es auch daran lag, dass es der Sommer vor seinem vierzigsten Geburtstag war? Es gab plötzlich eine gefühlte Begrenzung der Lebenszeit, als ob sich die Zeitfenster verschoben hätten.
Vielleicht kam seine Unruhe auch daher, dass seine Freundinnen und Freunde nicht das geringste Verständnis für Rachelle Engels gewaltige Texte hatten. Die Musik, die Hip-Hop-Kultur, nun gut, das war aus Gretas Sicht noch Teil »derselben Seelenfamilie«, aber diese Texte? Aus ihren Augen glotzten ihm Fragezeichen mit weinenden Sternchen entgegen, wenn Timo nur vorsichtig andeutete, dass er neuerdings nur noch Gangster-Rap hörte. Ohnehin waren sich alle in seinem Umfeld einig, wie widerlich diese Messages waren: frauenfeindlich, gewaltverherrlichend, scheiße. Greta wurde regelrecht einsilbig, wenn die Sprache auf Rachelle Engels »Brutalo-Rap« kam, obwohl sie doch ansonsten besessen von weiblichen Musikern war. »Sie bezeichnet andere Frauen als Bitches«, hatte Greta einmal beiläufig geäußert, als sei sie sowas wie der Platten-TÜV. »Sie verwendet den Bitch-Begriff jedenfalls immer nur negativ für andere, nie für sich selber«, hatte sie kalt festgestellt und anschließend das Thema gewechselt. Ob das denn so schlimm sei, hatte er nachfragen wollen, sich dann aber nicht getraut. Er war ja keine Frau, hatte keine Ahnung, wie schmerzhaft es war, als »Bitch« oder »Nutte« beschimpft zu werden … Aus feministischer Perspektive hatte sie bestimmt recht. Aber musste man denn alles aus dieser einen Perspektive sehen? Oder war diese eine Perspektive in Wirklichkeit so vielfältig, dass man tatsächlich alles damit deuten und wegerklären konnte? Andererseits: Gab es nicht wirklich Frauen, die Bitches waren, oder war »Bitch« auch nur ein Konstrukt wie »Frau« oder »Mann«? Anstatt sich mit Greta zu streiten – ein Streit, bei dem er und Rachelle nur verlieren konnten –, schlenderte er weiter durch grüngoldene Sonnenstraßen und grübelte mit offenen Augen darüber nach, was es wohl bedeutete, dass Shakespeare in Romeo und Julia keine genauen Angaben über die Art und Weise der Feindschaft zwischen den Familien gemacht hatte? Auf der Wikipedia-Seite zu Romeo und Julia, auf die Timo sich am letzten Sonntagnachmittag geklickt hatte, stand zu lesen, der Meister habe die Gründe im Ungefähren gelassen, damit die Rezipienten ihre eigenen Konflikte, oder die Konflikte ihrer Zeit, hineindeuten konnten. Auch dem hatte Timo nichts hinzuzufügen, war bestimmt ein kluger Schachzug von Shakespeare gewesen.
Timo flanierte stets mit durchgestreckter Wirbelsäule, groß und aufrecht, durch die Straßen, während er sich in seinen eigenen vier Wänden immer noch klein und unbedeutend fühlte. Schon der Weg ins Café hatte etwas von einem Fest der Möglichkeiten. In ihm entstand dabei schon eine intellektuelle und inspirierende Atmosphäre und gleichzeitig konnte er Abstand nehmen von den Zwängen des Alltags. Auch wenn sein Alltag nicht aus allzu vielen Zwängen bestand. Das Visage lag nur ein paar hundert Meter von seiner Wohnung entfernt, in dem vor Neugeborenen, Kindern und neuartigen Ladengeschäften nur so wiehernden Viertel. Wie gut, dass er keine eigenen Kinder hatte, sonst hätte er Rachelle nie kennengelernt. SIE war schon wieder die ganze Nacht bei ihm gewesen, wenn man so will. Er hatte stundenlang von ihr geträumt – vom süßesten Rache-Engel aller Zeiten. SIE rollte durch seine Gedanken wie die Bowlingkugel durchs fulminante »Cannonball«-Video der legendären Breeders: Oh, er freute sich schon so auf das gemeinsame Leben mit ihr, auch wenn sie auf seine letzte Insta-Nachricht nicht geantwortet hatte. Das musste sie auch nicht, die Liebe, »die große Liebe«, er summte den Überhit von Sido und geriet innerlich vor Rührung ins Stocken. Klar, dass bei so einer großen Liebe Nachrichten übermittelt wurden, von ihr zu ihm, von ihm zu ihr. Über Wellen oder einen unsichtbaren Äther. Er war sich ganz sicher, dass sie beim Lesen seiner Message geschmunzelt hatte. Er hätte schwören können, dass sie so etwas gedacht hatte wie: »Alles klar, nächstes Mal gehen wir einen Schritt weiter.« Sie hatten ja noch keinen Sex gehabt, obwohl alles zwischen ihnen Sex war: Wie sie sich berührten, miteinander kuschelten oder tanzten, ja, selbst wenn sie nur ganz eng beieinanderstanden und schwiegen. Alles war Sex. Kein gewöhnlicher Sex, besser als Sex, besser als jeder Sex, den er je gehabt hatte, und er hatte viel Sex gehabt. Das mit den anderen Frauen, das war aus seiner heutigen Perspektive gar kein Sex gewesen, das war doch eher gegenseitige Masturbation, das war Kindergarten, Sandkasten, Doktorspiel, das war whacker Scheißsex. Selbst der Nicht-Sex mit Rachelle war besserer Sex als jeder »echte« Sex mit den anderen Frauen. Er wusste, dass SIE auch so fühlte, er wusste es einfach. Ich muss aufhören, mich einsam zu fühlen. Zehnmal hintereinander hatte er diesen Satz in sein Tagebuch geschrieben. Danach hatte er sich gleich weniger einsam gefühlt. Er war kein Zaunspatz, er war ganz vorne dabei in einem aufregenden Dasein, im Monat drei nach Beginn der neuen Zeitrechnung: n.R.E.
Die allerhöchsten Glückmomente gab es selbstredend nicht auf dem Weg, sondern im Café selbst, vertieft in das Tagebuch, in dem sich seine große Liebe breit gemacht hatte. Sein Gangster-Girl war immer dabei, wenn er sich in der gehobenen Kunst des Bohemians übte: genau hinschauen, ohne genau hinzuschauen. Man wollte in dieser kühlen, heißen Stadt, in diesem Viertel, nicht neugierig wirken, aber trotzdem gerne wissen, was so in den Menschen vor sich ging. Besser also man fixierte die Kaffeetasse mit demonstrativem Eifer, während man heimlich zum Nachbartisch linste, um doch still dabei zu sein: Bei einem »Ankunft in Berlin«-Gespräch von zwei Australierinnen, die am Nebentisch Händchen hielten, wobei in diesem schlauchartigen Café strenggenommen jeder Tisch ein Nebentisch war. Ihre Kunstpelzmäntel und die gepunkteten Strumpfhosen und Taschen leuchteten wie kleine Lämpchen. Die beiden Girls waren in so quietschigen Pink-Orange-Tönen gekleidet, als würden sie ganz Berlin für eine Diskothek halten. Timo war sehr ergriffen von der Farbtupfer-Offensive am Nebentisch – von seinen jüngeren Freundinnen wusste er überdies: Das waren keine »Farbtupfer«, das waren »Polka Dots« – und er war davon überzeugt, Rachelle würde die beiden Flamingos in Menschengestalt auch toll finden, denn sie hatte auch einen ausgezeichnet »schlechten« Geschmack.
Leider wurde seine Aufmerksamkeit jetzt aber von zwei Apothekern in schwarzen Anzügen absorbiert, die sich den Tisch in der Mitte des Bohemian-Treffs ausgesucht hatten, um sich in einer Lautstärke, die besser in ein bayrisches Wirtshaus gepasst hätte, darüber auszutauschen, wie schlimm die ersten Arbeitsjahre in der Apotheke gewesen seien, weil man jede saisonale Viruserkrankung mitgenommen habe, »bis mein Körper sich daran gewöhnt hat, inmitten von Krankheitserregern cool zu bleiben und zu funktionieren.« Selber schuld, dachte Timo, der eigentlich nie »selber schuld« dachte, außer bei Leuten mit bombig bezahlten Vollzeitjobs im medizinischen Sektor, denn sie erinnerten ihn an seinen Vater, zu dem er eine Position liebevoller Distanz mit einem deftigen Schuss Hassliebe einnahm. Nicht, weil er Arzt war; er empfand im Gegenteil sogar Hochachtung vor den allermeisten Menschen, die diesen schrecklich schweren Beruf ausübten. Nur nicht vor Leuten wie seinem Vater, der zu der Sorte selbstverliebtes Arschloch gehörte, die man im Ärztestand mitunter antraf. Sein Vater wiederum würde nicht im Traum auf die Idee kommen, in so ein, aus seiner Sicht, »heruntergekommenes« Café wie das Visage zu gehen.
Dota hatte Schicht, an diesem Septembertag, die süße und taffe Dota. Er liebte sie, wie alle Kellner und Kellnerinnen hier. Sie waren anders als in den anderen Cafés, ohne, dass er hätte sagen können, worin genau dieses Anderssein bestand. Dota brachte ihm »seinen« Cappuccino, ohne dass er ihn extra bestellen musste, und ließ sich dann, ebenso selbstverständlich und ungefragt, auf der hochhackigen Sektkiste neben ihm nieder. Sie wussten nicht viel voneinander.
Aber heute war sie in Redestimmung, musste ihm unbedingt »was erzählen«. Sie wirkte komplett durch den Wind, von Zeit zu Zeit zuckten sogar ihre Augen, als ob sie kürzlich einen Nervenschaden erlitten hätte. Sie sei gestern Nacht, »leider, leider«, wie sie selbst beteuerte, in einem der Läden in der Nähe der Friedrichstraße abgestürzt, und habe, entgegen ihrer Gewohnheit, Ketamin genommen. (Na, klar, schrieb Timo unauffällig in sein Notizbuch, indem er die Seite mit der Hand abschirmte, entgegen ihrer Gewohnheit☺.)
»Dann bin ich mit so einem Angebertyp nach Hause gegangen, der zuerst nice war, aber von Stunde zu Stunde unheimlicher wurde. Er ist ein Narzisst.« Sie hob das Wort »Narzisst« aus dem Satz heraus, indem sie es überbetonte, als ob damit sowieso schon alles gesagt wäre. »Ein Narzisst«, wiederholte sie, wohl weil er sich nicht deutlich genug anmerken ließ, dass er durchaus genug psychologische Grundkenntnisse hatte, um zu begreifen, was das bedeutete. »Das wurde mir von Stunde zu Stunde klarer. Mick, so nannte er sich, hat sich aufgeführt wie Jim Morrison höchstpersönlich.«
Timo lachte und dachte so bei sich: Besser, als wenn er sich mit Mick Jagger identifiziert hätte.
Als ob Dota seine Gedanken gelesen hätte, sagte sie: »Mick hat sich, glaube ich, wirklich für Jim Morrison gehalten, nicht für Mick Jagger. Dafür fehlt ihm der gesellige Stil. Als würde er im Auftrag Morrisons etwas aufführen oder so.«
Timo schaute aufmerksam in ihre Augen und nickte mitfühlend. Mehr, als dass ihn ihre Erlebnisse schockten, freute er sich, dass sie sie ihm anvertraute, denn es bedeutete, dass er dazugehörte, zu dem kleinen Café. Es zwang sie ja keiner dazu, ihm das alles anzuvertrauen, sie könnte ihn ja auch für einen Eindringling halten, einen Frauenschläger oder, schlimmer noch: einen geizigen Schwaben, obwohl er gar nicht aus Schwaben kam. Aber was wussten die Berliner schon über süddeutsche Dialekte? Sie hörten nur, da war einer mit einer etwas anderen Sprachmelodie, der die Worte so komisch dehnte, und schon dachten viele, er käme aus dem verhassten Stuttgart. Tatsächlich klang Timo, wenn er so mitfühlendes Zeugs murmelte, noch weicher, und aus seiner Männersicht »lächerlicher«, als ein »normal« verständnisvoller Mann. Aber wie, überlegte er, wenn nicht mit Empathie, sollte man denn sonst reagieren, wenn einem eine Frau mit bebender Stimme eine Angstsituation schilderte? Muss ja wirklich schlimm gewesen sein. Zumal Dota so wirkte, als könne sie so schnell nichts aus der Ruhe bringen. Aber alle Frauen können Betroffene von Gewalterfahrungen werden. Das wusste er inzwischen, nicht nur von Greta, die ihm ihre Gewalterlebnisse schon in allen Großstadt-Schattierungen ihres Lidschattens erzählt hatte: Das stand jetzt seit einiger Zeit in allen Zeitungen, und auf Twitter, Insta und Facebook sowieso.
»Er wollte, dass ich mit ihm in die Wanne steige, er hatte schon das Badewasser eingelassen und überall Kerzen angesteckt, große Kerzen, und sich dabei bewegt wie ein Raubtier, so ganz langsam und fauchend. Und total von sich eingenommen.« Dota sprang auf und ahmte Micks fischige Bewegungen mit ihrem drahtigen Körper nach. Sie reckte sich und streckte sich, als würde sie in der freien Fläche über ihrem Kopf eine Flasche Wein entkorken. Sie machte das gut, als ob sie mal eine Bewegungstherapie oder so etwas in der Art gemacht hatte. »Der war so narzisstisch, und wir waren ja beide nackt, es war ganz schwer für mich, in dieser Situation meine Klamotten wiederzufinden, ich war ja auch so bedröhnt, ich habe ewig gebraucht, um abzuhauen. Er ist mir in jedes Zimmer gefolgt. Was mir denn einfallen würde, jetzt zu gehen, wo wir doch zusammengehören? Ich glaube, der hat meine Klamotten absichtlich in die Vorratskammer gesteckt, damit ich sie nicht mehr finde. Jetzt habe ich Angst, dass er mich stalkt. Er war heute Morgen ganz früh schon hier und hat sich nach mir erkundigt. Ich halte es für möglich, dass er da draußen irgendwo herumlungert und das Café im Blick behält.«
»Oh, krass, das ist bestimmt furchtbar belastend für dich.« Timo wusste nicht, was er tun würde, wenn er in ihrer Lage wäre: Eine Frau, die von einem Mann gestalkt wurde, das war gruselig. Einfach nur scheiße. Wenn ihm sowas passieren würde, dann würde er auch nicht ruhig bleiben, aber immerhin dürfen Frauen ihre Ängste offen zugeben, dachte er, während er sie hilflos anschaute und sich nicht traute zu fragen, ob sie Hilfe brauche. Nicht, dass sie ihn auch für so einen Typen hielt. Und noch schlimmer, sofort landeten seine Gedanken wieder bei einem gewissen sexuellen Engel: Was wäre wohl, wenn Rachelle ihn unter Verdacht hätte, ein Stalker zu sein, so häufig wie er auf ihren Insta- und Facebook-Seiten schon mitgelikt und Kommentare abgegeben hatte? Sie hatte seine Kommentare nie beantwortet, aber immer, wenn sie sich trafen, hatte sie keinen Zweifel daran gelassen, dass sie zusammengehörten, oder? Etwas in ihm krampfte sich zusammen, es war wahrscheinlich der Magen. Er nahm sich vor, sofort ganz viel von Dotas Geschichte zu lernen. NIE ZU WEIT GEHEN, schrieb er in Großbuchstaben in sein Heftchen und ergänzte hochtrabend: Das Schlimmste, was passieren kann, die größte Todsünde für die Liebe ist, wenn Rachelle denkt, ich stalke sie! Achte stets darauf, dass die über alles geliebte Frau sich nicht von deinem Balzverhalten bedroht fühlt, einfach nur, weil du ein Mann bist.
Dota räumte die Tasse weg, als ob sie sowieso von niemandem etwas zu erwarten hätte, und Timo bestellte ein zweites Heißgetränk, um noch in ihrer Nähe zu bleiben. Eine von Dotas Freundinnen, die Timo vom Sehen kannte, kam in einer Lavendelduftwolke und einer weiten Wollweste ins Café gestürmt, sie roch nach Wald und Blumen, und das machte sie und ihre übertrieben gute Figur in Skinny-Jeans noch anziehender. Dota erzählte auch ihr die Geschichte, mit demselben Erregungspotenzial in der Stimme. Und Timo spitzte die Ohren, weil er nicht genug davon kriegen konnte, wie Dota die gekünstelte Performance des unheimlichen Jim-Morrison-Epigonen in allen Details und mit diversen Bewegungen nachahmte. Aber obwohl ihm expressive Frauen wie Dota wahnsinnig gut gefielen, wäre er nicht auf die Idee gekommen, sich in sie zu verlieben. In die plötzlich entstandene Leere hinein fiel ihm pochenden Herzens wieder ein, dass er ja Anfang November einen Abgabetermin für einen Anthologie-Beitrag hatte.
Timo fragte sich ein paar panische Minuten lang, warum er es nicht mehr schaffte, seine Aufträge zu erledigen, wie er es in all den Jahren zuvor getan hatte. Dann schob er den Gedanken an die Pflicht beiseite, es war doch beinahe noch Sommer, da konnte er doch nicht nach Hause gehen und einen schlaumeierischen Text für irgendein völlig unwichtiges Buchprojekt schreiben. Seit er Rachelle kennengelernt hatte, kamen ihm künstlerische Projekte, die nicht mindestens fünf Millionen Aufrufe bei YouTube hatten, sowieso vollkommen bedeutungslos vor. Er war also nicht besonders viel wert, aber wenn er mit Rachelle Engel gemeinsame Sache machen würde, dann hätte das den höchsten Wert überhaupt. SIE war einfach zu perfekt. Verdammt, alles, was er jemals in seinem Leben gewollt hatte, und auch das Verbotenste, schien in diesem einen Menschen zu stecken! Aber wenn es mal wieder richtig kalt ist, dachte er und umschloss die Tasse mit dem noch heißen Kaffee wie einen heiligen Ring of Ice, dann werde ich zu Hause bleiben und diesen Wahnsinns-Essay verfassen, den ich Michi, als noch richtig Sommer war, auf dem Straßenboulevard vorm Laidak versprochen habe. Im Nachhinein wunderte er sich darüber, dass er überhaupt noch in der Lage gewesen war, so einen Auftrag anzunehmen. Aber das beginnende Delirium und die Denkaufgabe, die der Freund ihm gestellt hatte, hatten einmalig zusammengepasst, in dieser frühen Augustnacht voller Jägermeister und Champagner. Seine Gedanken waren wirr und klar auf und ab gesprungen, spontane Eingebungen, die Lindy Hop im Mondlicht getanzt hatten. Nur leider hatte er das Thema seines Aufsatzes inzwischen wieder vergessen. Er nahm sich vor, bei Gelegenheit mal nachzuschauen, es stand in dem Notizbuch mit dem Frosch drauf.
Wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann war es ein Supergefühl, mal Pause zu machen, die Gedanken für sich zu behalten und nicht mehr mit seinen journalistischen Texten in der Öffentlichkeit zu stehen. Das konnte er später in all den Interviews nachholen, die er geben und in denen er erzählen würde, wie es möglich sei, dass so ein politisch korrekter Typ wie er mit einer Straßenrapperin wie ihr zusammen ist. Mit einer Frau, die solch menschenverachtende, gewalttätige und frauenfeindliche Inhalte verbreitet. Diesen Spaßverderbern würde er aber etwas erzählen. Seine Rachelle war doch ein feiner Mensch. Lasst sie in Ruhe ihre Kunst machen, verdammt. Ihr habt alle den Gangster-Rap nicht kapiert! So ist Rap halt, dann hört doch fein pürierten Schlager. Nee, im Ernst: Was diese Frau alles erlebt hat und mitansehen musste, rümpft mal nicht euer fieses Näschen, es gibt genügend geile Gründe, ihr das durchgehen zu lassen …
Aber es gab noch einen anderen Grund, warum er im Moment nichts veröffentlichte: Er fühlte, in dieser überkandidelt candysüßen Schrecksekunde ihres gemeinsamen Daseins, dass er das »Kreativsein« ihr überlassen musste. Kreativsein; das meinte in seinem Fall durchaus auch »Sätze-scharf-wie-Ratten-und-Raketen« in die Öffentlichkeit zu schießen, nur eben auf »politisch-korrekt«. Ja, er bewegte sich in seinen musikjournalistischen Texten stets auf übertrieben »politisch-korrektem« Eis, während Rachelle auf überwältigend politisch unkorrektem Untergrund ihre Pirouetten zog; nur dünn war das Eis in beiden Fällen. Aber im Gegensatz zu ihm schien seine Rachelle gerade in einer Schreibkrise zu stecken. Das hatte sie ihm indirekt sogar gestanden, ganz schmucklose Ansage, etwas gemurmelt von »im Moment schlecht aufgestellt«, aber von flinkblitzenden murmelbraunen Augen direkt in sein Herz übertragen. Och, die Herrin konnte überaus süß sein! Ihre Rehblicke hatten einen Wärmegrad, der es locker mit dem in seiner Altbauwohnung aufnehmen konnte. Gar nicht nur »cold, cold heart«, wie man es bei einer Straßenrapperin vermuten würde.
Eins stand fest: Er musste selbst einen Schritt zurücktreten – roten Teppich ausrollen, sich masochistisch das Fleischkleid Lady Gagas auf den Bauch binden lassen – und Rachelle Engel den Vortritt lassen! Timo könnte tausend Messerstiche darauf wetten, dass seine Kreativität ihre behinderte. Wir beide sind doch wie Sonne und Mond, wir können nie zur selben Zeit scheinen, hieß es in seinem Tagebuch, in der Ausgabe mit dem Frosch, oder war es bereits die Issue mit dem Froschkönig? Greta war es, die ihn auf das Bild von »Sonne und Mond« gebracht hatte. Mit einem schwer zu entziffernden Blick hatte sie von einem »Dualseelenprozess« gesprochen. Er hatte sich zunächst nicht viel dabei gedacht; wie alle Frauen, die er kannte – alle Frauen außer seine Rachelle Engel natürlich, die in Bezug auf die Liebe leider etwas wortkarg war –, hatten auch die Feministinnen für alles in der Liebe ein Wort. Er musste da manchmal an den Song von Max Raabe denken, den bezeichnenderweise Annette Humpe komponiert hatte: Für Frauen ist das kein Problem, sie haben für alles eine Creme, oder so ähnlich.
Greta hatte mit so großer Selbstverständlichkeit über diesen fucking »Dualseelenprozess« gesprochen, dass er sich kaum traute zuzugeben, dass er davon noch nie etwas gehört hatte. Aber dann fand er Gefallen daran, sehr sogar. Mittlerweile zweifelte er kaum noch daran, dass es so etwas wie diese Seelen, die zueinander gehörten, aber nicht zueinander fanden, wirklich gab. Mit »Magie« sollte das alles auch noch etwas zu tun haben und es fühlte sich bei Gott »magisch« an, was zwischen ihm und Rachelle passierte. Er musste Greta bei Gelegenheit mal fragen, was man tun könne, um den Prozess des Zusammenkommens zu beschleunigen. Denn so schön es auch war, Magnet in einer Dualseelenverbindung zu sein, so schlimm war doch die Vorstellung, dass es noch ein Weilchen … dass er noch eine jahrelange Schicksalsprüfung vor sich hatte. Was für ein Horror! Das Bild von der Sonne und dem Mond, die nie zur gleichen Zeit scheinen dürfen, war trotzdem killer, einfach wunderschön. Man konnte es allgemein auf sie beide als Künstlertypen beziehen: Rachelles Zeit, die Zeit von Aggro-Rap, war im Grunde abgelaufen. Jetzt kam seine Zeit, Feminismus war angesagt, wie nie zuvor in seinem Leben. Dem goldenen Zeitgeist hinterhergondelnd, konnte man jetzt mit dem Gegenteil dessen, was Rachelle in trotziger Lyrik umgesetzt hatte, fame werden. Mit dem Gegenteil von Frauen-Denunziation und Slutshaming, und das hieß vor allem: mit einem respektvollen und liebevollen Blick auf weiblich gelesene Personen! Wenn er Rachelle nur irgendetwas davon vermitteln könnte. Aber es gab wohl nichts Lächerlicheres als einen Mann aus der oberen Mittelschicht, der einer Frau aus der Unterschicht Feminismus buchstabieren will. So viel wusste er: Feminismus funktionierte nicht als Mansplaining. Und weil das so anmaßend wäre, er so, als Mann, bringt ihr was bei, über ihre eigene Lebenswirklichkeit, war die Magie erfunden worden!
Vor langer, langer Zeit waren ihrer beider Seelen mal eins gewesen, nur zwischendurch getrennt worden, und nun hatten sie sich wiedergefunden, um etwas von der Wahrheit des anderen in sich aufzunehmen. Sie hatten nie darüber gesprochen, aber es lag auf der samtenen Hand, dass es so war. Er war ja nicht unbekannt als Journalist. Und sie wusste bestimmt, dass er oft feministische und antirassistische Ideen in seine Texte miteinfließen ließ. Logisch, dass sie sich auch in seine zickig-zackige Zeckenhaftigkeit verliebt hatte. Sie wollte doch bestimmt nicht nur mit ihm, sondern auch mit der Zeit gehen? Wer weiß, vielleicht hinterfragte sie gerade, dass sie andere Frauen immer nur als Bitches beschimpfte? Und wenn sich die Herrin in einer so menschheitsbewegenden Schreibkrise befand, dann musste er ihr gottverdammtnochmal den Vortritt lassen und selbst schweigen.
Der Gedanke dahinter war, dass irgendwann Sonne und Mond zur selben Zeit am Sternenhimmel scheinen könnten. Nicht nur ein unglaubliches Wetterphänomen, auch eine soziale Revolution wäre das. Blieb nur die Frage, wer die Sonne und wer der Mond war? Auch wenn Rachelle Engel mehr Geld als er verdiente, so war er felsenfest davon überzeugt, dass ER die Sonne war und SIE der Mond. Und daran würde sich auch nie etwas ändern, genau deshalb musste er sein Licht runterdimmen.
Tatsächlich hatte Rachelle Engel, in genau der Phase, in der er seine letzten großen Texte in Zeitungen veröffentlicht hatte, nur Mist gebaut: Die »Junkies«-Single war nicht gerade das Gelbe vom Ei gewesen. Bei genauerem Hinsehen war die Idee, basierend auf »No Scrubs« einen neuen deutschen Text zu schreiben, vielleicht doch nicht so gut gewesen. Nicht wirklich geil. »No Scrubs« war nicht nur seiner Ansicht nach einer der abgedroschensten Überhits des female Hip-Hop, noch dazu aus den verdammten Neunzigern, in puncto Uncoolness kurz vor »Let’s Talk About Sex«. Und eine Rapperin, die fresh sein wollte, die sampelte sowas nicht. Jetzt muss sie mal wieder mit ’ner nicen Idee um die Ecke kommen, sonst verliert sie den Anschluss an die Trap-Kids, hatte er letzten Donnerstag seinem Heftchen anvertraut. Immer nur rattenscharfe Fotos von sich und ihrer strengen Managerin bei Insta hochladen: das kann nicht wirklich die Erfüllung sein.
