Breaking Silence - Sarah Jo Clark - E-Book
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Sarah Jo Clark

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Beschreibung

Er kennt ihr Geheimnis, doch sie kennt seines auch … Eine gefühlvolle Enemies-to-Lovers-Romance über Vertrauen und den Mut, für sich einzustehen. Für Fans von Jenny Han, Ali Novak und Mona Kasten  »Seine unerwartete Berührung lässt eine Gänsehaut auf meinem Arm entstehen. Ich spüre seinen fragenden Blick, doch ich kann meinen nicht von seinen Fingern lösen, die auf meinem Handgelenk ruhen.«  Die zielstrebige Penny will nichts lieber, als ihrem Zuhause in einem heruntergekommen Trailerpark und ihrer nachlässigen Mutter zu entkommen. Ein Stipendium fürs Studium ist ihr so gut wie sicher – doch wer kümmert sich dann um ihre kleine Schwester? Ein Gesangswettbewerb ist die Lösung, denn mit dem Preisgeld wäre die Zukunft der Familie gesichert. Anonym nimmt Penny teil, auf keinen Fall will sie sich zum Gespött der Schule machen. Doch dann entdeckt ausgerechnet der reiche, unausstehliche, aber umschwärmte Carter ihr Geheimnis … 

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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© Piper Verlag GmbH, München 2025

Redaktion: Cornelia Franke

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: Alexa Kim »A&K Buchcover«

Covermotiv: [email protected]

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Widmung

Triggerwarnung

Prolog

1. Vorurteile

2. Einhörner und anderer Scheiß

3. Terces

4. Erdbeeren mit Senf

5. Underdog

6. Anti-Mensch

7. Beobachtungsgabe

8. Der Bund der Volltrottel

9. Zombiemodus

10. Kontaktallergikerin

11. Auffällig unauffällig

12. Applaus

13. Verräterische Elefanten

14. Ein Ding der Unmöglichkeit

15. Improvisationstalent

16. Zettelwirtschaft

17. Der Lauscher an der Wand

18. Gehen oder bleiben?

19. Nur ich selbst

Carter

20. Puck, die Stubenfliege

21. Helfer-Syndrom

22. Hinter der Fassade

Carter

23. Eine Überraschung kommt selten allein

24. Schuldig im Sinne der Anklage

25. Endorphin-vernebelt

26. Wer ich wirklich bin

Carter

27. Pinker Latex

28. Richtig oder falsch?

29. Die Ruhe vor dem Sturm

30. Nur ein Spießer?

Carter

31. Kein Date

32. Ultimative Pläne

33. Verbindlichkeiten

34. Dasselbe alte Spiel

35. Auf der Spur

36. Der Palast und die Eindringlinge

37. Eingeständnisse

38. Poolparty

39. Unausgesprochene Gefühle

Carter

40. Stille Post

41. Verlorene Freundschaft

42. Ein Schritt in die richtige Richtung

43. Nächtlicher Ausflug

44. Nicht so einfach

Carter

45. Eine andere Welt

46. Wie eine Prinzessin

47. Ablenkung der anderen Art

48. Gedankengänge

49. Die Sache mit dem Starappeal

50. Wunschdenken

51. Ausgelöschte Hoffnungsschimmer

52. (K)ein billiger Jason-Abklatsch

53. Nacktes Publikum

54. Einhorn-Barbie mit Fake-Fassade

55. Weiter oder nicht?

56. Gefährlich nah

57. Sozialprojekt

58. Die richtigen Worte

59. Kein Footballspieler

Carter

60. Echte Beziehung

61. Licht am Ende des Tunnels

62. Ein Stückchen Normalität

63. Everything i wanted

64. Stolz der Schule

Carter

65. Fatale Enthüllungen

66. Zerstörte Welt

67. (K)ein dummer Streich

Carter

68. Letzte Chancen

69. Bittere Erkenntnis

70. Zeit für Klarheit

71. Detektiv-Skills

72. Wenn Blicke töten könnten

73. Alte Verbündete

74. Dramaqueen

75. Jefferson Lake

76. Der Heilige Gral

Epilog

Vier Monate später …

Danksagung

Nachwort

Triggerwarnung

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Für alle, die nie aufgehört haben, an sich selbst zuglauben – auch dann, wenn es sonst niemand getan hat.

Dieser Text enthält Themen, die triggernd wirken können. Eine Aufzählung, die jedoch den Inhalt des Buches spoilern kann, findet sich am Ende des Textes.

Wir wünschen ein bestmögliches Leseerlebnis.

Prolog

Ganz langsam dringen die ersten Sonnenstrahlen des Tages durch das kleine Fenster des heruntergekommenen Trailers. Sobald sie mein Gesicht erreichen, kneife ich die Augen zusammen und versuche, zurück in den Schlaf zu finden.

»Penny! Bist du wach?« Die Stimme meiner Mutter ertönt gedämpft durch die geschlossene Tür, was mich unwillkürlich zusammenzucken lässt. Als ich nicht sofort reagiere, hämmert sie ungeduldig mit der Hand gegen das Holz. »Ich weiß, dass du nicht mehr schläfst! Komm mal zu mir rüber!«

Genervt schiebe ich die Decke zurück und lasse meine Füße auf den fleckigen Teppich gleiten. Nachdem ich mich erhoben habe, werfe ich einen Blick in die obere Etage des Hochbettes. Dort liegt meine kleine Schwester Emma. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich gleichmäßig und ich frage mich ernsthaft, wie ein Mensch so tief schlafen kann.

Vorsichtig richte ich ihre Decke und streiche ihr sanft über das weiche Haar. Sie ist der einzige Grund, weshalb ich diesen verfluchten Trailer-Park noch nicht verlassen habe.

»Penelope Newman!«

Eilig bewege ich mich zur Tür und atme einmal tief ein, bevor ich widerwillig den Knauf betätige. Sofort steigt mir der Geruch von abgestandenem Zigarettenrauch in die Nase, was mich angeekelt das Gesicht verziehen lässt. Meine Mom sitzt auf der Couch, während der Tisch vor ihr mit leeren Wein- und Schnapsflaschen übersät ist. Schon wieder.

»Was ist?«, will ich kühl von ihr wissen, während ich angewidert das Chaos im Wohnbereich inspiziere. Überall liegen Kleidungsstücke und leere Zigarettenschachteln verstreut. Egal, wie oft ich aufräume, sie schafft es innerhalb kürzester Zeit, alles im Chaos versinken zu lassen.

»Der Kühlschrank ist leer«, blafft sie und unterstreicht ihre Aussage mit einem zittrigen Fingerzeig in die winzige Kochnische.

»Das wäre er nicht, wenn du nicht unser Geld versaufen würdest, Amanda.«. Meine Stimme klingt ruhig, obwohl ich innerlich koche und bereits weiß, in was für einem Drama diese Konversation enden wird.

»Pass bloß auf, wie du mit mir redest! Ich bin immer noch deine Mutter! Ganz egal, wie oft du mich beim Vornamen nennst!«

»Dann benimm dich gefälligst wie eine!« Aufgebracht verringere ich die Distanz zwischen uns und mustere sie abschätzig. Enttäuschung und Machtlosigkeit haben schon lange einen tiefen Riss in meinem Herzen hinterlassen, aber ich schiebe die Gefühle zur Seite und halte ihrem Blick stand.

Außerdem bin ich es leid, mit meinem Nebenjob unsere Familie zu versorgen, während sie die uns zustehende staatliche Unterstützung regelmäßig in Alkohol und Zigaretten investiert. Dieses Spiel mache ich nicht mehr kommentarlos mit. Immerhin quäle ich mich nicht zwei Abende die Woche ins örtliche Kino, um dort den Dreck von anderen Leuten wegzumachen, damit sie sich regelmäßig volllaufen lassen kann.

Plötzlich erhebt sich meine Mom von der Couch und macht einen Schritt auf mich zu. Ich rühre mich nicht von der Stelle, beobachte lediglich ihre schwerfälligen Bewegungen.

»Du bist so undankbar! Sei froh, dass ich dich noch nicht rausgeworfen habe!« Ihre Worte vermischen sich mit dem unangenehmen Geruch von Alkohol und zwingen mich, vorübergehend den Atem anzuhalten.

»Ich bin nur noch hier, weil ich Emma nicht mit dir allein lassen kann.« Obwohl sie versucht, die Fassung zu bewahren, sehe ich, wie ihre knochigen Schultern nach unten sacken. Kurz darauf lässt sie sich zurück auf die Couch fallen und vergräbt ihr Gesicht in den Händen.

»Ich bin eine gute Mom«, murmelt sie mehr zu sich selbst als zu mir. Obwohl wir beide wissen, dass das Gegenteil der Fall ist, gebe ich nach und setze mich zu ihr.

»Wenn du es allein nicht schaffst, gibt es zahlreiche Hilfsangebote und ich helfe dir gerne, etwas Passendes zu finden.« Es kostet mich einige Überwindung, trotzdem lege ich ihr vorsichtig eine Hand auf den Rücken. Diese Art von Gespräch haben wir schon unzählige Male geführt. Trotzdem keimt jedes Mal ein Hoffnungsschimmer in mir auf.

»Okay«, flüstert sie kaum hörbar und lässt ihre Hände sinken. Der jahrelange Alkoholkonsum hat deutliche Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen und obwohl sie erst Ende dreißig ist, schimmert ihre Haut in einem ungesunden Grau.

»Wenn du bereit bist, Hilfe anzunehmen, werde ich alles tun, um dich zu unterstützen. Aber so, wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen.« Sie ist krank, das muss ich mir immer wieder vor Augen führen, um nicht durchzudrehen. Gleichzeitig hat mich unsere Situation schon in jungen Jahren dazu angetrieben, in der Schule Höchstleistungen zu erbringen. Durch unsere Familienkonstruktion war mir früh klar, nie wieder in einer Abhängigkeitssituation leben zu wollen. Deshalb habe ich alles darangesetzt, meine Zukunft vorauszuplanen.

Ohne Unterstützung, dafür mit viel Fleiß und Disziplin habe ich es geschafft, zu den besten Schülern der Roosevelt Highschool zu gehören. Alles, was ich will, ist ein Begabtenstipendium zu erhalten, damit ich nach dem Schulabschluss ein Studium aufnehmen kann. Mein Traum ist es, Psychologie an der Berkeley zu studieren, und ich befinde mich auf einem guten Weg, eines der begehrten Stipendien zu erhalten.

Hoffentlich werde ich auf diese Weise meinen Teil dazu beitragen, Sucht zu bekämpfen. Doch meine Freude wird deutlich getrübt. Wenn ich nach diesem Schuljahr tatsächlich studieren möchte, bedeutet das im Umkehrschluss, meine kleine Schwester hier zurücklassen zu müssen.

»Habt ihr wieder gestritten?« Emma streckt vorsichtig ihren Kopf durch die Tür und bedenkt uns mit einem traurigen Blick.

»Es ist alles in Ordnung«, lüge ich und ringe mir ein Lächeln ab. Dann stehe ich auf und gehe zu meiner Schwester, um sie in den Arm zu nehmen. »Hast du Lust, mit mir einkaufen zu gehen?«

»Darf ich mir eine Zeitung aussuchen? Stella hat gestern eine in die Schule mitgebracht, wo sogar echte Schminke dabei war«, fragt Emma aufgeregt und sieht mich mit ihren großen, flehenden Augen an.

»Make-up? Braucht man das mit acht Jahren?« Kopfschüttelnd wuschle ich ihr durch die zerzausten Haare. Eigentlich können wir es uns nicht leisten, aber ab und zu lasse ich so etwas trotzdem durchgehen.

»Bitte, Penny!« Ihr Flehen lässt auch das letzte Zögern weichen und ich hebe ergeben meine Hände.

»Geht klar«, sichere ich ihr also zu, während ich nebenbei die leeren Flaschen in einem Plastiksack verschwinden lasse und den Fußboden von den Kleidungsstücken meiner Mutter befreie. Als ich fertig bin, liegt Mom auf der Couch, die Augen geschlossen, und ich stelle mir kurz vor, wie es wäre, wenn sie es diesmal schaffen würde, Hilfe anzunehmen.

Allerdings bin ich zu oft von ihren leeren Versprechungen enttäuscht worden, daher fällt es mir verdammt schwer, zuversichtlich zu sein.

****

Während ich die beiden gefüllten Einkaufstaschen über den rissigen Asphalt trage, schweifen meine Gedanken in die Vergangenheit ab.

Unser Leben war nie perfekt, aber ich vermisse die Zeit, als unsere Großmutter noch lebte. Sie war unsere einzige Konstante und ich bin überzeugt, dass sie uns zu sich geholt hätte, wenn es ihr Gesundheitszustand zugelassen hätte. Irgendwie schaffte sie es immer, die richtigen Worte zu finden, egal wie aussichtslos die Situation auch schien.

Wie sehr sie mir fehlt, ist mir bei meinem achtzehnten Geburtstag vor ein paar Wochen wieder bewusst geworden.

Ich blinzle heimlich die aufsteigenden Tränen weg. Ihr habe ich so vieles zu verdanken, sie hat mir beigebracht, an mich zu glauben und für meine Ziele zu kämpfen. Außerdem war sie es, die mir ein Ventil für meine angestauten Emotionen gezeigt hat: das Singen.

Von klein an hat sie mit mir gemeinsam Songs einstudiert und ich hatte einen riesigen Spaß dabei, mit einer zum Mikrofon umfunktionierten Fernbedienung die Texte zu schmettern. Meine Großmutter war davon überzeugt, dass meine Stimme besonders ist. So sehr, dass ich zu meinem neunten Geburtstag einen Gutschein für wöchentlichen Gesangsunterricht bekommen habe, den ich bis zu ihrem Tod vor fast drei Jahren beibehalten habe.

Nach ihrem Ableben war es mir finanziell nicht mehr möglich, regelmäßige Stunden zu nehmen, dies hält mich aber nicht davon ab, für mich selbst zu singen und dabei an Granny zu denken. Irgendwie war das Singen unser Ding.

Ich schüttle leicht den Kopf, um mich wieder auf die Gegenwart zu konzentrieren. Das Gesicht meiner Großmutter verblasst und ich blicke zu Emma, die dicht neben mir läuft. Vollkommen vertieft blättert sie in ihrer neuen Zeitung. Sie scheint es nicht zu stören, den Weg zu Fuß zurückzulegen, was man von mir nicht behaupten kann. Allerdings hat der alte Toyota unserer Mom vor längerer Zeit den Geist aufgegeben. Glücklicherweise grenzt die Ausfahrt unserer Wohnwagensiedlung an einen kleinen Supermarkt, so dass der Weg auch ohne Auto machbar ist.

Unser Trailer liegt zentral in der Siedlung, welche hauptsächlich von in die Jahre gekommenen Wohnwagen geprägt ist. Ein paar von ihnen verfügen über winzige Vorgärten, von denen aber nur die wenigsten regelmäßige Pflege erhalten.

»Wow! Sieh dir das mal an!« Emma hält mir so abrupt ihre Zeitung vor mein Gesicht, dass ich beinahe eine der Einkaufstaschen fallen lasse. »Das ist die neue Show, wovon jeder in der Schule spricht!«

Halbherzig lasse ich meinen Blick über die aufgeschlagene Werbeanzeige gleiten und will das Magazin schon zur Seite schieben, als ich am ersten Textabschnitt hängen bleibe:

Music Is The Key

Amerika braucht einen neuen Stern! Wer wird das Publikum begeistern und am Ende als Sieger hervorgehen? Neben einer professionellen Gesangsausbildung erwartet euch ein Preisgeld von 250.000 Dollar!

1. Vorurteile

Natürlich habe ich vor meiner Schwester so getan, als würde mich diese neue Show nicht im Geringsten interessieren, insgeheim ist mir der Bericht aber nicht mehr aus dem Kopf gegangen.

Obwohl ich mich noch auf der Arbeit befinde, ziehe ich beiläufig mein Smartphone hervor und tippe ein paar Schlagworte in die Suchleiste, um schließlich auf die offizielle Seite der Show zu gelangen. Bei Music Is The Key handelt es sich um ein neues Konzept, wo sich Musikexperten zusammengeschlossen haben, um gemeinsam als Jury zu fungieren. Die Show ist so angelegt, dass jeder online mitmachen kann.

Alles, was man in der ersten Runde leisten muss, ist, einen Song zu performen und diesen mit dem entsprechenden Hashtag der Show auf Instagram hochzuladen. Die besten Einsendungen schaffen es in die nächste Runde, wo man dann eine weitere musikalische Herausforderung bestehen muss.

Wird man als Teilnehmer ausgewählt, muss man für den weiteren Verlauf die App der Show herunterladen, da für spätere Runden ein verifiziertes Voting-Verfahren vorgesehen ist.

»Was liest du denn da?« Grace beugt sich neugierig zu mir herüber und versucht, einen Blick auf mein Display zu erhaschen.

»Ach, nichts weiter. Habe nur schnell meine Mails gecheckt«, lüge ich schulterzuckend und lasse mein Smartphone wieder in der hinteren Tasche meiner Jeans verschwinden. »Wir müssen weitermachen, damit wir endlich hier rauskommen.«

Möglichst gleichgültig wende ich mich wieder der Popcornmaschine zu. Wenn wir mit der Reinigung dieses Ungetüms fertig sind, dürfen wir das Movieland verlassen. Zumindest für den heutigen Abend.

Mittlerweile arbeite ich seit einem Jahr in dem kleinen Kino mit den zwei Vorstellungssälen. Glücklicherweise lässt sich der Betreiber, Mr. Simmons, nur selten blicken, um nach dem Rechten zu sehen. Mit seiner strengen und gleichzeitig wortkargen Art kann er ziemlich einschüchternd wirken.

Grace Hall hilft seit etwa einem halben Jahr hier aus und ist so ziemlich das Gegenteil von mir. Sie gehört definitiv zu den beliebtesten Schülerinnen unserer Highschool, und ich würde lügen, wenn ich behaupte, sie sei nicht wunderschön. Ihre langen, blonden Haare fallen in sanften Wellen über ihre schlanken Schultern, und mit ihren großen, blauen Augen hat sie fast jedem Jungen an unserer Schule den Kopf verdreht. Außerdem gehört sie zum Cheerleader-Team und bekleidet dort die Position des Flyers, wie sie gerne betont.

Zugegebenermaßen bin ich nicht begeistert gewesen, als mir Mr. Simmons damals mitteilte, wer meine neue Kollegin sein würde. Allerdings habe ich meine Vorbehalte ihr gegenüber schnell revidiert. Obwohl wir in der Schule nie ein Wort miteinander gewechselt haben, hatten wir sofort einen Draht zueinander. Sie ist weder zickig noch eingebildet und diese Erkenntnis hat mir wieder einmal vor Augen geführt, wie beschissen Vorurteile sind. Ich verbringe gerne Zeit mit ihr, wir können über den Nova-Effekt diskutieren, darüber, was für unvorhersehbare Folgen eine Technologie auslöst oder auch einfach nur über das Wetter. Außerdem zeigt sie mir manchmal Fotos von Wildtieren, die ihr Vater aufgenommen hat. Er arbeitet für einen bekannten Fernsehsender und ist häufig an der Produktion von Naturdokumentationen beteiligt.

Auch wenn ich im Vergleich zu ihrem sonstigen Freundeskreis aus dem Raster falle, bezeichne ich sie mittlerweile als meine Freundin. Genaugenommen ist sie die einzige Bezugsperson, die ich – abgesehen von meiner kleinen Schwester – habe. Trotzdem beschränkt sich unser Kontakt meistens auf die gemeinsamen Schichten im Kino oder die Schule. Das ein oder andere Mal haben wir uns auch nach dem Unterricht verabredet, allerdings ist dies eher die Ausnahme, da ich Emma nicht lange allein mit unserer Mom lassen möchte. Deshalb war ich auch noch nie bei ihr zu Hause.

Grace mit zu uns zu nehmen, ist aus den offensichtlichen Gründen keine Option.

»Penny? Bist du mit den Gedanken schon im Feierabend?« Grace mustert mich belustigt, während sie mit gespielter Empörung auf eine Reaktion meinerseits wartet.

»Vielleicht?«, antworte ich schmunzelnd und schließe vorsichtig den Deckel der vor mir stehenden Maschine. »Ich denke, wir sind durch für heute.«

Nachdem wir das Licht am Verkaufstresen gelöscht haben, durchqueren wir gemeinsam die Eingangshalle, um neben dem Einlass das Alarmsystem zu aktivieren. Als wir durch die Tür nach draußen treten, beobachte ich geduldig, wie Grace den Schlüssel in die Schließanlage steckt und somit den Zugang verriegelt.

»Ich wollte noch bei Aria vorbei. Sie hat ein paar Leute eingeladen und hätte sicherlich nichts dagegen, wenn ich dich mitbringe. Hast du Lust?«, wendet sie sich plötzlich an mich, während sie den Schlüssel sorgsam in ihrer Tasche verstaut.

»Sorry, ich muss auf meine kleine Schwester aufpassen.« Auch wenn dies keine direkte Ausrede ist, fühlt es sich so an. Die Wahrheit ist, dass ich eher zehn weitere Schichten im Movieland arbeiten würde, bevor ich sie dorthin begleite.

Aria ist die beste Freundin von Grace, allerdings trifft das Klischee der zickigen Cheerleaderin auf sie zu einhundert Prozent zu. Obwohl sie davon ausgeht, mich zu ihren Freunden mitnehmen zu können, bin ich mir darüber im Klaren, dass dies niemals funktionieren würde.

Ich bin nicht kompatibel mit der High Society der Roosevelt Highschool und – ganz ehrlich – darauf lege ich auch überhaupt keinen Wert.

»Schade! Dann musst du mir zumindest die Daumen drücken, dass Carter dort sein wird.« Sie bedenkt mich mit einem vielsagenden Blick und ich muss ein Augenrollen unterdrücken.

Bei Carter handelt es sich um das Vorzeigetalent des Schwimmteams unserer Schule und dem Schwarm unzähliger Mädchen. Er ist der typische Athlet: groß, durchtrainiert, dunkle Haare, braune Augen und ein markantes Gesicht. Die beiden würden optisch das perfekte Paar abgeben, aber bisher hat er alle Annäherungsversuche von Grace ignoriert. Zu seiner Persönlichkeit kann ich mir kein Urteil erlauben, denn ich kenne ihn nur flüchtig aus der Schule und obwohl wir gemeinsam den Geschichtskurs besuchen, weiß er wahrscheinlich nicht einmal, dass ich überhaupt existiere. Trotzdem wirkt er auf mich immer eine Spur zu arrogant und ich bin froh, mich nicht mit solchen Leuten umgeben zu müssen.

»Ich drücke dir natürlich die Daumen«, entgegne ich nach kurzem Zögern. Nicht, weil ich es ihr nicht gönne – im Gegenteil. Ich denke einfach, sie hat mehr verdient, als dem Superstar unserer Schule nachzujagen, nur um jedes Mal aufs Neue enttäuscht zu werden.

»Danke!« Grace schließt euphorisch ihre Arme um mich, bevor sie sich mit einem letzten Lächeln abwendet und die Straße hinunterläuft. Einen Moment lang sehe ich ihr hinterher, bevor ich schließlich in die entgegengesetzte Richtung aufbreche. Mitte Februar ist die Luft in den Abendstunden kühl und ungemütlich, sodass ich meine schwarze Jacke enger um meine Taille ziehe.

Als ich die Wohnwagensiedlung erreiche, beschleunige ich automatisch meinen Schritt. In dieser Umgebung lungern in den Abendstunden des Öfteren zwielichtige Personen herum und auch wenn ich leider die meisten von ihnen kenne, habe ich keine Lust auf eine Begegnung mit ihnen.

Glücklicherweise schaffe ich es unbemerkt bis zu unserem Trailer. Das Fenster zu Emmas und meinem Raum ist dunkel, vermutlich schläft sie schon und daher husche ich besonders leise in das Innere des Wohnwagens.

Meine Mom liegt eingerollt in ihrer Decke auf der Couch, die Augen geschlossen, aber die Fernbedienung noch in der Hand. Vorsichtig trete ich an sie heran und löse diese aus ihren Fingern, um den Fernseher auszuschalten. Anschließend blicke ich mich skeptisch im Wohnzimmer um. Keine leeren Flaschen oder Dosen, nehme ich erleichtert zur Kenntnis. Ohne dass ich es beeinflussen kann, meldet sich erneut die Hoffnung, dass unser letztes Gespräch etwas in ihr bewirkt hat. Immerhin ist das letzte Aufräumen ihrerseits schon eine Zeit her.

Ich schiebe das Gefühl beiseite und sehe stattdessen nach meiner Schwester. Da sie friedlich schläft, verschwinde ich ins Badezimmer, um mich ebenfalls für die Nacht fertig zu machen. Einen Moment lang betrachte ich mich im kleinen Spiegel über dem Waschbecken. Mit einer gezielten Bewegung löse ich das Haargummi, um mir die rotbraunen Haare zu kämmen. Sie reichen mir mittlerweile bis knapp über die Schultern, und ich überlege kurz, ob ich sie weiterwachsen lassen soll. Dann fokussiere ich mich auf mein Gesicht und bemerke, wie müde mir meine grünen Augen entgegenblicken.

Automatisch greife ich nach einem der Abschminktücher von der Ablage und entferne die Wimperntusche, bevor ich mit den Fingern über die zahlreichen Sommersprossen auf meiner Nase streiche. Selbst wenn ich wollte, könnte ich nicht abstreiten, eine Newman zu sein. Sowohl bei meiner Mutter als auch meiner kleinen Schwester sind die kleinen braunen Punkte großzügig über Nase und Wangen verteilt.

Nachdem ich mir die Zähne geputzt habe, streife ich mir ein Schlafshirt über und schleiche in mein Zimmer. Emma schläft tief und fest, so dass ich mich möglichst leise auf meine Matratze sinken lasse und mein Smartphone neben dem Kopfkissen platziere. Ich will mich schon zur Seite drehen, als mir erneut diese neue Show durch den Kopf geistert.

Daher greife ich doch noch einmal nach meinem Handy und entsperre den Bildschirm. Die Seite, welche Grace beinahe im Kino entdeckt hat, ist noch im Browser geöffnet.

Immer wieder lese ich mir das Konzept und die Teilnahmebedingungen durch. Obwohl ich meine Gesangsstunden gelegentlich vermisse, bin ich nicht an einer professionellen Gesangsausbildung interessiert. Der Wunsch, Psychologin zu werden, ist viel zu tief verankert, als dass ich ihn für eine Karriere als Sängerin opfern würde.

Und doch … Der Gedanke an das Preisgeld lässt mich nicht los. Diese finanzielle Absicherung könnte alles verändern. Für mich und vor allem für Emma. Aber wie wahrscheinlich ist es, nach fast drei Jahren ohne Gesangsunterricht bei einem Wettbewerb zu gewinnen?

Und doch treffe ich in genau diesem Augenblick eine Entscheidung.

2. Einhörner und anderer Scheiß

Obwohl ich mir fest vorgenommen habe, mich zumindest in der Schule nicht mit der neuen Show zu befassen, scheitere ich bereits beim Gang zu meinem Schließfach. In unmittelbarer Nähe lehnt Aria an der Wand und klärt ein paar Mädels aus dem Cheerleader-Team lautstark über ihre Teilnahme auf.

»Ich habe eine richtig gute Idee für das Video«, erklärt sie kichernd und als eines der Mädchen daraufhin versucht, eine Zwischenfrage zu stellen, bringt sie es mit einer abweisenden Handbewegung zum Schweigen. »Carters Eltern haben doch diesen riesigen Pool im Garten! Ich werde mir also ein großes, aufblasbares Einhorn besorgen und einen neuen Bikini! Ganz ehrlich, wie soll ich da nicht weiterkommen? Bei mir stimmt das Gesamtpaket!«

Während ich an meinem geöffneten Spind stehe und perplex in ihre Richtung sehe, frage ich mich, was Grace von Arias Plänen halten wird. Immerhin ist Carter ihr Schwarm und ihre beste Freundin hat vor, sich in seinem Pool zu rekeln. In einem knappen Bikini. Auf einem Einhorn. Was für ein kranker Scheiß.

»Hast du irgendein Problem?« Arias plötzliche Ansprache lässt mich ertappt zusammenzucken. Anscheinend habe ich einen Moment zu lange zu ihr herübergesehen.

»Wenn ich eins hätte, wärst du der letzte Mensch, dem ich davon erzählen würde«, antworte ich möglichst unbeeindruckt, während ich zwei Bücher aus dem Schrank in meinem Rucksack verstaue. Anschließend verschließe ich den Spind und entferne mich von Aria und ihren Freundinnen, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen.

»Psycho!«, höre ich Aria mir hinterherzischen, aber ich drehe mich nicht zu ihr um. Unglaublich, dass Grace mich am Vorabend mit zu dieser Person nehmen wollte.

Mit schnellen Schritten begebe ich mich in den oberen Trakt unserer Schule. Ich bin wirklich spät dran, denn ich werde in der ersten Stunde ein Referat über die Amerikanische Revolution halten und normalerweise möchte ich zu solchen Ereignissen immer die Erste im Klassenraum sein.

»Miss Newman!«, begrüßt mich Mr. Torres überschwänglich und signalisiert mir mit einer einladenden Handbewegung, dass ich mich an sein Pult setzen darf, um das Referat vorzubereiten. Ich mag unseren Geschichtslehrer sehr, denn er bewertet immer fair und bei ihm gibt es keine Sympathiepunkte.

Bevor ich meine Unterlagen auf seinem Pult ausbreite, schließt Mr. Torres sein blauschwarz-kariertes Notizbuch und schiebt es ans andere Ende des Tisches. Er ist dafür bekannt, sämtliche Noten und Anmerkungen sofort in dieses Buch zu übertragen, daher wundert mich seine Diskretion nicht. Stattdessen ordne ich routiniert meine Unterlagen, ich bin schon lange nicht mehr nervös, wenn es um das Halten von Referaten geht. Natürlich gibt es immer ein paar Idioten, die entweder nicht zuhören oder versuchen, mich zu verunsichern. Allerdings habe ich schon so viele Auseinandersetzungen mit meiner betrunkenen Mom gehabt, dass mich ein paar Highschool-Schüler nicht aus dem Konzept bringen.

Es vergehen noch ein paar Minuten, bis alle auf ihren Plätzen sitzen. Als letztes kommt Carter durch die Tür spaziert und obwohl er spät dran ist, hat er es nicht eilig.

»Mr. Brown, auch wenn Sie der Star unseres Schwimmteams sind, darf ich Sie daran erinnern, dass Sie keinen Prominentenstatus genießen«, ermahnt ihn Mr. Torres und wirft dabei einen bedeutungsvollen Blick auf seine Armbanduhr.

Carter lässt sich von den Worten unseres Geschichtslehrers nicht beeindrucken, denn er schlendert in unveränderter Geschwindigkeit zu seinem Platz. Dort angekommen, zieht er seine Collegejacke aus und mein Blick bleibt kurz an dem Logo hängen. Ein stilisierter Hai auf rotem Hintergrund, der aus einer silbernen Welle springt und so vermutlich die Stärke des Wassers symbolisiert. Rot und Silber, die Farben unserer Schule. Über der Abbildung steht in einem großen Halbkreis Roosevelt High Swim Team.

Carter hängt die Jacke lässig über die Stuhllehne und wendet sich schließlich mit einem selbstgefälligen Grinsen Mr. Torres zu.

Während ich die Szene vom Lehrerpult aus betrachte, frage ich mich wirklich, was Grace an diesem arroganten Kerl findet.

»Miss Newman, Sie können endlich loslegen.« Unser Geschichtslehrer lehnt in einiger Entfernung an einem Heizkörper, während er über den Rand seiner Brille erwartungsvoll in meine Richtung schaut und seine Aussage mit einem kurzen Nicken unterstreicht.

Natürlich habe ich mich im Vorfeld intensiv mit dem Thema meiner Ausarbeitung beschäftigt, weshalb ich den dreißigminütigen Vortrag ohne Mühe halte.

»Bravo«, lobt mich der Lehrer gleich im Anschluss und klatscht überschwänglich in seine Hände. »Hat jemand von Ihnen noch eine Frage an Miss Newman?«, will er von den anderen Schülern wissen, während er seinen Blick langsam durch die Klasse wandern lässt.

Da sich niemand meldet, packe ich eilig meine Unterlagen zusammen und begebe mich an meinen Tisch. Ich habe gerade Platz genommen, als ich ein leises Tuscheln hinter mir wahrnehme.

»Wenn Aria ein Video in deinem Pool dreht, musst du mich auf jeden Fall einladen.« Das Flüstern stammt von Ryan, Carters Sitznachbar und ebenfalls Teil des Schwimmteams. Er lehnt sich zu Carter und sieht ihn hoffnungsvoll an.

»Aria wird ganz sicher kein Video bei mir drehen. Keine Ahnung, wie sie darauf kommt, aber das kann sie vergessen.« Carters Antwort klingt genervt und irgendwie überrascht mich seine Reaktion. Als Ryan den Mund öffnet, um zu antworten, wird er jedoch harsch von Mr. Torres unterbrochen.

»Wenn Sie so weitermachen, werde ich Sie durchfallen lassen. Sie sollten sich besser ein Beispiel an den Leistungen von Miss Newman nehmen«, schnaubt unser Lehrer und deutet mit einer entsprechenden Geste auf mich. Zum Abschluss schenkt er den beiden noch einen missbilligenden Blick, bevor er sich endgültig von ihnen abwendet.

Während Ryan dümmlich grinst, hebt Carter den Kopf und schaut überrascht in meine Richtung. Es scheint, als bemerke er mich erst jetzt, was mich allerdings nicht verwundert. Selbst während meines Referats war er anderweitig beschäftigt. Nachdem er mich einige Sekunden abschätzig mustert, verziehe ich genervt das Gesicht. Daraufhin wendet er sich wieder seinem Sitznachbarn zu, um in dessen Grinsen einzustimmen.

Was für Idioten.

****

Nachdem ich den Schultag hinter mich gebracht habe, schwinge ich mich auf mein Rad, um nach Hause zu fahren. Immer wieder muss ich an die Show denken und ob ich es tatsächlich wagen soll, dort mitzumachen. Vor meinem inneren Auge taucht das Gesicht meiner Großmutter auf und ich weiß genau, wie sie mich dazu ermutigen würde.

Einerseits habe ich bereits am Vorabend mehr oder weniger beschlossen, mein Glück zu versuchen. Andererseits will ich mich auf keinen Fall den dämlichen Kommentaren von meinen Mitschülern aussetzen, dies ist mir nach Arias Auftritt mehr als deutlich geworden.

Während ich grüble, lege ich den Weg zurück. Dann kommt mir plötzlich eine Idee. Was, wenn ich anonym antrete? In den Teilnahmebedingungen habe ich nichts über ein erforderliches Offenlegen der Identität gelesen.

Aber wie soll ich das bewerkstelligen? Ist es überhaupt möglich, ein solches Geheimnis zu bewahren?

3. Terces

Unentschlossen blicke ich in den kleinen Vorratsschrank, welcher sich neben dem Kühlschrank befindet und mal wieder eine Reinigung vertragen könnte. Obwohl wir am Samstag einkaufen gewesen sind, fällt die Auswahl recht dürftig aus. Da ich keine große Lust habe, zum Supermarkt zu laufen, hoffe ich, dass Mom den nächsten Einkauf selbst übernehmen wird.

»Emma?«

»Ja?« Meine kleine Schwester sieht mich über den Rand der Couch fragend an, während im Hintergrund irgendeine Kinderserie läuft. Nach der Schule hat sie bedrückt gewirkt, weshalb sie ausnahmsweise vor dem Essen fernsehen darf.

»Tomatensuppe oder Bohneneintopf?«

»Ganz klar die Suppe!«, antwortet sie und wendet sich erneut ihrer Serie zu. Ich bin immer wieder darüber erstaunt, wie schnell Emma zufriedenzustellen ist. Obwohl wir ein Leben am Existenzminimum leben, beschwert sie sich nie.

Mit einer gezielten Handbewegung nehme ich die entsprechende Konserve aus dem Schrank und stelle sie vor mir auf die Ablage, um sie mit dem Dosenöffner zu öffnen. Anschließend gieße ich die rote Flüssigkeit in einen Topf und stelle diesen auf den Herd.

Während ich darauf warte, dass die Suppe heiß wird, klingelt plötzlich mein Telefon.

Eingehender Anruf von Mom.

»Hey Penny, es wird bei mir etwas später. Kannst du so lange auf Emma aufpassen?«

»Wo steckst du und was genau bedeutet später für dich?«, antworte ich skeptisch, denn eigentlich will ich mich nach dem Essen auf eine Klausur vorbereiten. Außerdem keimt sofort die Sorge in mir auf, unsere Mutter könnte sich mit den falschen Leuten umgeben.

»Ich bin bei Steve, aber ich verspreche dir, es wird nicht zu spät«, flüstert sie verheißungsvoll, bevor sie das Telefonat beendet, ohne auf eine Antwort meinerseits zu warten.

Steve ist eigentlich ein guter Kerl, auch wenn er einen recht derben Humor hat. Die beiden kennen sich seit der Highschool und führen eine nicht enden wollende On-off-Beziehung. Auch wenn die zeitlichen Unterbrechungen teilweise mehrere Jahre betreffen, sind die beiden wie Magnete. Irgendwann finden sie wieder zueinander. Im Gegensatz zu uns besitzt Steve jedoch ein Häuschen am Stadtrand, wo Emma und ich allerdings selten zu Gast sind. Unter der Woche arbeitet er einen Ort weiter in einer Autowerkstatt.

Trotzdem beunruhigt mich die Tatsache, dass sie erneut mit ihm anbandelt. Denn jedes Beziehungsende zieht meine Mom runter und das ist keine gute Grundlage, um endlich trocken zu werden.

»Autsch!« Vor lauter Ablenkung habe ich vergessen, die Temperatur der Herdplatte zu regulieren, weshalb mir heiße Tomatensuppe auf die Hand gespritzt ist. Eilig stelle ich den Herd ab und halte die betroffene Stelle kurz unter kaltes Wasser. Anschließend verteile ich die Suppe auf zwei Teller, welche ich dann vor Emma auf dem Couchtisch platziere.

»Weißt du, was Stella heute in der Schule zu mir gesagt hat?«, wendet sich meine Schwester an mich, während sie sich einen der Teller greift und diesen vorsichtig auf ihrem Schoß abstellt. An ihrer Stimmlage erkenne ich, dass es nichts Nettes gewesen ist, und mein Magen krampft sich unangenehm zusammen.

»Was denn?«

»Sie meinte, sie darf mich nicht zu ihrem Geburtstag einladen, weil ihre Mutter uns eklig findet«, vertraut sie mir leise an und ihre großen Augen strahlen eine unglaubliche Traurigkeit aus. Warum sind Menschen nur so widerlich?

»Manche Leute haben ein kaltes Herz und dann müssen sie gemeine Dinge sagen, um sich selbst besser zu fühlen.« Obwohl ich am liebsten andere Worte gewählt hätte, schlucke ich meine Wut herunter. Solche Menschen sind es nicht wert, sich über sie aufzuregen.

»Also sind wir nicht eklig?«, vergewissert sich Emma erleichtert, während sie beginnt, die Suppe aus ihrem Teller zu löffeln.

»Natürlich nicht!«, versichere ich ihr und streiche ihr kurz übers Haar. Glücklicherweise scheint das Thema damit abgehakt zu sein, denn ihre Aufmerksamkeit richtet sich wieder auf den Fernseher.

****

Mom hat Wort gehalten und ist vor Einbruch der Dunkelheit nach Hause gekommen. Außerdem scheint sie gute Laune zu haben.

Während sie im Wohnbereich mit Emma ein Brettspiel aufbaut, ziehe ich mich in mein Zimmer zurück. Dort lasse ich mich auf mein Bett fallen und schließe einen kurzen Moment meine Augen. Als ich sie wieder öffne, seufze ich – genervt von mir selbst. Eigentlich wollte ich mich auf eine anstehende Klausur vorbereiten, stattdessen hänge ich wieder vor meinem Handy, um zum hundertsten Male auf der Homepage von Music Is The Key herumzulungern.

Noch zwei Tage, bis die Einreichungsfrist verstreicht und ich fühle mich vollkommen planlos. Natürlich verfüge ich über einen Instagram-Account, aber wenn ich meine Teilnahme geheim halten will, muss ich mir wohl ein neues Profil anlegen.

Aber wie soll ich mich nennen? In solchen Belangen bin ich nie kreativ gewesen, also fallen mir spontan nur Begriffe wie Secret oder Undercover ein.

»So wird das nie was«, stöhne ich ärgerlich und drückte verzweifelt mein Gesicht in das Kissen, als mir plötzlich ein Gedanke kommt.

Fest entschlossen öffne ich Instagram, um einen neuen Account anzulegen. Manchmal kann man auch aus den simpelsten Eingebungen etwas Besonderes gestalten und so tippe ich meine erste Namensüberlegung rückwärts in die entsprechende Spalte:

Terces.

4. Erdbeeren mit Senf

Am nächsten Tag begebe ich mich nach der Schule zu einem nahe gelegenen 1-Dollar-Laden. Das Geschäft verfügt über allen möglichen Kleinkram, wie ich aus den zahlreichen Besuchen mit meiner kleinen Schwester weiß. Allerdings gibt es für mich nur einen Grund, dorthin zu gehen: Ich will mir eine Maske kaufen, mit welcher ich in dem Videoclip meine Identität verbergen kann.

Zielsicher betrete ich also den Laden, bevor ich ohne Umschweife das Regal mit den Verkleidungsartikeln aufsuche. Die Auswahl fällt recht mager aus, da es im Februar kaum Nachfrage gibt – Halloween ist schon einige Monate her. Als ich meinen Blick unauffällig über die vorhandenen Masken schweifen lasse, komme ich mir wie eine Geheimagentin vor. Immerhin weiß niemand, was ich vorhabe, und diese Tatsache fühlt sich ein klein wenig aufregend an.

»Kann ich dir helfen?«, ertönt eine weibliche Stimme neben mir und ihre plötzliche Ansprache lässt mich ertappt zusammenzucken. Die Verkäuferin steht im Gang und mustert mich prüfend. Anscheinend hat mein betont unauffälliger Blick dafür gesorgt, dass sie mich für eine Ladendiebin hält.

»Ich suche etwas für meine kleine Schwester. Sie ist auf eine Kostümparty eingeladen«, lüge ich und untermauere meine Aussage mit einem unschuldigen Lächeln. Die Augen der Frau verengen sich für den für den Bruchteil einer Sekunde, bevor sich ihr Gesicht wieder aufhellt.

»Oh, wenn das so ist. Welche Größe trägt deine Schwester denn?«

Na, toll. So viel zum Thema Geheimagentin.

»Nicht nötig. Ich komme schon zurecht! Aber vielen Dank«, wiegele ich ihr Angebot so höflich wie möglich ab und drehe mich wieder zu dem Regal. Aus dem Augenwinkel nehme ich wahr, wie sie noch einen Moment auf der Stelle verharrt, bevor sie sich mit einem Seufzen abwendet.

»Wenn du doch noch etwas brauchst, findest du mich einen Gang weiter«, ruft sie, bevor sie endgültig aus meinem Blickfeld verschwindet und ich mich endlich wieder auf meine Mission konzentrieren kann.

Im Fach mit den Masken befinden sich nur noch vereinzelte Artikel. Ungeduldig schiebe ich eine Hexenmaske zur Seite, um zu sehen, ob sich darunter etwas Brauchbares verbirgt. Zum Vorschein kommt eine schwarze Gesichtsmaske im venezianischen Stil, mit einer dunklen Feder an der Seite. Um die Augenaussparungen sind kleine Strasssteine aufgeklebt, und an den Seiten ist jeweils ein Satinband angebracht, welches am Hinterkopf zusammengeknotet werden muss.

Diese Maske ist das absolute Gegenteil von dem, was ich unter normalen Umständen tragen würde. Sie wirkt kitschig und passt so gut zu mir wie Erdbeeren zu Senf. Kurzum: Sie ist perfekt für mein Vorhaben. Niemand, der mich kennt, würde erahnen, dass ich mich dahinter verstecke.

Nachdem ich den Artikel an der Kasse bezahlt habe, verstaue ich die Maske in meinem Rucksack und mache mich anschließend auf den Heimweg. Dort will ich noch etwas anderes anziehen, bevor ich mich auf den Weg an das südliche Ende von St. Louis begebe. Dies ist genau die Gegend am Stadtrand, wo auch Steve lebt. Durch diese Tatsache weiß ich von den zahlreichen leer stehenden Häusern in seiner Nachbarschaft. Bei Einbruch der Dunkelheit werde ich mir Zutritt zu einem dieser verschaffen und dort in Ruhe den Clip für die Show aufnehmen.

Zu meinem Glück sind Mom und Emma nicht zu Hause, sodass ich keine Ausrede für mein erneutes Verschwinden erfinden muss. Aufgeregt trete ich an meinen Kleiderschrank und greife mir einen schlichten schwarzen Kapuzenpullover. Schnell ziehe ich mein Oberteil aus und schlüpfe in den Hoodie.

Da ich nicht damit rechne, ein leer stehendes Gebäude mit funktionierender Stromversorgung vorzufinden, gehe ich als Nächstes in unsere Abstellkammer. Steve hat vor einiger Zeit eine batteriebetriebene Arbeitsleuchte mitgebracht, als er vergeblich versuchte, Moms alten Toyota wieder fahrtüchtig zu machen. Ich hoffe inständig, dass ich sie dort finde.

Ausnahmsweise scheint das Glück auf meiner Seite zu sein, denn die Leuchte liegt gut sichtbar zwischen Steves anderem Werkzeug im obersten Fach auf der linken Seite. Ein kurzer Funktionstest verläuft einwandfrei, und so verstaue ich das Gerät in meinem Rucksack.

Es dämmert bereits, als ich mich auf mein Fahrrad schwinge und durch die Wohnwagensiedlung radele.

****

Um kurz nach 19 Uhr biege ich in mein Zielgebiet ein, und zu meiner Zufriedenheit hat sich bereits die schützende Dunkelheit über die Stadt gelegt. Normalerweise würde ich die Dunkelheit nicht als schützend beschreiben, aber für mein Vorhaben erscheint mir diese Formulierung passend. Zur Sicherheit befinde ich mich etwa vier Blocks von Steves Haus entfernt, um nicht zufällig auf ihn zu stoßen.

Möglichst unauffällig verringere ich meine Geschwindigkeit und sehe mich nach leer stehenden Gebäuden um. In dieser Wohngegend versprühen die Häuser zwar wenig Charme, aber ich würde trotzdem mein letztes Hemd geben, um den Trailer gegen eines dieser zu tauschen.

Während ich langsam die Straße entlangradele, bleibt mein Blick an den letzten beiden Gebäuden auf der rechten Seite hängen. Beide haben ein unübersehbares For Sale-Schild in den Vorgärten, im Inneren brennt kein Licht und die Rollläden sind ganz oder teilweise heruntergelassen. Besonders entgegen kommt mir, dass sie an ein großes Waldgebiet grenzen, wodurch ich nicht Gefahr laufe, von irgendwelchen Nachbarn entdeckt zu werden.

Verstohlen blicke ich über meine Schulter, bevor ich von meinem Rad steige. Da sich niemand in unmittelbarer Umgebung aufhält, entscheide ich mich spontan für das letzte Haus, da dessen Vorgarten eine riesige Kiefer ziert, die das Grundstück zusätzlich vor neugierigen Blicken schützt.

Eilig überquere ich den Rasen und lehne mein Fahrrad an den dunklen Baumstamm, bevor ich mich wie eine Kriminelle der Hauswand nähere. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, als ich das Gebäude umrunde und nach einer Möglichkeit suche, um mir Zutritt zu verschaffen. Auf der Rückseite des Hauses entdecke ich eine Terrassentür, die natürlich verschlossen ist.

»So ein verdammter Mist«, fluche ich leise, während mir gleichzeitig bewusst wird, wie verrückt diese Aktion eigentlich ist. Was, wenn mich jemand gesehen hat und die Polizei bereits auf dem Weg ist? Ich kann es mir nicht leisten, als Einbrecherin verhaftet zu werden.

Ich bin kurz davor, die ganze Aktion abzubrechen, als mir ein heruntergekommener Blumenkübel ins Auge sticht. An den Schleifspuren auf den dreckigen Fliesen erkenne ich deutlich, dass er oft bewegt worden ist. Wie ferngesteuert trete ich an das Gefäß heran und schiebe es ein Stück zur Seite.

Und tatsächlich! Halb verborgen durch Dunkelheit und Schmutz kommt ein kleiner Schlüssel zum Vorschein.

5. Underdog

Mit zitternden Fingern hebe ich den Schlüssel auf und begutachte ihn im fahlen Mondlicht. Nüchtern betrachtet ist es nur ein Schlüssel, aber für mich fühlt es sich an, als hätte ich den Hauptgewinn gezogen.

Meine Beine tragen mich in Richtung der Terrassentür, doch meine Knie drohen vor Aufregung nachzugeben. Ist das wirklich eine gute Idee? Obwohl ich die Frage gedanklich mit einem klaren Nein! beantworte, setze ich meinen Weg fort und schiebe den Schlüssel vorsichtig in das Schloss. Ich muss ein wenig Druck ausüben, ehe ich einen kaum hörbaren Klick vernehme. Dann öffnet sich die Tür mit einem leisen Quietschen.

Hastig ziehe ich den Schlüssel aus dem Schloss, stolpere ins Innere und knalle die Tür hinter mir energisch zu. Anschließend verharre ich einen Augenblick in der Dunkelheit des Hauses und lausche angestrengt in die Stille hinein, doch alles, was ich wahrnehme, ist mein fast ohrenbetäubender Herzschlag. Bin ich tatsächlich in ein Haus eingebrochen? Was, wenn in der Dunkelheit ein Serienmörder lauert? Ich muss vollkommen übergeschnappt sein, aber es gibt kein Zurück mehr.

Vorsichtig lasse ich meine Finger in die Jackentasche gleiten und ziehe mein Smartphone hervor. Mit einer routinierten Bewegung betätige ich die Taschenlampe und leuchte die Räumlichkeiten aus. Zu meiner Erleichterung scheint im Haus weder ein Mörder noch eine andere Person zu lauern, und allmählich entspanne ich mich.

Durch die Terrassentür bin ich in der ehemaligen Küche des Hauses gelandet, von der aus ich einen direkten Blick auf den Wohnbereich habe. Beide Zimmer sind weitestgehend leer geräumt, einzig eine Küchenzeile und der angrenzende Esstresen sind noch vorhanden.

Obwohl ich offensichtlich allein bin, husche ich so leise wie möglich durch die Zimmer und stoppe erst, als ich den Flur erreiche. Eine Holztreppe führt vom Erdgeschoss nach oben, und ich entschließe mich, auch das Obergeschoss zu erkunden, bevor ich mich für einen der Räume entscheide.

Die Treppenstufen knarzen bei jedem meiner Schritte verräterisch, aber glücklicherweise taucht niemand auf, um mich zur Rede zu stellen. Das Licht meiner Handytaschenlampe weist mir den Weg, als ich die oberen Schlafzimmer und das angrenzende Badezimmer ausleuchte.

Eines der oberen Zimmer scheint ein Kinderzimmer gewesen zu sein, wie ich anhand der intakten und äußerst auffälligen Elefantentapete vermute. Es verfügt über ein großzügiges Fenster, das nach hinten in den Garten hinausgeht. Die Rollläden sind jedoch vollständig heruntergelassen, also würde niemand von außen die eingeschaltete Leuchte bemerken. Die Akustik wäre in dem größeren Raum im Erdgeschoss besser, dessen bin ich mir bewusst. Trotzdem ist der Sicherheitsaspekt hier oben höher, bilde ich mir zumindest ein.

Daher atme ich einmal tief ein, bevor ich meinen Rucksack langsam von der Schulter auf den Boden gleiten lasse. Geräuschlos öffne ich den Reißverschluss und ziehe die LED-Lampe hervor. Sobald ich den Schalter betätige, wird der Raum von dem Licht durchflutet und ich muss ein paar Mal blinzeln, um meine Augen an die plötzliche Helligkeit zu gewöhnen. Zugegebenermaßen hat die Taschenlampe meines Smartphones zwar ihren Zweck erfüllt, dabei allerdings eher eine gruselige Atmosphäre erzeugt. Durch den hellen Schein der Arbeitsleuchte fällt ein weiterer Teil meiner Anspannung ab.

Und jetzt?

Unschlüssig betrachte ich das Handy in meiner Hand und überlege, wo ich es am besten platzieren soll. Da es keine Möbel gibt, bleibt mir nur eine Möglichkeit – die Fensterbank. Natürlich wäre eine richtige Videokamera die bessere Alternative für mein Vorhaben, aber von meinem Gehalt im Movieland könnte ich mir frühestens in zwei Jahren eine hochwertige Ausrüstung leisten.