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Ein Schicksal, das zwei Menschen verbindet: "Brennende Träume" von Alina Stoica jetzt als eBook bei dotbooks. Kann eine Liebe Jahrhunderte überdauern? Seit Wochen wird Bianca von merkwürdigen Albträumen gequält. In ihnen sieht sie, wie sie im Schottland des 16. Jahrhunderts als Hexe auf einem Scheiterhaufen verbrannt wird. Getrieben von dem Wunsch, diesen Erinnerungen an ein früheres Leben nachzugehen, reist Bianca nach Edinburgh. Als sie dort dem charmanten Justin begegnet, fühlt sie sich vom ersten Moment an zu ihm hingezogen – doch sie spürt, dass auch er zu ihrer Vergangenheit gehört … Und schon bald findet sie heraus, dass die Wahrheit düsterer ist, als sie ahnte! Jetzt als eBook kaufen und genießen: "Brennende Träume" von Alina Stoica. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 349
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Über dieses Buch:
Kann eine Liebe Jahrhunderte überdauern? Seit Wochen wird Bianca von merkwürdigen Albträumen gequält. In ihnen sieht sie, wie sie im Schottland des 16. Jahrhunderts als Hexe auf einem Scheiterhaufen verbrannt wird. Getrieben von dem Wunsch, diesen Erinnerungen an ein früheres Leben nachzugehen, reist Bianca nach Edinburgh. Als sie dort dem charmanten Justin begegnet, fühlt sie sich vom ersten Moment an zu ihm hingezogen – doch sie spürt, dass auch er zu ihrer Vergangenheit gehört … Und schon bald findet sie heraus, dass die Wahrheit düsterer ist, als sie ahnte!
Über die Autorin:
Alina Stoica, geboren 1978 in Cluj-Napoca, Rumänien, begeisterte sich bereits als Kind für die Schriftstellerei und verfasste Kurzgeschichten und Gedichte. Im Alter von zehn Jahren zog sie mit ihrer Familie nach Deutschland, besuchte das Gymnasium und absolvierte eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin. Ihren lang gehegten Traum, am Meer zu leben, setzte sie 2002 um und wanderte nach Portugal aus. Seitdem veröffentlichte sie mehrere Lyrik-Bände und Romane.
Weitere Titel der Autorin bei dotbooks sind in Vorbereitung.
Die Website der Autorin: www.alina-stoica.com
Die Autorin auf Facebook: https://www.facebook.com/alina.stoica.autorin
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Originalausgabe Mai 2016
Copyright © 2016 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Maria Seidel www.atelier-seidel.de
Titelbildabbildung: Thinkstockphoto/MartinM303; Massonstock
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH
ISBN 978-3-95824-408-5
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Alina Stoica
Brennende Träume
Roman
dotbooks.
Ich widme diese Geschichte allen Menschen in meinem Leben, die mich stets dazu ermutigt haben, meine Träume zu verwirklichen. Vielen Dank, dass ihr immer an mich geglaubt habt!
Und ein ganz besonderes Dankeschön an Marion Schuch, die mir als Testleserin eine große Unterstützung war!
Zuerst waren die finsteren Wolken nur am Horizont zu sehen. Wie schwarze, bedrohliche Gestalten kamen sie näher, und innerhalb weniger Minuten hatte sich der Himmel verdunkelt, und ein heftiger Regenschauer prasselte hernieder, trommelte auf die blechernen Autodächer und verwandelte die Straßen in reißende Bäche.
»Verdammter Mist«, fluchte Patrick, während er sich durch den stockenden Verkehr schlängelte. Obwohl die Scheibenwischer seines BMW bereits auf höchster Stufe standen, konnte er nicht mehr erkennen als die Rücklichter des voranfahrenden Wagens.
Bianca warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. Sie mochte es nicht, wenn ihr Mann sich über Sachen aufregte, auf die er sowieso keinen Einfluss hatte.
Patrick verstand den stummen Tadel und hob entschuldigend die Schultern. »Wir sind viel zu spät dran. Bis wir ankommen, haben die unseren Tisch wahrscheinlich schon anderweitig vergeben.«
»Das werden sie schon nicht«, murmelte Bianca und wandte ihr Gesicht der regennassen Straße zu.
Heute war ihr vierter Hochzeitstag, und Patrick hatte sich alle Mühe gegeben, ihn Bianca so angenehm wie möglich zu gestalten. Bereits am Morgen hatte er ihr das Frühstück ans Bett gebracht und sie in seiner Mittagspause mit einem riesigen Strauß Narzissen überrascht. Für den Abend hatte er einen Tisch bei ihrem Lieblingsitaliener reservieren lassen. Bianca hatte eigentlich keine Lust gehabt, auszugehen, doch sie wollte ihren Mann nicht enttäuschen. Nun steckten sie im Verkehr fest, und insgeheim wünschte sie sich, das Personal im Restaurant würde ihren Tisch tatsächlich anderweitig vergeben.
»Ist alles in Ordnung?«
Überrascht sah sie auf. »Wieso fragst du?«
»Du siehst irgendwie so lustlos aus«, antwortete er.
»Ich habe Kopfschmerzen.«
»Schon wieder?« Besorgt schaute er sie an. »Schatz, ich weiß, wir haben schon sehr oft darüber gesprochen, aber denkst du nicht, du solltest doch lieber mal zum Arzt gehen?«
Sie winkte ab. »Ich habe dir doch schon etliche Male erklärt, dass meine Therapeutin gesagt hat, es seien lediglich die Nebenwirkungen der Medikamente.«
»Aber dann solltest du diese Pillen vielleicht absetzen. Du nimmst sie jetzt schon seit einem halben Jahr, und noch immer ist keine Besserung eingetreten …«
»Das dauert eben seine Zeit.« Sie klang gereizt. »Können wir nicht das Thema wechseln? Ich bin es leid, dass du ständig darauf herumreitest!«
Patrick wollte etwas erwidern, doch er schluckte die Worte hinunter und richtete seinen Blick wieder auf die Straße. »Okay, Schatz, lassen wir das«, willigte er sanft ein, aber sein Gesichtsausdruck verriet die Sorgen, die unaufhaltsam an seiner Seele nagten.
»Buonasera!«, begrüßte sie der Kellner höflich und hauchte Bianca einen leichten Kuss auf die Hand. »Selbstverständlich haben wir Ihren Tisch frei gehalten, bitte sehr, mir zu folgen!«, fügte er mit seinem charmanten italienischen Akzent hinzu.
Sie schenkte ihm ein halbwegs freundliches Lächeln und spürte gleichzeitig, wie aufgesetzt es wirkte.
Sie nahmen Platz in einer Seitennische, die ihnen Schutz vor den Blicken der anderen Gäste bot. Patrick hatte ausdrücklich auf diesen Tisch bestanden, da er wusste, wie unwohl sich seine Frau in der Öffentlichkeit fühlte. Damals, zu Anfang ihrer Beziehung, waren sie oft zusammen ausgegangen, doch seitdem Depressionen und Alpträume ihr Leben bestimmten, hatte sich alles verändert. Bianca hatte sich immer mehr zurückgezogen, hatte die Wohnung immer seltener verlassen und musste schließlich sogar ihren Job aufgeben. Umso glücklicher war Patrick jetzt darüber, dass es ihm gelungen war, sie heute Abend endlich einmal wieder aus ihrem Schneckenhaus zu locken.
Er hatte sich extra für sie in Schale geworfen. Der helle Anzug und das nachtblaue Hemd verliehen ihm Eleganz, die moderne Kurzhaarfrisur erinnerte ein wenig an einen Popstar oder Kinohelden. Früher hatte Bianca ihm oft gesagt, mit seinen dunkelblonden Haaren würde er eine gewisse Ähnlichkeit mit Brad Pitt aufweisen, nur dass er, Patrick, natürlich viel attraktiver sei. Doch heute schien sie weder sein Outfit noch die Mühe, die er sich damit gemacht hatte, zu bemerken.
Sein Handy klingelte, und nach einem kurzen Blick auf das Display ergriff er Biancas Hand. »Das ist Jörg, es geht sicher um den neuen Kunden«, sagte er. »Gib mir fünf Minuten, ja, Schatz?!«
Sie nickte teilnahmslos. »Kein Problem.«
Er lächelte. »Danke … Bestell uns doch bitte schon mal zwei Prosecco«, rief er ihr zu, während er zum Ausgang eilte.
Bianca warf einen Blick aus dem Fenster. Es hatte aufgehört zu regnen. Am Horizont, dort, wo die Sonne gerade unterging, schimmerte ein rötlicher Streifen. Es ist, als ob der Himmel brennt, schoss es ihr durch den Kopf. Plötzlich erschauerte sie und wandte sich abrupt vom Fenster ab. Es ist kein Feuer, KEIN FEUER, sagte sie in Gedanken energisch zu sich selbst.
Jetzt erst bemerkte sie den Kellner, der an ihren Tisch herangetreten war. In der einen Hand hielt er zwei Speisekarten, in der anderen eine Streichholzschachtel. Freundlich lächelnd reichte er ihr eine der Karten und legte die andere auf Patricks Platz.
Mit weit aufgerissenen Augen sah Bianca, wie er ein Streichholz aus der Schachtel zog und es an der Reibfläche entzündete. Entsetzt starrte sie auf die helle Flamme, die sich mit dem Docht der Kerze verband. Ein enormer Druck in ihrem Brustkorb schien ihr plötzlich die Luft zum Atmen zu nehmen, die Speisekarte entglitt ihren Händen. Die Knöchel ihrer verkrampften Finger traten weiß hervor. Sie wollte schreien, doch kein Laut kam über ihre Lippen. Schweißperlen hatten sich auf ihrer kalkweißen Stirn gebildet.
»Entschuldigung, ist Ihnen nicht gut?« Bianca konnte nur noch verschwommen das Gesicht des Kellners erkennen, der sich besorgt über sie beugte. »Kann ich … kann ich etwas für Sie tun?«
Aus den Augenwinkeln nahm sie plötzlich wahr, wie Patrick auf den Tisch zugestürmt kam.
»Halt! Kein Feuer! Blasen Sie die Kerze sofort wieder aus«, hörte sie ihn rufen. »Schatz, es ist alles in Ordnung, du musst nur …«
Noch bevor ihr Mann den Satz zu Ende gesprochen hatte, wurde alles um sie herum dunkel, und sie spürte, wie sie langsam in sich zusammensackte. Starke Arme fingen sie auf, und im nächsten Augenblick versank sie im Nebel der Bewusstlosigkeit.
Blass hing Bianca in ihrem Gurt, die Stirn an die kalte Autoscheibe gepresst. Sie hatte während des ganzen Nachhausewegs kein einziges Wort gesprochen. Patrick hatte anfangs ein paarmal gefragt, wie es ihr ginge, doch nachdem sie eisern geschwiegen hatte, hatte er begriffen, dass sie in Ruhe gelassen werden wollte, und ihren Wunsch respektiert.
Als sie zu Hause ankamen, war sie immer noch benommen. Das Beruhigungsmittel, das ihr der herbeigerufene Notarzt gespritzt hatte, machte sie müde. Ihr Kopf war schwer wie Blei. Mühsam streifte sie ihren Rock und den Kaschmir-Pullover ab und legte sich ins Bett.
Als Patrick fünf Minuten später mit einer Tasse Tee ins Zimmer kam, schlief Bianca bereits tief und fest. Seufzend setzte er das heiße Getränk auf dem Nachttisch ab, ließ sich neben ihr auf der Bettkante nieder und beobachtete eine Weile schweigend seine schlafende Frau, die so schutzlos und zerbrechlich wirkte wie eine Porzellanpuppe. Dann knipste er das Licht aus und verließ leise das Zimmer.
Sie kniete auf dem kalten, feuchten Steinboden eines Kerkers. Um sie herum war es dunkel, nur durch ein kleines, vergittertes Fenster fiel blass der fahle Mondschein herein. Die Luft hier drin war stickig und geschwängert von Fäulnisgeruch. Ihre Hände waren an die kahle, dunkle Mauer gefesselt. Bei jeder Bewegung gaben die eisernen Ketten ein gespenstisches Ächzen von sich. Ihre aufgeschürften Knie brannten vor Schmerz. Wild fielen ihr die von Blut und Dreck verklebten Haarsträhnen ins Gesicht. Plötzlich vernahm sie schlurfende Schritte, die langsam näher kamen. Vor ihrer Zelle verstummten sie, ein Schlüsselbund rasselte, dann wurde die schwere Eisentür aufgerissen.
»Steh auf, du satanisches Miststück«, donnerte die raue Stimme des Gefängniswächters auf sie herab.
Das Licht der Fackel, die er in der Hand hielt, malte bizarre Schatten an die modrigen Wände. Langsam, mit zusammengebissenen Zähnen, richtete sie sich auf. Als sie endlich zitternd auf den Beinen stand, verpasste ihr der stämmige Mann einen Hieb in die Magengegend. Sie heulte auf und krümmte sich vor Schmerz zusammen.
»Du sollst dich aufrichten, habe ich gesagt!«, befahl er mit einem bösen Grinsen. »Was ist, haben dich deine Zauberkräfte plötzlich verlassen?«
Sie schluckte die aufkommenden Tränen hinunter und straffte den Rücken. Die Eisenketten scheuerten an ihrer wunden Haut, ihre Handgelenke schmerzten.
»Los, raus mit dir!«, schrie der füllige Mann und nahm die Ketten vom Haken ab. »Wird’s bald?« Er stieß sie durch die Tür des Verlieses hinaus in den schmalen Korridor und führte sie ins Freie auf den Burgplatz. Dort standen bereits mehrere Frauen dicht aneinandergedrängt. Sie alle waren an Händen und Füßen gefesselt. Die Wunden, die ihre Haut übersäten, ließen die Torturen und Qualen erahnen, die sie hatten erleiden müssen. Manche von ihnen standen aufrecht da, mit leeren Blicken und versteinerten Gesichtern. Andere winselten leise vor sich hin, weinten oder flehten verzweifelt um Gnade. Um sie herum patrouillierten die Wachen des Königs, hämisch grinsend und scherzend, als befänden sie sich auf einem Volksfest.
Rechts und links der Terrasse standen hölzerne Tribünen, die sich langsam mit Menschen füllten. Sie alle schienen vor Neugier auf das kommende Spektakel regelrecht zu brennen. Laut rufend und wirr durcheinanderlachend nahmen sie auf den Sitzen Platz.
»Hey, du da!« Der dickbäuchige Wächter trat neben sie und riss sie an den Haaren herum. Sie biss sich auf die Lippe, um einen Schrei zu unterdrücken. »Los, hinauf mit dir! Und wenn es dir dort oben zu heiß wird, kannst du ja einfach davonfliegen!« Er brach in schallendes Gelächter aus und entblößte dabei eine Reihe schiefer, fauliger Zähne.
Sie wurde zu einem der Pfähle geführt, die um die geräumige Terrasse herumstanden und wo große Scheiterhaufen aufgebaut waren. Widerwillig schritt sie nach vorn, ihre Kehle war vor Angst wie zugeschnürt. Aus den Augenwinkeln konnte sie beobachten, wie auch die anderen Frauen, zum Teil geschubst, zum Teil gezogen, in Richtung der Pfähle getrieben wurden. Die Wachen hoben sie hoch und schnallten sie oberhalb der Scheiterhaufen fest. Die Menge auf den Plätzen jubelte. Am Horizont zeichnete sich der erste helle Lichtstreifen ab. Bis zum Tagesanbruch war es nicht mehr weit.
Auf der ihr gegenüberliegenden Tribüne entdeckte sie den König. Ihre Blicke kreuzten sich, und ein eisiger Schauer durchfuhr sie, als sie den blanken Hass in seinen Augen erkannte.
Sie sah, wie die Wachen mit den brennenden Fackeln an die Scheiterhaufen herantraten. Die Frauen waren inzwischen alle an den Pfählen festgebunden, Panikgeschrei und schmerzerfülltes Heulen erfüllte die Luft.
Und dann war es so weit. Die Fackeln wurden auf die Holzscheite niedergelegt, und innerhalb weniger Augenblicke fingen die Scheiterhaufen an zu brennen. Rasch breiteten sich die Flammen aus, schossen empor zu den zappelnden Körpern, die sich unter der enormen Hitze gequält drehten und wendeten.
Sie schloss die Augen. Sie hatte genug gesehen. Doch die Schreie der Sterbenden ließen die Bilder des grausamen Szenariums nicht aus ihrem Kopf weichen.
Erst als sie hörte, wie die Äste unter ihr zu knistern begannen, öffnete sie die Lider. Und da sah sie ihn. Dort unten, direkt vor ihr, stand ein großer Mann, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Sie konnte seine Züge nicht erkennen, und doch spürte sie die immense Trauer und Verzweiflung, mit der er sie anschaute.
In dem Moment, als die Flammen aufloderten, wurde es taghell um sie herum. Sie versuchte, einen Blick auf den Mann zu erhaschen, der immer noch wie erstarrt neben dem Scheiterhaufen stand, doch da durchzuckte ein brennend heißer Schmerz ihren Körper, und sie warf gequält den Kopf zurück. Ein panikerfüllter Schrei entfuhr ihrer Kehle. Und während die Feuerzungen in Windeseile ihre Silhouette umschlossen, brüllte sie sich gellend die Todesangst aus dem Leib …
»Bianca, Schatz, wach auf!«
Langsam kam sie zu sich. Zitternd setzte sie sich auf und blickte verwirrt auf das zerwühlte Bett. Der von Schweiß durchtränkte Pyjama klebte an ihrem Körper.
»Was … was … ist passiert?«, flüsterte sie.
Patrick, der sie immer noch umklammert hielt, schüttelte betrübt den Kopf. »Du hattest wieder einen Alptraum, hast geschrien und wild um dich geschlagen.« Er schaute sie besorgt an.
Sie schwieg. Ihr Puls raste, das Herz drohte aus ihrer Brust zu springen.
Seufzend stand Patrick auf und verließ das Zimmer. Kurz darauf kam er mit einem Glas Wasser zurück, das er Bianca wortlos reichte.
Ihre Finger bebten, als sie danach griff. »Meine Tablette«, bat sie leise.
Patrick runzelte die Stirn, doch er öffnete widerspruchslos die Schublade, holte die kleine Pillenschachtel hervor und gab ihr schweigend die Medizin.
Nachdem sie sich einigermaßen beruhigt hatte, ging sie ins Bad und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Als sie zurückkam, stand Patrick am Fenster.
»Kommst du wieder ins Bett?« Sie schlug die Decke zurück. Ihre Stimme klang erschöpft.
Er betrachtete sie einen Moment lang schweigend. Kummer verdunkelte seinen Blick. »Bianca, so geht es nicht weiter«, begann er schließlich. Er sprach leise und ruhig, und doch konnte sie die Ernsthaftigkeit seiner Worte genau spüren. »Diese ständigen Alpträume, die Kopfschmerzen, die Feuerphobie, das alles wird mir langsam zu viel! Verstehe mich bitte nicht falsch, ich halte selbstverständlich zu dir, aber ich fühle mich mit dieser Situation völlig überfordert. Ich weiß nicht mehr, wie ich dir noch helfen soll. Deine Panikattacken und deine Stimmungsschwankungen sind eine enorme Belastung für unsere Ehe. Ich kann einfach nicht mehr!«
Er verstummte und wandte sich von ihr ab. Seine Gesichtsmuskeln zuckten nervös.
Bianca sah ihn erschrocken an. »Was soll das heißen?«, fragte sie mit angsterfüllter Stimme. »Willst du mich verlassen?«
»Nein, natürlich nicht! Ich habe geschworen, in guten wie in schlechten Zeiten zu dir zu halten. Aber ich möchte, dass du jemanden aufsuchst, der dir helfen kann …«
»Ich bin doch bereits in psychologischer Behandlung«, fiel sie ihm ins Wort.
»Das reicht aber anscheinend nicht aus.«
»Und was schlägst du vor?«
Er kam um das Bett herum und setzte sich zu ihr. »Ich habe neulich einen Artikel über einen ähnlichen Fall gelesen. Dabei ging es um eine junge Frau, die an einer Spinnenphobie litt.«
»Das ist nicht das Gleiche …«
»Lass mich bitte ausreden! Diese Frau hat jahrelang alle möglichen Therapien ausprobiert, doch nichts hat ihr geholfen. Schließlich ist sie zu einem Hypnotiseur gegangen. Während der Sitzung stellte sich heraus, dass sie als kleines Kind von ihrer Stiefmutter oft in den Keller gesperrt wurde. Dort wimmelte es nur so von Spinnen. Daher stammte auch ihre Phobie. Danach konnte sie zusammen mit ihrem Therapeuten die Ursache gezielt behandeln, und inzwischen ist sie von ihrer Panik geheilt.«
»Und du meinst, eine Hypnosesitzung würde auch mein Problem lösen?« Sie schüttelte ungläubig den Kopf.
»Ich weiß es nicht, aber ich hoffe es natürlich«, antwortete er. »Du könntest es zumindest mal versuchen. Mir und unserer Ehe zuliebe. Bitte!«
Biancas Gesichtszüge wurden weich. Patrick hatte in all den Jahren immer zu ihr gehalten, hatte stets Verständnis für ihre Probleme gezeigt. Alles, worum er sie jetzt bat, war, sich einmal nur hypnotisieren zu lassen. Sie hatte nichts zu verlieren. Außerdem war sie ihm das schuldig.
»Okay, ich werde gleich morgen früh mit meiner Therapeutin darüber sprechen. Ich habe gehört, dass es ausgebildete Psychologen gibt, die mit Hypnose arbeiten. Vielleicht kann sie mir einen Kollegen empfehlen.« Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter.
Er streichelte ihr sanft über das braune Haar. »Schön, dass du es wenigstens versuchen willst. Wir schaffen das, du wirst sehen«, sagte er zuversichtlich.
Ihr stummes Nicken ließ ihn spüren, dass sie alles andere als überzeugt war. Doch er war dankbar für ihre Bereitschaft, diesen einen Versuch zu wagen. Zärtlich schlang er seine Arme um ihren schlanken Körper. Mit einem Seufzer schmiegte sich Bianca an seine Brust. Patricks Lippen tasteten sich vorsichtig über ihre Wange, suchten ihren weichen Mund. Sie erschauerte unter der Liebkosung seiner Zunge. Für den Bruchteil einer Sekunde war sie nahe daran, sich fallen zu lassen, sich in seinen Zärtlichkeiten zu verlieren. Doch schon im nächsten Moment zuckte sie zusammen und wandte ihr Gesicht abrupt von ihm ab.
»Schatz, was ist denn los?« Der traurige Klang seiner Stimme verriet, dass er die Antwort bereits kannte.
Sie sah ihn nicht an. »Ich … ich kann einfach nicht. Es tut mir leid«, murmelte sie kaum hörbar.
Er startete einen zaghaften Versuch, sie erneut in seine Arme zu ziehen. Doch noch bevor sie sich mit einem Ruck aus seiner Umarmung löste, wusste er, dass es keinen Sinn hatte, sie zu bedrängen.
Wortlos erhob er sich, zog eine Zigarettenschachtel aus der Tasche seines Blazers, den er bei seiner Heimkehr achtlos auf die Kommode geworfen hatte, und trat hinaus auf die Terrasse. Es roch noch immer nach Regen und nassem Asphalt. Während sein Blick den Rauchkringeln folgte, die mit der Dunkelheit der Nacht verschmolzen, betete er stumm, Bianca möge ihre Entscheidung nicht rückgängig machen. Hinter ihnen lagen unzählige Therapiesitzungen, doch nichts hatte ihre Ängste und die Alpträume vertreiben können. Patrick selbst sah einer Hypnose mit gemischten Gefühlen entgegen. Doch nach so vielen fehlgeschlagenen Versuchen, Biancas Feuerphobie und ihre Depressionen in den Griff zu bekommen, klammerte er sich an diese letzte Möglichkeit wie ein Ertrinkender an einen dünnen Strohhalm.
Seine Gedanken wanderten zurück zu dem Tag, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren.
Patrick hatte an einem Meeting teilgenommen und später als üblich sein Büro verlassen. Auf dem Nachhauseweg hatte er vom Handy aus in seiner Lieblingspizzeria angerufen und wie gewöhnlich eine Calzone mit extra Käse zum Mitnehmen bestellt. Es war ein schwüler, drückender Augustabend, und in den Straßen Frankfurts stand die Luft. 32 ºC leuchteten grünlich auf dem Display des Außenthermometers seines BMW auf.
Als Patrick nur wenige Meter von dem Restaurant entfernt einen Parkplatz fand und aus dem klimatisierten Wagen stieg, war ihm, als pralle er gegen eine Wand aus staubiger Hitze. Seine Kehle fühlte sich trocken an, und er beschloss, sich noch ein schnelles Bierchen an der Theke der »Trattoria Milano« zu gönnen.
Salvatore, der dickbäuchige Besitzer, empfing ihn mit einem festen Händedruck und einem breiten Lächeln. Der quirlige, 1,60 m große Italiener schien nie schlechte Laune zu haben, war stets freundlich und charmant zu seinen Gästen, und diese liebten seine offene, zuvorkommende Art. Über sein Alter schwieg er sich eisern aus. Patrick schätzte ihn auf Mitte fünfzig, obwohl sich in seinen dichten Schnurrbart, der ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit Super Mario verlieh, noch kein einziges graues Haar eingeschlichen hatte.
Salvatore schenkte Patrick ein Weißbier ein und verschwand dann in der Küche, um nach der Pizza zu schauen.
Durstig leerte Patrick das halbe Glas in einem Zug. Als er es wieder abstellte, schaute er in ein Paar dunkel leuchtende Augen. Eine junge Frau war neben ihn getreten und musterte ihn mit einem leicht amüsierten Lächeln.
»Zum Wohl«, sagte sie schlicht und nestelte einen ledernen Geldbeutel aus ihrer Handtasche.
»Danke, bei dem Wetter tut eine Abkühlung richtig gut«, antwortete er und wischte sich hastig mit dem Handrücken den Bierschaum von der Oberlippe. »Wollen Sie auch eins?«
Das Lächeln im Gesicht der Unbekannten wurde breiter, sie schüttelte jedoch den Kopf. »Nein danke, ich bin mit dem Auto hier.«
»Wie schade«, hörte Patrick sich selbst sagen und stellte erstaunt fest, dass er es wirklich so meinte. »Vielleicht beim nächsten Mal?« Diese tiefgründigen Augen hatten etwas Faszinierendes an sich, gestand er sich im Stillen.
Bevor sie antworten konnte, wurde die Schwingtür zur Küche mit einem Ruck aufgestoßen, und Salvatore watschelte fröhlich in den Speisesaal, umgeben von einem Duft aus frischem Basilikum und geröstetem Knoblauch.
»Eine Calzone mit extra Käse«, verkündete er, noch bevor er die Theke erreicht hatte, und balancierte geschickt eine helle Pizzaschachtel, auf der die italienische Flagge prangte, in der Hand.
»Danke sehr!«, sagten Patrick und die braunhaarige Frau wie aus einem Mund.
»Buona sera, Signorina Bianca!« Salvatore strahlte, wischte seine wulstige Hand an der Schürze ab und hielt sie der Frau entgegen. »Mi scuso, aber diese Bestellung ist für Signor Patrick. Ihre Pizza ist in funf minuti fertig.«
»Sie haben auch eine Calzone mit extra Käse bestellt?« Diesmal war es Patrick, der sie amüsiert betrachtete.
Sie grinste ihn an. »Ist meine Lieblingspizza.«
»Wie es scheint, haben wir wohl den gleichen Geschmack«, stellte er mit einem Augenzwinkern fest. »Das ist ein eindeutiges Zeichen.«
Sie legte den Kopf schief und zwirbelte eine kastanienbraune Haarsträhne zwischen ihren Fingern. »Ein Zeichen? Wofür?«
Patrick räusperte sich und nahm seinen ganzen Mut zusammen. »Dafür, dass wir unbedingt mal gemeinsam hierherkommen müssen. Ich lade Sie ein – auf eine Calzone mit extra Käse.«
»Und auf ein Weißbier«, rief sie ihm kichernd ins Gedächtnis.
»Gerne auch auf zwei oder drei.«
Ihre Blicke begegneten sich, und für den Bruchteil von Sekunden schien die Welt um sie herum stillzustehen. Die Luft zwischen ihnen brannte – und Patrick war sich absolut sicher, dass es diesmal nicht an den hochsommerlichen Temperaturen lag.
»Ihre Pizza, Signorina Bianca.« Salvatore beugte sich mit verschwitztem Gesicht über die Theke zu ihnen.
»Grazie«, antwortete sie kokett, nahm ihm die grün-weiß-rot beflaggte Schachtel ab und legte einen Zehneuroschein auf den Tresen. »Stimmt so.«
»Passt es Ihnen am Freitag?« Patrick schien fest entschlossen, Nägel mit Köpfen zu machen.
Sie nickte. »Freitag ist gut.« Dann zog sie einen Kajalstift aus ihrer Tasche und kritzelte hastig eine Telefonnummer auf Patricks Pizzaschachtel. »Rufen Sie mich einfach an.« Sie warf ihm noch ein umwerfendes Lächeln zu, bevor sie durch die Glastür in den lauschigen Abend hinaustrat.
»Ist ’ne tolle Frau, die Signorina Bianca«, hatte Salvatore mit aufrichtiger Bewunderung festgestellt und Patrick lobend auf die Schulter geklopft. »Soll ich für Freitagabend einen Tisch reservieren?«
Er drückte die Zigarette in dem Keramikaschenbecher aus, der auf der Balkonmauer stand, und kehrte auf leisen Sohlen zurück ins Schlafzimmer. Biancas regelmäßige Atemzüge verrieten ihm, dass sie sich bereits wieder im Land der Träume befand.
Sogar im Schlaf kann man ihr die Bedrückung ansehen, fuhr es Patrick durch den Kopf, während er seine Frau mit einer Mischung aus Trauer und Zärtlichkeit betrachtete. Welch ein himmelweiter Unterschied zu der selbstbewussten Person, die ihn an einem heißen Augustabend vor fast sechs Jahren in der »Trattoria Milano« mit ihrer lebensfrohen Art verzaubert hatte … Am liebsten hätte er sie ganz fest an sich gedrückt, ihr klargemacht, dass er sie immer vor allem Bösen dieser Welt beschützen würde. Dann jedoch fielen ihm wieder ihre ablehnende Reaktion und ihre Gefühlskälte ein, und er besann sich eines Besseren. Seufzend schaltete er die Nachttischlampe aus und ließ sich in die Kissen sinken, wohl wissend, dass er so schnell keinen Schlaf finden würde.
Frau Dr. Kunze spulte das Band zurück. Bianca, die entspannt in dem bequemen Sessel saß, beugte sich vor und lauschte konzentriert der Aufnahme.
»Wie heißen Sie?«, ertönte die Stimme der Psychologin aus dem Diktiergerät.
»Dahlya«, hörte Bianca sich selbst sagen.
»Wo wohnen Sie, Dahlya?«
»In North Berwick.«
»Wo liegt das?«
»In Schottland.«
»Und welches Jahr schreiben wir?«
»1590.«
»Wer regiert das Land?«
»König James VI.«
Es folgte eine Reihe weiterer Fragen, die Bianca alle brav beantwortete. Dabei ging es um alltägliche Dinge, wie ihre Familie und ihren sozialen Stand – sie berichtete, die uneheliche Tochter eines wohlhabenden Kleinhändlers zu sein – sowie um ihren Geliebten. Wie sich herausstellte, war Dahlya mit dem Sohn des Hufschmieds liiert, was ihrem Vater deutlich missfiel.
Frau Dr. Kunze hielt das Band an. »Waren Sie schon einmal in Schottland?«
Stirnrunzelnd schüttelte Bianca den Kopf. »Nein …«
»Haben Sie sich schon einmal näher mit der Geschichte des Landes befasst?«
»Vielleicht haben wir dieses Thema in der Schule durchgenommen. Erinnern kann ich mich allerdings nicht daran.«
»Sagt Ihnen die Ortschaft North Berwick etwas?«
Erneutes Kopfschütteln.
Die Psychologin drückte die Wiedergabetaste des Diktiergeräts. Ein gequältes Stöhnen erklang.
»Wo sind Sie?«
»Auf dem Burghof. Ich bin angekettet, viele andere Frauen auch. Auf den Tribünen sitzen aufgebrachte Zuschauer. Sie beschimpfen und beleidigen uns.«
Eine kurze Pause entstand, dann stöhnte Bianca wieder auf.
»Was sehen Sie?«
»Überall sind Scheiterhaufen aufgebaut. Die Wachen führen uns dorthin. Sie binden mich an einem Pfahl fest. Unten, zu meinen Füßen, steht ein Mann. Ich spüre seine Trauer und seine Verzweiflung. Er schaut zu mir hoch, aber ich kann sein Gesicht nicht erkennen.«
»Ihr Geliebter?«
»Ich weiß es nicht.«
Plötzlich ein verängstigter Ausruf.
»Oh Gott, sie legen Feuer … Die Frauen, sie schreien, sie verbrennen bei lebendigem Leib …«
»Und was passiert mit Ihnen?«
»Eine der Wachen kommt näher. Seine Fackel … Er legt sie nieder … Der Scheiterhaufen zu meinen Füßen beginnt zu brennen … Nein, oh nein! Die Schmerzen, sie sind unerträglich … Oh Gott, hilf mir, bitte …«
Frau Dr. Kunze stoppte das Band. »Wie es scheint, hat Ihre Feuerphobie ihren Ursprung in einem früheren Leben.«
Bianca schüttelte ungläubig den Kopf. Ihre geweiteten Pupillen verschluckten fast das Braun ihrer Augen. »Sie meinen, ich habe schon einmal gelebt? In Schottland? Und bin als Hexe auf einem Scheiterhaufen verbrannt worden? Das ist … Ich würde sagen … ziemlich weit hergeholt …«
»Nun, Sie haben die Aufnahme ja selbst gehört. Es waren Ihre Worte, mit denen das Geschehen geschildert wurde. Es bleibt Ihnen überlassen, ob Sie Ihrer eigenen Erzählung Glauben schenken oder das Ganze lieber als Hirngespinst abtun möchten.«
Bianca dachte kurz nach. Sie war hin- und hergerissen. Die Theorie von einer Wiedergeburt erschien ihr so absurd und doch logisch zugleich. »Angenommen, es stimmt, und ich habe tatsächlich schon einmal vor Hunderten von Jahren irgendwo in einer schottischen Provinz gelebt, was soll ich dann Ihrer Meinung nach tun, um mich von meiner Phobie zu befreien?«
»Sie sollten herausfinden, was genau damals geschehen ist. Wieso wurden Sie als Hexe angeklagt? Wer ist der Mann, der während Ihrer Hinrichtung am Fuße des Pfahls stand? Womöglich gibt es Zusammenhänge zwischen Ihrem früheren und Ihrem jetzigen Leben. Sie müssen diese Muster erkennen, dann werden sich die Antworten auf Ihre Fragen von ganz allein finden.«
»Aber wie soll ich das anstellen? Durch weitere Hypnosesitzungen?«
»Das wäre eine Möglichkeit. Allerdings gibt es da gewisse Blockaden, die sich nur schwer durchbrechen lassen. Das zeigt zum Beispiel die Tatsache, dass Sie das Gesicht des Mannes, der vor Ihnen steht, nicht erkennen, obwohl Sie genau wissen, dass er Sie verzweifelt anschaut. In dem Fall könnte Ihnen eine Reise in das Land, in dem Sie früher einmal gelebt haben, helfen.«
Bianca schluckte. »Sie meinen, ich sollte nach Schottland fliegen?«
»Ich halte das zumindest für eine gute Idee. Denken Sie in Ruhe darüber nach, sprechen Sie mit Ihrem Mann. Vielleicht kann er Sie ja begleiten.«
Schottland, wiederholte Bianca in Gedanken immer wieder, während sie ihren Wagen durch die belebten Straßen der Großstadt lenkte. Nur gut, dass ich nicht in Australien oder Brasilien gelebt habe …
»Du wirst was?«, fragte Patrick verwundert, die Hand auf dem Griff der Kühlschranktür erstarrt.
»Ich werde nach Schottland reisen.«
Er holte tief Luft, nahm ein Bier aus dem Kühlfach und setzte sich Bianca gegenüber an den Küchentisch. »Okay, ich komme da gerade nicht so ganz mit. Erzähl mir bitte noch einmal der Reihe nach, wie die Sitzung abgelaufen ist.«
Gedankenverloren drehte sie den silbernen Anhänger ihrer Kette zwischen den Fingern. »Ich kann mich an die Hypnose selbst nicht mehr erinnern, aber Frau Dr. Kunze hat das Gespräch aufgezeichnet, und wir haben es uns anschließend gemeinsam angehört.«
»Und?« Er ließ sie nicht aus den Augen, während seine Finger den Flaschenöffner umschlossen. Bianca meinte, ein leichtes Zittern seiner Hand zu erkennen.
»Anscheinend wurde ich in einem früheren Leben als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt.«
Patrick stellte die Flasche ab und sah sie irritiert an. »Wie bitte? Das glaubst du jetzt aber nicht wirklich, oder?«
Mit leerem Blick sah sie an ihm vorbei. »Es war genau wie in meinen Träumen. Das Feuer, die Hinrichtung … Frau Dr. Kunze vermutet, dass meine Phobie daher stammt. Nun kommt es darauf an, herauszufinden, was wirklich damals geschehen ist.«
Er betrachtete sie nachdenklich. »Okay, Schatz, und du meinst, eine Reise nach Schottland könnte dir dabei helfen?«
Sie zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung. Aber wenn ich mich schon so weit darauf eingelassen habe, dann sollte ich auch bis zum Schluss alles versuchen. Das wolltest du doch, oder nicht?«
»Ja, du hast recht.« Ein leichtes Zischen war zu hören, als er die Flasche öffnete. Er nahm einen tiefen Schluck, dann stand er auf. »Ich werde meinen Chef anrufen und fragen, ob ich nächste Woche zwei, drei Tage freinehmen kann. Dann reisen wir zusammen nach Schottland.«
»Das brauchst du nicht. Ich fliege allein. Morgen.« Ein kühler Unterton lag in ihrer Stimme.
Patrick blieb wie angewurzelt im Türrahmen stehen. »Was?«, fragte er ungläubig. »Du willst allein fliegen?«
»Ja. Du musst mich nicht begleiten. Ich weiß ja nicht einmal, ob ich zwei Tage oder zwei Wochen bleiben werde.«
»Aber Liebes, du fürchtest dich doch schon davor, in ein überfülltes Restaurant zu gehen. Und nun willst du zusammen mit zweihundert Passagieren in ein Flugzeug steigen? Was, wenn du dort oben in den Wolken eine Panikattacke bekommst?«
»Das werde ich nicht. Und selbst wenn, deine Anwesenheit könnte daran auch nichts ändern. Ich komme schon klar.«
Er begriff, dass er so nicht weiterkam. Wenn Bianca sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann konnte ihr das keiner so leicht ausreden.
Schließlich gab er seufzend nach. »Okay, wie du meinst. Aber versprich mir, dass du mich sofort anrufst, wenn du mich brauchst. Dann setze ich mich in den nächsten Flieger und komme zu dir!«
Sie lächelte schwach. »Mach ich. Danke.«
Eine Weile saßen sie sich schweigend gegenüber. Nur das monotone Ticken der Küchenuhr und Patricks gurgelnde Laute, als er das Bier austrank, durchbrachen die Stille.
Schließlich stand sie auf und räumte die leere Bierflasche in die Kiste hinter der Tür. »Ich gehe dann mal packen. Die Maschine startet um 7.20 Uhr. Bringst du mich zum Flughafen?«
»Selbstverständlich«, murmelte er, während er seiner Frau ratlos nachstarrte.
Ein kühler Aprilwind zerzauste Biancas Haare, als sie in Edinburgh aus dem Flieger stieg. Der Himmel war mit grauen Wolken behangen und die Temperatur um einiges niedriger als in Deutschland. Sie schlug den Kragen ihres Ledermantels hoch und folgte eilig den anderen Passagieren in den Bus, der sie zum Terminal fuhr. Dann holte sie ihren Koffer in der Gepäckausgabe ab und trat kurze Zeit später hinaus auf die Straße. Entgegen ihren Erwartungen spürte sie, wie sich ein Gefühl von Gelassenheit und innerer Ruhe in ihr ausbreitete. Es war, als käme sie nach Hause.
Etwas orientierungslos stand sie vor dem Flughafengebäude und schaute sich um. Sie hatte zwar übers Internet ein Zimmer in einem Hotel in North Berwick gebucht, hatte aber völlig versäumt, sich um einen Mietwagen zu kümmern. Vielleicht gab es hier irgendwo eine Leihwagenfirma, bei der sie ein Auto bekam.
Sie wollte gerade umkehren und erneut das Gebäude betreten, um nachzufragen, als ein Taxi direkt neben ihr hielt.
Durch das heruntergekurbelte Fenster blickte sie ein Paar kaffeebraune Augen an. »Can I help you, Miss?«
Bianca beugte sich vor, um besser in das Innere des Wagens sehen zu können. Ein attraktiver Mann, etwa Mitte dreißig, nickte ihr freundlich zu. Er hatte ein markantes Gesicht und schulterlange, schwarze Haare. Seine Frisur und der Dreitagebart verliehen ihm eine etwas wilde Ausstrahlung. Unwillkürlich musste Bianca an Tarzan denken. Reiß dich zusammen, schalt sie sich und schüttelte die Vorstellung eines halbnackten Mannes, der an einer Liane hing, rasch wieder ab.
Die Blicke des Taxifahrers wanderten an ihr hinab, und bevor sie etwas erwidern konnte, ergriff er erneut das Wort. »Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«, fragte er mit einem breiten Grinsen, diesmal auf Deutsch.
Bianca verzog missbilligend das Gesicht. »Danke, aber ich habe Sie schon beim ersten Mal verstanden«, gab sie spitz zurück.
Der Tarzan-Verschnitt strahlte sie weiter unbeirrt an. »Sorry, so habe ich das nicht gemeint.« Er öffnete die Tür, stieg aus und kam um den Wagen herum auf sie zu. »Ich bin Justin.« Höflich hielt er ihr die Hand hin.
Bianca ergriff sie etwas widerwillig. »Bianca«, antwortete sie knapp.
»Freut mich sehr, Bianca!« Seine dunklen Augen leuchteten auf. »Sie haben auf mich einen etwas verlorenen Eindruck gemacht, und da dachte ich mir, Sie brauchten vielleicht Hilfe«, sagte er. »Sind Sie zum ersten Mal in Edinburgh?«
Sie nickte. »Ich bin gerade erst angekommen. Ich habe in North Berwick ein Zimmer reservieren lassen und wollte mich gerade um einen Mietwagen kümmern.«
»Es ist immer besser, so etwas vor der Abreise zu erledigen«, bemerkte Justin mit einem schelmischen Zwinkern.
»Ach, was Sie nicht sagen!« Was bildete sich dieser Schönling nur ein? »Danke für den Tipp, das werde ich mir fürs nächste Mal merken.« Ihre Stimme klang leicht gereizt. Sie griff nach ihrem Koffer, doch der Taxifahrer kam ihr zuvor.
»Sorry, wenn ich etwas Falsches gesagt habe! Das war nicht böse gemeint! Ich schlage Ihnen einen Deal vor: Als Wiedergutmachung fahre ich Sie zu Ihrem Hotel, ohne Ihnen etwas dafür zu berechnen. Sie können sich dann vor Ort einen Wagen mieten. Die Preise dort sind günstiger als bei den Agenturen hier am Flughafen.«
Er sah sie erwartungsvoll an.
Bianca wägte die Situation rasch ab. Sie war ziemlich erledigt. Der Flug hatte ihr zwar keine Probleme bereitet, doch vor lauter Nervosität hatte sie in der Nacht kaum ein Auge zubekommen. Ihr stand nicht der Sinn nach einer Konversation mit diesem atemberaubend gutaussehenden Typen, für dessen Art von Humor sie nicht viel übrighatte. Aber war es nicht trotzdem viel entspannter für sie, sich von ihm direkt ins Hotel bringen zu lassen, statt mit einem Mietwagen durch eine ihr völlig unbekannte Gegend zu kurven und womöglich noch Gefahr zu laufen, sich zu verfahren?
»Na gut«, seufzte sie. »Einverstanden. Aber eines würde mich noch interessieren. Sie haben mich ja vorhin auf Deutsch angesprochen. Woher wussten Sie, dass ich nicht aus Holland, Norwegen oder sonst wo herkomme?«
»Ganz einfach, Sie sehen deutsch aus«, antwortete er trocken. Als sie verwundert die Brauen hochzog, zwinkerte er ihr amüsiert zu und deutete mit einem leichten Kopfnicken auf ihren Koffer. »FRA«, las er laut vor. »Sie haben also in Frankfurt eingecheckt.«
Jetzt musste auch sie lachen. »Sehr clever«, lobte sie, während er ihr Gepäck im Kofferraum seines Taxis verstaute.
Die Fahrt verlief, entgegen ihren vorherigen Erwartungen, recht angenehm. Justin war ein interessanter Gesprächspartner, vielleicht eine Spur zu redselig, aber nicht aufdringlich. Was er sagte, sprach sie an, und so begann Bianca langsam, seine Gesellschaft zu genießen.
Ab und zu warf sie ihm einen verstohlenen Seitenblick zu. Er sieht verdammt gut aus, schoss es ihr durch den Kopf. Sie bemühte sich vergeblich, ihre Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Der junge Mann neben ihr übte tatsächlich eine enorme Anziehungskraft auf sie aus.
Und da war noch etwas an ihm, was sie irritierend und faszinierend zugleich fand: Vom ersten Moment an, als ihre Blicke sich getroffen hatten, war da dieses Gefühl gewesen, ihm schon einmal begegnet zu sein. Sie konnte es sich nicht erklären, aber etwas in seinem Wesen löste in ihr eine Empfindung von Vertrautheit aus. Sie vermochte nicht zu sagen, ob es sein Lächeln war, die Art, wie er sie ansah, oder einfach nur das Strahlen seiner Augen, aber es war ihr, als würden sie sich schon ewig kennen. Das kam ihr fast ein wenig unheimlich vor.
»Haben Sie schon einmal in Deutschland gelebt?«, fragte sie schließlich.
»Yeah, zwei Jahre lang. In Berlin. Ich war dort bei einer englischen Baufirma als Kranführer angestellt.«
Aha, das erklärt dann wohl alles. Bestimmt sind wir uns damals irgendwo über den Weg gelaufen, dachte sie erleichtert.
Sie beschloss, weiter nachzuhaken. »Kennen Sie Frankfurt?«
»Nein, leider nicht. So seltsam es auch klingen mag, aber ich bin in den zwei Jahren nie aus Berlin herausgekommen.«
»Sie machen Witze!«
»Nein, das tue ich nicht. Ich habe viel gearbeitet, hatte kaum Freizeit und wenn, dann war ich meist so erledigt, dass mir nicht nach Umherreisen zumute war.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich habe noch nicht mal ganz Berlin gesehen.«
Sie schluckte. Sie selbst war nur einmal in Berlin gewesen, auf einer Klassenfahrt. Damals war sie gerade mal dreizehn Jahre alt gewesen.
»Wieso fragen Sie?«, wollte er wissen, ohne den Blick von der Straße abzuwenden.
»Ach, nur so«, gab sie zurück, bemüht, so gleichgültig wie möglich zu klingen, und widmete ihre Aufmerksamkeit erneut der vorbeiziehenden Landschaft.
Den Rest der Fahrt sprachen sie kaum ein Wort. Als sie endlich die schottische Kleinstadt erreichten, spürte Bianca eine schläfrige Schwere in ihren Gliedern.
»In welchem Hotel wollen Sie denn absteigen?«, erkundigte sich Justin, kurz nachdem sie das Ortsschild von North Berwick passiert hatten.
Sie zog einen Zettel aus ihrer Handtasche. »Kaimend«, las sie laut vor.
Er pfiff anerkennend durch die Zähne. »Keine schlechte Wahl! Gemütlich eingerichtet, ruhige Lage, herrlicher Blick … Da sich in der Nähe zahlreiche Golfplätze befinden, sind die meisten Gäste Golfer. Aber ich nehme an, deswegen sind Sie nicht hier?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein … meine Reise hat … ähm, rein berufliche Gründe!«, sagte sie hastig.
»Oh. Darf ich fragen, was Sie beruflich machen?«
Sie strich sich nervös eine Haarsträhne aus der Stirn. »Ich … also … ich bin … Schriftstellerin!«, log sie.
»Wow! Na, das ist ja spannend!« Er schlug mit der flachen Hand auf das Lenkrad. »Und sind Sie hier, um zu recherchieren? Schreiben Sie über Schottland?«
»Ja, über North Berwick, um genau zu sein.«
»Wahnsinn! Wie kommen Sie ausgerechnet darauf? Ich meine, es ist ein wunderschönes Städtchen, aber es gibt doch weitaus berühmtere Orte in diesem Land.«
Sie räusperte sich nervös. Hoffentlich erreichten sie bald das Hotel, bevor sie noch etwas Falsches sagte und ihre Notlüge aufflog. »Die Geschichte der Stadt fasziniert mich einfach.«
»Und in welcher Zeit spielt Ihr Roman?«
»Um 1600.«
»Aha, ich wusste es! Sie schreiben also über die Hexenverfolgungen und -hinrichtungen, habe ich recht?« Er strahlte sie stolz an.
Sie lächelte gequält. »Ja, das stimmt.«
Kurze Zeit später bogen sie in die Einfahrt des »Kaimend« ein. Es war ein solides steinernes Gebäude, dessen Mauern von wildwachsendem Efeu überwuchert waren.
Erleichtert atmete Bianca auf, als Justin das Taxi vor dem Eingang parkte. Er half ihr, das Gepäck aus dem Kofferraum zu hieven.
»Danke, das ist sehr nett von Ihnen. Sind Sie ganz sicher, dass Sie nichts für die Fahrt berechnen wollen? Wir waren immerhin fast eine Stunde unterwegs und …«
»Hey, ich stehe zu meinem Wort!« Er winkte entschieden ab. »Ich danke Ihnen für Ihre Gesellschaft! Man lernt ja schließlich nicht täglich eine berühmte Schriftstellerin kennen!«
Sie senkte verlegen den Blick. »Na ja, so berühmt bin ich auch wieder nicht …«
»Na, dann werden Sie es vielleicht bald sein. Mit einem Roman über solch ein spannendes Thema ist der Durchbruch sozusagen vorprogrammiert! Hey, wissen Sie was? Ich kann Ihnen bei Ihren Recherchen helfen, was halten Sie davon? Ich kenne hier alle Ecken, ich verstehe etwas von der Geschichte des Landes, kann Sie überall hinfahren und Ihnen alles zeigen!« In dem leuchtenden Braun seiner Augen konnte Bianca eine Mischung aus aufrichtiger Bewunderung und freudiger Erwartung erkennen.
Sie schluckte nervös. Wenn ich mich darauf einlasse, komme ich aus der Nummer nie mehr raus, rief sie sich zur Vernunft. Allerdings konnte ihr nichts Besseres passieren, als jemanden zu haben, der sie herumführte. My personal tourist guide – und dazu noch ein so attraktiver …
»Ihr Angebot klingt gut«, hörte sie sich sagen.
»Prima!« Justin war sichtlich erfreut. »Sie werden es nicht bereuen! Wann soll ich Sie abholen? Da fällt mir ein, wir sollten auch noch bei meinem Freund vorbeifahren, um einen Leihwagen für Sie zu besorgen.«
»Hören Sie, Justin, es ist wirklich sehr nett von Ihnen, dass Sie mir helfen wollen, aber lassen Sie uns das bitte auf morgen verschieben, okay? Ich bin ziemlich erledigt und möchte mich heute einfach nur ausruhen.«
Sie konnte eine Spur von Enttäuschung in seinem Gesicht erkennen, doch er lächelte verständnisvoll und nickte. »Aber klar doch, no problem. Ganz wie Sie wünschen. Dann hole ich Sie morgen früh ab. Ist es Ihnen um zehn Uhr recht?«
»Ja, das passt prima!«
»Okay! Ruhen Sie sich gut aus, dann können wir uns bald voller Energie auf die Spuren der Hexen begeben! See you tomorrow!«
Er reichte ihr zum Abschied die Hand und drückte sanft ihre Finger. Ein tiefer Blick in seine Augen ließ Bianca innerlich erzittern. Dieser Blick … Er durchdrang ihre Gedanken und rief eine vage, verschwommene Erinnerung wach, irgendwo tief in ihrer Seele. Was war das nur, was sie so an ihm faszinierte? Wieso wurde sie das Gefühl nicht los, ihm schon einmal begegnet zu sein?
Sie merkte, wie die Röte ihr in die Wangen schoss. Rasch wandte sie sich von ihm ab.
»Bis morgen«, rief sie ihm über die Schulter zu, während sie mit eiligen Schritten auf den Eingang des »Kaimend« zusteuerte.
