Brief an Marianne - Martin Winterle - E-Book

Brief an Marianne E-Book

Martin Winterle

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Beschreibung

Die attraktive Marianne wird Vierzig. Solo ist sie ungewollt. Sehnt sich nach einer harmonischen Beziehung. Auf einer Dienstreise lernt sie den verheirateten, um fünf Jahre älteren Horst kennen, verliebt sich in ihn. Anfangs verwöhnt er sie, trägt sie auf Händen. Bis er sich ihrer vollkommen sicher ist. Geschickt versteht er es, ihre Sehnsucht nach Geborgenheit und Verständnis schamlos auszubeuten. Sie verkommt zur willenlosen Gespielin im Bett und kostenlosen Psychotherapeutin. Ohne Eva, ihre beste Freundin, die immer zu ihr steht, wäre Marianne verloren. (Endet ihr Alptraum mit einem Brief vor ihrer Wohnungstüre, genau am fünften Jahrestag mit Horst...?)

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Seitenzahl: 917

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Martin Winterle

Brief an Marianne

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Marianne

Dienstreise mit ungeahnten Veränderungen

Gegenüber

Freie Mittwochnachmittage – der erste

Freie Mittwochnachmittage – der zweite

Freie Mittwochnachmittage – der dritte

Horst

Der smarte Peter

Verheiratet!

Ausgeträumt…

Freie Mittwochnachmittage – der vierte

Vierzig – eine unvergessliche Reise

Die schräge Ines

Rote Rosen

Echt nur staubsaugen?

Ein eigenes Reich!

Italienisch ist mehr als si und no!

Abschied von Herrn Tanzer

Selbst der Tod sieht besser aus.

Warum tust du dir das an, Marianne?

Hören ja, sehen nein!

Die Reiterin

Besser könnte es nicht gehen, oder?

Von Allerheiligenstimmung bis Weihnachtspanik

Partnersuche hoch Drei

Liebesurlaub zum 1. Jahrestag

Schlimme Wogen

Marianne verändert sich

246 oder doch besser 248?

Die Tür in der Mauer

Panik verschwinde endlich wieder!

Nur ein Brief

Fall ins Bodenlose

Leberblümchen

Föhn und andere Stürme

Greve

Die gläserne Wand

Besser Montag als Sonntag

Geplatzte Seifenblasen

Unbestechliche Wirklichkeit

…wieder einmal Mittwoch

Ein Tag wie keiner vorher…

Liebe Frau Marianne,

Wichtiger Auftrag

Marius hatte mit Marianne geschlafen!

Begegnung im Museum

Arbeit lenkt wenigstens ab

Turbulentes Wochenende

Zehn Möglichkeiten

Sonntag der anderen Art

Zweimal Kaffee ist einmal zu viel

Montag, und wer hat den Power?

Halb so schlimm

Warteschleife

Live in Concert

Klär mich auf, Eva!

Wirklich nur Dritter?

Impressum neobooks

Marianne

Brief an Marianne

Vor fünf Jahren

Marianne saß vor ihrem Bildschirm, buchte Eingangsrechnungen auf diverse Konten zu. Ein täglicher Fixpunkt ihrer Agenden, ihre nachmittägliche Lieblingsbeschäftigung.

Die Vormittage füllten Sekretariatsangelegenheiten, Lagerkontrollen, Kaffee für Kunden zubereiten. Präsentierte ihre Firma bei Touristikmessen und ähnlichen Veranstaltungen ihre ausgesuchten Spirituosen, spezielle Liköre, exklusive Cognac und Whiskymarken, sie war immer mit von der Partie. Mit Schwung, Überblick und Charme für das leibliche Wohl am Firmenstand verantwortlich. Verteilte Knabbergebäck auf den kleinen Tischchen, entspannte gut gelaunt die trockenen Verkaufsgespräche.

Schon fast hobbymäßig entwarf sie Geschenkpackungen für die Oberliga einschlägiger Spezialitätenläden. Designte die Form der verwendeten Kartons und Kistchen, bestimmte die Farbe der verwendeten Holzwolle und natürlich den Inhalt. Von der Kalkulation bis zum fertigen Produkt, alles war Hand Made by Marianne.

Damals, vor fünf Jahren war Marianne vierzig. Nein, nicht ganz, aber in wenigen Wochen würde sie es sein.

War geschieden, hatte einen Sohn mit neunzehn Jahren, eine Zweizimmereigentumswohnung mit Keller, Balkon, Tiefgaragenplatz, für ihr kleines, silbergraues Auto. Ihr kleines Reich praktisch und gemütlich eingerichtet. Das Schlafzimmer gehörte ihrem Großen, das Wohnzimmer ihr. Na ja fast, wenn sich ihr Sohn in sein Zimmer verzog. Die Wohnung war nicht übermäßig groß, dafür finanzierbar. Im vierten Stock, dem vorletzten unterm Dach. Ihr Haus gehörte zu einem Ensemble vier baugleicher, in einem Karree angeordneter, fünfstöckiger Häuser.

In der alten Salzstadt Hall, keine zweihundert Meter vom Inn Fluss entfernt, mit Blick auf den gepflegten, Innenhof mit seinen im Frühjahr blühenden Forsythien Sträuchern, zierlichen Birken, Ruhebänken, einer Kinderspielecke, lebte sie gerne. Gratulierte sich oft, damals diese Wohnung gekauft zu haben. Fuhr mit dem Linienbus zur Arbeit in die Landeshauptstadt. Einen Supermarkt gab es in der Siedlung, alle anderen Besorgungen ließen sich locker zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigen. Sie arbeitete ohnehin in der City, konnte nach Büroschluss Besorgungen erledigen, bummeln gehen, Bekannte treffen. Ihr kleines Auto benützte sie nicht alle Tage. Wenn sie jetzt noch das passende Pendant kennen lernen würde, wäre sie voll happy.

An ihrem Äußeren konnte es nicht liegen, an ihrer offenen Art auch nicht. Warum geriet sie immer an die falschen Typen?

Lag es daran, dass sie selten so locker drauf war wie ihre Freundin Eva, die Männer regelrecht anzog?

Sie war weder eingebildet noch abweisend, nur sie wollte mehr als eine lockere Bettgeschichte. Ihre Gefühle ausleben, aber nicht nur im Bett. An solch eindeutigen Angeboten litt sie keinen Mangel, nur das war ihr zu oberflächlich, zu inhaltslos. Was Marianne suchte, war ein Mann zum Anlehnen, sich vorbehaltlos fallen lassen können.

So ein Kerl muss doch irgendwo auf sie warten!

Sie war mittelgroß, ohne einen Deka zu viel zuhaben, wirkte sie sehr fraulich. Ging sie, dann leicht wiegend, bewegte sie sich schneller, verlor sich diese anmutige Wiegebewegung. Hatte genau diesen Typ von Figur, den die meisten Männer anziehend finden. Die einen ganz offenkundig, die restlichen spätestens dann, wenn sie mit geschlossenen Augen, allabendlich neben der eigenen Bohnenstange zu liegen kamen. Ihre dunklen, fast schwarzen Haare trug sie modisch nackenlang, immer so frisiert, dass sie mit ihrem runden, hübschen Gesicht, perfekt harmonierten. Ihre dunkelgraubraunen Augen, ein wesentliches Merkmal ihrer fröhlichen, offenen Wesensart. Hatte ohne Nachhilfe volle Wimpern, einen sanft geschwungenen, sinnlichen Mund und ausgesprochen schöne Hände. Trug an der linken Hand einen schmalen Ring mit einem Saphir, ein Andenken an ihre Oma. Ihre ebenmäßigen, Minirocktauglichen Beine, hatte sie meist unsichtbar in Jeans oder Samthosen verpackt.

Seit dem Abschluss der Handelsakademie arbeitete sie für diese Firma. Lediglich die Karenzzeit hatte sie pausiert. War selbst in dieser Zeit stundenweise im Betrieb präsent. Ihre geschmackvollen Kreationen erlesener Präsente, ließ sie nicht aus der Hand, als Assistenz bei der Messebetreuung war sie unersetzbar. Ihre Arbeitszeit konnte sie selbst einteilen. Ihre Tage dauerten so nie gleich lang, die abwechslungsreichen, eigenverantwortlichen Aufgabenbereiche erfüllten sie, motivierten sie, füllten sie aus…

Wieder einmal Montag, zudem ein echt cooler Montag. Einer wie sie ihn liebte. So hätte der Diensttag, der Mittwoch und alle Tage danach, auch sein könnten, sie hätte nichts dagegen einzuwenden gehabt (außer das der Föhn mit weniger Vehemenz orgeln hätte können…). Hatte gut geschlafen, fühlte sich topfit, war total gut drauf. In ihrer weißen Bluse, unter dem grauen Pullunder, schwarzen Jeans, passenden Mokassins, fühlte sie sich selbstsicher und angezogen.

Klopfte einen Stapel Rechnungen ins System, alle bereits bezahlt, fand keine Unregelmäßigkeiten, brauchte keine Rückfragen zu tätigen, konnte ihr Tempo selbst bestimmen. Leise Musik klang aus ihrem kleinen Radio, die Sonne schien angenehm warm und hell zum Hinterhoffenster herein. Ihr Usambaraveilchen schickte sich augenscheinlich an, das dritte Mal in Serie zu blühen (hatte Marianne auf das Gießen vergessen?). Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass ihr Chef sie freundlich musternd, in der offenen Türe stand…

Dienstreise mit ungeahnten Veränderungen

>Mariandl, kannst du es einrichten, am Donnerstag mit mir nach Siena zu fahren? Der Tanzer ist verhindert, muss am Freitag zum Arzt, zum Internisten, sagt er. Da dachte ich an dich. Ich fahre zur alljährlichen Grappaversteigerung hinunter. Es gibt interessante Lose, wenigstens laut Auktionskatalog. Wir können es uns leisten, beste Ware am Lager zu haben, bei unserer Klientel. Am Samstag würden wir gegen Nachmittag wieder daheim sein. Würde dich am Donnerstag daheim abholen. Sagen wir um sieben Uhr, wenn es dir passt? <

Der Seniorchef nannte sie schon immer Mariandl, vom ersten Tag an. Die beiden verstanden sich gut. Er zählte zu den wenigen männlichen Wesen, die ihr bei jeder Unterhaltung beständig in die Augen sahen, sich nicht nach wenigen Sekunden auf ihrem Balkon ausruhten, um Gedanken nach zu hängen, die mit dem Inhalt der geführten Unterhaltung, so gut wie gar nichts gemeinsam hatten.

Dafür hatte er sie manchmal bei den Schultern genommen, wie ein zu füllendes, halbleeres Plastiksackerl gerüttelt, um ihr Mut zu machen, wenn sie irgendwo unsicher war oder nicht mehr weiter wusste (und das nicht nur im Betrieb…). Sein väterlicher Ratschlag war ihr immer willkommen gewesen. Zumal sie keinen Vater mehr hatte, eigentlich nie wirklich einen gehabt hatte, wenn sie ganz ehrlich war. Einmal hatte er sie in den Arm genommen, ganz fest an sich gedrückt, war dann irgendwie sehr gerührt gewesen. Sie hatte ihm gestanden, schwanger zu sein…

Marianne sagte freudig zu. Ja, das würde sie gerne mitmachen, auch ganz locker gehen, sie hätte nichts Besseres vor.

Donnerstagmorgen, fünf Minuten vor sieben, trat sie mit ihrem kleinen Rollkoffer, ihrer Handtasche, einen leichten Mantel über den Arm, aus der Haustüre. Gleichzeitig bog der dunkelblaue, ältere Mercedes auf den Parkplatz vor ihrem Haus ein.

Die Fahrt ging über die Autobahn, vorbei an Innsbruck, Richtung Süden. Manchmal konnte sie bei den lustigen Erzählungen des alten Herrn, hell auflachen. Er war verwitwet, lange schon. Nie hatte er, weder ihr, noch einem anderen weiblichen Wesen im Hause nachgestellt. Marianne wären ad hoc zwei Damen eingefallen, die nicht nur nichts dagegen hätten, es sogar dezent, daraufhin anlegten. Er war nicht nur als Chef eine Autorität, war der Ruhepol des Unternehmens, das sein Urgroßvater vor über hundert Jahren gegründet hatte.

>Weißt Mariandl, es hat noch einen Grund, warum ich wollte, dass du heute mit mir nach Siena fährst. Der Tanzer wird nicht nur heuer 65, er ist vor allem seit längerem nicht mehr ganz gesund. Seit 25 Jahren macht er den Einkauf, ist ein Profi. In jeder Beziehung einer unserer Besten, mir persönlich einer der liebsten Mitarbeiter. Hat neben meinem vollsten Vertrauen auch meine ehrliche Freundschaft. Und genau aus letzterem will, ja muss ich ihn langsam, nachhaltig entlasten. Wir haben letzte Woche über seine Nachfolge geredet. Was denkst du, wen er sich als Nachfolger wünscht? <

Im Hause selbst fiel Marianne niemand passender ein. Es wird nicht einfach sein, den Herrn Tanzer zu ersetzen. Man würde per Inserat in Regional- und Fachzeitungen nach einem passenden Ersatz suchen müssen. Marianne riet, mit der Suche gleich zu beginnen, damit er noch eine fundierte Einschulung vom scheidenden Profi erhalten konnte. Sie persönlich würde einen jüngeren Mann, mit guten Fachkenntnissen die Chance geben. Er sollte ein bis zwei Jahre Einkaufspraxis mitbringen, regte sie an.

>Mariandl, dich will er haben, ja dich, der alte Tanzer und ich will es auch! Und deswegen sitzt du heute hier bei mir im Auto. Du bist der neue Einkäufer, natürlich die neue Einkäuferin.<

Verbesserte er sich grinsend.

Marianne war sprachlos. Ihr fiel buchstäblich die Kinnlade nach unten, dafür aber keine Antwort ein.

Sie und Einkäuferin für so eine renommierte Firma!

>Nur keine Angst, Mädel, der Tanzer und ich bringen dir das scheibchenweise bei. Bist ja mit unserer Palette vertraut. Viele Lieferanten kennst du sogar persönlich. Ist ja nicht von heute auf morgen. Nur anfangen tun wir gleich morgen mit der Schulung.<

Von Siena sah sie so gut wie nichts.

Sie nächtigten außerhalb, in einem vornehmen Hotel.

Zu Abend aßen sie in einem gediegenen, kleinen Lokal.

Die Adresse hatte der Chef als Insidertipp von einer Beilage seiner Agenda heraus, in den Navigator getippt. Ließ sich das Abendessen mit seiner neuen Einkäuferin etliches kosten. Verbot ihr auf einen Einwand ihrerseits, das Lesen der Preisspalte. Sie hatten heute einen Grund zum Feiern, pasta!

Beide amüsierten sich blendend, bei dem Gedanken (dieser war übrigens ihr gekommen, sie hatte geplaudert…), was die anderen Herrschaften im Lokal denken mochten, in welcher Beziehung sie zueinander stehen würden. Vater und Tochter waren sie beide doch ganz sicher nicht, obwohl es altersmäßig hinkam. Der alte Herr fühlte sich bei diesem Gedanken total geschmeichelt, war sehr stolz auf Mariannes Spitzfindigkeit. Und sie, sie fühlte sich verstanden und aufgehoben, sehr gut aufgehoben sogar…

Die Auktion fand im Messegelände von Siena statt. Das weitläufige Areal lag in einem Vorort, mit der City kamen sie nicht in Berührung. Als Beginn war acht Uhr angegeben.

Sie kamen etwas früher, wollten einem halbwegs annehmbaren Parkplatz. Ihre Sitzplätze waren gesichert, die Zählkarten hatten sie von zuhause mitbrachten. Der Zustrom bereits sehr stark, die Halle aus Beton wenig einladend, dafür die Beleuchtung gut, die Akustik eine Ohrenquälerei, wie sie Marianne noch auf keiner Werbeschau oder Fachmesse erlebt hatte.

Bis etwa elf Uhr konnte ihr Verständnis noch einigermaßen mithalten. Dann rauchte ihr Kopf nur noch von den schwer zu verarbeitenden Eindrücken. Zu diesen prasselten laufend die Kurzinfos ihres Brötchengebers auf sie herein. Sie versuchte beides aufzunehmen, abzuspeichern. Nach der Mittagspause, die sie mit belegten Brötchen und Plastikflaschenwasser vom Messerestaurant, auf einer der wenigen freien Parkbänke unter einer alten Platane verbrachten, war sie wieder kurzzeitig aufnahmefähig. Spätestens ab 15 Uhr 30 war kein hundertstel Millimeter in ihrem Hirn mehr frei, sämtlichen Festplatten glühten, blinkten mit roten Kontrollleuchten, meldeten ein Stakkato in ihrem Hinterkopf. Endlich, gegen 16 Uhr war die Veranstaltung zu Ende. Ihr Chef hatte gute Geschäfte gemacht, war sichtlich zufrieden. Sicher, manches Los war teurer geworden als gedacht. Dafür eine größere Partie, unter der prognostizierten Hälfte geblieben.

Schlimmer behämmert, als nach jedem Diskobesuch vergangener Jahre, spielte sie nur noch den Schatten ihres Chefs in Richtung Ausgang. Mehr geschoben als selbst gegangen, erreichten sie den Parkplatz. Dem alten Herrn schien der Trubel, die ganze Hektik, der extreme Lärmpegel gar nicht erreicht zu haben. Er lächelte sie an, legte seinen Arm um ihre Schultern, drückte sie kurz an sich, meinte launig:

>Die Idee war schon vom Tanzer, aber ich werde ihm verkaufen, dass ich schon vorher darauf gekommen bin, dass du die richtige Wahl für diese Arbeit bist. Wie hat es dir gefallen? Da war schon viel los, gell und laut war es zudem. Mir kommt vor, heuer war viel mehr Betreib, als im letzten Jahr.<

Sie war froh im Auto zu sitzen, ins Hotel zurück zu fahren.

Als erstes stattete sie der Dusche einen ausgiebigen Besuch ab.

Zwei Stunden Zeit bis zum Abendessen – Jubel, natürlich nur leiser Jubel, Lärm hämmerte lautstark im Kopf, ganz, ganz leiser Jubel also. Zwei Stunden Zeit, um zu sich selber zu finden, entspannen, auf dem Balkon sitzen, auf die Zypressen im Park unter ihr zu schauen. Zu hoffen, dass der Druck im Kopf langsam nachlässt…

Was hatte sie mitbekommen, sich gemerkt, war hängen geblieben?

Sicher, dass Prozedere kannte sie nun, von manchen Spezifikationen hatte sie keine blasse Ahnung. Sich aber dazu Notizen gemacht, kluges Mädchen wie sie war.

Zu allem Überfluss war alles in Italienisch abgehandelt worden. Sie würde einen Italienischkurs belegen, in der Volkshochschule oder beim WIFI. Das nahm sie sich fest vor. Sie importierten viele Produkte aus Italien und ihr HAK Italienisch reichte, mangels Praxis, heute gerade noch für das Verstehen einer Straßenauskunft. Wenn diese nicht mehr, als zweimal links, einmal geradeaus lautete.

Es wurde langsam Zeit zum Umziehen. Viel hatte ihr kleiner Koffer nicht anzubieten, für die kurze Zeit hatte sie nur wenig mitgenommen. Aber ein, mangels Gelegenheiten, fast noch nie getragenes Sommerkleid bot sich an. Erschien ihr für das Abendessen auch passend. Ein helles, kurzes, leicht gemustertes Kleid mit V-Ausschnitt, zeigte etwas Dekolleté, lediglich angedeutet. Dazu Riemensandalen mit zierlichen Absätzen. Einen passenden roten Gürtel legte sie um, nahm die gleichfarbige Handtasche, fertig. Als Schmuck lediglich Omas Ring und eine modische, rötlichbraune Kette aus Muranoglas.

Ihr knurrte fast hörbar der Magen, als sie aus dem Aufzug stieg, sich zum Restaurant hin wandte. Dort herrschte ein Betrieb wie bei der heutigen Grappa Auktion. Manche Gesichter kamen ihr von dort bekannt vor. Ihr Chef sah, wie sie unsicher in der Türe stand, winkte ihr zu.

Zum Abendessen waren sie verabredet. Sie hatte davon bei der Fahrt von der Versteigerung ins Hotel erfahren. Ein alter Geschäftsfreund aus Oberösterreich mit einem Teil seines Verkäuferteams würde mit Ihnen zu Abend essen. Diese Herren hatten mit Schnäpsen aller Art zwar nichts am Hut, aber an der gleichzeitigen, regionalen Weinfachmesse teilgenommen.

Marianne würde neben ihrem Chef, am oberen Ende der Tafel sitzen.

Zuerst aber, sich einen Teller schnappen, die einladende, kunstvoll aufgebaute Gourmetinsel aufsuchen, die mit ihren verschiedenartigsten Köstlichkeiten, alle Register erlesener italienischer Vorspeisen offerierte. Diese wenigstens mit ihren Augen leerfuttern.

Der reservierte Tisch füllte sich langsam mit sechs Personen. Jeder mit einem mehr oder weniger gefüllten bis überhäuften Teller Antipasti. Der Jagdbeute vom Sturm auf das kalte Buffet. Fünf Herren und sie, als einzige Dame. Marianne setzte sich, ihr Chef schenkte ihr gerade ein Glas Aqua Minerale ein,

da kam ihr Gegenüber…

Gegenüber

>Hallo, ich bin der Horst. <

Stellte er sich vor, reichte ihr mit einem offenen Lächeln über den Tisch hinweg die Hand.

>Marianne, freut mich. <

Gab sie mit demselben Gesichtsausdruck zurück.

Konzentrierte sich auf ihre gegrillte Tomate und die anderen winzigen Happen, die sie gezielt auf ihrem Teller drapiert hatte. Trank dazu abwechselnd einen Schluck leichten Tischwein oder Mineralwasser. Das eigentliche Menü bestand aus drei Gängen, den Abschluss bildeten Erdbeeren. Kühle frische Erdbeeren. Marianne zerdrückte sie mit der Zunge gegen ihren Gaumen. Vollkommen zwanglos unterhielt sie sich während des Essens mit ihrem Gegenüber. Über die Weinmesse berichtete er, über die Grappaversteigerung ließ sie sich aus. Verhehlte auch nicht, dass sie nicht alles kapiert hatte, ja meistens mehr oder weniger neben ihren Schuhen zu stehen gekommen war. Horst tröstete sie, er kenne solche Situationen zur Genüge. Mit Weinen und ihren jeweiligen Eigenheiten war er anfangs auch einige Zeit auf Kriegsfuß gestanden. Das wurde mit der erarbeiteten Praxis aber rasch besser, und ihr, Marianne würde es genauso gehen. Ausdrücklich wünschte er es ihr.

Auf den obligaten Abschlussmokka verzichtete sie. Am Grappa nippte sie, ganz Fachfrau, nur ein wenig. Gegen 22 Uhr löste sich die Tischrunde auf. Während die beiden älteren Herren ihre Zimmer aufsuchten, lud Horst Marianne noch auf einen Absacker, wie er es nannte, in die Hoteleigene Kellerbar ein. Sie fühlte sich noch munter genug, auf einen Drink, ein wenig Unterhaltung mitzugehen. Zwei von Horsts Kollegen schlossen sich ihnen an.

Die Bar war klein, hatte gedämpftes Licht, eine Minitanzfläche die beim Andrang von drei Tanzpaaren schon an Überfüllung gelitten hätte. Nur wenige Zimmerflüchtlinge hatten sich an der Bar oder an einem der kleinen Nischentische niedergelassen. Zwei junge Damen unterhielten sich kichernd am Tresen, sichtlich angetan als sie Horst und seine Begleiter erblickten. Die Damen, Geschäftsleitungsassistentinnen einer bedeutenden deutschen Weinhandelskette, waren ebenfalls auf der Messe gewesen. Horst und sie blieben alleine, erklommen die Barhocker am Ende der Bar, im rechten Winkel zueinander, bestellten ihre Drinks. Marianne nahm einen Cocktail mit Ananas, Horst schottischen Whisky ohne Eis.

Der Alleinunterhalter, ein bereits älteres Semester mit Spitzbart und Roßschwanz intonierte angenehm leise bekannte Schnulzen auf einen Keyboard. In seinen Pausen ließ er Kuschelsongs Made in Italy aus einer Musikanlage säuseln. Diese fast noch leiser, als er selbst spielte. Horst bat sie, mit ihm zu tanzen. Sie hatte nichts dagegen, rutschte vom Barhocker. Auch keinen Einwand dagegen, dass er sie ziemlich nahe zu sich heran zog. Als seine Hände aber merkliche Ermüdungserscheinungen bekamen, glaubten, sich auf ihrem verlängerten Rückgrat ein ruhiges Plätzchen als Dauerparkplatz verdient zu haben, schob sie seine Arme, unmissverständlich wieder höher. Kurz nach Mitternacht wollte sie zu Bett gehen. Bestand darauf, Ihren Drink selbst zu bezahlen. Im Lift legte Horst seine Arme um sie, versuchte sie zu küssen. Sie bot ihm ihre linke Wange. Was er aber bekam, war ihre Handynummer.

Sie wählte die Nummer, die er ihr vorsagte, sein Handy klingelte, er speicherte die Nummer ab…

Für die Nacht umgezogen, öffnete sie das Fenster, ließ kühle frische Luft herein, legte sich aufs Bett. Er war ihr nicht unsympathisch, der Horst, mochte so fünf bis sechs Jahre älter sein als sie selbst, hatte gute Umgangsformen und das bißchen Grapschen, sie hatte immerhin in ihrem kurzen, ihre Figur betonenden Kleid ganz anziehend gewirkt, nicht nur auf Horst.

Immerhin verdankte sie es ihm, dass die Grappaauktion aus ihrem Kopf verschwunden war, mit allen, wirklich allen Eindrücken. Er hatte schöne Augen, oder nur ihr welche gemacht, so ganz genau wusste sie das nicht, war auch nicht wirklich wichtig. Der dichte Schnauzbart in der Farbkombination von dunkelblond und weißgrau stand ihm gut zu Gesicht. Zwei Millimeter kürzer wäre eine zu testende Option. Vielleicht einen etwas zu kurzen Hals, dafür aber kräftige, behaarte Hände. Hände die zupacken konnten, schätzte Marianne an Männern, darauf legte sie großen Wert.

Ein ausgewachsenes Weichei, wie der Vater ihres Sohnes, kam für sie nicht mehr in Frage. Mit sowas hatte sie schlechte Erfahrungen gemacht. War sich oft unverstanden, allein gelassen vorgekommen. Wiederholung – nein danke!

Null Uhr fünfundvierzig zeigte der Radiowecker auf ihrem Nachtkästchen, als sie aufstand, das Fenster schloss. Rollte sich in ihrem Bett zusammen, nahm die Decke zwischen ihre Beine, kuschelte die etwas zu weichen Polster.

Am Morgen traf sie am Frühstücksbuffet mit ihrem Chef zusammen. Er fragte, wie sie geschlafen hatte und ob es für sie noch ein gemütlicher Abend war. Beides sei ganz ok gewesen, antwortete sie. Um acht Uhr fuhr der blaue Mercedes aus der hoteleigenen Tiefgarage.

Mariannes SMS Signal meldete einen Neuzugang. Sie tauchte ihr Handy aus der Handtasche, zwischen ihren Beinen.

>Danke für den schönen Abend. Wünsche dir eine gute Heimreise. Würde dich gerne kommende Woche treffen! Hast du Zeit? Würde mich total freuen. Bitte melde dich, damit wir uns etwas ausmachen können. Alles Liebe, Horst. <

Sie konnte, mochte auch nicht gleich zurückschreiben.

Erstens war es unhöflich, dem Chef gegenüber, der sich unterhalten wollte. Zweitens, sie waren im Ausland, ein SMS kam teurer, als wenn sie es später von daheim sendete. Drittens, so eilig war es dann auch wieder nicht(echt nicht…?). Viertens, sie wusste nicht genau, was sie schreiben sollte – und fünftens – sie würde antworten, sicher sogar, ganz bestimmt!

Kurz vor fünfzehn Uhr stieg sie vor ihrer Haustüre aus dem Auto. Bedankte sich für die schöne, informative Reise und für das Vertrauen, verpackt in Vorschusslorbeeren für ihre kommenden Aufgaben.

Ihr Sohn hatte ihr ein Abwesenheitsmemo bis Montag an den Kühlschrank geklebt. Sie hatte also ein paar Stunden störungsfrei vier Wände. Hatte nichts dagegen, wirklich nicht.

Nachdem der Koffer leer am Balkon auslüftete, die Waschmaschine ein Kurzprogramm absolvierte, der Laptop sein Schafherdenstandbild präsentierte, letzte Tropfen aus der Dusche fielen, fühlte sie sich angekommen. Joghurt stand im Kühlschrank, Äpfel offerierte die Obstschüssel am Wohnzimmertischchen, Süßigkeiten bot die erste Schublade links, Brötchen konnte sie sich auftauen. Was wollte sie noch mehr? Ja, genau dieses – was willst du mehr, begann sie zu beschäftigen.

Für sie galt es, Prioritäten zu setzen. Erst Mama (dann wars erledigt…), vor Eva, ihrer besten Freundin(sollte sie den Namen Horst erwähnen, das würde Rückfragen ohne Ende ergeben, die Details würden mit der genauen Anzahl, Länge und Färbung seiner Schnurbarthaare längst nicht erledigt sein…), dann darüber nachdenken, was sie auf das SMS von Horst zurückschreiben wollte. Bei dieser Reihenfolge blieb es nicht. Nach Mama war Punkt drei an der Reihe.

Entschuldige Eva, aber diesmal geht’s nicht anders.

Vorher schrieb sie sich selbst ein Memo – einen Italienischkurs suchen und auch gleich anmelden. SMS an Eva hatten nicht selten mehrere hundert Stellen, waren aber wenige Minuten später abgeschickt. Mails an ihre Internetbekannten konnten sehr detailliert ausfallen, manchmal seitenlang sein, in einer halben Stunde war trotzdem immer alles erledigt.

Dieses SMS an Horst dauerte eine warme bis lauwarme Tasse Wohlfühltee. Dann eine weitere lauwarme bis kalte Tasse der gleichen Sorte, lang. Dazwischen noch einen Apfel, inklusive langsamen Stengelablutschen und zweimaligen Balkonluft tanken. Die endgültige Textfassung brachte letztendlich eine Sitzung am stillen Örtchen. Zur Bekräftigung ihrer schriftlichen Entscheidung, drückte Marianne mit Vehemenz die Spülung bis zum Anschlag hinunter.

>Hallo Horst, danke für dein SMS. Wenn du Lust hast, Mittwoch ab 14 Uhr hätte ich Zeit. Wir könnten uns im Schlosscafé treffen. Kennst du es? Schönes Wochenende, Marianne. <

Die Antwort kam genau so kurz wie postwendend.

>Hallo Marianne, freue mich riesig auf Mittwoch um 14 Uhr beim Schlosscafé! Dir auch ein schönes Wochenende, alles Liebe, Horst. <

Also noch ein Memo eingeben, Mittwoch 14 Uhr Schlosscafé. Das war sicher das sinnloseste Memo, das sie sich je selber geschrieben hatte. Diesen Termin hätte sie auch ohne Memo, trotz größtem Stress, auch noch mit 38 Grad Fieber nicht vergessen, ganz sicher nicht.

Nun war Eva an der Reihe, Marianne erzählte von ihrer neuen Position im Betrieb, vom Italienischkurs und den üblichen Standarttratsch. Horst klammerte sie aus, sie wusste warum…

Der Sonntag, voll entspannend, beruhigender Nieselregen, keine Verabredungen, keine Telefonate. Endlich konnte sie „Gut gegen Nordwind“ zu Ende lesen. Nein, sie fing lieber gleich noch einmal am Anfang zu lesen an. Trotz eingelegten Lesezeichen, vermochte sie sich nicht mehr genau an den Beginn der Geschichte zu erinnern. Fünf Tage Lesepause waren einfach zulange gewesen.

Es hatte aufgehört zu regnen, sie lief eine Stunde am Inn entlang, eine halbe in jede Richtung. Der Rest war faulenzen, sich auf die kommende Woche vorbereiten.

Und auf den kommenden Mittwochnachmittag freuen. Er ist echt ein netter Typ. Ob er verheiratet ist? Sie dachte, eher geschieden, so wie er sich gibt. Was zieht sie am Mittwoch an?

Sollte sie Montag oder Diensttag noch bei Moni, ihrer Friseurin vorbei schauen?

Freie Mittwochnachmittage – der erste

Das Schlosscafé hatte Marianne ganz bewusst gewählt. Viertelstündlich fuhr ein Linienbus, direkt vor ihrem Büro in diesen Vorort hinaus, ebenso oft wieder in die City zurück.

Das Café, nichts Besonderes, nostalgisch abgenützter 70er Jahre Rustikalstil. Seine intimen Ecken schützten beruhigend vor neugierigen Blicken.

Pünktlich hielt der Bus vor dem Lokal. Horst wartete, neben seinem Auto stehend, direkt vor dem Eingang. Sie reichte ihm die Hand, die er halb herzhaft, halb zaghaft drückte.

Marianne hatte Café Latte, Horst gespritzten Apfelsaft mit Leitungswasser, er fuhr ja Auto. Lieber wäre ihm ein Glas Bier oder Wein, meinte er, aber die Verantwortung…

Er erzählte von Tennis und surfen(auf dem Wasser, nicht im Internet…). Sie über ihren Job.

Horst war ein guter Zuhörer, unterbrach sie nicht, stellte intelligente, Aufmerksamkeit bekundende Zwischenfragen. Zeigte Interesse an allen Themen, die sie anschnitt.

Dabei wurde er ihr immer vertrauter. Sie hatten sich warm geredet. Marianne über seine Anekdoten aus dem Vertreterleben gelacht. Wirklich aus vollem Hals lachen müssen.

Ihre linke Hand hatte sie locker auf dem Tisch abgelegt, als Horst seine Finger, zwischen die ihren schob. Sie zog die Hand nicht zurück, lächelte etwas verlegen.

Gegen halb sechs meinte Marianne, für sie wäre es jetzt Zeit zu gehen, da die Busse ab nun nur noch zur halben und ganzen Stunde fahren würden. Horst bat, sie nach Hause fahren zu dürfen. Mit dem Auto wären es, außerhalb der Stadt herum gefahren, nur wenige Minuten Fahrtzeit, setzte er hinzu. Sie stimmte zu, nannte ihm ihre Adresse. Als er in ihre Strasse einbog, bat sie ihn, etwa hundert Meter vor ihrem Haus zu halten. Die letzten Meter wollte sie gerne zu Fuß gehen. Horst ließ sein Auto unter einer alten Linde ausrollen.

>Darf ich dich wiedersehen? Ich hab es total schön empfunden diese Stunden mit dir. Es war so eine wunderbare Unterhaltung. Leider verging die Zeit rasend schnell. Ewig hätte dich nur anschauen, mit dir immer so weiter reden wollen. <

Er hatte zu ihr hinüber gegriffen, hielt ihre Hand in der seinen. Sie fühlte sich zu ihm hingezogen, sehr sogar, eigentlich sogar viel zu sehr. Blickte ihn an, meinte, wenn du möchtest wir können ja telefonieren. Sicher, sie würde sich auch freuen, es hat ihr auch gefallen und so viel gelacht hatte sie lange schon nicht mehr. Marianne drückte seine Hand wie zum Abschied, wollte die Wagentüre öffnen als Horst sagte:

>Bitte Marianne, nur noch einen Augenblick. <

Er sah sie dabei so bittend an, dass sie nicht genau wusste, was er ihr mit diesem Blick sagen wollte. Er zog sie zu sich herüber, beugte sich ihr entgegen, suchte ihren Mund. Sie hatte nicht mehr die Kraft, wie in Siena, ihm nur ihre Wange anzubieten. Er berührte ihre Lippen und sie konnte sich innerlich sträuben so viel sie wollte, konnte ihr ganzes Ratio auf die Waage werfen, vergeblich, sie küsste ihn zurück. Danach bekam sie es aber plötzlich sehr eilig. Stieg aus, winke noch einmal einen kurzen Gruß zurück, sputete in Richtung Hauseingang. In ihrer Wohnung, presste sie ihre heiße Stirn gegen den kühlen Metalltürrahmen…

In ihrem Kopf drehte sich alles, die Gefühle, die Gedanken, alles mischte sich, drehte sich wie ein Karussell. Sie war mitten im Sortieren, abwägen, auswerten ihrer Nachmittagserlebnisse, als ihr Sohn die Tür aufsperrte. Nach einem kurzen gemeinsamen Abendessen, zog er wieder los, traf sich in der Stadt noch mit Freunden, das konnte spät werden. Bussi Mutsch, weg war er…

Sie sah gedankenverloren fern. Eine Seifenoper hatte an ihrem kitschigsten Punkt einer Dokumentation über Sylt im Winter weichen müssen, als das heißersehnte SMS von Horst kam.

>Hallo Marianne, ich kann an nichts anderes als an dich und unser heutiges Zusammensein denken. Ich habe mich total in dich verliebt. Kann unser nächstes Treffen kaum erwarten. Schreib mir heute noch, bitte, bitte, ich liebe dich, Bussi, Horst. <

Marianne las das SMS immer und immer wieder. Der Fernseher lief und lief und lief, bis sie ihn (natürlich sich…), mittels Fernbedienung endlich erlöste. Ungestört konnte sie nun ihrer Freude freien Lauf lassen. Ihr Herzklopfen war durch den Jogger den sie trug deutlich zu vernehmen, ihre Gedankengänge wollten außer Horst gar nichts anderes in ihrem Kopf zulassen.

Nur ein Gedanke war noch stärker, leider kam er wieder, immer wieder, ganz von selbst.

War Horst eigentlich verheiratet?

Nein, sie dachte geschieden, ja das wird er sein, ganz sicher sogar geschieden. Sie wird ihn demnächst direkt danach fragen, dass musste sie genau wissen.

Sie schrieb ihm kein SMS zurück, sondern ein Mail.

Seine Mailadresse stand ja auf seiner Visitenkarte.

Inständig hoffte Marianne, dass er es heute noch lesen würde.

Er sollte morgen das Außerferngebiet bereisen, Neukunden finden, hatte er ihr erzählt. Es war nicht wirklich seine Leidenschaft, das Akquirieren ohne in einem Hotel bereits bekannt zu sein, mutmaßte Marianne aus seinen Ausführungen.

Bevor sie ihren Laptop startete, holte sie sich eine Kleinigkeit zum Naschen. Zwei Werbemails wanderten in Richtung Mullkübel. Die Anmeldebestätigung für den Einsteigerkurs in Italienisch war gekommen und 6MB mexikanische Bildergrüße von einer Internetbekannten, weiter nichts.

Im Kontaktordner wählte sie Neueintrag, trug Horsts Daten ein. Bei Besonderheiten zögerte sie. Was schreibe ich hinein? Eroberung von Siena? Neuer Schwarm? Schmetterlinge im Bauch plus Datum? Nichts? Nichts gewann knapp vor den Schmetterlingen. Dann drückte sie den Button – Neues Mail.

Zum ersten Mal fügte sie seine Adresse ein. Ging nervös auf den Balkon, ihr war nach frischer, kühler Luft.

Gottes Willen, war sie aufgeregt.

Es war finster. In den drei Häusern, die gemeinsam mit ihrem ein Viereck bildeten, waren die Fenster zum Teil beleuchtet. Manche leuchteten heller, aus anderen kam nur gedämpftes Licht. Einige hatten die Vorhänge zugezogen, in andere Wohnungen hinein, war der Blick ungehindert möglich. Ließ ihren Blick ziellos schweifen, nahm von nichts bewusst Notiz.

Wie war das heute mit Horst?

Wie hatte sie die Stunden empfunden?

Wie erwartet?

Wenn ja, was hatte sie erwartet?

Hätte sie ihm besser wieder ihre Wange, statt ihren Mund anbieten sollen?

Hatte sie ihn ermutigt, sie zu küssen, weil sie geduldet hatte, dass er seine Finger zwischen die ihren schob?

Nein, sie verstanden sich einfach gut, hatten sich blendend unterhalten und Horst war in Flammen aufgegangen, eigentlich ganz normal, oder?

Er gefiel ihr ja auch, seine Ausstrahlung empfand sie als angenehm, er war der Typ zum Anlehnen. Sie sich vorstellen konnte, sich fallen lassen zu können. Sein Humor war in etwa der ihrige. Besonders angetan hatten es Marianne seine Augen. Was sollte, was wollte, was drängte es sie zu schreiben? Marianne ging ins Wohnzimmer zurück, schloss die Balkontüre, zog die Vorhänge zu.

Bei Betreff war es noch relativ einfach, sie schrieb – „Schönen Abend“

Aber ob einfach nur „Hallo“, „Hallo Horst“, „Lieber Horst“, da lagen schon Welten dazwischen, besonders für Marianne in dieser Stimmungsaufundabsituation. Sie wählte letztlich Variante eins, mit Beistrich. Dann folgte nach fünf Minuten:

„Es war echt nett heute Nachmittag mit Dir.“

Nach einiger Zeit und zahllosen Änderungen:

„Ich finde Dich übrigens auch sehr sympathisch.“

Es folgte die zwar einfallslose, für Marianne aber nicht uninteressante Frage:

„Was machst Du am Wochenende?“

Dann berichtete sie noch, dass die Italienischkursanmeldung gekommen sei, sie sich morgen Nachmittag frei nehmen will um Einkäufe zu tätigen. Für Freitagabend eine Präsentation für Kunden ausrichten soll. Das hatte sie vergessen, ihm zu erzählen, darum trug sie es jetzt nach. Es folgten noch einige unwesentliche Belanglosigkeiten.

Der Schluss war wieder eine Gewissensfrage, die viel Zeit beanspruchte. Unterstützt von fünfzehn langsam gelutschten Rumkugeln. Die Variationen „Bussi Marianne“, „Gute Nacht Bussi Marianne“, dasselbe, aber diesmal mit – „von“ - zwischen Bussi und Marianne, „Schlaf schön“, „Schlaf gut“, oder einfach nur „Gute Nacht“, alle in den Varianten mit oder ohne ihren Namen. Sollte sie nur ihren Namen schreiben und nichts dazu?

Sie entschied sich letztlich, für ihre Verhältnisse, sogar relativ spontan für – „Schlaf schön, Marianne“…

Den Sonntag würde er mit seinem Sohn aus der gescheiterten Beziehung mit Ruth verbringen. Zu seiner Mutter fahren, damit sie ihren Enkel wieder einmal zu sehen bekommt. Schrieb Horst zurück, um Mariannes Frage zu beantworten. Ansonsten enthielt sein Antwortmail von Donnerstag 0 Uhr 10 ausnahmslos romantisch, leidenschaftliche Beschreibungen. Was ihm an ihr und warum so schön, einmalig, bezaubernd, sexy, überwältigend und was sonst noch alles, im Vokabular einer großen Bonboniere, voll farbiger Süßigkeiten Platz fand, um an allen Ecken und Enden, vor Emotionen nur so über zu schäumen. Seine Umschreibungen wirkten auf Marianne sehr überzeugend.

Sein dringender Wunsch nach mehr, nach viel, viel mehr, war voll herüber gekommen…

Freie Mittwochnachmittage – der zweite

Am Freitag hatte Horst bereits ihr Ok für ihren zweiten, gemeinsamen Mittwochnachmittag.

Nicht per SMS, nicht per Mail, er hatte sie angerufen, am Nachmittag als sie gerade in der Tiefgarage ihr Auto, um zwei große, volle Einkaufstaschen erleichterte.

Ja, sie freue sich auch auf den Mittwoch, meinte sie, würde ihm am Wochenende sicher ein Mail schreiben. Registrierte freudig, dass er Sehnsucht nach ihr hatte, sogar ganz gewaltige…

Um 13 Uhr wartete Horst bereits vor ihrem hinteren Geschäftseingang, gleichzeitig die Hinterhofzufahrt zu den Parkplätzen ihrer Firma.

Es regnete heute bereits seit sie aufgestanden war. Tiefliegende Wolken verhängten die umliegenden Berge mit milchig grauen Tüchern. Dafür hatte der oft permanent, unangenehme Föhn heute Pause. Mit dem Schirm war sie am Morgen zum Bus gegangen, in der Stadt Richtung Büro marschiert. Dort lehnte er nun, im Schirmständer gelangweilt vor sich hin trocknend. Sie hatte ihn dort vergessen, brauchte ihn nicht mehr. Horst würde sie ja abholen. Ab zehn Uhr wurde sie unruhig, das steigerte sich bis elf zu sehr unruhig, in Richtung zwölf wurde ihre Nervosität von Minute zu Minute unerträglicher. Musste sich mit irgendwas ablenken, sonst würde die letzte Stunde nie vergehen. Also goss sie ihre Büropflanzen (und die Fensterbank, den Aktenschrank, den Schreibtisch gleich mit…). Das anschließende von feucht auf trocken wischen erforderte einige lange, halbwegs sinnvoll genutzte Minuten. Der Rechnungsordner M-O forderte wortlos, trotzdem mit Vehemenz, seinen, ihm zustehenden Platz nach dem L und vor dem P. Die Position zwischen E links und H rechts, war er weder gewohnt, noch fühlte er sich dort passend platziert. Sie hatte ihn, in Gedanken ganz wo anders, dort eingeparkt. Geschockt stellte die sonst so perfekte Marianne, ihn auf seinen richtigen Platz. Wie konnte das nur passieren, wie aufgeregt war sie denn und vor allem warum?

Reiß dich zusammen Mädel, du bist keine siebzehn mehr, das ist nicht dein erstes Rendezvous. Auch nicht dein erstes mit Horst. Zudem, es würde nichts passieren, wirklich einfach gar nichts, was sie nicht selber wollte, was sie nicht zuließ…

Sie stieg zu ihm ins Auto. Horst küsste sie zärtlich, genauso erwiderte sie seinen Kuss.

Er schlug vor, ins östliche Mittelgebirge zu fahren, ihr war es recht. Außerhalb der Stadt ließ der Verkehr merklich nach. Die Scheibenwischer sammelten die Regentropfen von rechts nach links auf, um sie am Scheibenrand als Rinnsal, der Frontscheibe entlang hinunterlaufen zu lassen. Sie verfolgte das gleichbleibende, monotone Schauspiel. Es beruhigte sie. Die Klimaanlage sorgte für wohlige Wärme, der CD Spieler Kuschelrock passte gleichermaßen zu ihrer Stimmung und dem diesigen Wetter. Entspannt genoss sie die Fahrt und die Tatsache, dass Horst sein Auto mit links lenken konnte. Seine rechte Hand, verschränkt mit der ihren, auf ihren Oberschenkeln kuschelten.

In einem Waldstück bog er links auf einen, von der Strasse her, kaum einsehbaren Parkplatz ein. Normalerweise ein stark frequentierter Abstellplatz für die Autos diverser pflichtbewusster Hundegassiführer, sportiver Livestylejogger, mehr oder weniger genervter Kinderbeschäftigungsväter. Heute stand hier nur ein einziges Auto, gleich nach der Einfahrt. Horst fuhr an das hintere Ende des weitläufigen Platzes. Dort gab es gleich mehrere Buchten, in denen zwischen dichtem Unterholz, durchsetzt mit hohen Fichten, immer jeweils nur maximal ein Auto Platz fand.

Rückwärts verschwand er in einem dieser Schlupflöcher. Beide lösten ihre Sicherheitsgurte, Horst fuhr seinen Fahrersitz etwas zurück. Sie hatte ihre weinrote Lederjacke bereits vor dem Einsteigen ausgezogen, nach hinten auf die Rückbank gelegt. Endlich konnten sie sich in die Arme nehmen. Ihre Küsse wurden immer leidenschaftlicher. Seine gestammelten Liebeserklärungen gingen wie Honig runter.

Als er seine Hand unter ihrem Pullover immer höher und höher schob, zog sie diese, zwar zärtlich, aber unmissverständlich wieder darunter hervor, behielt sie in ihrer Hand.

>Horst bitte nicht, nicht hier und heute, lass mir bitte noch etwas Zeit. Ich mag dich auch, aber mir ist es noch zu früh dazu! <

Seine Enttäuschung war ihm, selbst im regnerischen Waldeshalbdunkel deutlich anzusehen.

Er entschuldigte sich, wie ein beim Schummeln erwischter Schuljunge, dass er sich nicht beherrscht hatte, zu weit gegangen war. Seine Sehnsucht nach mehr Nähe, hatte jede Zurückhaltung ausgeblendet. Zum ersten Mal gab sie ihm dafür einen zärtlichen Kuss. Seiner intimen Schmuseecke war der Sinn verloren gegangen. Sie lächelten sich versöhnlich unsicher an und Horst startete.

Oberhalb der alten Salinenstadt bog er in eine Seitenstraße ein, an deren Ende er ein gemütliches Café wusste. Sie war wieder ganz unbefangen, lachte, scherzte, amüsierte sich über seine Witze. Genoss eine der Cremeschnitten, für die dieses Lokal bekannt war, einen Latte Macciato dazu. Horst hatte das gleiche Menü. Anschließend saßen sie noch lange, sehr lange bei einem guten Glas Wein zusammen. Er spielte mit ihren Fingern, sie erkannte mit gemischten Gefühlen, dass sie gerade im Begriff war, sich rettungslos, leider auch ziemlich bedingungslos, in ihr Gegenüber zu verlieben. In dieser Situation dachte sie nicht darüber nach, ob er verheiratet war. Sie hatte ihn nicht gefragt, ja nicht einmal daran gedacht (…oder sich diesen Gedanken nur zwanghaft, aber erfolgreich verboten?).

Als sie spät abends alleine in ihrem Couchbett lag und den Fernseher abschaltete, ihr Sohn war in seinem Zimmer nicht zu hören, stört daher ihre Gedankengänge nicht, versuchte sie vergeblich einzuschlafen. Schob die Polster höher, setzte sich auf, dachte über ihre neue Beziehung nach.

Eine solche hatte sie, ohne Zweifel, es war eine Beziehung. Nein, lange konnte sie Horsts Sehnsucht, sein Verlangen danach, mit ihr zu schlafen wohl nicht mehr bremsen. Wozu auch, wollte es ja selbst genauso. Sehnte sich nach seinen Umarmungen, nach noch viel mehr als nur nach diesen. Ewigkeiten hatte sie mit keinem Mann mehr geschlafen.

Wie würde es sein mit Horst?

Sie stellte sich einen gleichermaßen liebevollen, wie bestimmenden Liebhaber vor. Diese Gedanken waren schön, sehr schön, aber sie erregten sie auch stark, ungewöhnlich stark sogar.

Mit Telefonaten (meist um sieben Uhr früh), SMS (tagsüber verteilt, aber immer mehrere) und Mails(sie schrieb jeden Abend, Horst konnte wahrscheinlich nicht immer antworten), verging die Woche.

Für Marianne energiegeladen, erfolgreich. Vormittags spielte sie Sekretärin, die Nachmittage verbrachte sie stundenweise im Büro mit Herrn Tanzer. Der gab sich, mit großem Erfolg und noch mehr Einfühlungsvermögen, wirklich alle Mühe, seiner auserkorenen Nachfolgerin, die Geheimnisse des Einkaufs beizubringen. Sie musste sich zwar innerlich fallweise zur Ordnung rufen, wenn ihre Gedanken sich wieder aus dem Büro schlichen, um in Horsts Armen zu landen, verstand aber jede Einzelheit.

Das Wochenende hatte sie mit Wohnung putzen verbracht. Wie besessen wischte sie Staub, alle Schränke wurden aus und wieder eingeräumt, die Pflanzen umgetopft, der Einkaufszettel komplettiert. Ein schmackhaftes Gröstl gekocht. Ihr Sohn wollte bekocht und versorgt werden. Ein Treffen mit Eva zu Kino und Männerbegutachtung in der kleinen Bar, direkt neben dem Kinogebäude, hatte sie mit einer mehr oder weniger glaubhaften Ausrede, auf kommendes Wochenende vertagen können. Ihr gegenüber hatte sie Horst bisher nur einmal kurz erwähnt, ganz emotionslos, ohne ausschmückende Details. Einer der Teilnehmer des Events von Siena, Punkt.

Der Montag, früher Mariannes absoluter Lieblingstag und fast immer der ultimative Powerstart in die neue Woche, war auf den dritten Platz hinter Diensttag und Mittwoch zurück gefallen. Der Powerstart fand trotzdem statt, im Büro wie am späten Abend. Horst hatte nach 22 Uhr angerufen. Eine ganze Stunde mit ihr telefoniert. Danach schwebte sie nicht ins Bett sondern auf Wolken. Tags darauf erklärte ihr Sohn beim Frühstück, dass er heute mit der Maturaklasse bis Samstagabend nach Salzburg fahren werde. Könnte aber auch Sonntag werden, wenn er bei einem Kumpel pennen würde. Angeblich hätten sie das in allen Details, vor zwei Wochen schon besprochen.

Sie hatte es glatt vergessen!

Sowas war ihr noch nie passiert. Erschrak über diese Tatsache ziemlich, kaschierte es aber gekonnt. Abends stand um 19 Uhr Pilates mit Eva und weiteren acht Damen auf dem Programm. Sie fühlte sich danach immer total in ihrer Mitte, freute sich immer schon am Montag auf diesen sportiv, entspannenden Treff mit der besten Freundin. Anschließend saßen sie meist noch in einer kleinen Vitaminbar um das anwesende, männliche Angebot zu begutachten. Das Wenige spaßhalber ausführlich zu zerpflücken. Total legitim, beide Damen waren geschieden, somit ebenfalls zu haben (wenigstens theoretisch…).

Eva hatte bei Marianne als beste Freundin einen Mehrfachjob als Seelentrösterin, Modeberaterin, Pilatespartnerin, Ernährungscoach und noch einige andere, weniger wichtige Funktionen. Seit Jahren, stets wechselnd, mit mehr oder weniger Intensivität aber immer (meistens…) mit viel Erfolg.

Eigentlich war die um fünf Jahre ältere Eva, die Schulfreundin von Mariannes älterer Schwester Babsi. Vor gut fünf Jahren hatten sie sich zufällig in Eva´s Modegeschäft wieder getroffen. Marianne suchte etwas für ihre Wintergarderobe. Hatte in einer Postwurfsendung genau das gesuchte Teil entdeckt. Rein zufällig ein Prospekt von Eva`s Laden.

Sie freuten sich beide über das zufällige Wiedersehen, setzten sich gleich in Evas Pause in das Café um die Ecke auf einen Café Latte Plausch. Seither waren die beiden so gut wie unzertrennlich.

Eva war optisch das krasse Gegenteil von Marianne. Hatte kein Problem damit, sich selbst als busenloses, männermordendes Ungeheuer zu bezeichnen. War fast einen Kopf größer als Marianne, hatte eine strohblonde, pflegeleichte Kurzhaarfrisur, ein hübsches Gesicht mit einer kleinen, spitzen Nase, schmalen Lippen und eine wirkliche Mannequinfigur, das noch mit fünfundvierzig. Sie saß an der Modequelle, pflegte einen eher flippig-praktischen als feminin-eleganten Kleidungsstil. Trotz ihrer Größe liebte sie alles andere als flache Schuhe. Verabscheute Handtaschen, sammelte Umhänge Beutel, aus aller Herren Länder. Einige davon hatte sie selbst von weit her als Reiseandenken mitgebracht.

Eva`s Ehe war kinderlos geblieben, nach zwölf Jahren Ehequälerei (Evas Worte…) geschieden worden. Sie war wieder in den Beruf eingetaucht, hatte es bis zur stellvertretenden Marktleiterin gebracht. Eva lebte, wie sie es nannte, aufgeteilt. Die Aufteilung bestand aus zwei Zimmern, einer großen Wohnküche und einer Dusche mit WC. Ihre drei Meter hohen Räume gruppierten sich um den Stiegen Aufgang im zweiten Stock der elterlichen Villa. Von diesem zentralen Raum aus führten vier Türen, eine in jede Windrichtung. Eine schmale Treppe führte noch einen Stock höher, hinauf in einen kleinen, achteckigen Turm. Dorthinauf zog sie sich zurück, machte ihre Jogaübungen, las Esoterikbücher.

Das alte Haus aus der Gründerzeit war Familienbesitz, lag am nördlichen Stadtrand der Landeshauptstadt. Erhöht über der Stadt, in einem romantischen, verwilderten Garten mit zwei beeindruckenden Eichen, roten und weißen Oleanderbüschen, mehreren uralten, naturbelassenen Rosenhecken.

Ein großer Vorteil dieses Gartens war, problemlos, jederzeit einen Parkplatz zu finden. Evas Eltern bewohnten den ersten Stock. Im Parterre hatte ihr Vater seine Anwaltspraxis. Waren er, seine Sekretärin und ihre Mutter gleichzeitig im Büro, kamen zweihundert Jahre zusammen, witzelte Eva. Trotz seines Alters, arbeitete ihr Vater immer noch als Rechtsbeistand, wenn auch seltener.

Eva lebte für ihren Job, joggte gern, liebte Kochexperimente, Modezeitschriften, Maniküre, Pediküre, eigene experimentelle Exotikteemischungen, Langzeitduschen und – Marianne (ihr Mädel, wie sie sie nannte…). Sie hatte nur eine wirklich fixe Beziehung. Seit zweieinhalb Jahren zu Benjamin, ihrem kastrierten Kater, der mit vollem Namen eigentlich Benjamin Blümchen hieß. Er hatte die angenehme Wesensart, ihr grundsätzlich nicht zu wiedersprechen.

Im Gegensatz zu Benjamin, machten alle menschlichen Männer die Eva nach ihrer Scheidung kennen gelernt und abgeschleppt hatte, natürlich unwissentlich, diesen Kardinalfehler. Das war meist das unwiderrufliche Ende ihrer Langzeitbeziehungen, die in der Regel zwischen 48 und 960 Stunden dauerten.

Marianne war gerne bei Eva, kam vorbei, kuschelte sich in die bunte Polsterlandschaft und schlürfte eine Mischung undefinierbarer Teezusammenstellung mit braunem Zucker oder Honig. Konnte entspannt über ihre kleinen und größeren Kümmernisse quatschen. Horsts Name hatte in diesem Refugium bisher noch keinen Zugang gefunden, absichtlich nicht…

Freie Mittwochnachmittage – der dritte

Bis auf ihre weinrote Lederjacke, hatte sie heute nur Schwarzes an. Sie liebte diese Farbe, für darunter wie für darüber gleichermaßen. Schwarz harmonierte mit ihrer gesunden Hautfarbe, ebenso perfekt, wie mit ihren dunklen Haaren. Am Montag war sie bei ihrer Friseurin gewesen. Moni hatte sich gewundert, warum sie diesmal ihre Kunst so kritisch betrachtete, sogar den einen oder anderen Wunsch, bezüglich Schnitt und Farbe geäußert hatte. Das war für gewöhnlich gar nicht ihre Art. Nach dem Warum hatte Moni nicht gefragt. Gedacht hatte sie sich dabei natürlich schon etwas, gesagt aber keine Silbe…

Der Linienbus war an diesem Morgen, voll wie immer, die Luft stickig wie meistens und der Lärmpegel hatte auch Normalniveau. Das Beste an der Fahrt war noch der Sitzplatz am Fenster, wenn auch ohne Fußfreiraum. Sie hatte ihr Handy aus der Tasche gekramt, las SMS. Nur diese von Horst, eines nach dem anderen, fing beim ersten an und endete beim aktuellsten. Schaffte es gerade, sein letztes zweimal zu lesen, dann musste sie zügig aufstehen, sich an der Türe zum Aussteigen anstellen. Die wenigen Minuten, bis zu ihrem Büro legte sie an diesem Morgen fast im Laufschritt zurück. Beim Bäcker an der Ecke erstand sie noch rasch eine Nussschnecke mit extrem dickem Zuckerguss, einen kalorienarmen Fruchtmilchdrink, ihr Mittagessen.

Im Büro war es heute angenehm ruhig. Die vorbereiteten Arbeiten ließen ihr mehr als genug Gedankenfreiraum. Die wenigen eingehenden Anrufe betrafen sie nicht persönlich, konnten alle weiter geleitet werden. Genau genommen, führte sie den ganzen Vormittag nur ein einziges längeres Telefonat, mit einem ihrer Außendienstmitarbeiter. Um 13 Uhr würde Horst sie vor dem Haus abholen. Sie wurde zusehends nervöser, aber auf diese eigentümlich, stürmische Art unruhig zu werden, das kannte sie eigentlich von sich nicht. Ihr Hochgefühl, wechselweise mit Herzklopfen und Unruhe, war viel intensiver als am letzten Mittwoch. Ihr fiel selbst das ruhige Sitzen nicht leicht, bemerkte, wie sie auf ihrem Bürostuhl mit ihrem Hinterteil Kreise beschrieb. Darüber musste sie dann doch schmunzeln. Siebzehn oder vierzig, wo lag der Unterscheid?

Sie konnte keinen logisch erklärbaren finden. Als Erklärung schrieb sie ihre Nervosität dem heute wirklich abnormal starken Föhnsturm zu, der sogar an ihrem Bürofenster rüttelte und in allen möglichen Tonlagen ein Pfeifkonzert gab. Neben Staub und Blättern wirbelte er Zeitungsfetzen und Plastiktüten durch die Luft, bildete rotierende Kreise im Hinterhof, auf den sie, ganz in ihre Gedanken versunken immer wieder hinaussah. Wenn der Bildschirm ihr zu anstrengend für diesen Tag wurde.

Was wollten sie heute Nachmittag unternehmen?

Wohin konnten sie fahren, was würde am besten passen?

Wieder ins Schlosscafé, wie beim ersten Mal?

Sie würde es vorziehen. Plötzlich schoss es ihr wie ein greller Blitz, siedend heiß in den Kopf – sie hatte ja sturmfreie Bude! Sofort verwarf sie diesen Gedanken wieder, aber er war nicht mehr aus ihren Gehirnwindungen zu vertreiben. Ganz im Gegenteil, er wurde zum alleinigen Denkmuster, immer größer, immer bunter, immer dringlicher.

Er wurde zu einem Film. Einem Film in dem Horst und sie die einzigen beiden Rollen spielten.

Sie hätte es begrüßt, wenn er einen Vorschlag, eine Idee für den gemeinsamen Nachmittag anbieten würde. Sie hoffte es inständig, ja sie betete fast darum. Wie könnte sie es schaffen, ihre Gefühle für ihn, zu unterdrücken, nicht gleich offen zu zeigen? Das würde ihr bestimmt schwer fallen.

Sollte sie eventuell leise umschreibend, daraufhin weisen, dass er bei ihrem letzten Rendezvous möglicherweise, ein wenig zu weit gegangen war? Damit hätte sie weniger Panik. Vor dem was in genau 120 Minuten passieren würde, könnte, sollte, musste, oder doch besser nicht(…noch nicht).

Die Tatsache, dass zwei Stunden gleichzeitig extrem lang sein konnten, andersherum im Nu vergingen, verursachten bei ihr wechselnde, etappenweise, rasend schnell wechselnde Gefühlsausbrüche. Ihre Handflächen waren feucht geworden, dafür ihr Gaumen trocken.

Sie trank ihren Fruchtdrink fertig, die halbe Nussschnecke konnte sie nicht mehr essen, packte sie in ihre Handtasche. Zwölf Uhr fünfzig, zeigte die winzige Anzeige, rechts unten auf ihrem Bildschirm. Sie ging auf die Toilette, prüfte im Spiegel ihr Haare, attestierte zwei rötliche Aufregungsflecken auf ihren Wangen, zog farblos ihre Lippen nach.

Durch das Fenster im Gang sah sie auf die Straße hinaus. Horst wartete bereits auf der gegenüberliegenden Straßenseite, telefonierend in seinem Auto sitzend.

Sie fuhr ihr EDV Anlage herunter, nahm Jacke und Umhängetasche, atmete einmal tief durch und marschierte, plötzlich sehr entschlossen los(wenn es sich ergeben sollte…).

Horst strahlte sie an, sein warmer Blick ließ sie, wie weiche Butter, dahinschmelzen. Zärtlich nahm er sie in den Arm. Zog sie zu sich herüber, drückte sie fest an sich, hielt sie mit seinen Armen eng umschlungen. Ihr Begrüßungskuss fiel zärtlich, innig, wie eine gegenseitige, wortlose Bestätigung aus.

>Liebes, ist das schön, dich wieder zu spüren, komm lass uns fahren. Muss endlich mit dir allein sein. Hab mich so irrsinnig auf dich gefreut! Konnte es kaum erwarten, dass es endlich 13 Uhr wird, das ewige Warten ein Ende hat. <

>Hast du lange auf mich warten müssen? <

>Nein Liebes, ich bin nur schon länger hier gestanden, konnte ohnehin den ganzen Vormittag nichts anderes tun, als an dich denken. Hast du einen Wunsch für unsere gemeinsame Zeit, Liebes? Ich würde dich gerne nur gelöst und glücklich sehen, dich nicht wieder erschrecken, wie letzten Mittwoch. Nur weil ich mich, aus lauter Sehnsucht nach dir, nicht beherrschen konnte. <

Horst hatte das zwar leichthin gesagt. Den zweiten Teil des Satzes, wollte sie aber, ganz ehrlich, nicht einmal unbedingt hören. Dass sowas ähnliches kommen konnte, hatte sie einerseits zwar gehofft, andererseits noch viel mehr befürchtet. Marianne murmelte etwas, von nicht wirklich schlimm gewesen, eigentlich ja ganz normal und so…

Er wartete sichtlich auf einen Vorschlag, eine Zielvorgabe von ihr. Dergleichen kam aber nichts über ihre Lippen. Sie fuhren über die Dörfer Straße Richtung Osten, hatten die Stadt bald hinter sich. Hier oben tobte der Föhn noch um eine Spur stärker, als in der windgeplagten City. Mit spazieren gehen war es heute also nichts. Nicht nur höchst ungemütlich, sie würden ihre eigenen Worte nicht verstehen, total unromantisch, kam also nicht in Frage. Dass Horst von Anfang an, in die gegengesetzte Richtung zum Schlosscafé aus der Stadt gefahren war, signalisierte ihr, dass er dahin heute nicht wollte, sie hatte es ja nicht ins Spiel gebracht. Sie steuerten dieselbe Waldeinsamkeit wie letzten Mittwoch an.

Plötzlich überkam Marianne eine, alle ihre guten Vorsätze, sorgsam überlegten, gedanklich durchgespielten Vorsichtsmaßnahmen, über den Haufen werfende Eingebung. Die musste sie loswerden. Konnte sich nicht dagegen wehren, zu sehr drängte sie ihr Inneres dazu:

>Fahr zu mir hinunter, stell dich wieder vorne bei der Linde hin, da ist am ehesten ein freier Platz um diese Zeit. Wir können zum Inn hinaus spazieren, da bläst fast nie der Föhn. Später bei mir etwas trinken. Ich kann dir auch Kaffee anbieten, eine halbe Nussschnecke ist auch noch übrig. <

Fügte sie gekünstelt scherzhaft, hinzu.

WOW, damit hatte Marianne selbst nicht gerechnet. War über ihre plötzliche Courage total geschockt. Waren das ihre Worte gewesen, echt ihre? Nein, sie hatte nur laut gedacht. Nur ihre Gedanken, die sich verselbständigt, in deutlich hörbare Silben verwandelt, zu Worten gefügt hatten. Die ihren Empfänger erreichten, allzu klar und deutlich sogar.

Horst strahle sie an, bremste ab, wendete und fuhr talwärts.

Der Parkplatz direkt unter der Linde, war auch heute frei. Händchen haltend schlenderten sie den schmalen Fußweg zum Fluss hinüber, wanderten ein Stück am Ufer entlang. Horst hielt ihre Hand, half ihr beim Klettern über die Böschungssteine, auf eine Sandbank hinunter. Er hob flache Steine auf, schleuderte sie ins Wasser. Sie sah ihm dabei versonnen zu. Hier am Ufer war es tatsächlich windstill, die ersten Gräser trieben hier an der Sonnenseite bereits aus der Erde. Einer der seltenen schwarzen Kormorane suchte am gegenüberliegenden Ufer essbares zwischen den Steinen. Sie waren vollkommen alleine hier unten, direkt am Wasser. Keine Spaziergänger, keine Schnüffelhunde, keine schreienden Kinder mit ihren genervten Mamas. Nur das leise blubbern des Wassers, wenn es die Steine umspülte, war zu vernehmen…

Nach etwas über einer halben Stunde, meinte Horst halb verlegen, er wäre am Verdursten. Sie fragte nicht, nach was genau er am Verdursten wäre. Schweigend, ohne ein einziges Wort zu sprechen, gingen sie, eng umschlungen denselben Weg zurück, den sie gekommen waren. Bogen kurz vor der Linde rechts ab, über einen Grünstreifen in Richtung Haustüre. Marianne schloss auf, holte den Lift aus dem dritten Stock herunter, drückte die vier. Die Tür schloss sich, Horst sie gleichzeitig fest in seine Arme.

Vor ihrer Wohnung zogen sie ihre Schuhe aus. Sie sperrte ihr kleines Reich auf, zum ersten Mal öffnete sie es für ihn. Tasche und Jacke legte sie auf dem Highboard ab, er hing sein Sakko in der Garderobe über einen Bügel. Sie ging voraus ins Wohnzimmer, zog die schweren, rötlichen, blickdichten Vorhänge vor Balkontüre und Blumenfenster zu. Auf ihre Frage, ob er etwas zu Mittag gegessen hatte oder Durst hatte, bat er sie um ein Glas Leitungswasser. Sie ließ das Wasser aus der Leitung laufen bis es kalt genug war, füllte ihm ein Glas damit an.

Horst trank es auf einen Zug leer.

Sie hatte sich auf ihrer Couch niedergelassen. Ihren linken Fuß angezogen, unter den rechten gelegt, streckte ihm ihre Hand entgegen. Er nahm sie in den Arm, streichelte über ihren Rücken, schmuste mit ihrem Nacken, drückte ihren Wuschelkopf an sich. Zwischen gestammelten Liebeserklärungen küssten sie sich. Von Minute zu Minute immer intensiver, immer drängender liebkoste er sie. Sie hatte ihre Arme um seinen Nacken gelegt, hielt ihre Hände ineinander verschränkt. Bald hatte Horst den letzten Mittwoch total vergessen, griff mit beiden Händen nach ihren Brüsten. Ein leiser Laut kam aus ihrem Mund, aber sie schob seine Hände nicht weg, wie beim letzten Mal. Griff sich an den Rücken, öffnete den Verschluss, im gleichen Zug ihre Jeans. Dann überließ sie sich ganz seinem Mund und seinen Händen. Horst war fast von Sinnen als er ihre Bracht in seinen Händen hielt. Diese festen, voll erblühten Rosen mit ihren, dunklen, großen Knospen, hätten jeder Zwanzigjährigen alle Ehre gemacht. Ihre samtig seidige Haut, ihr makelloser Körper, ihre wunderschönen Beine, Horst war nur noch gelebtes Verlangen, unbändiges Verlangen nach einer wirklich betörenden Frau, der schönsten Frau die er jemals besitzen sollte…

Marianne begann sich aufzulösen. Verwandelte sich in weiche, in allen Neonfarben leuchtende Bälle, die durch die Luft flogen, zirkulierten, engere und weitere Kreise bildeten, aufstiegen, wieder herabsanken, sich um sich selbst drehten, immer schneller, immer rasender, bis sie sich zu einem einzigen großen leuchtenden Ball vereinigten, einem explodierenden Feuerball. Dem unvergleichbar schönsten Erlebnis, das für sie kaum noch vorstellbar, vollkommen unbeschreiblich war, gemeinsam mit Horst, als untrennbare Einheit mit ihrem Horst…

Langsam bildete sich aus dem feurigen Ball wieder ihr zuckender Körper heraus, war in seine Arme gesunken, der sie umschlungen hielt und liebkoste. Ihren ganzen, zitternden, heißen Körper küsste. Die folgenden Höhepunkte verliefen ähnlich unbeschreiblich. Jeder einzelne für sich vollständig unglaublich, berauschend, unwirklich, vollkommen erfüllend, überirdisch farbenprächtig und traumhaft schön.

Das innere Beben dieser ersten, innigen Stunden blieb ihr erhalten. Es blieb sehr, sehr lange in ihr präsent. Jahre später noch in ihren Gedanken lebendig, jederzeit wieder herzuholen, sooft sie daran denken wollte, und sie wollte oft daran denken, sehr oft sogar…

Als Horst nach 20 Uhr unendlich schwer, letztendlich aber rasch ging, war sein Traum von Siena in Erfüllung gegangen. Die Wirklichkeit hatte seine schönsten Wunschgedanken um Welten übertroffen. Marianne hatte sich, nackt wie sie war, auf ihr Couchbett gelegt, eine Hand zwischen ihre fast krampfhaft zusammengepressten Beine gedrückt, die andere auf ihre heiße Stirn gelegt. Ihr einziger Gedanke – ich dusche mich nie wieder, ganz bestimmt nicht!

Ich will Horst an mir, auf mir und in mir spüren, für immer…

Jahr der Veränderungen

Horst

Der, ich dusche-mich-nie-wieder-Vorsatz, hielt genau von Mittwoch 20 Uhr bis Donnerstag 6 Uhr 30. Dann siegte Mariannes Logik über ihre Gefühle. Stellte sich lange unter angenehm warmes, sanft rieselndes Wasser. Schloss ihre Augen und erlebte den gestrigen Nachmittag gleich wieder live. Mit Nachdruck stieg sie aus der Dusche, trocknete sich ab, zog frische Unterwäsche an. Für heute hatte sie weiß gewählt, nicht ihre schwarze Lieblingsfarbe. Schlüpfte in eine braune Cordhose, streifte ein lachsfarbiges Poloshirt über und marschierte in die Küche. Es gab zum Kaffee Toastbrot, Butter und Himbeermarmelade. Kurz trat sie auf den Balkon hinaus. Der Morgen war kühl, diesig, fast nebelig, aber es regnete nicht.

Wartete sehnsüchtig auf ein SMS oder einen Anruf von Horst, seit gestern ihrem Horst. Während sie den letzten Bissen Toast mit Kaffee hinunterspülte, rief er endlich an.

>Marianne Liebes, wie hast du geschlafen? Ich gar nicht, meine Gedanken waren die ganze Zeit bei dir, nur bei dir allein. An was anderes, als an unseren gestrigen Nachmittag zu denken, war mir nicht möglich, echt nicht. Du bist so himmlisch, die hingebungsvollste und einfühlsamste Frau der Welt. Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so verliebt, wirklich total verliebt, wie jetzt in dich. <

Marianne war über seine beschwörenden Liebesbeteuerungen restlos glücklich, sagte ihm das auch. Mehrmals hintereinander, immer mit anderen Wortkombinationen. Es brach vollkommen von selbst aus ihr heraus. Ihr Herz hatte sich ihm geöffnet und sprudelte wie ein Brunnen. Auch ihre gestrigen Höhepunktgefühle verschwieg sie nicht. Spätestens in der Mittagspause würde sie sich melden, ihm wenigstens ein SMS senden, versprach sie eilig, musste dringend zum Bus laufen. Das Telefongespräch zu beenden, hatte wegen Horsts Liebesschwüre, einige schöne Minuten länger gedauert, sie in Zugzwang gebracht. Einhändig stellte sie das Frühstücksgeschirr in die Spüle, packte ihre Handtasche, schlüpfte in die Schuhe, klemmte ihre Jacke unter den Arm und rannte los. Ausnahmsweise war der Bus heute nur mäßig besetzt. Es musste wohl schulfrei sein, er war halb leer. Sie besetzte einen Einzelsitz am Fenster. Sofort waren ihre Gedanken bei ihm. In Gedanken sah sie ihn vor sich, versuchte ein Bild von ihm aus dem Gedächtnis zu zeichnen.

Er war also 45, somit fünf Jahre älter als sie. Etwas untersetzt, stämmig aber nicht dick, bis auf einen leichten Bauchansatz vielleicht. Hatte echte Fußballerwaden, kräftige Arme und Hände. Darauf stand sie, gab sie zu. Ihr Typ konnte Haare nicht nur auf der Brust haben. Das machte sie an. Hatte ihr bei Männern immer schon gut gefallen. Seine graublonden Haare trug er kurz, dazu einen gleichfarbigen, dichten Oberlippenbart. Schöne, dunkle Augen, deren genaue Farbnuance sie, so sehr sie sich anstrengte, nicht wirklich genau beschreiben konnte. Am ehesten kam noch dunkelgraubraun hin. Was sie an seiner Optik störend fand, sein zu kurz geratene Hals, einem Stiernacken nicht ganz unähnlich.

Horst konnte sehr überzeugend reden, ziemlich alle Register ziehen, von einschmeichelnd(ihr gegenüber…), bis brutal(wenn ihm etwas nicht ins berufliche Konzept passte…). War ein geduldiger Zuhörer der spontan direkte Fragen stellte. Interessiert hinterfragte, vollkommen auf sie einging. Konnte aber auch sehr herrisch und aufbrausend reagieren. Nicht sie betreffend, aber es war ihr in seinen Erzählungen aufgefallen.

Er war geschieden, seine Ex hieß Ruth, hatte einen Sohn mit ihr, soviel von sich aus erzählt. Nach seiner aktuellen Lebenssituation zu fragen, hatte sie sich, bis heute nicht getraut. Kam ihr gerade in den Sinn. Sie verdrängte diese Frage, wohl aus Angst vor der Antwort…

Heute Abend war um 19 Uhr das erste Treffen der Italienisch Kursteilnehmer im WIFI.

Sie kam nicht vor 23 Uhr nach Hause. Der Linienbus würde erst zwanzig Minuten nach Kursende, dafür aber fast vor dem Schulungsgebäude, abfahren. Zwischen Büroschluss, heute wollte sie bis 18 Uhr in der Firma bleiben, und Kursbeginn würde sie dann eine Stunde freie Zeit haben. Vielleicht hatte Horst in der Nähe einen Termin und sie könnten sich kurz sehen. Sie schrieb diese Frage mittags in ihr SMS an ihn, gleich zu Beginn, als erstes. Leider wäre er heute im Oberland bei Kunden, schrieb er zurück, was ihm sehr leid tue. Er vermisse sie total, würde sich über ein Mail von ihr freuen, auch wenn es erst spät abends wäre…

Eva hatte heute zeitgleich Mittagspause mit ihr. Dank gemeinsamen Handy-Spartarif kostete das ausführliche Quatschen so gut wie nichts. Marianne wollte sich thematisch auf den heute beginnenden Italienischkurs und auf was-unternehmen-wir-beide-am-Wochenende einschießen. Eva interessierte nur, wie es gestern mit Mariannes neuer Eroberung, diesem Horst war.

Marianne war zu diesem Thema bisher ja mehr als verschlossen, ihr gegenüber gewesen. Eva hatte an ihrer vibrierenden Stimme sofort erkannt, dass es da eine zu hebende, sicher hoch interessante Leiche im Keller gab. Leichen heben, Eva`s Lieblingsbeschäftigung. Dafür ließ sie sogar ihre Tasse Tee, Marke Eigenkomposition kalt werden und ein Schmacht-SMS von Mehmet, ihrem Fitnesstrainer unbeantwortet.

Also doch Funkenflug, nein bereits Flächenbrand, aber hallo - noch besser, noch viel interessanter – es gab Großalarm!