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Friederike A. ist ihres Lebens müde. In einem berührenden Brief an ihren Freitod nimmt sie den Leser mit auf eine Reise durch die letzten Tage ihres Lebens und kommt zu einer Erkenntnis, die sie so nicht erwartet hatte. Leserstimmen: "Ein berührender Text, der trotz seines Themas Mut macht. Eine Homage an das Leben!" "Berührend und einfühlsam. Der Text hat mich sehr nachdenklich gemacht."
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Seitenzahl: 57
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Friederike A.
Brief an meinen Freitod
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Brief an meinen Freitod
Tag 1
Tag 2
Tag 3
Tag 4
Tag 5
Vorletzter Tag
Und dann
Impressum:
Impressum neobooks
Lieber Freund,
du bist mir in den vergangenen Jahren kein Unbekannter gewesen. Meine Gedanken kreisten um dich, mal konkreter, mal nebulös, an manchen Tagen wie in blinder Verliebtheit. Wir wurden vertrauter, wenngleich sich die Gedanken eher um das Rundherum, als um die Tat als solche drehten.
Doch nun vertraue ich mich dir an.
Ich bin bereit, mich auf dich einzulassen, erscheint mir mein Leben doch wenig bedeutsam. Alles ist mit unendlichem Kampf verbunden, jeder Tag ist wie ein Hohn an meine Bemühungen, es und damit letztlich auch das Leben selbst in den Griff zu bekommen.
Gibt es Flüche und Schicksale, gewoben aus den Taten früherer Leben? Büße ich für etwas, das weit vor dieser Zeit seinen Anfang nahm? Es scheint so.
Dabei will ich keineswegs sagen, dass mir nichts gelingt, das Leben hatte nicht nur schlechte Zeiten. Doch was immer ich tue, ich konnte mich nie aus der fatalen Abhängigkeit alter Glaubensmuster befreien.
Mir diese bewusst zu machen, hat mein Leben lang gedauert. Eine schier endlose Zeit, wenn man bedenkt, dass der Sinn eines Lebens darin bestehen sollte, sein Glück zu finden und es auszukosten. Nun, dieses Leben hat für mich augenscheinlich andere Pläne.
Bin ich unglücklich? Ich glaube nicht. Es sind keine speziellen Ängste, die mich plagen, keine privaten Sorgen, die mir den Schlaf rauben. Es sind eher die grundsätzlichen Dinge, die ich nicht zu begreifen scheine. Ich wäre gern ein fröhlicherer Mensch gewesen, heiterer, gelassener und weniger im Drama verfangen. Doch das Leben gab mir eine große Portion Verantwortungsgefühl mit, die es zu tragen galt. Zwei Kinder wollten versorgt, Verpflichtungen eingehalten und Kredite abgezahlt werden. Ich habe das alles getan, gerne sogar, waren meine Kinder doch mein größter Stolz. Wir haben einen guten Kontakt, mein Enkelkind ist ein Sonnenschein und geht den eigenen Weg mit unbeirrbarem Vertrauen zu sich und dem Leben selbst.
Doch schon seit Längerem stelle ich fest, dass Telefonate mit meinen Kindern, begonnen mit <Na, wie geht es dir?>, letztlich doch nur die eigenen Sorgen und Belange zum Ausdruck bringen. Beide interessieren sich nicht wirklich für mein Leben, obwohl mir bewusst ist, dass ich jederzeit anrufen und um Hilfe bitten könnte. Nie würden sie sie mir verwehren und ich weiß, dass dies nicht jeder von seinen Kindern behaupten kann.
War ich auch so? Bin ich meinen verstorbenen Eltern ebenso begegnet? Ist es das Recht der Jüngeren, verhaftet im Alltag und immer in Eile, die stillen Gedanken der Älteren zu übersehen?
Wenn ja, erbitte ich Vergebung, denn heute weiß ich, wie weh es tut. Gern würde ich die Eltern anrufen und sagen, wie wichtig sie mir waren, nicht nur als Ratgeber und geduldige Zuhörer, sondern als Menschen, als Persönlichkeiten, die sie unbestritten waren. Dafür ist es längst zu spät.
Ich hatte mir überlegt, mit meinen Kindern darüber zu sprechen. Aber wie würde es bei ihnen ankommen? Was sollen sie sagen, wenn die Mutter mit einem solchen Anliegen kommt? Es kann nur als Vorwurf betrachtet werden, ganz gleich, wie ich es formulieren würde. Doch ich will ihnen keine Vorwürfe machen, wofür auch? Was machen sie, was ich nicht auch getan habe? Vielleicht werden sie im Alter ebenso wie ich sitzen und dieselben Gedanken haben. Vielleicht ist es das Schicksal der Menschen, erst im fortgeschrittenen Alter die Weisheit zu erlangen, die sie Jahrzehnte früher benötigt hätten.
Ich fühle mich schlecht nach Telefonaten mit ihnen, so unterhaltsam oder wichtig sie auch gewesen sein mögen. Wir leben nicht in derselben Stadt, ohne diese Anrufe wüsste ich nichts von ihrem Leben. Doch nach dem Auflegen ist sie da, diese Stille, die mir bewusst macht, wie wenig mein eigenes Ich einen Schatten wirft. Ich bin der Zuhörer, der Ratgeber, sofern mein Rat erwünscht ist, und diejenige, deren Lebenserfahrung bei wichtigen Entscheidungen eine Rolle spielen kann. Danach bin ich jemand, der wie ein Ratgeber-Buch zurück ins Regal gestellt wird. Nun hört sich das sehr nach Selbstmitleid an und ich fühle beim Schreiben, dass ich es anders meine, als ich es formulieren kann.
Ich bin sehr wohl jemand, ich fühle mich nicht wie ein Schatten oder wie ein Mensch, der kein eigenes Gesicht hat. Ich habe mein Leben lang gearbeitet, habe zwei Kinder großgezogen und war lange verheiratet.
Doch vielleicht ist es eben das, was mich dir, lieber Freund, in die Arme treibt. Denn was ist geblieben nach all der Arbeit, nach all der Mühe, nach all dem disziplinierten Tragen der Verantwortung? Meine Lebenskraft schwindet, so, wie es allem älteren Leben geht. Heute steht die Stille vor der Hektik, die Ruhe vor dem Lärm der Zeit und die Sehnsucht nach Entschleunigung vor all den Manipulationen, mit denen wir täglich konfrontiert werden.
Was ist dies überhaupt für eine Phase menschlichen Wandels auf Erden? Obwohl die Anzahl derer, die die Sinnlosigkeit und das Laufen auf dem falschen Weg für sich längst erkannt haben, steigt, scheint es, als ob diejenigen, die unser Bürgerschicksal lenken, taub und blind sind. Oder wie sonst lässt sich erklären, was gerade geschieht? Den politischen Nachrichten zu folgen, strengt mich derzeit sehr an, bäumt sich doch mein Innerstes empört auf ob der Absurdität dessen, was ich sehe und höre. Wir haben kein Geld für die Modernisierung der Schulen unserer Kinder, aber investieren Millionen in unsinnige Bauvorhaben. Wir verdienen Milliarden von Euro mit der Waffenindustrie und beuten schamlos andere Länder aus, wundern uns aber, wenn die Menschen, die dort leben, vor der Brutalität und der Aussichtslosigkeit fliehen. Wir knechten und zerstören die Tier- und Umwelt, als hätten wir keine moralischen Werte und keine Verantwortung denjenigen gegenüber, die wir quälen und schinden.
Ich könnte weinen über so viel Gedankenlosigkeit, ich fühle mich schlecht angesichts dessen, wovon ich ein Teil bin.
Lieber Freund, wie sehr wünsche ich mir Ruhe und das Abgeben einer Verantwortung, die ich zwar erkennen und akzeptieren, aber nicht mehr leisten kann. Ich bin müde, dieses Lebens müde.
So viel Elend, so viel Traurigkeit, so viel unnützes Leiden. Ich stelle schon lange keine Fragen mehr nach dem <Warum>. Doch so sehr ich mich auch bemühe, meinen Teil zur Linderung zu leisten, nimmt das Leiden zu. Begreifen wir nicht, dass wir uns selbst zerstören?
