Brief aus dem höllischen Paradies - Eris Ado - E-Book

Brief aus dem höllischen Paradies E-Book

Eris Ado

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Beschreibung

In einer Zukunft ohne Alter, Hunger und Krankheit schreibt eine Frau, die als Beischlafzeugin arbeitet, an ihr früheres Selbst. Sie erzählt von einer Welt, in der Körper beliebig veränderbar sind, Roboter die Erde regieren und das Nichts zum letzten Sehnsuchtsort wird.

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Seitenzahl: 59

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Lieber Robert,

mein Name ist Vivian, ich bin 3867 Jahre alt und ich bin Du. So ganz stimmt das nicht. Ich war einmal Du. Vor langer Zeit. Heute habe ich mit Dir nicht mehr viel gemein. Alles fließt, auch Menschen.

Du wirst erstaunt sein diesen Brief zu erhalten. Vielleicht wirst Du auch nicht allzu sehr überrascht sein, weil dieser Brief in den verwirrenden Umständen, in denen Du Dich befinden wirst, auch nicht mehr ins Gewicht fallen wird. Du solltest ihn aber durchlesen, weil er zumindest Einiges an Aufklärung liefern kann. Du wirst es sonderbar finden, dass das Du immer großgeschrieben ist, obwohl die Beziehung zwischen uns so eng ist, dass Respektsbekundungen eher lächerlich wirken. Das kommt daher, dass ich ein Übersetzungsprogramm verwende, das sich weigert Anreden klein zu schreiben. Der Übersetzer ist nötig, weil sich in der Sprache einiges geändert hat. Du wirst dich daran gewöhnen, denn Zeit wirst Du genug haben.

Eine gute Nachricht kann ich Dir gleich zu Beginn liefern: Alle unsere Träume sind wahr geworden. Wir leben wieder im Paradies. Eine schlechte Nachricht muss ich dir auch noch mitteilen: Auch die Erfüllung eines Traums ist der Tod des Traums.

Du bist eben in die Scanning-Kabine gestiegen. Und als Du diese Kabine verlassen hast, waren mehrere Tausend Jahre vergangen. Als Du das halbwegs verkraftet hattest, drückte Dir ein Bot diesen Brief in die Hand. Für mich liegt dein Wiedererwachen in der Zukunft. Und zwar in einer, die ich nicht erleben werde. Denn Du wirst erst zum Leben erweckt, wenn ich tot bin. Zur Zeit bist Du noch ein Datensatz. Und zwar der erste, der jemals von mir gemacht wurde. Das ist jetzt 3830 Jahre her. Was erzählt man sich nach so langer Zeit? Über die allgemeinen Entwicklungen der letzten Jahrtausende wirst Du sicher durch Dokumentationen und Bücher besser informiert als ich das je könnte. Am besten berichte ich erst mal von mir. Ich sitze gerade im Wohnzimmer, habe mir eben mein Frühstück ausgedruckt und höre Musik. Derzeit läuft gerade das angesagteste Stück, die Nummer eins der Charts: ein Duo namens Kollabierende Erdferkel mit dem Titel Kombi-Gruß. Der eine Sänger singt „Ich sag Heil“, worauf der andere „und ich sag Hitler“ erwidert. Du siehst: Kindische Provokationen gibt es auch in neuerer Zeit. Ich lebe in einem philosophischen Zeitalter. Was nicht bedeutet, dass die Menschen reifer wurden. Es gibt immer noch Pubertierende. Die Zahl hat stark abgenommen seit dem Siegeszug der Teleportationstechnologie, aber diese Altersstufe ist nun mal die eifrigste Hörerschaft der Popmusik, so dass regelmäßig Werke zweifelhafter Qualität in den Charts nach oben gespült werden. Das allein erklärt den Erfolg nicht. Auch Erwachsene hören diese Sachen. Aus Widerborstigkeit. Die Musik ist das letzte Aufbegehren des Menschen gegen die Maschine. Auf allen Gebieten sind Maschinen besser als Menschen. Sie spielen besser Schach, schreiben bessere Bücher, hauen bessere Skulpturen aus dem Stein, malen bessere Bilder. Da bevorzugen die Menschen aus purem Trotz Musik menschlicher Herkunft. Das ist auch das letzte Gemeinschaftserlebnis des Menschen im künstlerischen Bereich. Jeder liest Bücher, die von Bots extra auf ihn zugeschnitten wurden, schaut Filme, die von Bots extra für ihn konzipiert wurden. Da schätzt man das Anarchische und das Überraschende, das Menschen in die Musik bringen umso mehr, auch wenn diese Dinge mitunter etwas plump wirken. Keiner dieser Interpreten kann sich lange an der Spitze halten. Auch die Kollabierenden Erdferkel dürften ein One-Hit-Wonder bleiben. Sie werden nach ihren fünf Minuten Ruhm wieder in der Versenkung verschwinden.

Vielleicht schlendere ich nachmittags noch über einen alten Friedhof und hänge zwischen alten Gräbern meinen Gedanken nach. Man kann sich beliebig viel Zeit für die persönliche Zeitgestaltung nehmen. Es gibt keine Pflichten.

Neue Gräber gibt es nicht mehr. Nicht, weil keine Menschen mehr das Zeitliche segneten, denn dafür ist die Melancholie zu weit verbreitet. Die ist nicht zu verwechseln mit Depressionen: Die haben wir dank Medikamenten im Griff, aber die Melancholie hat uns im Griff. Sie hat in neuerer Zeit pandemische Ausmaße angenommen. Die meisten Menschen haben bereits über ein Jahrtausend auf dem Buckel, manche - wie ich - schon über drei. Da ist es nicht zu verhindern, dass Traurigkeit ins Gehirn kriecht.

Sterben ist ein selbst gewählter Akt. Und der kann, ohne Schwellen überwinden zu müssen, mit der wohl wichtigsten Errungenschaft aller Zeiten bewerkstelligt werden.

Die Teleportationstechnologie ist unsere eierlegende Wollmilchsau. Manche nennen sie auch die Gottesmaschine. Neben Unsterblichkeit bietet sie zahllose Vorzüge. Ihre Zerstrahlungsfunktion ermöglicht eine schmerzlose Selbsttötung und auch eine umweltfreundliche Beseitigung von Leichen. Warum sollte man Grundwasser oder Atmosphäre mit Giftstoffen belasten, wenn man alles spurlos zerstrahlen kann?

Wer endgültig gehen will, hat die Wahl. Man kann sich für einen natürlichen Tod entscheiden, indem man die Teleportbehandlungen aufgibt und den Zahn der Zeit seine Arbeit verrichten lässt. Oder man kann, wie der Großteil der Lebensmüden, den Freitod mittels Teleportmaschine wählen. Letzteres ist vollkommen schmerzfrei und läuft wie beim Teleporten ab, mit dem Unterschied, dass weder Scan noch Duplikat angefertigt werden. Die Beseitigung der Körper erfolgt in beiden Fällen über die Zerstrahlungsfunktion des Teleporters. Vorher sollte man alle noch bestehenden Scans von sich löschen lassen, denn sonst bestünde die Möglichkeit, wieder ins Leben geholt zu werden. Nicht die Person selbst natürlich, sondern die Person zum Zeitpunkt des Scans.

Man kann still und für sich allein verschwinden oder im Rahmen einer großen Abschiedszeremonie, die jeder nach seinen Vorstellungen gestalten kann. Manche lassen auch einen Nichts-Prediger ein paar Worte sprechen; salbungsvolle Sprüche über das Geschenk des Nichts, über die Orts- und Dauerlosigkeit dieser Destination. Versöhnt mit der Welt kann man den Weg in diesen Zustand beziehungsweise Nichtzustand, antreten. Wir hatten unsere lange Party, die uns gefühlsmäßig als Ausgleich für die erlittene Existenz zustand.

Das Nichts hat eine steile Karriere gemacht: vom Schreckensland zum gepriesenen Ort. Ich komme später darauf zu sprechen.

Was nach dem Tod passiert, ist dasselbe, was früher auch passiert ist: Das Leben nimmt seinen Lauf, und der Verstorbene gerät in Vergessenheit. Gut, das geht heute schneller, denn früher nahm man das Leben noch wichtiger als heute, und man hatte engere Bindungen. Damals kam das Sterben zu früh. Jeder wurde vorzeitig aus dem Leben gerissen, selbst die über Hundertjährigen. Trauerredner betonten den Wert und die vermeintliche Einzigartigkeit jedes Einzelnen. Doch das waren schon damals halb leere Worte. Selbst die unersetzlichsten Menschen waren nach kurzer Zeit nur noch blasse Erinnerungen. Neues Leben beanspruchte Raum für sich.

Wenn man heutzutage sicher gehen will, dass man nach dem Tod auch aus den Gedanken der Lebenden verschwindet, auf dass das Nichts auch in den Köpfen der Hinterbliebenen Einzug halte, dann kann man eine Damnatio Memoriae über sich verhängen: Der Name wird überall getilgt und das Erinnern wird „verboten“. Da Letzteres allerdings nicht gesetzlich festgelegt ist, bleibt es beim Wunsch. Und da man sich oft über Wünsche hinwegsetzt, ist es wohl das Beste, wenn man einfach stirbt, ohne Wünsche artikuliert zu haben. Dann funktioniert das mit dem Vergessenwerden am sichersten.