Brief eines Seelenverkäufers - Jens Smærup Sørensen - E-Book

Brief eines Seelenverkäufers E-Book

Jens Smærup Sørensen

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Beschreibung

"Welches Gehör, welche Erotik, welche Lust zu töten. Dänische Literatur in Exportklasse A." - WeekendavisenJens Smærup Sørensen ist ein großartiger Erzähler, der den Leser gern an der Nase herumführt. Es beginnt immer völlig harmlos: Es kommen Menschen zu Wort, die, ausgehend von ihrer jetzigen Lebenssituation, vom entscheidenden Wendepunkt in ihrem Leben erzählen. Diese Wendepunkte sind für die Figuren wie plötzlich auftauchende Wendebojen beim Segeln - eine kleine, oftmals zufällige Bewegung genügt, und schon lenkt der Wind sie von ihrer vorgezeichneten Bahn ab. Dies geschieht plötzlich und unerwartet. Die Geschichten kippen und zeigen Menschen voll Neid und Missgunst und dem Wunsch, andere tot zu sehen. Ein echtes Lesevergnügen!ÜBER DEN AUTORJens Smærup Sørensen hat eine große Anzahl von Romanen und Erzählungsbänden veröffentlicht und war etliche Jahre Hausdramatiker am Theater in Århus. In seinem Schaffen setzt er sich mit gesellschaftlichen Entwicklungen und Phänomenen im heutigen Dänemark auseinander. Im Mittelpunkt steht häufig das Aufeinanderprallen einer bäuerlich geprägten Gesellschaft mit ihren traditionellen Werten und dem modernen Individuum, das nach Karriere, materiellem Erfolg und Anerkennung strebt. Zweimal wurde Jens Smærup Sørensen bereits für den Literaturpreis des Nordischen Rates nominiert: 1993 für den Erzählband "Brief eines Seelenverkäufers" und 2007 für den Roman "Mærkedage" (Gedenktage).PRESSESTIMMEN"Welches Gehör, welche Erotik, welche Lust zu töten. Dänische Literatur in Exportklasse A." - Weekendavisen"Brief eines Seelenverkäufers ist gespickt mit künstlerisch scharf geschliffenen Diamanten, deren Berührung schmerzt ... Es kocht und brodelt wie in einem schwelenden Vulkan ... nichts Geringeres als ein meisterhaftes Buch." - Politiken"Das ironische Spiel mit der Rolle des Erzählers ist das Hauptkennzeichen von Smærup Sørensens Erzählungen, deren umständlicher Stil zur durchdachten Parodie wird. Indem seine Helden einem anderen schreiben, schreiben sie über sich selbst: überhebliche Machtmenschen, denen irgendwann aufgeht, dass sie keine Macht mehr haben und den Leuten auf die Nerven fallen." - Frankfurter Allgemeine Zeitung-

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Seitenzahl: 391

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Jens Smærup Sørensen

Brief eines Seelenverkäufers

Erzählungen

Aus dem Dänischen vonRoland Hoffmann

 

Lindhardt & Ringhof

Ich bitte dich

Ob es Gott gibt, liebe Bodil, ist doch eine Frage, die heutzutage die Aufmerksamkeit der wenigsten in Anspruch nimmt. Ich habe nur ganz zufällig daran gedacht. Oder besser gesagt an etwas, worüber ich etwas gelesen habe, über einen Mann nämlich, der im Sterben lag, und der dann plötzlich, dort auf seinem Krankenlager, zu glauben anfing und Gott anbetete. Eine Person, oder wie soll man sagen ein Phänomen, ein Begriff, etwas, summa summarum, das er ansonsten, in seinem gesamten Erwachsenendasein, hatte verleugnen wollen. Genau in diesem Punkt hatte er sogar einen besonders augenfälligen Mangel an Gewandtheit an den Tag gelegt.

Persönlich habe ich nie etwas gegen Gott gehabt. Ob es den Betreffenden nun gibt oder nicht. Eine Wende dieser Art konnte für mich also nicht in Frage kommen. Mir ist es nur eingefallen, jetzt, wo ich selbst so daliege. Weil doch auch ich eine Wende vollzogen habe, vor kurzem, wie ich dir erklären muß. Und weil es hier im Bett für mich besonders wichtig geworden ist, auf neue Art verstanden zu werden. Als, ja, als sympathisch betrachtet zu werden. Nichts Geringeres.

Das wurde ich nämlich niemals, wirklich niemals zuvor, nicht soweit ich mich erinnern kann. Und ich war es wohl auch nie, ich meine sympathisch, wohl auch nicht in der Zeit, an die ich mich nicht erinnere. Ich war bestimmt drei oder vier Jahre alt, als es mir klar wurde. Als ich klar vernahm, daß ich andere Menschen befremde.

Es war eine meiner vielen Tanten, die es als erste zum Ausdruck brachte. Sie saß mit etlichen der anderen im Gartenzimmer. Ich ging zwischen ihren Knien umher und betrachtete ihre Näharbeitshände und ihre reingewaschenen Gesichter im Sommertageslicht. Es war, als hätte Seife ihre Haut dünn geschliffen. Dann brach sie endlich das Schweigen, jene Tante, die direkt hinter mir saß. Sie sagte: Ich konnte diesen Jungen noch nie leiden!

Ich bin mir ziemlich sicher, daß ich mich an den Wortlaut erinnere. Ich bin mir auch fast sicher, daß meine Mutter in diesem Augenblick gerade nicht anwesend war. Und da war niemand, der Einspruch erhob. Ich sah all ihre stummen Augen auf mir ruhen. Ich sah vielleicht einen einzigen Mund, der mir quasi zulächeln wollte. Doch niemand widersprach meiner Tante. Ich konnte nicht daran zweifeln, daß sie ausgesprochen hatte, was wohl alle dachten.

In den folgenden Jahren sollte ich das ein ums andere Mal bestätigt bekommen. Wohl selten so direkt; in meinem ganzen Leben ist es verblüffend selten passiert, daß jemand so unverblümt gesagt hat, was offenbar alle gefühlt haben. Eher war es so, daß sich die Leute von mir ferngehalten haben, persönlich sozusagen. So wie du es ja auch getan hast, Bodil. Versteh mich nicht falsch! Du hast mich tadellos gepflegt. In allerbester Übereinstimmung mit den Anforderungen, die dein Beruf dir stellt.

Schon damals, in meiner Schulzeit, war ich keiner Diskriminierung ausgesetzt. Ich gehörte beispielsweise nie zu den Bedauernswerten, auf die zuletzt gedeutet wurde, wenn die Anführer auf dem Fußballplatz ihre Mannschaften wählten. Denn ich war ein mehr als brauchbarer Flügelstürmer, und insofern hatte niemand etwas dagegen, mit mir zusammenzuspielen. Ähnlich hat es mir auch später, in meinem Berufsleben, nie an kooperationswilligen Partnern gemangelt. Sie haben es bloß unterlassen, mit mir kollegial zu verkehren. Sie konnten es wohl irgendwie nicht. Konnten es nicht über ihre Herzen bringen, wie man vermutlich sagt.

Nach all diesen Jahren verstehe ich immer noch nicht, warum. Warum ich so auf andere wirke. Ich habe ehrlich gesagt recht früh aufgegeben. Zu verstehen, was vonnöten wäre, um anders wirken zu können. Denn ich darf wohl sagen, daß ich ganz gut aussehe. Oder aussah, ehe ich hier in Therapie kam, und ich war und bin wohl auch nicht besonders maliziös, oder wie man es auch nennen mag, ich meine, im Grunde genommen habe ich anderen nie etwas Böses gewollt.

Verstehst du, Bodil, eigentlich versuche ich nur zu sagen, wenn ich bloß ein anderer gewesen wäre, dann hätten mich wohl, zumindest einzelne, ganz ansprechend gefunden. Mit anderen Worten, ich kann es nicht erklären. Vielleicht kann es auch sonst niemand, vielleicht nicht einmal du, wenn du darüber nachdenken würdest. Ich muß mich wahrscheinlich weiter mit der irrigen Erklärung abfinden, daß meine antipathische Wirkung auf irgendetwas Undefinierbares an meinem Wesen zurückzuführen ist. Das Wort selbst zeigt ja schon an, daß es jenseits aller Vernunft liegt, und wohl auch, daß jeder Versuch, dies zu ändern, hoffnungslos wäre.

Es ist äußerst schwer, über dies hier auch nur mit einem Mindestmaß an Präzision zu sprechen. Ich mache mir ferner die ganze Zeit Sorgen, du könntest den Eindruck gewinnen, daß ich mich beklage. Was klar gegen meine Absicht ist. Denn teils ist es etwas ganz anderes, was ich von dir will, teils würde jeder Anflug von Klage das Bild meiner realen Person verschleiern, und ein solches unretuschiertes Bild ist für mich eine conditio sine qua non für den glücklichen Ausgang dieser Anfrage, ja es ist wohl bereits ein Teil ihres Ziels. Wenn du jetzt dennoch einen Unterton von Selbstmitleid verspüren solltest, dann liegt das ausschließlich an gewissen Mißklängen, die an den Wörtern kleben. Ich bitte dich, daran zu denken und diese sprachliche Fehldeutung zu berücksichtigen.

Ich kann dir nämlich versichern, daß ich nicht zu bedauern bin. Wohl habe ich einsam gelebt, doch wer hat das nicht? Die meiste Zeit. Und Gesellschaft habe ich gehabt, ebenso viel wie andere. Ich bin sogar umschmeichelt worden. Nicht selten sind Menschen aufgetaucht, die ihren Ehrgeiz darauf richteten, mit mir Umgang zu pflegen. Natürlich nicht, weil sie sich von mir angezogen fühlten. Wohl nur, weil sie sich selbst beweisen wollten, daß es möglich war. Ich bin auf diese Weise mehrere Male in exzentrische Kreise aufgenommen worden, wo man Leute zu sehen wünschte, die auf die eine oder andere Weise bizarr waren. Ich wurde jedoch jedes Mal und meist sehr schnell aus denselben Gründen ausgetauscht. Ich kam ihnen bei etwas näherer Bekanntschaft zu, ja, zu gewöhnlich vor. Nehme ich an.

Doch, was auch geschah, ich hatte mein Geld. Habe ja immer Glück mit meinen Geschäften gehabt, also ja, ich bin auch, wie ich dich bereits habe wissen lassen, so viel steht wohl fest, ich bin also tüchtig gewesen, enfin, ich habe ein abwechslungsreiches und bequemes Leben führen können. Ich war in der Lage, Bodil, mir, unter vielem anderem, erotische Erlebnisse zu kaufen, das solltest du auch wissen, von einer Qualität, die ja doch niemandem, wie sympathisch er auch wirken mag, gratis zuteil wird. Vielleicht nicht einmal so sehr in pekuniärem Sinn.

Ich könnte fortfahren. Ich könnte viele Fälle nennen, in denen dieses Wesen, das also nun einmal meines ist, mir gewisse Vorteile verschafft hat. Wenn auch vielleicht etwas drollige, ab und zu im Grunde genommen etwas peinliche. Doch ich habe gänzlich unbeschwert und furchtlos, beispielsweise, die Metropolen dieser Welt durchwandern können. Nie in meinem Leben bin ich angetastet worden. Nicht einmal von dem ärmsten Bettler. Dennoch habe ich gegeben, ja, verzeihe mir, daß ich es erwähnen muß, du kannst mir glauben oder es lassen. Ich nenne es bloß im Interesse der Wahrheit, daß ich oft Anstrengungen unternommen habe, um eine Gelegenheit zum Geben zu bekommen. Ohne damit jemanden in eine Situation zu bringen, in der er oder sie sich genötigt fühlen mußte, mir zu danken.

Ich hoffe, daß ich dich überzeugt habe: Nie zuvor habe ich ein derartiges Bedürfnis gehabt, anders zu wirken. Das ist eine Wende, die ich niemals für möglich gehalten hätte. Aber das kann anscheinend passieren, wenn man so daliegt, wie ich es nun tue. Nicht daß ich etwas dagegen hätte. Auch hinsichtlich dieser Behauptung muß ich an deine freundliche Anerkennung meiner Aufrichtigkeit appellieren. Damit du den Ernst in dieser Krise verstehen kannst, die mich jetzt eventuell dazu reif macht, eine flexiblere Haltung einzunehmen. Damit du also verstehst, daß ich zuvor wirklich nicht das Geringste dagegen gehabt hätte, zu sterben.

Der Umschwung wurzelt vermutlich in meiner plötzlichen Entkräftung. Als würde ich es als erschütternde Erfahrung empfinden, mich nicht einmal mehr auf meinen Körper verlassen zu können. Man kann wohl auf jeden Fall sagen, daß ich eine derartige Gewißheit vermisse. Daß ich von diesem Bedürfnis geplagt werde, daß sich jemand meiner annimmt, ich meine, das sollte man doch zumindest verlangen können. Es mag andere Erklärungen geben. Doch ich habe das Gefühl, daß, unabhängig davon, wie viele ich mir ausdenke, sie nicht weniger unzulänglich wären. Mich bloß mehr und mehr zum Narren machen würden.

Die Sache ist doch die, daß ich meine innere Kehrtwendung als ein fait accompli zur Kenntnis nehmen mußte. Ich komme nicht darum herum, daß ich mir nun wünsche, an der Art Lächeln und insofern auch an der Art fröhlicher Bemerkung teilzuhaben, die du so oft an meine Mitpatienten richtest. Ich möchte teilhaben an dem Gefühl, das du ihnen anscheinend gibst, nämlich daß du und die Ärzte mehr tun als eigentlich in eurer Macht steht. Natürlich nicht, uns am Leben zu erhalten. Aber vielleicht unseren Leiden Sinn zu geben. Nein. Auch das kann ich nicht erklären. Es ist einfach so. Ich möchte sympathisch sein. Damit du tust, was du kannst. Es überkam mich wohl, als ich nicht mehr selbst essen konnte. Oder vielleicht begann es schon, als ich Haare und Nägel verlor.

Nun könntest du mit gutem Grund fragen: Warum erzählt er das alles gerade mir? Und ich müßte antworten, daß ich mir nicht einen Augenblick habe vorstellen können, damit bei einem der anderen etwas zu erreichen. Du bist mir sofort ins Auge gefallen, schon als ich eingeliefert wurde. Ich hatte und habe nämlich meinen Sinn für weibliche Schönheit immer noch nicht verloren, was viele ansonsten wohl annehmen müßten. Doch es ist klar, dein Äußeres war es nicht allein, ich erwähne es nur der Vollständigkeit halber, für sich genommen stimmt es ja überhaupt nicht angesichts meines neuen Drangs. In weitaus höherem Maß bewirkt etwas anderes, daß ich an dir festhalte. Etwas anderes an dir, ich weiß nicht was. Wenn es nicht dein dir eigenes Wesen ist.

Ja, schon wieder präsentiert sich dieses Wort, wie eine Mauer, gegen die wir immer wieder mit dem Kopf anrennen, ohne dem näher zu kommen, was sich hinter ihr verbirgt. Auch wenn es wohl das ist, was ich in deinen Augen ahnen konnte und, ein einziges Mal, ganz deutlich, gesehen habe, denn gestern sah ich es, sah es so wunderbar klar, in deinem Lächeln.

Genau das möchte ich wieder sehen! Das, was ich mehrere Wochen lang hervorzubringen versuchte, ohne zu wissen, was es war, völlig ohne Ahnung, wie überirdisch schön es war! Bis gestern, als ich schließlich verstand, daß all meine blinden Bemühungen nicht bloß ineffektiv gewesen waren, sondern vielleicht sogar gegen sich selbst gearbeitet hatten. Daß ich dich damit mehr schikaniert hatte als mit irgendetwas anderem. Ich bitte dich, natürlich, nicht darum, mein Benehmen nun zu entschuldigen, darf aber doch zu erklären versuchen, daß ich es eine Zeitlang für opportun halten konnte, Mittel anzuwenden, die mir im Grunde fern liegen.

Daß es meine Enkelin war, die ich zuallererst zum Gegenstand meines Erzählens gemacht habe, mag vielleicht naheliegend erscheinen, dennoch mußte ich dieses Thema lang im Kopf drehen und wenden, ehe ich mich dazu aufraffen konnte, dir ihre Konfirmation zu Gehör zu bringen. Ich fand ja, ganz abgesehen von jeglicher Forderung nach Wahrheit, daß es zu banal war, was es wirklich auch ist. Auf der anderen Seite dachte ich, wäre es dumm gewesen, nicht zu sehen, wie viel meine Zimmergenossen aus dir herausholen können, indem sie einfach über ihr Familienleben plappern. Kein diesbezügliches Detail ist anscheinend zu unbedeutend, als daß du ihnen deine volle Aufmerksamkeit verweigertest.

Daher mußtest du von diesem großen Ereignis, wie ich gewiß schon sagte, im Leben meiner lieben Enkelin hören. Ich war mir natürlich im klaren darüber, daß es in meinem Fall schon etwas Besonderem bedurfte, daher faselte ich immer wieder von meiner Trauer, sie vielleicht nicht mit meiner Anwesenheit beglücken zu können. Und als du dann einwandtest, daß es bis zur Konfirmationszeit ja noch lange hin wäre, konnte ich keinen anderen Ausweg sehen als von vorne zu beginnen, mit ihrer frühesten Kindheit. Du wirst zweifelsohne noch nicht oft gehört haben, wieviel Vergnügen ein älterer Mann an seiner Enkelin haben kann. Du wußtest wohl auch, daß dies alles gelogen war.

Das muß ich jetzt fast hoffen. Und daran lag es doch wohl auch nicht, daß es überhaupt nicht wirkte? Es ist für dich wohl auch nicht entscheidend, ob die Ergüsse der anderen auf Wahrheit gründen oder nicht? Nein, wenn es ganz und gar nicht wirkte, oder dir nur unwohl davon wurde, mir zuzuhören, dann deshalb, weil du tiefer in mich blicktest als nur so lala. Möchte ich jedenfalls glauben. Dir war klar, daß ich nicht einmal wünschte, all diese Torheiten, von denen ich dir erzählte, könnten wahr sein.

So stellte ich mir deine Position vor. Für meinen nächsten Versuch suchte ich deshalb nach etwas, was meinem eigentlichen Leben näherlag, so daß du auf jeden Fall eine etwaige Andeutung von Unbehagen als authentisch würdest erleben können. Denn ich wußte ja sehr gut, daß der Bericht von meiner Karriere an sich es schwer haben würde, dir mehr als nur ein höfliches Nicken zu entlocken; auch als ich sie ausbaute, ihr Bedeutung über das Privatwirtschaftliche hinaus gab, hatte ich vor Augen, daß sie dich kalt lassen würde, wenn ich dir nicht auch den Eindruck vermitteln könnte, daß ich sie selbst, vielleicht menschlich gesehen, gar nicht so interessant fand. Also fuhr ich fort, du zwangst mich, Bodil, ja ich werfe dir gewiß nichts vor, aber deine neutrale Aufmerksamkeit glich mehr und mehr einem Abwarten, ich meine, einer schwachen Erwartung.

So als würde ich bald und ganz ohne Vorbehalt eine große Leere in meinen beruflichen Siegen gestehen. Deshalb fuhr ich fort, meine Erfolge zu vergrößern. Um schließlich so viel wie möglich von der Leere übrig zu haben. Und als ich dann endlich bereit war, dich mit ihr zu packen, dir all meinen weltlichen Erfolg für zutiefst vergeblich zu erklären, da fürchtete ich zuerst, daß ich schon längst hätte aufhören sollen. Fürchtete, daß es in deinen Ohren eher abschreckend klingen würde, oder bloß komisch? Möglicherweise gelang es mir, meine Pointe so unprätentiös zu murmeln, daß es für dich nicht allzu schwer war, die Fassung zu bewahren. Ein minimales Zusammenziehen deiner Nasenlöcher bemerkte ich. War das vielleicht sogar Ausdruck einer kleinen Enttäuschung? Das war dann wenigstens etwas.

Eine deutlichere Reaktion erhielt ich von meinen Mitpatienten. Sie haben mich seither geschnitten, noch mehr als zuvor, das heißt total. Vielleicht sind sie der Ansicht, daß ein Mann mit meiner fantastischen Karriere jemanden wie sie in keiner Weise gebrauchen kann. Vielleicht hassen sie mich auch, weil ich dir anvertraut habe, daß mir die erreichten Privilegien gleichgültig waren, oder mehr noch, daß ich ihrer überdrüssig war. Sie liegen auf jeden Fall da, als wären die drei allein, als ob hier drinnen wirklich nur drei Betten stehen. Meine Ecke gibt es für sie nicht, auch nicht bei Tagesanbruch, wenn ich ziemlich laut stöhne.

Mein jämmerlicher Zustand war im übrigen das letzte, was ich dir gegenüber als Waffe verwenden wollte. Dein Mitleid zu provozieren, ich fand, daß das zu billig wäre, das werde ich doch wohl noch sagen dürfen. Nicht weil es mir nie recht schwer fiel, mir selbst positive Eigenschaften zuzuschreiben, ganz zu schweigen von edlen, obwohl ich andererseits mit allgemeinem Takt vielleicht nicht so viel geringer ausgestattet war als viele andere, auf jeden Fall als eine ganze Reihe anderer, soweit ich das beobachten und vergleichen konnte. Doch sieh davon einmal ab! Ich fand, daß dein Mitleid zu billig wäre, und zu ordinär, viel zu ähnlich dem, was du wohl fast automatisch jedem anderen gewährst; diesen Hang von dir auszunutzen, hätte dich ja deiner Freiheit mir gegenüber beraubt.

Ich fühlte wohl auch, daß ich mich selbst um des möglichen Triumphes betrügen würde, daß du dich sozusagen, irgendwann, vollkommen freiwillig übergäbest. Aber ich wußte allmählich auch nichts Besseres, als daß gerade Heulen meine letzte Chance wäre, um überhaupt und völlig glanzlos auch nur das Mindeste von dir beschert zu bekommen. Deshalb geschah es also. Daß ich begann, dich mit meinen Tränen zu belästigen. Und aus Obenstehendem wirst du verstehen, daß es mich ernsthaft überraschte, daß du sie nicht im Geringsten honoriertest. Es erschütterte mich ganz einfach, daß ich nicht imstande war, auch nur einen Deut an Teilnahme aus dir herauszupressen. Wunderte dich das nicht auch selbst ein bißchen, Bodil?

Ja, das dachte ich mir. Daß es dir vielleicht ein bißchen schwer fiel, zu jemandem etwas abzuschlagen. Vielleicht spürtest du, daß du mit dieser deiner Fähigkeit, die du selbst bis zu diesem Zeitpunkt als unerschöpflich angesehen hattest, gegen eine Grenze geprallt warst? Darin werde ich mich jetzt nicht weiter einmischen. Ich respektierte es auch bald. Ich stellte mich darauf ein, jedem Grad von Erfüllung zu entsagen. Darauf, von hier zu gehen, wie ich kam. Ich gab auf, ein weiteres Mal.

Ich gab es auf, die letzten Stunden meines Lebens darauf zu verwenden, mich mit ihm zu versöhnen, ich wünschte nur, daß es wenige und kurzweilige wären. Das, was dann gestern geschah, das, was ich dir eigentlich erzählen wollte, denn du selbst kannst nicht wissen, wie viel da geschah. Aber es entsprang also der Resignation. Es ist ausschließlich dein Verdienst, daß es anders aufgefaßt werden konnte. Vielleicht dank des Zufalls, daß du spät hereinkamst.

Zuvor war von anderen entschieden worden, daß meine verschiedenartigen Ausflüsse meine Matratze in einem solchen Umfang verunreinigt hatten, daß sie ausgetauscht werden sollte. Wir waren schon lange damit beschäftigt gewesen, mich auf eine Bahre zu verfrachten, als du auftauchtest, zumindest so weit ich weiß, denn ich sah nicht viel um mich herum. Oder ich sah sehr scharf den Abstand zwischen dem Bett und der Bahre, ich sah die Hände, den Stahlbügel, den ich mit meiner Linken zu umarmen versuchte, meine kraftlosen Beine, die grausam entschlossenen Gesichter, und ich schrie. Dennoch glaube ich, daß du erst da warst, gerade als ich mich mäßigte und bloß schrie: „Laßt mich los, Teufel noch mal! Ich geh selbst!“

Denn dann spürte ich plötzlich deine Finger an meiner Stirn. Und ich sah deine Augen und dein Lächeln. Du erinnerst dich wohl daran, denn du sagtest: „So muß es sein, Herr Johansen, mit der Einstellung werden wir Sie bald gesund bekommen!“

Das war voller Süße. Und doch herzzerreißend. Denn sobald ich auf der neuen Matratze zurechtgelegt worden war, konnte ich das Mißverständnis erkennen, das dich mit einem Mal für mich eingenommen hatte. Du glaubtest, daß ich leben wollte, das war doch sofort so einleuchtend, ich konnte kaum verstehen, daß ich nicht darauf gekommen bin, sozusagen selbst. Das war, das ist das Einzige, was du brauchtest, um auch mich zu mögen; daß ich leben, gesund sein wollte. Und mein einziges Problem dabei war, und ist, daß ich das im Grunde nicht will.

Es interessiert mich, ehrlich gesagt, nicht in höherem Maße als vorher. Und dennoch will ich dich wieder so sehen. Um jeden Preis, ja auch um den, mit dem du drohtest, daß ihr so die Möglichkeit haben werdet, mich zu kurieren. Auch wenn du wohl nicht im Ernst daran glaubst? Du hast wohl gelogen, aber das ist auch egal. Objektiv gesehen weiß man es bloß niemals. Es ist vielleicht sogar wahrscheinlich, daß ein forcierter Lebenswillen von meiner Seite, zusammen mit einer begeisterten Pflege von deiner, das Leiden verlängern kann.

Ich stehe unterdessen auf dem Standpunkt, daß ich bereit sein werde, ein solches Risiko einzugehen. Vorausgesetzt, daß du eine Vereinbarung unterschreiben kannst, die zu skizzieren ich mir hiermit erlaube: Ich verspreche, leben zu wollen, mit meinem ganzen Herzen und all meiner Kraft, und diesem Willen einen passenden Ausdruck zu verleihen. Du zeigst mir im Gegenzug jeden Tag dein Gesicht, so wie du es gestern tatest, du öffnest deinen Blick für mich, du läßt dein Licht, deine Wärme in mich hineinstrahlen. Aber darüber hinaus verpflichtest du dich (denn das bisher Angeführte fällt dir, wie ich weiß, so leicht, daß du es gewiß selbst nicht als eigentliche Pflicht auffassen wirst) zu folgendem, nämlich an dem Tag, an dem du findest, daß ich meinen Teil nicht länger erfülle (und ich überlasse es vollkommen dir, den Tag zu wählen, und das entsprechende Ausmaß deiner Skepsis zu bestimmen): Schau mich weiter so an. Halt meinen Blick fest in deinem. Zieh währenddessen eine Spritze auf, und hau sie mir rein.

Was meinst du, Bodil

Brief (1)

Tausend Dank! Ich habe mich sehr gefreut, Dich zu treffen, Holger!

Insgesamt gesehen finde ich, daß wir ein richtig schönes Treffen hatten. Ich bin ja inzwischen schon einige Jahre dabei, aber ich glaube, ich bin nie zuvor mit einem so starken Glauben nach Hause gereist, daß wir jetzt eine Politik festgeschrieben haben, für die zu kämpfen es sich wirklich lohnt. Und ich muß sagen, daß dieses Treffen für mich auch rein persönlich sehr zufriedenstellend war. Man kann an politischer Arbeit ja nicht teilnehmen, ohne hier und da ein paar blaue Flecken abzubekommen, und dazu war ich auch bereit, aber ich konnte es kaum verkraften (wie lächerlich es auch ist!), wenn mir einige der alten Herren unterstellten, daß ich eigentlich nur kraft meines Aussehens einen gewissen Einfluß in unserer Partei erlangt habe. Sie sind mir gegenüber so grob gewesen, so stur, daß ich sehr oft halbe Nächte mit Heulen verbracht habe!

Jetzt glaube ich aber doch, daß ich ihnen endlich den Mund gestopft habe. Ich erhielt wirklich so viel warmen Zuspruch von Leuten, die mich für das respektieren, wofür ich stehe. Ich fühlte bei diesem Treffen, daß plötzlich eine neue Atmosphäre entstanden ist, eine reinere Luft, ja ein schönerer Geist! Und auch wenn es immer nett war, ein paar Tage zusammen mit guten Parteifreunden und in schöner Umgebung zu verbringen, so habe ich bei weitem nicht jedes Mal einen Menschen getroffen, mit dem ich so reden konnte, wie wir beiden es taten, Holger!

Aber es gibt ja zum Glück auch andere als mich, die guten Grund haben, sich zu freuen. Wir sind am letzten Abend darauf zu sprechen gekommen, Holger, und seitdem ist es mir nur noch klarer geworden: Dieses Treffen wurde ein entscheidender, vielleicht der entscheidende Sieg für Niels! Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, dann kann ich beinahe hören, daß sozusagen sämtliche Reden an ihn gerichtet waren. Ja, nicht unbedingt direkt, und deshalb war es ja vor Ort auch nicht ganz so offensichtlich, aber in Wirklichkeit war es seine Einleitungsrede, die jeder, der ernst genommen werden wollte, zum Ausgangs- und Bezugspunkt wählen mußte!

Niels hat sich im Zentrum unserer Partei plaziert. Endlich, könnte man sagen, dafür aber nun mit Nachdruck, und das freut mich aufrichtig für ihn. Und für die Partei ganz gewiß auch. Ich weiß ja, daß auch du von seiner Rede begeistert warst. Ich kann mir auch niemand anderen vorstellen, der es hätte besser machen können. Es war sowohl klug als auch kraftvoll, was Niels sagte. Und es war ungeheurer elegant, wie er nicht nur unsere Gewichtung der Umwelt definitiv zementierte, sondern sie auch mit, wie er sie nannte, einer ‘neuen persönlichen Mündigkeit’ verband, die Öffnung hin zu einer größeren individuellen Freiheit und einer spürbareren persönlichen Verantwortung, die den Lebensbedürfnissen moderner Menschen entgegenkommt.

Natürlich habe ich auch festgestellt, daß Niels ein Name in der Presse geworden ist, auch für unsere Gegner. Mit einem Mal ist ihnen aufgegangen, daß wir einen echten Trumpf in der Hand haben! Und ich habe keine Spur eines Zweifels, daß Niels all die Qualitäten hat, die er jetzt benötigen wird. Er ist immer blitzgescheit gewesen, er weiß mehr als die meisten, er kann sich so ausdrücken, daß es die Leute verstehen, sein Engagement wirkt vollkommen echt, und dann ist er ja darüber hinaus ein witziger Kerl, und man muß auch gewiß keine Frau sein, um seinen Charme zu bemerken! Er wird schwer zu schlagen sein. Ich kann mir nicht vorstellen, daß unsere Gegner imstande sein werden, Schwächen bei ihm zu finden, die sie ausnützen könnten und natürlich ausnützen würden. Selbst ich kann es nicht, und ich kenne ihn ja schon ziemlich lange und bin ihm in den letzten fünf, sechs Jahren bei verschiedenen Gelegenheiten sehr nahe gewesen. Niels hat ganz einfach keine Fehler! Abgesehen vielleicht von seiner Hypochondrie!

Aber ich schreibe Dir, Holger, ja nicht, um mich über Niels auszulassen! Ich wollte Dir bloß einen kleinen Gruß schicken und danke sagen! Wenn ich die Augen schließe, mache ich, wieder und wieder, unseren Mondscheinspaziergang im Park, selbst hier am hellichten Tag! Doch es war so wundervoll, der Silberglanz über dem Wasser, und dann miteinander über alles mögliche andere als Politik zu reden. Sich einfach als Mensch auf unserem herrlichen Planeten zu fühlen! Und du hast mich kein bißchen gelangweilt, als du mir von den Sternen erzähltest (und das hast du wohl auch selbst nicht im Ernst geglaubt?). Ich bin in solchen Dingen bloß schon immer recht begriffsstutzig gewesen. Aber du kannst mir glauben, daß ich mir sowohl Sirius und den Großen Wagen als auch Venus und den Löwen eingeprägt habe! Und jeden Abend, bevor ich zu Bett gehe, mache ich jetzt das Licht aus, öffne das Fenster, wende den Blick zum Himmel und repetiere! Ich muß gestehen, daß ich mich wieder ein bißchen wie ein Teenager fühle!

Allerdings, Holger, habe ich auch viel daran gedacht, ob du vielleicht das Gefühl hattest, daß ich Dich abgewiesen habe?? Wenn dem so sein sollte, mußt du wissen, daß dies auf jeden Fall nichts mit Deiner Person zu tun hatte, oder damit, wie ich mich in Deiner Gesellschaft gefühlt habe. Ganz im Gegenteil! Es kann nur meine tief verwurzelte Vorsicht gewesen sein, die überhandnahm, oder vielleicht eine Angst. Ich sagte Dir bestimmt, daß es immer mein Wunsch gewesen ist, meine politische Arbeit und mein Privatleben scharf voneinander getrennt zu halten. Und ich hatte wohl nicht den Mut, dieses Prinzip so plötzlich zu durchbrechen. Habe es vielleicht immer noch nicht (???)!

Holger, ich habe mir durchgelesen, was ich geschrieben habe, und da ist etwas, was ich eigentlich lieber nicht erwähnt hätte, weshalb ich jetzt gezwungen bin, es zu vertiefen: Meine leere Bemerkung, daß Niels Hypochonder ist. Das ist ja nichts, was wir ernst nehmen müssen. Wir, die ihn gut kennen, haben immer nur ein wenig liebevoll darüber gelächelt, und in diesem Sinne wollte ich es Dir auch einfach erzählen. Doch jetzt geht mir plötzlich auf, daß es vielleicht dennoch etwas ist, was wir in Zukunft nicht einfach so herumplappern sollten. Wir können es uns wohl leider nicht erlauben, so naiv zu sein, zu glauben, unsere Gegner würden sich so ein Wissen nicht zunutzemachen, um Niels zu schaden. Was für eine Bagatelle es auch ist, würde es ihnen sicher gelingen, es aufzubauschen. Denn es ist ja wirklich nichts, bloß ein Spleen, fanden wir immer, daß Niels, der ja fast bis ins Schamlose vor Gesundheit strotzt, hier und da solche Ideen bekommen kann, eben daß er mit seiner zarten Gesundheit in äußerster Lebensgefahr schwebt! Ich kann mich zum Beispiel an ein Fest erinnern, auf dem er sich ein ganz kleines bißchen in den Finger geschnitten hatte, und den restlichen Abend war er zutiefst besorgt, sich eine Blutvergiftung zugezogen zu haben! Er hat mir auch anvertraut, daß er es manchmal mit dem Herzen hat. Nervöses Herz heißt das wohl. Aber über all das weißt du ja viel mehr als ich. Und stimmt es etwa nicht, daß dies alles ganz harmlos ist? Oder gibt es Fälle, wo Leute wirklich die Krankheiten bekamen, die zu haben sie sich eingebildet hatten?

Jetzt muß ich aufpassen, damit ich nicht wie eine von denen klinge, über die Du Dich immer amüsierst, die jede Gelegenheit nutzen, um sich eine kostenlose Konsultation zu verschaffen, indem sie Dir von den Symptomen ihrer ‘Freunde’ erzählen! Ich kann Dir versichern, daß ich selbst nicht an nervösem Herzen leide! Jedenfalls nicht in diesem Sinne (?), auch wenn ich in letzter Zeit gerade in diesem Organ Abnormitäten festgestellt habe! Sie vergehen jedoch jedes Mal, wenn ich mich bemühe, an alles mögliche andere als an Sterne und so zu denken. Aber es wird nur schwerer und schwerer, meine Gedanken werden Tag für Tag raffinierter darin, mich zu hintergehen; sie können bald jede beliebige Sache mit einem Mann namens Holger verbinden! Und ich werde immer unsicherer, wer er ist, wie gut ich ihn kenne, was ich im Grunde mit ihm zu tun hatte??? Ich klammere mich an die Hoffnung, daß meine Phantasie mir nur einen Streich spielt, wenn ich mich so deutlich daran ‘erinnere’, ihm sehr nahe zu sein. Und im nächsten Augenblick hoffe ich beinahe, daß es ganz einfach passiert ist, in Wirklichkeit, und daß nicht meine innersten Wünsche im Begriff sind, mir die Macht zu entreißen! Denn was soll ich nur ihnen gegenüber machen? Ja, ich weiß bald weder aus noch ein!

Ich hatte den Brief hier wieder weggelegt. Und ich gehe ihn jetzt noch einmal an, auch wenn ich inzwischen nicht sehr darauf vertraue, daß ich ihn Dir, Holger, irgendwann zu schicken wage! Laß mich aber dennoch versuchen, ein wenig sachlich zu sein. Denn das mit Niels, ich kann auch davon nicht wieder loskommen, seit es mir jetzt in den Stift fuhr. Ich habe gedacht, Holger, ob nicht du als Arzt vielleicht dennoch mit ihm sprechen solltest? Und vielleicht versuchen solltest, herauszufinden, wie tief sie in ihm steckt, diese Hypochondrie?

Hier spreche ich natürlich vor allem davon, was zu Niels( eigenem Vorteil sein könnte, denn es versteht sich ja wohl von selbst, daß dieses ‘Gebrechen’ ihm persönlich sehr lästig sein muß, und wir sollten nichts unversucht lassen, um ihm zu helfen. Andererseits ist ja auch klar, daß wir daran denken müssen, was unserer Partei und unseren gemeinsamen politischen Interessen am besten dient. Wenn du also feststellen mußt, daß Niels an etwas Ernsterem leide als was ich immer als eine unbedeutende Schwäche aufgefaßt habe, so finde ich, daß wir nicht darum herumkommen, Stellung dazu zu beziehen, ob wir es weiterhin mit gutem Gewissen empfehlen können, ihm so entscheidende Posten in unserer Partei anzuvertrauen, wie seine Fähigkeiten und seine Persönlichkeit es ansonsten reichlich rechtfertigen könnten. Ich glaube eigentlich schon fast, daß es das beste wäre, wenn du ihn jetzt, sozusagen sofort, auf die Probe stelltest. Wenn Du ihn versuchshalber in der ‘Einbildung’ bestärktest, daß sein ‘nervöses’ Herz, auf jeden Fall in besonders belastenden Situationen, sein Leben in Gefahr bringen kann, und er sich dann ohne zu zögern bereit erklärt, ein solches Risiko einzugehen, ja, dann wäre unser Glauben an seine Charakterstärke zusätzlich bestätigt. Und der entgegengesetzte Fall wäre eine tiefe Enttäuschung, die zu verleugnen indes besonders unklug wäre. Wir wären verpflichtet, daraus die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.

Ich spüre ganz deutlich, Holger, daß es unmittelbar sehr unangenehm klingen mag, ja, ich schäme mich eigentlich dafür, dies schreiben zu müssen. Aber du mußt verstehen, daß ich es nur tun kann, weil ich es Dir gegenüber tue, weil ich schon so ein eigenartiges, beinahe kindlich grenzenloses Vertrauen zu Dir habe! Ich entblöße mich ja vor Dir jetzt in jeder denkbaren Weise, und ich würde es niemals gegenüber jemand anderem tun können, Dir gegenüber aber traue ich mich, Holger, zumindest glaube ich das??

Doch, ich traue mich! Mich schaudert es nur beim Gedanken daran, daß irgendein anderer Mensch als Du dies hier zu sehen bekommt, aber ich weiß ja auch, daß dies mit Deiner Billigung niemals geschehen wird. Aber würdest Du nicht dennoch, für alle Fälle, so lieb sein und den Brief hier verbrennen? Sobald Du ihn gelesen hast? Versprich mir das!

Ach, es gibt so viel, worüber ich mit Dir reden möchte, Holger! Jeden Tag habe ich daran gedacht, daß ich Dich einladen möchte, mich besuchen zu kommen. Ich würde so gern ein richtig schönes Essen für Dich machen und so gern einen ganzen Abend mit Dir zusammen haben, an dem wir unsere Gespräche vom Parteitag ganz ungestört fortsetzen und einander noch besser kennenlernen könnten! Würdest Du kommen, Holger? Denn ich weiß ja überhaupt nicht, welche Gedanken Du Dir in der Zwischenzeit gemacht hast? Ob es vielleicht etwas gibt, was Du bereut hast??? Aber das glaube ich nun doch nicht, will es nicht glauben! Denn ich kann nichts anderes glauben, als daß das, was ich bei Dir erlebt habe, echt war. Daß Du das, was Du mir gesagt hast, wirklich gefühlt hast. Und daher weiß ich auch, wenn (falls?) wir uns das nächste Mal treffen, daß es dann blutiger Ernst werden könnte, für uns beide. Und das ist ja auch der einzige Grund, warum ich Dich noch nicht eingeladen habe. Ich brauche ganz einfach noch mehr Zeit. Gibst Du mir sie? Ich möchte so gerne vollkommen bereit sein, Dich zu empfangen!

Jetzt habe ich so viel gesagt, Holger, jetzt will ich Dir gegenüber auch vollkommen ehrlich sein. Und mir gegenüber. Bezüglich Niels. Du weißt, daß ich Ihn sehr schätze. Aber dennoch muß ich gestehen, daß das nicht die ganze Wahrheit ist, bezüglich meiner Meinung von ihm, und meiner Gefühle ihm gegenüber. Und ich kann es nicht begründen, ich kann Dir bloß sagen, wie es ist: Ich spüre, daß mit ihm irgendetwas nicht stimmt! Und ich denke dabei nicht bloß an die psychische Krankheit, an der zu leiden er selbst erkannt hat, die könnte ja möglicherweise, für sich genommen, verhältnismäßig unschuldig sein, ich denke an etwas, für das sie eher ein Symptom sein kann: ein Defekt seiner persönlichen Moral. Um wissen zu können, ob seine verschiedenen Defekte überhaupt so zusammenhängen können, dazu fehlt mir natürlich der professionelle Hintergrund; das ist etwas von all dem, was ich von Dir lernen möchte! Ich kann nur sagen, daß ich immer so ein Gefühl gehabt habe, daß Niels eben ein wenig zu perfekt ist. Denn so ‘gut’, wie er ist, kann meiner bescheidenen Meinung nach kein lebender Mensch sein (oder bin wirklich nur ich es, die nicht so ist??). Aber, wie gesagt, ich kann keine Beweise dafür vorlegen, daß er uns allen auf irgendeine Art und Weise etwas vormacht, und ich versuche in keiner Weise, Dich davon zu überzeugen, denn wie sollte ich das können? Außer Du wärst der Ansicht, daß Grund dazu bestehen könnte, meiner psychologischen Urteilskraft und meiner Intuition bloß ein kleines bißchen Wert beizumessen?

Tust Du das, Holger? Dann wirst Du auch mit mir einig darin sein, daß Niels, auch auf diesem Gebiet, furchteinflößend gut ist und er für den Fall, daß er seinen Willen bekommt, ein extrem gefährlicher Mann werden könnte, und zwar nicht bloß für Dich und mich, sondern für unsere ganze Gesellschaft. Keinen Augenblick lang wird Zweifel in Deine Auffassung dringen, daß es jetzt unverantwortlich wäre, ihn mit Samthandschuhen anzufassen. Du wirst auch als Arzt wissen, daß Du über besondere Möglichkeiten verfügst, ihn zu entlarven, und daß Du Dir später kaum wirst vergeben können, wenn Du jetzt nicht Gebrauch machst von ihnen. Und wenn es Dir dann gelingen sollte, ihn durch eingehende ärztliche Gespräche zu einem offensichtlichen Zusammenbruch zu zwingen, dann würde ich dies als einen sehr bedeutenden Sieg ansehen, und zwar weiterhin nicht nur für Dich und mich, sondern für all die Menschen, die wir mögen, für all das Gute und Gesunde, das wir schützen wollen.

Sollte das passieren, Holger, dann darfst Du nicht sofort zu mir kommen und es mir erzählen! Du mußt so lieb sein und mich ein wenig im voraus warnen. Denn ansonsten fürchte ich, daß all meine schönen Prinzipien über Arbeit und Privatleben jämmerlich zu Boden stürzen werden! Bis dahin, Holger, werde ich bloß Dich in meinen Gedanken haben, jeden Augenblick, und jeden Abend, ehe ich zu Bett gehe, werde ich das Fenster öffnen, um Dir, durch die Sterne, einen einzigen, ehrbaren Kuß zu senden!

Der Tag eines Mannes

Jetzt rollte der schwere Körper auf den Rücken und streckte sich im selben Augenblick aus seiner zusammengekrümmten Stellung, unter heiserem Stöhnen, und der Kopf schüttelte sich immer stärker, er schob sich mit einem Mal auf die Ellenbogen und bekam dann erst Augen, blinzelnd klar im weichen Licht der Kammer.

Es war der übliche Traum: Er hatte viel zu tun, hatte zu lange geschlafen, er mußte schnell aufstehen – was nicht alles zu tun war. Stöhnend ließ er sich in die Kissen fallen und schob seine schwere Bettdecke von der Brust, selbst hier an der Nordseite war zu spüren, es würde nicht weniger heiß als gestern werden. Ein paar schöne Schauer wären nicht schlecht gewesen. Obgleich es nicht schlimm war, doch daß er jetzt vierundfünfzig Jahre alt geworden war und immer noch dasselbe träumte und so erwachen mußte? Ja, was sollte das denn? Und man konnte ewig darüber nachdenken; es war dennoch nichts anderes zu machen als liegen zu bleiben und erst einmal ordentlich zu sich zu kommen. Durch den Fenstervorhang sah er die Ulmen und die scharfen Schatten der Blätter. Auch kein Wind. Aber es war wohl schon nach acht.

Ja. Die Haushälterin kam in die Küche. Sie war am Herd, hörte er dann, setzte einen Topf auf, dann schloß sie die Tür zum Hauswirtschaftsraum, der Kartoffeltopf; sie konnte ihn ja nicht mit einem Arm tragen. Sie war draußen gewesen und hatte für Mittag geschält, die Leute waren also drinnen gewesen und hatten ihre Morgensuppe bekommen. Sie waren jetzt auf dem Weg aufs Feld, die Jungen trieben die Kühe auf die Weide. Er konnte sich schon vorstellen aufzustehen.

Es waren minderwertige Kartoffeln, die letzten jetzt, sie mußte das meiste ausschneiden, viel Geschmack hatten sie auch nicht mehr, doch die neuen hatten ja auch schon zu blühen begonnen. Ja, zur Zeit gab es schon viele schöne Dinge, auf die man sich freuen konnte, sie hatte auch schon fast davon gesprochen, er wollte aber noch eine Woche warten, ehe er nach ihnen sähe. Eine Woche, wann wäre das, nächsten Dienstag also, das konnte er ebenso gut gleich festlegen, da würde er hinaufgehen und nach ihnen sehen. Und selbst wenn sie sich noch als ziemlich klein erweisen sollten, und das waren sie sicher, würde er ihr dennoch erlauben, von ihnen zu nehmen, so ging es eben, und sie erwartete auch nichts anderes. Dann würde er ihr diese Freude machen. Nächsten Dienstag.

Sie klapperte mit den Ofenringen. Dann setzte sie den Kessel auf. Er konnte sich erleichtern. Draußen auf dem Fußboden nahm er sich Zeit, seine Glieder zu strecken. Er spannte die Muskeln an, die Waden und Schenkel hinauf, er hatte sich auf Zehenspitzen gestellt, spannte die Muskeln den Rücken und die Schultern hinauf an, er beugte seine Arme. Nein, was die Kräfte anging, war er wohl noch nicht so sehr geschwächt, in Anbetracht seines Alters, nein, was das anging. Wenn es auch nicht dabei bleiben würde.

Acht Jahre her, daß sie gekommen war. Neun waren es jetzt, und anfangs hatte sie wohl gedacht, daß es mehr werden würde als nur Haushälterin. Obwohl jung war ja auch sie nicht mehr. Nahm sich ansonsten aber schon ordentlich aus. Und sie war ihm mit Blicken gefolgt. Wenn er in der Scheune stand. Wenn er in sein Zimmer ging, um sich hinzulegen. Das Dasein war nicht leicht gewesen in jenem Winter, es verging ein halbes Jahr, ehe es ein Ende nahm. Sie wurde jenen Frühling dreißig. Direkt an ihrem Geburtstag war es, als sie sich in sein Bett legte.

Sie hatten gesät, und es war ein milder Abend, er war den frisch gesäten Acker entlang nach oben gegangen, bis ganz zum Waldrand und war erst heimgekommen, nachdem die Sonne längst untergegangen war. Vielleicht hatte ihm schon etwas geschwant, bevor er die Lampe anmachte. Denn da war etwas, da war etwas in seiner Kammer, das da noch nie zuvor gewesen war, als wäre eine neue Luft eingedrungen, vielleicht nicht unähnlich der, die er gerade gespürt hatte, als er an der Steilküste stand und die rote Sonne westlich über dem Fjord untergehen sah. Dennoch machte er die Lampe an, als ob nichts wäre, und bekam sie so zu sehen, wie sie dalag. Sie hatte die Bettdecke zur Seite gezogen und lag da, ohne eine Faser am Leib. Wäre es ein paar Jahre früher gewesen, hätte er sich vielleicht nicht beherrschen können, ja, nicht einmal jetzt war es so abwegig, daß es zu einer Familiengründung gekommen wäre, denn ihr geradezu Geringschätzung zeigen konnte er nicht; das würde er niemals tun, denn sie wollte ja nicht nur haben, das konnte er in ihrem Gesicht sehen, sie wollte ihm auch etwas reichen, und er brauchte etwas Zeit, die richtigen Worte zu finden, um nicht wie ein Flegel dazustehen; es fiel ihm so schwer, daß er schon allein aus dem Grund kurz davor gewesen war, sich zu ihr zu legen. Doch wie auch immer er es angestellt hatte, so hatte er es durchgehalten, und war ans Fenster getreten, mit dem Rücken zu ihr. Es ist wohl besser, hatte er dann hervorgebracht, besser, wenn du in dein Zimmer gehst und dich hinlegst, und er sagte es wohl nicht lauter, als daß man es gerade hören konnte. Doch sie regte sich im Bett dort hinter ihm. Und vielleicht solltest du auch, sagte er dann, darüber nachdenken, ob es nicht am besten wäre, wenn du fortgingest. Er konnte sie zur Tür gehen hören. Wenn du es denn selbst willst, schob er dann nach, so würde ich dich auch gerne behalten. Sie antwortete auf nichts von alledem. Sie schloß die Tür hinter sich.

Am nächsten Morgen hörte er sie wieder in der Küche, und seitdem hatte es nie einen Grund gegeben, die Sache zur Sprache zu bringen. Weder auf die eine noch die andere Weise hatte es einer von ihnen angedeutet, und auch andere hatten es nicht. Er fand das gut und mochte glauben, daß auch sie es gut fand, daß sie das zwischen sich hatten behalten können, denn das war eine Sache, mit der die Leute leicht bei irgendeiner Gelegenheit herausplatzen konnten, leicht irgendjemanden ins Vertrauen ziehen konnten, und wer spielte dann auch schon keine Rolle mehr, wenn es erst einmal so weit gekommen war. Doch sie hatten sich im Zaum gehalten, sowohl sie als auch er selbst, sie hatten da etwas zwischen sich, und wohl auch deshalb lief es wie es lief, es könnte nicht besser laufen. Es konnte ja immer noch passieren, daß er gezwungen war, etwas zu sagen, auch wenn er es ihr überließ, das Haus zu führen, doch es konnte ja passieren, daß sie gern dies oder jenes getan oder gekauft hätte, wofür seiner Ansicht nach die Zeit noch nicht reif war, und er sich durchsetzen mußte. Doch das geschah nur selten, Gott sei Dank, und dann konnte er es auch tun, ohne Angst haben zu müssen, sie murren zu hören. Nie hatte es ein böses Wort zwischen ihnen gegeben.

Gute Strümpfe strickte sie auch. Und noch konnte er ja auf einem Bein stehen und die Strümpfe über die Unterhose hochziehen. Auch das Hemd hatte er im Bett anbehalten, dann mußte er nur noch in die Hose kommen, er zog die Hosenträger über die Schultern, an so einem Tag war nicht viel Kleidung notwendig. Nur die Weste, er zog sie von der Stuhllehne und holte dann die Brieftasche unter dem Kopfkissen hervor und steckte sie in die Innentasche, mußte jetzt wohl für das Tagewerk bereit sein. Er ging hinaus in die Küche.

Na, sagte sie, drehte sich vom Küchentisch weg, nicht ganz zu ihm hin. Der Wasser kocht auch schon! Sie hob einen Eimer vom Boden hoch und füllte die Waschschüssel gut halbvoll, machte ihm Platz. Er beugte sich über die Schüssel und warf sich ein paar Handvoll vom kalten Wasser ins Gesicht. Trocknete sich nicht ab, nur mit den Händen, während er sich aufrichtete, und strich sich die Nässe durch sein graues, kurz geschnittenes Haar, daß es sich am Scheitel aufstellte. Feine Tropfen saßen glitzernd in den zwei Tage alten Bartstoppeln. Nun war es ja so, daß er sich jeden Sonntagvormittag vor dem Kirchgang rasierte, auf dem Weg zum Tisch rieb er sich den Schlaf aus den Augen. Sie hatte ihm eine Tasse kochendes Wasser eingeschenkt und begann zu reden, sobald er sich gesetzt hatte, um es zu trinken.

Etwas redselig war sie ja, das ließ sich nicht leugnen, es war mit den Jahren auch nicht weniger geworden, und sie fragte nach seinen Plänen und ob er dies oder jenes gehört habe und fing dann an zu erzählen, von den Nachbarn und was sie selbst für Schwierigkeiten mit den Hühnern und den Leuten haben konnte. Er antwortete nicht und hörte auch nicht zu, das wäre mehr gewesen, als sie hätte verlangen können, mehr als zumutbar gewesen wäre. Außer wenn er ihrem Gerede sozusagen entnehmen konnte, daß sie wissen wollte, was er von einer Sache hielt, dann hörte er zu und antwortete ihr auch. Wären sie verheiratet gewesen, hätte sie vielleicht versuchen wollen, ihn zu mehr zu zwingen, und dennoch war das, was er tat, vielleicht mehr, als so viele verheirateten Männer taten. Es mußte genug sein, doch jetzt kam dennoch etwas; sie stellte sich dicht zu ihm hin, und er sah zu ihr hoch. Es ging um die neuen Kartoffeln, wie nicht anders zu erwarten war, wie auch gestern, als er ihr geantwortet hatte, daß es viel zu früh wäre, daran auch nur zu denken. Die alten sind noch ziemlich nahrhaft, hatte er gesagt, gestern.

Ja, antwortete er jetzt. Wir kommen dem Zeitpunkt wohl schon näher. In vierzehn Tagen, würde ich fast meinen, können wir anfangen, welche zu nehmen. Sie drehte sich um, nahm die Waschschüssel und ging hinaus. Er wollte nicht sagen nächsten Dienstag, noch nicht, denn so würde sie sich mehr darüber ärgern, eine Woche warten zu müssen, als sich darüber zu freuen, daß er es ihr bereits erlaubte. Er sollte wohl besser bis zum Tag selbst warten, oder bis zum Abend davor, ja Montagabend würde er sagen, daß er vorhabe, morgen früh hoch zu gehen, um nach den Kartoffeln zu sehen, also bloß um zu sehen, wie lange sie wohl noch zu warten hätten, und dann würde sie sagen, daß sie auf keinen Fall zu schälen beginnen würde, ehe er oben gewesen wäre, und es würde ihm vielleicht schwer fallen, sich nichts anmerken zu lassen, wenn sie mit ihrem Grinsen dastünde und sich sicher fühlen würde, daß sie ihren Willen bekäme. Denn schon beim Gedanken daran begann er sich bereits zu amüsieren, besann sich aber eines Besseren, als er sie zurückkommen hörte. Er fuhr sich mit der Hand über den Mund, trank dann den letzten Schluck. Er brauchte keine feste Nahrung, nicht ehe er ein bißchen was getan hatte. Doch schon zur Morgenstunde tat es gut, eine Tasse gekochtes Wasser in den Körper zu bekommen.

In der Brauküche standen die Holzschuhe vor ihm. Der Hut hing dort am Haken. Der Stock stand dort, wo er ihn hingestellt hatte, an die Torfkiste gelehnt. Er stellte sich hinaus auf die Türschwelle. Pflegte dort ein wenig zu stehen und sich die Lungen zu füllen, doch nun war er gezwungen, hinunter hinter den Kuhstall zu kommen. Erst als er die Hose aufgeknöpft hatte, etwas hastig ging es, doch dazu war er gezwungen, erst dann konnte er wieder zur Ruhe kommen, und er starrte vor sich hin, zufrieden, zum Apfelbaum beim Hühnerstall, wenn der jetzt tragen würde, wie er geblüht hatte, und er summt vor sich hin, wie er es früh am Tage so oft tut, summt den Psalm, den sie hier neulich sangen, singt wieder ‘Nun kam unsere Pfingstrosenzeit’, lauter, denn der Sommer ist doch schön, wenn man im Freien stehen und sein Wasser abschlagen kann.