Briefverkehr mit einem Beamten - Barbara A. Lehner - E-Book

Briefverkehr mit einem Beamten E-Book

Barbara A. Lehner

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Beschreibung

Der Briefroman beginnt mit einer Strafverfügung an eine Raserin und deren wütend-zynischen Antwort an den Beamten der Behörde, der kurz vor seiner Pensionierung steht und von den Mohnfeldern in seiner Heimat schwärmt. Ein Wort ergibt das andere, ein Brief den nächsten. Als er sie bittet, mit ihm ins Waldviertel zu ziehen und dort Waldviertler Knödel zu kochen, bekommt sie die Panik. Das erste Treffen zwischen der lippenstiftsüchtigen Raserin und dem Juristen entwickelt sich zum Desaster. Trotzdem. Die Briefe gehen weiter – und die Geschichte auch. Hingezogen und abgestoßen ist mal der eine, mal die andere, die Raserin sucht und fürchtet die Nähe gleichermaßen. Die Briefe sind witzig, nachdenklich, klug, berührend, lyrisch und bescheuert. Wie das Leben.

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Seitenzahl: 88

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Barbara A. Lehner

Briefverkehr mit einem Beamten

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Briefverkehr mit einem Beamten

Impressum neobooks

Briefverkehr mit einem Beamten

Werte Behörde,

Sie haben mir ein Schreiben zukommen lassen, in welchem Sie mich höflich darauf aufmerksam machen, dass ich am 21. August auf dem Weg in die Arbeit die zulässige Höchstgeschwindigkeit überschritten habe, weil ich statt 80 km/h satte 91 gefahren bin.

Dafür möchte ich mich sehr herzlich bedanken. Ich bin richtig stolz auf meinen Twingo, ich dachte nämlich, der kriegt gar keinen mehr hoch, wenn ich das so sagen darf. Ich darf das doch so sagen, nicht wahr?

Einen Spendenzahlschein haben Sie Ihrem Schreiben auch beigelegt und ich werde die vorgeschlagenen € 30,- selbstverständlich sofort begleichen.

Man gibt ja in Zeiten wie diesen sein Geld ohnehin für völlig unnötige Dinge aus. Vielleicht hätte ich mir um diesen Betrag fünfzehn Flaschen Prosecco gekauft und Sie verhindern mit Ihrem Bußgeld, dass aus mir eine Gelegenheitsalkoholikerin wird. Oder ich hätte drei Bücher erstanden - zu meinem Schaden allerdings - weil Helmut Qualtinger erst unlängst gesagt hat (also gesagt hat er es schon vor längerem, weil - wie Ihnen vielleicht zu Ohren gekommen ist - Helmut Qualtinger ja schon seit einiger Zeit nichts mehr sagt): Lesen Sie, solange Sie noch können. Sie werden jede Minute bereuen.

Ich werde also keine Bücher kaufen und habe nichts zu bereuen. Non, je ne regrette rien. (Das hat nicht Qualtinger gesagt, sondern Edith Piaf, aber das wissen Sie ohnehin, die Beamten heutzutage sind ja außerordentlich belesen und gebildet.)

Vielleicht hätte ich mir für die besagten 30 Euro auch billige Schuhe mit Giftstoffen im Leder gekauft (für das Geld kriegt man schließlich keine anständigen Schuhe). Oder Kleider, gegen deren Stoffe ich allergisch bin. Ich möchte mich daher herzlich bedanken, dass Sie mit Ihrem liebenswerten Schreiben Sorge für meine Gesundheit tragen. Und die Gesundheit meiner Kinder, denn möglicherweise hätte ich den Betrag in Kaugummis und Schokolade investiert.

Ich bin tatsächlich erleichtert, dass ich nun nicht in Versuchung geführt werde, 30 Euro für den siebzehnten rubinroten Lippenstift auszugeben, der die Männer in Versuchung geführt und zudringlich gemacht hätte.

Sie müssen wissen, ich leide an einer schweren Form der Lippenstiftmanie. Das bleibt aber unter uns, ja? Es ist mir nämlich ein bisschen peinlich.

Ganz schlecht wird mir, wenn ich mir überlege, was mit dem Geld alles geschehen hätte können. Ich hätte es irrtümlich in der Telefonzelle liegen lassen können (kennen Sie noch Telefonzellen, oder sind Sie dafür zu jung?), das Geld wäre geklaut worden und Kriminelle hätten es in einem Bordell verjubelt, in dem Zwangsprostituierte verkehren. Minderjährige russische Mädels. Ich will gar nicht daran denken!

Stellen Sie sich vor, ich hätte das Geld leichtsinnig für Verhütungsmittel ausgegeben. Wenn ich darüber nachdenke, stellt sich heraus, dass die Bestrafung von Verkehrssündern zur Sicherung des Bestandes der einheimischen Bevölkerung beiträgt. Eine besondere Form der Verkehrsregelung.

So aber weiß ich mein Geld in guten Händen. Breitere und längere Straßen werden damit gebaut, Autobahnvignetten gedruckt und noch mehr Laserpistolen für noch mehr Verkehrssicherheit werden zu Bevölkerungswachstum, Anständigkeit, Buße und weniger Reue führen.

Es hätte ja - im schlimmsten Falle - sogar passieren können, dass ich die 30 Euro irrtümlich ausstreue und der unehrliche Finder spendet sie einer suspekten, menschenverachtenden Partei. Oder dem Opus Dei. Davor haben Sie mich, nein - uns alle - zum Glück bewahrt.

Ich danke Ihnen deshalb noch mal von ganzem Herzen.

Ein aufrichtiges Vergelt's Gott.

Ihre

Barbara A. Lehner, Autorin

Betrifft: Ihr Schreiben vom 11. Oktober betreffend Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit

Sehr geehrte Frau Lehner,

ich bestätige den Erhalt Ihres Schreibens und danke für Ihren Dank.

Ihre Zeilen waren Balsam auf meine verwundete Beamtenseele. Es ist ausgesprochen erleichternd, dass jemand wahrnimmt, dass wir Bediensteten der Bezirksverwaltungsbehörde es mit der Bevölkerung nur gut meinen. Sie können sich bestimmt nicht vorstellen, was man als der Strafabteilung zugewiesener Beamter sonst so zu hören und zu lesen bekommt. Ich habe schon einige Male mit einem Berufswechsel geliebäugelt, aber ich habe leider nichts Anständiges gelernt. Den heimatlichen Bauernhof wollte ich nicht übernehmen und so habe ich in Zwettl, einer Kleinstadt im Waldviertel, die Handelsakademie absolviert. Aufgrund der düsteren Berufsaussichten und des kalten Klimas im Waldviertel bin ich anschließend ins Weinviertel übersiedelt.

Entschuldigen Sie bitte, dass ich Ihnen so mein Herz ausschütte, ich weiß, das geht zu weit.

Wenn ich trotzdem ein paar private Worte anfügen darf: Es tut mir leid, dass Sie der Geschwindigkeitsübertretung überführt wurden. (Auf dem Foto ahnt man, dass sie ausgesprochen attraktiv aussehen, wenn auch die Bildschärfe zu wünschen übrig lässt.) Ich hätte als für Sie zuständiger Sachbearbeiter liebend gerne ein Auge zugedrückt und Ihnen die Strafe erlassen, aber Sie werden verstehen, dass ich mir damit auf meine alten Tage den Vorwurf der Korruption gefallen lassen müsste und mich diesen schweren Anschuldigungen – noch dazu so kurz vor meiner Pensionierung - nicht aussetzen möchte. Ich war und bin noch immer einer dieser altmodischen Beamten, die Wert darauf legen, ihrer Tätigkeit gewissenhaft und unparteiisch nachzugehen.

Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag – und fahren Sie vorsichtig!

Herwig Steiner

Für den Bezirkshauptmann

Lieber Herr Steiner,

herzlichen Dank für Ihr ausführliches Antwortschreiben, ich habe mich sooo gefreut. In der heutigen Zeit antwortet ja kaum noch jemand auf Briefe; die Leute beschränken sich in ihrer Kommunikation auf 160 Zeichen, sie geizen mit Geld – und mit Worten.

Ich wollte Sie mit meinen Zeilen wirklich nicht in Verlegenheit bringen oder dadurch etwa eine Strafmilderung bewirken, oh nein, das liegt mir fern, das müssen Sie mir glauben. Sie glauben mir doch, oder?

Aber ... wissen Sie, Herr Steiner, meine Freundin ... nun, wie soll ich es sagen ... also, zwanzig Euro; dabei ist sie gar nicht zu schnell gefahren. Sie ist überhaupt nicht gefahren, und genau das war ihr Problem. Sie ist zu lange gestanden, vor der Bank in Mistelbach, um die Kreditzinsen herunter zu handeln. Es geschah am 14.10, gegen 15:33, und sie fährt einen dunkelgrünen Peugeot.

Könnten Sie da vielleicht...? Natürlich, Mistelbach fällt nicht in Ihren Zuständigkeitsbereich, ich weiß, die haben eine eigene Bezirksverwaltungsbehörde, und außerdem weiß ich mittlerweile um Ihre Anständigkeit und Unbestechlichkeit, aber vielleicht ist ja Ihr Mistelbacher Kollege eine kleine Spur korrupter als Sie, der Sie als gestandener Waldviertler so gar nicht zur Korruption neigen. Könnten Sie ein gutes Wort einlegen für meine Freundin? Wenn nicht, dann geht das natürlich auch in Ordnung, ich will Sie wirklich nicht in Bedrängnis bringen.

Die Sache ist die: Meine Freundin wird nicht bei Büchern oder Lippenstift (habe ich Ihnen eigentlich schon von meiner Schwäche für teure Lippenstifte erzählt, Herr Steiner?) sparen, nein, sondern beim Tequila. Allerdings nicht bei dem, den sie selber trinkt (ihr Geliebter ist übrigens Bandenchef in Mexiko, aber das tut nichts zur Sache), sondern bei dem, den sie mir immer spendiert.

Und seien wir ehrlich, Herr Steiner, so ganz ohne Alkohol wären weder das kalte Wald- noch das sonnige Weinviertel und seine Menschen erträglich. Sie haben bestimmt schon davon gehört, dass das Weinviertler Gemüt einen leichten Hang zum Depressiven hat.

Ihnen, Herr Steiner, dessen Seele vermutlich aufrechte Wald- und melancholische Weinviertler Anteile in sich vereint, möchte ich raten, kaufen Sie sich bitte warme Baumwollunterwäsche für den Winter. Ich möchte nicht, dass sich ein so netter Beamter erkältet. Und der nächste Winter kommt bestimmt bald, ich habe heute früh zum ersten Mal in diesem Herbst Eisblumen von meinem Twingo (diesem Raser!) gekratzt.

Eine davon, die schönste, möchte ich Ihnen gerne schenken, als Dank für Ihre Liebenswürdigkeit.

Ihre Barbara A. Lehner

P.S. Schöne Grüße übrigens auch von meiner Freundin.

Liebe Frau Lehner,

da bahnt sich ja eine zarte Brieffreundschaft an! Ich bin wirklich froh, dass Sie an besagtem Tag ein bisschen aufs Gas gestiegen sind, sonst hätte ich Sie nie kennen gelernt.

Vor vielen Jahren hatte ich einmal eine Brieffreundin aus Australien, ich glaube aus Canberra. Irgendwie haben wir einander aber aus den Augen verloren. Ich war auch noch nie in Australien. Meistens verbringe ich den Urlaub im Waldviertel, bei meinen Eltern, und helfe ein bisschen in der Landwirtschaft, bei der Mohnernte. Ich wollte zwar den Hof nicht übernehmen, aber den Mohn, den habe ich immer geliebt. Die Mohnkapsel ist das Symbol für Morpheus, den Gott des Traumes, für Thanatos, den Gott des Todes, und für Nyx, die Göttin der Nacht. Sie müssen wissen, ich interessiere mich ein bisschen für die griechische Mythologie. Eine Spinnerei von mir, sagt meine Mama. Angenommen, Sie wären eine griechische Göttin, welche wären Sie dann? Ich weiß, es geht mich nichts an, Sie müssen diese intime Frage natürlich auch gar nicht beantworten.

Waren Sie schon mal im Waldviertel, wenn der Mohn blüht? Stark und stolz sind sie plötzlich, die zarten Mohnblüten, wenn sie nicht allein in einem Feld voller Sonnenblumen stehen, sondern unter ihresgleichen, als Teil einer großen Gemeinschaft. Ein Meer aus Lebensfreude in Rosa, Lila und Rot. Ein Meer, in das man eintauchen und von dem man sich treiben lassen möchte. Ach, ich träume schon wieder, dabei muss ich noch den Beschwerdebrief eines Falschparkers beantworten.

Das unscharfe Foto von Ihnen im Twingo hab ich an meine Pinnwand gesteckt. Ganz schön rasant schauen Sie darauf aus. Jetzt will mein Kollege immer wissen, wer die Schönheit auf dem Bild ist, aber das bleibt unser Geheimnis, ja?

So, ich muss aufhören, der Amtsleiter biegt um die Ecke und ich will mir nicht so kurz vor meiner Pensionierung noch Schwierigkeiten einhandeln.

Mit lieben Grüßen

Ihr Herwig Steiner

P.S. Ich habe übrigens vor ein paar Tagen ein Päckchen an Sie geschickt, per Privatpost natürlich. Eine kleine Überraschung. Ist es schon angekommen?

Werter Herr Steiner, mein Lieblingsbeamter,

gerade war der Briefträger da. Und wissen Sie, was er mir gebracht hat? Ja, natürlich wissen Sie das, blöde Frage. Entschuldigung. Ich kränkle gerade ein bisschen, eine kleine Erkältung, und kann nicht so klar denken wie sonst.

Vielen, vielen Dank für das Geschenk. Ich bin gerührt und ich muss gestehen, ich habe über Ihr Päckchen sogar ein bisschen geweint. Ein Lippenstift in Waldviertler Mohnrot. Ich kann es nicht fassen. Der ist wunder-, wunderschön, Herr Steiner.