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Juan hat Spanien vor Jahren im Streit mit den Eltern verlassen und sich in seinem neuen Leben eingerichtet - bis sein Vater stirbt und er zur Beerdigung in sein Heimatdorf zurückkehren muss.
Juan möchte den Besuch kurz halten, um den alten Beziehungsdynamiken möglichst bald wieder entfliehen zu können. Doch dann erfährt er, dass seine Mutter an Alzheimer erkrankt ist und nicht mehr länger allein leben kann. Er sieht sich gezwungen, wieder in sein Jugendzimmer einzuziehen und sich mit seinem alten, neuen Leben zu arrangieren - und lernt darüber erst jetzt, als erwachsener Mann, seine Mutter wirklich kennen.
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Seitenzahl: 340
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Über das Buch
Über den Autor
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Über das Buch
Juan hat Spanien vor Jahren im Streit mit den Eltern verlassen und sich in seinem neuen Leben eingerichtet – bis sein Vater stirbt und er zur Beerdigung in sein Heimatdorf zurückkehren muss. Juan möchte den Besuch kurz halten, um den alten Beziehungsdynamiken möglichst bald wieder entfliehen zu können. Doch dann erfährt er, dass seine Mutter an Alzheimer erkrankt ist und nicht mehr länger allein leben kann. Er sieht sich gezwungen, wieder in sein Jugendzimmer einzuziehen und sich mit seinem alten, neuen Leben zu arrangieren – und lernt darüber erst jetzt, als erwachsener Mann, seine Mutter wirklich kennen.
Über den Autor
Jesús Carrasco, geboren 1972 in Badajoz, hat drei Romane veröffentlicht. Sein Debüt Die Flucht wurde auf Anhieb in zahlreiche Sprachen übersetzt und in Spanien als »Buch des Jahres 2013« ausgezeichnet. Jesús Carrasco arbeitet als Werbetexter in Sevilla.
JESÚS CARRASCO
ROMAN
Übersetzung aus dem Spanischen von Silke Kleemann
Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Eichborn Verlag
Titel der spanischen Originalausgabe:»Llévame a casa«
Für die Originalausgabe:Copyright © Jesús Carrasco 2021
Published by arrangement with Editorial Planeta, S.A., 2021
Die Arbeit der Übersetzerin am vorliegenden Text wurde mit einem Stipendium vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.
Diese Übersetzung wurde gefördert von Acción Cultural Española, AC/E.
Für die deutschsprachige Ausgabe:Copyright © 2022 by Bastei Lübbe AG, KölnUmschlaggestaltung: Massimo Peter-BilleEinband-/Umschlagmotiv: © Panimoni/shutterstockeBook-Erstellung: two-up, DüsseldorfISBN 978-3-7517-2897-3
luebbe.delesejury.de
InderNacht, in der sein Vater starb, hätte er bei ihm sein können, aber in gewisser Hinsicht war es Juan Álvarez anders lieber. Nicht dass er es sich ausgesucht hätte, in diesem entscheidenden Moment so weit weg von ihm zu sein. Er machte nur einfach mit dem weiter, womit er gerade beschäftigt war, ohne die beständig eintreffenden Hinweise als dringlich zu erachten, die seine Schwester Isabel ihm in den vorangehenden Wochen immer wieder geschickt hatte – bis sie ihn irgendwann gar nicht mehr informierte. Juan, berauscht vom Duft des frischen Torfs, deutete diese Stille als Zeichen dafür, dass die Dinge sich zum Besseren statt in die Gegenrichtung gewandt hatten, und erledigte weiter seinen Job: Er kümmerte sich um die Rhododendron-Sammlung des Botanischen Gartens in Edinburgh. Sein Vater lag in einem öffentlichen Krankenhaus in Toledo, von seinem Zimmergefährten getrennt durch einen behelfsmäßigen Vorhang aus starrem Stoff, und er las, zweitausendvierhundert Kilometer nördlich von diesem Bett, heruntergefallene Blütenblätter vom dunklen Boden auf.
EndederSechziger warfen die Felder immer weniger ab, die Fabriken suchten fortwährend nach Arbeitskräften, und von einem Tag auf den anderen wurde aus dem Maultiertreiber einer, der an der Fräsmaschine stand. Juans Vater verließ das Ackerland und sein Dorf, Cruces, für eine Faserzement-Fabrik in Getafe südlich von Madrid. Seine Mutter wiederum tauschte den steingefliesten Boden der Mühle, in der sie zur Welt gekommen war, gegen die lackierten Dielen einer gutbürgerlichen Wohnung im Zentrum der Hauptstadt ein. Hinten im Lichthof führte für sie eine Dienstbotentreppe direkt in die Küche. Am Haupteingang öffnete ein Concierge den Herrschaften die Tür. So lernten die beiden sich kennen, durch den Concierge, der ein Freund des Vaters war. Eines Sonntagnachmittags stellte er sie einander vor, als sie aus dem Kino kamen. Sie setzten sich in ein Straßencafé in der Nähe, wo sie ihm erzählte, dass sie aus Aldeanueva de la Vera kam, in Cáceres, und hierhergekommen sei, weil kaum noch mit Wasserkraft Mehl gemahlen wurde. Er mochte ihre schüchterne Art zu lachen. Ihr fiel die wettergegerbte Haut seiner Hände auf und so was wie ein Weizenduft, als sie einander zum Abschied auf die Wange küssten. Sie waren zwei Jahre verlobt, bevor sie heirateten. Kurz nach Isabels Geburt zahlten sie die erste Rate für eine winzige, dunkle Wohnung im Arbeiterviertel Las Margaritas, gleich dort in Getafe, wo sie auch den Großvater väterlicherseits nach dem Tod seiner Frau aufnahmen. Als Juan geboren wurde, ersetzten sie den kleinen Seat 600 durch einen Renault 4. Jedes Wochenende stiegen sie ins Auto und fuhren mit dem Großvater zurück nach Cruces, um im Haus dort die Fenster aufzureißen und ihn mit auf die Felder zu nehmen, denn in Getafe hatte es den Anschein, als wollten die Ziegelsteine den alten Mann ersticken, was dann letztlich auch geschah. Nachdem der Vater von der Fabrik in Frührente geschickt worden war, zogen sie schließlich dauerhaft nach Cruces. Juan war sechs Jahre alt und seine Schwester zehn. Der Großvater kehrte nicht mit ihnen zurück.
Obwohl der Vater nicht arbeiten sollte, verbrachte er die ersten Monate damit, das Land zurückzuerobern – damals ein Gemüsegarten mit Geräteschuppen und künstlich angelegtem Wasserbecken, Mandelbäume, einige wenige Getreidefelder und eine Stallung, in der die Familie früher einmal Zicklein gezogen hatte. Mit dem Geld, das er in Getafe als Abfindung erhalten hatte, erwarb er die Maschinen einer gerade in Illescas pleitegegangenen Türenwerkstatt, brachte sie nach Cruces und stellte sie in den alten Stall. Elf Monate, nachdem er aufgehört hatte, Asbest einzuatmen, begann er Sägemehl einzuatmen.
Dritter August. Neunundzwanzig Stunden nach dem Tod seines Vaters setzt ihn ein Linienbus in Cruces ab. Laut Krankenhausbericht war Todesursache eine Lungenentzündung in Verbindung mit einem Pleuramesotheliom. Ein Krebs, den er nicht in der Lotterie der Genetik abbekommen, sondern Tag für Tag selbst eingeatmet hat in seinen dreizehn Jahren in der Fabrik für Faserzement. Mehr als ein Jahrzehnt der Vergiftung mit Asbest, acht Stunden pro Tag, fünf Tage die Woche. Die Arbeit schenkt euch Freiheit, diese hier vergiftet euch aber zudem für alle Zeiten. Euer Opfer wird eure Familien ernähren, und nebenbei Tausende weitere Familien mit den kleinen Todesfasern bestäuben. Die Alten werden Dachziegel zersägen, wenn es gilt, die Saubohnen in den Gärten vor dem Wind zu schützen. Die Kinder werden in den Feldern mit Steinen auf die weggeschmissenen alten Rohre werfen. Der Wind wird die Fasern verteilen.
Juan steigt vor Ángelas Bar aus dem Bus. Über die leere Straße macht er sich auf den Weg zum Haus der Familie. Auf dem Rücken hat er einen kleinen blauen Rucksack, darin das Nötigste: Sommerkleidung, um etwas mehr als eine heiße Woche in Spanien zu verbringen, Waschzeug, das Buch, das er gerade gelesen hat, als die Nachricht kam, und wenig mehr. Auf dem Platz begegnet er einer Nachbarin, die ihm ihr Beileid ausspricht und sagt: So ein Jammer mit deinem Vater, was der durchgemacht hat. Und deine Mutter, man muss die Frau sehen, der Anblick tut einem in der Seele weh. Juan versucht erfolglos, ihren Monolog zu unterbrechen, denn jedes Mal, wenn er Anstalten macht, weiterzugehen, packt die Frau ihn am Arm und schüttet eine neue Ladung Unglücksnachrichten über ihn aus. Eine andere Nachbarin, Dolores, die die Szene aus der Ferne beobachtet hat, muss ihn retten kommen. Los, Angustias, sagt sie zu der Alten. Lass den Jungen, er ist sicher müde und hat noch viel vor sich. Seine Retterin wirft ihm einen Blick zu, den er als verschwörerisch deutet. Ein Blick, der besagt: Diese Frau ist aber auch geschwätzig! Und auch: Ich bin auf deiner Seite, weil ich weiß, dass du schon deine Gründe haben wirst, warum du aus dem Dorf weggegangen bist, obwohl dein Vater krank ist, obwohl deine Schwester in Barcelona lebt und deine Mutter so alt geworden ist. Die verständnisvolle Nachbarin weiß, dass er von einer langen Reise kommt, auch wenn sie – wie alle anderen – glaubt, dass Juan in England ist, obwohl er eigentlich in Schottland lebt. Sie weiß auch, dass man seinen Vater seit seinem Tod in den frühen Morgenstunden des vergangenen Tages im Bestattungsinstitut von Torrijos aufgebahrt hat, in Erwartung seiner Rückkehr. Mit ihrem »er hat noch viel vor sich« sagt Dolores ihm: Mach dich bereit. Egal wie müde du bist, wie viele Stunden du gereist bist, ob du geschlafen hast oder nicht, ob du gegessen hast oder nicht, ob du Lust hast oder nicht … jetzt hast du nach Hause zu gehen, dich zu rasieren, zu duschen und mit deiner Schwester und deiner Mutter zur Trauerhalle zu fahren, um dort die Beileidsbekundungen in Empfang zu nehmen und alles fürs Begräbnis vorzubereiten. Und das ist nur das, was kurzfristig vor ihm liegt. Dolores meint auch zu wissen, was ihn mittel- und langfristig erwartet, aber das wird sie ihm nicht sagen, denn dann würde sie zu jener anderen Nachbarin, von der sie ihn doch gerade befreit hat.
Juan ist dankbar, dass er die alte Frau losgeworden ist. Er ist nicht in Stimmung für Höflichkeiten, und wenn Dolores nicht gekommen wäre, hätte er die Alte einfach auf dem Platz stehen gelassen. Er sieht die Frauen sich entfernen, sie versuchen sich innerhalb des knappen Schattens zu bewegen, den die Vordächer auf den Gehsteig werfen. Dolores führt Angustias am Arm, vielleicht schimpft sie mit ihr, weil sie sich in einem solchen Moment in das Leben des jungen Burschen eingemischt hat. Juan überquert den Platz auf dem Weg zum Haus seiner Eltern. Über dem Eisentor, durch das man in den vorderen Hof gelangt, wuchert die Bougainvillea. Die fuchsiaroten Blütenstände drängen sich vorn an den Zweigen und lassen sie schwer herunterhängen. Am ungeordneten Wachstum der Bougainvillea kann man die Hilflosigkeit des Vaters in den letzten Wochen ablesen.
Juan geht zum Tor und steckt die Hand durch die Gitterstäbe, um das Schloss zu öffnen. Das Quietschen des Bolzens schallt durch die Mittagsruhe. Er weiß, was als Nächstes kommt, daher hockt er sich hin, sobald er das Tor hinter sich geschlossen hat, setzt den Rucksack ab und wartet ein paar Sekunden. Der Stoff seiner Jeans spannt an den Oberschenkeln. Aus dem überdachten Vorbau, ganz hinten auf dem langen, engen Weg zur Tür, sieht er Laika herbeistürmen, die Familienhündin. Das Tier stürzt sich auf ihn, stellt ihm die Pfoten auf die Brust, leckt ihm das Gesicht und wedelt mit dem Schwanz. Hunde haben ein gutes Gedächtnis. Er nimmt den Rucksack, steht auf, und mit Laika, die um ihn herumspringt, geht er zum Haus. Der vordere Hof ist wie immer ganz von Pflanzen eingenommen. Neben der großen Bougainvillea am Tor wachsen seitlich in Blumenbeeten Papyrus, Rosenstöcke, Jasmine und sogar eine Zwergpalme. An den Wänden hängen dunkle Töpfe mit Geranien und bilden einen Kontrast zum Kalkweiß. Auf der Veranda stehen ein Korbstuhl und Schattenpflanzen, am auffälligsten eine Monstera, die irgendwer mit Draht an der Wand befestigt hat. Rechts in einer Nische der alte Brunnen. Über dem Brunnenrand erhebt sich ein schmiedeeiserner Bogen, auf dem mit kleinen weißen Blüten betupft ein Jasmin sprießt.
Die Tür ist wie bei den meisten Häusern hier nicht abgeschlossen, was den wenigen Touristen sehr gut gefällt, die in dem einzigen zu mietenden Landhaus, das es im Dorf gibt, Quartier beziehen. Sie sehen die angelehnten Türflügel, die von einem Haken oder einem Stein verschlossen gehalten werden, und fühlen sich mit etwas Urtümlichem verbunden, das sie in ihrem Stadtleben verloren zu haben meinen. Diese ländlichen Siedlungen, die sie aus Fernsehserien kennen, sei es nun in Alaska oder in Asturien, das ist einerlei, wo sich das Malerische durchsetzt; wo Streitereien durch Wendungen im Drehbuch überwunden werden und die Figuren fortwährend gezwungen sind, unangenehme Situationen zu durchleben, und die einzige Lösung der geschwisterliche Zusammenhalt ist. Bei den seltenen Gelegenheiten, zu denen die Touristen ihr Landhaus verlassen, vom privaten Pool im Sommer und dem Kamin im Winter Abschied nehmen und einen Spaziergang durch die Straßen machen, lächeln sie, wenn sie die alten Frauen vor den Türen sehen, an der frischen Luft. Sie lächeln, wenn sie auf den Plätzen die Fußball spielenden Kinder erblicken. Sie lächeln, wenn sie auf ein Auto stoßen, bei dem der Schlüssel im Zündschloss baumelt. Und sie atmen erleichtert auf, weil es so wenige Kilometer von ihrem Wohnort entfernt noch Dörfer gibt, die dagegenhalten, obwohl die Äcker planiert worden sind, um Reihenhäuser darauf hochzuziehen. Und falls es ein Paar mit Kindern ist, blicken sie sich verzückt an, wenn sie den letzten Heuschober sehen, den es im Dorf noch gibt, und sagen sich, dass sie ihn kaufen und in ein Haus umbauen werden, damit die Kinder an einem zementfreien Ort Wurzeln schlagen können.
Juan drückt den Holzgriff der Tür herunter und öffnet sie. Aus dem Haus dringt ein spezieller Geruch, den man nur wahrnimmt, wenn man einige Zeit fort war und die äußeren Eindrücke das Innere erneuert haben. Es ist ein fader und einzigartiger Geruch nach Zeit. Eine trainierte Nase würde sagen, dass hier jahrzehntelang Blumenkohl gekocht worden ist. Es gibt oder gab einen Holzofen, Mottenkugeln in den Schränken, Pökelfleisch, das nach dem Schlachten zum Trocknen an einem Balken hängt, Chorizos, die Paprika auf einem Blechtablett ausschwitzen; hier ist die Wäsche mit aus Soda und gebrauchtem Öl hergestellter Seife gewaschen worden. Literweise Ammoniak hat über Jahre Bakterien vernichtet. Überreste von Kinderexkrementen, die irgendwer, eine Frau, von Baumwolltüchern gewischt hat, die sie anschließend gewaschen, ausgewrungen und im Hof aufgehängt hat. Ein uralter Mief von einer hinter einen Schrank gefallenen Hasenpfote. Nuancen von Wasserstoffperoxid, wie Tierpräparatoren es zum Bleichen der Schädel verwenden. In dieses Haus kommen Meeresfrüchte nur an Weihnachten, und sie sind nicht sonderlich guter Qualität. Es riecht nach Schweiß, nach Fett an den Händen, nach alten Narben, nach Parfüm zum Literpreis, nach stoffumwickelter Verkabelung, nach durchgebrannten Sicherungen, nach 125-Volt-Transformator, nach Schlägen auf einen Schwarz-Weiß-Fernseher.
Er senkt den Blick. Der Terrazzoboden im Eingangsbereich versetzt ihn zurück in seine Kindheit. Er kommt aus einem Apartment, dem in Edinburgh, wo sogar die Küche mit Teppich ausgelegt ist. Ein leiser, weicher, warmer Boden, nicht besonders hygienisch, aber es gibt eine chemische Reaktion in Juans Kopf, jetzt wo er die Platten vor sich hat, über die er schon als kleiner Junge gelaufen ist. Die Granulierung der Bodenfliesen ist unterschiedlich. Es gibt grobe und winzig kleine Kiesel darin, rötliche und hellere Farbtöne. Stellenweise sind Blasen im Zement, der die Steine miteinander verbindet. Nur der Schliff gleicht die Fliesen einander an. Vor ihm liegt der Flur, der als Verteiler dient. Links die Tür zum Wohnzimmer, zugleich das Esszimmer, als sie noch alle im Haus wohnten. Rechts eine Anrichte, auf der eine Glasschale mit losen Schlüsseln steht. Darüber eine Kuckucksuhr, deren Vogel keiner je aus seinem Häuschen hat kommen sehen. Neben dem Möbel die Tür zum Salon für Besucher, stets geschlossen, stets im Halbdunkel. Darauf folgt die Küchentür, und ganz hinten die zu den drei Schlafzimmern und dem Bad. Die Türen stammen alle aus der Werkstatt des Vaters. Es waren wohl die ersten, die er hergestellt hat, er nutzte sein eigenes Haus als Versuchsfeld. Hohle, leichte, billige Türen. Ein Kiefernrahmen mit Türblättern aus Sperrholz.
Er schaut ins Esszimmer. Der Kamin ist sauber; der Ohrensessel leer. Er muss nicht laut fragen, ob jemand zu Hause ist. Automatisch wendet er sich zu seinem alten Zimmer. Das Zimmer ist noch genau so, wie er es bei seinem Weggang zurückgelassen hat. Das schmale Bett an der Wand, der Schreibtisch aus Resopal mit einer Schreibtischlampe mit Gelenkarm darauf, die dort steht, solange er denken kann. In ihrem Licht hat er mit Autos gespielt, hat die Vokale gelernt, einen Uniabschluss gemacht. An der Wand hängt eine kleine Korktafel, an der mit Reißzwecken noch immer einige der Meilensteine seiner Jugend festgepinnt sind, unter anderem eine Eintrittskarte für ein Konzert von Kiko Veneno in der Stierkampfarena von Torrijos: Fiestas de la Sementera, September 1993. Auf dem Bett liegt dieselbe Überdecke wie immer. Im Regal eine unvollständige Sammlung Jugendliteratur. Jeder Buchrücken mit einer winzigen Illustration. Als Jugendlicher las er, ohne dass irgendwer ihn dazu angespornt hätte. Abgehalten hat ihn auch keiner. Später hörte er damit auf, bis er nach Schottland ging, wo er sich schließlich eine kleine Bibliothek zusammengestellt hat. Es gibt auch Sporttrophäen, gewonnen bei den Volksläufen in den umliegenden Ortschaften. Er stellt den Rucksack auf den Boden und nimmt eine davon in die Hand. Es ist ein kleiner Pokal aus vergoldetem Metall, am Fuß verziert mit plumpen Lorbeerblättern. Die Gravur besagt, dass er Dritter in der Kategorie »Kinder« war bei einem Lauf in einem Ort namens Almorox, Patronatsfest für San Roque und die Virgen de la Piedad. Der Pokal ist, wie alles andere auch, immer hier in diesem Raum gewesen und erinnert ihn jetzt daran, dass er während der langen Winter auf der Meseta mit einer Gruppe von Kindern aus Torrijos trainierte, wo er aufs Gymnasium ging. Drei Tage pro Woche blieb er nach Schulschluss dort, aß in der Mensa und ging dann trainieren. An diesen Tagen kehrte er erst am Abend zurück nach Cruces, in demselben Linienbus, der ihn heute hergebracht hat. Beim Training gab Raúl, ein Übungsleiter aus dem Nachbarort, ihnen Anweisungen, was sie zu tun hatten. Er erinnert sich an die Kälte, die Wege, über die sie liefen und auf denen es zu früh dunkel geworden war, die Härte des überfrorenen Bodens.
Er hat nur vier Jahre außer Landes verbracht, aber in dieser Zeit hat er so viel erlebt, dass sein Blick sich mitbewegt hat. Die Decke, die Pokale, die Lampe. Alles war schon dort gewesen, am selben Platz wie heute, aber unsichtbar gemacht durch die Gewohnheit. Doch jetzt führen ihn diese Gegenstände zu vergangenen Momenten seines Lebens, an die er seit Jahren nicht gedacht hat. Er erinnert sich an dieses Rennen in Almorox, weil es sein Vater war, und nicht dessen Freund Germán, der ihn hinfuhr. Er erinnert sich an kein anderes Rennen, bei dem sein Vater dabei gewesen wäre. An jenem Samstagmorgen hatte er das Auto genommen und sein gelassen, was er gerade machte, um seinen jüngsten Sohn zur Teilnahme an einem Volkslauf zu fahren. Es war kein Provinzwettkampf und gehörte auch nicht zur offiziellen Crosslauf-Saison. Wenn es so etwas gewesen wäre, dann hätte er jetzt nicht diesen Pokal in der Hand, denn diese Rennen gewann immer derselbe Junge: der Zurdo. Er sah ihn jeden Samstag wie einen Halbgott im Miniaturformat, stets umgeben von einer Prätorianergarde, die ihm den Weg zwischen den anderen Kindern freimachte und ihn vor dem Abklatschen seiner kleinen Bewunderer bewahrte. Sonntags, wenn der Schiedsrichter die Pistole hob und in die Luft schoss, sah Juan die Rücken seiner Konkurrenten, wie sie ihm davonliefen, alle hinter dem Zurdo her.
An dem Platz, wo der Pokal stand, ist jetzt ein staubfreies Quadrat. Das ist vielleicht die einzige Veränderung. Seine von Sauberkeit und Ordnung besessene Mutter hat die letzten Tage damit zugebracht, immer wieder ins Krankenhaus zu fahren. Bis dahin war sie jeden Morgen ins Schlafzimmer gekommen, um mit dem Staubtuch über die Möbel zu gehen und diese winzigen Fremdkörper diskret wegzuwischen, als wäre ihr Sohn nicht von zu Hause ausgezogen, als hielte er sich nur eine Zeit lang woanders auf, mit ein paar Freunden. Uhren sollten nicht mit Sand gefüllt werden, sondern mit Staub. Der Staub hilft uns, wirklich zu begreifen, wie die Zeit vergeht. Staub ist als Phänomen ebenso beständig wie die Schwerkraft, aber ohne deren wissenschaftliches Prestige, ohne Newton, ohne in einem Pariser Museum verwahrte Maßeinheit. Wenn man einen Körper einen Meter hoch über den Boden hält und loslässt, fällt er. Wenn man Zeit vergehen lässt und nichts angefasst oder weggeräumt wird, fällt der Staub ebenfalls. Man weiß nicht, wo er ist, aber er ist da. Er lagert sich auf den ebenen Flächen ab, und auch auf den abschüssigen. Er mischt sich mit dem Fett auf den Abzugshauben in der Küche und bildet einen Schmodder, der schließlich verkrustet. Metaphorisch senkt sich der Staub auch auf das Schweigen. Zwischen ihm und seinem Vater gab es kiloweise Staub. Auch in dem Raum, der ihn von seiner Mutter trennt, und in geringerem Maß, zwischen ihm und seiner Schwester.
IrgendwoimHaus sagt jemand seinen Namen. Juan? Bist du da? Es ist die Stimme seiner Schwester Isabel. Juan stellt den Pokal an seinen Platz und schaut in den Flur. Isabel zieht der Mutter die Strickjacke aus, die Tür zur Straße steht noch offen. Die Helligkeit, die vom Hof hereindringt, lässt die Silhouette der beiden Frauen flimmern. Obwohl Juan schon vor mehreren Stunden gelandet ist, fühlen sich seine Ohren noch immer verstopft an von der Druckatmosphäre im Flugzeug. Er betrachtet die beiden still. Isabel müht sich, den verklemmten Reißverschluss an der Jacke herunterzuziehen. Sie ändert die Position, zieht am unteren Ende der Jacke, um sie zu straffen, doch das bringt auch nichts. Es ist das Futter, sagt die Mutter, die Naht ist aufgegangen und darin verhakt er sich. Die Tochter schnauft und zerrt immer wilder. Muss das auch sein mit der Jacke, sagt sie. Was ist denn damit? Na, die trägst du schon seit dreißig Jahren. Eine Strickjacke mit Futter, wo gibt’s denn so was? Und mitten im Sommer, Mama, du erstickst noch. Sie ist wie nigelnagelneu, sagt die Mutter. Nigelnagelneu ist ein Wort, das nur seine Mutter gebraucht. Klar, seh ich ja, dass sie wie nigelnagelneu ist. Deshalb zerre ich hier jetzt schon ewig dran herum. Ihre Umrisse verwischen miteinander vor dem strahlenden Licht von draußen. Zwei Kämpferinnen von Goya. Sie bilden einen einzigen Fleck, dessen phosphoreszierende Gestalt sich wandelt wie die eines Mikroorganismus in einer Wasserkultur. Ja, Mama, sie ist echt wie neu. Seit ich angekommen bin, jammerst du darüber, dass du Münzen verlierst, weil du Löcher in den Taschen hast. Ich kaufe dir in Barcelona eine neue und bringe sie dir beim nächsten Mal mit, ob du willst oder nicht. Mach das bloß nicht! Kauf mir bloß keine andere Jacke, die hier ist wunderbar. Man muss nur das Futter nähen. Oder es rausreißen, sagt die Tochter. Isabel verzweifelt bei dem Versuch, den Futterstoff aus den Metallzähnen des Reißverschlusses zu befreien. Wenn sie zu fest zieht, reißt sie ihn am Ende ein, das weiß sie. Die Finger immer noch in die Jacke verklammert, ruft sie wieder: Juan? Bist du da? Juan weicht seitlich einen Schritt zurück. Halb steht er im Flur, halb im Zimmer. Eine Zukunftsvision, die Juan nicht ganz mit sich zusammenbringt: mit der Kleidung seiner Mutter kämpfen. Sie zum Spazierengehen mit rausnehmen, Kreuzworträtsel für sie suchen, den Anislikör verstecken, sie unter die Dusche stellen, ihr die Zähne putzen. Er schiebt diese Gedanken beiseite. Seine Mutter ist nicht diese Sorte Mutter. Seine Mutter ist noch jung, und Beweis dafür ist, dass sie bis vor einigen Stunden ihren Mann gepflegt hat. In sieben Tagen will er nach Edinburgh zurückkehren. Das steht auf dem Flugticket, das in seiner Jeanstasche steckt. Eine Woche, um – gemeinsam mit seiner Schwester – die Zukunft seiner Mutter zu regeln, und dann wird man schon sehen.
Ist Juan nicht da?, fragt die Mutter. Scheint noch nicht da zu sein, der … Isabel beißt sich auf die Lippen. Der Arsch, rutscht ihr raus. Die alte Frau erstarrt und löst sich brüsk von ihrer Tochter. Sag nicht so was, sagt sie. Sag nicht so was über deinen Bruder. Isabel hantiert weiter mit der undefinierbaren Masse aus Futter, Frau und Jacke. Selbst aus einiger Entfernung, die Arme komplett ausgestreckt, müht sie sich weiter, den Reißverschluss aufzubekommen. Nur nicht nachlassen. Sie darf die körperliche Spannung ihrer Mutter nicht erwidern, indem sie das gemeinsam gebildete Ungetüm auflöst. Das käme dem Eingeständnis gleich, dass ihre Anstrengung, ihr aus der Jacke zu helfen, nur dazu dienen soll, ihren Ärger zu verdecken. Solange sie weiter in diese Bemühung verstrickt ist, wird sie nicht durch das Haus laufen und laut gegen ihren Bruder wettern.
Das ist er aber nun mal, Mama. Dafür gibt’s kein anderes Wort. Dass er sich nicht bequemt hat zu erscheinen. Er lebt weit weg, schneidet die Mutter ihr das Wort ab. Ich lebe auch weit weg und bin hier. Schweigen.
Auf Juan wirken beide alt. Zwei Frauen, entsprungen aus einer Burleske und augenscheinlich mit der Nichtigkeit beschäftigt, die Jacke auszuziehen, doch ihre Körper verschießen Messer. Juan zögert, ob er sich zeigen soll, mit dem Risiko, von den Messern getroffen zu werden, oder lieber zurück ins Zimmer.
Er müsste schon hier sein. Er ist vor fünf oder sechs Stunden gelandet, sagt Isabel.
Ihm ist sicher was passiert.
Wir können das nicht länger hinauszögern. Papa liegt schon viele Stunden in der Trauerhalle. Morgen früh begraben wir ihn.
Und jeder kümmert sich um seinen Kram, murmelt die Mutter, den Blick gesenkt, zum Kinn ihrer Tochter hin.
Bäuchlings auf der Matratze ausgestreckt hört er, wie die müden Schritte seiner Mutter sich durch den Flur nähern. Er schließt die Augen, versucht, regelmäßig durch die Nase zu atmen. Lange Atemzüge, um tiefen Schlaf vorzutäuschen. Das Klackern der Absätze rückt langsam, unregelmäßig näher. Ein ebenso einzigartiges Muster wie ein Fingerabdruck oder die Farben der Iris. Nur die Mitglieder des Clans können bestimmte Zeichen entschlüsseln. Die Frau beobachtet ihn von der Schlafzimmertür aus. Ihr Sohn in voller Montur, die Schuhe noch an, liegt lang ausgestreckt auf dem nicht aufgedeckten Bett. Er könnte ein betrunkener Jugendlicher sein, der den Alkohol von der letzten Party ausdünstet, aber im Zimmer riecht es nur genau wie immer: Kleider im Schrank, altes Papier, Triumphe bei wenig glorreichen Rennen, aus der Zeit gefallene Gegenstände. Juan spürt ihren Blick. Mit geschlossenen, aber nicht zusammengekniffenen Augen stellt er sie sich an den Türrahmen gelehnt vor, sie weiß nicht, was sie machen soll, ob sie ihn wecken oder weiterschlafen lassen soll. Der Arme ist nach einer so langen Reise sicher völlig geschafft, wird sie wohl denken. Die unterwürfige Haltung der Mutter, die er so gut kennt und im Lauf seines Lebens so oft ausgenutzt hat. Er hört, wie ihre Schritte näher ans Bett kommen, spürt ihre Nähe. Sie versucht nicht herauszufinden, ob er schläft, das scheint offensichtlich, sondern ob ihr Sohn lebt. Diese Gewissheit brauchen Eltern mehr als alles andere, dass ihre Kinder sie überleben. Das größte Grauen hat die Form eines kleinen weißen Sargs. Holz so rein wie die Seele, die vorzeitig von uns gegangen ist. Der weiße Anstrich betont die Idee von feinem Schliff und Makellosigkeit. Darauf bleiben weder die von den Bäumen fallenden Blätter liegen, noch lagert sich der vom Wind aufgewirbelte Dreck ab. Daran heften sich auch die Sünden nicht, oder Gewalt. Auf dem Weiß kann man auf gar keinen Fall Boshaftigkeit oder Schlampigkeit verbergen. Die Kinderseelen sind so weiß, bis sie irgendwann grau werden. Der Tag, an dem sie einen Teller kaputt machen und es verheimlichen. Das ist der Tag, an dem die Kinder nicht mehr länger in ihre kleinen Särge passen.
Juan atmet betont tief und erlaubt sich sogar ein leichtes Schnarchen. Jetzt, wo seine Mutter weiß, dass er lebt, muss sie sich vergewissern, dass das Gesicht am richtigen Fleck sitzt. Sie muss einfach sichergehen, dass dem Jungen nicht die Nase fehlt, dass die Haare da sind, wo sie hingehören, dass er zwei Ohren hat, prüfen, ob es auf der Haut irgendeine Narbe gibt oder Anzeichen irgendeiner Krankheit. Die Frau sieht das Gesicht ihres schlafenden Sohnes, seine vom Schlaf entspannten Züge, den langen Weg, den er zurücklegen musste, um nach Hause zu kommen, in das Haus, das nicht nur ihr, der Witwe und Mutter, sondern auch ihm gehört. Denn wenn der Junge weder das Sakrament der Ehe erhalten noch eine Stelle als Beamter ergattert hat, dann ist er weiterhin ein Geschöpf, das nicht imstande ist, ein eigenes Zuhause zu schaffen. Solange es keine kirchliche Trauung oder eine großzügig mit vierzehn Monatsgehältern ausgestattete Anstellung gibt, ist das hier weiterhin auch das Haus desjenigen, der da gerade vorgibt zu schlafen. Egal, dass er seit vier Jahren in Schottland lebt. Er liegt auf dem Bauch, die Zehen ragen über die Matratze hinaus, was seit seinem fünfzehnten oder sechzehnten Lebensjahr so ist. Daran denkt Juan, die Mutter wie ein Satellit seines Körpers: dass er schon seit der späten Jugend so schläft und nie ein Wort über diese Matratze verloren hat, die mit seinem Wachsen nicht Schritt hielt. Vielleicht war er überzeugt, dass sie ihm keine neue kaufen würden, oder vielleicht bemerkte er die Unbequemlichkeit nicht einmal, die schließlich Jahre anhalten würde. Er tat, was es zu tun galt: Er kam irgendwie damit zurecht. Jetzt hingegen erinnert er sich an die kalten Nächte. Wie er sich einrollen musste, um unter die Decke zu passen. Jahrelang konnte er sich im Winter im Bett nicht ausstrecken.
Seine Mutter betastet seine Schuhe, versucht, sie ihm auszuziehen. Er spürt, wie sie vorsichtig seine Fersen fasst, nach einem Weg sucht, die Schuhe abzubekommen, ohne ihn zu wecken. Da zieht Juan die Füße zurück und holt sie innerhalb der Grenzen der Matratze, so wie er es als Jugendlicher gemacht hat. Erschreckt von der reflexartigen Reaktion löst die Mutter sich, gibt ihre Absicht auf und müht sich nach Kräften, beim Anblick ihres Sohns auf der Matratze nicht zu verzweifeln, wie er da liegt, komplett angezogen und mit Schuhen. Ihr Impuls ist, ihn schlafen zu lassen, obwohl das ganze Dorf seit einem Tag auf ihn wartet, um seinen Vater zu begraben. Die Pyramide der Prioritäten scheint sich umzukehren angesichts der Gestalt eines Sohns, der von der Erschöpfung einer langen Reise niedergestreckt ist. Sie hat nie so richtig verstanden, was ihr Sohn im Ausland genau macht. Hat nichts davon erfahren, oder wollte es lieber nicht wissen, dass Juan, der in Madrid Forstwirtschaft studiert hatte, sich in Schottland jahrelang als Tellerwäscher verdingte und später als Gärtnergehilfe.
Die Frau ist benommen von den vielen Dringlichkeiten, die der Tod mit sich bringt, sie ist sich ihres Zustands als Witwe noch nicht vollends bewusst, jedoch in vollem Gebrauch ihrer mütterlichen Fähigkeiten. Sie betrachtet ihren Sohn, der auf dem Bett liegend gleichmäßig atmet, und lässt ihn in Ruhe.
Vom Flur kommt Isabel und fragt, wo die Mutter die Kleiderbürste verwahrt. Ob sie die wohl nicht etwa in irgendeiner Schublade versteckt hat. Ich weiß nicht, wie du so leben kannst, sagt sie gerade, als sie ins Zimmer ihres Bruders tritt. Sie trifft auf ihre Mutter, die vor dem schlafenden Körper steht. Ihre Blicke treffen sich. Die Mutter senkt den Kopf. Keine Zeit nachzudenken, der aus Isabel strömende Zorn füllt das Zimmer mit dampfenden Flammen. Man muss fliehen, bloß dort raus, bevor es irgendwem einfällt, ein Streichholz anzuzünden. Die alte Frau macht einen schüchternen Schritt zurück, es ist unklar, ob sie zur Tür zurückgehen und ihre Kinder sich selbst überlassen will, einander zerfleischend, oder einfach nur den Weg freimachen. Mit drei langen Schritten ist Isabel beim Bett. Sie beugt sich vor, legt ihm die Hand auf die Schulter und schüttelt ihn, sagt dabei laut seinen Namen. Sie zerreißt die Blase der Stille, die den schlafenden Sohn schützt. Juan zögert das Aufwachen ein wenig hinaus. Es muss so aussehen, als wäre der Schlaf, dem er sich hingegeben hat, ein Gebot der Natur. Er murmelt »Was?«, lässt Spucke aus den Mundwinkeln rinnen, presst die Lider zusammen, bevor er sie übertrieben weit aufreißt, tut so, als würde er die umliegende Realität in den Fokus nehmen, als dauerte es einige Sekunden, bis er die beiden Personen scharf sieht, die vor ihm stehen: eine alte Frau in Schwarz, und eine jüngere, mit Augenringen und einem kurzen Pferdeschwanz, aus dem Haare ausbrechen, was ihre Züge noch entgleister aussehen lässt.
DerAbend färbt den Himmel gelblich. Die Felder rund um das Dorf sind noch nicht abgeerntet. Die Ähren erwarten hochgereckt die Ankunft der Maschinen, keine Brise wiegt sie. Nur Insekten schwirren in der brennenden Trübheit der Luft. Ein Auto fährt durch das stille Dorf. Ein Schwarm Rebhühner verkriecht sich unter dem trockenen Stroh einer Brache.
Die drei sitzen um den Küchentisch. Auf der abgenutzten Wachstischdecke steht eine La-Casera-Flasche mit frischem Wasser. Unterhalb der Flüssigkeitsgrenze wirkt das Glas matt. Drei halb gefüllte Gläser, in denen einmal Nuss-Nougat-Creme verkauft wurde. Nur die Mutter hat etwas getrunken. Sie schweigen, jeder für sich verloren an einem unbestimmten Ort. Gemeinsam haben sie nur, dass sie sich nicht in die Augen sehen wollen. Oder keine Kraft dazu haben. Den anderen direkt anzusehen – selbst versehentlich –, das muss vermieden werden.
»Wir haben dich früher erwartet«, sagt schließlich die Schwester.
Aus dem Eingangsbereich ist das Ticken der Kuckucksuhr zu hören.
»Ich bin mit dem ersten möglichen Flug gekommen.«
»Papa ist am Freitag ins Krankenhaus gebracht worden, und heute ist Dienstag.«
Die Mutter sitzt zusammengesunken da und greift nach ihrem Glas.
»Es ist alles sehr schnell gegangen.«
»Nein, Juan. So schnell ist es nicht gegangen. Papa hat die Krebsdiagnose vor einem Jahr und vier Monaten bekommen.«
»Damals bin ich ja auch gekommen.«
Die Mutter greift ihr Glas ein bisschen fester. Isabel bläst die Backen auf und prustet die Luft kräftig aus. Er ist ein Idiot, denkt sie. Mein Bruder ist ein Idiot. Ich werde ihm das Essen vorkauen müssen, bis es Brei ist und er es schlucken kann.
»Papa hatte sich nicht sehr verändert seit dem letzten Mal, als ich hier war«, spricht Juan weiter.
»War nicht schlechter dran, meinst du?«
»Genau.«
»Das liegt daran, dass du in diesen anderthalb Jahren nur dieses eine Mal hier warst. Du bist zu spät gekommen, als Papa seine Diagnose bekommen hat, bist schnell wieder abgezischt und bis heute nicht zurückgekehrt.«
Juan hebt den Finger, als wolle er andeuten, dass er etwas sagen will, aber seine Schwester lässt ihn nicht.
»Wie oft habe ich dich in dieser Zeit wohl angerufen?«, fragt Isabel. »Zwei, drei Mal pro Woche? Wie oft bist du ans Telefon gegangen? Ein, zwei Mal pro Monat? Und wozu, nur um mir immer zu sagen, dass du gerade Pause hast und nicht viel Zeit. Als wäre die Arbeit als Gärtner so was wie das Fahren von einem Schulbus. Du willst mir doch nicht erzählen, dass du bei einem Arbeitstag von acht Stunden nicht mal einen Moment lang hinter eine Hecke gehen konntest, um mit mir zu sprechen. Oder als du im Restaurant gearbeitet hast. Du hast die Anrufe genau dann angenommen, wenn du neben einem laufenden Rührgerät standest, oder mitten im größten Trubel am Freitagabend. Und ich höre die Kellner, die in die Küche kommen und Kommandos auf Englisch brüllen, und der Koch brüllt zurück und sonst was für ein Getöse von Geräten, und das Telefon schubbert gegen den Kragen deiner Tellerwäscherjacke.«
Juan zieht eine Augenbraue hoch, und durch Anheben des Fingers signalisiert er erneut, eine vergebliche Klarstellung bei seiner Schwester zu platzieren, denn im letzten Jahr war er eben genau kein Tellerwäscher mehr, sondern Küchenjunge. Und wenn er nicht im Botanischen Garten angefangen hätte, wäre er zum Küchengehilfen aufgestiegen und, wer weiß, in zwei oder drei Jahren zum Küchenleiter. Denn in seiner paradiesischen Zuflucht im Norden funktioniert alles sehr zuverlässig, und wer etwas taugt, steigt auf, und wer nicht, der nicht. Und er ist gut mit Bäumen, das ist schließlich, was er gelernt hat, aber er war auch gut in der Küche, was das Einzige war, das sie ihn machen ließen, als er nach Schottland kam, nichts als ein paar Worte radebrechend, unter großer Peinlichkeit. Er nimmt sich vor, Isabels Monolog mit einer ebenso schwachen wie zutreffenden Rechtfertigung zu zerlegen: dass er nicht früher habe kommen können, weil die Personalleitung des Botanischen Gartens ihn für einen Kurs über Rhododendren eingeschrieben hatte, den eine aus Neuseeland eingeflogene internationale Koryphäe hielt. Auf einer Waagschale, sein dahinsiechender Vater in einem Krankenhaus in Toledo. Auf der anderen, ein Schulungsraum mit großen Fenstern und Blick auf ein Gewächshaus aus dem neunzehnten Jahrhundert, Pulte im nordischen Design und eine südliche Eminenz.
Juan glaubt, Gründe zu haben, um seiner Schwester etwas zu entgegnen, aber sogar er merkt, wie lächerlich es wäre, die beiden Waagschalen ins Gleichgewicht bringen zu wollen, deshalb behält er einige Argumente für sich, die er für gewichtig hält, die aber in dieser Küche und in diesem Moment feuchtes Pulver sind.
Er war erst seit sechs Monaten im Botanischen Garten, als er mit diesem Kurs belohnt wurde, der für die Pfleger eines der Schmuckstücke der Sammlung bestimmt war: eine Rhododendronsammlung mit mehreren Hundert verschiedenen Arten. Und das war, wenngleich es in Anbetracht der Umstände auch unwesentlich erscheinen mochte, für Juan von höchster Bedeutung, denn die vorherigen drei Jahre hatte er eingesperrt in einer Küche verbracht und das Besteck derart sorgfältig auf Hochglanz gebracht, dass es in dieser Kaschemme mit billigem Fraß schon fast anstößig gewirkt hatte. Er tat das nicht, weil er gern abwusch oder gern in einem fensterlosen Keller arbeitete, sondern weil er kein Englisch sprach. Und in der Küche lernte er kein Wort, weil er nicht aus der Kammer rauskam, in der die Spülbecken standen. Dort kamen die Gäste nicht hin, um ihn zuzuquatschen, und auch nicht die Kellner oder das sonstige Personal. Das Leben in Edinburgh war sehr teuer, er war nicht bereit, nach Cruces zurückzukehren, und er würde weder seine Eltern noch seine Schwester um Geld bitten. Er würde es allein zu etwas bringen, selbst wenn er alle Teller Schottlands abwaschen müsste. Als ihm klar wurde, dass er ohne Englisch nie aus diesem Loch herauskommen würde, schrieb er sich für Gratisstunden ein, die eine Schule als Teil der Ausbildung für ihr Lehrpersonal anbot. Zwei Stunden sehr unausgewogenen Unterrichts im Gegenzug dafür, als Versuchskaninchen für angehende Lehrer zu dienen. Und als er ein bisschen was gespart hatte, schrieb er sich an einem College ein, wo er ein Jahr lang sein Englisch verbesserte, um sich für die erste freie Stelle zu bewerben, die der Königliche Botanische Garten ausschrieb. Als man ihm, kurz nachdem er dort angefangen hatte, den Rhododendron-Kurs anbot, hatte er das Gefühl, es sei seine Pflicht, diese Gelegenheit zu nutzen. Das bedeutete sehr viel mehr, als die Teller durch Bäume zu ersetzen. Dieser Kurs läutete seine Zukunft ein.
Der Zustand seines Vaters hatte sich in den anderthalb Jahren seit der Diagnose nicht so sehr verschlechtert. Das möchte er schon sagen, dass nämlich nichts darauf hinzuweisen schien, dass die Ereignisse sich derart überschlagen würden, wie es dann innerhalb einer Woche geschah. Und er hebt wieder den Zeigefinger, um zu seiner Replik anzusetzen, aber wieder senkt Isabel seine Fingerspitze mit dem Blick und drückt sie Richtung Boden mit ihrem Zorn und ihren Gründen, die viele sind, und sehr gewichtig in dieser Küche, sie sind äußerst verdichtet durch die letzten Tage im Krankenhaus, die letzten sechzehn Monate des ständigen Hin und Hers von Barcelona aus, wo sie mit ihrer Familie lebt, und die letzten Jahre der Sorgen um die Zukunft der Eltern, die in einem kleinen Dorf in der Meseta allmählich älter werden. Ihr Dorf. Ihre Eltern.
Isabel legt einen Finger an die Lippen und dreht die Augen zur Decke, mimt einen konzentrierten Gesichtsausdruck. An der anderen Hand tippt sie mit jedem Finger an die Fingerkuppe des Daumens. Sie sagt nichts, sie murmelt nur. Juan ist der Einzige, der die Pantomime verfolgt. Die Mutter ist in ihrem Wasserglas verloren. Der Moment dehnt sich aus, Isabel macht mit ihrer Vorführung einfach nicht Schluss. Juan windet sich insgeheim, spannt sich an. Er brennt darauf, etwas zu sagen, aber ohne einen Blick zu ihm hält seine Schwester ihn mit der Hand dazu an, still zu sein, sie braucht noch etwas mehr Zeit, um ihre Rechnung abzuschließen. Also, Juan, sagt sie endlich. Wenn ich mich nicht irre, bist du im Sommer 2006 weggegangen. Heute ist der dritte August 2010. Du bist seit vier Jahren im Ausland. In dieser Zeit bist du drei Mal gekommen. Das erste Mal vier Tage an Weihnachten, ich weiß nicht mehr, welches Jahr das war. Das zweite Mal, als bei Papa der Krebs diagnostiziert wurde, und jetzt. Insgesamt drei verdammte Male, und immer zu spät. Die Mutter schnaubt, als sie den Kraftausdruck hört. Juan quillt heißer Dampf aus dem Nacken, steigt nach oben. Er würde gern etwas sagen, und sei es nur, um seiner Schwester die Initiative zu nehmen. Er muss sie vom Lenkrad wegbekommen. Aber er tut es nicht, denn im Grunde sind die Zahlen, die sie ihm vorhält, zutreffend: drei elende Besuche in vier Jahren. Zwei davon jeweils erzwungen durch Krankenhauseinweisungen seines Vaters.
