Britannien 810 - Ron Burloff - E-Book

Britannien 810 E-Book

Ron Burloff

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Beschreibung

Der Norden der britannischen Insel am Vorabend von Schottlands Geburt: Fast vierhundert Jahre ist es her, dass die Römer das Land verlassen haben. Seitdem kämpfen angelsächsische Einwanderer erfolgreich gegen die alteingesessenen Britannier und die aus Irland eingedrungenen Skoten, als ein neuer Feind auftaucht: Die Nordmannen, Seekrieger aus dem hohen Norden, die mit schnellen und brutalen Überfällen vor allem die Küsten des Inselreiches unsicher machen. In dieser dunklen Epoche des frühen England führen die Wege von acht Menschen zueinander, deren Schicksal seit Urzeiten miteinander verwoben ist, wie zum Beispiel Ellwydd, die junge Tochter des Hochkönigs von Northumbria, ihr Verlobter Ceidric von Bernica, der der mächtigste Sheriff im Reich ihres Vaters ist und die außergewöhnlich begabte Skotin Ygraine aus dem Clan Alpin, die als Sklavin am Hof des Nordmannen Thorolf Angulfson landet. Sie alle gehören zu einem Kreis von acht Seelen, die in dieser Verkörperung einmal mehr zusammenfinden müssen, um eine alte Verstrickung zu lösen - um es endlich anders zu machen als in den vielen gemeinsamen Inkarnationen zuvor: Dieses Mal sollen Neid, Missgunst, Blut und Tod überwunden werden, dieses Mal sollen sie lernen, friedlich miteinander zu leben. Doch die politische Lage steht dem entgegen: Krieg, Intrige, Mord und der Kampf um die endgültige Herrschaft über den Norden Britanniens bestimmen den Alltag aller Beteiligten - und so ist es mehr als fraglich, ob die Acht, die aus so unterschiedlichen Kulturen stammen, ihr gemeinsames Ziel erreichen können.

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Seitenzahl: 1971

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Und wenn dem Menschen in einem einzigen Leben alles wohl geriete, wozu brauchte es dann eine Hölle? Und wozu wäre der Himmel gut?

Der Seele aber geht es nicht um Gut oder Böse – Himmel und Hölle mögen daher ewig auf sie warten.

Ron Burloff

Der Zyklus der Acht: Im Nebel der Zeit

Britannien 810

© 2016 Ron Burloff Coverdesign: Moving Pixel Solutions, Marc-Philipp Jakobi, München Lektorat: Petra Irene Roloff, Isabell Hakvoort

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback

978-3-7323-7450-2

Hardcover

978-3-7323-7451-9

e-Book

978-3-7323-7452-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Das Mädchen stand auf einem Felsen, der weit in das Meer hinein ragte. Immer wieder schaffte es die eine oder andere Welle, den harten Stein zu überschwemmen, doch das störte sie nicht: Sie war barfuß, hatte ihr leichtes Leinenkleid über die Beine nach oben gerollt und um die Hüften festgesteckt. Sie stand auf Zehenspitzen, die Arme über den Kopf erhoben und schwang ihren Oberkörper hin und her, als würde sie zu einer unhörbaren Melodie tanzen. Dabei lächelte sie versonnen. Der sommerliche Seewind spielte mit ihren langen, hellen Haaren und ließ diese wie eine Standarte flattern.

Ab und zu warf sie einen Blick zu Egbert von Leicester, ihrem persönlichen Leibwächter, der trotz der milden Wärme schwere Lederstiefel, eine wollene Reiterhose, eine dicke Tunika und ein Kettenhemd trug. Lediglich den eisernen Helm hatte er abgesetzt und die Handschuhe ausgezogen, doch sein Langschwert baumelte griffbereit an seinem Gürtel. Er lehnte nicht weit von seiner Herrin Ellwydd, der einzigen Tochter des Hochkönigs Cumbrae von Northumbria, an einem der kleineren Felsen am Strand und beobachtete die für ihr Alter immer noch oft verspielt anmutende Fünfzehnjährige.

Seinen langen, dunkelbraunen Haarschopf hatte er zu einem strengen Pferdeschwanz gebunden. Ganz entgegen der angelsächsischen Sitten dieser Tage trug er keinen üppigen Bart, sondern scherte sich die wuchernden Gesichtshaare nach der alten römischen Tradition einmal am Tag. Mit seinen knapp fünfundvierzig Jahren war er ein kampferprobter Veteran, der sein halbes Leben auf Schlachtfeldern und in Kriegslagern verbracht hatte. Er wusste, wie eine zu üppige Gesichtsbehaarung ihren Träger im Feld peinigen konnte, vor allem, wenn jede Möglichkeit fehlte, sie regelmäßig zu säubern.

Sein derzeitiger Auftrag, der einzig darin bestand, das Leben von Ellwydd zu beschützen, ließ ihm aber eine Menge Zeit für die Körperpflege: Im Grunde hätte Egbert seinen Bart also ohne Bedenken wachsen lassen können. Er und die ihm anvertraute Königstochter befanden sich zudem an einem der sichersten und bestversorgten Orte in ganz Northumbria: Auf der Klosterinsel Lindisfarne, die nach dem Überfall durch die Nordmannen vor siebzehn Jahren wieder aufgebaut und stark befestigt worden war. Überdies wurde die gesamte Ostküste von den Reitern aus Bernica geschützt; es hatte in diesem Gebiet seit mehr als zehn Jahren keinen einzigen erfolgreichen Raubzug der Seekrieger aus dem Norden mehr gegeben.

Im Kloster stand, neben vielen anderen Annehmlichkeiten, auch genügend Wasser zur Verfügung, somit hätten die Pflege und Reinhaltung eines Bartes kaum mehr Aufwand verursacht als dessen Rasur. Aber Egbert von Leicesters Leben war von Erfahrungen im Felde geprägt, daher mochte er auch hier, in dem friedvollen Müßiggang, auf liebgewonnene Rituale nicht verzichten.

Er beschattete seine Augen mit der Hand und sah zu dem Mädchen hinüber, das ihm gerade zuwinkte. Trotz ihrer Jugend war die Königstochter in seinen Augen das anmutigste weibliche Wesen, mit dem er je längere Zeit verbracht hatte. Und wie so oft in solchen Momenten dachte er seufzend darüber nach, um wie viel spannender dieser ungewohnte Friede sein könnte, wenn das heranwachsende Mädchen nicht ausgerechnet die Tochter seines Hochkönigs gewesen wäre.

Ellwydd hatte zu ihrem Glück viel von dem Aussehen ihrer Mutter geerbt, die im ganzen Land für ihre Schönheit berühmt gewesen war. Egbert sann darüber nach wie jemand, der sich auf den Umgang mit Worten verstand, ihre Erscheinung beschrieben hätte.

Solch ein Dichter würde allein ihre hohen Wangenknochen und die ebenmäßige Nase zum Anlass nehmen, um eine edle Herkunft daraus abzuleiten. Er wäre beeindruckt von ihren großen, blauen Augen und würde die flachsblonde Mähne, die ihr jetzt, wo sie die Haare offen trug, bis fast an die Hüften reichte, als auffälligstes Merkmal besingen; verführte sie doch jeden Mann dazu, ihr einen zweiten oder gar dritten Blick nachzuwerfen. Zudem war sie hoch gewachsen – und trotz ihrer schlanken, beinahe grazilen Statur ließen ihre äußeren Formen bereits die Frau erkennen, die eines Tages aus ihr werden würde.

Unter dem Sommerkleid aus dünnem Leinen zeichnete sich ihre zunehmende Weiblichkeit deutlich ab, vor allem, wenn ein Windstoß den spärlichen Stoff gegen ihren Körper drückte. Ihre Brüste waren schon längst nicht mehr nur zwei zaghaft erwachende Wölbungen, sondern füllten das Kleid als gut sichtbare, kecke Erhebungen aus. Ihre schmale Taille bildete einen angenehmen Kontrast zu den wohlgeformten Hüften und einem aufregend geschwungenen Hinterteil, das sich endlich in langen und schlanken Beinen fortsetzte und in sehnigen Fesseln und zierlichen Füßen endete.

Ihre Finger waren schmal und zart und die Sanftheit ihrer Glieder setzte sich in ihrem beinahe asketisch geformten Gesicht fort. Die Augenbrauen waren hell und fast durchsichtig, dagegen schienen ihre Wimpern endlos lang zu sein. Ihr Mund, der oft ein wenig trotzig wirkte, passte sich still und unaufdringlich in ihr Antlitz ein, die Lippen waren geschwungen und voll, und wenn sie sich öffneten, gaben sie ebenmäßige, strahlend weiße Zähne preis.

Egbert lächelte unwillkürlich. Er war kein Barde oder Dichter, aber Ellwydd würde er mit wohlgesetzten Worten beschreiben können, sollte er jemals dazu aufgefordert werden. Sie war eine strahlend helle, erblühende Schönheit von der Art, wie Egbert sie sein Leben lang bewundert hatte. Er war sicher, dass sie in jedem Fall einen Mann von Stand heiraten könnte, auch wenn sie nicht die Tochter des Hochkönigs von Northumbria wäre.

Aber leider war sie genau das. So litt Egbert immer mehr unter der zunehmenden Vertrautheit, die sich zwischen den beiden in den vergangenen Wochen entwickelt hatte. Sie waren nun seit fast drei Monaten hier im Kloster. Neben dem Unterricht, den Ellwydd erhielt und dem Egbert beiwohnte, verbrachten sie ihre freie Zeit damit, umherzuwandern, die Gegend zu erkunden, zu picknicken oder zu baden und natürlich auch damit, sich zu unterhalten.

Inzwischen war Egbert zu Ellwydds einzigem Vertrauten geworden. Ganz ohne Argwohn hatte das Mädchen begonnen, ihm all ihre Sorgen und schweren Gedanken mitzuteilen, die sich altersgerecht fast ausschließlich um die sichtbaren Entwicklungen ihres Körpers und den damit verbundenen Veränderungen ihrer Wahrnehmung drehten. Sie war ganz versessen darauf, alle Geheimnisse zwischen Mann und Frau zu entschlüsseln. Mit ihren allzu direkten Fragen hatte sie den armen Egbert mehr als einmal in peinliche Bedrängnis gebracht.

Eigentlich sollte einem alten Veteranen wie ihm der Umgang mit solchen und anderen Themen leicht fallen, denn immerhin war er beinahe dreimal so alt wie die Königstochter. Aber bei Ellwydd wollte ihm das nicht gelingen. Zunächst einmal verkörperte sie den Typ Frau, gegen den sich Egbert schon in der Vergangenheit nur selten hatte durchsetzen können. Und im Laufe der Zeit hatte er dem Mädchen gegenüber tiefe und teilweise unpassende Gefühle entwickelt: Während er auf der einen Seite so etwas wie väterliche Zuneigung empfand, konnte er jedoch nicht die spontanen und äußerst unkeuschen Empfindungen unterdrücken, die ihn vor allem immer dann überkamen, wenn sich die Königstochter allzu freizügig verhielt.

Wenn sie etwa schwimmen ging, entkleidete sie sich ohne jede Scham vor ihm, ja, manchmal lenkte sie seine Aufmerksamkeit gezielt auf gewisse Stellen ihres Körpers, um in aller Unbefangenheit seine Meinung zu ihrer Entwicklung zu hören. Oder sie verwickelte ihn in lange Gespräche über den Geschlechtsakt zwischen Mann und Frau und alle Details, die damit zusammenhingen. Einmal hatte sie ihn sogar aufgefordert, sich ihr in aller Blöße zu zeigen, damit sie sich eine klare Vorstellung davon machen könne, wie denn nun die entsprechenden Organe beider Geschlechter zusammenpassen würden.

Und so überzeugt Egbert davon war, dass weder Berechnung noch Arglist hinter ihrem Verhalten standen, so wenig war er vor der simplen Lust gefeit, die sich seiner immer dann bemächtigte, wenn er ihr zu nahe kam. Mittlerweile wünschte er sich das Ende dieser Mission herbei, denn ihm war völlig bewusst welches Schicksal ihn ereilen würde, sollte er je dem unheiligen Tier nachgeben, welches in ihm wie in jedem Mann schlummerte und das nur allzu leicht geweckt werden konnte – vor allem von einem hübschen, anziehenden und erfrischenden Mädchen, das so zwang- und respektlos mit allen Konventionen umging wie die Königstochter. Mit der Zeit hatte er sich daher angewöhnt, bei ihren gemeinsamen Ausflügen bekleidet zu bleiben und – wenn möglich – eine gewisse Distanz zu Ellwydd zu wahren. Hier am Strand, der kaum überraschende Gefahren für ihr Leben bergen würde, konnte er sich leisten, etwas weiter von ihr entfernt seinen Gedanken nachzuhängen. Der Ruf ihrer hellen Stimme ließ ihn allerdings sofort aufhorchen.

„Egbert, ich möchte heute den Sonnenuntergang beobachten. Vor hier aus.“

Das klang nicht nach einer Frage. Er sah zu ihr hinüber und seufzte. Sie hatte sich auf dem Felsplateau niedergelassen, das wie eine Plattform einige Meter in das Meer hineinragte. Sie saß da, die Arme um die Knie geschlungen und ließ ihren Blick über die spiegelglatte See schweifen. Sie schien keine Widerrede zu erwarten.

Die Klosterinsel lag eine Viertelmeile nördlich von ihnen, bei Ebbe konnte man sie zu Fuß erreichen. Sie waren beide bereits am späten Morgen herüber auf das Festland gekommen, um sich einen schönen Platz am Strand zu suchen. Er verbesserte sich in Gedanken: Nicht „sie beide“, sondern Ellwydd hatte diesen Platz schön gefunden und ausgewählt.

Seitdem lief sie am Strand umher, kletterte in die Felsen, blieb eine Weile sitzen, sprang dann wieder auf, grub im Sand, sammelte irgendwelche Dinge, die das Meer herangespült hatte und kletterte erneut in die Felsen. Trotz des ruhigen Seegangs hatte er ihr untersagt, ins Wasser zu gehen, es war das einzige seiner Verbote, an das sie sich gehalten hatte, bis jetzt jedenfalls. Er wusste, dass sie ausschließlich nackt badete. Er wollte auf jeden Fall vermeiden, dass sie sich in Sichtweite des Klosters entkleidete, obwohl niemand auf diese Entfernung irgendwelche Einzelheiten erkennen würde. Doch nach seinem Geschmack hatte es bereits zu viel Ärger mit dem Prior und der Äbtissin gegeben. Die beiden beschwerten sich mittlerweile wegen jeder Kleinigkeit, bei der Ellwydd auffällig wurde, und er, Egbert, war dann der bevorzugte Ansprechpartner der Klosterleitung. Der alte Veteran hatte aber keine Lust, sich eine weitere Standpauke vor allem von der Äbtissin anzuhören.

Zudem kehrte die Flut zurück und es blieb ihnen nicht mehr allzu viel Zeit für eine Rückkehr trockenen Fußes. Sicher konnten sie sich auch von einem Ruderboot ins Kloster holen lassen, doch das würde wiederum unweigerlich ein Gespräch mit Mutter Notgyth – der heimlichen Herrin von Lindisfarne – nach sich ziehen. Egbert wollte aber genau dies verhindern: Es machte einfach keinen Spaß, sich mit der resoluten Dame länger auseinanderzusetzen, vor allem dann nicht, wenn man sich selbst in der schlechteren Position befand. Also räusperte er sich vernehmlich, stand auf und griff nach seinem Helm.

„Wir werden zur Nachmittagsmesse erwartet, Mylady. Mutter Notgyth wird mich vierteilen lassen, wenn ich nicht dafür sorge, dass Ihr rechtzeitig im Kloster seid.“

Er bemühte sich, streng zu klingen, machte sich aber kaum Hoffnung auf eine Wirkung. Hatte Ellwydd auch das vorteilhafte Äußere ihrer Mutter geerbt, glich sie im Wesen doch sehr ihrem Vater. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte sie stur und unnachgiebig sein. Ihre Temperamentsausbrüche, die häufig immer dann folgten, wenn es nicht nach ihrem Willen ging, wurden nicht nur von ihren Zofen und Dienern gefürchtet, sondern hatten selbst ihren Vater, den Hochkönig von Northumbria, des Öfteren in peinliche Situationen gebracht.

Aus genau diesem Grund war sie jetzt für einige Monate auf die Klosterinsel geschickt worden, auf der nicht nur Nonnen und Mönche lebten, sondern auf der auch einhundertzwanzig Soldaten der leichten Reiterei Bernicas stationiert waren. Im Kloster sollte die Königstochter unter Anleitung der Äbtissin, der ehrwürdigen Mutter Notgyth, damenhaftere Umgangsformen und vielleicht sogar etwas Demut lernen, Dinge, die einer angelsächsischen Lady bei Hofe im weiteren Leben sicher zum Vorteil gereichen würden. Aber Ellwydd hatte bereits bei ihrer Ankunft für einen Eklat gesorgt: Die strenge Trennung von Mönchen und Nonnen in zwei verschiedenen, mit eigenen Mauern umgebenen Gebäuden, wollte sie nicht akzeptieren. Egbert müsse sie auch des Nachts beschützen, so argumentierte sie, also schliefe entweder er in dem Frauengebäude oder sie würde eine Kammer bei den Männern beziehen. Die Äbtissin hatte das schlichtweg abgelehnt, aber Ellwydd war stur geblieben, so wie Egbert es von ihr kannte.

Nun schliefen beide in der Garnison, der alte Paladin in einer Offizierskammer und für die Königstochter war ein komplettes Mannschaftsgebäude umgebaut worden. Die Reiter murrten verständlicherweise, mussten sie doch wegen der Königstochter mit deutlich weniger Platz auskommen als gewohnt, die Äbtissin war immer noch höchst unerfreut über Ellwydds Verhalten und der greise Prior bekreuzigte sich seitdem jedes Mal, wenn er das Mädchen sah.

Auch alle anderen Bemühungen der Brüder und Schwestern in Christi waren bisher von wenig Erfolg gekrönt. Im Gegenteil: Die permanenten Hinweise der Nonnen und Mönche auf Ellwydds vermeintliche Fehler und jede noch so kleine Zurechtweisung schienen das Mädchen geradezu darin zu bestärken, ihr Wesen so zu erhalten, wie es war. Immerhin war sie die Tochter eines Hochkönigs. Auch wenn sie nach angelsächsischem Recht niemals selbst den Thron besteigen konnte, wäre sie aber die Königin, sofern ihr Vater ihr einen Gemahl zubilligen und diesen zu seinem Nachfolger berufen würde. In Ellwydds Vorstellung aber konnte eine Königin tun und lassen, was sie wollte. Ihre Reaktion auf Egberts Einwand fiel entsprechend dieser Einstellung aus.

„Mutter Notgyth wird Dich nicht vierteilen lassen, Egbert. Ich sorge schon dafür, dass Du keinen Ärger bekommst. Immerhin wird das Kloster im Wesentlichen von meinem Vater erhalten und geschützt. Und er hat es wieder aufgebaut, nachdem es damals zerstört worden war.“

Egbert schüttelte den Kopf: Das war die Logik einer Fünfzehnjährigen. Er wagte noch einen Versuch.

„Mylady, bald kommt die Flut und dann müssen wir viele Stunden warten, bis der Übergang wieder möglich wird. Und abends wird es hier direkt am Meer sehr viel kälter als jetzt, zudem seid Ihr zu dürftig gekleidet. Lasst uns also zum Kloster gehen, wir können ja nach der Messe ein Ruderboot nehmen und angemessener gewandet wieder hierher kommen.“

Er machte einige Schritte in Richtung des Klosters, doch ihre Antwort ließ nicht lange auf sich warten.

„Oh Egbert. Ich bin doch nicht eine von diesen verweichlichten Britannierinnen. Schau, ich bin eine Angelsächsin!“

Er sah zu ihr hinüber und gewahrte entsetzt, dass sie sich das leichte Leinenkleid über den Kopf gezogen hatte. Sie stand splitternackt am Rand des Felsvorsprungs und machte Anstalten, in das eisige Wasser der Nordsee zu springen. Er rannte wie von Sinnen los, seine Stimme überschlug sich vor Sorge und Wut.

„Ellwydd, nicht…“

Aber zu spät: Er sah ihren Körper im Wasser verschwinden. Er hastete weiter, zog sich beim Laufen das Kettenhemd über den Kopf und löste stolpernd den Schwertgurt von der Hüfte. Verzweifelt versuchte er zwischendurch, ein Lebenszeichen von ihr auszumachen; das Platschen, mit dem sie kopfüber in die ruhige See eingetaucht war, lag schon lange zurück.

Endlich erreichte er keuchend den Strand unterhalb des Felsplateaus. Ohne zu zögern watete er ins Wasser. Er hielt auf die Stelle zu, an der er glaubte, sie in den Fluten verschwinden gesehen zu haben. Bald stand er bis zur Brust in dem trägen Wellengang und die kalte, salzige See trieb ihm Tränen in die Augen. Unwillig wischte er sich über das Gesicht und begann mit Schwimmbewegungen, aber zu seinem Schrecken wurde er sofort unter Wasser gezogen: Die wollene Reiterhose war viel zu schwer.

Ächzend ruderte er zurück und hatte zum Glück schnell wieder festen Boden unter den Füßen. Er suchte seichteres Wasser auf. Hier nestelte er mit zitternden Fingern an dem Strick herum, welcher seine Hose hielt. Er stöhnte. Da der Strick aufgequollen war, ließ sich der Knoten nicht öffnen. Er hob den Kopf und brüllte wieder wie von Sinnen ihren Namen.

„Ellwydd!“

Endlich gelang es ihm, die Hose zu öffnen und er zog sie aus, schlüpfte aus den engen Wadenschlaufen und starrte wieder auf das erstaunlich ruhige Meer. Panik machte sich in ihm breit. Nirgendwo war auch nur der kleinste Hinweis auf die Königstochter zu sehen. Egbert hatte keine Ahnung, wo er nach ihr suchen sollte. Zudem hatte er von dort, wo er stand, eine denkbar schlechte Sicht.

Also beschloss er, weitere Sekunden zu opfern und auf das Plateau zu klettern, von dem sie gesprungen war. Hier hatte er die besten Aussichten, vielleicht auch dann ihren Körper zu entdecken, wenn er bereits in tieferem Wasser versunken war. Das Meer war heute ruhig und daher nicht so trüb wie bei stärkerem Wellengang.

Keuchend kam er oben an, nackt bis auf die ledernen Hodenschützer, die ihn beim Schwimmen kaum behindern würden. Er starrte angestrengt auf die Oberfläche dieses Meeres, das den Bewohnern der britannischen Insel schon so viel Unheil gebracht hatte, aber er konnte noch immer keine Spur von Ellwydds Körper entdecken.

Erst, als er schon aufgeben wollte und er seinen Blick auf den Strand jenseits des Plateaus lenkte, sah er sie mit seltsam verrenkten Gliedern bäuchlings auf dem nassen Sand liegen, den Kopf zur Seite gestreckt, den so aufregend geschwungenen Unterkörper noch halb im Wasser, wo er sich im Takt der Wellen hob und senkte. Egbert spürte, wie eine eiskalte Hand nach seinem Herzen griff. Er rutschte in größter Hast den scharfkantigen Felsen hinunter. Nach wenigen Schritten war er neben ihr, fiel auf die Knie und umfasste sie mit aller Sanftheit, zu der er fähig war. Er zog ihren leblosen Körper aus dem Wasser, trug sie hinauf in den trockenen Sand und legte sie vorsichtig auf den Rücken.

Er wollte sich zusammenreißen und den Blick von ihrer jungfräulichen Nacktheit lösen, doch es war ihm kaum möglich, rücksichtsvoll mit ihr umzugehen, ohne sie dabei anzusehen. Außerdem berührte er sie ungewollt an Stellen, die unter anderen Umständen für ihn tabu gewesen wären. Und er konnte nicht verhindern, dass diese Berührungen in ihm Reaktionen auslösten, die so gar nicht zu der in ihm aufsteigenden Panik passen wollten.

Er schob eine Hand unter ihren Nacken und beugte ihren Kopf weit nach hinten. Mit der anderen Hand hielt er ihr vorsichtig die Nasenlöcher zu, senkte seinen Mund auf den ihren und begann langsam und kraftvoll, Luft in ihre Lungen zu blasen.

Als sich ihre Zunge spielerisch in seinen Mund schob, fuhr er zurück und schrie vor Schreck und Wut auf. Er ließ sie los und entfernte sich rückwärts krabbelnd von ihr. Ihre Augen funkelten vor wildem Vergnügen. Zum ersten Mal, seit Egbert sie kannte verspürte er den dringenden Wunsch, sie körperlich zu züchtigen. Sie drehte sich auf den Bauch, stemmte ihre Ellbogen in den Sand und legte das Kinn in ihre Hände.

„Geht dieses Liebesküssen zwischen Mann und Frau, von dem Du erzählt hast, etwa so, Egbert?“

Der Angesprochene sprang auf und war außer sich vor Empörung, aber es schwang auch

Erleichterung in seiner Stimme mit.

„Du Teufelin! Du, Du…“

Doch Ellwydd schien sich gar nicht um seine Worte zu kümmern. Sie starrte vor sich hin und kniff sogar die Augen zusammen, als ob sie etwas in der Ferne erblickte und versuchte, es besser zu erkennen. Egbert folgte ihrem Blick, der sich auf seine Körpermitte konzentrierte. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass er fast völlig nackt war. Voller Scham bedeckte er sich mit den Händen.

„Oh, Du falsche Schlange, Du Biest, Du Metze, Du…“

Ellwydd legte den Kopf zur Seite und blickte ihn herausfordernd an.

„Vergreift Ihr Euch nicht gerade im Ton gegenüber Eurer Herrin, Lord Egbert von Leicester, Verteidiger des Reiches und so weiter und so weiter?“

Egbert stutzte und holte Luft.

„Mylady…“

Weiter kam er jedoch nicht. Sie setzte sich plötzlich auf und kreuzte die Beine zum Schneidersitz. Ebenso abrupt wandte er sich schamvoll ab. Was er jedoch in diesem kurzen Augenblick gesehen hatte, brannte sich auf liebevolle Weise in seine Erinnerungen ein. Offenbar folgte auch Ellwydd – wie er selbst – einer alten römischen Sitte, oder sie war körperlich doch noch sehr viel jünger, als der Rest ihrer Entwicklung vermuten ließ. Auf jeden Fall hatte Egbert keinerlei Schambehaarung erkennen können.

Wütend und erregt verließ er wortlos den Ort des Zwischenfalls und sammelte seine Kleidung und seine Ausrüstung wieder ein. Vorerst begnügte er sich damit, wieder in die Reiterhose zu schlüpfen, die anderen Teile legte er fein säuberlich auf einem größeren Felsen aus, von denen alle paar Meter welche aus dem hellen Sand ragten. Nicht von ungefähr hatte die Insel in alten Zeiten den Beinamen „Steinernes Land“ erhalten. Ellwydds Stimme erklang erneut.

„Egbert, seid mir nicht mehr böse wegen des kleinen Scherzes. Kommt herüber und sprecht mit mir. Ich habe eine Menge Fragen.“

Er atmete tief durch. Er war unendlich erleichtert, dass ihr nichts zugestoßen war, ja selbst darüber, dass offenbar keinen Augenblick lang eine echte Gefahr für sie bestanden hatte. Aber er war auch wütend und tief beschämt – und mit diesen beiden Gefühlen konnte der alte Krieger gar nicht gut umgehen. Zudem spürte er das Tier in sich regen: Die nackte Haut, der Anblick, der Kuss, ihr Geruch und ihr Geschmack, die Nähe, ihre Unbekümmertheit, die vorangegangene Angst und Erregung und nicht zuletzt die warme Sonne und das Salzwasser auf seinem Körper schufen eine unheilige, gefährliche Stimmung, die in seinem Kopf, in seinem Bauch und noch viel mehr zwischen seinen Beinen rumorte.

Nein, er würde sich ihr keinesfalls nähern, nicht, solange sie so nackt und feucht und dampfend dasaß: Am ganzen Körper von Sandkörnern bedeckt, die zwischen ihren feinen, hellblonden und jetzt aufgerichteten Härchen vor allem an Armen und Beinen klebten, ihrer linken Brust, auf der der feuchte Sand eine aufregende Verzierung bildete, während die rechte Brust glatt, sauber und vorwitzig in die Welt lugte, und den beiden Brustwarzen, die unübersehbar auf die Kälte des Wassers reagierten.

Ihre roten, lebendigen Lippen halbgeöffnet, mit den Augenliedern träge blinzelnd, das lange, wallende und nasse Haar an ihrem Körper klebend saß sie dort wie die Versuchung in Person, doch die größte Herausforderung für ihn war die stetige Erinnerung an das, was er zwischen ihren Beinen gesehen hatte.

Nein, dieser gesamte Anblick würde dem Tier in ihm zur uneingeschränkten Herrschaft verhelfen. Und so sehr sich ein Teil von ihm danach sehnte, so sehr arbeiteten Verstand und Verantwortungsgefühl dagegen. Doch vielleicht half ihm auch ein anderer Urinstinkt namens Liebe bei diesem inneren Kampf. Er klang auf jeden Fall schroffer, als er beabsichtigt hatte.

„Ich komme erst näher, wenn Ihr Euch angekleidet habt, Mylady!“

Ihre Antwort fiel trotzig aus, denn sie kannte Egbert inzwischen gut genug um wissen, wann er einen unverrückbaren Entschluss getroffen hatte. Trotzdem versuchte sie es noch einmal.

„Aber Egbert, ich werde das Kleid verderben, ich bin noch völlig nass und überall klebt mir Sand am Körper.“

Er lachte still in sich hinein. Bei einer älteren, erfahreneren Frau hätte er dies Verführungskunst genannt. Ellwydd dagegen unterstellte er weder Vorsatz noch Berechnung. Im Gegenteil: Sie war den gleichen Empfindungen und Eindrücken ausgesetzt gewesen wie er selbst, nur hatte sie keinerlei Erfahrung im Umgang damit und konnte sich noch nicht dagegen wehren.

Er beschloss, ihr zumindest in dieser Hinsicht zu helfen. So lange sie nicht genau wusste, was mit ihr geschah, würde sie es kaum kontrollieren können. Sollte sie also Fragen dazu haben, würde er versuchen, diese – so gut es ging – zu beantworten. Doch zunächst musste sie sich ankleiden.

„Dann trocknet Euch in der Sonne und streift den Sand mit den Händen ab, Mylady. Und vergesst nicht, sie haben gute Wäscherinnen im Kloster, also macht Euch keine Sorgen um das Kleid.“

Er schmunzelte, weil sie nun nicht mehr versuchte, ihn zu überreden. Der Zauber des Augenblicks war verflogen. So stellte sich bei ihm schnell wieder die souveräne Gelassenheit ein, die ihn sein Leben lang begleitet hatte. Und Ellwydd begann sichtlich widerwillig, seinem Vorschlag nachzukommen. Allerdings beeilte sie sie sich nicht sonderlich, sie schien zwischendurch sogar zu träumen. Vor ihrem inneren Auge begann sich eine seltsames Bild zu formen, dass so gar nicht zu ihrer Situation passen wollte.

Da war ein Busch mit hellgrünen, fleischigen Blättern, direkt vor ihr. Beeren hingen an den zierlichen Zweigen in kleinen Dolden herab, doch zu hoch für sie: Sie musste sich strecken, um an die nahrhaften, roten Trauben zu gelangen. Sie stellte das Geflecht auf den Boden, diese Art Korb, in dem sich schon einige Beeren befanden – leider nicht genug, um schon zurück zur Sippenhöhle zurückzukehren. Sie fühlte sich nicht wohl: Es war das erste Mal, dass sie allein zwischen den hohen Bäumen unterwegs war und eben hatte sie ein ungewöhnliches Geräusch gehört – vielleicht schlich sich ein Raubtier an. Trotzdem benötigte ihre Sippe mehr Beeren, also riss sie sich zusammen und überwand ihre Angst…

„Ellwydd! Wach auf und beeil Dich!“

Egberts Stimme klang ungeduldig, nachdem er die Königstochter eine Weile lang dabei beobachtet hatte, wie sie reglos im Sand kauerte und gar keine Anstalten machte, sich anzuziehen. Das Mädchen schreckte hoch und sah ihn wie aus weiter Ferne an. Endlich begann sie, sich den Sand von der Haut zu streichen. Nach einiger Zeit trat sie angekleidet zu ihm. Sie schüttelte kurz den Kopf.

„Ich glaube, ich habe eben mit offenen Augen geträumt…“

Der alternde Krieger grinste und nickte.

„Das glaube ich auch, Mylady. Ihr habt doch etwas zu viel Sonne abbekommen, nicht wahr?“ Ellwydd setzte zu einer Entgegnung an, schüttelte dann aber langsam den Kopf.

„Nein, das war anders. Das war so… real?“

Sie sprach die Worte wie zu sich selbst. Dann blinzelte sie kurz und blickte ihren Paladin unsicher an.

„Master Egbert… ich bin ein wenig verwirrt.“

Sie klang fast kleinlaut. Die Sonne war dabei, sich langsam dem Horizont zu nähern und es wurde merklich kühler. Er legte ihr seinen Reiterumhang um die Schultern. Sie setzte sich dankbar nickend neben ihn in den Sand. Sie blickte in Richtung Sonnenuntergang, als sie leise zu ihm sprach.

„Ich habe fast das Gefühl, dass ich vorhin gerne…“

Sie verstummte. Der alternde Krieger nickte. Seine Stimme klang dunkel und rau.

„Was Ihr da gefühlt habt, Mylady, nennt man Wollust. Klare Luft, Sonne auf der Haut, selbst das Salzwasser und das belebende Gefühl des Sandes können einen Menschen zum Tier werden lassen.“

Sie sah ihn erstaunt an.

„Ihr sprecht, als würdet ihr diese Empfindungen kennen, Master Egbert?“

Er lachte leise.

„Nun Mylady, auch in meinem Alter ist man davor nicht gefeit, vor allem nicht, wenn einem ein so junges, wohlgeratenes Ding die Zunge in den Mund steckt…“

Er räusperte sich und unterbrach sich kurz.

„Verzeiht meine Wortwahl, Mylady...“

Nun konnte sie nicht anders, als zu kichern. Doch sie fasste sich schnell wieder und wurde ernst.

„Verzeiht ihr mir bitte, Master. Ich glaube, ich habe da mit dem Feuer gespielt ohne es zu wissen, und bitte, nennt die Dinge beim Namen, so wie es beim Volk üblich ist. Vielleicht werde ich dieses Wissen sehr bald brauchen, wenn…“

Sie führte ihre Vermutungen nicht weiter aus, aber ihre Ausbildung in diesem Kloster war mit Sicherheit nicht nur begonnen worden, um den Bediensteten von Deira Castle, dem Sitz des Hochkönigs von Northumbria, zu einer weniger aufbrausenden Herrin zu verhelfen. Man munkelte allerorten, dass Lady Ellwydd schon bald einem Edlen des Reiches zur Gemahlin gegeben werden würde. Die Frage, die noch offen blieb war, ob der König ihren zukünftigen Gemahl adoptieren und damit zu seinem Thronfolger machen würde. Andernfalls blieb die Erbfolge bei Oslac – dem habsüchtigen Bruder des Königs – und dessen Sohn Beorthric.

Cumbrae konnte allerdings nicht riskieren, diese beiden wichtigen Bundesgenossen zu verärgern. Jeder in Northumbria wusste, dass Oslac eher Krieg gegen seinen älteren Bruder geführt hätte, als auf die Möglichkeit zu verzichten, die Thronfolge in seinen Zweig der Familie zu holen. Aber mit Ellwydd gab es einen leiblichen Nachkommen. Wenn nun der Hochkönig ihren Gatten an Sohnes statt annahm, ging die Erbfolge automatisch auf diesen über. Und eine gesicherte Erbfolge war wichtiger denn je.

Es war eine schwierige Zeit für die Angelsachsen auf der britannischen Insel und die Nordmannen waren nicht ganz unschuldig daran. Mit dem ersten Angriff der Seekrieger aus dem Norden vor rund siebzehn Jahren hatten sich die Machtgefüge deutlich verschoben. Die bis dahin immer weiter nach Westen vordringenden Angelsachsen sahen sich unversehens einer neuen Front gegenüber, einer Front, die sich schnell vom Meer her aufbaute, schwere Wunden in die bereits sicher gewähnten Reiche schlug und ebenso schnell wieder verschwand, wie sie gekommen war.

Genau hier, wo Egbert und Ellwydd an diesem Abend des 21. Juli im Jahre 810 saßen, war der erste Angriff erfolgt. Damals war das friedliche Kloster auf der Gezeiteninsel Lindisfarne überraschend von Nordmannen überfallen und nahezu dem Erdboden gleichgemacht worden. Und seit diesem verheerenden Gewaltstreich war Lindisfarne nicht nur der Name eines Klosters, sondern gleichsam das Synonym für den Schrecken, den die nordischen Seekrieger über das Land und vor allem über die Ostküste der großen Insel gebracht hatten.

Inzwischen waren die Gebäude wieder aufgebaut worden und wesentlich besser gesichert als damals, aber nun brachen die Nordmannen an anderen Stellen ein, überfielen Dörfer, Siedlungen, Gehöfte und Klöster, mordeten, plünderten, brandschatzten und… verschwanden wieder.

Ellwydd konnte sich noch gut an den Tag erinnern, als sie erfahren hatte, wie gefährdet ihre Heimat war. Ihr Vater hatte sie in das große Kartenzimmer rufen lassen, dorthin, wo üblicherweise die Edlen des Reiches Kriegsrat hielten. Kein halbes Jahr vor ihrer Reise nach Lindisfarne wollte ihr der Hochkönig unbedingt zeigen, wie es um Northumbria stand.

Er zog einen Vorhang beiseite und deutete auf eine riesige, die ganze Wand einnehmende Zeichnung. Ellwydd starrte fasziniert auf das übergroße, bunte Bild, das von der Farbe blau beherrscht wurde. In dem ganzen Blau gab es eine Figur, die überwiegend in Grün und Ocker gehalten war und an ein Seepferdchen erinnerte, dessen Unterkörper und Bauch etwas zu dick geraten waren und das nach rechts blickte.

„Was ist das für ein Tier und wozu ist diese Zeichnung gut, Vater?“

Der alte Hochkönig lachte spontan auf. Dann winkte er nachsichtig ab.

„Das, meine Tochter, ist unsere Heimat, die britannische Insel. Es sind ihre Umrisse, so wie ein Vogel das Land sehen würde, wenn er ganz oben am Himmel fliegt.“

Cumbrae lachte nochmals trocken auf und musste anschließend husten, wie so oft, seit Ellwydds Mutter gestorben war. Dann trat er an die Karte heran und nahm einen Zeigestock in die Hand. Er tippte auf den Kopf des vermeintlichen Seepferdchens.

„Hier ist Norden.“

Er fuhr über den Teil, den Ellwydd irrtümlich für eine Art Zierkamm gehalten hatte.

„Dies ist das Gebiet, das wir Piktenland nennen. Dort wohnen die Wilden, die ihren Körper immer noch bemalen, so wie sie es schon getan haben, bevor die Römer kamen.“

Dann fuhr der Zeigestock nach links, also auf den Hinterkopf und umkreiste die kleinen Bruchstücke, die sich von dem Hauptland abgelöst zu haben schienen.

„Das ist das Gebiet, wo vor fast vierhundert Jahren die Skoten gelandet sind. Zuerst auf diesen Inseln, dann haben sie größere Teile des westlichen Nordens erobert und sich dort festgesetzt. Sie nennen ihr Königreich selbst Dál Riata, wir sprechen es etwas anders aus: Dalriada. Die Skoten sind der Grund, warum Deine und meine Vorfahren vom Festland auf diese Insel gerufen wurden.“

Ellwydd sah ihren Vater fragend an.

„Wir wurden gerufen? Von wem?“

Cumbrae nickte und fuhr mit dem Zeigestock am linken Rand des vermeintlichen Halses entlang.

„Von denen hier. Das ist das Reich von Strathclyde, hier leben die Völker, die einst von den Römern im Stich gelassen wurden. Allein konnten sie sich nicht gegen die Skoten und Pikten wehren, und so baten sie uns um Hilfe. Saxones und Angli, und all die Stämme, die heute den unteren und östlichen Teil der Insel bewohnen und sich selbst Angelsachsen nennen.“

„Wo kamen unsere Vorfahren her, Vater?“

Der alte Hochkönig deutete weiter nach rechts.

„Das ist auf dieser Karte nicht zu sehen, Tochter. Wir kamen über das Meer. Es gibt die Sage, dass Hengest und Horsa mit vielen anglischen Kriegern dem britannischen König zur Hilfe eilten, als die wilden Skoten drohten, übermächtig zu werden. Zum Dank gab er ihnen Land an der Ostküste. Hier verläuft die Grenze zwischen den Reichen.“

Er fuhr erneut über die Karte. Ellwydd erkannte eine dünne Linie, die den linken vom rechten Teil des oberen verjüngten Stückes der Insel unregelmäßig trennte. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und zeigte mit dem Finger auf diese Linie.

„Ist das die Grenze? Zwischen Strathclyde und Northumbria?“

Ihr Vater nickte erfreut.

„Ja, Tochter. Du begreifst schnell. Das ist gut.“

Er zeigte auf einen tiefen Einschnitt in blauer Farbe, der sich auf der rechten Seite oberhalb Northumbrias in das Land schob.

„Diese Bucht nennen wir Firth of Fourth. Sie bildet eine natürliche Grenze nach Norden gegen die Pikten, und das Reich Strathclyde hält uns im Westen die Skoten vom Hals. Mit den Britanniern von Strathclyde haben wir seit vielen Jahren Frieden, obwohl sie uns einst erbittert bekämpft haben.“

Ellwydd sah ihren Vater fragend an.

„Norden, Westen?“

Der alte Hochkönig nickte.

„Sieh her: Karten sind immer so ausgerichtet, dass Norden oben ist, Süden unten, und rechts geht es nach Osten und links nach Westen.“

„Wieso haben sie uns bekämpft? Ich dachte, sie wären unsere Verbündeten?“

Cumbrae verzog sein Gesicht. Es sah fast wie ein Lächeln aus.

„Nun, wie es scheint, wächst unsere Bevölkerung schneller als die der Britannier. Daher brauchen wir Angelsachsen auch mehr Land. Und wo sollen wir das auf dieser Insel hernehmen, wenn nicht von den Britanniern?“

Bevor Ellwydd sich empören konnte, winkte Cumbrae ab.

„Zudem sind sie beinahe Heiden. Sie folgen der heiligen Schrift nicht so, wie es in Rom gelehrt wird. Und das, obwohl wir sie schon einmal unterworfen hatten. Vor wenigen Jahren haben sie sich wieder befreit, in einem großen Aufstand. Northumbria war zu schwach, weil wir den Nordmannen an der Ostküste trotzen mussten.“

Er sprach fast zu sich selbst und Ellwydd spürte die Verbitterung in seiner Stimme. Dennoch wagte sie, ihm eine Frage zu stellen.

„Kommen denn die Nordmannen aus dem Norden, wie der Name es sagt? Wo leben sie? Bei den Pikten?“

Cumbrae schüttelte den Kopf und deutete nach rechts oben in die blaue Fläche.

„Sie kommen von hier, aus dem Nordosten, über das Meer. Die hellen Nordmannen, die aus Norge kommen. Die dunklen Nordmannen, die Dannen und Svear kommen aber auch von hier, aus Südosten.“

Er deutete nach rechts unten.

„Ah, das Blaue ist also das Meer. Dann kommen die Nordmannen von dort, wo unsere Vorfahren lebten?“

Der alte Hochkönig wog bedächtig den Kopf.

„Nicht ganz, Ellwydd. Zwischen unseren Vorfahren und den Nordmannen gab es bedeutsame Unterschiede, und wir, die wir jetzt seit Jahrhunderten auf dieser Insel leben, haben so gut wie nichts mehr mit ihnen gemein. Sie sind allein deshalb schon unsere Gegner, weil sie ihre alten Götter verehren. Sie verachten die heilige Schrift. Sie plündern Klöster und töten die Männer Gottes ohne jede Reue. Wir müssen ihnen Einhalt gebieten, doch wie Du siehst, hat Northumbria eine lange Küste.“

Er fuhr die rechte Grenze zwischen Grün und Blau herab und zeigte ihr die Ostküste.

„Dieses ganze Gebiet ist zum Shire von Bernica zusammengefasst, der von einem meiner mächtigsten Reeves verwaltet wird, von Ceidric. Vielleicht hast Du schon von ihm gehört?“

Ellwydd nickte eifrig. Wer kannte nicht Ceidric von Bernica, den Shire-Reeve, der an Northumbrias Ostküste Reitergarnisonen und Meldetürme aufgebaut und damit in den letzten vierzehn Jahren jeden Überfall der Nordmannen erfolgreich vereitelt hatte? Es hieß, er habe mehr als zweitausend Reiter unter Waffen, verteilt auf Hundertschaften, die in kleinen Forts entlang der Küste lagen und vom direkten Umland versorgt werden mussten. Die Meldetürme machten es möglich, die herannahenden Drachenschiffe der Nordmannen schon viele Stunden, bevor sie die Küste erreichten, auszumachen. Durch die hohe Dichte der Küstengarnisonen konnte Ceidric leicht mehrere hundert Reiter heranbringen, noch bevor ein einziger Seekrieger aus dem Norden seinen Fuß auf britannischen Boden gesetzt hatte.

Und der Reeve des Bernica-Shires war im Volk beliebt. Er hatte sich gegen den Bischof von Eoforwic durchgesetzt und einen Teil der allgemeinen Steuern erlassen. Die Bauern und Jäger im Umland der Garnisonen waren stattdessen dazu angehalten, die Reitertruppen mit Nahrung und Gebrauchsgütern zu versorgen. So lebten die berittenen Krieger und das gemeine Volk in Eintracht zusammen, das Thanes und deren Pächter brauchten nicht so hohe Abgaben zu zahlen und in der Erntezeit standen allen, die das Land bestellten, viele freiwillige Helfer zur Verfügung, sofern gerade kein Angriff drohte oder Manöver durchgeführt wurden.

Cumbrae schlug mit dem Zeigestock an die Wand und Ellwydd schreckte auf.

„Schlaf nicht, Tochter. Mit dem Küstenschutz im Osten binden wir den größten Teil unserer Truppen, und den Rest müssen wir an den Grenzen von Strathclyde stationieren, damit die Britannier den Respekt vor uns nicht verlieren. Da stehen noch einmal um die eintausend Krieger, die von meinem treuesten Alderman Sygebryht von Sancton geführt werden. Doch die größte Gefahr droht uns von hier!“

Er deutete weiter unten auf die Karte, wo die Umrisse von Northumbria in einem schwungvollen Außenbogen quer über die gesamte Breite der britannischen Insel verliefen.

„Hier im Süden sitzt Coenwulf, derzeit der mächtigste König der Angelsachsen. Er regiert das Reich von Mercia. Sein gieriger Blick ist schon lange auf Northumbria gerichtet.“

Ellwydd sah sich die Karte genauer an. Alle einzelnen Reiche waren durch feine, auf den ersten Blick kaum erkennbare graue Linien markiert. Sie konnte schnell feststellen, dass Mercia tatsächlich um ein gutes Drittel größer als Northumbria war. Und während sich ihre Heimat wie ein langer Schlauch an der Ostseite der Insel dahin zog, mit einer ebenso langen, von See her verwundbaren Küste, im Westen dagegen auf fast seiner gesamten Länge das britannische Reich Strathclyde zum Nachbarn hatte, mit dem ein junger, brüchiger Frieden bestand, war die Lage von Mercia beinahe zu beneiden:

Das angelsächsische Großreich lag komfortabel eingebettet in dem bauchigen, unteren Teil Britanniens. Der kleine Küstenstreifen im nördlichen Osten war leicht zu verteidigen, dagegen wurde im Südwesten, Süden und Südosten der Küstenschutz durch die deutlich kleineren Reiche Wessex, Sussex, Essex und East Anglia gewährleistet. Und auf der langen Westseite von Mercia lag das wehrhafte britannische Reich von North Wales, mit dem ein stabiler, dauerhafter Friede bestand, sowie das kleine Cornwall, von dem keine Gefahr ausging.

„Vater, warum wendet sich Coenwulf gegen sein eigenes Volk?“

Cumbrae hustete erneut.

„Weil er Land braucht, ebenso wie wir. Jeder Herrscher will mehr, und am einfachsten nimmt man es denen weg, die schwächer sind als man selbst. Und Coenwulf meint, dass Northumbria schwach ist. Jedes Jahr fordert er höhere Tributzahlungen. Er wird langsam unverschämt.“

Ellwydd sah sich die Karte genauer an.

„Können wir uns nicht mit North Wales verbünden und ihn von zwei Seiten in die Zange nehmen?“

Der alte König sah erstaunt auf.

„Bist Du wirklich ein Mädchen, Ellwydd? Das ist keine schlechte Idee, aber um ein Bündnis zu schließen, muss man selbst auch kämpfen können. Ich habe Dir gesagt, wo unsere Truppen gebunden sind. Die paar Krieger, die meine anderen Shire-Reeves und Aldermen aufbringen können, reichen nicht einmal, um überall im eigenen Land die Kontrolle zu behalten. Wir wären für North-Wales kein ernst zu nehmender Bündnispartner.“

„Aber vielleicht könnten wir uns mit Strathclyde oder den nördlichen Reichen zusammentun?“

Nun lachte der alte König laut auf und Ellwydd spürte, dass sie rot wurde. Ihr Vater machte sich über sie lustig, dabei hatte sie doch nur helfen wollen. Endlich beruhigte sich Cumbrae. Seine Miene wurde ernst und seine Stimme klang düster.

„Mit den nördlichen Reichen wird es niemals ein Bündnis geben. Die Britannier von Strathclyde trauen uns nicht, doch die Skoten aus Dalriada hassen uns geradezu. Mit den Nordmannen an unseren Küsten sind wir bereits in einen Krieg verwickelt und wir sind tatsächlich schwach. Das wissen die Britannier, und das weiß auch Coenwulf.“

Ellwydd versuchte es noch einmal.

„Aber wir haben doch die Reiter von Bernica und die Truppen Sanctons. Und die Soldaten aus den anderen Shires?“

Cumbrae schüttelte nachsichtig den Kopf.

„Ceidric wird niemals seine Reiter von der Küste abziehen und das Land ungeschützt den Nordmannen überlassen, und Sygebryht hat viele Britannier unter seinen Männern. Es ist fraglich, ob die für uns kämpfen würden. Doch genug für heute, Kind. Belaste Dich nicht mit solchen Gedanken. Bald wirst Du sowieso nicht umhin können, Dich mit der lästigen Politik beschäftigen zu müssen. Bis dahin genieß das Leben.“

Er zog den Vorhang seufzend zu und sah Ellwydd lange und nachdenklich an. Ein trauriges Lächeln huschte über sein Gesicht. In einem seltenen Impuls legte er seiner Tochter die Hand auf die Schulter.

„Sei stark, Ellwydd. Du siehst Deiner Mutter so ähnlich, dass es manchmal weh tut.“

Dann hatte er kurz mit der Hand gewedelt und sie war aus dem Zimmer gegangen. Einige Wochen später war die offizielle Aufforderung des Königs gekommen, ihre Ausbildung zu beginnen. Sie und Egbert von Leicester als ihr Leibwächter hatten sich auf den Weg nach Lindisfarne gemacht. Er sollte sie beschützen, sie sollte lernen. Lernen, eine Königin zu werden. Ellwydd sah ihren Paladin lächelnd an.

„Ich hätte es auch schlechter treffen können, nicht wahr?“

Der alte Krieger blickte auf.

„Mylady?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Schon gut, Master Egbert. Ich wollte nur sagen dass ich froh bin, dass Ihr hier bei mir seid. Könnt Ihr Euch denken, warum mein Vater gerade Euch ausgewählt hat?“

Egbert räusperte sich verlegen.

„Nun, es ist zumindest eine große Ehre.“

Ellwydd rückte etwas näher zu ihm heran.

„Vielleicht hat der Hochkönig ja gewusst, dass wir beide uns sehr gut verstehen würden?“

Sie lächelte kokett. Egbert rümpfte die Nase und erhob sich.

„Was soll das heißen, Mylady? Ihr wollt doch nicht andeuten, dass ich gewählt wurde, weil ich weder Frau noch Familie habe?“

Ellwydd stand ebenfalls auf und trat einen Schritt auf ihn zu. Ihre bisherige Nachdenklichkeit schien offensichtlich anderen Gefühlen zu weichen: Sie wurde übermütig.

„Warum nicht? So seid Ihr frei von allen weitergehenden Verpflichtungen und braucht niemandem Rechenschaft ablegen, solltet Ihr mir einmal zu nahe kommen! Es bliebe alles unter uns!“

Sie lachte auf und zog den alten Recken spielerisch an seinem Haarzopf. Egbert wurde unbehaglich zumute: In diesem Mädchen steckte offenbar der Teufel. Ahnte sie etwa von der Zwiespältigkeit seiner Gefühle für sie? Oder wusste sie gar, dass er seit Jahren seine körperlichen Bedürfnisse mit jenen Frauen stillte, die es als ihre Profession ansahen, jemandem wie ihm etwas Zuwendung zu verkaufen? Hatte die junge Königstochter eine Ahnung, wie sehr er sich manchmal beherrschen musste, wenn sie allzu unbefangen mit ihm umging?

Aber noch schlimmer als all diese Vorstellungen war der Gedanke, dass der Hochkönig ihn weder wegen seiner Treue und Einsatzbereitschaft, noch wegen seiner Fähigkeiten als Kämpfer, sondern tatsächlich aus diesem einen Grund ausgesucht haben könnte: Weil er, Egbert, möglicherweise tiefere Sehnsüchte nach diesem jungen Mädchen entwickeln würde als manch anderer. Warum sonst war er allein bei diesem Auftrag, warum wurde die Königstochter nicht von einem Trupp geschützt, wie es üblich war? Egbert schüttelte sich und wandte sich zu Ellwydd um. Seine Stimme klang rau.

„Mylady, nun lasst uns gehen. Es wird Zeit.“

Doch die junge Königstochter setzte sich wieder in den Sand und bedeutete ihm, es ihr gleich zu tun.

„Gleich, Master Egbert. Erst müsst Ihr mir noch etwas erklären.“

Sie nickte ihm aufmunternd zu. Er ließ sich nieder, achtete jedoch darauf, ihr nicht zu nahe zu kommen. Zu lebendig waren die jüngsten Erinnerungen an ihre Nacktheit, als dass er leichtfertig eine direkte Berührung riskiert hätte. Er sah sie fragend an und sie fuhr fort.

„Die Nordmannen. Was wollen sie hier?“

Egbert seufzte: Das Mädchen wusste, wie man Zeit schinden konnte. Und er ahnte, dass sie keinen Schritt in Richtung Kloster machen würde, bis ihre Neugier gestillt war. Er überlegte kurz, wo er anfangen sollte. Immerhin hatte er in seinem Leben viele Schlachten gegen die Nordmannen geschlagen, Gefangene verhört, an Verhandlungen teilgenommen und er sprach fließend Norrøn, die Diplomatensprache, mit der sich Angelsachsen und Britannier mit den Nordmannen verständigen konnten. Er war für die Königstochter also nicht der schlechteste Ansprechpartner zu diesem Thema, doch er wollte ihr einen realistischen Eindruck über die Seekrieger geben, die seit nunmehr siebzehn Jahren die Küsten ihrer gemeinsamen Heimat bedrohten. Das Auftauchen der Nordmannen hatte zu einer deutlichen Veränderung der politischen Verhältnisse auf der britannischen Insel geführt. Für die Angelsachsen war es unumgänglich geworden, sich auf den Erhalt des Status Quo zu konzentrieren und mit den beiden noch freien britannischen Reichen Frieden zu halten. Sie mussten ihren Expansionsdrang zügeln – und so war es mit der Zeit zu immer größeren Spannungen zwischen den zahlreichen angelsächsischen Herrschern gekommen.

Sie alle nannten sich „König“. Jeder wollte der Größte und Mächtigste sein. Natürlich waren einige von Ihnen von dem legendären Artroy inspiriert, der in alter Zeit als König aller Britannier angeblich große Erfolge gegen die damals eindringenden Angelsachsen errungen und das Reich unter einer Flagge geeint hatte – und viele von denen, die kleinere Ländereien beherrschten, wünschten sich solchen Ruhm und solche Macht. Doch mit dem Auftauchen der ersten Drachenschiffe vor den Küsten Britanniens konnten die alten Fehden nicht länger fortgeführt werden: Die Nordmannen waren besser bewaffnet, schlugen hart und unerwartet zu, zogen sich zurück, ohne dass man sie stellen konnte und rissen mit dieser Strategie große Lücken in die sicher gewähnten Reiche. All die kleinen Eifersüchteleien unter den angelsächsischen Edlen mussten genauso ausgesetzt werden, wie die großen Kriege gegen Skoten und Britannier, denn nachdem das erste Langboot der Nordmannen an Britanniens Ostküste aufgetaucht war, gab es nun einen gemeinsamen Feind.

Die Ziele der Angreifer waren nicht vorhersagbar: Erst waren es kleinere Expeditionen gewesen, die vereinzelt Klöster oder kleinere Dörfer überfallen hatten, aber nachdem sie die Schwäche der Abwehr der Insel in Gänze erkannt hatten, waren immer größere Trupps gekommen. Und offenbar konnten die Nordmannen alles gebrauchen, was die Insel zu bieten hatte: Silber und andere Edelmetalle, Kupfer, Zinn, Eisen, Salz, Tiere, Nahrung, Felle, Tuch, Schmuck, Waffen und … Sklaven. Dort wo sie herkamen, gab es so gut wie nichts, was das Überleben sicherte, das Land war karg und kaum besiedelt – so benötigten sie neben den Gütern vor allem Menschen, die dort harte Arbeit verrichten konnten. Die Seekrieger setzten wehrfähige Sklaven sogar als Kämpfer oder Ruderer auf ihren Beutezügen ein, aber vorwiegend dienten sie als Feld- und Waldarbeiter, die sich um die Höfe kümmerten, wenn sich ihre Herren auf einer Handelsfahrt – oder auf „Vik“, wie die Nordmannen es nannten – befanden.

Und seit die Überfälle begonnen hatten, war nicht ein verschleppter Britannier oder Angelsachse lebend nach Hause zurückgekehrt. Die Angst in der Bevölkerung wuchs. Die Herrscher der Angelsachsen mussten darauf reagieren, ob sie wollten oder nicht. Dabei standen ihnen ihre selbstgeschaffenen Strukturen nun eher im Weg: Es gab zwar zentral regierte, große Reiche, über die der König gebot, doch diese waren in viele kleine Bezirke, die so genannten Shires unterteilt. Einem Shire stand ein Reeve vor; im Volk nannte man ihn der Einfachheit halber „Shire-Reeve“, oder Sheriff. Der Sheriff musste nicht unbedingt ein Edler sein, auch vermögende Großbauern und Landbesitzer, die Thanes, konnten diesen Titel verliehen bekommen, da er nicht erblich war. Der Sheriff war mehr oder weniger nur der Verwalter seines Bezirkes, ganz anders als der „Alderman“ oder Earldorman. Bei diesem handelte es sich um einen Adelstitel und sein Träger stand dem „Cynig“ – oder „König“ – dem Herren aller Earldormen, sehr nah. Meist waren unter einem Earldorman mehrere Shires zusammengefasst – in solchen Fällen war er der direkte Führer seiner Sheriffs.

Und jeder dieser Edlen – ob mit einem erblichen oder nur auf Lebzeit verliehenen Titel – trachtete vor allem nach der Mehrung und Festigung seiner eigenen Macht. Hinter den Kulissen tobten Intrigen und Eifersüchteleien zwischen den angelsächsischen Adligen, die eine koordinierte Verteidigung gegen die Plünderer aus Svear, Daneland und Norge erheblich erschwerten. Das hatte sich in Teilen inzwischen geändert, wie Egbert wusste, es gab nun mehr und mehr Sheriffs und Earldormen, die es als ihre erste Pflicht ansahen, die Insel zu schützen, aber zwischen den beiden Großreichen Mercia und Northumbria war das Misstrauen größer denn je. Und ausgerechnet Northumbria lag ziemlich unglücklich inmitten einer brisanten Mischung aus Nachbarn, die jede Schwäche des Hochkönigs ausnutzen würden.

Doch war es das, was Ellwydd interessierte? Vor allem: Sollte Egbert sie damit überhaupt belasten? Er sah sie von der Seite an, während sie ihren Blick gedankenverloren über das Meer schweifen ließ und wie gebannt in den Sonnenuntergang starrte.

Egbert wusste genug über die innenpolitischen Verhältnisse, dass er der jungen Königstochter auch einiges über ihren Vater hätte erzählen können, doch er entschied sich dagegen. Cumbrae befand sich in einer mehrfachen Zwickmühle: Hochkönig Coenwulf von Mercia – dem angelsächsischen Reich, das am wenigsten unter den Nordmannen zu leiden hatte – drohte schon seit Jahren mit Krieg und ließ sich nur mit stetig steigenden Tributzahlungen davon abhalten, Northumbria anzugreifen. Strathclyde, das fast schon unterworfene Reich der alten Britannier war erneut erstarkt und bedrohte die Grenze im Nordwesten. Die irischen Skoten, die sich seit einigen Jahrzehnten im nördlichen Hochland festgesetzt hatten, erhöhten ihren Druck auf das restliche Britannien.

Und im Inneren stand es nicht besser: Cumbraes Bruder Oslac forderte beinahe offen den Thron von Northumbria für seinen Sohn Beorthric, weil der amtierende Hochkönig gleich zwei bedeutsame Fehler gemacht hatte: Einerseits hatte er das Erbfolgegesetz erlassen, nachdem der erstgeborene Sohn automatisch Thron und Titel des Vaters erben sollte, doch andererseits hatte er es verpasst, einen solchen Sohn zu zeugen, woraus Oslac schloss, dass die Thronfolge nun seinem Abstammungszweig zufallen würde.

Das Gesetz hatte ohnehin zu einer Menge Unheil geführt: Es war zu einer Spaltung der Adligen und zu einem Bürgerkrieg in Northumbria gekommen, der das Land fast zwanzig Jahre lang in Atem gehalten hatte. Die Gegner des Königs setzten sich vor allem aus traditionellen Angelsachen zusammen: Sie wollten die Wahl des Thronfolgers wie in alten Zeiten auf einem Großthing durchführen – und zwar ohne jede Einschränkung. Ziel war, den Besten zum neuen König zu krönen: Daher lehnten sie jede geregelte Erbfolge strikt ab.

Die Befürworter dagegen reizte die Aussicht, ihre Titel und Lehen durch das neue Gesetz in der eigenen Familie zu halten. Sie waren der Meinung, dass sie ihre Besitztümer nicht so schnell verlieren würden, wenn diese schon mehrere Generationen von der eigenen Sippe verwaltet wurden. Die Auseinandersetzungen beider Parteien eskalierten und es kam zur offenen Revolte gegen Cumbrae. Ganze drei Mal musste er im Verlauf des Aufstandes sein Schloss in Eoforwic räumen und sich auf das alte Römerkastell in Deira zurückziehen. Anfangs sah es so aus, als würden seine Gegner die Revolte schnell für sich entscheiden. Doch Cumbrae wäre nicht Cumbrae gewesen, wenn er die militärische Unterlegenheit seiner Anhänger nicht mit Hinterlist und Intrigen wettgemacht hätte.

Er machte hier Zugeständnisse, die er später nicht einhielt, traf sich dort zu angeblichen Friedensverhandlungen und ließ Gegner einfach umbringen, er schickte gedungene Mörder auf die Burgen der Aufständischen und wiegelte sie gegeneinander auf. Hin und wieder führte er auch kleinere Feldzüge durch. Da nicht jede dieser Unternehmungen fehl schlug, festigte er mühsam aber stetig seine schon verloren geglaubte Macht. Am Ende triumphierte er. Zwar waren die Reihen seiner Edelleute merklich dünner geworden, doch das hatte Platz geschaffen, um einige seiner Günstlinge mit mehr Macht und Wohlstand auszustatten. Als dann die Nordmannen im Jahr 793 das erste Mal in Lindisfarne zuschlugen, war Northumbria gerade dabei, sich von den Folgen der Revolte zu erholen. Cumbraes Thron war gesichert, doch er war inzwischen 48 Jahre alt. Er hatte sein Erbfolgegesetz gegen den Widerstand einer nicht unerheblichen Gruppe von Adligen durchgesetzt, aber er hatte keinen legitimen Erben.

So heiratete er schnell entschlossen Gwladys, eine der jüngeren Töchter des Königs von North-Wales. Keine neunzehn Monate später kam ihre Tochter Ellwydd zur Welt. Egbert konnte sich noch gut an die Braut seines Hochkönigs erinnern: Sie war eine strahlende Schönheit gewesen und viele Untertanen von Cumbrae hatten mit ihrer Ankunft auf bessere Zeiten gehofft. Doch der Hochkönig verschloss die junge Mutter eifersüchtig in Deira Castle, das er inzwischen zu seinem Regierungssitz gemacht hatte. Das alte Römerkastell hatte einen entscheidenden Vorteil gegenüber der neueren Burg in Eoforwic: Es war zur Gänze aus Stein gebaut und galt daher als uneinnehmbar. Während der Revolte hatte sich Cumbrae drei Mal hierher zurückziehen müssen, es lag also nahe, dieses nicht besonders ansehnliche, aber sichere Kastell weiter auszubauen.

Am Ende der Revolte hatte Cumbrae verfügt, dass Deira Castle von nun an der offizielle Sitz des Hochkönigs sein sollte. So siedelten seine Familie und der gesamte Hofstaat hierher um. Allerdings war nach dem Umzug von Gwladys nicht mehr viel zu sehen gewesen und im Jahr 806 – so hatte Egbert gehört – sollte sie unter nicht näher bezeichneten Umständen gestorben sein. Doch Cumbrae hatte immer noch keinen Sohn. Es hatte einen zaghaften Versuch gegeben, die Erbfolge auch auf weibliche Nachkommen auszudehnen, aber der einzige Kompromiss, zu dem sich die Adligen bei diesem Thema bereit erklärten bestand darin, dass der König den zukünftigen Gemahl seiner Tochter zum Thronfolger erklären konnte – sofern er bereit war, diesen zu adoptieren. Cumbrae nahm das Angebot an, es war besser als nichts. Es löste nur nicht sein Problem und führte in der Folge dazu, dass die meisten Edelleute des Reiches verbissen daran arbeiteten, schon zu Lebzeiten als Nachfolger des Königs bestätigt zu werden.

Doch es gab auch Männer wie Ceidric von Bernica und Sygebryht von Sancton, die sich nahezu aus jeder Politik heraushielten und egoistisch die Grenzen ihrer Shires schützten. Auf diese Weise waren die Heere der beiden stark und mächtig geworden, mächtiger als die der anderen Adligen, die sich einzig auf das höfische Intrigenspiel konzentriert hatten. Genau diese aber klopften beinahe täglich an des Königs Tür, um um die Hand seiner Tochter anzuhalten. Es zeugte also von Bedacht, Ellwydd nach Lindisfarne zu schicken, jetzt, nachdem sie ein Alter erreicht hatte, in dem sie heiraten konnte. Das Kloster lag im Bernica-Shire, und mit Ceidrics annähernd zweitausend Reitern legte sich niemand freiwillig an. Ellwydd war hier in Sicherheit, soweit es auf der britannischen Insel dieser Tage sicher sein konnte.

Es mochte auch die Erklärung dafür sein, dass ihr nur Egbert von Leicester als Leibwächter mitgegeben worden war: Hier konnte ihr nichts geschehen, ob sie nun von einer Armee oder einem einzelnen Mann beschützt wurde. Außer vielleicht, der einsame, allein lebende alte Recke selbst würde ihr etwas antun. Und was anderes könnte das sein, als ihr die Jungfräulichkeit zu nehmen?

Egbert sah wieder zu Ellwydd und befand, dass sie bei weitem die hübscheste und begehrenswerteste Frau war, die er je in seinem Leben kennen gelernt hatte. Eine leichte Seebrise trug den Duft ihrer Haut zu ihm herüber. Tief in seinem Inneren rührte sich ein Gefühl der Zuneigung und Vertrautheit. Ihm war längst egal geworden, was Ellwydd von ihm hatte wissen wollen, stattdessen knüpfte er an das Thema an, das ihm bisher im Umgang mit dem Mädchen so viel Verdruss bereitet hatte: Ihre kokette Art und Weise und ihre allzu große Unbefangenheit Männern gegenüber. Er drehte sich zu ihr um und räusperte sich.

„Mylady, vielleicht reden wir ein anderes Mal über die Nordmannen?“

Sie schien aus einem fernen Gedanken zu erwachen und sah ihm in die Augen.

„Gern, Master Egbert! Ich möchte viel lieber noch mehr über das Tier erfahren, und die Wollust, und ganz besonders interessiert mich Eure Erfahrung damit! Jetzt habe ich weder Wasser, Wind oder Sonne und auch keinen Sand auf meiner Haut, und doch brenne ich wie Feuer und kann kaum einen klaren Gedanken fassen hier neben Euch. Spürt Ihr nicht etwas Ähnliches?“

Egbert nickte mehr zu sich selbst: Natürlich war sie verwirrt, in ihrem Alter, das alles kam ihr sicher sehr fremd und beängstigend vor. Alles in ihm drängte danach, ihr zu helfen. Er musste ihr einfach die Unsicherheit nehmen, ihr zeigen, wie selbstverständlich diese Gefühle und Empfindungen waren, nur dann könnte sie lernen, damit umzugehen und es zu kontrollieren. Wie er selbst wusste war das beinahe das Wichtigste in einem jungen Leben. Egbert atmete tief durch.

„Mylady, ich will Euch gern darüber erzählen. Ich will nicht, dass Ihr eines Tages in eine Situation kommt, die Ihr hättet besser meistern können, wenn ich Euch alles erklärt hätte. Ich meine, ich sollte Euch vielleicht vieles sagen, was nicht immer von jedem so klar ausgedrückt wird… oder kaum besprochen… oder wenn nur mit Scham …“

Der alte Krieger räusperte sich mehrmals. Ellwydd wandte sich besorgt zu ihm um.

„Euch geht es doch gut, Master?“

Egbert nickte und gab sich einen Ruck.

„Nun, mit einem Wort: Ja, ich habe vorhin dasselbe gespürt wie Ihr, Mylady. Und es ist nichts Verwerfliches dabei, solange man diesem Gefühl nicht nachgibt.“

Ellwydd runzelte die Stirn.

„Aber es durchzieht einen so gänzlich, dass es fast Schmerzen bereitet. Und dem soll man nicht nachgeben?“

„Nicht in jedem Fall, Mylady. Seht, in uns Menschen wohnt eine höhere Seele, die aber nicht immer zum Sprechen kommt, denn da wohnt auch ein niederes Tier, welches sich genau in solchen Momenten wie vorhin lautstark Gehör verschafft.“

„Ihr meint Gott mit der Seele und den Satan mit dem Tier?“

Egbert schüttelte lachend den Kopf.

„Nein, so simpel würden es nur die Brüder und Schwestern da drüben erklären wollen.“

Er deutete zur Klosterinsel und wurde wieder ernst.

„Dieses Wissen ist älter als das Christentum, und somit hat es ein Recht darauf, eigenständig in der Welt zu stehen. Diese da gebärden sich, als hätten sie alles Wissen allein, aber, Mylady, dem ist nicht so. Die Seele ist älter als der Gott der Christen, wenngleich er wohl ein Abbild sein mag, welches sich findige Menschen ausgedacht haben, um andere Menschen dazu zu bringen, Dinge zu tun, die in Ihrem Sinne sind.“

Ellwydd wandte sich dem alten Krieger nun gänzlich zu und vergaß den Sonnenuntergang.

„Ihr sprecht wie ein Heide, Master Egbert. Muss ich um Euer Seelenheil fürchten?“

Der alte Mann lächelte nachsichtig.

„Nein, Mylady, fürchtet Euch nicht, vor allem fürchtet nicht um mich. Was ich sage, ist Leben und nicht niedergeschriebene Doktrin. Mann und Frau sind seit Ewigkeiten auf dieser Welt, von Anbeginn der Zeiten an, und glaubt mir, dass Gott oder die Götter dessen Gewahr gewesen sind lange bevor die Christen meinten, alle Angelegenheiten zwischen ihnen und uns regeln zu müssen.“

Ellwydd nickte und hielt ihren Mund halb offen. Ihre Lippen glänzten rot im vergehenden Schein der Sonne. Egbert räusperte sich erneut und fuhr mit Eifer fort.

„Eine Frau hat, wenn sie es richtig anstellt, Macht über den Mann, und ein Mann kann ein Weib dazu bringen, diese Macht über ihn haben zu wollen. Dann, und nur dann paaren sich die Seele und das Tier zu gleichen Teilen, und Mylady, lernt zu beobachten: Wenn nur das Tier oder nur die Seele beteiligt ist oder auch nur eines von beiden Oberhand hat, kommt etwas zutiefst Ungöttliches heraus. Und der Moment, den wir beide vorhin erlebt haben, war allein vom Tier dominiert.“

Ellwydd schüttelte ohne weiteres Nachdenken energisch den Kopf.

„Ihr irrt Euch, Master Egbert, denn wenn ich das richtig verstehe, so muss ich Euch sagen, dass von meiner Seite diese Ausgewogenheit von Seele und Tier gegeben war!“

Ihre helle Stimme klang atemlos. Er sah sie an, sah in ihre Augen und erkannte zu seiner tiefsten Bestürzung, dass sie an alles glaubte, was sie sagte. Doch er konnte nichts erwidern. So fuhr sie fort.

„Wenn ich Euch richtig verstehe, dann war Euch so, als würdet Ihr den Körper eines wehrlosen und unerfahrenen Mädchens entweihen, es mag das sein, was Ihr das Tier in Euch nennt. Aber neben diesem Tier nehme ich an Euch schon lange das wahr, was Ihr wohl mit Seele meint: In Euren Blicken, in Euren Gesten, in Euren Worten und Eurer aufrichtigen Zuneigung, die Ihr mir entgegenbringt. Ich mag noch jung sein und nicht viel darüber wissen, aber ich spüre sehr wohl Euer Begehren und Eure Liebe. Was daran ist nicht ausgewogen?“

Der alte Mann spürte den Kloß in seinem Hals, als ihm die Wahrheit in ihren Worten bewusst wurde.