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Die aus Ostpreußen geflüchtete Kriegerwitwe Frieda Markuweit wird 1947 in die Wohnung der altansässigen Lübeckerin Alma Curtz, ebenfalls Kriegerwitwe, in der Brockesstraße in Lübeck St. Lorenz Nord zwangseingewiesen. Vor dem Hintergrund der Not und des Wiederaufbaus, des Aufbruchs, des "Hurra, wir leben noch", von Gaunereien und Kleinkriminalität, schildert der Roman die Konflikte, die durch die auseinanderklaffenden Lebenswelten der beiden Frauen entstehen.
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Seitenzahl: 377
Veröffentlichungsjahr: 2023
ISBN 978-3-948065-28-7eISBN 978-3-948065-35-5
Alle Rechte der Ausgabe © STROUX edition, München – 2023
Umschlaggestaltung: Matthias Mielitz unter Verwendung einer Abbildung aus dem Bundesarchiv Bild 183-06593-0002.Der Stadtplan Lübeck (1910) aus „Northern Germany as far as the Bavarian and Austrian Frontiers; Handbook for Travellers“ by Karl Baedeker. Fifteenth Revised Edition. Leipzig, Karl Baedeker; New York, Charles Scribner’s Sons 1910. Courtesy of the University of Texas Libraries, The University of Texas at Austin.
www.stroux-edition.de
Printed in Germany, gedruckt auf FSC-zertifiziertem Papier
Anette L. Dressler
Brockesstraße
in Lübeck St. Lorenz Nord
Meinen Eltern gewidmet und Geli.
Mein Roman ist frei erdacht,
jedoch gespeist von Erzählungen meiner Großeltern,
Eltern und aus dem Freundeskreis der Familie.
Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind, und was weiß ich von den Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüsstest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich, so liebend stehn wie vor dem Eingang zur Hölle.
Franz Kafka Brief an Oskar Pollak, 8. November 1903
1 Ein Gefühl von Wohligkeit durchströmte Alma Curtz
2 Frieda befühlte den Einweisungsschein für ihre neue Heimat
3 Im Salonzimmer spann sich der Faden einer Spinne
4 Frieda begann, sich in Lübeck einzuleben
5 Am Nikolaustag erlag Almas Schwiegermutter einem Herzinfarkt
6 In ihrem halben Zimmer seufzte Frieda zufrieden
7 Alma hatte es überrascht, ihren Neffen vor der Tür zu sehen
8 Es konnte nur noch aufwärts gehen, sagte sich Frieda
9 Für Gisberts Spielereien hatte Alma an diesem Tag keinen Sinn
10 Dass Frau Curtz ihr persönliche Briefe und Mitteilungen zu lesen gab, empfand Frieda als Vertrauensbeweis.
11 Von einem übergehängten Tuch in der heißen Luft in Dunkelheit eingehüllt zu sein
12 Frieda trat auf die Brockesstraße
13 Zum ersten Mal, seit ihre Einquartierte bei ihr wohnte, traf Alma sie nur im Nachthemd gekleidet
14 An einem Morgen Mitte März hüllten Nebelschwaden die Brockesstraße ein
15 Zwei Wochen nach der Sitzung im Gericht erhielt Alma einen grünlichen Briefumschlag
16 Frieda zitterten die Hände
17 Alma schnitt mit der Allzweckschere Petersilie, Schnittlauch und Brennnesseln
18 Wenn sie die Farbe ihres Gemütszustandes beschreiben sollte, würde Frieda ein Grau mit Sprenkeln wählen
19 In der staubigen Hansestraße
20 Frieda wollte ihre ostpreußischen Flinsen in frischer Luft auf der Terrasse im Lauerhof backen
21 Junfräuliche vierzig D-Mark in den Händen zu halten, erfüllte Alma mit einem neuen Lebensgefühl
22 Frieda fühlte sich von dem überbordenden Angebot in den Läden wie erschlagen
23 Alma glaubte nicht, dass Frau Markuweit Geld aus ihrem Zimmer gestohlen worden war
24 Frieda nahm sich vor, in Zukunft ihre Bernsteinkette ständig am Hals zu tragen
25 Als Alma mit einer Kanne Mokkafaux und Keksen aus der Küche in den Salon trat
26 Angelika wurde an einem sonnigen Septembersonntag in der katholischen Herz-Jesu-Kirche getauft
27 Leni stand schluchzend vor der Tür der Beletage
28 Mit Fräulein Vielenschier durch die Altstadt zu bummeln, war ein Vergnügen für Frieda
29 Alma spürte keinen Schmerz
30 Dass der Einzelunterricht mit Frau Curtz so mühselig werden würde, hatte Frieda nicht erwartet
31 Jeden Dienstag um acht Uhr dreißig am Küchentisch zum Unterricht zu erscheinen, war mühevoll für Alma
32 Eine Postkarte von Fräulein Vielenschier kam Frieda gerade recht
33 Alma hätte sich nicht vorstellen können
34 Frieda unterrichtete Frau Curtz weiterhin wöchentlich in der Küche
35 Alma war zuversichtlich, die geeignete Pädagogin gefunden zu haben
36 In ihrem Zimmer öffnete Frieda das Fenster zum Hof
37 Alma schnäuzte sich die Nase
38 Die Hitze des zu Ende gehenden Sommers machte Frieda zu schaffen
39 Almas Hände zitterten, als sie den Wahlzettel in der Wahlkabine entfaltete
40 Geruch von frischer Farbe drang in die Beletage
Quellen
Herzlichen Dank an
Ein Gefühl von Wohligkeit durchströmte Alma Curtz, als sie nach dem Aufstehen am Morgen durch ihre Wohnung in der Brockesstraße ging. Sie trug ihre Tasse mit dem Muckefuck aus der Küche, die zum Hof hin lag, in ihr sonnendurchflutetes Wohnzimmer im vorderen Bereich und setzte sich auf das zerschlissene Sofa. Es erfüllte sie mit Zufriedenheit, dass ihr Salon – wie sie ihn liebevoll nannte – noch genauso geblieben war wie vor dem Krieg, vor den Luftangriffen, die sie mit den anderen Bewohnern aus dem Mietshaus der Gründerzeit gemeinsam im Luftschutzkeller verbracht hatte. An diese unfreiwilligen Zusammenkünfte wollte sich Alma nicht erinnern, sie vertrieb ihre Gedanken daran schnell. Stattdessen griff sie sich einen Staubwedel und widmete sich mit Hingabe den Erbstücken aus der Familie ihres Mannes in der Glasvitrine des verschnörkelten Louis-Quatorze-Schrankes: dem geblümten chinesischen Teeservice, der Keks-Etagère mit den goldenen Füßen sowie der filigranen Vase in zartem Rosa, die sie auf den Bierdeckel mit der Aufschrift Ein guter Brauch von alters her: Wer Sorgen hat, hat auch Likör (Wilhelm Busch) gestellt hatte. Die auf dem dreibeinigen Kaffeehaustisch neben dem Sofa wie zufällig aufgestapelt wirkenden Bücher entstaubte sie ebenfalls. In diese Bücher, Winnetou I und II von Karl May, Daniel Defoes Robinson Crusoe, den Rechtschreibduden, aus denen Lesezeichen herausragten, hatte sie noch nie hineingesehen, doch sie hütete sie wie ihren Augapfel, gaben sie ihr doch das Gefühl, ihr verstorbener Mann Rudolf wäre noch in der Nähe und könnte jede Minute einen Band herausnehmen und darin zu lesen beginnen. Der Antrieb, die Wohnung von Grund auf zu putzen, war ihr seit dem Tod ihres Mannes abhandengekommen. Es genügte ihr nun, wenn der Salon aufgeräumt und ordentlich wirkte, alles an seinem Platz stand und die Gegenstände in der Vitrine glänzten. Einzelne Schmutzecken nahm sie aufgrund ihrer zunehmenden Kurzsichtigkeit nicht wahr; Rudolf mit seinen Adleraugen hätte jedes Staubkorn erspäht und es ihr zum Vorwurf gemacht.
Vor zwei Jahren hatte sie die Nachricht erhalten, dass ihr Mann von seinem Einsatz an der Ostfront nicht zurückkommen werde. Bis dahin hatte sie gemeinsam mit ihm den Kurzwarenladen in der Wahmstraße geführt, in dem es neben Reißverschlüssen, Nähgarn und Gummibändern auch allerlei Krimskrams zu kaufen gab. CURTZWAREN stand dort in roten Lettern und darunter noch einmal in Blau KURZWAREN. Ein Beamter der Lübecker Stadtverwaltung hatte sie eines Tages aufgesucht, um sie darauf hinzuweisen, dass die Schreibweise der Waren mit ihrem Namen nicht angemessen sei, und sie der Ordnung halber doch den korrekten Namenszug anbringen sollten. Das hatte sie erbost, da ihre Lübecker Stammkunden genau wussten, was sich hinter dem Namen verbarg. Sie veränderten das Schild nicht; es blieb bei der einmaligen mündlichen Ermahnung.
Sie verlor sich in dem Gedanken, ob sie vielleicht nun nach Kriegsende in ihrer Lebenssituation einen Neuanfang wagen und ihr Lädchen wieder öffnen sollte. Als alleinstehende Kriegerwitwe würde sie günstige Kredite erhalten, wäre ihre eigene Herrin, könnte ihre Kundinnen mit ihrer Sachkenntnis beraten, mit ihnen über die neue Rocklänge, die Stoffe der Kissen- und Schonbezüge, Schnittmuster plaudern und über Mannequins klatschen, ohne dass sich Rudolf in den Vordergrund drängte, den Damen schmeichelte und sie selbst in den hinteren Lagerraum verwies, wo sie die Garne, Nadeln und Knöpfe nach Größe und Farbe in die einzelnen Schachteln einsortieren sollte.
Sie würde der Mode entsprechend aus Gardinenstoffresten und Militärmänteln Kleider für sich maßschneidern und im Verkaufsraum präsentieren können. Immerhin war sie mit ihren zweiundvierzig Jahren, ihren schlanken, wohlgeformten Beinen, dem flachen, knospigen Busen mit Körbchengröße 70 B, der naturaschblonden, lockigen Pompadourfrisur, dem schmalen Gesicht mit den hohen Backenknochen und tiefblauen Augen nach wie vor eine attraktive Erscheinung.
Sie würde weiterhin vorgeben, dass sie bewusst auf Kinder zugunsten der Kurzwaren verzichtet habe. Natürlich hatte sie damals Verständnis dafür, dass es für Rudolfs Männlichkeit nicht hinnehmbar gewesen wäre, wäre nach außen gedrungen, dass ihrer beider Kinderlosigkeit auf die Unterentwicklung seiner Hoden zurückzuführen war. So hatten sie sich in ihrem Leben zu zweit als angesehene Lübecker Kaufleute eingerichtet.
Damals konnte sie auch gut damit umgehen, dass sie Schwierigkeiten hatte, Geschriebenes zu lesen und eigene Briefe zu schreiben. Nun musste sie sich eingestehen, dass ohne Rudolfs zuverlässiges auf sie Achtgeben ihr Alltagsleben sehr erschwert war. Es war nicht so, dass sie gar nicht lesen oder schreiben konnte, jedoch kostete es sie große Mühe, vollständige Sätze zu entschlüsseln oder diese gar mit einem Füllfederhalter aufs Papier zu bringen. Wenn sie die Aufschriften auf den Verpackungen mit den Kochanleitungen verstehen wollte, konnte sie diese nur in einem langsamen Tempo, vergleichbar den eifrigen Leseversuchen eines Erstklässlers, laut vorlesend „Kaaaaa-feeeeeeeeee-er–––s––atz“, „Maaaaaaaaaaaiiiiiiiiis…meel“ oder „Naaaaaaaaatrooooonlaaaauuuugeee“ erschließen. Es kam ihr entgegen, dass das Angebot an verpackten Lebensmitteln im Moment begrenzt war, so dass sie sich den einzelnen Waren von der äußeren Gestalt und den Farben her nähern konnte; so befand sich ihr geliebter Linde’s Kornkaffee, den sie mit Genuss morgens als erstes zu sich nahm, in einem blau-weißen kleinen Paket, auf das sie zielsicher verweisen konnte. Bei den Lebensmittelkarten, die sie am Verkaufsstand von Frau Weber in der Schwartauer Allee einlöste, waren die Produkte ohnehin vorgegeben. Es fiel ihr auch leicht, auf charmante Art mit ihrer Umgebung ins Plaudern zu kommen. Wenn sie die mit ihr in der Schlange wartenden Frauen nach einem neuen Kartoffel-, Rüben- oder Möhrenrezept fragte, erklärten die ihr bereitwillig im Detail, was sie mit diesem oder jenem Gemüse auf den Tisch zauberten. Wenn ihr eine der Damen vorschlug, das Rezept für sie aufzuschreiben, konnte sie damit beeindrucken, dass sie aufgrund ihres herausragenden Gedächtnisses in der Lage war, sich die Anleitung zu merken, indem sie alle Details lauthals wiederholte.
Dennoch war sie sich bewusst, dass die Öffnung ihres Lädchens für sie ein Traum bleiben musste; ihr Defizit würde sie beim Umgang mit den Behörden behindern.
Ihr ganzer Stolz vor der „schlechten Zeit“, wie sie sie nun alle nannten, war der Vorgarten vor dem Mietshaus gewesen: Hortensien, Phlox und Rosen blühten bunt im Frühsommer und boten eine Augenfreude nicht nur für die Bewohner des Hauses, sondern auch den Passanten auf den Gehwegen, die stehenblieben, um die Blumenpracht in sich aufzunehmen. Nun entdeckte Alma jedoch ihre praktische Seite: sie pflanzte auf dem mit Schmiedeeisen eingezäunten Sechs-Quadratmeter-Areal vor dem Haus Kartoffeln, Petersilie, Schnittlauch und Kamille an und erweiterte ständig ihr Repertoire an Kartoffelrezepten, wie zum Beispiel Kartoffeln mit Salz gekocht, im Biermantel mit Wurzelkraut, mit Kohlrabi oder auch nach Schleswig-Holsteiner Art mit Bohnen, Birnen und Speck, je nachdem, was sie mit ihren Lebensmittelkarten als Zutaten ergatterte oder auf dem Schwarzmarkt tauschen konnte.
Als Alma an diesem Morgen ihren Briefkasten im Erdgeschoss des Hauses öffnete, fiel ihr ein Umschlag entgegen, dessen Absender offensichtlich eine Behörde war. Mit zittrigen Händen riss sie ihn auf. Den letzten offiziellen Brief hatte sie erhalten, als ihr mitgeteilt wurde, dass ihr Gatte Rudolf Curtz am 7. März 1945 den Heldentod für Führer und Vaterland gestorben sei. Sie konnte sich gut erinnern, wie sie die Treppe in den zweiten Stock hinaufgestürzt war, in ihrer Verzweiflung bei dem alten Ehepaar Schreiber klingelte, unter Tränen – vorgebend keine geeigneten Brillengläser mehr zu besitzen – den achtundsiebzigjährigen Herrn Schreiber gebeten hatte, ihr doch den Inhalt des Briefes vorzulesen, was dieser betroffen tat.
Dem grau-grünen, dünnem Packpapier ähnelnden Briefumschlag entnahm sie ein vorgedrucktes Formular. Schon länger hatte Alma befürchtet, ihre Wohnung von siebenundsechzig Quadratmetern, bestehend aus zweieinhalb Zimmern, Flur, Küche und Innentoilette, in der sie seit dem Tod ihres Mannes allein lebte, teilen zu müssen. Sie bemühte sich, die vor ihr verschwimmenden Wörter nach und nach zusammenzufügen, die das Unausweichliche offenbarten:
E I N W E I S U N G
in: Wohnung Curtz, Lübeck Brockesstraße 86 A, 1. Stock, 1/2 Zimmer, Frau Frieda Markuweit, z.Zt. wohnhaft Siemser Schule, Siemser Landstr. zur Verfügung zu stellen: ab dem 1.9.1947 gezeichnet: Kreis-Resident-Officer des Stadtkreises Lübeck (820. Detachment)
A.J.R. Munro
Sofort erschien vor ihrem Auge das Bild einer ungepflegten, in jeder Lebenslage mit bunter Kittelschürze bekleideten Bauersfrau mit unförmigen Rundungen, die schwerfällig mit Messer und Gabel umging, die den Muckefuck schlürfen und den Flur hörbar entlangschlurfen würde. Das undeutliche Kauderwelsch der ostpreußischen, pommerschen oder schlesischen Dialekte der Flüchtlinge hatte sie schon öfter auf der Straße hören müssen. Für sie als akzentuiert hochdeutsch sprechende Lübeckerin war das nicht zu verstehen und auch nicht der Mühe wert, war sie doch der Meinung, dass diese Menschen aus den Ostgebieten, die ihr natürlich leidtaten, richtiges Deutsch lernen sollten.
Auf keinen Fall würde sie einer Frau, mit der sie sich noch nicht einmal unterhalten könnte, ihr halbes Zimmer bereitstellen, das sie für sich eingerichtet hatte und auf das sie nicht verzichten konnte, waren dort doch auch Reste ihrer Kurzwaren, sorgfältig geordnet in Schuhkartons, in den Schubladen ihres Vertikos verstaut. Das neun Quadratmeter große Zimmer mit den bis zum Holzboden reichenden Fensterscheiben ging zum Hof, wo sie manchmal Kinder spielen und lachen hörte, wo es dennoch ruhig und beschaulich war. Am frühen Nachmittag setzte sie sich gern mit ihren Näharbeiten ans helle Fenster und träumte von einem aufregenderen Leben, in dem sie als wieder mit einem gut situierten Fabrikanten verheiratete Gattin auf einem Gutshof in der Umgebung des Pariner Berges über ihre Felder schritt.
Vor Rage und Empörung nach Luft ringend, dass ihr auch nichts im Leben erspart bleibe, nahm sie sich vor, am nächsten Tag die Dienststelle aufzusuchen, um Beschwerde einzulegen. Wenn sie Glück hätte, wäre der ihr bekannte, für den Buchstaben C zuständige Sachbearbeiter, Herr Fricke mit den kurzen X-Beinen, hinter dem Schalter anzutreffen, dem sie damals als besonders gutem Kunden des Öfteren eine Hose gekürzt hatte, was normalerweise nicht zu ihren Dienstleistungen gehörte. Sicherlich würde er für ihr Problem Verständnis zeigen und Frau Markuweit anderweitig unterbringen, wo sie auch als Mensch mit ihrem Habitus besser aufgehoben wäre, wie zum Beispiel in dem nah gelegenen, dennoch ländlichen Stockelsdorf, hatten dort doch einige Bauernhäuser auch in den geräumigen Scheunen und Ställen Platz für Einquartierungen. Für ihren Auftritt bei Herrn Fricke wählte Alma ihre Kleidung sorgfältig aus, entschied sich für ihren rot-schwarz gepunkteten Glockenrock, zu dem das selbst gehäkelte, enganliegende Oberteil aus Baumwolle passte, das ihre Formen besonders betonte.
Als Alma in das Büro der Dienststelle eintrat, stand Herr Fricke von seinem Stuhl hinter dem Schalter auf und kam auf sie zu. Dabei verursachten seine Hosenbeine, die zu weit und zu lang über seine Schuhe fielen, ein schlurfendes Geräusch. Sie wohlwollend musternd, zog er ihre Akte mit der Aufschrift Cu – Brockesstraße aus dem Regal und fragte nach ihrem Befinden. Sein zunächst freundliches Gesicht entwickelte sich zu einem strengen mit herabhängenden Mundwinkeln, als er ihr Anliegen hörte.
„Verehrte Frau Curtz“, entgegnete er entschieden, „ich muss mich an das Wohnungsgesetz halten, ich habe meine Vorschriften. Bitte schön, ich habe die hier für Sie vorliegen. Sie können sich die ‚Einquartierungskonditionen zur Zwangseinweisung‘ in Ruhe durchlesen. Setzen Sie sich doch für einen Moment auf den Stuhl in der Ecke. Und das ist doch auch nicht für ewig. Die Zeiten ändern sich doch!“
Leicht errötend hörte Alma sich antworten: „Nein, danke, ich glaube Ihnen. Aber wer bezahlt das alles?“
„In Zukunft wird das bestimmt entschieden, das muss alles noch bearbeitet werden. Warten Sie ab. Ich kann leider nichts mehr für Sie tun, Ihre Einzuquartierende wird am 1.9. bei Ihnen vorstellig werden. Ich empfehle mich, auf Wiedersehen, Frau Curtz!“
Dann gab er der nächsten wartenden Dame zu verstehen, dass sie jetzt an der Reihe war. „Es freut mich, Sie begrüßen zu dürfen, verehrte Frau Curtius“, hörte Alma ihn noch sagen, als sie niedergeschlagen Herrn Frickes Kontor verließ.
Alma genoss die Sommermonate Juli und August mit ihren wärmenden Sonnenstrahlen mit ganz bewusster Inbrunst allein in ihrer Wohnung, widmete sich liebevoll ihrem Vorgärtchen, freute sich für diesen über gelegentlichen Nieselregen, pflanzte neben den Kräutern und dem Gemüse auch wieder eine lilafarbene Hortensie, die sie als Ableger von den Eheleuten Schreiber aus dem zweiten Stock aus deren kleinem Schrebergarten an der Lohmühle geschenkt bekommen hatte. Sie konnte die pompöse Blüte trocknen und in ihre Glasvase auf dem Beistelltisch im Salon stellen. Über ihren zu erwartenden ungebetenen Gast schwieg sie, auch als die beim Einlösen ihrer Lebensmittelkarten in der Schlange vor ihr stehende Frau Kötschenreuter, gebürtige Lübeckerin, ihr anvertraute, dass sie demnächst jemand Fremdes aufnehmen solle und man wohl nichts dagegen unternehmen könne.
Alma antwortete: „Das ist wohl so, da muss man durch in diesen Zeiten“, und fragte: „Wissen Sie nicht, ob in der Stadt mal wieder was los ist, so mit Musik und Tanzen?“
Die schmallippige Antwort ihrer Nachbarin: „Ich bitte Sie, ich warte auf meinen Mann, der kommt bald aus dem Krieg zurück, und ohne den gehe ich doch nicht aus!“, ließ Alma sogleich wieder verstummen, während eine hinter ihr stehende jugendlich wirkende Frau, die so aussah, als habe sie ähnlich viel Mühe auf ihre Pompadourfrisur verwendet, ihr ins Ohr flüsterte: „Es wird überall getanzt, draußen in der Rosenstraße, in der Wallstraße und im Tanzpalast Muus! Schließlich leben wir noch, oder? Ein paar schneidige Männer gibt es dort auch.“
Alma horchte auf. Wie gern würde sie wieder einmal einer Musikkapelle lauschen und in den Armen eines Mannes über die Tanzfläche schweben.
„Kommen Sie doch mal mit in das Hinterzimmer der neu eröffneten Milchbar am Hauptbahnhof, dort üben wir jeden Freitag Boogie-Woogie, es gibt eine Musikbox, spitze ist das!“
Boogie-Woogie kam Alma einem Zauberwort gleich, übte sie den amerikanischen Tanz doch morgens nach dem Aufstehen zur Swing-Musik im Nordwestdeutschen Rundfunk vor dem Spiegel, so wie sie sich den Hüftschwung vorstellte, wobei sie sich mit einem Besenstiel als männlichem Tanzpartner behalf und darin versunken vergaß, dass für Rudolf damals alles amerikanische Gehopse – wie er es nannte – einem Teufelswerk gleichgekommen war.
Ein wenig zögerlich schlüpfte Alma am Freitag durch die Eingangstür mit der Aufschrift MILCHBAR in der Nähe des Hauptbahnhofs. Zunächst traute sie sich nicht, weiter in das Hinterzimmer vorzudringen, nahm im vorderen Bereich des Lokals auf einem der zierlichen Kaffeehausstühle Platz und bestellte ein Glas Milch mit Zimt und Zucker. Dafür bot sie drei Zigaretten an, die ihr Herr Schreiber aus dem zweiten Stock zum Tauschen zugesteckt hatte. Begierig und genüsslich sog sie das Getränk und den darin enthaltenen Zucker nach der langen Entbehrung in sich auf, ließ dabei die Tür hinter dem Tresen nicht aus dem Auge.
„Suchen Sie etwas?“, fragte die Bardame, die die Milchgetränke mit einem großen Löffel umrührte. „Könnte es sein, dass Sie mittanzen wollen? Die Jungs und Mädels rücken bestimmt gleich an!“
In diesem Moment ergoss sich ein Schwall junger Leute in das Lokal, die sich alle zunächst um den Tresen versammelten und dann mit einem Glas Milkshake in der Hand unauffällig nacheinander im Hinterzimmer verschwanden. Kurz darauf vernahm ihr Ohr von dort gedämpften Swing. Langsam erhob sie sich von ihrem Stuhl, wie in Zeitlupe bewegte sie sich auf die Tür zu. Von der ihr verschwörerisch zuwinkenden Bardame ermutigt, öffnete sie. Im verrauchten Licht des Nebenzimmers nahm sie nach und nach zwanglos im Raum stehende kleine Gruppen wahr.
„Sie kommen mir bekannt vor!“, kam ein dürrer Mann um die fünfundzwanzig mit heiserer Stimme auf sie zu und streckte ihr seine rechte Hand entgegen, während er seine linke Hand auf dem unteren Rücken mit der Innenseite nach außen spreizte. „Ich heiße Albert Schmittker. Wir treffen uns hier zum Klönschnack, man kann so neue Leute kennenlernen. In der Stadt sind doch so viele neu angekommen.“ Dabei versuchte er, seine in die Stirn fallende dichte dunkle Haartolle zu bändigen.
Alma nestelte an ihrer Handtasche und sagte: „Curtz ist mein Name, ich dachte eigentlich, Sie machen hier Musik und tanzen? Da habe ich mich wohl getäuscht.“
„Benny, du musst nicht mehr so geheimnisvoll tun“, hörte sie eine Stimme aus der Gruppe, „der Krieg ist vorbei, die Nazis gibt’s nicht mehr, wir Swingkids dürfen ja jetzt wohl hotten, oder?“
„Klar, tanzen wir hier, Swing und Boogie-Woogie“, erklärte ein halbwüchsiges Mädchen mit rothaarigem Pferdeschwanz, das auf Alma zukam. „Schauen Sie, hier die gelbe Musikbox, irgendein Ami hat sie der Milchbar gestiftet. Ich lege mal was auf. Das kennen Sie bestimmt: ‚Boogie-Woogie‘ von Count Basie. Von Benny Goodman haben wir auch was.“
Sowie die Musik erscholl, begannen die Kleingruppen, sich zu bewegen, zu wiegen, sich paarweise an den Händen zu fassen, zu drehen, die Beine zu spreizen, Männer setzten Frauen auf die Hüfte, um sie von dort herabschweben zu lassen. Auch Alma wurde von dem dürren Albert mit der dichten Haartolle mitgerissen. Welch ein Genuss, sich an einem echten Tanzpartner aus Fleisch und Blut festhalten zu können.
„Passt mit euren Glimmstängeln auf“, rief das rothaarige Mädchen in die Runde, „hier liegt eine Kippe rum, die glüht noch! Ihr wisst doch, Feuer ist gefährlich. So was wie den Brand im Februar in Berlin wollen wir hier nicht haben. Achtzig Tote im Tanzlokal Karlslust! Das ist doch gruselig!“
An den darauffolgenden Tagen schlich Alma öfter in der Nähe der Milchbar herum in der Hoffnung, Albert zufällig über den Weg zu laufen, traute sich jedoch nicht mehr, sich am Freitag zu den Swingkids zu gesellen – zu augenfällig war ihr der Altersunterschied. Obwohl die engen Straßen Lübecks in diesen Tagen mit fremden Heimatvertriebenen aus den Ostgebieten, englischen Besatzern und gebürtigen Ortsansässigen angefüllt waren, traf sie in der Altstadt, auch in der Nähe der Milchbar, auf ehemalige Kunden, die sie freundlich grüßten, sie höflich nach ihrem Befinden befragten und ihr versicherten, wie sehr sie ihren Gatten geschätzt hatten. Die bürgerlichen Kundinnen würden ihr ein ausschweifendes Lotterleben mit nicht zu ihrem Alter passenden jugendlichen Swingtänzern, die für manche Leute immer noch ‚nichtsnutzige Burschen und Mädchen‘ waren, nicht verzeihen.
In der Brockesstraße wurde es abends schon früher dunkel, an einigen Tagen wehte am späten Nachmittag eine frische Brise von der Ostsee. Der 1. September nahte.
Mit Unmut und Unbehagen hatte sie ihr halbes, auf den Hof gehendes Zimmer für die Einzuquartierende hergerichtet, wobei es sie viel Mühe gekostet hatte, ihre Nähutensilien im Schlafzimmerschrank und in den Schubladen des Vertikos im Salon zu verteilen. Die spärlichen übrigen Möbel in dem Raum musste sie dort belassen. Herr Fricke vom Amt hatte ihr für Frau Markuweit ein Bett mit Matratze bewilligt, das ihr ein paar Tage später von zwei stämmigen Hilfskräften in die Wohnung geliefert wurde.
Frieda befühlte den Einweisungsschein für ihre neue Heimstatt, drehte und wendete ihn.
Der Flüchtling Frieda Markuweit wird ab dem 1. September 1947 eingewiesen bei Frau Alma Curtz in die beschlagnahmten Räume/den beschlagnahmten Raum in der Brockesstraße 86 A, 1. Etage in Lübeck St. Lorenz Nord. Dieser Einweisungsschein gilt als Ausweis für:
1. die Polizeiliche Anmeldung
2. das Wirtschaftsamt.
Es traf sie ins Mark, auf vergilbtem Papier mit blauer Tinte geschrieben ihre Identität besiegelt zu sehen, die sie, Frieda, auf ihre Eigenschaft als Flüchtling reduzierte. Niemals hätte sie sich vorstellen können, ihr Masuren verlassen zu müssen und sich, um ihr Leben fürchtend, in sibirischer Kälte auf die Flucht über die Ostsee zu begeben. War die Flucht nicht eine einmalige Handlung, unfreiwillig in der Not? Hätte sie nicht als Beamtenwitwe, Hausfrau oder Mutter bezeichnet werden müssen? Die Wohnungsinhaberin des beschlagnahmten Raumes war schlicht als ‚Frau‘ eingetragen, ohne nähere Kennzeichnung.
Am Vorabend ihres Einzugs in die Brockesstraße beschlich sie ein beklemmendes Gefühl, in die Wohnung zu einer fremden Frau zu ziehen, mit der sie die Küche und die Toilette teilen sollte. Für die Lübeckerin musste es unzumutbar erscheinen, gezwungenermaßen jemand Fremdes in den eigenen vier Wänden dulden zu müssen. Jeder Mensch baut und pflegt sein eigenes Nest, richtet sich in diesem ein. Ein Fremder kann nur als Eindringling empfunden werden. Sie fragte sich, wie die Frau sein mochte, mit der sie in Zukunft Tür an Tür in einer Wohnung leben würde. Dem Klischee des norddeutschen Charakters entsprechend: höflich, freundlich reserviert, vornehm, erdverbunden mit Herz und Verstand? Oder eher stur, aufdringlich, unberechenbar, ohne Empathie für die Vertriebenen?
Dabei hatte sie den Umzug in die Nähe der Innenstadt und des Hauptbahnhofs herbeigesehnt. Quälender als die Hölle, der sie entkommen war, konnte ihre Zukunft nicht werden, sagte sie sich. Wie lange sie in Mondtken gezögert hatte, ihr Zuhause zu verlassen! Ihr Mann und ihr Sohn waren an der Front. Wie naiv von ihr, dass sie damals fest mit ihrer Rückkehr aus den Kriegswirren gerechnet hatte! Es hatte kein Entrinnen geben können. Die Rote Armee rückte näher an Ostpreußen heran. Sie hatte die Flüchtlingstrecks an ihrem Haus vorbeiziehen sehen: Menschen auf Fuhrwerken zusammengepfercht, die Planwagen mit überbordendem Gepäck beladen, dazwischen einzelne Autos, die Koffer notdürftig auf dem Dach festgezurrt, junge Frauen mit Babys zu Fuß, Kleinkinder, die ausscheren wollten, Greise in gebeugter Haltung, sich mühselig dahinschleppend mit einem Bündel auf dem Rücken.
Die Kaltmamsell hatte ihr dringend geraten, ihr Hab und Gut in Sicherheit zu bringen. Schweren Herzens hatte sie sich dazu durchgerungen, ein Paket mit Meißner Porzellan an ihre Schwägerin in Dahlewitz bei Berlin zu schicken. Unter Tränen hatte das Mamsellchen sich von ihr verabschiedet, sie wolle sich zu ihren Eltern in ihr verstecktes Dorf zurückziehen. Dann war es still in ihrem Haus geworden. Jeder Gegenstand im Wohnzimmer steckte voller Erinnerungen, konnte Geschichten erzählen. Jede Vase nahm sie einzeln in die Hand, nahm innerlich Abschied, indem sie zärtlich über die glatte Oberfläche strich. Bei dem Tongefäß, das ihr Sohn als Zehnjähriger ungelenk für sie getöpfert hatte, verweilten ihre Hände und mochten sich nicht trennen. Das Gemälde neben dem großen Fenster, eine Landschaft in Masuren mit Schilf, Stockenten, Blässhühnern, einem versunkenen Kahn am Ufer, nahm sie von der Wand und stellte es auf dem Holzfußboden ab. Ausgeschlossen, das sperrige Bild im Gepäck mitzuführen! Sie musste sich auf einige wenige Fotos der Familie vom Fotografen in Allenstein beschränken: das Hochzeitsfoto ihrer Eltern, das ihrer eigenen Trauung, der ersehnte Ernst als Kleinkind auf einem Bärenfell. In einem Briefumschlag würde sie die Bilder schützen und in einer Seitentasche des Koffers verstauen. Sie hatte die Anordnung erhalten, sich am folgenden Tag am Kirchplatz einzufinden. Mehr als zwei kleine Koffer dürfe sie nicht bei sich tragen. Eine Liste mit den Gegenständen, die sie mitnehmen solle, war dem Schreiben beigefügt. Das Nötigste: ihre Papiere, Toilettenartikel, Medikamente, warme Kleidung, nur das, was sie tragen konnte. Panik erfasste sie, das Notdürftigste zusammenraffen zu müssen. Ihr Blick fiel auf die Bücher hinter Glas auf der rechten Wand. Bücher waren zu gewichtig! Ein einziges Buch würde sie sich gönnen: das deutschfranzösische Wörterbuch zur kleinen französischen Sprachlehre von Dr. Emil Otto (von 1913), in dem sie täglich las. Dazu ihr sorgfältig geführtes Vokabelheft, aus dem sich einzelne Seiten lösten. Wie einen Schatz würde sie es zusammen mit dem Hausschlüssel stets in ihrer Manteltasche bei sich tragen. Ihre Liebe zur französischen Sprache würde sie nicht in diesem Haus begraben. Die ‚Französischliebenden’, wie sie ihren Kreis getauft hatten, waren längst in alle Winde verstreut. Von einem Paravent abgeschirmt, hatte sich der Kreis alle zwei Wochen im Café an einem ovalen Tisch neben der Theke mit ostpreußischen Nuss- und Käsekuchen getroffen. Studienrat a. D. Beckerowski, von den ihn umgebenden vier gereiften Schülerinnen liebevoll Monsieur Boulanger genannt, hatte sie nach der Grammatik-Übersetzungs-Methode unterwiesen. Frieda gab sich der Hoffnung hin, in Lübeck einen neuen Kreis Französischliebender zu finden.
Es war alles rasant vonstattengegangen: Wie sie auf einem der letzten Passagierdampfer über die Ostsee untergekommen war, die Tortur, an das Frische Haff zu gelangen! In ihrer Erinnerung Bruchstücke, Lücken, die sie nicht zusammenfügen, füllen konnte. Die Erleichterung, in Kiel wieder Boden unter den Füßen zu spüren. Die Dankbarkeit, in einem Festzelt, zum Flüchtlingslager umfunktioniert, die Wärme, einen Kanten Brot, das Lächeln der Rotkreuzschwestern entgegenzunehmen. Dass ihr Mann Karl Otto den ‚Heldentod‘ gestorben war, hatte ihr ein evangelischer Pfarrer wenige Tage nach der Ankunft behutsam nahegebracht. Drei Tage hatte sie nichts essen können. Die Trauer hatte ihr den Magen zugeschnürt und sie tagelang verstummen lassen. Niemand hatte sie gedrängt, Nahrung zu sich zu nehmen, oder Fragen gestellt. Mit ihrem Anteil an Brot war ein an Typhus erkrankter Mann zu Kräften gekommen.
In Zukunft würde sie nun ein Zimmer nahe der Altstadt Lübecks bewohnen, mit einer Tür, die sie hinter sich schließen konnte. Vor ein paar Tagen war sie die Brockesstraße mit ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter entlangspaziert. Sie hatten die schmalen Gärten vor den gepflegten, zumeist dreistöckigen Bürgerhäusern bewundert: verblühende Hortensien, Kornblumen, Evergold, Brennnesseln, Beete mit Kräutern und Salat bepflanzt. Von der Brockesstraße aus würde sie zu Fuß über die Bahnhofsbrücke zum Hauptbahnhof gelangen.
Bahnhöfe hatten sie immer fasziniert. In Allenstein war es für sie ein Ritual gewesen, nach ihren Besorgungen vor dem altehrwürdigen Bahnhofsportal zu verweilen, die Passagiere mit den ihnen folgenden Kofferträgern zu beobachten, sich vorzustellen, wohin sie reisten, von entfernten Orten zu träumen. Auf der Eisenbahnstation liebte sie es, sich von dem Dampf der anfahrenden Lok einnebeln zu lassen. Sie konnte sich darin einen Moment auflösen. Als Ernst acht oder neun Jahre alt gewesen war, hatte sie ihn in die Angewohnheit mit einbezogen. Sie genossen beide das Spiel, in der Dampfwolke zu verschwinden und mit aller Kraft ihre Wünsche in sie hineinzurufen. So schrie Ernst, von Frieda ermuntert, in den Nebelschwall: „Ich wünsche mir eine Schweeester, einen Bruuuder, eine Eiiisenbahn.“
Dass ihr Junge nun ein Ehemann war, obwohl er nach ihrem Gefühl gerade den kurzen Hosen entwachsen war, konnte sie gedanklich noch nicht fassen. Die Schreckenszeiten des Krieges hatten ihn schnell reifen lassen, erklärte sie sich. Ihr Sohn suchte festen Halt im Leben, strebte danach, eine eigene Familie zu gründen. Nach der Notunterkunft hatte Frieda in der oberen Etage der Dorfschule in Siems bei Lübeck ein Zimmer mit einer Schlafkammer bewohnen dürfen. Im Souterrain logierte Frau Weilendorf mit ihren heranwachsenden Töchtern. Wie erleichtert Frieda war, als Ernst plötzlich nach den Kriegswirren vor ihrer Zimmertür gestanden hatte. Er war mit Freuden zu ihr in die Dachkammer eingezogen. Von den Mädchen aus dem Souterrain fühlte er sich sogleich angezogen. Häufig verbrachte er die Abende im Tiefgeschoss, las den drei Mädchen vor, sie tanzten, sangen, gaben sich dem Frohsinn hin. Frieda konnte verstehen, dass Ernst sich in die mittlere der Schwestern verliebte. Agathe war aus Österreich gerade zu ihrer Familie zurückgekehrt, ein heiteres Mädchen mit blauen Augen, einem liebreizenden Gesicht mit flachsblonden Locken.
Es war ungewiss, ob die Flüchtlingsfamilie Weilendorf würde wegziehen müssen, sie warteten auf die Rückkehr des Vaters aus der Kriegsgefangenschaft. Ernst wollte nicht riskieren, dass die noch nicht Volljährige würde mitgehen müssen. So heirateten sie kurz entschlossen.
Frieda blickte von oben aus dem Fenster in den verwilderten Garten mit den hohen Gräsern, vereinzelt lugte eine blaue Kornblume hervor. Ihre Koffer standen bereit, zwei Koffer, in denen ihr Hab und Gut steckte. Der Abschied aus diesem Haus in der Siemser Landstraße bedeutete ein Neuanfang. Am morgigen Tag würde sie ein Auto der Briten in die Brockesstraße eskortieren.
Im Salonzimmer spann sich der Faden einer Spinne kunstvoll an der Stuckdecke über dem Fenster entlang. Alma entdeckte ihn im Sonnenlicht des Altweibersommers. Mit lautem Getöse holte sie ihren Staubwedel aus der Kammer und fegte den Spinnenfaden mit festem Griff von der Decke. Sie hatte sich vorgenommen, keine besonderen Vorkehrungen für die Ankunft der Einquartierten zu treffen, befand jedoch, dass sie es Rudolf schuldig war, ihren ehemals gemeinsamen Wohnraum sauber und ordentlich zu präsentieren.
Sie zuckte dennoch zusammen, als es pünktlich um neun Uhr klingelte. Hastig kniff sie sich in die Wangen, ordnete ihre blonde Haarpracht vor dem Spiegel im Flur und übte sich in einem seriösen Gesichtsausdruck. Tief Luft holend öffnete sie die Tür und blickte auf eine zierliche Frau hinunter, die von Kopf bis Fuß in Grün mit einer Aktentasche in der Hand vor ihr stand und ihr entgegen lächelte.
„Bitte kommen Sie herein, haben Sie kein Gepäck?“, fragte Alma, bemüht, ihre Überraschung zu verbergen, dass die Einquartierte nicht dem Bild entsprach, das sich in ihrem Kopf gebildet hatte.
„Mein Sohn wird mir heute Abend meine Koffer bringen“, antwortete die Frau in Grün.
Alma zeigte auf das gegenüberliegende Zimmer: „Hier Ihr Zimmer zunächst für ein Jahr, die Küche bitte ich Sie, nur, wenn es unbedingt sein muss, zu benutzen; die Toilette liegt daneben. Das ist der Schlüssel für die Wohnungstür, oben und unten.“
Frau Markuweit steckte den Schlüssel in ihre Rocktasche. Alma erblasste, als die Ostpreußin mehrere Schriftstücke aus ihrer Aktentasche zog: „Ich habe alle Papiere vorliegen, wenn Sie so freundlich sein wollen, diese genau durchzulesen und dann zu unterschreiben. Übermorgen muss ich sie beim Amt abgeben.“
„Ja, ja, das mache ich morgen früh in Ruhe“, stammelte Alma, nahm die Papiere an sich und verschwand hinter ihrer Salontür. Der Wust an Geschriebenem trieb ihr Schweißperlen auf die Stirn. Die Zahlen und die Namen konnte sie erkennen, während der restliche Text, in winzigen Druckbuchstaben geschrieben, vor ihren Augen zu einem Brei zusammenschmolz. Kurzerhand verstaute sie die Seiten auf dem dreibeinigen Kaffeehaustisch unter Rudolfs Büchern.
Frau Markuweits Schritte im Flur vernahm Alma erst wieder am Abend, als diese ihren Sohn durch die Flurtür hineinließ. Sie hörte, wie er mit den Koffern auf dem Boden entlang schürfte und wie die Wohnungstür später wieder ins Schloss fiel. In keiner Weise würde sie ihr Leben im Hinblick auf die ungebetene Mitbewohnerin umstellen.
Am nächsten Morgen stellte sie sich wie gewohnt den Nordwestdeutschen Rundfunk ein, dämpfte den Ton bei den Nachrichtensendungen und drehte bei Musik lauter. Bei Pete Johnsons Humoresque Boogie schwangen ihre Hüften spontan zur Musik und ließen sie selbstvergessen, den Staubwedelstiel umfassend, durch ihr Zimmer tanzen. Sie bewegte sich auch weiter, als es an der Zimmertür klopfte und diese dann nach weiterem zweimaligen Anklopfen von Frau Markuweit geöffnet wurde. Beim Anblick ihrer Untermieterin ließ Alma den Stiel auf den Boden fallen. Frau Markuweit hob ihn wortlos auf.
„Ich wollte Sie nicht stören, Frau Curtz, ich komme nur wegen der Papiere“, sagte sie lächelnd, „haben Sie denn schon unterschrieben?“
„Dazu bin ich noch gar nicht gekommen“, keuchte Alma, „ohne meine Leibesübungen fängt der Tag nicht gut an. Setzen Sie sich doch. Ich mache uns einen Linde’s.“
Während sie das Wasser aus dem Hahn in der Küche in den bauchigen Emaillekessel laufen ließ, entschied sie sich, auf ihr bewährtes Muster zurückzugreifen.
Sie glaubte, überzeugend zu klingen, als sie der Einquartierten erklärte: „Meine Brille ist mir abhandengekommen, kriegen Sie in diesen Zeiten mal ordentliche Gläser! Und wie hässlich die sind. Eine kleine Schrift wie diese …“
Sie begann, mit Vorsicht die Papiere aus dem Bücherstapel auf dem Kaffeehaustisch zu ziehen, der daraufhin umzukippen drohte; Frau Markuweit hielt ihn jedoch mit einer Hand fest und warf dabei einen Blick auf die Titel: „Robinson Crusoe war das Lieblingsbuch meines Sohnes. In unserem Garten musste er sich unbedingt eine Hütte bauen, wie Robinson, und wenn er ‚Freitag‘ rief, kam sein Kater angelaufen. Wie traurig das ist, er konnte ja nichts mitnehmen.“
„Mein Mann hat da auch immer wieder reingeguckt“, antwortete Alma. „Ich gebe Ihnen die Papiere zurück. Wir müssen ja nicht alles Gedruckte lesen, da steht doch immer dasselbe. Sagen Sie mir, was zu unterschreiben ist. Meine Augen …“
Wie Frau Markuweit mit ihren zarten Händen, den gepflegten Fingernägeln die Formulare einer Kostbarkeit gleich anfasste, ihren Kopf mit den dunklen, von einzelnen weißen Strähnen durchzogenen, nach innen gerollten Haaren neigte, um sich in die Papiere zu vertiefen, stimmte Alma für den Moment versöhnlich.
„Ich sehe, dass Sie nur unterschreiben sollen, dass ich nun in der Brockesstraße mit wohne. Meine Daten habe ich schon eingetragen. Bei Ihnen fehlt noch: Geburtsdatum, Geburtsort, Familienstand, und hier: auch noch Ihr Beruf.“
„Frau Markuweit, bevor ich mich in der Zeile vertue, schreiben Sie doch: Mein Geburtstag ist am 3.3.1905, gebürtige Lübeckerin, das heißt in Lübeck geboren, und mein Mann, wissen Sie ja, ist im Krieg geblieben. Was Sie als Beruf hinschreiben, weiß ich nicht so genau; ich habe ja bei meinem Mann mit im Kurzwarenladen in der Wahmstraße gearbeitet. Da habe ich alles gemacht, Knöpfe sortiert, Räume geputzt, Kundinnen beraten und was weiß ich nicht alles noch. Frau vom Kaufmann, eigentlich Kaufmannsfrau, aber das Wort gibt es ja nicht.“
„Gut, Frau Curtz, dann schreibe ich das. Ihren Beruf lasse ich frei, ich kann ja auf dem Amt fragen, was da rein soll. Unterschreiben müssen Sie natürlich selbst.“
Ihre Unterschrift hatte Alma geübt, setzte sie mit einem eleganten Schwung auf die gestrichelte Zeile der letzten Seite des Dokuments, das sie nun als erledigt in Frau Markuweits Hände zurückgeben konnte. Obwohl sie sich eingestand, dass Frau Markuweit umgänglich war, war sie erleichtert, als diese sich mit einem „Vielen Dank für den Linde’s, es ist ja spät geworden“ verabschiedete, um in ihr halbes Zimmer zurückzukehren. Sie wollte sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass die Vertriebene sich in ihrer Wohnung einnistete und sich dort am Ende gar zu Hause fühlte. So blieb sie bei dem Entschluss, den Kontakt mit der Ostpreußin zu vermeiden. Sie bemühte sich, ihren Blick auf die gegenüberliegende Seite des halben Zimmers zu lenken, wenn sie in ihrem Flur mehrere Male am Tag an der geschlossenen Tür vorbei schleichen musste. Schließlich hatte sie an den Bürden, die ihr eigenes Leben ihr auferlegt hatte, genügend zu tragen, so dass sie sich nicht auch noch um das Wohlergehen einer ihr völlig fremden Frau kümmern konnte.
Die Blätter an den Bäumen wechselten ihre Farben zu safrangelb bis dunkelrot und sammelten sich an verschiedenen Orten des Innenhofes, die dann von den Mietern laut Hausordnung im wöchentlichen Turnus zusammengefegt werden mussten.
Um das Farbenspiel des Ahornbaumes wie im letzten Herbst genießen zu können, musste Alma sich nun kerzengerade aufgerichtet auf den dicht am Fenster stehenden Holzstuhl setzen, der bei jeder ihrer Bewegungen zu knarren begann und zusammenzufallen drohte. Sie nahm sich vor, bei Gelegenheit Herrn Schreiber aus dem zweiten Stock zu bitten, ihn zu reparieren. Ein Kissen als Unterlage wollte sie sich auch bei der nächsten Ausgabe der Care Pakete im Rathaus besorgen oder – falls sie dort keines finden sollte – notfalls aus Stofffetzen nähen.
Das Care Paket zum letzten Weihnachtsfest, das sie sich zusammen mit ihrer Jugendfreundin Leni in der Innenstadt abgeholt hatte, kam für sie einem Geschenk des Himmels gleich. Beide hatten sofort gierig auf dem Nachhauseweg durch die Beckergrube ihre Schokoladentütchen aufgerissen und, an der Untertrave angekommen, schon vertilgt. Dabei kicherten sie ununterbrochen vor Glück; berauscht von dem samtigen, süßlichen Geschmack des Kakaos und der Rosinen, die sie langsam auf der Zunge zergehen ließen.
Es dämmerte schon in der Brockesstraße, als Alma im Hausflur die Umrisse ihrer Freundin durch die Glaseingangstür erkannte. Sie ahnte, dass auch Lenis Sohn Gisbert wie üblich plötzlich aus dem Nichts auftauchen würde, um lauthals seine Freude auszudrücken, wenn seine Patentante die Hände vor das Gesicht schlug und „Huch, wen haben wir denn da!“ ausrief. Sie empfand das Spiel des Jungen mit seinen fast vierzehn Jahren zwar als nicht altersgemäß, behielt das aber lieber für sich. Leni hatte mit Gisbert nach getaner Arbeit beim Roten Kreuz, An der Parade, den Umweg zu Fuß über den Lindenplatz und die Schwartauer Allee in die Brockesstraße auf sich genommen, um von Alma etwas über ihre Einquartierte zu erfahren.
„Und wie ist sie so? Ist sie da?“
„Nee, die ist irgendwo auf dem Amt. Sie haben früher in einem Schulhaus in Ostpreußen gewohnt, es ging ihnen gut, sie schwärmt noch von ihrem achtundzwanzig Meter langen Gartenschlauch. Die Flüchtlinge kriegen doch alles … und arbeiten muss sie auch nicht. Die Arme hat aber ihren Mann auch im Krieg verloren.“
„Mensch, Alma, wir haben doch auch unsere Päckchen. Weißt du noch, damals im Schlafsaal: Wehe, wir haben uns im Bett etwas vorgesungen, dann bekamen wir von der Oberschwester was auf die Finger, aber, sowie sie wieder draußen war: hebt wi lacht.“
„Einige Schwestern waren auf unserer Seite, weißt du noch, wie Schwester Hildegard uns Märchen vorgelesen hat? Unsere Schularbeiten hat doch keiner kontrolliert. Ich habe nie welche gemacht, ging ja auch so. Von Schwester Erika reden wir mal lieber nicht.“
Bruchstückhafte Erinnerungen an ihre Zeit im Waisenhaus schwirrten Alma immer wieder durch den Kopf: ihre Angst und dennoch Dankbarkeit am Ende, dass sie dort von den Schwestern in Obhut genommen wurde, als ihr Elternhaus Bei der Schafbrücke zu Weihnachten in Flammen aufgegangen war. Am Heiligen Abend nachmittags hatte sie mit ihrem Vetter Karl einen Schneemann bauen sollen, damit ihre Eltern ungestört die Nordmanntanne mit Kugeln, Lametta und Kerzen schmücken konnten. Im Nachhinein hatte man nicht genau feststellen können, wer es gewesen war, ob Mutter oder Vater damals fahrlässig mit den Kerzen umging, so dass die Gardine neben dem Weihnachtsbaum großflächig Feuer fing, welches sich blitzartig ausbreitete. Nicht nur die Eltern, auch das neugeborene Geschwisterchen kam damals ums Leben. Die Stimme der Waisenhausschwester Erika erschien wiederkehrend in ihrem Ohr, wie sie ihr in einem schneidenden Ton auftrug, niemals im Leben eine Kerze anzuzünden. Niemals würde Alma Kerzen in ihrer Wohnung anstecken, auch dann nicht, wenn der Strom ausfiel. Als Frau Schreiber aus dem zweiten Stock seinerzeit im Luftschutzkeller mit einer Kerze dämpfendes Licht in das dunkle Gewölbe bringen wollte, hatte Alma ein panikartiges Zittern ergriffen.
Leni war gekommen, um Alma aufzufordern, mit ihr und Gisbert auf Hamsterfahrt zu gehen: „Wir müssen schon an Weihnachten denken, es gibt Überfahrten nach Fehmarn, übermorgen um zehn. Die haben Gemüse, Mehl im Überfluss. Vielleicht auch eine Gans. Auf dem Schwarzmarkt habe ich nichts Brauchbares gefunden.“
„Wenn Papa vielleicht gerade heimkehrt und wir sind nicht zu Hause?“, warf Gisbert ein, was Leni jedoch überhörte. Sie erzählte von ihrem Tausch in der Fischergrube, bei dem ihr ein solide aussehender älterer Herr für zwei Zigaretten einen ganzen Sack Mehl in die Hand gedrückt habe und dass sich dann zu Hause das Mehl als Kreide herausstellte.
„So ein Halunke“, schimpfte sie, brach dann aber über die Verschlagenheit des Mannes in Lachen aus. „Ischa doll, aber wer weiß, was wir damit noch anfangen können.“
„Wir fressen Kreide, dann kriegen wir schönere Stimmen“, erwiderte Alma und lachte mit.
„Eine Gans zu Weihnachten wäre was. Mal sehen, was ich noch in der Küche habe.“
In der Küche stieß sie einen so gellenden Schrei aus, dass Leni ihr sofort folgte. Auf dem Küchentisch lag eine Tafel Schokolade mit einem Zettel. Leni las vor: „Liebe Frau Curtz, voilà (Leni las: ‚foila … keine Ahnung, was das heißt‘) meine Reste aus dem Care-Paket. Hoffentlich mögen Sie Zartbitterschokolade. Gruß F. Markuweit.“
Die Tafel Schokolade aus dem Papier zu befreien und in drei Teile zu zerlegen, kam einer Überraschungsparty gleich: Gisbert erhielt das größte Stück, für Leni und Alma blieben je zwei Riegel, die sie sofort in ihre Münder versenkten.
„Frau Markuweit, sie lebe hoch, sie lebe hoch, hoch, hoch“, sangen die beiden Freundinnen, während Gisbert sich mit verkniffenem Mund vor Verlegenheit krümmte.
Auf der Suche nach Tauschware für die Hamsterfahrt auf die Insel Fehmarn wurde Alma im Keller fündig: Rudolfs Hochzeitsanzug in schlichtem Dunkelgrau sowie sein Wintermantel mit dem breiten Pelzkragen und der dazugehörigen Mütze mit Ohrenklappen würden genügend Vorräte für die Wintermonate einbringen.
Die Wehmut, die ihre Augen leicht tränen ließ, als sie sich im Flur den kostbaren Wintermantel an ihre hochgewachsene Figur anhielt und im Spiegel betrachtete, vertrieb sie sogleich mit dem Gedanken, dass Rudolf es sicherlich begrüßt hätte, dass seine Witwe seine Kleidung gegen etwas Essbares eintauschen würde. Bilder ihrer Hochzeitsfeier standen ihr vor Augen, als sie Rudolfs immer noch modernen Hochzeitsanzug inspizierte, den er am 15. Mai 1927 an ihrer Seite sowohl im Standesamt in der Mühlenstraße als auch in der Jacobikirche getragen hatte. Seine Mutter fand damals, dass das dunkle Grau Rudolf reifer aussehen ließ, war es ihr doch unangenehm, dass die Braut drei Jahre älter war als der Bräutigam.
Nun entdeckte Alma ein Loch am linken Ärmel des Sakkos und bei näherem Hinsehen ein weiteres Löchlein am Schlitz der Hose. Auf das Loch am Ärmel würde sie Stoffflicken ähnlichen Materials aufnähen und auch den rechten Ärmel damit bestücken, so dass das Sakko insgesamt ein frisches Aussehen bekäme. Den Hosenschlitz würde sie so belassen, in der Hoffnung, dass dieser während des Tausches nicht mit der Lupe untersucht würde.
Unter dem Gewicht der Herrenkleidung im Leinensack über der Schulter schleppte sie sich vom Timmendorfer Bahnhof zum Hafen, wo Leni für sie drei einen Platz auf einem Kahn organisiert hatte. Wind, Wellen und die überbordende Masse der Menschen brachten das Boot zum Schaukeln. Almas Magen rebellierte bereits beim Anblick des sich auf und nieder bewegenden Gebildes.
„Komm man schon, dat löppt sich hier allens torecht“, empfing Leni sie, die einen Berg von Säcken um sich gehäuft hatte, über dessen ganze Breite sich Gisbert mit seinen staksigen Beinen ausstreckte. Alma ließ sich mit Magengrimmen neben Gisbert auf die Säcke fallen.
Auf der offenen See neigte sich der Kutter immer tiefer in eine Richtung, so dass er in den hohen Wellen zu versinken drohte, wobei jedes Mal ein Aufschrei durch die Menge ging. Ein Schiffsjunge mit der Aufschrift ‚Fehmarn Flotte‘ auf seinem Südwester reichte einen Blecheimer herum, in den sich Alma und zwei hagere Männer abwechselnd erbrechen mussten. Bis zur Ankunft am Hafen Burgstaaken erholte Alma sich nicht von ihrer Übelkeit und lag komatös auf den Kleidersäcken, während Leni ihr mit einem feuchten Tuch den Mund abwischte und Gisbert sie mit „Alles wird gut“ zu trösten versuchte. Als das Boot anlegte, drängelten sich die Menschen von Bord, um als erste am Handelsplatz anzukommen. Alma taumelte mit der Menge, ließ sich von Leni und Gisbert anschieben, wobei die drei nicht bemerkten, dass Almas Gepäckstück auf dem Boden des Kahns liegen geblieben war.
Am Kai saßen Männer und Frauen unbestimmten Alters in Decken gehüllt, deren blässlich wässrige Augen von tiefen Schatten umrahmt aus ausgemergelten Gesichtern blickten, die sich kaum unterschieden.
„Einhundert Jahre Inzucht auf der Insel“, flüsterte Leni Alma ins Ohr, worauf diese in ihrem geschwächten Zustand entgegnete: „Leni, die armen Menschen machen hier schwere Zeiten durch.“
