Broken Ballerina Sakura - Nila G. McHeal - E-Book

Broken Ballerina Sakura E-Book

Nila G. McHeal

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Beschreibung

AI TO ITAMI-Broken Ballerina Sakura Japan! Nihon! Nippon! Das Land der aufgehenden Sonne. Das Land so wunderschön, aber auch so gefährlich! Das Land zerrissen zwischen den Traditionen und der Moderne. Zerrissen wie Aihara Sakura, dem Star des National Japan Ballett in Tokio. Erfolgreich, gefeiert, unabhängig und mit einer unbändigen Lust auf das Leben. Auf die Liebe! Denn das, was Sie lesen werden, das ALLES ist passiert, das ALLES entspricht der Wahrheit. Einer Wahrheit, die hart und kompromisslos ist. Einer Wahrheit, die den Protagonisten alles abverlangt und am Ende bleibt nur das Gaman: Erhebe deinen Geist über deinen Körper. Nur dein Wille ist das, was zählt. Dein Wille wird dich zu dem machen, was dich ausmachen wird. Sei diszipliniert! Ertrage das Gaman. Ertrage das Leid, ohne das Leid zu klagen! Gehen Sie mit auf eine Zeitreise, eine Reise durch die Vergangenheit bis zur Gegenwart. Erleben Sie AI TO ITAMI, die Liebe und den Schmerz. Erleben Sie das Leben!

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Seitenzahl: 357

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Broken Ballerina Sakura

BROKEN BALLERINAIN MEMORIAMINTENTIONPROLOGONCE UPON A TIME IHITOMEBOREKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5TŌRIAMEKapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9SHIAWASEKapitel 10Kapitel 11Kapitel 12TEKIKapitel 13IKIMASUKapitel 14Kapitel 15Kapitel 16KENKAKapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21JINSEIKapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26HANGYAKUKapitel 27Kapitel 28Kapitel 29SONSHITSUKapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Kapitel 36HAJIMERUKapitel 37Kapitel 38JIKANKapitel 39Kapitel 40Kapitel 41Kapitel 42YUWAKU - YAMATO MEIKapitel 43Kapitel 44Kapitel 45SEKININ - AIHARA SAKURAKapitel 46Kapitel 47OWARIKapitel 48Kapitel 49Kapitel 50HANAMIFinales Kapitel - 51ONCE UPON THE TIME IIEPILOGARIGATŌGlossarImpressum

 AI TO ITAMI

 BROKEN BALLERINA SAKURA

 GERMAN RE-EDITION 2022

 1. NEUAUFLAGE

IN MEMORIAM

FOR AKINA.

IN MEMORY OF THE ONE AND ONLY PERSON THAT WE TRUE AND HONESTLY LOVED AND WHOSE LOSS WE REGRET.

REGRET AS NOTHING ELSE.

MY DARLING I MISS YOU SO MUCH.

 I WILL LOVE YOU FOREVER AND INTO ALL ETERNITY. M.M

INTENTION

- STORIES OF LIFE - EXPECT THE UNEXPECTED – ‚WAHR SIND NUR DIE ERINNERUNGEN, DIE WIR MIT UNS TRAGEN; DIE TRÄUME, DIE WIR SPINNEN UND DIE SEHNSÜCHTE, DIE UNS TREIBEN‘

Liebe Leserinnen, liebe Leser!  Ein herzliches Willkommen an alle, die an die Kraft der Träume und der Liebe glauben und in meine 'STORIES OF LIFE' eintauchen möchten. Das Leben schreibt die Geschichten und die Geschichte, die wir erleben. Die positiven und auch die negativen Erlebnisse. Die glücklichen und die tragischen Momente unseres Seins.  Ich freue mich sehr, dass Sie sich für die Neuauflage meines bereits 2018 erschienen Roman Broken Ballerina Sakura entschieden haben.   Ich möchte Sie heute wieder entführen in die Erlebnisse meiner Familie. Das, was Sie lesen werden, das ALLES ist passiert. Vielleicht nicht im exakten zeitlichen Kontext. Vielleicht nicht in allen genannten Details. Denn diese Geschichte ist keine reine Fiktion. ALLES entspricht dem Geschehenen.

HAVE NO FEAR! NO FEAR OF THE STRANGER, OF THE NEW, OF THE LOVE. WHO FEARS LOVE, FEARS LIFE! ...THE GREATEST HAPPINESS IN LIFE IS BEING LOVED; FOR OUR OWN SAKE, OR RATHER THAT WE ARE LOVED IN SPITE OF OUR OWN SAKE... BY THE LOVE OF THE PERSON, WE LOVE DEARLY! …WE HAVE SOMEONE BY OUR SIDE, BEFORE WE KNEW IT WE STARTED TO HELP EACH OTHER TO GROW; THERE ARE AS MANY HOPEFUL WISHES AS THERE ARE STARS IN THE SKY...

Ich wünsche Ihnen nun wieder viel Spaß beim Lesen. Tauchen Sie nun mit mir ein, in Liebe und Schmerz:

-AI TO ITAMI- -BROKEN BALLERINA SAKURA-

Lernen Sie wieder etwas Neues kennen, lassen Sie es auf sich wirken und Sie werden belohnt. Und erwarten Sie immer das:

UNERWARTBARE!

Es ist ALLES wieder anders, ganz anders, als wie Sie es sich vorstellen. Herzlichst Ihre Nila. G. McHeal

PROLOG

But if you fear love, than you fear life.

Kyōtō

Ein Schrei gellte durch die Residenz der Familie. Aihara Haruko lag in den Wehen. Die Presswehen setzten hart und unerbittlich ihren Körper unter Schmerzen. Bald würde sie ihre Tochter gebären.

Ein Kind der Liebe.

Ein Kind einer verbotenen Liebe. Wieder dachte Haruko an Thomas. Den Mann, den sie heiraten würde. Den Mann, den ihr Vater Aihara Takashi-tono so hasste und ablehnte. Thomas, den Mann, den sie aber über alles liebte.

Vor eineinhalb Jahren hatte sie den charmanten Amerikaner bei einer Veranstaltung in Ōsaka kennengelernt. Der große blonde Mann mit den strahlenden blauen Augen, war Militärattaché am US-Konsulat in Kyōto. Er war anders als die japanischen Männer, offen, weltgewandt, witzig und ehrlich.

Schnell lernten sie sich lieben. Er hatte ihr gezeigt, was Liebe ausmacht. Ihr gegeben, was sie immer vermisst hatte. Aber ihr Vater hingegen hasste diesen Gaijin. Diesen Fremdling ohne Manieren, ohne Tradition, ein Mann des Feindes, der Feind, der seinem Japan so viel Schmach und Elend gebracht hatte. „Ich verbiete dir jeden Kontakt mit diesem Gaijin, er ist unser Feind.“ Die Worte ihres Vaters hallten immer noch in ihren Ohren. Aber Haruko wollte sich durchsetzen.

Diesmal. Endlich.

Sie, die Aihara-san, sie wollte final ausbrechen aus den Ritualen, den Traditionen des stolzen Hauses Aihara.  

Einer Daimyō-Dynastie.

Ein Geschlecht, das Japan über Jahrhunderte die mächtigsten Fürsten, Beamten, Militärs, sowie Politiker und Berater des Kaiserhauses stellte. Ihr Vater war tief mit Kaiser Hirohito, dem Tennō, verbunden. Die Aiharas gehörten zu den wichtigsten und einflussreichsten Familien des Landes.

Aber die Familie starb.

Der Aihara-tono hatte nur ein einziges Kind. Sie. Haruko. Seine Nachfolgerin. Die 27-jährige würde jetzt die nächste Generation der Dynastie zur Welt bringen. Das Haus würde somit weiterbestehen können, diesen Fakt konnte auch ihr Vater nicht verleugnen.

Es war Hanami in Japan, die Zeit der Kirschblüte. In Nippon sagt man, dass wenn sich zwei Menschen dann vermählen, würden sie bis zu ihrem Lebensende zusammenbleiben und glücklich werden. Eigentlich wollte sie ihren Thomas am 2. April heiraten, aber ihr Kind hatte es etwas eiliger auf die Welt zukommen. Mitten in den Vorbereitungen zur Hochzeit setzten die Wehen ein.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Allerdings hatte auch die Großpolitische-Wetterlage am Pazifik ihnen einen zusätzlichen Strich durch ihre Pläne gemacht. So wurde Thomas drei Wochen vor dem geplanten Hochzeitstermin überraschend nach Seoul abberufen. Wieder eine Presswehe, Haruko stöhnte. Der Familienarzt und die Hebammen unterstützten sie. Tapfer lächelte Haruko „Arigatō“, sie wusste, es würde nicht mehr lange dauern. Die Intervalle der Wehen wurden immer kürzer.

Kurz dachte sie wieder an den Hanami. Es hieß, Kinder, die während der Kirschblüte geboren würden, werden glückliche, zufriedene und behütete Menschen.

Ihr Kind würde ein ‚hanami-no-kodomo‘ werden, von den Shintō-Gottheiten belohnt und beschützt. Man sagte ebenfalls, dass Menschen, die im Hanami sterben würden ihren Platz in der Ewigkeit finden.

Doch Menschen, die im Hanami geboren werden und auch sterben, würden den direkten Weg zu ‚Amaterasu-ō-mi-Kami‘ gehen, um dort über die Menschen Nihons bis in alle Ewigkeit wachen.

Babygeschrei.

Erschöpft und glücklich nahm Haruko das Neugeborene zu sich. „Meine Tochter.“ Sie musste weinen. Ihre Tochter war das bezauberndste Wesen, das sie jemals gesehen hatte.  

Sakura.

Von nun an würde alles gut werden, sie wusste es einfach. Aber sie konnte nicht erahnen, dass das Leben andere Pläne mit ihr vorhatte.

ONCE UPON A TIME I

A little blonde girl was dreaming about her life, she saw a colorful and happy life, without any sorrows, full of joy and free of fear. She was dreaming about the knight with the white horse. The knight who will protect, guide and save her. Be my sword and shield. But sometimes you must wait until your end, until the end of your life, and then he will find you; and you will find him.

But sometimes he never appears. And you must live your life unprotected, unsafe and by yourself. Alone. And your life gets not a happy end. It’s ended in depression, in pain, sweat, tears, blood and broken dreams.

Sometimes you feel helpless, sometimes you feel pathetic; sometimes you feel destroyed, sometimes you feel fear; sometimes you feel life, and sometimes you feel love. But what is love? Is love a never-ending story? Is love an ending story? Is love a fairy tale? Is love what life brings up to you?

 But if you fear love, than you fear life. What is life? Is life your friend? Is life your enemy? Is life your lover? Is life only a mixture between constraints and traditions? Can you save your life? Can you? Can I? Can I change my life? Or life changes me? Can you survive your life? I’m able to survive too? Survive my own life?

Am I a lover? Can I earn love? Honestly, absolute and desire-full? Can I love?

What are dreams? Nothing? Everything? Daydreams? Nightmares? On demand? Broken? Destroyed? Are dreams and life once? Can we live without dreams? Can we survive?

But we must survive, for our lovers, for our life. But can I survive too?

We must try everyday again to find something new, something what us shows that life is in us. No stand alone, no hurts, no regrets, no excuses, no lost chances, no doubts, no promises, no waiting for love.

Anymore. Never!

 I will love, I will love. I will try. And sometimes I try something new. I’ll be strong.

This is a story of faults, misunderstandings, wrong decisions, regrets, sorrows, dreams, doubts, lost chances and love. My name is Aihara Sakura. I was born as a daughter of a Gaijin; Shōwa 54; March; 31st in Kyōto-Nihon. Born into the house of the Aihara-tono during Hanami, into a country, into a family where I found only pain and destruction. No love, no protection and nobody who could save me.

I’m a broken Girl. I’m the broken Ballerina. This is the story of mine. This is my life.

HITOMEBORE

Nila. G. McHeal

Midsommar 2017 / Manatsu Heisei 29

Kapitel 1 - 5

The knight who will protect, guide and save you.

Be my sword and shield.

But sometimes you must wait until the end, until the end of your life that he found you; that you find him.

Kapitel 1

Malmö

Der Regionalzug vom Flughafen København-Kastrup war wie immer pünktlich in Richtung Malmö abgefahren. Die Fahrt über den Øresund war auch wie immer ruhig und unspektakulär verlaufen. Im Gegensatz zur Aussicht.

Dieser Aussicht.

Diese Ansicht begeisterte ihn immer noch, es war ein Stück des ‚Ankommens‘ in seine neue Heimat. Malmö-Höllviken, war nun seit vier Jahren sein neues Zuhause. Aus den Fenstern seines Hauses konnte er die Øresund-Brücke sehen. Sein Domizil war nah genug an seinem Arbeitsplatz in København, nah genug am Flughafen in Kastrup, aber auch weitab von allen Verbindlichkeiten des öffentlichen Lebens und irgendwie ‚in the middle of nowhere‘. Nach dem Tod seiner Frau hatte er den Job in der dänischen Hauptstadt angenommen, es war eine Flucht aus dem alten Leben, fort aus der kleinen Stadt, weit weg aus der Schweiz. Er konnte die Enge in Aarburg nicht mehr ertragen, zu viele Erinnerungen an die Vergangenheit. Als Senior Engineer für regenerative Energien hatte er weltweit sein Einsatzgebiet, sodass er doch eher selten im København RE³-Energy-AS-Headquarter in der Njalsgade anzutreffen war. Die neuen ‚Märkte‘ China, Süd-Korea und Japan waren sein Haupt-Einsatzgebiet.

„Biljettinspektion.“

Kurz erwiderte er den Schaffner und zeigte sein Ticket auf dem iPhone. Sein Schwedisch-Dänisch-Mix lies nach all den Jahren immer noch sehr zu wünschen übrig, aber für die täglichen Dinge reichte es dann aber doch. Dafür machten seine asiatischen Sprachkenntnisse Fortschritte, eines dieser Länder am Pazifik mochte er besonders.  

Japan. 

Die Landschaft, die Kultur und die teils doch sehr ‚schrägen‘ Japaner. Eine Vielfalt, die selbst in Europa kaum anzufinden war, ein Mix zwischen Tradition und Zwängen und anderseits die Manga- und Ganguro- Kultur. Schrill, Bunt, Laut und Exotisch. Dann musste er oft an seine Tochter denken. Sie war in Zürich an der Universität und strebte ihren Abschluss als Juristin an. Sie war das Gegenteil dieser exotischen ‚Ganguro’s‘. Diszipliniert, geradlinig und strategisch wie er. Aber kannte er seine Tochter überhaupt noch? In den letzten Jahren war ihr Kontakt immer sporadischer geworden. Still, aber dennoch gab sie ihm eine Mitschuld am Tod ihrer Mutter.  

Charlotta. 

Seine Frau und er waren im 20zigsten Jahr ihrer Ehe, als die Diagnose sie unvorbereitet traf. Danach ging alles sehr schnell. 3 Monate. Endstadium, Exitus. Er atmete tief durch. Ihm war klar, er war auf der Flucht. Auf der Flucht vor dem Leben. Auf der Flucht vor seinem Leben. Wieso oft wurde er dann nachdenklich, er musste wieder an seinen Vater Hans denken. Den Vorstandsvorsitzenden der Waldner AG, sein Vater der ‚Übermensch‘. 

„Mein Sohn. Das Leben besteht aus vielen Möglichkeiten und Chancen nutze sie. Es besteht auch aus Entscheidungen, den Richtigen und den Falschen. Bedenke Dein Handeln, wäge es ab und tue das, was das Richtige ist. Aber diese Entscheidung, die Du nun getroffen hast, werde ich nicht akzeptieren. Niemals! Diese Frau. Diese Italienerin. Bedenke nochmals Dein Handeln. Denke an die Konsequenzen.“

Wieder sah er seinen Vater vor sich stehen, aufgebracht, aufgewühlt, aber doch beherrscht, sachlich, kalt bestimmend. Ein typischer Deutsch-Schweizer, nicht fähig seine Emotionen zuzulassen, der Sache verpflichtet, bedacht auf den guten Ruf, der Ehre und dem Ansehen. ‚Deutsche-Tugenden‘ dachte er.

Die Auseinandersetzung mit seinem Vater hatte ihn damals tief getroffen, die Ablehnung Charlottas war hart für ihn gewesen. Sie, die quirlige, chaotische, liebenswerte Frau aus dem Tessin, sie war das absolute Gegenstück zu ihm. Mit ihr hatte er endlich gelernt, was Leben ist. Nicht nur Pflichterfüllung, nicht nur Beherrschung. Sie heirateten, bald darauf wurde ihre gemeinsame Tochter geboren.

Federica. Fea.

Die Quintessenz aus ihren beiden Persönlichkeiten. Es waren gute Jahre. Aber dann plötzlich, ohne ein Anzeichen, ohne Warnung, ohne eine Chance zu reagieren, schlug das Leben zu. Gnadenlos, unbarmherzig und brutal. Der Unfall.

Der Unfall, der alles veränderte, ihr Leben, sein Leben. ALLES. Seitdem war er auf der Flucht, seit nun mehr als 10 Jahre. Er. Er, der alles erreicht hatte. Er, der alles verloren hatte. Er, der aber immer wieder aufstand und seinen Weg ging.

Er. Marc Waldner. 

Er war immer noch auf der Flucht. 

„Einmal tief durchatmen, cool down, was für ein Tag.“ Schnell schüttelte er nun die Gedanken beiseite. Es war wieder einmal spät geworden, sehr spät. Ole Steen, CEO von RE³-Energy-AS, fand grundsätzlich bei den ‚Monthly-Forecast-Meetings‘ keinen Abschluss. Monologe, Dialoge, Diskussionen, alles ohne Ende. Der einzige Lichtblick war Birgitta Olsen, der Neuzugang, sie war nicht nur sehr talentiert, sondern auch sehr attraktiv dazu. Aber was sollte jemand wie Birgitta mit einem ‚alten Sack‘ wie ihm? Kurz musste er wieder an die gemeinsamen Jahre mit Charlotta nach dem Unfall denken. Ihre Ehe war still geworden, sehr still. Sie hatten sich arrangiert, sie hatten ihre Ehe bestehen lassen, für Fea.

Schnell stürzte er sich in die Arbeit, in Dienstreisen, in neue Jobs. In Arbeiten weit von Aarburg entfernt, sehr weit. Vor rund fünf Jahren reiste er erstmals nach China, dann nach Süd-Korea und nach Japan. Wieder dachte er an Anett, seiner damaligen Assistentin, sie war etwas Besonderes für ihn. Sie, die 25-Jährige, die junge, attraktive MIT-Absolventin, sie hatte ihn damals gewählt. Ihn, den vom Leben Gezeichneten. Ihn, den Angeschlagenen.

Es waren zwei wundervolle Jahre. Eine Zeit die ihm Auftrieb gaben. Aber auch eine Episode die geprägt waren von Schuldbewusstsein gegenüber seiner Familie. Zwar hatte Anett von Anfang an klargemacht, dass sie nur eine temporäre Beziehung eingehen wollte. Am Ende nur eine Affäre. Eine Affäre aus der Einsamkeit geboren, aus leeren Hotelzimmer, endlosen Arbeiten. Aber sie tat ihm gut, er tat ihr gut. Ihre gemeinsame Tätigkeit, 10.000 km von der Heimat entfernt, war spannend, erfüllend und sie lebten zusammen. Auf Zeit, auf Abruf. Aber sie lebten.

Er hatte Anett wirklich geliebt.

Wieder seufzte er. „Verdammt lang her. In welchem Leben war das denn eigentlich alles?“ Still lächelte Marc, jetzt war er 50 Jahre alt, würde es irgendwann wieder besser werden? Würden die Grübeleien über das ALLES einmal aufhören? Beim Blick auf seine Armbanduhr dachte er wieder an sein altes Leben in der Schweiz. Seine GMT Master war ein Geschenk seines Vaters, mittlerweile war die Uhr über 30 Jahre alt, aber präzise wie am ersten Tag. Sie erinnerte ihn an die ‚Deutschen-Tugenden‘, an all den Schweiß, die Anstrengungen und an die Erfolge.

An sein altes Leben.

„That‘s Life. Nach einem Tief kommt immer wieder ein Hoch. Old Blue Eye’s, wie Recht du doch hast, aber es ist verdammt nicht einfach. But thanks’ god it’s Friday.” Wochenende und es war Midsommar. Schnell ordnete er nun sein Gepäck, während der Regionalzug in den Bahnhof Malmö-Hyllie-Station einfuhr ‚Time to go home‘.

Mit einem Lächeln im Gesicht stieg er aus, noch schnell den XC 90 aus dem P&R-Parkhaus holen. Keine 25 Minuten später wäre er Daheim, in seinem Haus an der Küste. Allein wie immer, einsam wie immer. Zeit zum Grübeln. Zeit zum Lesen. Zeit für einen guten Single Malt. „Einen Deanston Virgin Oak oder doch besser einen 14-Jährigen Clynelish.“ Jetzt grinste er vor sich hin. 

„Home, Sweet Home.“

Doch dann sah er sie. Eine blonde Frau in einem blauen Business-Kostüm war mit ihm aus dem Zug gestiegen und stand nun etwas orientierungslos auf dem Bahnsteig. 

Kapitel 2

Sakura erschrak, als sie die Stimme hinter sich hörte, sie drehte sich um und sah in das Gesicht von Mei. „Saki geh nicht, ich bitte Dich.“ «» „Mei. Liebe Mei. Ich muss. Du weißt, dass es die einzige Chance ist, mein Leben wieder zu regeln, mich wieder zu lieben. Mei. Ich kann nicht anders. Entschuldige. Mei Yamato, ich werde Dich immer lieben. Sayōnara Mei.“

Es war das letzte Mal, dass sie Mei sah. Mei ihre Freundin. Ihr Leben. Die Liebe ihres Lebens? Schnell ging sie nun weiter zum Boardingbereich des Flughafens in Tōkyō und setzte sich die Kopfhörer ihres iPod auf, sie hörte Utada Hikaru: 'Be my last.'

Ein trauriges Lied. Ein tieftrauriges Lied, das die Freundschaft zweier Frauen beschrieb, die an ihrer Beziehung zerbrachen und daran verzweifelten. Es war vorbei. Der Traum, der große Traum war gestorben. Endgültig final für immer. Sie konnte nicht mehr, ihr Körper war gebrochen. Das Ende. Was würde bleiben? Tieftraurig kauerte sie sich in den First-Class Sitz der All-Nippon-Airlines, auf dem Weg Tōkyō-Haneda– London-Heathrow. Wieder ließ sie ihr Leben, ihre gespeicherten Bilder Revue passieren.

Ballett.

Ihre Auszeichnungen. Ihre Trophäen. Ihr Aufstieg. Schwanensee, La Bayadère. Ihre Erfolge. Sie war der Star am NNTT dem New National Tōkyō Theatre. Sie war die Primaballerina des National Ballett of Japan. Dann der Zusammenbruch, ihr geschundener Körper, die Operationen, die REHABs, der Schmerz, der Versuch des Comebacks. Ihr Großvater Takashi, der Aihara-tono, ihre Großmutter Kazumi, ihre Mutter Haruko, ihr Vater Thomas. Thomas der Gaijin. Bilder ihrer Geliebten folgten, Yoon, Polina, Joana, Mei. Gesichter ihrer namenlosen Gespielinnen flogen vorbei. Abermals verharrte Sakura, wieder sah sie Mei vor sich.

Mei die Liebe ihres Lebens?

War sie es wirklich? Oder war es einfach nur die Einsamkeit nach ihrem Zusammenbruch? Mei, die Junge, die Unerfahrene, die Zärtliche, die ALLES von ihr aufsog, um zu lernen. Liebe zu lernen. Mei, die so sehr unterstütze. Mei, die so tief und ehrlich liebte. Mei, die mit dem offenen Herzen. 

Tränen liefen über ihr Gesicht. War es wirklich so? Doch sie wusste es nicht. Alle ihre Liebesbeziehungen hatten immer irgendeinen fahlen Beigeschmack ‚Bitter-Sweet‘. Ständig war sie auf der Suche nach der finalen und andauernden Beziehung, geprägt von Vertrauen, Verständnis und Ebenbürtigkeit. Dieses Suchen endete nie.

Stets war sie sich ihrer Attraktivität bewusst, 172cm, schlank, naturblondes Haar, grüne Augen. In diesen smaragdgrünen Augen, in denen man sich verlieren konnte, die klar die europäischen Gene ihres Vaters wieder spiegelten. Ihr trainierter und wohlgeformter Körper, man musste sie einfach lieben. Ihre körperlichen Attribute, ihr Charme, ihre Cleverness, ließen jeden dahin schmelzen.

Sie wusste genau, wie sie ihr ‚Package‘ einsetzten konnte, um DAS zu erreichen, nach dem sie sich sehnte.

Zu Hause in Kyōto war sie immer die Gaijin gewesen. Ein Alien, ein Mutant, eben nicht traditionell japanisch. Ihr Vater Thomas, der Amerikaner, der Feind. Den Vater, den sie nie hatte kennenlernen können. Der Mann, der kurz nach ihrer Geburt, so tragisch im Einsatz vermisst wurde. Aber ihre Mutter Haruko hatte ihn geliebt, über alles geliebt. Ein Skandal in der Aihara-Familie.

Dann das Kind. Das Kind eines Gaijin! Das Gesicht der Familie war verloren, die Ehre besudelt. Die Tradition mit Füßen getreten. „Es wäre besser, Du wärst nie geboren worden. Gaijin.“ Wieder hörte Sakura die Worte ihres Großvaters in den Ohren, es dröhnte, nochmals und nochmals: Gaijin!

„Malmö-Hyllie-Station.“

„WTF. Wo bin…?“ Nun schrak sie auf. Es war wieder dieser Traum, dieser unendlich schreckliche Traum, er kam und wich nie. Aber sie war froh, dass sie aufwachte, aufwachen konnte. Jetzt Schweden, weit entfernt von Japan, aber auch von London, Mailand und Florenz. Das waren ihre Stationen in den letzten zehn Jahren, seitdem sie Mei verlassen hatte und versuchte ihr Leben wieder für sich zurückzugewinnen, es zu akzeptieren, es zu lieben.  

„Malmö.“ Still lächelte die Japanerin. „New Game, new luck.“ Malmö war jetzt ihre Chance, zur Ruhe zu kommen, weiteren Abstand zu gewinnen. Zu akzeptieren, dass ihr Körper nicht mehr das tat was sie wollte, dem Raubbau der jungen Jahren den Zoll zu zahlen. Sich dem beginnenden Altern zu stellen, endlich erwachsen zu werden. Oder schlimmsten Falles in die Falle einer ‚Midlife-Crises‘ zu tappen.

Schweden.

Das Land der freundlichen, der glücklichen Menschen. Das Sehnsuchtsland vieler, die Ruhe und Abstand suchen. Nach dem aufreibenden und intensiven Job an der Royal Academy of Dancing in London hatte sie sich an der Universität in Florenz eingeschrieben. Dort hatte sie einen Abschluss in Klassischer-Tanzgeschichte erlangen können. Tanz, Ballett, Kunst, Mode, ihr Leben.

Auch wenn sie nun seit über einer Dekade nicht mehr tanzen konnte, nicht so tanzen, wie sie es immer wollte und konnte. Aber sie konnte unterrichten, sie konnte unterstützen, sie konnte lehren. An der Malmö-Konstakademi suchte man nun eine Dozentin für Ausdruckstanz und Tanzgeschichte. Sie musste nicht lange überlegen. Kurzerhand nahm sie das Jobangebot an. Schmunzelnd dachte sie an die Zeit in Tōkyō. 

„20 Jahre. OMG Ich werde alt.“ Kurz erinnerte sie sich an ihre Erfolge am New National Tōkyō Theater, als sie Japans Primaballerina war, als ihr die Nation zu Füßen lag. Endlich geliebt und geachtet.

Aber sie lebte nicht mehr dort.

In Europa gingen die Uhren anders. Niemand kannte sie hier wirklich. Sie war fort, seit Jahren war sie nicht mehr in ihrem gehassten und geliebten Japan gewesen. Dem Land zerrissen zwischen Tradition und der Moderne, zerrissen wie Sakura selbst.

Nun holte sie ihre Koffer, der Schmerz flutete ihren Körper, erst der LH-Flug von Florenz via Frankfurt-Main nach København, das Sitzen, das Warten. Ihre Muskeln krampften, die Brüche am Oberschenkel und den Sprunggelenken schmerzten wieder entsetzlich. Alle Maßnahmen und Therapien konnten nicht helfen. Präzise wie ein ‚Schweizer-Uhrwerk‘ setzen die Qualen am Abend ein. Egal auf welchen Kontinent sie sich befand. Egal ob Winter ob Sommer. Diese Pein gehörte zu ihrem Leben, genauso wie ihre Abgründe, Ängste und ihre Stärken. 

„I will survive.“

Als sie nun aus dem Zug stieg, umschmeichelte sie ein lauer Sommerwind auf dem Bahnsteig. Ihre kinnlangen, blonden Haare fielen in ihr ebenmäßiges Gesicht. Ihre mandelförmigen Augen sahen müde aus. Wo musste sie nun hin? Die Beschilderung war auf Schwedisch. Schnell zückte sie ihr iPhone und las noch einmal die Weg-Beschreibung, eigentlich müsste sie nur den Bahnhof verlassen und ein Taxi rufen. Der Weg zu ihrer neuen Wohnung war nicht allzu weit von der Station entfernt, aber ihr Flug hatte Verspätung und sie war spät dran, viel zu spät.

„Kuso!“

Etwas orientierungslos ließ sie ihren Blick Richtung Øresund-Brücke wandern. „Erinnert mich an die Tōkyō-wan-Aqua-Line-Bridge über die Tōkyō Bay.“ Tränen schossen augenblicklich in ihre Augen, Erinnerung an Japan, Erinnerung an das alte Leben. „Fuck off, go ahead.“ Schalt sie sich selbst.

„Hej hej .. kan jag hjälpa dig?“

Nachdem sie die Bass-Bariton-Stimme hinter sich hörte, drehte Sakura sich um. Nun sah sie in das attraktive und freundliche Antlitz eines Dreitagebarts bewehrten, leicht ergrauten Mannes mittleren Alters. Gekleidet in Desertboots, Chinos, Buttondown-Hemd und Lederjacke, dem seine Überraschung offensichtlich im Gesicht geschrieben stand. 

„Ech dänk I wärd verrockt.“

Der Mann rief den Satz im breitesten Schwyzerdütsch aus. Seine Dokumententasche aus Oxford-Leder ging dabei krachend zu Boden. Er konnte es nicht fassen, wer dort vor ihm stand.

Konnte das sein?

Aber er hatte dieses Gesicht schon so oft gesehen. Kurz sammelte sich der Mann und versuchte die Situation zu retten.

Kapitel 3

„Sumimasen. Konbanwa, anata wa Aihara-san desu ka?“ Augenblicklich stutze Sakura, sie sah dem Fremden in seine blauen Augen, in denen sie ein helles Leuchten vernahm. Woher kannte dieser Mann sie? War das möglich? Wieso sprach er Japanisch? Doch höflich antwortete sie ihm. „Konbanwa. Hai, watashi wa Aihara Sakura desu.“ Fasziniert schaute er in ihr Gesicht, in ihre Augen. „Watashi no namae wa Waldner Marc desu“ 

Was für ein Zufall.

Kann ich Ihnen helfen. Aihara-san?“ Wieder einmal zögerte die Japanerin, nach all den Jahren in Europa war sie immer noch nicht an die Offenheit der ‚Barbaren‘ gewöhnt. In den Augen ihres Großvaters gab es außerhalb Japans eigentlich nur Barbaren, ohne Manieren, Tugenden und Höflichkeit. Eine Ausnahme bildeten für ihn die Deutschen. Um 1900 hatten sie Japan die modernen Grundlagen des Zivil- und Handelsrecht gebracht. Diese Grundlagen waren auch noch heute gültige Standards. Darum hatte der Aihara-tono den Deutschen doch eine ausgeprägte ‚Zivilisiertheit‘ zugestanden.

Als sie gerade antworten wollte, jagte eine heftige Schmerzwelle durch ihren Körper. Kurzfristig wurde ihr schwarz vor Augen, das mit dem Schmerz einhergehende Vertigo ergriff sie und ließ sie leicht taumeln. Nach der Schmerz-Attacke war es ihr unmöglich, sich zu bewegen. Ihre Beinmuskulatur hatte den finalen Krampfzustand erreicht.

Augenblicklich sah er nun, dass etwas nicht mit ihr stimmte. Mit zwei Schritten schloss er zu ihr auf und stütze sie. „Fehlt ihnen etwas?“ Verlegen nickte Sakura. „Bitte helfen Sie mir. Würden Sie mich zu der Sitz-Bank dort geleiten? Ich muss mich einen Moment setzen. Bitte.“ 

Schnell hakte er sie unter und wollte sie zur nächsten Bank auf dem Bahnsteig führen. Aber sie stöhnte vor Schmerzen auf und schaute ihn verlegen an. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, mich dort hinzutragen? Ich kann mich im Moment nicht bewegen.“

Eine leichte Panik ergriff ihn nun. „WTF. Was ist mit der Frau los?“ Etwas umständlich, aber behutsam hob er sie hoch und hielt sie in seinen Armen, umsichtig trug er sie die kurze Distanz zur Bank.  

„Arigatō. Würden Sie bitte noch meine Beine auf die Sitzfläche heben. Ich kann das im Moment nicht. Es ist mir ausgesprochen unangenehm, Ihnen solche Umstände zu machen. Sumimasen.“ Umgehend half er ihr, die richtige Position auf der Sitzbank zu finden.  

„OK so? Soll ich Ihnen einen Arzt rufen?“ »« „Shinaide kudasai. Es wäre aber sehr freundlich, wenn Sie mir mein Bordcase bringen würden, ich habe dort ein paar Medikamente, die mir jetzt helfen würden.“ 

Wie aufgetragen brachte er ihr das Gepäck und beobachtete nun, wie sie die Tabletten zu sich nahm. Still lächelte er sie an. Wieder musste er an die Zeit nach seinem Unfall denken, die Zeit in den Kliniken, die Zeit der Schmerzen.

„Fuck. Das kenne ich auch irgendwie.“ Es war eine schwere Zeit damals, verdammt schwer für ihn. „Sumimasen. Herr..ääh.“ »« „Marc. Nennen Sie mich bitte Marc. Was kann ich noch für Sie tun?“ Ihr war die ganze Situation zutiefst unangenehm. Einen wildfremden Mann, der sie anscheinend kannte, um Hilfe zu bitten. 

„Marc-san. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würden sie sich bitte mit auf die Bank setzen und dann meine Beine auf Ihre Oberschenkel legen. Das würde mir noch ein wenig mehr helfen.“ Mittlerweile flüsterte sie. Es war eine typisch japanische Demutsgeste, die durch das Flüstern ausgedrückt wurde. „Na klar, warten Sie. Kein Problem.“ Er setzte sich zu ihr und hob behutsam ihre krampfenden Beine auf seinen Schoss. „Besser?“ »« „Hai.“ 

Für einen Moment saßen sie still auf dem Bahnsteig. Nun waren die Medikamente in der Wirkphase. Es wurde ein wenig besser. Aber an Aufstehen und Weitergehen war noch lange nicht zu denken. „Marc-san. Das tut mir wirklich sehr leid, dass ich Ihnen den Abend so zu Nichte mache. Sie haben doch bestimmt Besseres vor, als hier bei mir zu sitzen?“ Lächelnd wandte er sich ihr zu. „Nein überhaupt kein Problem.“ 

Jetzt sah Sakura sich ihren Helfer etwas genauer an. Wieder musste sie an die Männer in Japan denken, diese doch so zivilisierten Männer. Für die meisten war eine Frau immer noch nicht ein gleichberechtigtes Wesen. Immer noch dachten viele in den Traditionen des alten Japans. Emanzipation war ein Fremdwort.  

Gleichberechtigung, Ebenbürtigkeit? Niemals!

Auch ein Grund dafür, dass sie nie eine Beziehung zu einem Mann aufbauen konnte. „Idioten, Chauvinisten. Alles Idioten.“ Immer noch konnte sie Polinas Stimme vernehmen. Die junge Debütantin hatte sie während ihrer Zeit in Nagoya kennengelernt. Eine Gleichgesinnte. Sie hatten eine kurze, aber heftige Affäre zusammen.  

Aber dieser Mann hier schien anders, merkwürdig anders zu sein. Irgendwie nicht passend in ihr Männerbild. Denn er kümmerte sich um sie, einfach so und tatsächlich auf Augenhöhe. Nun hatte er seine Lederjacke ausgezogen und sie um ihre Schulter gelegt, denn mittlerweile kam die Kälte der See im Bahnhof an. Der feuchte, kalte Nebel vom Sund zog auf.  

„Arigatō. Domō Arigatō, Marc-san.“ »« „Dōzo. Keine große Sache.“ Tief atmete sie durch. „Sie fragen sich sicher was mit mir los ist? Ab und an habe ich solche Erschöpfungszustände, vor allem nach langen Reisen und da ich heute schon den ganzen Tag unterwegs bin….“ «» „Alles gut. Sakura-san, Sie müssen mir nichts erklären. Ich helfe gerne. Aber eine Frage habe ich dann doch schon? Was machen Sie denn hier in Malmö, sind Sie denn direkt aus Japan gekommen?“ «» „Na ja, nicht ganz, ich bin heute Morgen in Florenz gestartet." 

Lächelte sie ihn verlegen an. „Ich war schon längere Zeit nicht mehr in Japan. Aber ich habe auch eine Frage an sie. Wenn sie gestatten. Woher kennen sie mich?“

Jetzt berichtete er, dass er als Projektleiter von RE³-Energy vor zwei Jahren ein Offshore-Windparkprojekt in der Nähe vom Cape Sōya, vor der Nordküste Hokkaidō‘s betreut hatte. 

„Einer unserer Partner vor Ort in Wakkanai, hatte mich zu sich eingeladen. Er war ein großer Ballett-Fan, sein Büro glich einer Fotoausstellung mit zig Bildern von verschiedensten Künstlern. Hauptthema einer seiner Ausstellungswände waren Sie. Und eigentlich, wenn immer ich in Japan bin, sehe ich Berichte oder Bilder von Ihnen. Sie sind wirklich eine Berühmtheit dort. Es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen.“ 

Also war sie in ihrer Heimat doch nicht vergessen worden. „Wissen Sie Marc-san, das ist schon sehr lange her. Fast wie in einem anderen Leben. Ich tanze schon seit über 10 Jahren kein Ballett mehr. Sie haben ja gerade gesehen, dass ich massive körperliche Probleme habe. Mittlerweile unterrichte ich Tanzwissenschaften, Schwerpunkt historische Tänze, Ausdruckstanz und Ballett. Darum bin ich hier. Ich starte nächste Woche an der Kunstakademie in Malmö als Dozentin.“ 

Eine Weile saßen sie nun wieder schweigend zusammen. „Sakura-san, wo müssen Sie denn nun eigentlich hin? Ich meine, wo werden Sie denn hier in Malmö wohnen?“ »« „Einen Moment. Bitte.“ Schnell schaute sie auf ihr iPhone. „215 85 Malmö Dirigentgatan1.“ «» „Ach das ist ja gleich hier in Lindeborg, liegt mehr oder weniger auf meinen Nachhauseweg. Ich bringe Sie hin, wenn es ihnen bessergeht.“ »« „Wirklich? Marc-san. Das macht ihnen keine Umstände?“ »« „Nein. Wirklich nicht, das sind keine fünf Minuten Umweg. Alles OK.“ 

Zusammen verharrten sie noch für einen weiteren Moment still auf dem Bahnsteig, ihre Medikamente wirkten nun und so konnte sie ihre Beine wieder vorsichtig bewegen. Anschließend hakte er sie unter, langsam und behutsam verließen sie den Bahnhof. Danach überquerten sie den Malmö-Arena-Boulevard, um in das P&R-Parkhaus zu gelangen. „Wir sind gleich da. E-Fahrzeuge und Hybrid’s stehen hier am Eingang, wegen den Ladestationen.“ Galant öffnete er ihr den Türschlag seines Volvos.

„Ma‘am, please get into the car.“ Dabei lächelte er sie schelmisch an, schnell waren ihr Gepäck und das Ladekabel verstaut. Nachdem der Wagen gestartet war, fuhren sie lautlos in die Nacht, das Soundsystem spielte die letzten Takte von Frank Sinatras 'New York, New York‘. Wieder schluckte Sakura. „Ein Neustart wieder einmal. Wird das jemals enden? Immer wieder neuanfangen. Aufhören wegzulaufen?“

„WTF. Was ist das denn?“

Sein Ausruf riss sie aus ihren Gedanken. „Ich befürchte, hier werden Sie definitiv nicht wohnen können.“ Kurz wies er ihr die Richtung. „Das scheint alles zu sein, was von der Dirigentgatan1 übrig ist.“ Die Scheinwerfer des Volvos beleuchteten die Szenerie, sie standen vor einer Brandruine. Der Dachstuhl des Gebäudes fehlte komplett und überall lagen Brandtrümmer verstreut herum. Jetzt war die Japanerin sichtlich geschockt. Wo sollte sie denn nun hin?  

Schnell aktivierte Marc die Svenska-News-App des Bord-Infotainment-Systems, nach ein paar Sucheingaben fand er das Gewünschte. Auf dem Display des Systems erschien dann auch ein Artikel des Brandereignisses.

„Oh. Das ist erst letzte Woche passiert, als ich in China war.“ Kurz zeigte er ihr den Bericht. „…die Bewohner sind erst mal bei ihren Verwandten untergebracht worden. Sämtliche Übernachtungsmöglichkeiten sind aufgrund der Midsommar Feiern und der Feriensaison ausgebucht.“ »« „Sie meinen, ich habe nicht mal die Chance, ein Hotelzimmer zubekommen?“ »« „Es ist Midsommar-Wochenende, also Manatsu." Dabei schüttelte er seinen Kopf. „Die gesamte Südküste ist ausgebucht, selbst drüben in Dänemark ist alles dicht. Das ist wie in Kyōto zu Hanami, vergessen Sie es! Aber ich habe da eine Idee.“

Überrascht schaute sie ihn an. „Ja?“ «» „Sakura-san. Ich lade Sie ein. Sie können erst einmal bis auf Weiteres bei mir wohnen. Keine Panik, ich habe in meinem Haus Platz genug und zwei abgeteilte Wohnbereiche.“  

Doch stutzte sie, war dieser Mann vertrauenswürdig? Aber trotzdem fühlte sie eine merkwürdige Verbindung zu ihm. Konnte das sein? Nach so kurzer Zeit? Schmunzelnd sah er sie an. „Und, bevor Sie jetzt NEIN sagen. Das hier ist KEINE offizielle Anmache.“ «» „OK. Wenn das so ist, dann bin ich ja beruhigt.“ Beide mussten nun lachen. „Na, dann haben wir das ja geregelt. Auf nach Hause.“ Still fuhren sie weiter Richtung Höllviken, das Soundsystem spielte einige für die Beifahrerin unbekannte Lieder, doch dann:  

'Goodbye Happiness.' 

„Das ist doch Hikki‘s Stimme. Hikaru Utada.“ Sakura war mehr als erstaunt, dieser Mann überraschte sie schon wieder. Unglaublich. Breit grinste er sie an. „Was, Sie kennen Hikaru Utada? Ich hätte gedacht, Sie sind eher auf den klassischen Musikpfaden unterwegs?“ «» „Aber Nein. Ich liebe J-Pop. Ich kenne Hikki noch persönlich aus meiner Zeit in Tōkyō. Wir haben immer noch sporadisch Kontakt, aber es ist doch sehr still um sie geworden. Erst ihre Auszeit, der Selbstmord ihrer Mutter, dann ihre erneute Heirat sowie die Geburt ihres Sohnes vor zwei Jahren. Und dann letztes Jahr ihr neues Fantôme-Album. Aber sie will wohl nächstes Jahr in Japan wieder auf Tournee gehen, nach über Zwölf Jahren Haben Sie etwas dagegen den Song nochmals laufen zu lassen, Marc-san?" Fröhlich lächelte sie ihn an. „Vielleicht etwas lauter? Ich liebe ihn. Er macht einfach nur gute Laune.“ «» „No Problem! Ist auch mein ‚Antimorgenmuffel-Song’.”

Mit einem Lächeln legte sie sich im Sitz zurück, genoss die Musik und sah dabei durch das Panorama- Glasdach des XC.  

„Ein schönes Lied und ein wundervoller Text.“ «» „Da haben Sie recht Sakura-san. Allerdings musste ich erst einmal die Romaji-Hepburn Übersetzung der Lyrics zur Hand nehmen. Bei schnelleren Textpassagen habe ich immer noch große Probleme, alles zu verstehen. Und die Lyrics in japanischen Kanji-Schriftzeichen! No way, I felt like ‚Lost in Translation‘.“ «» „Ja, das ist nicht so einfach für Gaijin unsere Sprache und Schrift zu erlernen."

Still lächelnd musste sie an Sofia Coppolas Film mit Bill Murray und Scarlett Johansson denken. „Aber Kompliment Marc-san. Ihnen scheint das ja doch recht gut zu gelingen.“ «» „Danke. Aber wie gesagt, sprechen, verstehen ist OK, aber schreiben und lesen… in diesem Leben wird das nichts mehr.“ 

Für einen Moment kehrte Stille im Wagen ein, die Japanerin schaute wieder durch das Panorama-Glasdach. „So viele Sterne. Hier in Europa ist das ganz anders wie in Tōkyō“ Nickend stimmte er ihr zu. „Na ja wir haben hier in Schweden ja auch ein flächenmäßiges Luxusproblem, ganz anders wie in Japan. Zuviel Licht in der Nacht durch die Ballungsräume. OK, vielleicht nicht auf Hokkaidō. Oder auf Honshū im Kiso-sanmyaku. Aber hier: Zehnmillionen Einwohner auf einer 20% größeren Fläche wie Japan. Wenn man in Schweden weiter nach Norden fährt, kann man sogar das Polarlicht sehen.“

Augenblicklich musste sie wieder an die Bilder der ‚Aurora Borealis‘ denken, etwas, was sie schon so lange faszinierte. Vielleicht würde für sie ja hier in Schweden endlich einmal die Möglichkeit bestehen, diese mystischen Lichter zusehen. 

„Marc-san, ich hoffe, ich störe Sie nicht wirklich? Ich meine Sie und ihre Frau?“ Dabei wies sie auf das Bild, das am Instrumentenpanel des Volvos steckte. Es zeigte Fea. „Nein. Das ist meine Tochter Fea, Federica. Sie lebt aber nicht bei mir. Sie geht mittlerweile ihre eigenen Wege.“ «» „Und Ihre Frau?“ «» „Ich bin nicht mehr verheiratet.“

Kurz zeigte er auf seinen Doppelring am rechten Ringfinger, der nach alter Schweizertradition aus den beiden Eheringen zu einem gemeinsamen Ring gearbeitet worden war. „Ich bin verwitwet.“ «» „Oh das tut mir leid. Bitte entschuldigen Sie.“ «» „Nein. Kein Problem, das ist schon so lange her.“

Augenblicklich musste er an Charlotta und Fea denken, die Gedanken stimmten ihn nachdenklich. Es wurde wieder ruhig im XC. Auf den letzten Kilometer der Fahrt hingen sie ihren Gedanken nach. Nachdem er in den Schotterweg zu seinem Haus einbog, drückte er den ‚Home-Link-Button‘ im Volvo und wie von Geisterhand wurde sein Domizil beleuchtet.  

„E-voila. Willkommen in Höllviken.“

„Kommen Sie, wir müssen einmal auf die andere Seite des Hauses.“ Behutsam half er ihr beim Aussteigen und führte Sakura anschließend um das Haus herum. Als sie auf der Terrasse standen, konnte man die hell beleuchtete Øresund-Brücke sehen.  

„Wow. Wunderschön. Das erinnert mich an Kisarazu auf der anderen Seite der Tōkyō-Bay, mit dem Blick auf die Wan-Aqua-Line. Und Sie leben ja direkt am Meer, man hört ja die Wellen.“ «» „Tja. Hier an der Ostsee gibt es ja auch keinen nennenswerten Tidenhub und keine Sturmfluten, Taifune oder Tsunamis wie Japan. Darum kann man hier auch so nah und sicher am Wasser bauen. Und außerdem ist der Wellenschlag ja auch so schön beruhigend.“ 

Schwungvoll öffnete er nun die Haustür. Beide traten in den Flurbereich des Hauses ein. Es war ein moderner Bungalow im skandinavischen Style. In der Mitte des Hauses lag ein Küchen-Ess-Wohnbereich mit sehr einladenden Sitzmöbeln, Kaminofen und allem erdenklichen Komfort. An die Flanken dieses Wohnbereiches grenzten jeweils zwei separate Flügel mit Bad und je zwei Schlafzimmer an. Ebenfalls in moderner skandinavischer Architektur und fast schon luxuriöser Ausstattung. Das Haus diente vor seinem Einzug als RE³-Energy-Gästehaus. Allerdings wurde es nur sehr selten genutzt und so konnte er es dann direkt von seinem Arbeitgeber anmieten. Eigentlich war es viel zu groß für ihn. Aber wenn Fea zu Besuch kam, JA, dann war es perfekt. Allerdings waren ihre Besuche bis dato an einer Hand abzuzählen gewesen.  

„Sakura-san, das hier ist Ihr Bereich.“ Jetzt zeigte Marc ihr den zurzeit nicht genutzten Flügel. „Sie können sich sogar das Schlafzimmer auswählen. Die Bettwäsche ist übrigens frisch. Frau Svensson, meine House-Maid, bezieht die Betten jede Woche neu. Obwohl eigentlich niemand darin schläft.“ Anschließend führte er sie noch in das Badezimmer. 

„Spa-Bereich würde es eher treffen, Whirlpool, Rain-Shower, Sauna alles da. Und hier sind auch jede Menge Handtücher.“ Nun war die Japanerin sichtlich überrascht, das Haus hatte eine Ausstattung wie ihr Penthouse-Luxus-Loft in Tōkyō. „Danke nochmals, dass Sie mir Zuflucht gewähren.“ «» „Mit dem größten Vergnügen. Kann ich noch etwas für Sie tun?“ Kurz überlegte er und fügte dann hinzu. „Was halten Sie von einem Nattmössan, einem Nightcap? Vielleicht einem italienischen Espresso, Cappuccino oder Latte Macchiato? Einen Tee, einem Kakao? Vielleicht etwas Alkoholisches?“ 

Mit dem Blick durch das Panoramafenster des Spa-Bereiches, von dem man ebenfalls die Øresund-Brücke sehen konnte, kamen kurz wieder ihre Erinnerungen an Tōkyō hoch. „Wenn Sie einen Suntory Hibiki hätten. Dann ja.“

Ein breites Grinsen ging über sein Gesicht, das erste Mal in seinen Leben fragte ihn eine Frau nach einem Whisky und dann auch noch nach einem Suntory. „Gerne Sakura-san. Gerne! Ich habe eine Flasche Hibiki 21 im Schrank. Wie möchten Sie ihn genießen? Pur, auf Eis, oder mit einem Spritzer 10.000 Jahre alten Gletscherwasser?“ 

Erneut überraschte er sie an diesem Abend. Anscheinend hatte er auf alles eine Antwort und Lösung zu haben, oder zu finden. Was war er? Wer war er? Noch konnte sie darauf keine Antwort geben.  

„Marc-san, Sie überraschen mich heute Abend das wiederholte Mal.“ Lächelte sie ihn an. „Geben Sie mir einen Moment um mich ein wenig zu sammeln, dann würde ich den Hibiki gerne mit einem Spritzer ihres Gletscherwassers genießen.“ «» „Ihr Wunsch ist mir Befehl Mam.“ Elegant deutete er eine Verbeugung an. „See you in some minutes. Miss Aihara.“  

Nachdem sie sich nach dem langen Tag erfrischt hatte, schlüpfte sie in ihre Nacht-Shorty und zog ihren Yukata über. Unterdessen bereitete der Gastgeber die Whiskys vor. Heute bevorzugte er den Clynelish, einen 14-jährigen Scotch aus den Highlands. Destilliert direkt an der Ostküste, in Brora in Schottlands Norden. Man konnte in dem Whisky eine Spur der Rauheit, der Landschaft und des Meers schmecken. Kraftvoll, direkt und hart. Pur.

Ganz anders der Hibiki. Destilliert in der Yamazaki-Destille am Rande Kyōtos. Dieser Whisky verkörperte die Seele Japans.

Ein Bouquet aus Sandelholz, Orangen, Rosen und Mizunara, der japanischen Eiche. Weich, komplex, exotisch und einmalig. Ein Whisky für besondere Momente und für besondere Gäste. Er servierte den Hibiki im Tumbler, für den Clynelish wählte er ein Nosing-Glass.  

Als das Licht gedimmt war, startete er das BEOSOUND ESSENCE und aus den B&O Speakern erklang leise Musik von Hikaru Utada, ein perfekter Sound zum Ende eines Tages. Entspannend und gut. „Marc-san?“ Nun trat Sakura in den zentralen Wohnbereich des Hauses. „Hier.“ Der Angesprochene stand mit den beiden Gläsern an dem kleinen Sitzbereich im Ausbau, direkt an der Terrasse. Die beiden JAHN AAMODT Sessel luden zum Relaxen ein. Still lächelte er ihr zu.  

„Wow. Sie sehen ja noch bezaubernder aus als vorhin.“ Augenblicklich errötete sie. Ihr Yukata war in den traditionellen Farben und Blütenmuster gehalten, sie hatte ihre Haare hochgesteckt und ihre Augen und ihr Gesicht kamen damit noch besser zur Geltung.  

„Oh danke. Aber! Das ist ja 'Manatsu no tōriame'.” Mit den ersten Takten des Liedes musste die Japanerin schlucken und an das preisgekrönte Music-Video zu dem Song denken. Das Video zeigte so viel vom ländlichen Japan, es spiegelte die Seele Nippons wieder. Abermals musste sie an ihre Heimat denken. An ihr altes Leben. Ihre Augen wurden feucht, aber auf der anderen Seite war sie tief beeindruckt. Dieser Marc schien wirklich etwas Besonderes zu sein.  

„Sakura-san. Alles OK mit Ihnen?“ Lächelnd reichte er ihr das Glas, sie nickte. „Aber so viel Heimat hatte ich schon lange nicht mehr.“ Und lächelte ihm tapfer zu. „Sorry. Ich liebe eben auch J-Pop und Hikaru hat‘s halt voll drauf. Sie macht einfach gute Musik. Aber nehmen Sie Platz. Hier ihr Hibiki, so wie gewünscht.“ 

„Kanpai, Cheers, Skål. Auf alle die wir lieben.“

Still genossen sie ihre Whiskys, lauschten weiter den Songs und ließen ihre Gedanken baumeln. Nachdem sie den Nightcap getrunken hatten, gingen sie zu Bett.

Kapitel 4

Erst spät am Morgen wachte Sakura auf, der Blick auf ihr iPhone zeigte bereits 11 MEZ. Ein Geruch von ‚Frischgebackenem‘ und Kaffee durchströmte das Haus. Die Nacht war einfach nur entspannt gewesen, sie hatte sehr gut geschlafen. So gut wie lange schon nicht mehr. Kein Albtraum. Nichts als erholsamer Schlaf, ihre Dämonen hatten sie schlafen lassen.  

Entspannt und gut drauf zog sie ihren Yukata über und schlenderte zum Wohnbereich. Im Tageslicht konnte sie nun mehr Details des Hauses und der Landschaft erkennen. Der Bungalow war nicht nur direkt an der See gebaut. Nein. Es schien sogar, dass ein Teil des Hauses direkt über dem Meer lag. Im Haus war jedes Detail perfekt designend, allerdings auch ohne Persönlichkeit. Das Haus wirkte kühl, technisch und fast steril.  

„Was bist Du für ein Mensch, Marc Waldner?“

„Ohayō Gozaimasu. God morgen, Sakura-san. Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen?“ Etwas verdutzt schaute sie auf den reichlich gedeckten Frühstückstisch. Eine Phalanx von verschiedenen ‚Frühstücks-Cerealien‘, Brötchen, Säfte und was das Herz begehrte, standen dort. In der Mitte des Tisches prangte ein riesiges Blumenbouquet.  

Hanataba wo kimi ni. 

„Kaffee, Tee, Latte? Was möchten Sie trinken?“«» „Oh, das ist ja wie in einem 5 Sterne Hotel. Guten Morgen Marc-san. Ja, ich habe wirklich hervorragend geschlafen, ich hoffe Sie auch. Und ja, ich würde gerne einen Kaffee oder Cappuccino nehmen.“ Gekonnt starte der Gastgeber den Jura-Z8-Vollautomat. „Pronto subito. Un Cappuccino per favore. Nehmen Sie Platz, ich hoffe, ich habe ein paar Sachen im Angebot die Sie mögen. Leider kein tsukemono, furikake oder miso.“«» „Ach! Das habe ich ja schon seit Jahren nicht mehr gegessen, ich bin mittlerweile essenstechnisch europäisiert. Wobei ich in Italien schon so meine Probleme mit dem Frühstück hatte. Ich denke, die englische und schottische Variante liegt mir da mehr. Und das sieht hier ja wirklich alles hervorragend aus. Sogar Fisch haben Sie. Wundervoll.“ «» „Schottland? Aber bitte sagen Sie mir nicht, Sie mögen Hagis?“  

Als sie sein Gesicht sah, musste sie augenblicklich lachen. Das Nationalgericht der Schotten, der gefüllte Schafsmagen mit Namen Hagis, war schon sehr speziell. Zum Frühstück sowieso. Zum Abendessen mit einem Bier und ein, zwei guten Whiskys war er aber zu genießen.  

„Brrrr.“ Schüttelte sie sich. Nein. Hagis war auch nicht unbedingt das, was sie zum Beginn eines Tages brauchte. „Ich habe über vier Jahre in London gearbeitet, das war gleich, nach dem ich Japan verlassen hatte. London damit der Kulturschock nicht so schwerfällt. Sie wissen der Verkehr und der Ballungsraum mit 9 Mio. Einwohnern. Ein wenig wie zu Hause in Japan, wie Tōkyō.“

 Beide genossen nun das Frühstück. „Aber sagen Sie, dass hier alles hatten Sie doch nicht im Haus?“ «» „Nej. Ich war schon früh wach und bin dann mal schnell zum Food-Market in Höllviken gefahren. Ganz leise, um Sie nicht zu wecken. Ich muss zugeben, das ich Sie auch ein wenig überraschen und beeindrucken wollte.“ Mit einem Strahlen lächelte er ihr zu. 

‚Was machst Du mit mir? Was passiert hier gerade? Ich weiß es nicht. Aber ich mag es.‘ Dachte sie und fuhr mit der Hand durch ihre zerzausten Haare. „Marc-san. Was unternehmen wir denn heute? Zeigen Sie mir ein wenig Malmö?“ Etwas unsicher lächelte sie ihn an. „Aber so was von. Sakura-san, Sie wissen ja, wir haben Midsommar. Da habe ich mir gedacht, erst machen wir ein klein wenig die Stadt unsicher, vielleicht müssen Sie ja auch noch Kleidung kaufen. Also Shopping...“ 

Nun lachten die beiden und er fuhr fort. „Und heute Abend gehen wir zum Lilla Torg, mitten in der historischen Innenstadt, da ist immer was los. Es gibt dort übrigens auch einen hervorragenden Japaner. Wenn Sie mögen reserviere ich für heute Abend einen Tisch.“ «» „Ja gerne!"  Strahlte sie ihn an. „Und noch eine Frage? Planen Sie immer alles so ganz genau? Wahrscheinlich haben Sie auch für morgen schon etwas in petto? Aber OK. Ich bin dabei. Was zieht man denn hier in Schweden bei einer Manastu-Matsuri so an?“

Schelmisch grinste er ihr zu.