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Eine Bar in den Docks von Brooklyn, bevölkert von einer Ansammlung seltsamer Gestalten, Seeleute, Einwanderer, Ausgestoßene, allesamt Heimatlose, von den Widrigkeiten der Welt an diesen Ort gespült, wo sie unter ihresgleichen ein Stück Heimat wiederzufinden hoffen. Der Kapitänstisch ist reserviert für Gal Ackerman, einen Schriftsteller, der mit dem Roman seines Lebens eine einzige Leserin zu erreichen sucht: Nadja Orlov, seine seit Jahren verschollene große Liebe. Gals Existenz umgibt ein großes Geheimnis, das Raum und Zeit übergreift, zurückreicht bis in die Zeit des Spanischen Bürgerkriegs. Nach seinem Tod ist es an seinem Freund Ness, das Geheimnis seines Lebens Stück für Stück zu entschlüsseln und auf diese Weise seinen Roman zu Ende zu schreiben. "Brooklyn soll mein Name sein" entwickelt einen unheimlichen Sog, der einen nicht so schnell wieder loslässt. In selten eindringlichen Bildern erzählt er von Freundschaft, von Liebe und abgrundtiefer Einsamkeit, die selbst die Freundschaft nicht heilen kann, und, wie sollte es anders sein, von Brooklyn. Für seinen ersten Roman erhielt Eduardo Lago aus dem Stand den renommiertesten spanischen Literaturpreis Premio Nadal. "Brooklyn soll mein Name sein" gilt als einer der wichtigsten spanischen Romane der letzten Jahre und wurde bereits in viele Sprachen übersetzt.
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Seitenzahl: 650
Veröffentlichungsjahr: 2022
Eduardo Lago, geboren 1954 in Madrid, ist Schriftsteller, Übersetzer und Literaturkritiker, der für seine Interviews mit den bedeutendsten nordamerikanischen Schriftstellern für El País vielfach ausgezeichnet wurde. Nach vielen Jahren als Direktor des Instituto Cervantes in New York arbeitet er inzwischen als Professor für Literatur am Sarah Lawrence College nahe Manhattan.
Guillermo Aparicio, selbst Schriftsteller in deutscher und in spanischer Sprache, hat lange Jahre als Spanischlehrer gearbeitet. Seine erfolgreiche Lehrbuchreihe Spanisch für Besserwisser gehört längst zum Standardrepertoire des anspruchsvollen Spanisch-Unterrichts und hat viele Nachahmer gefunden.
EDUARDO LAGO
ROMAN
Aus dem Spanischen von Guillermo Aparicio In Zusammenarbeit mit Carlos Singer
ALFRED KRÖNER VERLAG
Eins: Fenners Point
Der Friedhof am Meer
Der Pakt
Zwei: Deauville
Drei: Abe Lewis
Vier: Brooklyn Heights
Fünf: Zadie
Sechs: Bens Archiv
Sieben: Das Heft des Todes
Acht: Do you know who you are dating?
Neun: Umberto Pietri
Zehn: Dialog der Toten
Elf: Coney Island
Zwölf: Néstor
Dreizehn: Der Würgeengel (Brooklyn-Fragmente)
Mister Tuttle, Alias der Schatten
Opium
Marguerite
Die Würfel des Todes
Kaddish & τπ
Der Würgeengel
Bryant Park
Vierzehn: Zurück in Fenners Point
Kaddish
τπ [Farce]
Fünfzehn: Brooklyn soll mein Name sein
Epilog
Zehn Jahre später
Chronologie
Personen
Glossar
Impressum
Die Toten leben einzig in uns.
MARCEL PROUST
Vor Fenners Point biegt die Landstraße, sich in Richtung Deauville von der Küste entfernend, jäh nach Westen ab. Am Scheitelpunkt der Kurve, zur Seeseite hin, steht ein Metallschild mit der Aufschrift:
am Straßenrand. Darunter weist ein grüner Pfeil auf den Beginn eines Pfades, der in einen Pinienwald hineinführt. Nach etwa zweihundert Yards mündet der Hain in eine Esplanade. Oben angekommen, liegt einem die unendliche Fläche des Atlantiks zu Füßen. In Fenners Point erreicht die Küste eine schwindelerregende Höhe und bildet eine Reihe von Klippen, die in zwei Felsvorsprüngen enden, bekannt als Teufelsgabel. Dort stürzen die Klippen senkrecht hinunter über einem Archipel aus schwarzen Riffen, die unablässig von der Brandung überspült werden.
Die Stelle, von der aus man das Profil von Fenners Point am besten betrachten kann, ist das nördliche Portal eines in den Felsen gesprengten Tunnels, durch den die Straße direkt an den Rand des Ozeans geführt wird. Dort beginnt eine Reihe von gigantischen Gewölben, die sich an der Meeresküste entlangziehen. An vielen Stellen scheinen die schmalen Felsvorsprünge jeden Augenblick in die Tiefe stürzen zu wollen. Unten, zwischen Felsen, die die Zeit und die Brandung in gemeinsamer Arbeit dem Ufer entrissen haben, leuchtet eine weiße Sandzunge hervor, die weder vom Land noch vom Meer aus zu erreichen ist. Seit wenigen Jahren warnt eine blinzelnde Lichterflut die Boote nach Einbruch der Dunkelheit vor der Gefahr, die von der Küste von Fenners Point ausgeht. Erst durch jenes Spinnennetz aus Signallichtern, das die Riffe überzieht, konnte die unheilvolle Kette von Schiffbrüchen unterbrochen werden, deren Andenken noch über viele Jahre in den umliegenden Dörfern der Teufelsgabel verweilte.
Als ich damit begann, die Papiere von Gal Ackerman zu ordnen, stolperte ich über eine Meldung in der Deauville Gazette, erschienen am 7. Juni 1965. Sie lautet wie folgt:
Am vergangenen Freitag, dem 4., wurde an der sogenannten Teufelsgabel, in Fenners Point, ein Netz von Signallichtern installiert. Bedingt durch die Gefährlichkeit dieser Gewässer hatte man auf günstige meteorologische Verhältnisse warten müssen. Kurz vor Mittag nahmen zwei Hubschrauber der Marinebasis von Linden Grove über der Bucht Stellung, um die Riffe in Augenschein zu nehmen. In der Luft stehend, knapp über den Wellen schwebend, wurden durch die Türen beider Hubschrauber Leinen ins Meer hinuntergelassen, über welche sich Facharbeiter, ausgestattet mit Präzisionswerkzeugen, außerordentlich geschickt abseilten.
Ich musste schmunzeln. Es machte nichts, dass die Nachricht keine Signatur trug, mindestens für mich nicht, da ihr Autor unverkennbar war.
Mit bemerkenswerter Geschwindigkeit fixierten die Facharbeiter um die zwanzig Stahlträger an exponierten Stellen der höher aufragenden Felsen. Jeder Stahlträger endet in einer Leuchtspitze, die durch ein Funksignal aktiviert wird. Eine Karawane behördlicher Fahrzeuge überwachte die Operation von der Straße aus. Nach etwas mehr als einer halben Stunde, während derer sich das von den Felswänden zurückgeworfene Echo der Hubschrauberrotoren mit dem Getöse der Brandung vermischte, wurden die Seile gehisst, und ihre menschliche Last einholend, entfernten sich die Hubschrauber ratternd entlang der Küste. Seitdem nehmen die Riffe bei Einbruch der Dunkelheit ein übernatürliches Aussehen an. Mit dieser so häufig verschobenen Operation hoffen die Behörden die Küste der Grafschaft mit einem geeigneten Sicherheitsstandard ausgestattet zu haben …
Später bin ich viele Male nach Fenners Point zurückgekehrt. Alleine folgte ich dem Weg, der bis zu den Klippen führt, und muss sagen, dass den rätselhaftesten Anblick nicht die Lichter bieten, die nachts zwischen den Riffen blinzeln. Auf der Esplanade zwischen dem Pinienwald und dem Rand des Ozeans befindet sich ein von einer Steinmauer umschlossener Friedhof. Um einzutreten, muss man nur die eiserne Eingangstür aufdrücken. Drinnen befindet sich eine verlassene Kapelle und, ihr gegenüber, über den Raum verstreut eine Handvoll Grabsteine. Mit einer Ausnahme sind sie alle anonym und haben keinen Schmuck außer einem auf der Marmoroberfläche eingemeißelten Kreuz. Neben der Tür der Kapelle hängt ein Schild mit folgender Inschrift:
Am 19. Mai 1919 zerschellte der Frachter Bornholm der Königlich-Dänischen Marine an den Klippen von Fenners Point. Es wurden lediglich 13 Leichen geborgen, die nicht identifiziert werden konnten. Die übrigen ruhen für immer in den Tiefen des Ozeans. Um ein Gebet für ihre Seelen wird gebeten.
Dänisches Generalkonsulat
New York City
21-IX-1919
Und endlich die Ruhe der Götter schauen.
PAUL VALÉRY
Brooklyn Heights, 17. April 1991
Gestern Vormittag haben wir Gal beerdigt. Es musste so sein, wie in einem seiner Lieblingsgedichte, auf einem Friedhof an der Meeresküste, blankgefegt vom Wind, wo sich das Geschrei der Möwen mit dem unablässigen Anbrausen der Brandung mischt. Von seinem Grab aus überblickt man den Atlantik, wunderschön und normalerweise stürmisch, obwohl er ausgerechnet gestern ruhig vor uns lag und die blaue Fläche des Ozeans mit dem Horizont verschmolz. Alles passt; der Ort, an dem Gal Ackerman für immer ruhen soll, wurde von ihm selbst bestimmt. »Dänischer Friedhof« stand auf dem Schild, das er unzählige Male beim Vorbeifahren an Fenners Point vom Bus aus gesehen hatte, auf dem Weg nach Deauville, um Louise Lamarque zu besuchen. Eines Tages, als er mit ihr unterwegs war und das Schild sah, bat er sie, den Wagen anzuhalten. Zusammen folgten sie dem Pfad, der den Hain durchquert, bis sie direkt an der Steilküste ein Plateau erreichten. Da lag der Friedhof, winzig, allzeit vor menschlichen Blicken geschützt. Es war Louise selbst, die mir viel später erzählte, dass jener Friedhof errichtet wurde, um die sterblichen Überreste einer Gruppe dänischer Schiffbrüchiger, Matrosen eines Frachters, der angeblich Weizen geladen hatte, aufzunehmen. Gal hatte ihr nie etwas dazu gesagt, aber in der Tat fiel Louise, als Frank sie anrief, um ihr die Nachricht von dessen Tod zu überbringen, als Erstes ein, dass man Gal in Fenners Point beerdigen müsste. Frank gefiel die Idee sehr. Mehr als einmal hatte ihm Gal von dem dänischen Friedhof erzählt. Dank seiner Beziehungen hielt der Galizier nach 48 Stunden eine Genehmigung in der Hand, die die Bestattung erlaubte. Nur die engsten Freunde waren da, aber am Nachmittag kamen noch mehr Leute ins Oakland. Gal Ackerman hatte keine Familie. Sein Vater, Ben, war 66 und seine Mutter, Lucia Hollander, 79 gestorben. Nadja Orlov, wie hätte es anders sein sollen, ließ sich nicht blicken. Ihre Spur hatte sich schon vor Jahren verloren, und es war nicht möglich in Erfahrung zu bringen, ob sie noch lebte oder bereits gestorben war, obwohl wir alle, die Gal gut gekannt hatten, so etwas wie ihre Anwesenheit spürten. Wie Frank gesagt hat: Wenn sie noch irgendwo rumläuft, wird sie früher oder später die Nachricht erhalten. Die Beerdigung war sehr schlicht, so wie Gal es selbst gewollt hätte. Niemand hat für ihn gebetet, es sei denn, der Tumult der Möwen, die über unseren Köpfen kreisten, stellte eine Art Gebet dar. Louise las einige Fragmente des Gedichts von Valéry vor; das war alles. Als die Arbeiter, die Viktor engagiert hatte, den Sarg zugeschüttet und die Tafel aufgestellt hatten, kehrten die Trauernden nach Brooklyn Heights zurück. Frank hängte einen Zettel an die Tür des Oakland, auf dem stand, dass an diesem Abend im Gedenken an Gal Ackerman die Getränke aufs Haus gingen. Bis sehr spät in die Nacht kamen Menschen. Gal wäre entzückt gewesen, das zu sehen, genauso wie es ihm gefallen wird, für immer in Fenners Point zu ruhen, am Rande der Klippen, in Begleitung einiger dänischer Matrosen, zweifellos gute Trinker, als hätte er das Oakland in Wirklichkeit niemals verlassen.
Fenners Point, 14. April 1993
Gal, ist dir bewusst, welchen Tag du zum Sterben gewählt hast? Da ich dich kenne, fällt es mir schwer zu glauben, dass es reiner Zufall war. Es ist die Art von Scherz, die du so gerne hattest, fest davon überzeugt, dass es niemandem auffallen würde, aber mit mir kannst du dieses Spielchen nicht spielen. Für alle Fälle habe ich das gleiche Datum gewählt, um dir Brooklyn zu bringen, damit wir es gemeinsam lesen können. Du warst wirklich einmalig; als du gingst, verschwand eine ganze Gattung. Ehrlich gesagt, tue ich mich schwer damit zu akzeptieren, dass du nicht mehr unter uns Sterblichen weilst. Jedes Mal, wenn ich das Oakland betrete, tut mein Herz einen Sprung bei der Vorstellung, dass ich dich an einem Tisch sitzend antreffen könnte. Gerade du, der du so oft über den Tod gesprochen hast, bist jetzt nun endlich auch auf der anderen Seite. Nie hatte ich einen Menschen verloren, der mir so nahestand. Für mich ist das etwas Neues, etwas, das ich nicht verstehen kann. Oft hast du gesagt, dass die Toten nicht ganz gehen, dass sie auf irgendeine Weise weiterhin unter uns sind. Für mich ist nur eines wahr: dass du nicht da bist. Du bist für immer gegangen, Gal, alles andere zählt nicht. Ich weiß schon. Ich kenne dich viel zu gut, du brauchst gar nichts zu sagen. Nicht umsonst habe ich so viel Zeit damit verbracht, deine Schriften zu ordnen. Gerade eben bilde ich mir ein, dass ich deine Stimme ganz deutlich höre, wie du über mich lachst: Wenn du das wirklich glaubst, kannst du mir zum Teufel nochmal sagen, was du hier vor meinem Grab machst und warum du so mit mir redest, als wärst du überzeugt davon, dass deine Worte mich irgendwie erreichen? Schon gut, aber zufällig ist es so, dass gerade heute, am 14. April, dein zweiter Todestag ist … Deswegen habe ich vorhin gefragt, ob das mit dem Datum Absicht war. Auf jeden Fall scheint mir der Jahrestag der Zweiten Republik das richtige Datum zu sein, um dir das Buch zu bringen. Und ja, es ist fertig. Hier hast du deinen Roman, Gal: Brooklyn. Ich lasse ihn hier bei dir, in der Nische, die Frank auf Wunsch von Louise hat anfertigen lassen. Damit er dir Gesellschaft leistet, so wie es bei den Ägyptern Brauch gewesen sein soll. Entschuldige den abgedroschenen Einfall, aber als ich beim Reingehen von Weitem deinen Grabstein sah, wie er da stand, allein, abgesondert von allen anderen, musste ich an eine leere Seite denken. Er ist der einzige ohne Kreuz, und mir gefällt er wirklich so, ohne Inschrift, nur mit deinen Initialen, als würde es sich um das Wasserzeichen auf einem Blatt Papier handeln:
Es war klar, dass du so enden würdest, nämlich so wie die Gestalten in deinem Buch. Jetzt, da ich fertig bin, habe ich nicht die leiseste Ahnung, was ich mit meinem Leben anstellen soll. Ich spüre, dass es Zeit ist für einen Tapetenwechsel. Mir geht es so wie dir, dass ich mich nirgendwo richtig zuhause fühle. Ohne genau zu wissen warum, kommt der Tag, an dem mich ein Gefühl der Enge übermannt, und der einzige Ausweg ist dann die Flucht. Vorerst bleibe ich in Brooklyn, in deinem Studio, aber das geht auf Dauer nicht. Wobei, wer weiß? Für Menschen wie uns kommt plötzlich der Tag, an dem es nicht mehr möglich ist, weiter zu fliehen. Louise Remarque ist es mit ihrem Haus in Chelsea genau so ergangen. Da ist sie seit zwanzig Jahren, im Gespräch mit ihren Toten, so wie es auch dir gefiel, aber die Malerei rettet sie, so wie es dir mit Brooklyn hätte passieren sollen. Übrigens, außer Frank ist sie die Einzige, die den fertigen Roman gelesen hat. Drei Leser, nicht schlecht. Darüber hatten wir nie geredet, aber ich bin sicher, es hätte dir gefallen.
Louise. Dir verdanke ich die Freundschaft mit ihr. Es war deine Abwesenheit, die uns so stark aneinander gebunden hat. Wir lernten uns am Tag deiner Beerdigung kennen. Du hattest mir so viel von ihr erzählt, dass mich ein Schauer überlief, als sie vor mir stand. Sie war ganz genau so, wie ich sie mir vorgestellt hatte: eine ältere Frau, groß, elegant, geheimnisvoll. An jenem Tag trug sie ein dunkles Kleid, sehr schlicht, das Gesicht hinter einem Schleier verborgen. »Sie sind also Néstor«, sagte sie, als Frank uns einander vorstellte, reichte mir dabei die Hand und entschleierte sich. Ihr Gesicht war von Falten durchfurcht, ihr Blick hart. Damals konnten wir kaum miteinander sprechen. Zum Beerdigungsinstitut war sie mit großer Verspätung gekommen, Frank war schon unruhig geworden, denn der Trauerzug mit den Limousinen hätte schon längst Richtung Fenners Point abfahren sollen. Später werdet ihr Zeit haben, sagte er und begleitete sie bis zur Aussegnungshalle, damit sie einen Augenblick mit dir allein sein konnte, bevor dein Sarg versiegelt wurde.
Es war ein perfekter Tag, hell, warm, und es wehte eine leise Brise. Beim Verlassen des Friedhofs, nachdem die Trauerfeier zu Ende war, bat sie mich, während der Rückfahrt neben ihr Platz zu nehmen. Wir zwei teilten uns den riesigen Innenraum der Limousine. Vorne, durch eine getönte Glasscheibe von uns getrennt, saßen Frank Otero und Viktor Báez. Zunächst schwiegen wir sehr lange. Auf der linken Seite führte die Straße immer noch an der Steilküste entlang, und unwillkürlich wandten wir unsere Blicke zum Meer hin. Immer wieder verdeckten Bäume die Sicht auf den Ozean. Als der Weg endlich die Küste verließ, richtete sich Louises Blick nach vorne, und ohne sich zu entschleiern, sagte sie mit sehr leiser Stimme:
An sich hat es mich nicht überrascht, wir alle wussten, dass es jeden Augenblick geschehen konnte, aber ich habe keine Kraft mehr. Ich bin viel zu alt, um noch solche Schläge einzustecken. Wie viele Tote haben Sie?
Ich war mir nicht sicher, was sie mir sagen wollte, deshalb gab ich keine Antwort.
Bei mir sind es drei, fuhr sie fort. Das sind zwar nicht viele, aber es geht nicht um die Anzahl. Es geht darum, wie schwer es fällt, auf die Dauer die Last ihrer Abwesenheit zu tragen. Meine Mutter zähle ich nicht mit, sie starb, als ich ein paar Monate alt war, und ich habe gar keine Erinnerung an sie. Der erste Tod, der mich wirklich schmerzte, war der meines Vaters, als ich vierzehn war. Er brachte mich an den Rand des Wahnsinns. Leben Ihre Eltern noch?
Ich antwortete mit ja, sie nickte.
Zunächst verstand ich nicht, was geschehen war. Ich stellte mich den Tatsachen nicht. Ich konnte nicht akzeptieren, dass mein Vater mich verlassen hatte. Als ich es viel später schaffte, mich damit abzufinden, änderte sich etwas in mir. Wie soll ich es Ihnen erklären? Mein Leiden dauerte schon über ein Jahr, als sich plötzlich, von mir unbemerkt, der Schmerz in etwas anderes verwandelt hatte. Wut, Zorn, ich wusste nicht genau, was es war … wenn es nicht Hass war, dann doch etwas sehr Ähnliches. Er sollte dafür bezahlen, dass er mich verlassen hatte.
Damit hob sie den Schleier zum zweiten Mal, und ich konnte ihr Gesicht betrachten. Ihre Augen waren von einem merkwürdig kalten Hellblau. Sie zog eine Schachtel Camel aus der Tasche und streckte sie mir entgegen.
Rauchen Sie?
Ich verneinte, aber sie zog ihre Hand nicht zurück. Ich brauchte einige Sekunden, um zu reagieren. Dann nahm ich die Schachtel. Darin fand ich ein Plastikfeuerzeug. Ich zog eine Zigarette heraus, bot sie ihr an und gab ihr Feuer. Louise öffnete das Fenster einen kleinen Spalt breit, blies eine Rauchwolke nach draußen und fragte mit fast unhörbarer Stimme:
Spreche ich zu viel?
Ich schüttelte verneinend den Kopf.
Der zweite Tod war noch schlimmer. Ich weiß nicht, ob Gal dir schon von Marguerite erzählt hatte. Sie war über zehn Jahre lang meine Lebensgefährtin …
Obwohl es kaum möglich war, mehr aus der Zigarette herauszuholen, zog sie noch einmal daran und warf die Kippe dann durch den Fensterspalt. Der Stummel prallte gegen eine unsichtbare Mauer und hinterließ einen Funkenschweif in der Luft. Louise steckte die Zigarettenschachtel in die Tasche und zog den Schleier über den Hut herunter. Ihre Fingerspitzen waren gelb vom Nikotin.
Gal war mein bester Freund, um nicht zu sagen der einzige, ich meine damit einen wahren Freund. Wir kannten uns seit dreißig Jahren … Sie schnalzte mit der Zunge und schnitt dabei eine Grimasse, die ich nicht zu deuten wusste. Sein Tod ist ein Zeichen, dessen bin ich mir sicher. Ich spüre, dass meine Waage nicht mehr geeicht ist, für immer.
Es folgte ein langes Schweigen, das Frank unterbrach, indem er die Trennscheibe öffnete. Er kündigte an, dass wir gleich ankommen würden, und fragte Louise, ob sie mit uns im Oakland etwas trinken möge, worauf sie antwortete, dass sie allein sein wolle. Otero bat Viktor, sie nach Manhattan zu bringen. Beim Abschied hielt sie meine Hand ganz fest:
Kommen Sie irgendwann in meinem Studio vorbei, in der Abenddämmerung, sagte sie. Ich glaube, wir haben viel zu besprechen. Obwohl ich es heute nicht eben bewiesen habe, ich versichere Ihnen, ich kann auch zuhören.
Ihre Worte unterstrich sie mit einem trockenen Lachen. Ich hörte sie zum ersten Mal lachen, und sie tat es auf eine Weise, die mir seltsam vertraut erschien.
Seither besuche ich sie mit einer gewissen Regelmäßigkeit in ihrer großen Bruchbude in Chelsea. Sie hat praktisch immer Gäste: Sammler, Kunstkritiker, Musiker, Dichter und vor allem junge Künstler, die ihr Werk heiß und innig bewundern. Schließlich sorgt Jacques, ihr Assistent, dafür, dass alle gehen, und wir bleiben alleine zurück. Sie pflegt mit mir über ihr Tagewerk zu sprechen, so wie sie es mit dir tat. Sie ist ungeheuer talentiert, und es fällt mir schwer zu glauben, dass die Welt so lange gebraucht hat, um es zu erkennen, aber das Erstaunlichste ist ihre eigene Gleichgültigkeit. Es lässt sie vollkommen kalt, was man über sie denkt. Jacques meint, dass sie dieselbe ist, die sie schon immer war. Als ich sie zum ersten Mal besuchte, sagte einer der Gäste, ein sehr junger Bildhauer, etwas auf Französisch, das ich nicht ganz verstand, aber gut genug, um zu verstehen, dass es sich um eine Anspielung auf ihren Ruhm handelte. Das Lachen, das Louise darauf ausstieß, glich haargenau jenem, das sie ausgestoßen hatte, als wir von Fenners Point zurückgefahren waren. Es war tief, höhlenartig, das Lachen einer Raucherin, so wie ihre Stimme die Stimme einer Raucherin ist. Sie zerdrückte die Kippe im Aschenbecher und wiederholte den Satz des Jungen, der sie ob ihrer Reaktion verwirrt anstarrte. Plötzlich, Gal, verstand ich, was euch verband. Louise spottet über die Dinge, die den meisten Menschen etwas bedeuten, so wie du es zu tun pflegtest. Es interessiert sie nicht im Geringsten, dass sie am Ende ihres Lebens einen Bekanntheitsgrad erreicht hat, den sie nie angestrebt hat. Ihr beiden trefft euch in der Verachtung der Gebräuche dieser Welt. Deshalb hat sie gesagt, dass dein Tod die Waage aus dem Gleichgewicht gebracht habe. Du hast sie alleine gelassen, Gal.
Wenn sie keine Lust hat zu reden, schlägt sie mir vor, den Tee in der Bibliothek einzunehmen. Indem ich ihr faltiges Gesicht betrachtet und zugesehen habe, wie sie ihre filterlosen Camels an der Kippe der letzten anzündet, begann ich an ihr die gleiche innere Stärke wahrzunehmen, die dir eigen war. Ich wüsste nicht, wie ich es nennen sollte; es ist nicht so sehr Verachtung oder Gleichgültigkeit, als vielmehr eine Art von Würde, die ihr dazu dient, sich zu verteidigen, gegen wen oder was, weiß ich nicht. In dir habe ich sehr oft dieselbe Kraft gespürt, fremdartig, aber gut, behaftet mit einer fast gewalttätigen Vitalität. Ihr beide brauchtet die Nähe der Gefahr, wobei sie viel weniger verletzlich ist. Wenn Louise sich in die Enge getrieben sieht, verschließt sie sich; du aber spieltest verrückt und hörtest nicht auf zu wühlen, bis du es geschafft hattest, dir weh zu tun, je schlimmer, desto besser.
In der Bibliothek hängt ein Porträt von dir, auf dem es gelungen ist, einen jener seltenen Momente einzufangen, in denen du mit dir selbst im Reinen warst. Es wird dir wie ein haarsträubender Vergleich erscheinen, aber dieses Porträt erinnert mich an einen der schönsten Texte, die du je geschrieben hast: Ich meine den Nachruf auf Lermontov. Eines Nachmittags, im Oakland, erzähltest du mir von ihm und konntest nicht glauben, dass ich ihn nicht kannte. Es schien dir undenkbar. Der russische Dichter, sagtest du mit leiser Stimme und versankst in Gedanken. Es war dieses Schweigen, so typisch für dich, bei dem es fast möglich war, die Form deiner Gedanken zu sehen. Einen Augenblick später fügtest du hinzu: Er starb mit 27 bei einem Duell. Der Zar hatte ihn verbannt, und alle Bewohner des Dorfes, in dem er Zuflucht gefunden hatte, kamen zu seiner Beerdigung. Als ich dich am darauffolgenden Tag traf, hattest du einen wunderschönen Nachruf auf ihn geschrieben. Du gabst ihn mir und behieltest nicht einmal eine Kopie für dich selbst. Louise hat ihn jetzt. Ich habe ihn ihr geschenkt, als ich sie zum zweiten Mal besuchte, nachdem alle Gäste bereits gegangen waren. Sie nahm mich mit in die Bibliothek, setzte sich auf den roten Ledersessel und zündete sich eine Zigarette an. Als sie zu Ende gelesen hatte, sagte sie: Es ist sehr gut, aber es ist nicht Lermontov. Befremdet sah ich sie an und fragte: Wer dann? Es ist Gal, sagte sie vergnügt, Gal, wer sonst? Ich bin sicher, dass er es selbst nicht einmal gemerkt hat. Ich stimmte in ihr Lachen ein, sie hatte recht, du warst es. Als sie mir den Text zurückgeben wollte, sagte ich, sie solle ihn behalten.
Mit der Zeit, die vergeht, bin ich immer fester davon überzeugt, dass du immer wusstest, dass die Dinge so und nicht anders kommen würden. Wenn du mir sagtest, dass du nie in der Lage sein würdest, das Brooklyn-Heft, wie du es immer wieder nanntest, zu Ende zu bringen, nahm ich dich nicht ganz ernst. Aber du hast so gedrängt, auf deine Weise, ohne Worte, dass, als es mir klarwurde, wir den Pakt bereits geschlossen hatten. Versteh mich nicht falsch, die Tatsache, dass ich diese zwei Jahre auf diese Weise verbracht habe, war für mich so wichtig, dass sie mein Leben völlig umgekrempelt hat. Aber wahr ist auch, dass dein plötzlicher Tod mir klargemacht hat, dass ich in eine Falle gegangen bin. Da du nicht da warst, konnte ich nichts mehr rückgängig machen, und diese Last wurde für mich unerträglich.
Ich, dein Buch beenden? Ich fühlte mich unfähig, aber ich hatte keine Wahl. Ich war gefangen. Es ist mir schwergefallen anzufangen, und als ich es endlich tat, merkte ich, dass das Werk schon sehr weit gediehen war. Fast bei jedem Schritt fand ich Hinweise, die mir erlaubten, klar zu erkennen, wie ich weitermachen sollte. Irgendwie war es, als wärest du da und zeigtest mir den Weg. Und es waren nicht nur deine Notizen. Häufig erinnerte ich mich zufällig an Gesprächsfetzen. Weißt du, was mir als Erstes einfiel, bevor ich etwas anfasste, nachdem ich das Archiv übernommen hatte? (So haben Frank und ich dein Studio getauft, als Hommage an Ben.) Als ich mich von deinen Papieren umgeben sah, kam mir der Tag in den Sinn, an dem du mir von Kafkas letztem Willen erzähltest. Er hatte sein ganzes Leben dem Schreiben gewidmet, und als er spürte, dass der Tod nahte, bat er seinen besten Freund, Max Brod, seine Schriften zu vernichten.
Das ist eine viel zu oft zitierte Anekdote, fügtest du hinzu, doch deswegen ist sie nicht weniger beeindruckend. Vergil tat etwas Ähnliches. Selbstverständlich sind uns nur die Fälle bekannt, in denen die Freunde nicht gehorchten. Wieviele wird es dagegen geben, die dem Willen des Toten folgten? Wieviele Kafkas und Vergils mögen verschwunden sein, ohne eine Spur ihres Lebens zu hinterlassen?
Diese Frage erinnerte mich an eine andere deiner Lieblingsanekdoten. Ich hatte gehofft, du hättest sie niedergeschrieben, um sie in deinem Heft zu verewigen, aber ich fand sie nicht unter deinen Papieren. Ich meine jenen englischen Dichter, der seine Gedichte auf Zigarettenpapier schrieb. Weißt du noch, wie du sie mir das erste Mal erzählt hast? Es war fast am Anfang, eines Morgens, als ich aus Chicago gekommen und direkt vom Flughafen ins Oakland gefahren war. Ich war gerade dabei, mich von Diana zu trennen, und hatte mich nicht getraut, zu Hause vorbeizugehen. Wir kannten uns noch nicht gut, obwohl du mir bereits von Brooklyn erzählt hattest, dem Buch, das schon so lange in deinem Kopf herumrumorte. Ich kann mich nicht erinnern, wieso und weshalb du mir von dem englischen Aristokraten erzähltest, der Gedichte auf Zigarettenpapier schrieb und bevor er sie anzündete, sagte: Von Bedeutung ist nur das Schaffen.
Ich habe es aus einem Interview mit Lezama Lima, hast du erklärt. Diese Anekdote, wie die des Todes von Kafka und Vergil, tauchte mehr als einmal in unseren Gesprächen auf und veranlasste mich immer dazu, die gleiche Frage zu stellen: Und du, Gal, warum hast du geschrieben? Einmal, als wir zur Halle von Jimmy Castellano liefen, um uns Viktors Kampf anzusehen, fragte ich ganz unvermittelt. Du hast mit den Schultern gezuckt und deine Schritte beschleunigt. Wir waren nur einen Häuserblock vom Luna Bowl und Cletus entfernt, der Pförtner hatte dich erkannt und winkte schon von Weitem. Ich war fest entschlossen, eine Antwort zu erhalten, trat dir in den Weg und wartete gespannt: Du hast mich ganz genau verstanden, Gal. Warum schreibst du? Du hast das Gesicht verzogen und gewartet, bis ich zur Seite gegangen bin. Ich habe dich um Verzeihung gebeten und das Thema nie wieder angeschnitten, aber du hast es nicht vergessen. Das musst du ein paar Tage darauf geschrieben haben. Es ist diese Art von Detail, die mir zu verstehen gegeben hat, dass du alles schon im Voraus geplant hattest:
3. April 1991
Néstors Frage hat mich an einen der spanischen Freunde von Ben erinnert, Antonio Ramos. Sie hatten sich 1938 kennengelernt, als Ben im Feldkrankenhaus gedient hatte. Eines Morgens, bei der Visite, hatte er einen Gefangenen aus dem Lager der Putschisten verarztet. Ich erinnere mich daran, wie Ben mit Nachdruck darauf bestand, dass er kein Faschist gewesen sei. Es war einfach so, dass sie viele an die Front schickten, ohne ihnen Gelegenheit zu geben, sich die Seite auszusuchen. Er hieß Antonio Ramos, dürfte achtzehn oder neunzehn Jahre alt gewesen sein und sagte, er sei Maler. Abgesehen von seinen schweren Verletzungen hatte er eine schwache Konstitution, und lange schwebte er zwischen Leben und Tod. Als er außer Lebensgefahr war, fing Ben an, sich mit ihm anzufreunden. Er war ganz besonders sensibel, und mein Vater fing bald an, ihn zu mögen. Nach der Visite kam er immer wieder zurück an sein Bett, um sich eine Weile mit ihm zu unterhalten. Es schien ihm, als ob dieser Junge etwas Besonderes an sich habe. Ramos hatte unter seinen Sachen eine Anthologie von Antonio Machado, aus der er gerne vorlas, denn er war der Meinung, dass man Poesie nicht genug wertschätzen könne, wenn man ihr nicht lauschte. Einmal, als Lucia nach Madrid kam, bestand Ben darauf, sie in das Krankenhaus mitzunehmen, damit sie Antonio kennenlernte. Nach der Entlassung verlegte man ihn in ein Militärgefängnis. Beim Abschied schenkte Antonio Ramos Ben die Anthologie von Machado und bat ihn um seine Adresse. Als er zusammen mit anderen Gefangenen von der Miliz im Lastwagen abtransportiert wurde, dachte mein Vater, dass er ihn niemals wiedersehen würde. Er irrte sich. Jahre nach dem Krieg kam in Brooklyn eine in Paris abgestempelte Ansichtskarte an. Antonio Ramos wohnte dort. Er hatte das Kunststudium in Madrid abgeschlossen und ein kleines Stipendium erhalten, nicht viel, aber genug zum Leben. Mein Vater schrieb zurück, und in den darauffolgenden Jahren schrieben sie sich sporadisch. Endlich, während einer seiner Reisen nach Europa, beschloss Ben, ihn zu besuchen. Es dürfte Anfang der Sechziger gewesen sein. Ein völlig ausgemergeltes Knochengerüst öffnete ihm die Tür, nachdem er geläutet hatte. Für einen Augenblick dachte er, er habe sich geirrt. Erst als diese Erscheinung ihn umarmte, spürte er, dass es sich um Antonio handeln musste. Ramos erklärte ihm, man habe ihm einen Lungenflügel entfernt, und der übriggebliebene funktioniere nicht richtig. Er wohnte in einer sehr einfachen Wohnung auf dem Boulevard Montparnasse, die Kälte hatte von seinem Körper Besitz ergriffen, so dass er sich trotz Heizung eine Decke überlegen musste, um zu malen. Er hatte eine Französin namens Nicole geheiratet, die als Dolmetscherin bei Gallimard arbeitete. Während des Besuchs war sie zunächst nicht zu Hause. Ben erkundigte sich nach Antonios Befinden, worauf er antwortete, der Arzt habe ihm wegen des Zustands seines verbliebenen Lungenflügels das Malen verboten, denn wenn er weitermalen würde, würden die giftigen Farbdämpfe ihm im Nu den Garaus machen. Ben sah einige noch unfertige Ölgemälde im Großformat, und ihm wurde klar, dass sein Freund die ärztliche Anweisung nicht befolgte, aber er sagte nichts. Ich weiß, was du denkst, aber du irrst dich, sagte Ramos. Dem Arzt habe ich das gleiche gesagt. Es ist gerade umgekehrt: Wenn ich nicht malen würde, würde ich sterben. Beide mussten lächeln. Keiner von ihnen wollte die Magie des Wiedersehens zerstören. Ramos hatte eine Flasche vom besten Burgunder im Schrank und Jahre auf die passende Gelegenheit gewartet, um sie zu öffnen. Als Nicole von Gallimard zurückkam, improvisierten sie ein Abendessen und machten dem großen Wein alle Ehre.
Deswegen also hast du geschrieben. Ich musste warten, bis du gestorben warst, um eine Antwort zu erhalten. Was die Falle betrifft, war der entscheidende Tag der 8. April. Wir waren im Oakland und plauderten, und plötzlich hast du mich gebeten, dich ins Studio zu begleiten. Ich war schon ein paarmal dort gewesen und hatte den Eindruck, dass alles etwas aufgeräumter aussah als sonst. Auf die Hefttürme deutend sagtest du:
Im Grunde genommen ist alles, was du da siehst, völlig unbedeutend. Ich habe es nur aufgehoben, weil es mein einziger Trost ist; manchmal schlage ich wahllos etwas auf, das ich geschrieben habe, und lese einige Seiten, die mich in eine andere Dimension von Zeit und Raum versetzen, und das reicht mir. Ich wäre schon zufrieden, wenn ich eine einzige Sache herausheben könnte, ich kann dir nicht genau sagen, warum. Wie Alston immer gesagt hat: Ein Buch reicht schon. Kannst du dich an meinen Freund Alston Hughes erinnern, den Dichter? Der Alkohol hat ihn umgebracht, und genau so wird es mir ergehen. Eines Nachts, am Vortag einer Lesung seiner Gedichte, ist er zu mir gekommen, damit ich ihm bei der Auswahl helfe. Er hat einen Stapel Papier aus der Tasche gezogen, mindestens 100 Seiten. Das war alles, was er im Laufe seiner 63 Jahre geschrieben hatte. Sehr langsam hat er Seite für Seite durchgeblättert, und als er fertig war, hat er wie zu sich selbst gesagt: Was für eine Schande, so viel geschrieben zu haben! Es hat ihn überhaupt nicht gejuckt, ob er etwas veröffentlicht hatte oder nicht. Er las zusammen mit zwei anderen Dichtern, einem Chilenen, dem ehemaligen Sekretär von Neruda, und einer sehr süßen, zurückhaltenden Frau, ich glaube Peruanerin. An ihre Namen erinnere ich mich nicht, obwohl beide etliche Bücher veröffentlicht hatten. Alston war der einzige Unbekannte. Niemand hatte auch nur die geringste Ahnung, wer er war, man hatte ihn nur eingeladen, weil ich den Veranstalter dazu gedrängt hatte, ihn mit an den runden Tisch zu setzen. Es war nicht einfach gewesen, sie zu überzeugen, aber am Ende hatten sie auf mein Wort vertraut. Seine Lesung war schaurig. Die Fachleute wussten nicht, was sie denken sollten, sie hatten kein passendes Raster, um ihn einzuordnen; sie schwankten zwischen Verwirrung und Verachtung. Die Jüngeren dagegen reagierten völlig anders: Unmittelbar nach der Veranstaltung drängten sie sich um ihn und fragten, wo man seine Bücher kaufen könne. Mit einem zufriedenen Lächeln hat Alston gesagt: Nirgendwo. Und mit einem vergnügten Lachen hinzugefügt: Ich habe niemals etwas veröffentlicht und werde es auch niemals tun. Jetzt, nachdem er gestorben ist, glaube ich, arbeitet jemand in Paris an einer Veröffentlichung. Sollte ich von Alston etwas gelernt haben, dann gerade das. Dann hast du die rechte Hand gehoben, auf einen unbestimmten Punkt im Raum gezeigt und hinzugefügt:
Hier gibt es alle Sorten von Manuskripten, Texte, deren Autoren im Laufe der Jahre darauf bestanden haben, dass ich sie annahm. Einige stammen von Freunden, andere von Leuten, die ich kaum kenne. Fast alles Missgriffe, aber ab und an gerät mir etwas Interessantes zwischen die Finger. Das bewahre ich dann dort auf, hast du gesagt und dabei nach oben, auf zwei Türen über einem Einbauschrank, gezeigt.
Weißt du, wie ich diesen Ort nenne? Du bist in schallendes Gelächter ausgebrochen, und nach einer langen Weile hast du gesagt:
Die letzte Ruhestätte! Soll ich dir die letzte Ruhestätte zeigen, Ness?
Ich verstand nicht. Ohne meine Reaktion abzuwarten, hast du eine Leiter geholt und mich gedrängt:
Geh rauf!
Du hast darauf bestanden, dass ich die Türen zur letzten Ruhestätte öffnete, und in dem Augenblick, da ich es tat, kamen sie mir vor wie zwei Grabtafeln.
Schau genau hin! Siehst du, was da ist? Vor ein paar Monaten, als ich gerade dabei war, ein Manuskript herauszusuchen, fühlte ich mich plötzlich wie ein Totengräber, der dabei ist, ein Grab zu öffnen, um die Überreste umzubetten. Genau da habe ich sie so getauft. Schau mal rein, schau rein, dann wirst du es selbst sehen!
Ich tat, wie geheißen; es handelte sich um einen breiten, tiefen Raum mit Betonwänden. Drinnen schwebten Lichtpartikel inmitten einer Staubwolke; der weißliche Abglanz der Manuskripte erinnerte an einen Haufen Knochen, die verstreut in einem offenen Grab liegen. Es roch ein wenig modrig. Ehrlich gesagt beunruhigte mich dieser Anblick, also stieg ich schnell wieder runter. Ich habe nichts angefasst, obwohl du nicht aufgehört hast, mich dazu zu drängen. Sofort hast du die höchste Sprosse der Leiter erklommen und mit theatralischer Geste deklamiert:
Ein Manuskript-Friedhof! Mit beiden Armen hast du in den Papieren herumgewühlt, unfähig, mit dem Lachen aufzuhören. Dutzende und Aberdutzende von Manuskripten! Hier gibt es alles, Ness: Romane, Märchen, Theaterstücke, Essays, Memoiren, unerträgliche Texte, die überhaupt niemanden interessieren. Unglaublich, nicht wahr, sie haben alle eines gemeinsam: Niemand wird sie jemals lesen, und niemals wird einer von ihnen eine Druckerei von innen sehen. So viele Träume: Ruhm, Geld und Eitelkeit. Das sind die Dinge, von denen all diejenigen träumen, die unbedingt etwas veröffentlichen wollen. So viel Mühe, so viel Arbeit, wofür? Wieviel Bitterkeit, wieviel Frust, wieviel unerfüllte Hoffnungen? Lass sie mich dir zeigen!
Von der Leiter herunter hast du mir einige Titel vorgelesen. Dabei hast du schallend gelacht, aber mich hat es geschaudert. Wie konntest du so etwas tun? Deine Inszenierung hat mir körperliche Schmerzen bereitet. Es war deine finstere Seite, und die war für mich in diesem Moment unerträglich. Glücklicherweise dauerte dein Auftritt nicht lange. Schlagartig hast du aufgehört zu lachen, die Türen der letzten Ruhestätte zugemacht (behutsam, das Detail ist mir nicht entgangen), bist von der Leiter gestiegen, hast sie zusammengeklappt und zurück in die Küche gebracht.
Du weißt ja, dass ich in meinem Studio nie was zu trinken habe. Ich gehe schnell zum Schnapsladen und komme gleich wieder.
Als du zurückkamst, war ich gerade dabei, die Bücher in deiner Bibliothek zu betrachten. Du hattest eine Flasche Wodka dabei, einen Zwei-bis-drei-Dollar-Flachmann, und zwei Gläser. Du hast eingeschenkt und gesagt: Nimm alles mit, was du willst, ich habe aufgehört zu lesen. All diese Namen, die mir einst so viel bedeutet haben, sagen mir heute nichts mehr. Schon eine ganze Weile langweilen mich Bücher. Bis vor Kurzem habe ich immer wieder Sachen gelesen, die ich schon kannte, aber jetzt nicht einmal mehr das. Ich spüre das Ende nahen, und ich bin müde. Ich dachte schon immer, dass Alston Hughes recht hatte. Ein postumes Buch zu hinterlassen, Ness? Manchmal frage ich mich, ob ich es in der absurden Hoffnung geschrieben habe, dass Nadja es lesen würde. Oder glaubst du, ich hätte es für mich geschrieben …? Verdammt noch Mal, Ness! Ich habe mein ganzes Leben darin investiert, ohne zu wissen warum.
Dann bist du auf die Papiertürme zugegangen und hast gesagt:
Hier hast du es, Ness, Brooklyn, mein Buch, verstreut über die Seiten dieser Hefte. Na ja, technisch gesehen ist es noch nicht fertig, aber es fehlt nicht mehr viel. In diesem Augenblick könnte man sagen, es sei ein Rennen gegen die Zeit. Wenn ich noch ein Weilchen lebe, schaffe ich es vielleicht. Wenn aber nicht … Weißt du, dass Nadja diejenige war, die mir die Augen geöffnet hat? Ich habe mit ihr so viel über das Buch gesprochen, das ich schreiben wollte. Ich habe ihr erklärt, wie es sein würde, und mit ihr Details der Struktur besprochen. Ich habe ihr die möglichen Titel aufgezählt, die mir dafür eingefallen waren, und sie gefragt, welcher ihr am besten gefiel. Ich habe ihr die Geschichten erzählt, die ich vorhatte einzubauen, viele von ihnen habe ich nie geschrieben … Eines Tages hat sie gefragt, wann ich gedenke, fertig zu werden. Niemals, habe ich in vollem Ernst geantwortet. Nadja, die meine Art kannte, war dieses Mal offenbar ehrlich verwirrt …
…
Ich versteh’ dich nicht.
Da gibt es nichts zu verstehen, es ist, wie es ist.
Aber warum?
Ich weiß es nicht, es ist wie verhext.
Das kann nicht sein.
Warum?
…
Weil es nicht von dir abhängt, Gal, das Buch gibt es schon, obwohl es über die ganzen Hefte verstreut ist.
Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich in der Lage bin, es zu erlösen.
In diesem Fall wird es jemanden geben, der es für dich tut.
…
Von einem deiner Hefte abgeschrieben. Du erinnerst dich, nicht wahr? Du selbst hast es geschrieben. Das war nicht Teil des Pakts? Wir fangen ja schon gut an, findest du nicht? Zurück zu jenem Tag: Die Gläser mit dem Wodka waren noch immer unangetastet. Du hast die Vorhänge geöffnet. Unbarmherzig strömte das Morgenlicht ins Zimmer, worauf du sagtest:
Sieh mal, dieses Licht, Néstor. Es ist das Licht, über das Louise in ihrem Gedicht spricht. Das Licht Brooklyns.
Du hast die Vorhänge wieder zugezogen, als wäre es dir unmöglich weiterzusprechen, solange uns dieses Licht umhüllte.
Was ich damals zu Nadja gesagt habe, ist wahr. Etwas in mir hindert mich daran, dem, was ich schreibe, eine endgültige Form zu geben. Aber auch sie hatte recht: Über die Bündel verteilt existierte das Buch schon.
Obwohl der Zettel, den ich später fand, dich verriet, hast du vergessen, das Detail hinzuzufügen, dass Nadja hellsichtig genug war, um zu wissen, dass jemand es für dich tun würde. Es war aber auch nicht nötig, weil der Pakt bereits geschlossen war, auch wenn ich das damals noch nicht wusste. Dann hast du mir deinen Zimmerschlüssel gegeben und bist aufgestanden. Du hast nichts mehr gesagt, ich auch nicht, aber es war auch nicht nötig. Schon viel früher, lange bevor du mich zu dir eingeladen hattest, war das Los gezogen. Du hast mir nicht mal die Gelegenheit gegeben, mit dir anzustoßen. Auf deinem Gesicht erschien jener Schatten, den ich so gut kannte. Du warst weit weg, allein, hattest dich in dir selbst verlaufen, nahmst kaum mehr Notiz von dem, was dich umgab. Ohne auf mich zu warten, hast du das Glas genommen und es in einem Zug geleert. Dann hast du einen Blick zu den Vorhängen hin geworfen, als hättest du Angst, das Licht könne sich hereinschleichen, und mit leicht zittriger Hand hast du auch mein Glas genommen und es ausgetrunken. Anschließend, als wäre ich nicht da, bist du zur Tür gegangen, ohne dich von mir zu verabschieden. Ich bin dir nicht gefolgt, habe die Hand unbewusst in die Jackentasche gesteckt und mit dem Schlüssel gespielt, den du mir gegeben hattest.
Es war das letzte Mal, dass ich dich lebend gesehen habe.
Am 9. April bin ich nach New Mexico gefahren. In der Nacht des 14., als ich in Taos ins Hotel zurückkam, fand ich eine Nachricht von Frank Otero vor, in der er mich bat, ihn möglichst schnell im Oakland anzurufen. Ich tat es, und ohne Umschweife kam er direkt zur Sache:
Schlechte Nachrichten, Ness, Gal ist heute Morgen gestorben, im Lenox-Hill-Krankenhaus. Er lag drei Tage im Koma. Ich hab dich in der Redaktion angerufen. Bruce Randall hat mir erklärt, wo ich dich finden könnte. Er hat mir gesagt, dass du heute Abend zurückkommst, du kommst also noch rechtzeitig. Die Beerdigung findet am 16. in Fenners Point statt. Ich warte noch auf die Genehmigung, aber ich bin sicher, dass sie rechtzeitig kommen wird, ich hab’ Beziehungen.
Bis dahin hatte ich noch nie von Fenners Point gehört, aber ich habe keine Fragen gestellt, denn es war nicht der richtige Zeitpunkt für Erklärungen. Als alles vorbei war, habe ich Frank erzählt, dass du mir den Schlüssel für dein Zimmer gegeben hattest, und ihn gebeten, mich nach oben zu begleiten. Alles war genau so wie das letzte Mal, als ich mit dir dort gewesen bin. Dann habe ich ihm ausführlich von unserem letzten Gespräch erzählt.
Ich habe nicht die Absicht, es zu vermieten, war alles, was er gesagt hat. Mach, was du für richtig hältst, mit dem, was du hier findest.
Es hat zwei Jahre gedauert, Gal, zwei Jahre, in denen ich es nach und nach geschafft habe, Ordnung in die enorme Menge an Material zu bringen, die du hinterlassen hast, indem ich verschwinden ließ, was nicht dazu bestimmt war, in Brooklyn einzugehen. Dort, umgeben von deinen Fotos, deinen Briefen und Erinnerungen, war es so, als wärest du bei mir. Als die Arbeit nach und nach Form annahm, verbrachte ich viele Nächte im Studio, schlief dort, und nach ein paar Monaten beschloss ich dort einzuziehen, damit mich nichts von der Arbeit abhalten könnte. Wenn ich etwas von dir las, konnte ich ganz deutlich deine Stimme hören. Mehrmals, wenn ein Möbel oder der Holzboden knarzte, fuhr ich herum, weil ich dachte, du wärest im Zimmer und wolltest mir etwas sagen.
Eines Nachmittags, kurz nach meinem Einzug, machte ich mich daran, die letzte Ruhestätte auszuräumen, doch ich wagte nicht in den Manuskripten zu blättern. Ich bat Frank um Hilfe. In Pappkartons verstaut, brachten wir sie zusammen runter und verbrannten sie einzeln im Kamin des Oakland. Als ich sie brennen sah, konnte ich nicht aus dem Kopf bekommen, was du über Texte zu sagen pflegtest, die geboren würden, um vergessen zu werden. Wie der Pfarrer und der Barbier, sagte Frank, nur dass wir kein Einziges am Leben lassen. Es gelang ihm, mich zum Lachen zu bringen.
Das war nur der Anfang. In Erfüllung deiner Wünsche habe ich die Lücken gefüllt, die du gelassen hast. Ich habe alles sorgfältig geprüft: die Briefe, die Notizblöcke, die Hefte, die Mappen, deine Tagebücher und Nadjas Tagebücher. Am Ende des Tages bin ich runtergegangen, um das Material zu verbrennen, das ich nicht mehr brauchte. Ich war die Verlängerung deines Schattens geworden. Ja, es hat zwei Jahre gedauert, in denen ich einer Stimme folgte, die nicht verstummen wollte, einer Stimme, die mich seit dem Tag, an dem ich dich kennenlernte, dazu gebracht hat, nur dieses eine zu tun, obwohl ich das alles erst verstand, nachdem du gegangen warst. Wir sind fertig, wir haben es geschafft, du und ich, Gal. Hier hast du deinen verdammten Roman: Brooklyn. Nadja hatte recht, das Buch existierte schon. Du warst der Schöpfer und außerdem das einzige Hindernis. Man musste dich aus dem Weg schaffen; um es zu retten, war jemand nötig, der deiner Stimme hörig war, aber dafür warst du nicht geeignet, weil deine Stimme dich gelähmt hat. Es war nicht einfach. Darin stecken Hunderte und Aberhunderte von stillen und einsamen Stunden, Stunden, in denen ich mein Schreiben in den Dienst deines Schreibens stellte. Als ich endlich fertig war, wurde mir bewusst, dass, wenn überhaupt jemand Schuld trägt, ich es bin. Wenn ich wiederlese, was wir geschaffen haben, fällt es mir oft schwer, deine Stimme von meiner zu unterscheiden. Obwohl es in Wirklichkeit nur eine Stimme gibt, deine: Jedes Mal, wenn ich eingreifen musste, versuchte ich mir vorzustellen, wie du es gemacht hättest. Es war eine lange Lehre, aber ich bin dankbar dafür. Dir habe ich es zu verdanken, dass ich ein Schriftsteller bin. Davor hatte ich immer das Gefühl, dass das Wort zu groß für mich war.
Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Alles steht im Buch. Oder doch: Das muss gefeiert werden. Ich habe eine Flasche Wodka mitgebracht, dieselbe, die du an jenem Tag mitgebracht hast, einen 32-Unzen-Flachmann, genau so einen, wie du ihn so gerne auf die Altäre der Werft stelltest. Ich werde ihn zusammen mit dem Buch in die Nische stellen, damit sie dir Gesellschaft leisten. Aber vorher muss ich dich noch an den Drink erinnern, den ich an dem Tag nicht trinken konnte, an dem wir den Pakt geschlossen haben. Oder dachtest du, das würde ich vergessen?
Er ist auf keiner Karte verzeichnet, wie alle wahren Orte.
HERMAN MELVILLE,
Moby Dick
Deauville, 13. Oktober 1973
Noch vor der Morgendämmerung wachte ich mit einem Gefühl der Beklemmung auf. Obwohl ich mich nicht an den Traum erinnern konnte, wusste ich, dass er mit Sam Evans zu tun gehabt hatte. Ich stand auf, ging in die Küche, zündete mir eine Zigarette an, und während ich auf den Kaffee wartete, las ich nochmal die Postkarte von Louise. Sie trug das Datum vom Freitag, und es stand nichts Besonderes darin, aber als ich die Karte zu Ende gelesen hatte, überkam mich das merkwürdige Gefühl, dass sie irgendwie mit dem Albtraum zusammenhing, den ich in der Nacht gehabt hatte. Ich beschloss, sofort nach Deauville zu fahren, und konnte nicht mal die Geduld aufbringen, mir eine zweite Tasse Kaffee zu machen. Ich stopfte ein paar Sachen in eine Umhängetasche und ging zu Fuß zum Port-Authority-Busbahnhof. Als ich ankam, war der Bahnhof wenig bevölkert. Ich kaufte eine Rückfahrkarte und ging runter zum Bussteig an der 40. Straße. Gerade war ein Bus angekommen, und die Fahrgäste waren noch dabei auszusteigen. Als der letzte Fahrgast ausgestiegen war, schloss der Fahrer die automatischen Türen, machte sich noch ein paar Notizen auf dem Lenkrad und nach einigen Minuten ging er weg. Alleine am Bussteig, schaute ich auf die Uhr und sah, dass es bis zur nächsten Abfahrt noch eine halbe Stunde war. Ich lehnte mich mit dem Rücken an die Backsteinmauer, und als ich meinen Blick nach vorne wandte, konnte ich in der Glastür mein Spiegelbild sehen. Ich betrachtete das Spiel des Lichts auf der Scheibe. Es war ein grauer Tag; hinter mir erhob sich die Silhouette einiger Gebäude und ein riesiges Stück Himmel. Der Wind trieb die dunklen Wolken zum Hudson hin.
Ich schlug das Heft auf und steckte mir eine Zigarette an. Es gab kaum noch leere Seiten. Ich würde mir ein neues Heft besorgen müssen, bevor ich wieder nach New York zurückkam. Aufs Geratewohl blätterte ich im Heft herum, und als ich auf das heutige Datum stieß, überkam mich ein überwältigendes Gefühl der Unwirklichkeit. Genau nach einem Jahr kehrte ich nach Deauville zurück. Ich kann nicht erklären, warum, aber irgendwie brachte ich dieses Zusammentreffen in Verbindung mit der Unruhe, die Louises Postkarte in mir ausgelöst, und mit dem Albtraum, der mich geweckt hatte. Erneut versuchte ich mich an den Inhalt meines Traumes zu erinnern, aber die Bilder waren noch fragmentarischer und flüchtiger als zuvor; das einzige, was ich aus meinem Gedächtnis retten konnte, waren Bruchstücke meines letzten Gesprächs mit Sam Evans. Als wäre dort der Schlüssel zu finden, suchte ich nach dem, was ich vor einem Jahr über ihn geschrieben hatte.
Deauville, 13. Oktober 1972
Wie immer bat ich den Fahrer, mich an der Ranch von Stewart Foster, eine halbe Meile vor der Kreuzung nach Deauville, aussteigen zu lassen. Mich fasziniert das Schauspiel der Vollblüter auf der Koppel, das Geheimnis ihrer Existenz, diese seltsame Mischung aus Verletzlichkeit und Kraft, die nahezu menschliche Hilflosigkeit ihres Blicks, die Anmut und Eleganz ihrer Bewegungen. Stewart ist 76 Jahre alt und hat sein ganzes Leben der Zucht von Rennpferden gewidmet. Jedes Mal, wenn der Bus in unmittelbarer Nähe seines Anwesens anhält, streckt der alte Foster den Kopf aus der Veranda, um zu sehen, wer da aussteigt. Es gefällt ihm, wenn die Leute seine Tiere bewundern. Diesmal erkannte er mich sofort; er hob den rechten Arm zum Gruß und ging wieder rein. Ich näherte mich dem Zaun. Da graste eine Stute mit ihrem neugeborenen Fohlen. Die Mutter hob den Kopf und, ohne die Stellung ihres Körpers zu verändern, wandte mir den Blick zu, um sich dann, gefolgt von ihrem Fohlen, zu entfernen. Ich kann Stunden damit zubringen, die Bewegungen der Pferde zu studieren, aber an diesem Morgen braute sich ein Unwetter zusammen, und so entschied ich mich, zur Straße zurückzukehren, um zur Tankstelle weiter zu laufen, mit der Absicht, Sam zu sehen, bevor es zu regnen begann. Es macht mir große Freude, mit Sam zu sprechen; ich glaube, meine Besuche in Deauville werden ganz anders sein, sollte er eines Tages nicht mehr da sein. Niemand weiß etwas Genaues über seine Geschichte. Er ist ein blinder Schwarzer; sehr alt. Er kam vor Jahrzehnten nach Bogalusa, ein Dorf in Louisiana, um als Feldarbeiter sein Geld zu verdienen, aber er fühlte sich dort gut behandelt, und so beschloss er nach dem Ende der Saison, zu bleiben. Bald hatte er sich einen Ruf als verantwortungsvoller und ehrlicher Arbeiter erworben, so dass die Leute anfingen, sich an ihn zu wenden, damit er alle möglichen Aufträge erledigte. Es fehlte ihm nie an Arbeit, bis er, vor etwa fünfzehn Jahren, bei einem Unfall sein Augenlicht verlor. Seither verbringt er den Tag auf einem Schaukelstuhl sitzend, mit Lux, seinem belgischen Schäferhund, zu seinen Füßen. Es ist mir nicht gelungen, herauszufinden, wie Sam es schafft, mich zu erkennen, sobald ich den Fuß auf den Kiesweg setze, der zu ihm führt. Es kann sein, dass jeder von uns eine eigene, unverwechselbare Art hat aufzutreten und dass für einen Blinden das Geräusch der Kieselsteine, die gegeneinander schurren, so unverkennbar ist wie die Gesichtszüge für jemanden, der sehen kann. Auf jeden Fall entfernt sich Sam praktisch den ganzen Tag über nicht vom Eingang des Ladens. Dort befindet sich sein Arbeitsplatz, und das ist ihm heilig. Er hat sich nie dazu erniedrigt zu betteln, so dass er nach dem Unfall vor der Herausforderung stand, einen würdigen Beruf zu erfinden. In der Tat fiel ihm am Ende ein originelles Geschäft ein, und, wie er selbst sagt, um es ordentlich ausüben zu können, benötigt man künstlerische Begabung. Er meint, wenn man sechzig Meilen von der Hauptstadt von Louisiana entfernt geboren wurde, wird alles viel einfacher. Er hat völlig recht. Im Grunde ist er ein Straßenkünstler; tatsächlich verdankt er seine Idee den Straßenmusikern und Stepptänzern, denen er in den Straßen des Französischen Viertels von New Orleans so oft zugesehen hat. Die Leute wissen sein Talent zu schätzen, und mit dem, was er bekommt, hat er genug zum Überleben.
Wenn ihn das Wetter nicht daran hindert, setzt er sich vor dem Eingang des Ladens an einen dreibeinigen, runden Tisch mit einem geblümten Tischtuch. Darauf legt er eine zerfledderte Bibel mit einem Einband aus schwarzem Leder und ein Körbchen aus geflochtener Kordel. In der Mitte des Tisches, sorgfältig beschriftet und gefaltet, steht ein weißes Kartonschild, auf dem in dicken, schwarzen Lettern zu lesen ist:
Sein Leben könnte nicht einfacher sein: Er schläft in einem Schuppen hinter der Werkstatt, wofür Rick, der die Tankstelle betreibt, eine winzige Miete verlangt; das Essen bringt man ihm vom Imbiss. Kim, ebenfalls aus dem Süden, aus Atlanta, bereitet es zu; gegen einen kleinen Obolus kümmert sie sich auch um seine Wäsche. Um sich zu waschen, benutzt er die Waschbecken in der Tankstellen-Toilette. Sein Tagesablauf wandelt sich im Einklang mit den Jahreszeiten, einem Rhythmus folgend, der sich im Laufe seines Lebens nie geändert hat: arbeiten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Seine Methode könnte nicht schlichter sein, und außerdem ist sie unfehlbar. Rick leidet an einer sehr fortgeschrittenen Arthritis und kann deshalb beim Tanken nicht bedienen. Wenn ein Kunde zum Tanken kommt, sieht er als Erstes ein Schild, auf dem steht, dass der Treibstoff im Voraus im Laden zu bezahlen ist. In dem Moment, in dem der Neuankömmling sich anschickt, die Ladentür zu öffnen, steht Sam auf, denn darauf hat er gewartet, und hält ihm mit ausgestrecktem Arm die Bibel vor die Nase. Keiner hat Zeit zu reagieren; bevor man weiß, wie einem geschieht, findet man sich mit dem Buch in den Händen wieder und Sam drängt einen dazu, es irgendwo aufzuschlagen. Die Situation ist so absurd und überraschend, dass niemand in der Lage ist, diese Aufforderung zu ignorieren.
Man soll nicht versuchen, den Zufall zu beeinflussen, sagt er, sobald er das Blättern von Seiten vernimmt. Am besten sollte man gar nicht nachdenken und die Sache einfach dem Buch selbst überlassen.
Er weiß immer, wann die Suche zu Ende ist, und ohne seinem unfreiwilligen Kunden eine Atempause zu gönnen, fordert er ihn dazu auf, ihm Titel und Vers vorzulesen, auf die sein Blick gefallen ist. Ich kann mich nicht erinnern, in meinem ganzen Leben jemals die Bibel aufgeschlagen zu haben, bevor ich zum ersten Mal nach Deauville kam und Sam mich dazu aufforderte. Als ich später darüber nachdachte, kam mir die Situation komisch vor, aber Tatsache ist, dass er nicht lockerlässt, sobald er dich einmal erwischt hat. Am merkwürdigsten ist jedoch, dass niemand protestiert oder auch nur den geringsten Widerstand leistet. Später habe ich sehr oft versucht zu verstehen, warum ich seine Anweisungen strikt befolgte; in der Tat war es so, dass ich, als er mich fragte, auf welche Stelle ich gestoßen sei, artig antwortete: Hesekiel, Kapitel XXXIV. Ich durfte nicht weiterlesen. Er unterbrach mich und begann mit tiefer, feierlicher Stimme zu deklamieren: Die schlechten Hirten und der rechte Hirt. Und des HERRN Wort geschah zu mir und sprach: Du Menschenkind, weissage wider die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen nicht die Hirten die Herde weiden? Aber ihr esset das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete; aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Erstaunt wartete ich, bis er die ganze Passage rezitiert hatte. Bevor ich ging, übertrug ich sie vollständig in mein Tagebuch und legte einen Zehndollarschein in den Korb. Ich hatte die Absicht, das ganze Fragment auswendig zu lernen und Sam im Kleinen zu imitieren. Jener schwarze Blinde erschien mir als eine Art Prophet. Was er aus der Bibel machte, erinnerte mich an das Yijing, und ich entschied, dass es am besten wäre, diese Botschaft unverändert weiterzutragen. Ich bin immer noch überzeugt, dass wir alle, die wir ihm über den Weg gelaufen sind, einen verborgenen Blick auf die Zukunft erhaschen durften.
Ich habe Sam sehr oft in Aktion gesehen, und er irrt niemals. Normalerweise reagieren alle so wie ich: Wir beeilen uns, das, was wir hören, mit dem zu vergleichen, was der Text sagt. Bisher hat ihn niemand bei einem Fehler ertappt. Immer wieder stellen seine Kunden erstaunt fest, dass die Übereinstimmung perfekt ist, Wort für Wort. Fast niemand zweifelt an der Wahrhaftigkeit seiner Methode, wenn ihn aber doch jemand fragt, wo der Trick sei, bricht Sam in lautes Lachen aus und erklärt, dass es keinen Trick gebe; es sei einfach so, dass er die Bibel auswendig kenne. Wenn sie ihm das Buch zurückgeben, ist niemand so knickrig, kein großzügigeres Trinkgeld zu hinterlassen. Bei schlechtem Wetter lässt sich Sam mit dem Einverständnis seines Freundes Rick neben der Theke nieder.
Zum Teufel, Gal!, sagte er, als er mich heute sah. Wenn er das Wort an mich richtet, benutzt er immer dieselbe Formel. Darf man wissen, was in der Küche der Hölle gekocht wird? Haben sie dich rausgeworfen oder ist dir jetzt endgültig dein Kleinhirn weggeschmort, dass du schon so lange die Stadt nicht verlassen hast? Give me five! Wahrscheinlich weil er schon so lange lebt, besteht sein Leben aus einer Reihe von Wiederholungen. Für jeden seiner Bekannten hat er eine feste Grußformel. Unabhängig davon, wie lange der Abstand zwischen meinen Besuchen ist, ist dies die Formel, die mir zugedacht ist, und er wiederholt sie immer im gleichen Ton, ohne ein einziges Wort hinzuzufügen oder wegzulassen.
Diesmal betrachtete ich nicht so sehr ihn selbst, als vielmehr seinen Hund Lux. Ein weiteres von Sams Geheimnissen besteht darin, dass er immer erraten kann, in welche Richtung sein Gegenüber gerade blickt.
Ich fürchte, ihm bleibt nicht viel Zeit, Gal. Noch vor dem Sommer werde ich ihn zum Tierarzt bringen, damit er ihn einschläfert. Ich schiebe es immer wieder vor mir her, aber ich denke, er wird nicht mehr lange durchhalten.
Lux wandte den Kopf seinem Herrn zu.
Es tut mir leid. Wie du wohl weißt, kann ich da nichts tun, sagte der Blinde zu dem Tier und streichelte dabei seinen Kopf. Lux richtete sich auf, ließ die Zunge heraushängen und begann an mir herumzuschnuppern. Diese Dinge haben ihre Zeit, sprach Sam weiter. Man muss auf das Zeichen achten. Wenn das Leid größer wird als der ganze Rest, bedeutet das, dass wir gerade dabei sind, länger zu leben, als uns zusteht. Das ist nicht gut, Gal. Das Leben irrt sich nie. Ich verstehe nicht, warum die Leute sich weigern, das zu akzeptieren. Ich bot ihm eine Zigarette an. Er nahm sie und führte sie mit zittrigen Fingern zum Mund. An sich fiel mir an Lux nichts Besonderes auf, eher war Sam derjenige, der ziemlich mitgenommen aussah. Er ist in den letzten Monaten sehr gealtert, und die Parkinsonsymptome sind alarmierend. Er tat einen kräftigen Zug, spuckte zur Seite aus, streckte den Hals und hielt konzentriert inne, als würde er versuchen, auf etwas zu lauschen. Lux hatte die Ohren gestreckt und war genauso angespannt. Sekunden später entlud sich ein ausgedehnter Donner und es begann heftig zu regen.
Ich klappte das Tagebuch zu und sah mich um. Der Bussteig war eingezwängt zwischen zwei Backsteinmauern. Mir fiel auf, dass der Bus unten breiter war als oben, so dass er leicht geneigte Flanken hatte. Er hatte die Schnauze auf die Neunte Straße gerichtet; zu meiner Linken, in Richtung Achte Straße, hatte sich eine Schlange von etwa zwanzig Personen gebildet. Plötzlich wurde ich von einem Lichtstrahl geblendet, der von der geneigten Oberfläche der Glasscheibe reflektiert wurde, und als ich meinen Blick zur Tür wandte, überraschte mich die Spiegelung meiner Silhouette; über meinem Kopf erhob sich die Backsteinmauer, darüber schwebten die Umrisse der Wolkenkratzer vor einem bewölkten Hintergrund. Der Fahrer stieg von der Gegenseite aus ein und aktivierte sofort den Schließmechanismus der Tür; die Türblätter bewegten sich geräuschlos auf mich zu; als die Scharniere ihre Endposition erreicht hatten, entfalteten sie sich zur Seite hin. Mein Spiegelbild wurde wie durch Zauberei in zwei Hälften gespalten, die unter den Himmelsfragmenten verschwanden. Als ich gerade einsteigen wollte, erschien in der Türöffnung die Silhouette einer jungen Frau, die eine schwer wirkende Reisetasche trug. Der Bus stand bereits über eine Viertelstunde, und ich wunderte mich, dass jemand so lange drinbleiben konnte. Ohne Zweifel war sie eingeschlafen.
Den Fahrer schien das nicht sonderlich zu stören. Nachdem er sich kurz nach ihr umgedreht und ihr etwas zugerufen hatte, bat er uns, sie aussteigen zu lassen. Das Gepäck schien der Unbekannten zu schwer zu sein, so dass sie von einer Hand zur anderen wechselte, um leichter aussteigen zu können. Auf der Höhe meiner Augen erschien ein undeutlicher Schatten, der kurz darauf wieder verschwand. Die Ledertasche blieb an der Rockfalte hängen und entblößte die Schenkel des Mädchens. Die Erscheinung dauerte kaum einen Moment. Mit einer brüsken Bewegung ihrer freien Hand beeilte sie sich, den blauen Stoff ihres Rockes wieder zu glätten, und dabei hätte sie fast das Gleichgewicht verloren. Sie schaffte es, nicht zu stürzen, indem sie die Tasche von sich schleuderte und sich an einer Eisenstange festhielt.
