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In meinem Buch "BruderLos" (300 Seiten) geht es im Kern um eine Erbstreitigkeit zwischen zwei Brüdern nach dem Tod der gemeinsamen Mutter. Einer der beiden beschreibt in Einzelheiten seine Sicht der Dinge und die aktuell empfindlich gestörte Beziehung zum anderen. Neben der Beschreibung der faktischen Komponenten, die sich im weiteren Verlauf immer verworrener entwickeln, tauchen daneben Erinnerungen auf, die weit zurückgehen. Erinnerungen über prägende Ereignisse, über Familiengeheimnisse und dunkle, nie verbalisierte soziale Strukturen und Rollen einer nach außen intakt wirkenden Akademikerfamilie. Während der eskalierte Erbkrieg zunächst auf anwaltlicher Seite Fahrt aufnimmt, ist andererseits direkte Kommunikation unmöglich geworden und die Hauptfigur auf eigene Erinnerungen und Erlebnisse angewiesen, um die verworrene Geschichte zu verstehen. Sind die Ersparnisse der Mutter – immerhin 120.000,- Euro – zu Lebzeiten verschenkt oder nur geliehen, gehören sie zum Nachlass oder nicht? Um diese Frage entbrennt der Streit zwischen den Brüdern und geht vor Gericht. Dazu gesellt sich noch die Erbin des inzwischen auch verstorbenen Ehemanns der Mutter. Sie habe ebenfalls von einem Sparbuch gehört, derehn hoher Wert sträflicherweise nicht in die Erbmasse gerechnet wurde und leitet ihrerseits ein weiteres Gerichtsverfahren ein. Unvorteilhaft ist zudem, dass einer der beiden Brüder seit fast zwanzig Jahren in Südamerika lebt und der Erzähler "gemeinschaftlich haftend" allein verklagt wird. Interessant ist bei diesem Roman, wie sich die Hauptfigur bei all den niederschmetternden Wahrheiten, die sich erst nach dem Tod der Mutter zeigen, trotzdem nicht aus der Bahn werfen lässt, sondern, unterstützt durch eine stabile eigene Familie, den eigenen Weg unbeirrt weiter verfolgt. Erst nach dem Tod der Mutter ergibt sich die Notwendigkeit, die eigene Ursprungsfamilie genauer anzuschauen, als je zuvor.
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Seitenzahl: 345
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Martin Pfennigschmidt
BruderLos
Erben für Anfänger
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Zahnlos
2. Kopfkino
3. Mein Vater
4. Kalte Reise durch die weiße Nacht
5. Zettelwirtschaft
6. Neuland
7. Weiß, weiß, weiß
8. Hans
9. Sigrid, die neue alte
10. Angekommen
11. Platzkragen
12. Liebe Mutz, ich hätte da mal was zu besprechen…
13. Erleichterung
14. Geplatzte Träume
15. Theas letzter Brief
16. Harald
17. Erwin
18. Shuttle nach Varrel
19. Trauerfeier
20. Leichenschmaus
21. Beleidigte Leberwürste
22. Gier
23. Bipolare Störung – Aktualpsychose
24. Geheimes Konto
25. Vollendete Tatsachen
26. Lulu
27. Besenrein
28. Wasserrohrbruch
29. Autoverkäufer
30. Oma
31. Kassensturz
32. Innere Wut
33. Hittfeld
34. Verkauft
35. Mutz, Dorothea, Mutti
36. Nadia und Lennard
37. Post
38. Nachweise und Beläge
39. Mahnbescheid
40. Fremdsprache Jura
41. Rollen
42. Ich
43. Richterliche Anhörung
44. Hausaufgaben
45. Frustration
46. Investigation
47. Abflug
48. Krankenpfleger
49. Zweiter Akt
50. Turbulenzen
51. I Ging
52. Familienaufstellung
53. Meridian Energie Technik
54. Ego Manie
55. Da geht noch was
56. Kampflos
57. Eigener Herd ist Goldes wert
58. Das Letzte
59. Epilog
Impressum neobooks
Manchmal kommt es wirklich sehr seltsam und unerwartet. Meine Liebste und ich liegen gemütlich auf unserer Couch, genießen die gerade angefangene letzte Urlaubswoche. Reine Erholung nach den hektischen Weihnachtstagen und dem lauten, leuchtenden Jahreswechsel.
Es dauere nur wenige Stunden, bis ich meinen Zahnersatz wiederbekäme, wurde mir von meiner Zahnärztin morgens erklärt, man müsse unterfüttern, da käme ich nicht drum herum. Also ohne Zähne nach Hause, zum Glück niemand bekanntes auf dem Heimweg getroffen und heute bitte keine Termine mehr, bevor ich nicht wieder normal lächeln kann.
Draußen war es bitterkalt, Schnee, Eis, kriechende Autos in der großen Stadt. Es war so kalt, dass der sonst laute Verkehr direkt vor unserem Haus kaum hörbar schien. Der Schnee schluckte alle Geräusche, ein besonderer Klang in der Stadt. Nur das Knirschen der Reifen im Schnee. Bei Sonnenschein betrachtet sieht so eine Schneelandschaft ja toll aus, Bäume mit großen Wattehaufen, alles nett weiß und scheinbar sauber, gebe ich ja zu, schaue ich mir auch gern an, aber die Kälte konnte ich noch nie leiden. Wäre ich ein Tier, dann gern eins, das Winterschlaf hält und die kalte Zeit einfach gemütlich in der Höhle verschläft. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich mit vier Monaten mit Scharlach unter Lebensgefahr mit einem Brückenpanzer in der Schneekatasthrophe `62 ans Festland ins Krankenhaus gebracht wurde. Wir waren eingeschneit, und andere Beförderungswege boten sich nicht an. Das war schon schlimm für ein kleines Wurm, das ich war, und kann einem die kalte Jahreszeit schon gehörig vermiesen. Obwohl ich mit fünfzehn Jahren begeistert im Schwarzwald Ski gelaufen bin - und Schlittschuh laufen fand ich auch immer schon klasse. Trotzdem: Winter ist nicht meins und statt Skilaufen verbringe ich meinen Urlaub immer lieber an irgendeinen warmen palmenbesetzten Strand auf einer Insel im Süden.
Also schnell hinein in die warme Wohnung zu meiner Liebsten und gemeinsam vor dem Fernseher auf den Anruf der Praxis warten. So wollte ich niemanden sehen, von niemandem gesehen werden. Ohne Zähne höre ich mich erbärmlich undeutlich an und will das niemandem und mir erst recht nicht zumuten, reden zu müssen.
Wir hatten Sting aufgenommen, eine Übertragung seines Konzertes in einer alten malerischen schottischen Kirche. Wintersongs – bezeichnend, wenn man nach draußen sah. Heißer Kaffee, kuschelige Decke, wir beide – Herrlich.
Ein besonderes Konzert. Anders als man von Sting gewohnt war. Im krassen Gegensatz zu den irre breiten und tiefen Bühnen, auf denen er sonst so auftrat, war es in der Kirche sehr eng. Mit der Perfektion geschulter Ramp Agents auf Flughäfen, die jeden Zentimeter Frachtraum von Flugzeugen ausnutzen, hat man hier ein ganzes Orchester, die Band, Backing Chöre, Schlagzeug, Perkussion mit samt der erforderlichen Geräte, Instrumente und den Musikern hinein operiert.
Wirklich besonders schöne Musik. So gar nicht laut, irgendwie fragil alles, zart, empfindsam, wie Schneeflocken. Offene Harmonien, zusammengesetzt aus vier, fünf, sechs und mehr Tönen, nicht nur stupide Dreiklänge. Hier waren es eher volle, schwebende Klänge durch gemeinsames Spiel, die einem Musiker wie mir besonders in den Ohren schmeicheln. Tonartwechsel, Rhythmen, die mich aufhorchen lassen, weil ich sie noch nicht ganz verstehe, sie nicht gleich mitklopfen und trommeln kann.
Das Telefon klingelt anhaltend, Sven, mein Halbbruder will mit mir reden. Ich will nicht.
Schöne Lieder, glockenzarte winterliche Impressionen, Kamerafahrten durch die schöne alte Kirche, Sting kann wirklich traumhaft singen. Was für eine Vielfalt in seiner Stimme.
Das Telefon klingelt immer wieder – gefühlt Tausendmal. Ich will immer noch nicht, bin sogar langsam genervt über die unpassende Störung.
Nadia ermuntert mich:
„Du kannst ihn doch heute Abend zurückrufen. Was kann schon so wichtig sein.“
„I must have loved you”, singt Sting. Mein Lieblingssong von diesem Konzert. Alles in Blau gehalten, leise, empathisch …
Unser Telefon klingelt schon wieder. Sven, sagt die Anzeige. Nadia geht plötzlich ran, will es jetzt wissen. Ich bin ebenfalls langsam gespannt, was denn derart wichtig sein muss. Nadia lauscht dem Anrufer, ihr Kinn fällt herunter, Geschockt gibt sie mir den Hörer.
„Deine Mutter ist tot.“, sagt sie. Das Konzert war zu Ende.
Meinen Opa habe ich nie kennengelernt, auch den Tod meiner Großmutter habe ich nur am Rande mitbekommen. Ich war völlig unvorbereitet, hatte keinerlei gespeicherte Erlebnisse, die mir halfen mit den vielen entstehenden Gedanken und inneren Bildern klar zu kommen.
Meine Mutter ist tot.
Unglaublich.
Petra, die Frau Svens erklärte mir, dass meine Mutter in ihrer Küche mit einem Herzinfarkt zusammengebrochen sei und dabei gestorben war. Man war alarmiert, weil sie nicht öffnete, als der verabredete Besuch kam.
Unfassbar zunächst. Tausend Gedanken, tausend Fragen. Wir hatten vor einigen Wochen eine Auseinandersetzung gehabt und uns seitdem nicht mehr gesprochen. Ich war vor einigen Tagen immer noch verärgert und bin nicht ans Telefon gegangen, als sie anrief. Wollte lieber noch warten, ehe wir die Schieflage klären. Wie kindisch, nicht ans Telefon zu gehen, wie nichtig unter den jetzt gegebenen Umständen. Jetzt ist es zu spät. Keine Chance der Klärung mehr. Der Frieden muss sich ohne weitere Kommunikation einstellen, ich muss ihr verzeihen, sie kann sich nicht mehr erklären.
Mein Vater muss informiert werden, ich muss meinen Bruder sprechen, der in Brasilien lebt, muss alle Leute anrufen und informieren, die Wohnung räumen, alles regeln, was dringlich ist. Ich muss meinen Urlaub verlängern, Zeit organisieren, um alles erledigen zu können. Ich muss da jetzt sofort hin.
Noch immer Zahnlos rief ich meinen Vater an und lispelte:
„Hallo Vattern. – Du weißt schon…? – Ja, sie sagen, es muss ganz schnell gegangen sein. – Sie hatte einen Termin und sollte abgeholt werden, hat aber nicht aufgemacht.“
„Meine Thea.“, soll er gesagt haben, als er es von Petra erfuhr. Eigentlich verständliche Anteilnahme, sollte man meinen. In diesem Fall war es jedoch besonders. Es ist nämlich so, dass er sich von meiner Mutter, meinem Bruder und mir trennte, noch bevor ich zur Schule gekommen bin. Das ist über vierzig Jahre her. Über all die Zeit gab es nur selten Kontakt. Er hatte eine neue Familie gegründet und drei weitere Kinder gezeugt, meine Halbgeschwister Nele, Sven und Lars. Immer mal wieder sah man sich, hörte telefonisch das Neueste, von Beziehung kann man jedoch nicht reden. Gefühlt war er zwischen meinem sechsten und fünfzehnten Geburtstag zwei Mal da gewesen. Danach sah ich ihn einmal in Reinfeld, und einmal in Bremen, als er mich besuchte, ich war vielleicht zehn Mal bei ihm zu Besuch.
„Meine Thea…“ Die erste Liebe ist eben doch tief.
Ich lud ihn zur Trauerfeier ein, von der ich noch nicht wusste, wann diese stattfinden würde und wie ich alles organisiere. Ich sagte ihm noch, dass er neben Nadia, Lennard und Harry die wichtigste Person für mich an diesem besonderen Anlass. Von den notwendigen Vorbereitungen der Beerdigung hatte ich nicht den blassesten Schimmer einer Ahnung.
Endlich kam spätnachmittags der erlösende Anruf meiner Zahnärztin, alles sei fertig und könne abgeholt werden. Wenige Minuten später saßen meine Liebste und ich im Auto.
Viel hatte ich ja nicht von ihm mitbekommen. Durch meinen pädagogischen Beruf weiß ich jetzt, dass es im Wesentlichen ausgereicht hat, mich hinreichend zu prägen. Er war mein mir vorgesetztes Männerbild, egal ob wir beide das wollten oder nicht.
Als junger Mann war er bei der Bundeswehr. Korrigiere: Bundesmarine. Und da auch nicht einfach so ein Soldat, sondern Fregattenkapitän eines Marinefliegergeschwaders. Noch Fragen? Wegtreten!
Er war schon damals Rudolph der Große, oft tagelang weg, zur Begrüßung überschwänglich gehuldigt. Klar waren wir froh, ihn zu sehen. Aber den Alltagsärger hatte er nicht mit uns, wir nicht mit ihm. Regelmäßig hoher Besuch in schicker Uniform, der gönnerhafte Papa, ein großes Fest, viel Bier, lautes ungehemmtes Lachen der verschiedensten eingeladenen Leute am Abend, aber kaum war er da, musste er auch schon wieder weg.
Später blieb er länger weg, war alles andere als fröhlich, wenn er da war. Nichts mehr mit Feiern, ausgelassener Stimmung mit Gästen, stattdessen immer mehr Streit mit seiner Thea. Wir Kiddies, drei und fünf, waren in diesen unendlichen Auseinandersetzungen Nebensache und nervten allenfalls. Das Ende war oft, dass Vati wieder weg war und Mutti schlecht drauf. Sie telefonierte dann stundenlang mit unserer Oma, schluchzte und heulte am Telefon, versuchte oft erfolglos, uns gegenüber ihre innere Traurigkeit zu verbergen.
Zuletzt kam mein Vater gar nicht mehr wieder. Alle seine Sachen waren weg und wir mussten umziehen. Von der Insel runter in irgendein Dorf.
Die Insel war Heimat. Ich kannte nichts anderes. Strand, Meer und Möwen, deren Geschrei im Gegensatz zu den Wellen nie abebbte. Harald und ich sind immer über die Tetrapoden gesprungen, das sind aus Beton gegossene Gebilde, die vier große Füße in alle Richtungen hatten. Sie waren eingegraben im Dünensand von Westerland. Nur einer der vier Füße ragte nach oben weg, die anderen krallten sich in den Boden und sollten Wellen bei einer Sturmflut brechen. Ich werde es nie vergessen. Harry war schon groß genug, um erfolgreich von Betonspitze zu Betonspitze zu springen. Ich jedoch wollte es ihm nachmachen, hatte aber zu kurze Beine, sprang dementsprechend kürzere Distanzen und fiel immer wieder zwischen die Spitzen und schürfte mir alles auf, was beim Sturz Kontakt mit dem harten Beton bekam.
Trotzdem war das toll – eine super Freizeitbeschäftigung. Später schaffte ich es dann ja auch. Toll waren auch alles Andere, die Insel, der Strand, das Meer, die Gezeiten, Wattwürmer und Dünen, das ganze Leben da, mit beiden Eltern.
Kühren dagegen hatte erst mal nichts Schönes. Keine Promenade, Kein Meer mehr. Nur einen See in vier Kilometer Entfernung. Pohnsdorf, was für ein Name! Und viele Bauern. Überall. Jedes zweite Haus war ein Bauernhof.
Cool dagegen war, dass ich in meiner eigenen Grundschule wohnte. Unten im Haus die Klassenräume, oben Dienstwohnungen für Lehrkräfte, die im Ort unterrichteten. Meine Mutter war eine von ihnen.
Wir waren anfangs wie Geächtete. 1966.
„Eine geschiedene Frau.“ – „Allein.“ - „Mit zwei Kindern.“ - „In unserem Dorf?“ - „Und die soll auch noch hier unterrichten?“
In den ersten Jahren gab es ziemlich schlimmes Gerede im Dorf. Zum Glück war meine Ma eine redegewandte und freundliche Frau, bei den Schülerinnen und Schülern sehr beliebt, und konnte sich und uns im Dorf integrieren. Später gehörten wir dazu.
Vattern, wegen dem wir von „unserer“ Insel mussten, tauchte Jahre nicht mehr auf. Er hatte eine neue Familie, wie es hieß und keine Zeit mehr für uns. Um Unterhalt wollte meine Mutter nicht kämpfen, sie war zu stolz. Sie hat es nie gemacht und er konnte finanziell unbelastet ein neues Leben mit einer neuen Familie starten.
Zwei Mal bekamen wir Besuch von meinem Vater in Kühren. Beim ersten Mal hat er mir als neunjährigem eine Melodika geschenkt. Ein Tasteninstrument, bei dem durch Hineinblasen Harmonika ähnliche Töne entstehen. Damit begann mein Interesse an Musik erneut aufzuflammen. Vorher hatte ich eine Blockflöte wie alle, aber dieses Teil war schon richtig klasse, weil man wie auf einem Klavier auch mehrere Töne gleichzeitig spielen konnte.
Beim zweiten Besuch meines Vaters war ich etwa dreizehn und gerade beim Klauen in Plön erwischt worden. Ich hatte gerade nach meinem Klavierunterricht im Kaufhaus diesen riesigen Schieber-Schlepper mit Anhänger und Zubehör geklaut. Wieder aus dem Laden in Sicherheit packte ich alles aus und bemerkte eine verbogene Achse, die das gesamte Spielzeug unbrauchbar machte. Beim zweiten Versuch einen heilen Schlepper zu „organisieren“ hatte man mich schließlich doch erwischt.
Man rief meine Mutter an. Sie sollte mich abholen. Es kam dann aber mein Vater in den Laden und löste mich aus den Fängen des Ladendetektivs. Am liebsten wäre ich im Boden versunken, weil ich ihn nicht gern unter diesen Umständen nach Jahren wieder traf.
Später, mit vierzehn Jahren, besuchte ich ihn in Geesthacht. Ein schönes großes Haus, viele Zimmer, ein riesiges Wohnzimmer mit Terrasse und Garten, großes Auto, drei Kinder und die neue Frau Heike, die ich sehr mochte. Im Keller seine „Kellerbar“, in der er seine Partys zu feiern pflegte. Ich bin einige Male zu diversen Festivitäten hingefahren. Dann waren alle seine Kollegen da und seine „Nebenfrauen“, wie er seine weiblichen Gäste scherzhaft nannte. Schon früh am Nachmittag knallten die Korken und zischten die Bierflaschen. Spät in der Nacht ging es dann hoch her. Ähnlich wie auf unseren Dorffesten von der Landjugend. Einziger Unterschied war, dass man sich zum Erbrechen und Pinkeln auf die Toilette verzog.
Besonders beeindruckt hat mich damals, wie sehr Menschen an Glanz verlieren, wenn sie betrunken sind. Irgendwas hat mich vielleicht auch an frühere Zeiten erinnert. Vieles von dem, was ich in Geesthacht an Partys erlebt habe, hat mich eher abgestoßen. Und mein Vater mittendrin, grinst, lässt sich feiern und findet sich toll. Ich nicht.
Das einzige Mal, dass ich meinen Vater unsicher und erschüttert erlebte, ich war noch Jugendlicher, war nach dem Tod von Heike nach langem Krebsleiden. Ich war noch nicht 18. So am Boden zerstört kannte ich ihn nicht. Nie. Auch nicht früher, als meine Mutter und er sich so stritten.
Heikes Trauerfeier war ergreifend. In dem Moment, als der Sarg von ihr ins Grab gelassen wurde, öffnete sich die sonst dichte Wolkendecke und ließ einen hellen Sonnenstrahl auf uns scheinen. Sehr besonders.
Als ich Mitte dreißig war, Ende der 90er, kam mein Vater an und sagte, er wolle meinen Bruder und mir jetzt schon unser Erbe auszahlen. Er hatte seine Sandkastenliebe Monika wiedergetroffen, war wieder mit ihr zusammengekommen und lebt nun mit ihr gemeinsam in einem Haus in Bremerhaven. Meine Halbgeschwister aus der zweiten Ehe, sollten wie Harald und ich ausgezahlt werden. Hierdurch wollte er im Falle seines Todes absichern, dass Monika im Haus bleiben könne und sich nicht um Erbstreitigkeiten kümmern müsse.
Unser Vater zahlte meinem Bruder und mir jeweils fünfzehntausend Mark und wir verzichteten auf zukünftige Erbansprüche. Notariell beglaubigt, urkundlich festgehalten. Sven erklärte mir vor einigen Jahren jedenfalls, dass Nele, Lars und er keine Erbteile übertragen bekommen hätten oder aber abgefunden wurden, wie mein Vater uns weismachen wollte. Wir waren draußen, alle anderen drinnen.
Ein weiteres befremdliches Erlebnis hatte ich, als ich bei einem Besuch auf die Familienchronik der Markmanns gestoßen bin. Ein 100 Seiten dicker Wälzer, voll mit Geschichten rund um die Familie, die mein Vater nach der Scheidung von meiner Mutter gründete. Neben all den schwärmerischen, liebevollen Blicken auf seine zweite Familie verlor er über Harald und mich kein Wort. Lediglich meine Mutter fand in wenigstens einem Satz Erwähnung: „Thea war ein Fehltritt, der zum Glück nach wenigen Jahren korrigiert werden konnte.“ So oder ähnlich. Am liebsten hätte ich das Buch verbrannt.
In all den Jahren entwickelte sich leider keine emotionale Bindung mehr, keine Tiefe. Immer blieb es zwischen meinem Vater und mir auf eine gewisse Art oberflächlich und distanziert, eine unüberbrückbare Barriere.
Mein Bruder ist dagegen als Achtzehnjähriger dort hingezogen. Er hatte die Drähte meines Vaters genutzt, um gleichsam seinen Wehrdienst bei der Marine absolvieren zu können und lebte zwei oder drei Jahre im Haushalt meines Vaters. Er lernte auch unsere drei Halbgeschwister besser kennen als ich.
Hier in Bremen hat mich mein Vater auch einmal besucht. Er war in der Nähe und kam einmal tatsächlich hier an. Ich war schon über Vierzig.
Ein großer Teil der Gespräche während seines Besuches drehte sich um den Stadtteil in dem wir lebten. Er war nicht davon abzubringen, seine längst überholten Vorurteile über problematische Brennpunkte zum Besten zu geben, die in Großstädten entstehen.
Ich erinnere dann auch nur schwerlich nette Gesten, angenehmen gegenseitigen Austausch und solche Dinge. Eher fallen mir dann seine Fragen ein wie: „Ja und beruflich bist du ja jetzt hoffentlich auch mal aufgestiegen oder?“, „Kinder- und Jugendnotdienst? So eine Art Kinderheim? Passt du da auf die Kinder auf?“
Auf Kinder aufpassen! Im Leben hatte ich keinen stressigeren Job als dort. 36 traumatisierte Kinder und Jugendliche, drei Gruppen à 12, alle in extrem unklarer Lage. Gewalt und Aggression ohne Ende und höchst anstrengende Schichtdienste. Er erkennt nicht den Wert meiner Arbeit, sieht mich nicht.
Ich hätte entgegnen können, dass er auch nur ein besserer und überbezahlter Busfahrer mit einem extrem teuren Bus ist. Flugkapitän hin, Pilot her.
Er war dann auch schnell wieder weg mit seinem goldenen Mercedes Coupé.
Bedeutsam war auch sein 70. Geburtstag. Standesgemäß wurde Schloss Glücksburg gebucht und alle seine Gefolgschaft, ich war einer davon, und er nebst seiner Monika feierten einen mittelalterlichen Geburtstag im Kellergewölbe mit Geschichtenerzählern, Gauklern und Musikern in alten heruntergekommenen Klamotten neben mittelmäßiger, eher lustlos und automatisiert aufgetragener Verköstigung. Nein, Getränke mussten diesmal nicht selbst übernommen werden, alles war gegeben vom alten Herrn. Die Situation war wirklich grotesk. Mein Bruder Harald kam aus Brasilien, alle drei Kinder aus der zweiten Ehe, Sven mit Petra und Nachkommenschaft, Nele mit Thorsten und Kindern, Lars mit seiner damaligen Partnerin auf der einen Seite, dann die drei Kinder von Monika aus ihrer ersten Ehe mitsamt Kindern und einigen weiteren Freunden kamen zusammen, um den Schöpfer des Ganzen zu feiern, meinen alten Herrn. Er fühlte sich gut, prahlte mit seinen vielen Nachkommen erster und zweiter Generation.
Ich dagegen fühlte mich nicht zugehörig, fremd wie ein Besucher, trank nur Kaffee, habe mich nicht wirklich amüsiert und war froh, als ich wieder auf dem Heimweg war. Zu meiner Familie. Nach Hause.
Schon blöd, wenn man sich nicht zuhause fühlt bei den eigenen Eltern. Wenn alles so fremd ist bei Besuchen, wenn man steif bei denen im Wohnzimmer sitzt, sich nicht anlehnen möchte und zudem Hinweise erhält, wie man die gute Tasse in der Hand zu halten hat und wofür der Henkel ist.
Zuletzt, das war Anfang 2008, schenkte er seinen hiesigen Kindern – Harry war in Ipanema und zu weit weg – eine Dreitageskreuzfahrt von Kiel nach Oslo und zurück.
Ich habe mir tatsächlich gewünscht, in den drei Tagen auf dem Luxusdampfer mal mit ihm in ein persönliches Gespräch zu kommen, mal das eine oder andere an und auszusprechen. Vielleicht auch eine blöde Idee. Es hat ohnehin nicht geklappt. Einerseits habe ich mir vorgenommen, einen geeigneten Moment zu erkennen, in dem es sich vielleicht lohnen könnte, andererseits hatte ich auch nicht den Schneid, ihm zu eröffnen, dass ich Interesse an einem Gespräch unter vier Augen hätte. Ich kann ihm nicht vorwerfen, dass er nicht mit mir reden wollte. Er wusste ja nichts von meinen Vorüberlegungen.
Aber es kam zu nix. Alle Zusammenkünfte während der Fahrt blieben auf schmerzlich oberflächlichem Geplänkel hängen. „Na Michael, Ha, ha, ha, das ist mal ein feines Boot oder? Amüsierst du dich auch? Ja? Schön.“ Eine Antwort war nicht nötig. Er feierte sich, seine super Idee, uns mal die Welt des Luxus zu zeigen und betonte mehrfach, wie großartig er seine Idee fand, uns so was Tolles bieten zu können. (fünf Tickets à Hundertfünfzig Euro) Getränke mussten wir diesmal selbst zahlen.
Eine wirklich blöde Kurzreise. Das Schiff war natürlich beeindruckend. Alles sehr schick, teure Läden, eine „Einkaufsstraße“ an Bord. Vierzehn Ebenen zum Erkunden. Ich war überall, wo man mich nicht sofort wieder weggeschickt hat. Durchgangsverbote, mit einer Kordel versehen, habe ich ignoriert und übersprungen in der Erwartung, noch mehr Interessantes zu entdecken. Zuletzt habe ich mich an Deck zu weit in den Wind über die Reling gehängt. Neptun war offenbar beim Augenarzt gewesen und brauchte eine neue, teure Gleitsichtbrille. Zack, war die meine durch eine plötzliche Windböe in Bruchteilen einer Sekunde von der Nase weg auf dem Weg zur Nase des Königs der Meere.
Wirklich eine blöde Reise. Wir blieben uns fremd. Irgendwie. Aber ich liebe das Meer, Schiffe und die Seefahrt wie er. Und Fliegen ist das Größte. In dem Punkt sind wir beide eins. Uns menschlich nah kommen hatte dagegen keine Chance.
Ohne Nadia wäre ich völlig kopflos. Es tat so gut, von allem nur die Hälfte denken zu müssen, weil sie die andere Hälfte übernahm. Gut, dass sie so ruhig ist, so besonnen und so nah. Es war spät geworden, vier Uhr nachmittags und schon zappenduster. Mir war elendig kalt, als wir losfuhren. Erst vor wenigen Tagen kam der Winter kalt und überraschend.
Trotz Heizung zitterte ich am ganzen Körper. Es war aber mehr als frieren. Ich war höllisch aufgeregt, wusste nicht, was mich erwartet. Immer wieder schüttelte es mich. Immer wieder spürte ich zum Glück die Nähe Nadias, die mich auf dem Boden hielt, mir unglaublich viel Kraft gegeben hat, alles Kommende durchzustehen.
So besonnen wie möglich, feinfühlig in der Lenkung, im Schneckentempo über Land zu der seit heute leerstehenden Wohnung meiner Mutter…
Ständig rollten mir die scheiß Tränen runter. Die konnte ich jetzt am wenigsten gebrauchen.
Abgerissene Kurzgespräche.
„Ich fasse es nicht. Fällt einfach um und ist nicht mehr. Was sollen wir denn jetzt alles machen?!“
„Kriegen wir schon hin, das wird schon alles. Erst mal ruhig ankommen, Schlüssel holen und rein. Dann in Ruhe alle anrufen, Infos holen, Zettel machen, Abhaken.“
Ihre warme Hand auf meinem Rücken. Sie hatte recht. Wird schon irgendwie.
„Scheiße. Sie hat vorgestern zwei Mal versucht, anzurufen. Ich Arsch bin nicht rangegangen.“
„Das war eben so, Michi. Man kann das nicht ändern und vielleicht hättet ihr euch dann doch wieder gestritten. Du warst noch nicht bereit, in dem Moment tiefgründige und schon heftige Dinge zu diskutieren, hast selbst gesagt, du rufst Thea diese Woche noch an.“
„Ich hab in dem Brief an Thea sogar geschrieben, dass wir dringend und schnell reden und das klären müssen. Man wisse nie, wie viel Zeit noch bleibt. Ohne jeden genauen Grund habe ich das einfach so geschrieben und nun ist es sogar wahr geworden!“
Nadias warme Hand auf meinem Rücken. Kalte nackte Bäume ziehen an uns vorbei. Ich erinnere mich an den letzten Herbst.
Die Maamaa am Telefon:
„Miiichi komm‘ doch maaal vorbei und kümmere dich um deine arme Mutter.“
„Klar, Mutz, was liegt an? Wann passt es dir? Ich könnte übermorgen, also Freitag.“
„Ach na gut. Muss ich eben noch zwei ganze Tage in diesem Chaos zurechtkommen. Ich brauche eine ganz bestimmte Rechnung und ich finde sie nicht. Und immer, wenn man Euch mal braucht…“, mein Bruder und ich werden in aller Regel in der Ihr und Euch Form angesprochen. Früher hatten wir auch immer beide Schuld. Oma sagte sogar zu mir gern Harry und zu Harry gern Michael. Zuletzt hießen wir beide HarryMichi,
„… dann kriegt man Euch nicht. Der eine in Brasilien und du hast immer keine Zeit.“
Eigentlich war ich der einzige der sich anbot.
„Mutz, ich besorge hier mal die notwendigsten Utensilien für eine korrekte Aktenablage und Freitag machen wir Klar-Schiff in deinem Zettelmeer.“
Das fand sie dann in Ordnung. Die Verabredung stand. Wenn ich mein eigenes Chaos ansehe, es mit der tadellosen Ordnung meines Fregattenvaters vergleiche, bleibt nur meine Mutter übrig, von der ich es haben kann. Bei ihr ist die Gefahr groß, dass ihr Zettelchaos ähnliche, wenn nicht sogar noch schlimmere Ausmaße hat, als mein eigenes.
Genauso war es, als ich sie am Freitag besuchte, bewaffnet mit Ordnern, Registern, Klarsichtfolien, Eddings, Heftern, Klammern und all dem Bürokram, den man so in deutschen Behörden nutzt.
Stundenlang ordneten wir Berge von Unterlagen. Versicherungspolicen, Arzneimittelrechnungen, Arztrechnungen, Hausnebenkosten, Wasser- und Stromabrechnungen, Kontoauszüge.
Drei große Ordner. Ein riesen Haufen Arbeit.
Die Gute war schon zittrig, leicht zickig und fix und fertig, nach einigen Stunden konzentrierten Sortierarbeiten. Ich stellte tausend Fragen nach endgültigen Bestimmungsordnern, wenn mir das nicht selbst schon eindeutig klar war.
Und plötzlich halte ich ein Blatt Papier in der Hand, auf dem steht: Sparkasse Varrel. Kontoauszug zugunsten meines Bruders Harald. Kontostand: 119.784,23 Euro. Ich zeigte Thea den Beleg. Darauf riss sie mir den Zettel aus der Hand mit den Worten. „Ich habe für euch vorgesorgt. Aber Einzelheiten musst du noch nicht wissen.“
Ziemlich schnell waren wir mit dem Rest fertig und ich wieder auf dem Heimweg. Sehr nachdenklich, aufgewühlt und verletzt. Dann hat sie eben gespart. Der ach so liebe, große Bruder kümmert sich und ich weiß von nichts.
„Eure Mutter hat für euch vorgesorgt!“ Ah ja, verstehe. Aber traut mir nicht über die Straße? Ein großes Geheimnis? Nicht gerade angenehm, als Erwachsener wieder zum kleinen Bruder degradiert zu werden.
Wie damals, als ich acht war oder neun. Ich habe den Scheiß Witz eben nicht verstanden. Es hat Tage gedauert, bis einer von beiden bereit war, mir den Sinn zu erklären.
Gehen zwei auf der Straße. Sagt der eine zum anderen, „Ey, lass mich auch mal in der Mitte gehen.“
Dann bogen sich meine Ma und Harry vor Lachen, weil ich selbst keinen blassen Schimmer davon hatte, was bitteschön daran witzig sein soll. Harry fand das natürlich besonders klasse, gab es ihm doch damals schon eine - meiner Meinung nach unverdiente – besondere Stellung.
Oder der hier. Ich, etwa vierzehn, vertraue meinem Bruder an, wie ungemein geschickt ich meine Batterie von zwanzig Schachteln Zigaretten im unteren Bereich meines Klaviers versteckt habe. Statt mir anerkennend auf die Schulter zu klopfen, zog er eine Augenbraue hoch, meinte „Geil“ oder sowas und verschwand. Wenige Stunden später erschien er gemeinsam mit meiner Mutter, die auch sehr interessiert war, wie geschickt ich meine Zigaretten versteckt hatte. Es gab ein Höllengewitter. Danke Harry. Rache ist süß. Du hast dich in der Folgezeit sicherlich immer wieder mal wieder gefragt, warum deine Herkules seit dem so viel Benzin verbrauchte. Ich weiß warum.
Jetzt, fünfunddreißig Jahre später erfahre ich davon, dass Theas Gespartes auf Haralds Konto liegt, oder was? Ein Sparbuch, das Harald heißt und meine Ma bekommt, quasi als Durchschlag, einen Kontoauszug? Und Harry wohnt in Ipanema und sein Konto ist in der Weltmetropole Varrel mit zwei Ampeln? Haben die in Ipanema keine Banken?
Was soll das alles bloß bedeuten? Warum blockt meine Mutter meine Fragen so ab? Und warum, verdammt, weiß ich von nichts? Kein Vertrauen?
Mutz, ob du willst oder nicht, wir werden darüber sprechen müssen, habe ich damals gedacht. Ich fühlte mich hintergangen und ausgegrenzt.
Gerade erst war sie dort eingezogen. Vor zehn Monaten erst hatte sie die Wohnung gekauft und aufwendig renoviert. Gerade erst das neue Auto finanziert. Und der Hund, der erst seit zwei Monaten bei ihr lebte.
Ein neues Leben sollte ungeachtet des Alters noch einmal beginnen. Zwischen Hans und ihr war nichts mehr zu retten. Die beiden haben sich lange Jahre, fast waren es dreißig geworden, immer wieder zerstritten, immer wieder vertragen. In den letzten beiden Jahren hat sich aber alles so derart verfahren, dass für meine Ma der einzige Schritt gewesen war, sich selbst eine neue Bleibe zu suchen, über Scheidung nachzudenken und aus dem regelmäßigen Flak-Feuer seiner Anwältin zu kommen.
Eine sehr traurige Geschichte mit den beiden. Zunächst die große glückselige Liebe. Nach wenigen Wochen Bekanntschaft gleich geheiratet und zusammengezogen im Pastorensitz, ein schönes großes Haus neben der Kirche. Hier war es meiner Ma dann auch genehm. Sie sagte damals: „Ein Glücksgriff, ich bin nicht mehr die Jüngste. Gottseidank habe ich Hans getroffen und werde nicht alleine alt. Es hätte nicht besser kommen können.“
Auch ich war damals zur Hochzeit eingeladen. Anfang Zwanzig lebte ich frei und unangepasst, wie man in dem Alter so ist und hielt mich augenscheinlich nicht an die geltende Kleiderordnung. Statt im Anzug anzutreten, kam ich langhaarig mit damaliger Freundin in der alten rostigen Ente in weinroten Pumphosen und weitem indischem Folklorehemd an. Meine Oma höre ich heute noch sagen: „Dass er uns das antut!“, bevor wir beide am „Katzentisch“ wie Personal direkt neben der Küche Platz nehmen durften. Ich war heilfroh, nach kurzem Imbiss mit freundlichen Grüßen das Feld zu räumen. Den anderen Gästen und meinen Verwandten ist es vielleicht ebenso gegangen.
Bei all den ewigen Streitereien zwischen ihm und meiner Mutter muss man Hans aber eins definitiv zu Gute halten. Fünfzehn Jahre lang war er derjenige, der zu jeder Tages- und Nachtzeit bei einem Asthmaanfall meiner Mutter zur Seite stand, um ihr große Mengen Kortisonhaltige Medikamente in die Venen zu pumpen. Dies war lange Jahre die einzige Möglichkeit, die mehrmals am Tag auftretende extreme Atemnot meiner Mutter zu behandeln. Egal, wie katastrophal die beidseitige Stimmung war, wenn das Atmen schwer wurde, gab‘s eine kleine Pause für eine Spritze, noch eine weitere, bis das Medikament wirkte, dann ging der Streit meist weiter.
Wann immer ich die beiden besuchte, war ungeachtet besten Wetters, blauen Himmels und ländlicher Idylle meistens dunkle Kriegsstimmung. Hans, meist muffig, zog sich zu seinen Funkgeräten in sein Arbeitszimmer zurück und zu seinen zahlreichen kleinen Gadgets, die er sich immer besorgte, sobald man sie bekommen konnte. Unterschiedlichste Fotokameras, die neuesten UKW Handgurken, wie man sie im Jargon nennt, Handfunkgeräte, Miniaturfernseher, die ersten Laptops, lauter so Sachen, mit denen er sich beschäftigte. Oder seine Funkerkumpel kamen vorbei – sahen so aus, wie die IT-Nerds, die man heute so kennt, und man sprach über wichtige Dinge bis spät in die Nacht. Internet gab es noch nicht wie heute, Verbindungen hatte man durch ein „Mailboxsystem“. Mit einem Vorläufer eines Modems, per Akustikkoppler wurde ein Computer über eine Telefonnummer angerufen und „Daten“ übertragen. Stundenlang piepste die Übertragung leise und am Ende hatte man beispielsweise eine Tabelle über wichtige Funkfrequenzen. Wahnsinnig spannend damals. Heute kalter Kaffee.
Meine Ma hingegen entleibte sich in aller Regel, wie gemein, herzlos und gefühlsarm ihr Mann doch sei, wie schrecklich es doch sei, mit diesem Menschen zusammen leben zu müssen. Auf Hinweise, doch mal über eine Trennung nachzudenken antwortete sie stets, dass sie ja so von ihm abhinge. Die Spritzen könne sie sich nicht allein geben und finanziell würde es ja ohne sein Geld auch nicht klappen.
Hunderte Male erlebte ich derartige Auseinandersetzungen immer nach dem gleichen Schema. Hans brummelte, zog sich zurück, und meine Mutter litt. Sie verbreitete ihre leidvollen Erfahrungen mit Hans auf der gesamten Nordhalbkugel. Jeder sollte erfahren, wie gemein er doch war.
Im Ort, wusste man von der Hassliebe der beiden und gab nichts mehr drauf. Sie hatten natürlich auch Momente, in denen sie sich gut vertrugen. Während ihres einzigen gemeinsamen Urlaubes nach Ägypten waren sie sogar richtig verliebt ineinander.
Nun jedoch überwog die schlechte Stimmung, Streit, Isolation, Abkehr. Auseinandergelebt, starteten sie trotzdem nach Hans‘ Ruhestand noch mal neu durch. Nachdem sie aus dem Pastorat ausziehen mussten, kauften sie ein kleines Haus in Delmenhorst. Ein Traum aus Klinker, mitten im Ortskern direkt neben der Kirche. Sie hatten es sich wirklich gemütlich eingerichtet. Ein großer Garten, tolle Terrasse, einfach schön. Die allgegenwärtige Stimmung war jedoch überwiegend im Keller. Man ging sich aus dem Weg, sprach nur Organisatorisches ab. Jeder lebte für sich. Sie waren gemeinsam einsam. Es gab bereits 2007 erste Überlegungen, wie ein Leben nach einer möglichen Scheidung aussehen könnte. So wie meine Mutter war, hat sie mit jedem menschlichen Wesen darüber ausschweifend diskutiert. Außer mit Hans.
Dann verschlimmerte sich die Lage noch mehr. Erst stürzte Berni, der große Bernhardiner die kleine Stiege im Haus herunter, brach sich verschiedenste Knochen und war nach wochenlangen erfolglosen tierärztlichen Bemühungen nicht mehr zu retten und wurde eingeschläfert.
Kurz danach erlitt Hans einen Schlaganfall, der seine Persönlichkeit eines gebildeten intellektuellen Mannes in die eines etwa vierzehnjährigen Jungen zurückwarf. Hans versuchte anfangs noch, das fehlende Gedächtnis zu kaschieren, nutzte gut klingende Floskeln, um etwas Schlaues zu sagen. Er erkannte nur noch wenige, und an sinnhafte, perspektivische Gespräche war einfach nicht mehr zu denken.
Das war jedoch nur der Anfang einer ziemlich schrecklichen Abfolge von Ereignissen.
Ich versuchte mich auf den dunklen Spurrillen zu halten, bloß nicht auf die vereisten Stellen in der Mitte der Straße oder an den Rändern zu kommen, denn das hieß noch weniger Grip und noch mehr Gefahr. Schön langsam, nur wenige behutsame Lenkbewegungen und bitte auf keinen Fall plötzlich bremsen müssen.
Ich war nur wenige Male in der neuen Wohnung gewesen. Meine Ma war im Frühsommer erst richtig eingezogen. Neue Fenster hatte sie auch noch bekommen und als endlich alles fertig war, zeigte sie allen lieben Leuten um sie herum ihr neues Domizil, war total froh und selig, stolz, den Absprung nach den sich zugespitzten Ereignissen am Ende doch noch geschafft zu haben.
Viele Leute hatten sie unterstützt. Andreas, der allzeitverfügbare Handwerker. Wenn sie nicht warten konnte, bis ich Zeit hatte, und das kam oft vor, rief sie ihn an. Er half wo er konnte und stand ihr seelisch bestimmt oft zur Seite. Sven und Petra, eigentlich gehören die ja zur Familie meines Vaters, wohnten drei Dörfer weiter und waren für sie da. Sie haben sie von A nach B gefahren, ihre Sorgen angehört, sie besucht und eingeladen, ihr beigestanden, wenn es ihr schlecht ging. Dann gab es noch ihre gleichaltrigen Freundinnen und Freunde Hilde, Beate, Klaus, Gregor und wie sie alle heißen. Es beruhigte mich, zu wissen, dass meine Mutter Bekanntschaften hatte und Freundschaften pflegte. Sie hatte immer Termine. Als Pastorenfrau kannte sie ohnehin jeden und jeder sie. Ein sicheres Netz im Ort und eine schicke kleine Eigentumswohnung, die ihr keiner mehr nehmen konnte. Eigentlich ein sehr guter Plan.
Dann verhalf Sven ihr als Rentnerin doch noch zu einem Auto aus seiner Firma über einen Kredit, den sie unter normalen Umständen vielleicht gar nicht mehr bewilligt bekommen hätte.
Im Herbst zog zu guter Letzt auch noch die Hündin Lulu bei ihr ein, die sie über eine Zypernhund Nothilfe vermittelt bekommen hatte. Ein liebes kleines weißes Tier, das richtig gut zu ihr passte, sie körperlich nicht allzu sehr forderte und eine ruhige Seele hatte.
Eigentlich ein wirklich guter Plan.
Geplatzt nach nur wenigen Monaten.
Herzschlag. Gestorben.
Mitten in der Planung ihres Tages. Herausgerissen aus dem Leben, wie man so sagt. Um halb zwölf wollte sie Norbert, ein Bekannter abholen. Er hatte versprochen, sie zum Anwalt zu fahren. Es gab vieles zu besprechen. Einerseits Scheidungsüberlegungen anstellen. Jetzt wo es wirklich keinerlei Gemeinsamkeiten mehr gab. Wo sich die Anwältin Hans‘ bereits einschneidend in alle Dinge der gemeinsamen Ehe eingemischt hatte. Andererseits, um eben Hans‘ Vollmacht anzufechten, die dieser in seinen augenscheinlich letzten wachen Momenten seiner Anwältin unterschrieb. Der Vollmacht gemäß sollte künftig sie sich selbst anstelle meiner Mutter vollumfänglich um alle seine ihn betreffenden Angelegenheiten kümmern. Das hat sie auch getan. Und wo sie war, hinterließ sie eine Schneise aus verbrannter Erde.
Angefangen hatte es wie gewohnt mit einem Streit um Geld, Ausgaben, die ihm plötzlich aufgefallen seien. Nach Hans‘ Schlaganfall hatten Streitigkeiten völlig andere Dimensionen. Hans, nun leider ohne den notwendigen Überblick konstruierte sich aus der akuten Gefühlslage bedrohliche Situationen, fing an zu schreien, tobte und schmiss meine Mutter aus dem Krankenzimmer. Man konnte ihn anfangs wegen eines Bruches in der Hüfte nicht entlassen, später nicht, weil er weder psychisch noch physisch stabil genug war. Hans war durch eine weitere Folge seines Schlaganfalls halbseitig gelähmt und konnte in dem Zustand nicht mit breitem Rollstuhl in das nun viel zu verwinkelte und mit Absätzen und Treppen versehene alte Haus zurück, das er erst vor einigen Jahren gekauft hatte. Hans also fühlte sich plötzlich von meiner Mutter hintergangen, nachdem diese ihm zu erklären versuchte, dass er nicht ohne Weiteres wieder nach Hause kommen könne, und rief Sigrid an. Seine Jugendliebe. Beide hatten damals jemanden anderen geheiratet, waren sich aber in all den Jahren nah geblieben. Hans‘ erste Frau war gestorben. Nach ihrem Tod heirateten Hans und Thea. Sigrid war jetzt Anwältin und Notarin. Sie hatte sich vor Jahren von ihrem Mann getrennt und sollte ihn nun beraten, was er tun könne, um zu verhindern, dass meine Ma sein ganzes Geld ausgäbe.
Auch hätte er davon gehört, dass sie das gemeinsame Haus verkaufen wolle, oder dass er nicht mehr in den ersten Stock dürfe, und sie alles umbauen wolle.
Genau das waren tatsächlich die Gedanken Theas. Ihr war klar, dass eine weitere Nutzung des Hauses mit einem Rollstuhlfahrer unter gegebenen baulichen Voraussetzungen unmöglich war und den Neuerwerb einer behindertengerechten Wohnung oder eines entsprechenden Hauses erforderte, oder aber dass man investieren müsste, umfängliche Umbauarbeiten vornehmen lassen müsste, damit beide weiterhin in Delmenhorst bleiben könnten. Kein Gedanke von Eigennutz oder Bereicherung.
Hans mit seinem nun sehr angeschlagenen Nervenkostüm erkannte Unbill, Verrat, Täuschung und Gefahr über sein Hab und Gut. Sigrid, die schlaue Anwältin und Verflossene erkannte ihre Chance, sich nun umfänglich um ihren damaligen Geliebten und seine Angelegenheiten kümmern zu können. Sie entwarf kurzerhand eine Vollmacht, die Hans wie auch meine Mutter aller Rechte beraubte. Ein hingekritzelter Zettel, der nun fortan sie selbst als rechtmäßige Betreuerin und Vormünderin einsetzte.
Das Grauen begann insbesondere für meine Mutter, als dass sie alle Kontovollmachten verlor und nicht mehr an das gemeinsame Geld herankam. Sie war fortan immer gezwungen, bei Sigrid um dieses und jenes betteln zu müssen, dessen genaue Verwendung zu erklären, hoffend, nun die Anschaffung machen zu können, das Geld dafür zu bekommen und sei es nur für Lebensmittel.
In der Folgezeit kristallisierte sich heraus, dass meine Mutter immer weniger zu sagen hatte, Sigrid dagegen mehr und mehr. Unvorstellbar für mich, jemand Fremden dabei zusehen zu müssen, wie dieser Entscheidungen fällt, die ursprünglich meine oder unsere ehelichen Angelegenheiten waren. Überall mischte sie sich ein, alle Entscheidungen wurden nicht mehr zwischen Hans und Thea geklärt, sondern zwischen Thea und ihrer Widersacherin. Der Frau, deren Fotos sie abhängen musste, als sie damals bei Hans einzog.
Hans kam direkt aus dem Krankenhaus in die Reha, danach in ein Pflegeheim, da ausgeschlossen war, dass er in seinem Zustand wieder im Haus in Delmenhorst leben kann. Das Heim lag in der Nähe und Thea konnte so fast täglich hin, um nach ihm zu sehen.
An einem Besuchstag im Neerstedter Krankenhaus begleitete ich meine Mutter. Sah ihn das erste Mal nach seinem Schlaganfall mit seiner so umfänglich veränderten Persönlichkeit. Er erkannte mich zwar, jedoch war es unmöglich, mit ihm mehr als zwei inhaltlich zusammenhängende Sätze auszutauschen, ehe er sprunghaft und gutgelaunt ein völlig anderes Thema begann. Hans war wie ein leicht aufgeladener, schnell zu begeisternder und affektiver Jugendlicher. Anfänglich versuchte er ernst und klar zu bleiben, aber nach wenigen Momenten gingen ihm die Details verloren und er begann fröhlich eine neue Geschichte.
Es war grausig. Ich musste andauernd meine Tränen zurückhalten. Das war nicht der Hans, den ich kennen gelernt hatte. Er sprach nicht gern über Persönliches, und Gefühle waren ein herrschendes Übel. Neben all seiner Undurchsichtigkeit war er ein knuffiger Kerl. Er war mir in all den Jahren dann doch irgendwann vertraut geworden. So dicht und verschlossen war er dann ja auch nicht. Und wenn die beiden sich mal nicht gestritten hatten und ohne gefletschte Zähne im selben Raum sitzen konnten, war er doch recht amüsant, klug und hatte immer mal einen trockenen wie lustigen Kommentar auf den Lippen.
Ohnehin war er ein Unikum. Der erste Dorfpfarrer – evangelisch – mit einem offenen Jeep, lange Kieler Zigarren waren sein Markenzeichen, die mit dem gelben Mundstück, eine hinter dem Ohr, eine zwischen den Zähnen. Überall lagen diese Dinger herum. Hans ist auch Nachkriegskind und hat eins gelernt. Horten. Hans kaufte nicht eine Schachtel Zigarren, sondern mindestens zehn. Und wenn er noch neun hatte, konnte man ja schon mal wieder zuschlagen, wenn es sich ergab. Er hatte auch nicht eins von diesen alten Notebooks aus der Gründerzeit, nein. Ich fand acht davon in seinem Speicher unter dem Dach.
Alle im Dorf sprachen von ihrem verrückten Pfarrer, der für jeden und alles da war. Viele erinnern sich heute noch an seine geistreichen Predigten, die nicht nur von Gott und der Welt handelten, sondern sich auch um Menschen und Menschlichkeit drehten. Es wäre schon was gewesen, wenn man persönlich angesprochen wurde oder wenn es um Themen ging, die im Dorf passieren, erzählten mir die Leute.
Hans fuhr nie allein mit seinem Jeep und seinen Zigarren. Sein wirklich geliebtes Wesen saß immer mit ihm im offenen Zweisitzer und fuhr mit ihm durch den Ort und die Gegend. Nicht meine Mutter. Nein sein Hund. Erst hieß das Tier zwei Mal Hardi. Der dritte Bernhardiner bekam einen neuen Namen: Berni. Alle drei Hunde hat Hans geliebt, wie den Herrn im Himmel. Er war fast nie ohne seinen Hund unterwegs. Auch zuhause lag das gute Tier immer bei ihm im Büro.
Sein „Büro“ bestand im Pastorat aus zwei Räumen, beide vollgestopft mit für mich immer oberinteressantester Technik. Er hatte einen zwanzig Meter hohen Funkmast im Garten für den guten Empfang und für starke, weit reichende Abstrahlung für seine Funkbatterie. Fünf bis neun Geräte in der Größe früherer Hi-Fi Verstärker standen in unterschiedlichen Konfigurationen beieinander, waren miteinander verbunden, zu meinem Bedauern meistens leider ausgeschaltet. Hier schrieb er seine Predigten und traf sich mit jedem, der etwas von ihm wollte. Optisch jedoch hatten diese beiden Räume jedenfalls nichts mit einem Pastorenbüro zu tun.
